Gebetswelt, Mantrawelt, Japawelt

Part I — GEBETS-WELT

DAS BEDÜRFNIS NACH GEBET

Gebet und Meditation sind die Medizin, die uns heilt. So wie wir zum Arzt gehen, um von ihm eine Medizin zu erhalten, die unseren physischen Körper heilt, so sind Gebet und Meditation die Medizin, die unser inneres Leben heilt.

Am Anfang ist für jeden das Gebet wichtig, Meditation kommt später. Durch Beten wächst jeder auf seinem Weg in die höchste Göttlichkeit. Doch wenn wir beten ist stets ein subtiler Wunsch nach irgendetwas vorhanden. Wir mögen es inneres Streben nennen, weil wir darum beten, gut zu werden, etwas Gutes zu sagen oder zu tun, um etwas Göttliches zu erhalten, das wir noch nicht haben oder auch um frei zu sein von Furcht, Eifersucht, Zweifel und so weiter. In der Meditation tun wir das nicht. Wir erlauben uns lediglich, bewusst in den Glanz des Lichtes einzutreten oder wir rufen das universelle Licht an, um unsere Unwissenheit in Weisheit umzuwandeln.

In der westlichen Welt haben viele Heilige Gott verwirk- licht. Sie haben zwar der Meditation keine Beachtung geschenkt, doch sie haben mit größter Intensität gebetet. In der westlichen Welt sprechen wir mehr über Gebet als über Meditation. Im Osten richten wir unsere Aufmerksamkeit mehr auf die Meditation. Zwischen Gebet und Meditation besteht folgender Unterschied: Wenn ich bete, spreche ich und Gott hört zu. Wenn ich meditiere, spricht Gott und ich höre zu.

Wenn wir zwischen Gebet und Meditation unterscheiden wollen, können wir sagen, dass Gebet das bewusste Empor- steigen des menschlichen Bewusstseins ist, wogegen Meditation eine Einladung an das Unendliche oder ein Anerbieten an das Unendliche ist. Jeder muss für sich entscheiden, ob er durch Gebet oder durch Meditation schnellen Fortschritt machen will.

Wir benutzen auch den Ausdruck inneres Streben. Inneres Streben ist sowohl im Gebet als auch in der Meditation zu finden. Wer betet, fühlt eine tiefe inner Sehnsucht, um Gott zu erreichen, um Gott zu verwirklichen. Wenn wir beten, steigen wir immer höher. Wer meditiert, fühlt die Notwendigkeit, Gottes Bewusstsein in sein Wesen, in sein eigenes Bewusstsein hinein- zubringen. Inneres Streben ist der einzige Schlüssel für beides, für Gebet und Meditation. Entweder gehen wir hinauf zu Gott oder Er kommt zu uns herab. Letztendlich ist es das Gleiche. Gott lebt im dritten Stock, doch wenn Er in den ersten Stock herab kommt, ist es immer noch der gleiche Gott. Ein Streben- der mag hinaufgehen, um Ihn zu erreichen, ein anderer mag Ihn herabholen. Wenn wir beten, gehen wir hinauf und berühren Ihn; wenn wir meditieren, bringen wir Ihn herab in unser Bewusstsein.

FEHLER, DIE WIR WÄHREND DES BETENS BEGEHEN

Um Spannungen während des Meditierens oder Betens zu verhindern, sollten wir versuchen unsere ganze Aufmerksamkeit auf das Herz zu richten und nicht auf den Verstand. Zuerst sollten wir versuchen unsere Quelle im Herzen zu sehen. Von dort werden wir ein Fließen spüren, das sich entweder nach oben oder nach unten bewegt. Wir sollten versuchen das Fließen zu steuern, so dass es sich vom Herzen aus nach oben bewegt. Dieses Fließen, welches göttliche Gnade ist, ist wie Wasser. Wenn wir beten oder meditieren, sollten wir fühlen, dass wir im Inneren graben. Natürlich wird das all-nährende Wasser hervorquellen, da dieses Wasser von seiner unendlichen Quelle gespeist wird: Gott.

Anstrengung und intensives Beten sind zwei verschiedene Dinge. Wir können intensiv beten, ohne unsere Nerven anzustrengen. In einem Gebet kann größte Intensität liegen, Intensität ist jedoch nicht das Gleiche wie Anstrengung. Wenn wir uns anstrengen, machen wir uns vollkommen starr. Die Anstrengung muss nicht unbedingt in den Armen oder Beinen sein; sie kann auch in der Umgebung der Nase oder der Stirn sein, so als ob wir bewusst und absichtlich unsere Stirn runzeln würden.

Wenn wir mit geschlossenen Augen beten und manchmal einige Sekunden lang einschlafen, ist das nicht schlimm. Wenn wir eine halbe Stunde lang gebetet und meditiert haben und dann eine Sekunde lang schlafen, sollten wir fühlen, dass wir nicht wirklich schlafen, sondern uns nur eine friedvolle Pause gestatten. Doch wenn unser Gebet nur ein kurzes Gebet und ein langes Nickerchen ist, dann ist diese Art von Gebet nutzlos. Wenn wir die Angewohnheit haben oft einzuschlafen, dann ist unser Gebet kein Gebet. In diesem Fall sollten wir mit geöffneten Augen beten.

Wir wissen, dass Reinheit in einem engen Verhältnis mit der Gottsuche steht. Wenn wir uns jeden Tag duschen, erhalten wir ein Gefühl der Sauberkeit und wenn wir tief ins Innere der Sauberkeit gehen, erhalten wir ein Gefühl der Reinheit. Was ist wirkliche Reinheit? Wirkliche Reinheit ist ein innerer Altar, ein unablässiges Erinnern an Gott in uns. Wir beginnen damit, dass wir uns die Hände, das Gesicht und unseren Körper waschen, weil uns äußere Sauberkeit beträchtlich hilft. Sie überzeugt unseren Verstand, dass wir in ein Leben der Reinheit eintreten und sie gibt uns eine subtile Schwingung, die wir ansonsten nicht hätten.

Für ein wirkliches Gebet sind sowohl äußere Disziplin als auch innere Disziplin erforderlich. Wenn wir fünf Minuten beten wollen, gibt es viele Dinge, die wir beachten müssen. Wir müssen still sitzen, wir müssen unseren Rücken gerade halten, wir müssen unsere Gedanken kontrollieren und so weiter. Doch die Zeit wird kommen, wenn wir in der Lage sein werden, selbst im Liegen zu beten. Wenn wir jedoch als Anfänger im Liegen beten wollen, werden wir nur in die Welt des Schlafes eintreten. Wenn wir fortgeschritten sind, können wir alles tun, was wir wollen.

Wenn unser Gebet und unsere Meditation ungezwungen sind, das heißt ohne bestimmte äußere Form sind, bedeutet das nicht, dass sie schlecht sind. Doch am Anfang unseres spirituellen Lebens werden wir von etwas Formlosen keine Intensität er- halten. Wenn wir uns zwanglos über etwas unterhalten oder uns zwanglos mit jemandem treffen, mag uns das Vergnügen bereiten, aber es liegt keine Intensität darin. Nur wenn wir Intensität besitzen, werden wir wirkliche Freude erhalten. Zwanglose Dinge, besonders wenn es innere Dinge sind, werden automatisch losgelöst sein, weil sie keinen Mittelpunkt finden, keine Energie, nichts, das ihnen helfen würde, für eine längere Zeit zu bleiben. Es ist kein fortbestehendes Leben in ihnen. Die Form des Rituals gibt ihnen ein festes Fundament, auf dem sie ruhen.

Diese so genannten Rituale sind zu Beginn von höchster Notwendigkeit, weil der physische Verstand überzeugt werden muss. Der Tag wird anbrechen, an dem das Physische vollkommen überzeugt sein wird. Dann wird der Sucher direkt mit der Seele verkehren und Teil des Bewusstseins der Seele werden. Zu dem Zeitpunkt werden wir keine Rituale mehr benötigen. Wenn Intensität vorhanden ist, können wir die Quelle und das Ziel sehen. Intensität ist wie eine Kugel, die mit einer positiven Kraft und Bestimmung von diesem zu jenem Ort geht. Ohne Intensität kann unser Gebet sein Ziel nicht erreichen. Beim Beten ist es das Beste, sehr formell und systematisch vorzugehen, eine Absicht zu haben und eine Vorgehensweise. Aber wir sollten uns auch der Gefahr bewusst sein, dass das Gebet leicht mechanisch werden kann, wenn es zu formell wird.

DER NUTZEN DES GEBETS

Wenn wir anderen Menschen mit unserem Gebet helfen wollen, sollten wir zuvor einige Dinge beachten. Das Wichtigste dabei ist jeden Tag zu meditieren. Wenn wir nicht meditieren können, sollten wir beten. Du kannst Menschen nicht wirklich helfen, ohne zuerst die innere Fähigkeit durch deine eigene Meditation und dein Gebet erlangt zu haben. Wenn wir Menschen helfen möchten, dann sollten wir den Menschen erst helfen, nachdem wir innere Stärke durch unsere eigene Meditation und unser ei- genes Gebet erhalten haben. Das Wichtigste kommt zuerst. Wir müssen beten und meditieren. Wenn wir nicht meditieren können, ist Beten ebenfalls ein Weg, um mit Gott in Kontakt zu treten. Wenn wir beten, werden wir spirituellen Wohlstand erhalten; wenn wir meditieren, werden wir spirituellen Wohl- stand erhalten. Aber wenn wir anderen ohne Wohlstand helfen wollen, was können wir ihnen geben? In diesem Augenblick sind wir ebenfalls ein Bettler.

Unser Gebet und unsere Meditation sind unsere innere Arbeit. Wenn wir morgens arbeiten, indem wir beten und meditieren, gibt uns Gott unseren Lohn, unseren spirituellen Wohlstand. Wenn wir Geld haben, können wir es anderen geben. Aber wenn wir unseren spirituellen Reichtum erhalten, müssen wir ihn der richtigen Person geben. Es wird viele geben, die unsere Hilfe brauchen und wollen. Wenn wir sie der falschen Person geben, werden wir nur mehr Probleme für uns beide er- schaffen, für uns und für die Person, der wir helfen wollten.

Gebet und Meditation werden uns nicht nur den Wohlstand geben, sondern uns auch die richtige Person zeigen, der wir unseren spirituellen Reichtum mit größter Wirksamkeit geben können.

Unsere Gebete können einer anderen Person helfen, aber wir müssen wissen, wie. Wir beten zu Gott und diese bestimm- te Person hat Gott in sich. Wenn wir für ihr Wohlergehen beten, berühren wir diese Person nicht direkt: Wir berühren Gott in ihr. Unser Gebet richtet sich an Gott, die Quelle.

Was tun wir, wenn eine Pflanze welk ist? Wir müssen die Pflanze nicht tatsächlich berühren. Wir gießen Wasser auf die Wurzeln und die Pflanze kommt wieder zu Kräften. So wie wir zu den Wurzeln einer Pflanze gehen würden, gehen wir zu der Quelle des Menschen. Seine Quelle ist Gott. Die Person, für die wir beten, wird den größten Nutzen haben, wenn wir in unseren Gedanken mit dieser Idee beten.

Frage: Während meiner Meditation versuche ich, für meinen schwer- kranken Vater zu beten, damit er wieder gesund wird. Aber manchmal denke ich, ich möchte nur, dass es ihm besser geht, damit ich mich besser fühle. Ist es richtig, für meinen Vater zu beten, damit es ihm besser geht?

Sri Chinmoy: Als Mensch hast du jedes Recht, zu Gott zu be- ten, dass Er deinen Vater gesunden lässt, da er dich in die Welt gebracht hat. Dein Vater ist dir am nächsten und am liebsten. Als Mensch hat er dir unzählige Male seine Zuneigung geschenkt und du bietest ihm als Gegenleistung deine eigene Zuneigung, deine Sorge und deine Dankbarkeit an. Dies ist der menschliche Zugang zum Höchsten. Solange sich dein Wille dem göttlichen Willen nicht hingegeben hat, besteht eine starke Verhaftung in deiner so genannten Sorge.

Sich dem göttlichen Zugang zu nähern, erfordert eine andere Dimension: „Ewiger Vater, wenn es Dein Wille ist, bitte heile meinen Vater.“ Du musst wissen, ob sein Bleiben auf der Erde für ihn oder für Gott wirklich eine Hilfe ist. Wird dein Vater spirituellen Fortschritt machen oder für Gott arbeiten, wenn er noch etwas länger auf der Erde bleibt, oder wird er nur ein gewöhnliches Leben führen und mehr Probleme für sich schaffen?

Du liebst deinen Vater, daher willst du, dass dein Vater geheilt wird. Aber wenn dein Vater geheilt ist, wird er möglicherweise nicht in der Lage sein, inneren Fortschritt zu machen. Wenn seine Heilung nicht der Wille des Höchsten ist, ist es das Beste, ihn gehen zu lassen, wenn der Höchste ihn zu sich ruft. Wenn du deinen Willen mit dem Willen des Höchsten identifizierst, wirst du sehen, dass du glücklich sein wirst, wenn dein Vater auf der Erde bleibt, und du wirst ebenfalls glücklich sein, wenn er nicht auf der Erde bleibt, weil Gottes Wille ausgeführt wird.

GEBET: MIT WORTEN ODER OHNE WORTE

Gewöhnlich beten wir mit Worten, aber es gibt auch eine Form des Gebets ohne Worte, wozu viele meiner Schüler leider noch nicht in der Lage sind. Dafür muss man einen sehr hohen Zustand der Meditation erreichen. Nur innerhalb dieser Meditation kann das stille Gebet anerboten werden.

Das Gebet mit Worten sollte äußerlich nicht hörbar sein. Andere werden es nicht hören, aber man sollte einen Satz oder einige Worte formulieren, die den strebenden Verstand über- zeugen. Das Herz strebt bereits, aber der Verstand benötigt auch inneres Streben. Deshalb ist es für das strebende Herz besser, den Gedanken zu formulieren.

Wir sollten den Satz zuerst formulieren, indem wir ihn auf die Tafel unseres Herzens schreiben. Dann sollten wir versuchen, ihn dort zu sehen. Sobald die Worte einmal geschrieben sind, können wir viele Male zurückkehren, um sie zu sehen. Wenn wir den Satz wiederholen wollen, ist es in Ordnung, aber es ist nicht notwendig. Wenn wir unser Gebet wiederholen, haben wir die Wahl. Entweder wir schreiben es einmal auf die Tafel unseres Herzens und lesen es wieder und wieder oder wir schreiben wieder und wieder das Gleiche - was immer uns mehr Freude schenkt.

Es gibt noch einen anderen Weg, um zu beten: den Weg der absoluten Stille. Dazu muss der Verstand friedvoll, ruhig und absolut still sein. Wenn kein Gedanke da ist, nur ein leerer Verstand, formt das Licht automatisch seine eigenen göttlichen Gedanken und Ideen.

GEBET UND MEDITATION

Ein Sucher, der Frieden, Seligkeit und göttliche Kraft in unendlichem Maße will, wird fühlen, dass Gebet nicht so wichtig ist wie Meditation. Wenn wir beten, versuchen wir, unser ganzes Bewusstsein zu erheben. Wenn wir beten, geht unser Streben zum Höchsten und unsere ganze Existenz geht nach oben wie eine Flamme. Gebet kann vom Herzen kommen, doch im Gebet ist stets die Neigung vorhanden, sich etwas zu wünschen. Sobald wir einem spirituellen Weg folgen, werden wir unser Gebet natürlich dazu benützen, um für etwas Gutes, Göttliches und Erfüllendes zu bitten. Wenn wir beten, benehmen wir uns jedoch automatisch wie Bettler, die nach Gott rufen, damit Er uns eine Wohltat angedeihen lässt.

Wenn ein Bettler kommt und an die Tür klopft, achtet er nicht darauf, ob der Eigentümer ein reicher oder ein armer Mann ist; er klopft und klopft mit der Absicht, etwas zu bekommen. Das ist die Art, zu Gott zu beten: Wir bitten um dieses und jenes, schauen zu Ihm auf und rufen nach Ihm. Wir fühlen, dass Gott weit oben ist, während wir weit unten sind. Wir sehen einen gähnenden Abgrund zwischen Seiner Existenz und unserer. Wir bitten um Dinge, so wie ein Bettler, der einen König um eine Münze bittet. Wir wissen nicht, wann oder in welchem Maße Gott unsere Wünsche erfüllt. Wir bitten nur und warten dann darauf, dass ein Tropfen, zwei Tropfen oder drei Tropfen von Gottes Mitleid, Licht oder Frieden zu uns herabkommen.

Wenn wir beten, besteht dabei eine subtile Neigung in uns, innerlich zu schieben oder zu ziehen. Aber wenn wir meditieren, versuchen wir nur, uns selbst in das Meer der Wirklichkeit zu werfen und in die Wirklichkeit hineinzuwachsen. Wenn wir beten, treten gewöhnlich Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit nicht sofort in unseren Verstand ein. Sogar wenn unser Gebet intensiv ist, ist es nur ein kleines Floß, auf dem wir versuchen, das Meer der Unwissenheit zu überqueren. Aber wenn wir meditieren, werden wir zu einem Ozeandampfer. Dann können wir das Meer nicht nur mit größter Sicherheit und Gewissheit überqueren, sondern wir können sogar vieles mit uns tragen.

Im Gebet ist unsere ganze Aufmerksamkeit unglücklicherweise auf ein bestimmtes Objekt gerichtet. Unser Gebet endet oft, wenn wir fühlen, dass das, wonach wir gerufen haben, erreicht ist. Wir legen dann einige Monate oder Jahre lang eine Pause ein. Wir beginnen erst dann erneut zu beten, wenn uns subtile Wünsche dazu veranlassen.

Beim Meditieren verhält es sich anders. In der Meditation tauchen wir tief in das gewaltige Meer des Bewusstseins ein. Wir müssen Gott nicht um Frieden oder Licht bitten, weil wir im Meer der göttlichen Eigenschaften schwimmen. Zu dieser Zeit gibt uns Gott mehr als wir uns je erträumt haben. Je tiefer wir in die Meditation eintauchen, umso mehr erweitern wir unser eigenes Bewusstsein, umso reichlicher wachsen die Eigenschaften von Licht, Frieden und Seligkeit in uns. Meditation ist der frucht- bare Boden, auf dem eine riesige Ernte an Licht, Frieden, Seligkeit und Kraft heranwachsen kann.

In der Meditation kommt eine Flamme fortwährenden Strebens. Unsere Reise ist immerwährend, unser Fortschritt und unsere Verwirklichung sind ebenso konstant und endlos, weil wir uns mit Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit befassen.

Im Gebet denken wir an das, was wir brauchen und wir versuchen, uns mit Gottes Hilfe zu erfüllen. In der Meditation werfen wir uns in das Bewusstsein Gottes und erlauben Gott, sich in und durch uns zu erfüllen. Wenn wir beten, handeln wir wie Bettler, aber wenn wir meditieren, werden wir zu Fürsten. Wir sehen, dass uns das ganze Universum zur Verfügung steht. Himmel und Erde gehören nicht jemand anderem. Sie sind unsere eigene Realität, die wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ganz erfahren können, weil wir sie verloren haben. Aber wir versuchen sie durch unsere seelenvolle Meditation wieder zu erlangen.

Um das Bestmögliche von der Meditation zu erhalten, muss man entsprechend den Bedürfnissen und dem Verlangen der Seele meditieren. Wir müssen nicht glauben, dass unsere Meditation richtig ist, nur weil wir uns fünf oder zehn Minuten still hinsetzen. So einfach ist Meditation nicht. Sie erfordert bewusste Anstrengung. Der Verstand muss ruhig und still gemacht werden und gleichzeitig muss er dynamisch und wachsam sein wie eine Festung und darf keinen Feind hereinlassen. Das Herz muss einer reinen und blühenden Blume gleichen, die dem Licht der Seele gegenüber ganz geöffnet ist. Die Seele muss hervorkommen und ihr inneres Licht überall ausbreiten. Das ist wirkliche, ganzheitliche Meditation.

Im höchsten spirituellen Leben können wir Gebet und Meditation nicht miteinander vergleichen. Meditation ist unendlich viel tiefer und weiter als Gebet. Im Westen wird das Gebet von Suchern mit beachtlicher Wirksamkeit benutzt. Doch ein wirklicher Sucher, der zum letztendlichen Ziel gelangen will, muss fühlen, dass Gebet die niedrigste Sprosse und Meditation die höchste Sprosse der Leiter ist, die die spirituelle Entwicklung der Verwirklichung darstellt. Wenn wir zu Gott beten, bitten wir Gott uns zu erfüllen und uns Frieden, Liebe oder Freude zu schenken. Wenn wir meditieren, dehnen wir uns aus, wir breiten unsere Flügel wie ein Vogel aus und versuchen bewusst in die Unendlichkeit, die Ewigkeit und die Unsterblichkeit einzutreten und sie in unserem strebenden Bewusstsein willkommen zu heißen. Wir sehen, fühlen und wachsen in das ganze Universum von Licht-Wonne.

Im Gebet besitzen wir nichts und Gott besitzt alles. Deshalb sagen wir: „Gott, gib mir dies.“ Wenn wir meditieren wissen wir, dass was immer Gott besitzt, wir entweder auch haben oder eines Tages haben werden. Wir fühlen, dass was immer Gott ist, wir auch sind: Wir haben unsere Göttlichkeit nur noch nicht zum Vorschein gebracht.

Wenn wir mit ganzem Herzen beten, gelangen wir zu einem bestimmten Bewusstsein, wo wir Frieden, Licht und Seligkeit erhalten, aber dieses Bewusstsein wird weder immer eine Gewissheit für uns sein noch erhalten wir es in unbegrenztem Maße. Gebet trennt uns sofort von der Quelle, wogegen Meditation uns zur Quelle bringt oder die Quelle zu uns bringt. Wenn wir meditieren, fühlen wir, dass wir in die höchste göttliche Wirklichkeit hineinwachsen. Ein wirklicher Sucher kann beides tun. Er kann mit Gebet beginnen und mit Meditation enden. Gebet ist wie eine Handgranate, aber Meditation ist wie eine Atombombe. Wenn man zu Beginn beten möchte, sollte man natürlich beten. Aber letztendlich wird man erkennen, dass man der Meditation mehr Aufmerksamkeit widmen muss. Jene, die damit begonnen haben, meinem Weg aufrichtig und ergeben zu folgen, sollten ihren Schwerpunkt auf Konzentration, Meditation und Kontemplation legen.

WOFÜR SOLLTEN WIR BETEN?

Ein jeder von uns hat zu Gott gebetet, damit Er uns bestimmte Wünsche erfüllt. Dann, nach einiger Zeit, schämen wir uns. Dann fragen wir uns: „Wie konnte ich für solche dummen Dinge beten?“ Doch zum Korrigieren der Fehler ist es nie zu spät. Wenn wir die Fehler einmal erkannt haben, können wir zu Gott um Führung bitten, die wesentliche Sache. Wenn wir Gott erlauben, uns zu führen und zu leiten, taucht das Problem der persönlichen Wünsche nicht auf, weil Er unsere persönlichen Wünsche in inneres Streben verwandelt.

Sehr oft beten Sucher für nahe stehende Personen und schaffen damit wirkliche Probleme in der inneren Welt. Obwohl sie wissen, dass ihre Eltern oder Lieben äußerst gewöhnlich sind und kein inneres Streben haben, beten sie höchst aufrichtig für sie. Die Kinder beten für ihre Eltern und Lieben, weil sie glauben, es ist ihre Pflicht – und zum Teil ist es eine wirkliche Pflicht. Was passiert, wenn Kinder zu Gott beten, damit Er ihre Eltern von einer Krankheit heilt? Wenn sie geheilt sind, tauchen sie tiefer in die Unwissenheit hinein und schaffen Probleme für ihre Kin- der, die spirituell sind.

Wenn wir um Licht, Reinheit, Frieden und Seligkeit beten kommen wir Gott bewusst oder unbewusst näher. Das ist der Unterschied zwischen Wunsch und innerem Streben. Durch unser Wünschen versuchen wir zu besitzen und besessen zu werden, doch in unserem inneren Streben treten wir in unser unendliches Selbst, wo es nichts zu besitzen gibt und nichts, von dem wir besessen werden können. Alles ist bereits unser und wir sind Teil von allem.

Was werden wir daher tun? Wir werden versuchen zu streben und nicht zu wünschen. Im gewöhnlichen menschlichen Leben wünschen wir, aber im spirituellen Leben streben wir. Wünschen war in unserem früheren Leben notwendig, aber die Kraft des Wunsches ist äußerst begrenzt. Jetzt benötigen wir inneres Streben, das uns zu Gott trägt. Heute ist ein Wunsch erfüllt, morgen ein anderer und übermorgen ein weiterer. Es ist wie ein endloser Zug. Schon mit einem Bestreben können wir nach oben gehen wie eine emporsteigende Flamme und das Höchste be- rühren; mit einem Bestreben können wir Gott verwirklichen.

Wenn wir zu Gott beten, entsteht eine göttliche Annäherung, die vom spirituellen Standpunkt aus der normalen Annäherung unendlich überlegen ist. Wenn wir mit unserer menschlichen Liebe beten, handeln wir sehr oft, obgleich nicht immer, wie Bettler. Wir haben einen bewussten und einen unbewussten Wunsch, um etwas von Ihm zu bekommen. Solange zwei verschiedene Wünsche vorhanden sind, wird der Sucher keinen Frieden finden. Das Beste ist, zu Gott nur um die Erfüllung Seines Willens in uns und durch uns zu beten. Dann erwarten wir nichts von Ihm, nicht einmal unbewusst. Dadurch geben wir Ihm die Verantwortung und wir werden Beobachter. Wir beten darum, wovon Gott fühlt, dass es für uns das Beste ist. Wenn der Sucher aufrichtig sagen kann: „Mein Wille ist meines Vaters Wille“, wird sein Gewissen frei sein, weil er sich mit dem Willen des Höchsten, des Ewigen Vaters, identifiziert.

Einige Leute beten für Verständigung zwischen den Generationen. Sie sagen aufrichtig: „Wir müssen uns selbst ändern, bevor wir die Welt ändern können. Danach müssen wir uns der Art der anderen anpassen.“ Es wird nicht immer Konflikte und Missverständnisse zwischen der alten Generation und der neuen Generation geben, wenn jeder aufrichtig und wahrhaftig in seinem inneren und äußeren Fortschritt ist. Jeder muss versuchen die Wahrheit zu sehen, die der andere zu offenbaren versucht. Wahrheit ist allgegenwärtig und zur gleichen Zeit ist Wahrheit mannigfaltig. Jeden Augenblick wird Wahrheit zu einem anderen Zweck gebraucht.

Wir dürfen nie zu Gott beten, dass Er die Ansicht eines anderen Menschen ändert, nur weil wir wollen, dass dessen Ansicht mit der unseren übereinstimmt. Wenn wir fühlen, dass jemand Fehler macht, sollten wir zu Gott beten, damit Er ihn auf göttliche Art so leitet und formt, wie Er es für richtig hält. Ein Mensch hat jedes Recht zu Gott zu beten, um seinen Sohn zu einem brillanten, aufrichtigen, ehrlichen und wirklichen Bewohner der Erde zu machen, zum Stolz der Menschheit. Aber er hat kein Recht, zu Gott zu beten, dass die Ansichten seines Sohnes immer mit der eigenen Meinung übereinstimmen. Das ist vergeudete Zeit. In Wirklichkeit weiß er nicht, was das Beste für seinen Sohn ist, aber sein Verstand erzählt ihm, dass das, was er denkt, das Beste ist. Das ist selbstsüchtiges Gebet. Aber wir können frei zu Gott beten, damit Er unseren Sohn, unsere Frau oder eine andere Person, die uns nahe steht, in jeder Hinsicht zum besten Menschen der Erde macht: physisch, vital, mental und spirituell. Diese Art von Gebet ist immer gut und ist niemals vergeudete Zeit. Es ist ein aufrichtiger Wunsch zum Besten für die Person, um die wir uns sorgen. Also lasst uns versuchen, nicht unsere eigenen Wege zu rechtfertigen, sondern lasst uns zu Gott beten, damit er die Jüngeren unter uns in göttlicher Weise, in Seiner eigenen Weise, leitet und formt.

Im spirituellen Leben sollten wir nur zu Gott beten, um Ihn auf Seine eigene Weise zu erfreuen. Wenn Gott uns als Sein Werkzeug erwählt, schön und gut. Wenn Gott jemand anderen als Sein bevorzugtes Werkzeug erwählt, müssen wir gleicher- maßen zufrieden sein. Wenn ein Sucher Gott nicht auf Gottes eigene Weise erfreuen kann, dann ist es das Nächstbeste zu versuchen, Ihn innerhalb gewisser Grenzen zu erfreuen. Wir können versuchen Gott anstatt der Dunkelheit und der Unwissenheit zu erfreuen. Dann werden wir allmählich Inspiration und inneres Streben im Überfluss entwickeln, um Gott auf Seine eigene Art und Weise zu erfreuen.

Wofür sollte man am besten beten? Das beste Gebet ist, Gott zu bitten, dass Er uns die Fähigkeit schenkt, Ihn auf Seine eigene Art und Weise zu erfreuen. Du kannst versuchen, Gott auf deine eigene Weise zu erfreuen und Gott wird bis zu einem gewissen Grad erfreut sein. Aber wenn du Ihn auf Seine eigene Art und Weise erfreuen kannst, dann kann Gott an dich als Sein auserwähltes Werkzeug denken, weil Er weiß, dass Er dich zu jeder Zeit in das Schlachtfeld des Lebens schicken kann. Wofür? Um gegen Furcht, Zweifel, Sorgen, Unvollkommenheit, Bindungen und Tod zu kämpfen. Das ist es, was du in dem Augenblick tun wirst, in dem du dich vollkommen und bedingungslos Gottes Willen hingibst. Wenn du sagen kannst: „Dein Wille geschehe“, wird Gott sagen: „Nun bist du bereit. Ich kann dich als mein auserwähltes Werkzeug annehmen.“

Was wird geschehen, wenn das nicht der Fall ist? Wenn Gott vor dir steht, wirst du Ihm sofort eine große Girlande bringen und vor Seine Füße legen. Du wirst dir vorstellen: „Ich bin sicher, dass Gott erfreut ist, weil Er Blumen mag und ich Ihm Blumen gebracht habe, um Ihn zu ehren.“ Aber wenn Gott zu diesem Zeitpunkt durstig war und ein Glas Wasser von dir wollte, glaubst du, dass Ihn deine Blumen wirklich erfreut haben? Er war durstig, aber du hast nur Blumen gebracht. Der Gedanke, dass Gott Wasser und keine Blumen möchte, kam dir nicht in den Sinn. Aber dein Verstand sagte dir, dass es das Beste ist, Gott mit Blumen zu ehren, deshalb brachtest du Blumen und legtest sie Ihm zu Füßen. In diesem Augenblick hast du von Gott erwartet, dass Er sich an dir erfreut und bis zu einem gewissen Grad hat sich Gott an deiner eigenen Weise, Ihn zu ehren, erfreut. Aber der arme Gott war durstig und Er wollte Wasser von dir. Wenn du Gott gefragt hättest: „Bitte sage mir, was Du von mir haben willst“, hätte Gott dir geantwortet: „Bring mir bitte ein Glas Wasser.“ Dann hättest du es getan und du hättest Gott auf vollkommene Weise erfreut. Wir müssen immer auf Gottes Anweisung warten. Wir müssen immer wachsam, strebsam und liebevoll sein. Dann kann Gott uns mitteilen, dass Er für unsere Dienste bereit ist. Er kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt bereit sein, um uns Anweisungen zu erteilen. Unsere Seele hört auf Gottes Anweisungen, aber unser Verstand, unser Vitales und unser Kör- per sind eigensinnig. Sie sind oft nicht gewillt, auf Gottes Gebote zu hören. Was passiert dann? Es gibt einen Kampf in der Familie. So wie sich in unserer irdischen Familie die Mitglieder sehr oft zanken und streiten, so stellen sich unser Körper, unser Vitales und unser Verstand oft gegen unser Herz. Das arme Herz will sich auf die Seite der Seele stellen, aber wenn das Vitale und der Körper Druck auf das Herz ausüben, gibt es oft nach und verliert den Kampf.

Bete immer zu Gott, Ihn zu erfüllen. Um das zu tun, müssen wir Ihn erst bewusst verwirklichen. Er ist in uns und Er ist in allem und in jedem. Im Augenblick ist es für uns ein theoretischer Gedanke, doch die Zeit wird kommen, wo es ein bewusstes Gefühl sein wird. Wir werden bewusst der Existenz des Höchsten in uns und in jedem Menschen gewahr sein. Wir müssen das Höchste als die höchste Wirklichkeit fühlen. Solange wir nicht Gottes Anwesenheit in jedem Einzelnen bewusst fühlen können, wird es für uns unmöglich sein, Ihn vollkommen auf Seine eigene Art und Weise zu erfüllen. Zuerst müssen wir spüren, dass Er in jedem Menschen ist. Ansonsten werden wir an unseren Freunden, Nachbarn und Verwandten ständig Fehler finden und, wenn Gott uns bittet, Ihm in ihnen zu dienen, sind wir widerwillig. Jeder hat in einem Buch gelesen oder von anderen gehört, dass jemand mit dem Namen Gott existiert, aber das ist für sie keine Wirklichkeit. Wenn wir ein lebendiges Ge- fühl für Gottes Existenz in uns haben, können wir aufrichtig beten: „Gott, ich möchte Dich auf Deine eigene Art und Weise erfreuen und erfüllen.“ Das ist bei weitem das beste Gebet, das wir dem Höchsten anerbieten können.

ZEIT FÜRS GEBET

Es gibt eine Zeit, wo wir beten sollten anstatt zu meditieren. Und zwar dann, wenn uns der Höchste darum bittet zu beten. Manchmal bittet uns der Höchste, um bestimmte Dinge oder Ereignisse zu beten. Er kennt das Ergebnis bereits, aber Er möchte trotzdem, dass wir beten. Dabei brauchen wir uns um das Ergebnis nicht zu sorgen. Unsere Aufgabe ist es, so seelenvoll und intensiv wie möglich, zu beten. Dies ist unsere Chance zu zeigen, dass wir gewaltige Intensität besitzen. Es ist der Wille des Höchsten, dass wir beten. Ob wir das gewünschte Ergebnis erhalten oder nicht, ist unwichtig. Wir müssen nur unser aufrichtiges Bemühen zeigen. Da es Sein Wille ist, dass wir beten, müssen wir höchst seelenvoll beten, ohne dem Ergebnis gegenüber verhaftet zu sein. Das Ergebnis weiß Er. Beim Beten müssen wir den Verstand überhaupt nicht benutzen. Wir müssen nicht denken: „Ach, das ist nur eine andere Form von Verlangen.“ Weit davon entfernt. Das ist kein Verlangen, wie das Verlangen, Tausende von Dollars anzuhäufen oder schöne Gedichte zu schreiben oder weltberühmt zu werden. Es ist kein Verlangen nach persönlicher Befriedigung. Wenn es der Wille des Höchsten ist, dass wir beten, müssen wir unser Gebet als inneres Streben und Offenbarung betrachten. Menschlicher Wille hat inneres Streben, aber göttlicher Wille hat mehr: Offenbarung. Wenn der Höchste uns bittet, dass wir beten sollen, werden wir Teil Seiner Offenbarung.

BESSER BETEN ALS NICHT BETEN

Die christliche Welt ist voller Gebete. Schon von Kindheit an lernen wir, zu Gott zu beten. Wir beten für alles: „Gib mir fünf Dollar mehr Lohn.“ „Tue heute etwas Bestimmtes für mich.“ „Gib mir heute Abend ein vorzügliches Mahl.“ „Lass mich einen Wettkampf gewinnen.“ Wenn wir damit beginnen, für diese Art von Dingen zu beten, kommen wir zu keinem Ende. Unsere Eltern haben uns gelehrt zu beten, aber sie haben uns nicht gelehrt, wofür wir beten sollen. Sie sagen: „Bete zu Gott um alles, was du willst.“ So beginnen wir zu beten: „O Gott, lass mich bitte in der Prüfung Erster werden.“ „O Gott, lass mich den Wettlauf gewinnen.“ Und so weiter. Dies ist die Art der Dinge, für die wir beten.

Statt dessen sollten Eltern ihren Kindern sagen: „Bete zu Gott, um deinen Verstand friedvoll und ruhig zu machen, so dass du überall Frieden und Seligkeit spüren kannst. Bete im Herzen.“ Doch leider lehren die Eltern so etwas nicht ihren Kindern und so beten die Kinder von frühster Jugend an für jede unnütze Kleinigkeit. Es ist natürlich besser zu Gott um unnütze Dinge zu beten, als überhaupt nicht an Gott zu denken.

Besser noch wäre es zu meditieren. Auf unserem Weg legen wir auf die Meditation größeren Wert als auf das Gebet. Wenn man Kindern die Kunst der Meditation lehrt, werden sie es nicht zur Gewohnheit werden lassen, von Gott zu erwarten, dass Er ihre Wünsche erfüllt. Die Eltern können sagen: „Wenn du meditierst, wird dein Verstand friedvoll und ruhig. Du wirst vollkommen eins mit der Weite der Unendlichkeit. Gott wird dein Freund werden.“

Wenn wir meditieren, betreten wir die Weite selbst und verlieren unsere getrennte Existenz. Unglücklicherweise fühlen wir sofort, wenn wir beten, selbst wenn wir nur um Reinheit und Demut beten, dass sich unser Vater außerhalb von uns und über uns befindet. Das fühlen wir in der Meditation nicht. Es ist besser zu beten, als es nicht zu tun, aber jene, die in ihrer Hingabe etwas fortgeschritten und wirklich aufrichtig sind, sollten der Meditation den Vorzug geben.

Was geschieht, wenn wir im Herzen meditieren? Wir werden das Ergebnis eines spirituellen Gebets in unendlichem Maße erhalten. Natürlich braucht Gott unsere Wünsche nicht zu erfüllen, ob wir nun beten oder meditieren. Aber Er wird bestimmt unser Streben durch Meditation erfüllen. Was hat Gott mit unseren Wünschen zu tun? Wenn Er unsere Wünsche heute erfüllt, werden wir Ihm morgen die Schuld daran geben, dass er uns geholfen hat, tiefer in die Unwissenheit einzutreten. Wenn Er unsere Wünsche nicht erfüllt, werden wir sagen: „Gott, du bist wirklich unfreundlich zu mir“.

Aber noch einmal, es ist besser zu beten, als es nicht zu tun. Wenn jemand einen Wunsch hat, ist es viel wahrscheinlicher dass er durch Gebet erfüllt wird als durch ein faules Leben. Die faule Person fühlt: „Gott wird alles für mich tun.“ Ja, Gott wird es tun – nachdem Er bis in alle Ewigkeit gewartet hat. Wir müssen auch etwas tun; wir müssen eine aktive Rolle spielen. Es ist besser etwas zu tun, als nichts zu tun. Selbst wenn wir etwas Falsches tun, etwas Böses, machen wir zumindest Fortschritt durch die Erfahrung. Wenn wir nichts tun, machen wir überhaupt keinen Fortschritt.

Part II — MANTRA-WELT

Frage: Würdest du bitte über Mantren sprechen?

Sri Chinmoy: Mantra ist ein Wort aus dem Sanskrit. In der indischen Philosophie, Spiritualität und dem inneren Leben spielen Mantren eine beachtliche Rolle. Ein Mantra ist eine Silbe, die von göttlicher Kraft durchdrungen ist. Diese Kraft kann für einen göttlichen oder einen ungöttlichen Zweck genutzt werden.

Es gibt zwei Arten von Mantren. Eine Art wird dhvaniantak genannt, was ‘mit Klang’ heißt. Dieses Mantra wird durch Klang ins Leben gerufen. Die andere Art von Mantra wird varnantak genannt, was soviel heißt wie ‘belesen’. Dieses Mantra wird klangloses Mantra genannt. Wenn zwei Dinge an- einander schlagen, hören wir einen Klang. Doch wir hören den Klang von AUM, dem anahata nada, in den innersten Winkeln unseres Herzens. Ahata heißt geschlagen; anahata heißt ungeschlagen. Varnantak und anahata sind das gleiche.

Manchmal werden wir bemerken, dass wir ein Wort noch hören, nachdem wir aufgehört haben es zu wiederholen. Wenn wir andauernd „Gott, Gott, Gott“ wiederholen, können wir den Namen Gottes eine Zeitlang in unserem Herzen hören, nach- dem wir aufgehört haben zu chanten. Der Mund steht still, aber das innere Wesen hat begonnen, das Mantra natürlich und spontan zu wiederholen.

Frage: Empfiehlst du die Benutzung eines speziellen Mantren?

Sri Chinmoy: Ich empfehle meinen Schülern zu meditieren, doch einigen von ihnen habe ich Mantren gegeben. Jedes Mantra ruft ein spezielles Resultat hervor. Während wir ein Mantra benutzen, rufen wir einen bestimmten Aspekt von Gott oder eine bestimmte kosmische Gottheit an, um Frieden, Licht, Seligkeit zu erhalten oder etwas anderes, das wir wollen oder brauchen. Doch wenn wir fünf oder fünfzehn Minuten gut meditieren können, erfüllt dies den gleichen Zweck, weil wir in die unendliche Ausdehnung von Frieden, Licht und Seligkeit eintreten, wo unsere Seele trinken kann, was immer sie braucht oder will.

Wenn Strebende wegen ihres rastlosen Verstandes nicht in ihre tiefste Meditation eintreten können, ist dies eine gute Gelegenheit, ein Mantra zu benutzen. Jeder kann Supreme, AUM oder Gott einige Minuten lang wiederholen, bevor er mit der eigentlichen Meditation beginnt. Das Mantra sollte langsam und laut wiederholt werden.

Wenn wir in unserem inneren Leben schnellen Erfolg erzielen wollen, dann sollten wir jeden Tag, ohne auch nur einen Tag auszulassen, ein Mantra wiederholen. Wir sollten es mindestens eine halbe Stunde lang chanten, fünfzehn Minuten lang am Morgen und fünfzehn Minuten lang am Abend. Kein Mantra kann so kraftvoll sein wie die Mutter aller Mantren: AUM.

Frage: Welche Bedeutung hat des Gayatri Mantra?

Sri Chinmoy: In Indien haben wir viele Mantren. In der Gita sagt Sri Krishna, dass das Gayatri Mantra das beste aller Mantren ist. Seine Bedeutung ist: „Wir meditieren auf die transzendentale Herrlichkeit der höchsten Gottheit, die im Herzen der Erde ist, im Leben des Firmaments und in der Seele des Himmels. Möge sie unseren Verstand beleben und erleuchten.“ Es wird gesagt, dass alle Wünsche eines Menschen erfüllt werden, wenn er dieses spezielle Mantra einhunderttausend Mal rezitieren kann. Jeder Wunsch, jedes Bestreben, egal wie gewaltig, wird erfüllt werden.

Frage: Kannst du uns bitte etwas über andere Mantren erzählen?

Sri Chinmoy: Die Göttin Kali ist zugleich die Mutter von unendlicher Kraft und unendlichem Mitleid. Ihr Keimlaut oder ihre Keimform, ihr Mantra, ist kring. Wenn sie durch ihr Mantra angerufen wird, muss dies in einer kraftvollen Art geschehen. Wenn du nur fünfzehn Tage lang das Mantra ‘kring’ äußerst seelenvoll und kraftvoll wiederholen kannst, wirst du überall um dich herum Kraft und Feuer sehen. Dieses Feuer wird niemanden verbrennen, doch die Menschen werden es zur Kenntnis nehmen, weil es sie aus ihrer komagleichen Schläfrigkeit heraushebt.

Einige von euch haben eine große Vorliebe für Lord Krishna. Ihr könnt ihn dadurch anrufen, dass ihr kling äußerst lieblich chantet. Das ist sein Mantra oder sein Keimlaut.

Wenn ihr körperlich schwach seid, wenn ihr mit eurer körperlichen Konstitution nicht zufrieden seid, könnt ihr

Tejohasi tejomayi dhehi

viryamasi viryam mayi dhehi

valam masi valam mayi dhehi

aufrichtig und seelenvoll chanten. Innerhalb einer Woche werdet ihr eine Verbesserung eurer Gesundheit feststellen. Das Mantra hat folgende Bedeutung:

> Ich bete für dynamische Energie;

> Ich bete für dynamische Ausdruckskraft;

> Ich bete für unbezähmbare physische Stärke.

In dieser Welt sind einige arm, während andere reich sind. Einige Menschen sind so arm, dass sie kaum für ihren Lebensunterhalt aufkommen können. Vor einigen Jahren hatte eine meiner Schülerinnen gewaltige finanzielle Probleme. Ich gab ihr ein spezielles Mantra:

```

Ya devi sarvabhutesu

ratna rupena sangsthita

nastasvai namastvai

namastvai namo namah

```

Nach dreizehn Tagen kam sie zu mir und sagte, dass sich ihre Finanzen außerordentlich verbessert hätten. Die Bedeutung dieses Mantras ist:

> Ich verbeuge mich

> wieder und wieder

> vor der höchsten Gottheit,

> die in allen menschlichen Wesen in der Form von Wohlstand und Reichtum wohnt.

In Indien haben viele Menschen dieses Mantra benutzt. In ihrem Fall dauerte es nur dreizehn Tage, bis das Mantra seinen Zweck erfüllen konnte. In einem anderen Fall mag es drei Monate dauern oder auch nur drei Tage. Dieses besondere Mantra hat gewaltige Kraft, aber es nützt nur, um materiellen Wohlstand zu erhalten.

Wenn du die ganze Zeit in höchster Ekstase und Wonne bleiben willst, solltest du dieses spezielle Mantra chanten:

```

Anandadd hy eva khalv imani bhutani jayante

anandena jatani jivanti

anandam prayantyabhisam visanti

```

Wir alle benötigen Unendlichkeit. Wenn Unendlichkeit das Objekt unserer Strebsamkeit ist, wenn ihr innen und außen unendliches Bewusstsein haben wollt, dann ist dies das Mantra, das ihr praktizieren solltet:

```

Purnam adah purnam idam purnat purnam udacyate

purnasya purnam adaya purnam evavasisyate ```

Frage: Wie schnell entfernt ein Mantra einen Wunsch aus dem Verstand?

Sri Chinmoy: Es hängt von dem jeweiligen Sucher ab. Wenn er in seinem Wesen Reinheit im Übermaß etabliert hat, ist es eine Angelegenheit von Monaten. Aber wenn ein Sucher nicht rein genug ist, wird das Mantra lange Zeit benötigen, um den notwendigen Effekt zu erzielen.

Frage: Ich beginne meine Meditation damit, meinen spirituellen Namen hundert Mal zu wiederholen, wie du uns geraten hast. Doch ich verzähle mich oft und so muss ich zurückgehen und von neuem beginnen.

Sri Chinmoy: Wiederhole deinen Namen fünfzig mal höchst seelenvoll. Bald wirst du in einer anderen Welt sein, der Welt der Göttlichkeit der Seele. Mache eine kleine Pause, dann beginne von neuem. Beachte es nicht, wenn du einen Fehler machst und dich verzählst. Fahre einfach mit einer ähnlichen Zahl fort. Es gibt einen einfachen Grund, warum ich dich bitte zu zählen. Wenn du zählst, trennst du dein Bewusstsein von an- deren Dingen. Dann denkst du nicht an jemand anderen oder etwas anderes. Dein Bewusstsein ist auf das gerichtet, was du wiederholst und du beginnst zu spüren, dass du nur auf dein Höheres Selbst meditierst.

Während des Zählens solltest du in die Welt der Stille tief innerhalb des Bewusstseins deines Seelennamens eintreten. Dann wirst du überhaupt nicht mehr zählen müssen.

Bevor ein Läufer ein Rennen startet, ist er voll bewussten Gewahrseins. Seine Hände, Knie und Füße müssen beim Startschuss alle in der richtigen Position sein. Doch sobald er einmal in Bewegung ist und mit höchster Geschwindigkeit rennt, denkt er nicht mehr daran, ob er richtig auftritt oder nicht. Er rennt nur. Er schaut nicht zurück; er schaut nach vorn. Schau, er erreicht sein Ziel. Jeder Sucher ist ein göttlich inspirierter Läufer, der bewusst und schnell dem Ziel des Jenseits entgegen rennt.

Frage: Hat jeder sein eigenes Mantra?

Sri Chinmoy: Ja, jeder hat sein eigenes Mantra. Es gibt viele, viele Sanskrit-Mantren. Ein Mantra kann nur eine Silbe sein, es kann eine Gruppe von Silben sein oder auch ein Satz. In den indischen Schriften wird gesagt, dass man ein Mantra praktizieren kann, wenn man mentale Erleuchtung will. Wenn man Reinheit will, kann man dieses Mantra benutzen. Auch wenn man eine andere Eigenschaft will, kann man dieses Mantra benutzen. AUM ist ein Mantra, das für jeden Zweck und jeden Menschen äußerst wirkungsvoll ist.

Frage: Bevor ich dein Schüler wurde, nahm ich an einem Meditationskurs teil, in dem mir ein Mantra gelehrt wurde. Mir wurde gesagt, dass ich diese Mantra jeden Tag fünfzehn Minuten am Morgen und fünfzehn Minuten am Nachmittag wiederholen solle. Soll ich mir dieser Art zu meditieren fortfahren? Ich fühle, dass ich anders besser meditieren kann.

Sri Chinmoy: Auf meinem Weg solltest du auf dein Herz meditieren. Wenn dein Japa mit der Art zu meditieren, die ich dir zeige und deinem Einssein mit mir in Konflikt gerät, dann gebe ich dir den Rat, es aufzugeben. Aber wenn du spürst, dass es keinen Konflikt gibt und dass es die Wirkung deiner gegenwärtigen Meditationsweise erhöht, dann behalte es bei. Wenn es dein spirituelles Wachstum behindert, dann gib es bitte auf. Aber verbringe nicht deine ganze Meditationszeit mit Chanten. Reine Meditation sollte ebenfalls auf deinem Programm stehen.

Frage: Kannst du uns etwas über die wichtigsten psychischen Zen- tren im Körper und ihre Mantren erzählen?

Sri Chinmoy: Es gibt sechs wichtige psychische Zentren im menschlichen Körper. Diese Zentren befinden sich in unserem subtilen Körper. Für jedes Zentrum gibt es einen Keimlaut oder ein Keimwort. Jedes Wort repräsentiert ein Bewusstseinsstadium und innerhalb jedes Stadiums gibt es ein bestimmtes Symbol: vielleicht eine Blume oder ein Tier.

Es gibt ein Zentrum am Ende des Wirbelsäule, das Muladhara genannt wird. Wenn wir das Keimwort lam wiederholen, während wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf das Ende der Wirbelsäule richten, werden wir mit der Zeit dieses Zentrum öffnen und wir bekommen die Fähigkeit Krankheiten zu heilen.

Einige Zentimeter höher, neben der Milz, ist ein anderes Zentrum, Svadhisthana genannt. Wenn wir das Mantra vam wiederholen, während wir uns hierauf konzentrieren, werden wir allmählich die Kraft bekommen, jedem und allem Liebe zu geben und von jedem und allem Liebe zu erhalten.

Auf der Höhe des Nabels ist ein Zentrum genannt Manipura. Wenn wir uns hierauf konzentrieren und die Silbe ram mit Kraft und Nachdruck wiederholen, werden wir allmählich in der Lage sein, alle Sorgen und alles Leid zu überwinden. Auch gibt uns dieses Zentrum die Kraft, in subtile Welten und höhere Ebenen einzutreten.

Das Herzzentrum wird Anahata genannt. Das Mantra yam muss hier langsam und liebevoll gechantet werden. Wenn wir das Herzzentrum öffnen können, erreichen wir reine Freude und die Seligkeit der Einheit.

Das Kehlkopfzentrum, welches das fünfte Zentrum ist, wird Vishuddha genannt. Wenn wir ham chanten, während wir uns darauf konzentrieren, werden wir uns in allen Formen der Kunst ausdrücken können.

Dann kommen wir zu Ajna, welches ein kleines Stück oberhalb der Nasenwurzel liegt. Hier ist das Keimwort AUM. Wenn wir uns auf dieses Zentrum konzentrieren und AUM chanten, können wir grenzenlose psychische und okkulte Macht erhalten.

Ganz gleich welches Zentrum wir wählen, um uns darauf zu konzentrieren oder welches Mantra wir wiederholen, wir sollten versuchen, eine Schwingung von allen Zentren zu spüren. Während wir ein bestimmtes Mantra wiederholen, sollten wir spüren, dass ein Strom durch unser Rückenmark fließt, so, als würde sich eine Schlange durch uns hindurch winden und alle unsere Zentren würden von der Schwingung dieses Stroms profitieren.

Frage: Ich habe gelesen, dass es sieben spirituelle Zentren im Körper gibt, aber du hast nur sechs erwähnt.

Sri Chinmoy: Sahasrara wird als das siebte spirituelle Zentrum betrachtet, obwohl es nicht wie die anderen sechs ist. Das Sahasrara Chakra befindet sich über dem Scheitel des Kopfes. Wenn jemand in dieses Scheitelzentrum eintritt, fällt er in Trance und geht über das Bewusstsein dieser Welt hinaus. Das Mantra dieses Zentrums ist Supreme. Es gibt viele andere wichtige Zentren im subtilen Körper, aber die sechs, über die ich geredet habe, und dieses Sahasrara Chakra sind die wichtigsten.

DIE BEDEUTUNG VON AUM

AUM existierte. Nichts anderes. AUM existiert. Nichts anderes. AUM wird existieren. Nichts anderes. Was ist AUM? Es ist die Mutter aller indischen Mantren. Was ist ein Mantra? Es ist Kraft in der Gestalt eines Klanges. Der Klang von AUM ist einzigartig. Normalerweise hören wir einen Klang, wenn zwei Dinge aneinander geschlagen werden. Aber dieser Klang benötigt keine solche Handlung. Er ist anahata, ungeschlagen. Er ist der klanglose Klang. Ein Yogi oder ein spirituell fortgeschrittener Mensch hört ihn – aus sich selbst erzeugt – in den innersten Winkeln seines Herzens. Wenn du anfängst, ihn zu hören, kannst du sicher sein, dass du im spirituellen Leben weit fortgeschritten bist. Deine Gottverwirklichung wird nicht länger ein bloßer Schrei in der Wüste bleiben. Der Tag deiner Selbstverwirklichung kommt rasch näher.

‚A‘ steht für inneres Streben, um Gott zu verwirklichen. ‚U‘ steht für Einheit mit Gott. ‚M‘ steht für die Offenbarung Gottes in uns, mit uns und durch uns.

AUM sagt, der Mensch irrt, wenn er sagt, dass er lebt weil er atmet. Er lebt, weil in seinem Atem die Kraft ist, die Gott selbst ist.

O Mensch, AUM kann alle deine Wünsche erfüllen oder AUM kann dich von allen deinen Wünschen befreien. Nur eines wird gewährt; wähle eines von beiden. Wenn deine weltlichen Wünsche unendlich scheinen, dann sei vollkommen überzeugt, dass Gottes Wohlstand mehr als unendlich ist. Du kannst Ihn freilich weiterhin um diese weltlichen Dinge bitten. Aber wenn du inneren und äußeren Frieden willst, kann Gott - der vollkommener Friede ist – dein höchstes Streben auf ewig erfüllen. So kannst du weiterhin sorglos nach göttlichen Dingen streben.

AUM ist in Sanskrit ein einziges Schriftzeichen, das im Deutschen durch drei Buchstaben dargestellt und als eine Silbe ausgesprochen wird. Wir könnten über AUM bis ans Ende des Jahrhunderts sprechen, ohne seine unendliche Bedeutung zu enthüllen. Wir könnten sagen, AUM sei ein Baum. Ein Baum hat seine Wurzeln fest in der Erde verankert. Sein Stamm, seine Äste und Zweige erstrecken sich hoch, höher, am höchsten in einem stummen Gebet zum Höchsten. Ein Baum ist ein lebendes Symbol für flammende Strebsamkeit. Die Wurzeln, die tief graben, als versuchten sie, das Innerste der Erde zu erreichen, um ihre Lebensenergie herauszuziehen, werden durch das ‚A‘ dargestellt. Der Stamm und das Laubwerk, die das ewige Leben für alle von uns offenbaren, damit wir alle es auf dieser Ebene wahrnehmen können, werden durch das ‚U‘ dargestellt. Die höchsten Zweige, die sich dem Unendlichen wie ein stummes Gebet entgegenstrecken, werden durch das ‚M‘ dargestellt.

AUM ist ein Fluss. Das ‚A‘ ist die Quelle, die aus dem Schoß der Erde fließt. Das ‚U‘ ist die Strömung des ewigen Lebens, die alles mit sich trägt, was sie berührt. Das ‚M‘ ist das endgültige Ziel im unendlichen Ozean des transzendentalen Jenseits.

AUM ist eine brennende Kerze. ‚A‘ ist das Wachs, ‚U‘ ist die Flamme, ‚M‘ ist das Licht und die Hitze, die sich ausbreiten, hinaus bis zum Weitesten und hinauf bis zum Höchsten.

AUM ist ein Mensch. ‚A‘ stellt seine grundlegende physische Natur dar, die Kräfte, die ihn ernähren und vorwärts treiben. ‚U‘ stellt die Offenbarung seines Lebens dar, die in größere und höhere Formen des Ausdrucks wächst. ‚M‘ stellt seine strebende Seele dar, die die Füße des Höchsten berührt.

AUM ist Gott. ‚A‘ offenbart die sichtbare Existenz: Schöpfung in ihrer unendlichen Form und zahllosen Ausdrucks- formen. ‚U‘ ist der Strom des ewigen Lebens, der die gesamte Schöpfung weiter und höher trägt. ‚M‘ ist das Unendlich Höchste, das Transzendentale Unmanifestierte.

AUM ist der klanglose Klang. Es ist die Schwingung des Höchsten. Es ist ein einziger, unteilbarer, unaussprechbarer Laut. Wenn wir diesen klanglosen Klang in unserem Inneren hören, wenn wir uns mit ihm identifizieren, wenn wir in ihm leben, können wir von den Fesseln der Unwissenheit befreit werden und das Höchste innerlich und äußerlich verwirklichen.

Frage: Was passiert, wenn wir AUM chanten?

Sri Chinmoy: Ein Wort oder eine Silbe aus dem Sanskrit hat eine besondere Bedeutung und eine schöpferische Kraft. Wenn wir AUM chanten, bringen wir Frieden und Licht von oben herab und schaffen eine allumfassende Harmonie in uns und um uns herum. Wenn wir AUM wiederholen, wird sowohl unser inneres wie auch unser äußeres Sein inspiriert und göttliches Licht und inneres Streben durchdringen uns. Es gibt nichts, was AUM gleichkommt. AUM hat unendliche Kraft. Allein indem wir AUM wiederholen, können wir Gott verwirklichen.

Wenn du AUM chantest, versuche zu fühlen, dass Gott in deinem Inneren hinauf- und hinabklettert. In Indien haben Hunderte von Suchern Gott einfach durch das Wiederholen von AUM verwirklicht. AUM ist das Symbol für Gott den Schöpfer.

Egal wie schwer die Sünde von jemandem wiegt, wenn er AUM einige Male aus der Tiefe seines Herzens chantet, wird ihm das allmächtige Mitleid von Gott vergeben und ihn erlösen. Die Kraft von AUM verwandelt im Handumdrehen Dunkelheit in Licht, Unwissenheit in Wissen und Tod in Unsterblichkeit.

Frage: Sollte vor der Meditation immer AUM gechantet werden?

Sri Chinmoy: Nein. Manchmal tue ich es, aber es ist überhaupt nicht notwendig. Als ich meine spirituelle Reise begann, war ich angetan von diesem göttlichem Klang, der Gott in drei Gestalten darstellt: Gott als Schöpfer, Gott als Erhalter und Gott als Wandler. Wenn wir mit unserer Meditation beginnen, können wir als erstes in Gott den Schöpfer eintreten, der inneres Streben in uns erschafft. Dann können wir fühlen, dass Gott, der Erhalter, uns inspiriert unsere göttliche Reise fortzusetzen. Zuletzt können wir fühlen, dass Gott, der Wandler, in jedem Moment unsere Unwissenheit in Wissen umwandelt. Er verwandelt unser unerleuchtetes Bewusstsein in erleuchtetes Bewusstsein, unsere Dunkelheit in Licht, unsere Falschheit in die Fülle der Wahrheit. Das Chanten von AUM ist überhaupt nicht notwendig, doch wenn jemand Inspiration davon erhält, kann es hilfreich sein.

Frage: Würdest du bitte kurz über den klanglosen Klang sprechen?

Sri Chinmoy: Das bedeutsamste Mantra ist AUM, welches der klanglose Klang, Anahata Nada, genannt wird. Anahata bedeutet: „Das, was nicht geschlagen wird“. Wenn ich etwas anschlage, hörst du einen Klang. Aber der Klang von AUM wird ohne Zusammenstoß erzeugt; daher wird er ungeschlagener Klang genannt, der Klang, der nicht durch Anschlagen entsteht. Yogis, große spirituelle Gestalten und alle, die im spirituellen Leben weit fortgeschritten sind, hören den klanglosen Klang in den innersten Winkeln ihrer Herzen.

Wenn du das Mantra AUM jeden Tag zwei Stunden, drei Stunden oder vier Stunden lang wiederholst, wirst du die Schwingung dieses Klanges in deinem Herzen erhalten. Dein Herz wird nicht schlagen müssen, damit du diesen Klang hörst, sondern indem du das Wort AUM äußerlich wiederholst, erhältst du den Klang innerlich.

Wenn der klanglose Klang ständig in deinem Herzen schwingt, wird dein gesamter Körper von göttlichem Wissen, göttlichem Licht, göttlicher Kraft durchflutet. Es reicht, nur dieses Mantra zu üben, um dich zu Gott zu bringen. Die Silbe AUM ist das wirksamste Mantra. Andererseits, wenn du den klanglosen Klang hören willst, kannst du die ganze Zeit danach streben, indem du sagst: „O Gott, steige in mich herab und lasse mich den klanglosen Klang hören.“ Aber die einfachste und wirkungs- vollste Methode ist, das Mantra selbst zu wiederholen. AUM ist ein Symbol für Gott, den Höchsten.

Frage: Guru, kann die Erfahrung, die AUM mir geben wird, sichtbar und hörbar sein und wird sie mich bewusst näher zu Gott bringen?

Sri Chinmoy: Unbedingt! Sie wird alles tun. Sie wird sichtbar sein, sie wird hörbar sein und sie wird dich näher zu Gott in dir bringen. AUM ist die Mutter aller Mantren. AUM ist Gottes Klang. Jede Sekunde erschafft Sich Gott neu im Inneren von AUM. Diesen Klang benutzte Er, um die Welt zu erschaffen; diesen Klang benutzt Er, um die Welt zu erhalten; diesen Klang benutzt Er, um die Welt zu verwandeln.

Frage: Wie sollen wir AUM eigentlich chanten?

Sri Chinmoy: Es gibt verschiedene Wege AUM zu chanten. Wenn wir AUM mit immenser Seelenkraft chanten, treten wir in die kosmische Schwingung ein, wo die Schöpfung in perfekter Harmonie ist und wo der kosmische Tanz vom Absoluten getanzt wird. Wenn wir AUM seelenvoll chanten, werden wir eins mit dem kosmischen Tanz; wir werden eins mit Gott dem Schöpfer, Gott dem Erhalter und Gott dem Verwandler. Alles was Gott hat, innerlich und äußerlich, kann AUM uns anbieten, weil AUM zugleich das Leben, der Körper und der Atem Gottes ist. Das ist es, was ein indischer Sucher oder ein indischer spiritueller Meister fühlt, wenn er AUM chantet.

Wenn du auf der emotionalen Vitalebene angegriffen wirst und falsche Gedanken, falsche Ideen und falsche Schwingungen in dich eintreten, dann wiederhole AUM oder den Namen des Höchsten so schnell wie möglich. Chante nicht langsam. Wenn du versuchst, deinen Verstand von Unreinheiten zu säubern, musst du so schnell chanten, wie du rennen würdest, um einen fahrenden Zug noch zu erreichen.

Wenn du Japa übst, dann ziehe dein Chanten nicht zu sehr in die Länge. Wenn du die Silbe AUM in die Länge ziehst, wirst du nicht die Zeit haben, fünfhundert oder sechshundert Mal zu chanten. Sprich die Silbe in normaler Geschwindigkeit, aber seelenvoll aus, so dass du ihre Schwingung erhältst.

Ich weiß, dass einige von euch AUM und ‚Supreme‘ daheim wiederholen. Es ist wundervoll, dass ihr das praktiziert, aber praktiziert bitte laut, nicht in Stille. Lasst den Klang des Mantras sogar in euren physischen Ohren vibrieren und euren ganzen Köper durchdringen.

Frage: Können wir AUM innerlich hören, wenn wir es nicht laut sagen können?

Sri Chinmoy: Es ist gut möglich, das Wort AUM still zu benutzen oder es innerlich zu hören, ohne es tatsächlich auszusprechen. Wo immer wir sind, der Klang von AUM ist bereits dort. Wir müssen nur in diesen Klang eintreten. Wenn wir wissen, wie wir in die ursprüngliche Quelle dieses Klangs eintreten, die innerhalb unseres Herzens ist, dann ist es nicht nötig, laut zu chanten. Wir chanten AUM laut, weil wir größere Freude und größere Achtung vor unserer Leistung erhalten, wenn der äußere Verstand überzeugt ist. Wir können oft den Klang von AUM hören ohne selbst zu chanten, aber wir wissen nicht, ob es aus unserem Herzen kommt oder aus der Atmosphäre. Manchmal hören Sucher während der Meditation den Klang von AUM, obwohl niemand laut chantet. Das bedeutet, dass jemand innerlich AUM gechantet hat oder chantet und der Meditationsraum den Klang erhalten hat. Wenn wir während des Schlafes bewusst sind, werden wir den Klang hören. Es ist nicht der Herzschlag, den wir hören werden, sondern der klanglose Klang. Wir werden ihn höchst überzeugend hören und fühlen.

Was kannst du tun, wenn du an einem öffentlichen Platz, wo es Geräusche und Lärm gibt, meditieren willst? Wenn du tief nach innen gehst, kannst du von innen entweder einen Tropfen unendlichen Friedens hervorbringen oder du kannst einen lauteren Klang hervorbringen. Dieser laute Klang ist kein zerstörender Klang, sondern ein Klang, der unbezähmbare Kraft beinhaltet. Er gibt uns ein Gefühl unserer möglichen Größe und Göttlichkeit. Wenn du deine unbezähmbare Kraft, die aus deinem Herzen kommt, hervorbringen kannst und eins mit ihr werden kannst, wirst du sehen, dass der äußere Lärm der Welt dem Vergleich mit deinem inneren Klang nicht standhält.

Wenn du von äußerem Lärm umgeben bist, versuche in deinen eigenen inneren Klang einzutreten. Zu deiner Überraschung wirst du feststellen, dass der Lärm, der dich eine Minute zuvor noch gestört hat, dich jetzt nicht mehr stört. Im Gegenteil, du wirst Achtung vor deiner Leistung haben, weil du anstatt Lärm göttliche Musik hören wirst und diese Musik aus deinem Inneren kommt.

Frage: AUM ist in unserer Kultur ein Ausdruck, der für uns ohne Bedeutung ist.

Sri Chinmoy: Richtig. In eurer Kultur ist ‚Gott‘ das bedeutsamste Wort. In Indien wiederholen wir AUM oder den Namen eines kosmischen Gottes oder einer Göttin wie Shiva oder Kali. Das Wichtigste beim Chanten eines Mantras ist zu wissen, in welchen Aspekt des Höchsten wir unumstößlichen Glauben haben. Ich benutze das Wort ‚Gott‘ hier im Westen, weil ich weiß, dass ihr euer ganzes Leben darauf trainiert worden seid, zu Gott zu beten. Aber heute kann AUM mit all seiner Bedeutung in euch eintreten. Es wird die Zeit kommen, wo ihr tiefer nach innen gehen könnt, und wenn ‚AUM‘ euch mehr inspiriert als ‚Gott‘, solltet ihr AUM chanten. Es ist die Inspiration, die ihr bekommt, die von größter Wichtigkeit ist. Ihr könnt auch das Wort ‚Gott‘ chanten, wenn es euch mehr Inspiration gibt.

Part III — JAPA-WELT

Frage: Wenn du deine Augen ganz schließt und in dieser bestimmten Weise summst, erzeugt das eine Art Hypnose für deine Anhänger?

Sri Chinmoy: Überhaupt nicht. Meine Anhänger wissen, dass ich kein Hypnotiseur bin. Ich glaube nicht an Hypnose und ermutige meine Schüler nicht, Hypnose zu benutzen. Ob ich meine Augen geöffnet oder geschlossen haben, sie fühlen dasselbe göttliche Bewusstsein, wenn ich meditiere. Das Chanten selbst tritt in ihr strebendes Herz ein und erschafft eine göttliche Schwingung, die sie dazu inspiriert zu beten und zu meditieren. Das hat nichts mit Hypnose zu tun.

Frage: Sind Anrufungen wichtig für die Meditation? Manchmal, wenn wir dich anrufen, fühlen wir, dass wir dich anrufen müssen, weil du nicht bei uns bist.

Sri Chinmoy: Das ist falsch. Es stimmt nicht, dass ich nicht bei euch bin. Im Gegenteil, ihr müsst fühlen, dass ich bei euch bin und ihr bei mir, immer. Mein Bewusstsein ist immer bei euch und bei allen meinen Schülern. Ihr müsst fühlen, dass ihr in mir seid und ich in euch, was absolut wahr ist. Die Einheit ist schon begründet, aber sie muss noch offenbart werden. Was tatsächlich passiert, ist, dass ihr mich offenbart, wenn ihr mich anruft. Es ist nicht so, dass ich an einem anderen Platz weit entfernt bin und ihr mich holt, indem ihr mich anruft. Wir sind bereits eins, aber wenn ihr mich anruft, seid ihr wie ein Kind, das seine Mutter ruft, weil es etwas von ihr braucht. Wenn das Kind ruft, weiß die Mutter sofort, dass es sie braucht. Was zu tun bleibt, ist, es offenbar werden zu lassen. In dem Augenblick, in dem ihr den Höchsten anruft, fühlt ihr, dass ihr etwas braucht, was der Höchste für euch tun sollte. Anrufung bedeutet, dass etwas in eurem Bewusstsein und in der äußeren Welt offenbart wird.

Frage: Ich würde gerne wissen, ob Chanten eine Form von Meditation ist.

Sri Chinmoy: Genau genommen ist Chanten keine Form von Meditation. Es ist eine Anrufung. Durch die Benutzung eines Mantras können wir Gott anrufen, in unser inneres Sein einzutreten, in unser innerstes Selbst. In der Meditation versuchen wir in einer allgemeineren Art in Gottes Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit einzutreten.

Frage: Würdest du bitte den Unterschied zwischen Mantra und Japa erklären.

Sri Chinmoy: Japa ist die Wiederholung eines Mantras. AUM ist ein Mantra; es ist nicht Japa. Wenn du AUM zweimal, dreimal oder hundertmal wiederholst, ist diese Wiederholung Japa. Ein Mantra kann eine Silbe sein, viele Silben oder sogar einige Sätze. Wenn wir ein Mantra wiederholen, wird es Japa.

Frage: Wie effektiv ist Japa-Yoga?

Sri Chinmoy: Beim wirklichen Japa muss der Sucher ein spezielles Mantra wiederholen, das ihm von seinem Meister gegeben wird. Wenn er keinen Meister hat, kann er dieses Mantra im Inneren finden. Ein Sucher kann ebenfalls innerlich entscheiden, wie viele Male er sein Mantra wiederholen soll, wenn er keinen Meister hat, der es ihm sagt. Wenn ein Anhänger von Japa-Yoga Reinheit benötigt, wird ihn der Meister dazu anhalten, ein bestimmtes Mantra einige tausend Mal täglich zu wiederholen. Wenn er geistiges Wissen benötigt, wird er ein anderes Mantra benutzen. Für jede göttliche Eigenschaft, die der Sucher wünscht, muss er ein anderes Mantra chanten. Der Sucher mag sich in der Erwartung eines bestimmten Ergebnisses dazu entschieden haben, den Namen Gottes zehn- oder fünfzehntausend Mal zu wiederholen. Aber während er den Namen wieder und wieder chantet, denkt er tatsächlich an etwas anderes. Durch den Verlust der Konzentration auf einen Punkt und der seelenvollen Haltung während des Chantens, fällt ein Großteil der Wirkung eines Mantras weg. Wenn du den Namen Gottes zehntausend Mal wiederholst und du währenddessen an etwas anderes denkst, kannst du nicht erwarten, irgendein Ergebnis zu erhalten. Es spielt keine Rolle, wie viele Stunden du chantest, wenn du es nicht aufrichtig und seelenvoll tust. Aber wenn du richtig chantest, kann Japa-Yoga äußerst effektiv sein.

Frage: Kann Japa zu jeder Zeit ausgeführt werden?

Sri Chinmoy: Japa sollte nicht vor dem Zubettgehen ausgeführt werden. Wenn Japa eintausend, zweitausend oder dreitausend Mal ausgeführt wird, wird der Verstand nervös, weil der Körper in die Welt des Schlafes eintreten will. Der Sucher wird ‚Supreme, Supreme, Supreme, ...‘ wiederholen, aber er wird nur den Verstand wie eine Maschine beschäftigen. Wenn er über seine Fähigkeiten hinausgeht, wird sein Verstand nervös werden. Dann wird er leiden, weil er nicht richtig schlafen kann. Japa sollte morgens und während des Tages ausgeführt werden. Aber es sollte nur einhundert, zweihundert oder höchstens dreihundert Mal vor dem Schlafengehen ausgeführt werden. Ich habe einige Schüler dazu angehalten jeden Tag Japa auszuführen, aber manchmal vergessen sie es oder sie wollen es tagsüber nicht tun. Und was tun sie dann? Nachts, bevor sie ins Bett gehen, führen sie es aus. Das ist sehr schlecht. Wenn du meditierst, bevor du zu Bett gehst, wirst du Frieden, Licht und Seligkeit anrufen, aber wenn du Japa fünfhundert oder eintausend Mal ausführst, bevor du zu Bett gehst, wirst du Kraft und Energie anrufen und du wirst zu angespannt sein um zu schlafen.

Frage: Wenn ich Japa ausführe, fühle ich mich andächtiger, wenn ich deinen Namen chante, aber zugleich scheint es mir schwieriger, deinen Namen zu chanten als ‚Supreme‘ zu chanten. Soll ich beides tun?

Sri Chinmoy: Du solltest chanten, was immer dir die meiste Zufriedenheit schenkt. Wenn du meinen Namen chantest, wird der Supreme darüber kein Missfallen empfinden. Wenn du AUM oder Supreme chantest, werde ich ebenfalls kein Missfallen darüber empfinden.

Frage: Wenn wir keinen spirituellen Namen haben, ist es sinnvoll, unseren normalen Namen zu chanten?

Sri Chinmoy: Einige von euch haben mich nach spirituellen Namen, nach den Namen eurer Seele, gefragt und ich habe ihn euch gegeben. Wenn ihr den Namen eurer eigenen Seele wieder- holt, versichere ich euch, dass ihr in der Lage sein werdet, alle eure göttlichen Eigenschaften zum Vorschein zu bringen, ihr werdet von der göttlichen Kraft eurer Seele energetisiert werden. Ihr könnt dies tun, wenn ihr der Wiederholung von AUM oder Supreme keine Beachtung schenkt. Aber nur indem ihr euren eigenen Namen wiederholt, der Name, der euch von euren Eltern gegeben wurde, werdet ihr nichts erreichen. Die westlichen Namen haben nicht die man- trischen Eigenschaften von Sanskritwörtern. Wenn du damit weitermachst, deinen amerikanischen Namen zu wiederholen, wird dadurch nichts passieren. Aber wenn du nur zehn Mal langsam deinen spirituellen Namen wiederholst, wird ein neues und fruchtbares Bewusstsein in dir dämmern. Die göttlichen Eigenschaften deiner eigenen Seele werden zum Vorschein kommen.

Frage: Wenn jemand AUM fünfzig, sechzig oder hundert Mal laut chantet und dann aufhört, steht dann das AUM, das in der Stille über dem Kopf fortdauert, in Beziehung mit dem Turiya-Zustand des Bewusstseins?

Sri Chinmoy: Nein, das Turiya-Bewusstsein ist weit, weit über dem Kopf. Das Sahasrara-Chakra ist am Scheitel des Kopfes, im subtilen Körper. Wenn du aufhörst, AUM zu chanten und AUM beginnt über deinem Kopf zu schwingen, ist es keine Schwingung im Turiya-Zustand. Die Seele chantet AUM und wenn du es hörst und dich mit dem Chanten der Seele identifizierst, kannst du in den Turiya-Zustand eintreten. Aber egal wie kraftvoll du AUM chantest, dein Chanten wird das Turiya-Bewusstsein nicht erreichen.

From:Sri Chinmoy,Gebetswelt, Mantrawelt, Japawelt, The Golden Shore Verlagsges.mbH, 2018
Quelle https://de.srichinmoylibrary.com/pwm