{{htmlmetatags>metatag-robots=()}} Sri Chinmoy antwortet, Teil 9

Sri Chinmoy antwortet, Teil 9

Teil I

SCA 346-351. Am 9. Dezember 1998 fand an der Universität von Hawaii (Thomas Jefferson Hall) eine von Sri Chinmoy geleitete Meditation mit den Angestellten der Universität sowie anderen spirituellen Suchern statt. Im Anschluss daran hatten die Anwesenden Gelegenheit, Sri Chinmoy einige spirituelle Fragen zu stellen.

Frage: Während der letzten beiden Jahre versuchten wir, an der Universität eine Meditationsgruppe ins Leben zu rufen, doch es scheiterte an der geringen Nachfrage. Ich verstehe den Grund dafür nicht. Könnten Sie uns bitte einen Rat geben?

Sri Chinmoy: Es gibt zwei verschiedene Wege, um den Menschen etwas anzubieten. Der eine ist der Weg der Blume, der andere der Weg der Mutter. Wenn eine Blume blüht, zieht ihre Schönheit und ihr Duft Menschen an, die sie schätzen, bewundern und denen sie Freude schenkt. Nehmen wir an, wir betreten einen Garten und sehen darin eine Blume. Die Blume kommt nicht zu uns; wir gehen zu ihr. Die Blume verweilt mit ihrer Schönheit, ihrem Duft und ihrem Zauber an ihrem Platz. Dann gehen wir auf die Blume zu und empfangen ihre göttlichen Qualitäten. Dies ist ein Weg.

Der andere Weg ist der Weg der Mutter. Eine Mutter empfindet auf eine Weise die ganze Welt als ihre Schöpfung und jedes Kind als ihr eigenes. Wenn ihr Kind nun schreit, fühlt sich die Mutter verpflichtet, zu ihm zu kommen, auch wenn sie vielleicht gerade nicht in dessen Nähe ist. Nehmen wir an, die beiden befinden sich in einem Haus mit mehreren Stockwerken. Das Kind kann nicht zur Mutter gehen, weil es dazu noch zu klein ist. Es kann nur schreien. Es liegt an der Mutter, zum Kind zu gehen und nachzusehen, was es braucht, sei es nun Milch, Spielsachen, Süßigkeiten oder etwas anderes. Dann gibt sie dem Kind, was es braucht.

Nun, einige spirituelle Meister sind der Ansicht, wenn die Menschen etwas brauchen, sollen sie zu ihnen kommen. Sie selbst wurden sozusagen zu Blumen. Andere spirituelle Meister wiederum betrachten alle Menschen als ihre Kinder, die alle hungrig sind, auch wenn nicht jeder denselben Hunger verspüren mag. Also ist es die Pflicht der Mutter, zu ihren Kindern zu gehen und ihnen zu geben, was sie brauchen.

Es gibt auch noch eine dritte Kategorie spiritueller Meister, der zum Beispiel Sri Ramakrishna angehörte und auf die beides zutrifft. Sri Ramakrishna war einer unserer größten spirituellen Meister. Er stammte wie ich aus Bengalen. Manchmal sagte er: „Seid wie eine Blume.“ Zahllose Sucher aus der ganzen Welt kamen nach Dakshineshwar, um ihn zu sehen. Aber er reiste auch viel und ging selbst zu Suchern und Menschen, die inneres Licht besaßen. Obwohl diese streng genommen nicht spirituell gewesen sein mögen, besaßen sie doch ein unendlich weites Herz. Er suchte diese Menschen auf, um nicht nur das Bewusstsein von Bengalen und Indien, sondern der ganzen Welt auf eine höhere Stufe zu heben. Er traf mit diesen Menschen zusammen, um ihnen Inspiration zu schenken und ihr spirituelles Streben und ihre guten Eigenschaften zu fördern.

Ich folge den Fußstapfen Sri Ramakrishnas. Ich lebe in Amerika und hier bin ich zu einer Blume geworden. Menschen aus aller Welt kommen hierher, um mich zu sehen und anzunehmen, was ich ihnen anzubieten habe. Anderer­seits verhalte ich mich aber auch wie eine Mutter. Jedes Jahr bereise ich viele verschiedene Orte. Auf diesen Reisen treffe ich mit einer großen Zahl von Menschen zusammen, die so wie Sie Sucher sind und die mit großer Aufrichtigkeit und Entschlossenheit zu mir kommen. Dabei müssen sie in keiner Weise meine Schüler werden. Doch wenn ich diesen Suchern in irgendeiner Form dienen kann, fühle ich, dass ich etwas für Gott die Schöpfung vollbracht habe.

Wir verehren Gott den Schöpfer und wir dienen Gott der Schöpfung. Wir alle sind Gott die Schöpfung. Ich führe ein Leben des Gebetes, und wie auch schon früher kam ich hierher, um den Suchern in Hawaii meinen Dienst anzubieten. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren war ich zum ersten Mal hier und seit damals komme ich immer wieder hierher zurück.

Hawaii vermag unser Herz und unser Leben zu entzücken und zu bezaubern. Dieses Land wurde von vielen spirituellen Persönlichkeiten auf besondere Weise gesegnet. Man mag sie als Götter und Göttinnen bezeichnen, doch für mich sind alle Götter und Göttinnen spirituelle Persönlichkeiten höchsten Ranges. So wird Hawaii also vom Himmel beziehungsweise von der inneren Welt außergewöhnlich gesegnet.

Gleichzeitig hat Hawaii aber auch eine besondere Rolle zu spielen. Es übt nicht nur eine große Anziehungskraft aus, sondern es kann jenen, die hierherkommen, um innere Erfahrungen zu machen, auch viel Licht schenken. Hier bekommen die Menschen für die äußere Entdeckungsreise so viele bezaubernde und attraktive Dinge geboten! Doch wenn sie Hawaii besuchen würden, um hier zu meditieren, erhielten sie mit Sicherheit grenzenlosen Frieden, Licht und Glückseligkeit. Wir müssen uns im Klaren sein, wofür wir hierherkommen: der äußeren Attraktivität oder der inneren Erleuchtung wegen oder für beides. Was die äußere Welt uns hier geben kann, werden wir mit größter Reinheit empfangen. Und was uns die innere Welt hier schenken kann, werden wir mit äußerster Hingabe empfangen.

Bitte verzeihen Sie, wenn das nicht direkt die Antwort auf Ihre Frage war. Ich habe hier mehr meine inneren Empfindungen und äußeren Beobachtungen über dieses Land wiedergegeben.

Frage: Mir ist aufgefallen, dass Sie ein Bild der Göttin Kali auf Ihrem Tisch stehen haben. Selbst unter spirituellen Menschen existieren viele falsche Vorstellungen von ihr.

Sri Chinmoy: Jeder Sucher hat auf seine eigene Art und Weise recht. Ich kann nicht behaupten, meine Vorstellung von Mutter Kali sei völlig richtig und Ihre falsch. Das wäre der Gipfel an Torheit und gleichzeitig absurd. Ich kann nur über das berichten, was sich in meinem eigenen Zimmer, in meiner eigenen Wohnung befindet. Über das, was sich in anderen Wohnungen befindet, brauche ich nichts zu wissen und will es auch nicht.

Für mich ist Mutter Kali die Kraft der Unendlichkeit. Kali bedeutet „Zeit“ und zugleich auch „jenseits der Zeit“. Sie verkündet die Botschaft der Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit und geht ständig über das, was sie hat und was sie ist, hinaus. Gemäß meiner inneren Verwirklichung ist sie das Absolute in weiblicher Form oder das Absolute selbst. Sie verkörpert in erster Linie den Kraftaspekt, als Mutter jedoch auch alle anderen göttlichen Eigenschaften wie Frieden, Licht und Glückseligkeit. Gleichzeitig beschleunigt sie auch alles. Eine Familie besteht aus vielen Mitgliedern. Wenn du einen Verwandten um einen Gefallen bittest, braucht er vielleicht fünf Jahre, um ihn dir zu erfüllen; ein anderer hingegen kann dir das Gewünschte in kürzester Zeit geben – vorausgesetzt, du brauchst es wirklich und suchst es aufrichtig.

Einerseits ist Mutter Kali ein Aspekt des Absoluten, des Höchsten, gleichzeitig ist sie aber auch das Höchste selbst. Wenn wir die Teile unseres Körpers getrennt betrachten wollen, können wir sagen: „Das sind meine Arme, das sind meine Beine, das sind meine Augen.“ Doch sie alle sind Teile meines Körpers. Ohne Beine, Arme oder Augen bin ich nicht vollständig. Alle Gliedmaßen zusammen bilden meinen physischen Körper. Mutter Kali ist also gleichzeitig ein Teil des Absoluten Höchsten und das Absolute Höchste selbst. Sie ist auch die Mutter der Geschwindigkeit. Sie handelt immer blitzschnell.

Mutter Kali erleuchtet unsere Unvollkommenheiten. In der westlichen Welt verwendet man das Wort Sünde, doch gemäß der spirituellen Philosophie Indiens existiert Sünde nicht; sie ist lediglich eine Art Unvollkommenheit. Ich bin unvollkommen, deswegen verhalte ich mich oft falsch. Und solange ich noch unvollkommen bin, lässt sich das auch nicht gänzlich vermeiden. Doch was meinen wir mit Sünde? Wenn unser Ursprung – Gott, das Höchste Absolute – makellos rein ist, wie können dann wir, Seine Schöpfung, der Inbegriff der Sünde sein? Nein, wir können lediglich sagen, dass wir nicht vollkommen sind.

Ein Kind lernt einzelne Buchstaben, doch im Gegensatz zu seinen Eltern kann es noch nicht alle Buchstaben lesen. Mit der Zeit lernt es dann das Alphabet und Jahre später vermag es dann mühelos dicke Bücher zu lesen. Doch es beginnt mit dem Erlernen des Alphabets und anfangs unterlaufen ihm dabei auch immer wieder Fehler. In gleicher Weise sind alle Menschen im Augenblick unvollkommen; unser Ziel jedoch ist es, zur Vollkommenheit zu gelangen.

Die Vollkommenheit aber kennt keine starren Grenzen, sondern sie dehnt ihre Grenzen fortwährend aus. Ein Student hat vielleicht das Gefühl, mit einem Universitätsabschluss oder einem Doktortitel bereits vollkommen zu sein. Sobald er ihn aber erreicht hat, erkennt er, wie viel mehr es noch zu lernen gibt. Dann fühlt er, dass der Universitätsabschluss nichts als ein paar Tropfen vom Ozean des Wissens darstellt und dass er im Grunde gar nichts weiß.

Nehmen wir an, du hast aufgrund deiner Unvollkommenheit über Jahre hinweg viele Fehler gemacht. Wenn du nun zu Mutter Kali betest, wenn du innerlich schreist und schreist, wird sie alle deine Unvollkommenheiten erleuchten.

Gemäß unserer indischen Tradition hat Gott, der Supreme, drei Aspekte: den erschaffenden, den erhaltenden und den verwandelnden Aspekt. Doch viele Jahrhunderte lang verwendeten wir anstelle des Begriffes ‚Umwandlung’ den Begriff ‘Zerstörung’. Unsere indische Dreifaltigkeit besteht aus Brahma, Vishnu und Shiva. Brahma ist Gott der Schöpfer, Vishnu ist Gott der Erhalter und Shiva ist Gott der Umwandler. Wir zerstören nicht, sondern wandeln nur um. Würden wir zerstören, was bliebe dann von unserem Leben übrig? Nehmen wir an, ich mache einen Fehler; ich bin auf jemanden böse und gebe ihm eine Ohrfeige. Was würde es nützen, wenn ich mir deswegen meine Hand abhacke? Würde ich mich dadurch bessern? Nein! Diese falsche Handlung hat ihren Ursprung in meinen Gedanken. Ich muss meinen Verstand auf die richtige Weise nutzen, damit ich niemandem Gewalt antue. Ja mehr noch, ich sollte nur Zuneigung und Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Der dritte Aspekt Gottes ist also jener der Umwandlung, nicht der Zerstörung.

Wenn sich nun Mutter Kali mit den Menschen beschäftigt, mit Suchern und spirituellen Menschen, so haben einige schreckliche Angst vor ihrem Kraftaspekt. Da sie über die Jahre hinweg so viel falsch gemacht haben, haben sie das Gefühl, Mutter Kali würde ihnen nicht ihr Mitleid gewähren, sondern sie zerstören. Doch sie zerstört nicht; sie wandelt nur um.

Es gibt vier Aspekte der göttlichen, universellen Mutter: Maheshwari, Mahakali, Mahalakshmi und Maha­saras­wati. Mahakali verkörpert Geschwindigkeit und höchste Höhe. Sie bringt uns am schnellsten zum Höchsten. Die anderen Aspekte der göttlichen Mutter halten sich an die Devise: „Mit langsamen, stetigen Schritten gelangt man am sichersten ans Ziel.“ Mutter Kali jedoch sagt: „Selbst wenn du blitzschnell läufst, heißt das noch lange nicht, dass du dabei stolpern wirst.“

Das alles sage ich aus meiner persönlichen Sicht aufgrund meiner eigenen Verwirklichung. Doch jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von Mutter Kali.

Frage: Viele von uns haben die Schriften von Meistern gelesen, die sich nicht mehr im physischen Körper befinden. Dadurch fühlten wir uns zu einem spirituellen Weg hingezogen und begannen, diesem Weg zu folgen. Doch ich bin sicher, dass ich jetzt für viele spreche, wenn ich behaupte, dass man sich nach einer gewissen Zeit danach sehnt, einen Guru aus Fleisch und Blut zu haben. Wie dem auch sei, wir empfinden es als Treulosigkeit gegenüber dem Meister, dem wir gefolgt sind, wenn wir nach einem noch lebenden Guru Ausschau halten. Wie kann jemand sicher sein, dass der Guru, dem er folgt und der sich nicht mehr auf der physischen Ebene aufhält, der richtige ist, wo er doch auf dieser Ebene nicht mit ihm sprechen kann?

Sri Chinmoy: Welchen Guru hatte der erste Mensch, der Gott verwirklicht hat? Kam jemand zu ihm und sagte: „Ich bin Gott“? Nein! Er erhielt seine Verwirklichung vom unsichtbaren Gott. Genauso gibt es viele Sucher, die Gott durch das Studium der Bibel oder der Bhagavad Gita verwirklicht haben und keinen lebenden Guru hatten. Krishna und Christus der Erlöser befinden sich nicht mehr auf der physischen Ebene. Sie können sich im subtilen Körper manifestieren, doch auch wenn du es dir noch so sehnlichst wünscht, wird Krishna keinen physischen Körper annehmen und zu dir kommen, um dich zu unterweisen. Und dennoch gehören die Lehren Krishnas, die in der Bhagavad Gita niedergeschrieben sind, und die in der Bibel enthaltenen Lehren von Jesus Christus zum menschlichen Leben wie unser eigener Atem.

Wenn du das Evangelium oder die Bhagavad Gita oder ein anderes heiliges Buch liest, musst du dir darüber im Klaren sein, inwieweit du dich damit identifizieren kannst. Wenn du die Bibel studierst und sie in deinem täglichen Leben anwenden kannst, warum brauchst du dann noch einen lebenden Meister? Aber du musst selbst wissen, in welchem Ausmaß das der Fall ist. Möglicherweise schenkt dir das Lesen große Inspiration und fördert auch dein spirituelles Emporstreben; doch sobald du dich in die Hektik des Lebens begibst, vergisst du vielleicht alles wieder. Du liest etwas, doch schon kurze Zeit später stehen deine Handlungen in völligem Widerspruch dazu. Das geht uns Menschen leider oft so.

Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit. Betrachten wir uns selbst als unartige Kinder. Der Lehrer befindet sich in unserer Nähe und deswegen müssen wir uns gut benehmen, damit er uns nicht durchfallen lässt. Dem Aufseher entgeht es nicht, wenn wir ungezogen sind, und deswegen haben wir Angst vor ihm. Wenn er uns schlechte Noten gibt, fallen wir durch. Doch es gibt auch Privatlehrer. Die Aufgabe eines Privatlehrers besteht darin, dich still und heimlich zu Hause zu unterweisen, damit du deine Prüfungen bestehst. Er wird nicht an der Schule als Lehrer, Aufseher oder Ausbilder auftreten, sondern dich zu Hause privat unterrichten. Und genau das ist die Rolle, die ein spiritueller Meister übernehmen kann, wenn er sich im Physischen befindet.

Wir vergessen häufig, dass der spirituelle Meister der Vergangenheit und jener der Gegenwart nicht zwei verschiedene Wesen sind. Das zu denken, wäre ein großer Fehler. Die Verwirklichung, die der höchste Meister erreicht hat, bietet er auf segensvolle Weise allen betenden Menschen an. In einer Familie zum Beispiel hat der Großvater gewisse Kenntnisse erworben, die er dann an seinen Sohn weitergibt und dieser wiederum an seine Kinder. In genau gleicher Weise geben Krishna, Jesus Christus und andere spirituelle Meister ihr Wissen und das Licht ihrer Weisheit an ihre spirituellen Nachfolger weiter.

Glücklicher- oder unglücklicherweise bin auch ich ein spiritueller Meister. Man kann mich nicht von dem mit Segen erfüllten Bewusstsein Jesus Christus’ oder Krishnas oder Buddhas trennen. Hier führe ich nur einige Beispiele von spirituellen Meistern an, aber es gibt noch viele andere. Hier im Westen denkt man im Zusammenhang mit Meistern immer zuerst an Jesus Christus, im Osten häufig an Krishna. Doch jeder Mensch, der die Gott- oder Selbstverwirklichung erreicht hat, wird seine Verwirklichung auf diese Weise der Welt anerbieten.

Andererseits gibt es allzu viele Menschen, die den Anspruch erheben, Verwirklichung erreicht zu haben. Es bleibt Gott und den Suchern überlassen, den Wahrheitsgehalt in den Lehren der spirituellen Meister zu fühlen. In Indien lebte einst eine große spirituelle Persönlichkeit namens Swami Vivekananda. Vielleicht haben Sie seinen Namen schon einmal gehört. Als er nach Ostbengalen kam, wurde er förmlich umringt von Suchern, die ihn baten: „Bitte, bitte komm und besuche meinen Meister. Er ist der Höchste! Er ist ein Avatar, eine direkte Verkörperung Gottes!“ Schließlich kam Swami Vivekananda zu dem Schluss, dass die Avatare in Ostbengalen offensichtlich wie Pilze aus dem Boden schießen müssen! Jeder Sucher behauptet, sein Meister sei eine gottverwirklichte Seele und ein Avatar höchsten Ranges. Natürlich kann man das aber auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Wenn du deinen Meister als das Höchste anzusehen vermagst, so steigen deine Gebete auch direkt zum Höchsten auf. In der Bhagavad Gita steht geschrieben, dass alles in Krishna eingeht, der den höchsten Herrn verkörpert. Wenn du Glauben, bedingungslosen Glauben an deinen Meister hast, werden deine Gebete das höchste Absolute erreichen, auch wenn dein Meister vielleicht noch nicht alle göttlichen Qualitäten verwirklicht hat.

Hier in der westlichen Welt verwenden wir zumeist den Ausdruck „Vater“. Jesus Christus sagte: „Ich und mein Vater sind eins.“ Wenn wir aufrichtig beten, steigen unsere Gebete zum Vater auf. Auf unserem spirituellen Weg verwenden wir den Ausdruck ‚der Absolute Höchste’ beziehungsweise in Seiner unpersönlichen Form ‚das Absolute Höchste’. Es ist der Absolute Höchste, der Supreme, der unsere Gebete empfängt. Du magst vielleicht einen Meister haben, der die höchste Stufe der spirituellen Leiter noch nicht erreicht hat; vielleicht ist er kein Avatar und hat Gott noch nicht verwirklicht. Doch wenn du grenzenlosen Glauben an deinen Meister hast, richtet sich dein Glaube direkt an den wahren Meister, an Gott.

Es gibt nur einen Guru, und das ist Gott. Er ist mein Guru, dein Guru und der Guru jedes Menschen. Gott hat menschliche Gestalt angenommen. Wir haben beide einen menschlichen Körper, doch einer von uns ist auf bestimmten Gebieten qualifizierter als der andere. Spirituelle Meister wissen viel über das spirituelle Leben. Ich bin ein spiritueller Meister. Du hingegen bist vielleicht ein Ingenieur, Doktor oder Wissenschaftler, und von diesen Gebieten verstehe ich so gut wie nichts. Als Wissenschaftler wäre ich völlig nutzlos. Wenn jemand aber etwas über das spirituelle Leben erfahren möchte, so wendet er sich an einen spirituellen Meister.

Wenn du nun einen lebenden spirituellen Meister aufsuchst, so bedeutet das nicht, dass du jenem Meister, der sich nicht mehr auf der Erde aufhält, untreu wirst. Alle spirituellen Meister kommen aus der gleichen Familie. So wie du in deiner Familie Brüder und Schwestern hast, so gehören auch jene, die das Höchste verwirklicht haben, der gleichen Familie an. Krishna sagte, er nehme unterschiedliche Gestalt an. Auch wir haben in jeder Inkarnation einen neuen Namen und eine neue physische Gestalt.

Ein Sucher muss die lebendige Gegenwart des Meisters fühlen. Dein Meister mag sich nicht mehr im physischen Körper befinden, doch wenn du mit ihm einen direkten inneren Kontakt haben kannst, ist das völlig ausreichend. Genau das ist aber oft schwierig, weil unser Verstand häufig in den Vordergrund tritt und zu zweifeln beginnt: „Oh nein, dieses und jenes hat er sicher nicht gesagt.“

Wenn du einen lebenden Meister hast, erhältst du damit eine besondere Gelegenheit. Er spricht deine Sprache und sagt dir deutlich: „Dieses machst du richtig, jenes nicht.“ Dann liegt es an dir, ob du seinen Ratschlag annehmen willst oder nicht. Wenn sich dein Meister nicht mehr im physischen Körper befindet und du spirituell noch nicht weit genug fortgeschritten bist, wird dein Verstand den Botschaften, die du von ihm erhältst, häufig widersprechen. Es mag dir vielleicht eine Idee kommen und dein Verstand wird sie als vollkommen ansehen. Doch schon kurze Zeit später beginnst du möglicherweise, die Idee, die dir eben noch so vollkommen erschien, anzuzweifeln. Und schließlich wirst du sagen: „Steht es mir überhaupt zu, darüber zu urteilen, welche Idee gut und welche schlecht ist? Jetzt bin ich völlig verwirrt. Ich kann mich einfach nicht entscheiden!“ Wenn du hingegen einen lebenden Meister hast, dem du vorbehaltlos vertraust und dessen Worte du direkt vernehmen kannst, wirst du sofort sagen: „Das ist richtig.“ Wenn du an ihn glaubst, folgst du seinem Weg. Einen lebenden Meister zu haben, ist also ein großer Vorteil.

Die Schwierigkeiten beginnen dann, wenn man keinen Glauben hat. Doch wenn du Vertrauen und eiserne Willenskraft besitzt, dann benötigst du in der physischen Welt mit Sicherheit keinen Meister. Wenn du einige religiöse oder spirituelle Bücher von bereits verstorbenen Meistern gelesen hast und sich zwischen dir und ihnen, zwischen deinem inneren Streben und deren Mitleid, ein inneres Band, ein intensives inneres Empfinden aufgebaut hat, dann brauchst du keinen lebenden Meister. Das Problem ist nur, dass dir diese Bücher wohl Inspiration schenken, dass du diese Inspiration aber in der Hektik des äußeren Lebens wieder verlierst. Häufig kannst du dieses intensive innere Empfinden einfach nicht aufrechterhalten. Hättest du hingegen einen lebenden spirituellen Meister höchsten Ranges, könntest du ihn mit deinen eigenen Augen sehen und mit deinem Herzen fühlen. Auf diese Weise kann man diese intensiven Empfindungen länger bewahren.

Wenn du die Möglichkeit hast, dich in der Gegenwart eines lebenden spirituellen Meisters und seiner Schüler aufzuhalten, so bedeutet das eine zusätzliche Gelegenheit. Doch ich würde niemals behaupten, dass du nur mit einem noch lebenden Guru Gott verwirklichen kannst. Der erste Mensch, der Gott verwirklichte, hatte auch keinen lebenden Meister. Es geschah alles in der inneren Welt, im subtilen Körper. Jene spirituellen Meister jedoch, die das Höchste verwirklicht haben, können eine unmittelbare Hilfe sein. Sie sprechen alle dieselbe innere Sprache, regen dieselben Gefühle an und schenken dieselbe Inspiration. Es kommt hauptsächlich auf den eigenen inneren Entwicklungsstand an. Wenn ich zu den weit fortgeschrittenen Suchern zähle und eine starke innere Verbindung zu dem Meister habe, der sich nicht mehr auf der physischen Ebene befindet, dann ist alles in Ordnung. Andernfalls wäre es besser, diese Unterweisungen von jemandem zu bekommen, der im Physischen weilt und mich korrigieren und verbessern kann, wenn ich etwas falsch mache.

Wenn wir zwanzig Menschen im Meer schwimmen sehen, wollen wir am liebsten ebenfalls gleich schwimmen. Wir sagen: „Oh, sie schwimmen! Das kann ich auch!“ Sehen wir aber niemanden, kommen sofort Lethargie, Angst und andere falsche Kräfte ins Spiel, die uns vom Schwimmen abhalten. Wenn wir also eine Gruppe von Menschen beten und meditieren sehen und in der Gesellschaft ernsthafter Sucher sein können, werden wir Inspiration fühlen. Jeden Tag können wir von göttlicher Inspiration erfüllt werden oder aber auch von Lethargie. Wenn wir Menschen beten und meditieren sehen, fällt es uns leicht, ihnen Gesellschaft zu leisten und unsere eigenen göttlichen Eigenschaften zum Vorschein zu bringen. Das ist der Grund, warum wir die Meditation in der Gruppe als notwendig erachten. In einer Gruppe werden dir die Gruppenmitglieder Inspiration schenken, genauso wie du sie inspirierst.

Frage: Vor zwanzig Jahren nahm mich ein Freund mit aufs Festland, um einem Treffen mit Ihnen beizuwohnen. Damals meditierten Sie nur in der Stille. Ich habe den Eindruck, dass Sie jetzt mehr sprechen. Gibt es einen Grund dafür?

Sri Chinmoy: Ich mache beides. Manchmal meditiere ich mit meinen Schülern und anderen Suchern mehrere Stunden lang. Dann wiederum halte ich Vorträge und beantworte Fragen. Wir müssen sowohl das innere als auch das äußere Leben nähren. Ich gebe auch Friedenskonzerte, so wie kürzlich hier in Hawaii. Dabei spiele ich in einem meditativen Bewusstsein auf verschiedenen Instrumenten und singe auch. Dazwischen verweilen wir lange Zeit in der Stille.

Manchen Menschen bereitet das Zuhören mehr Freude als die Stille, denn es spricht ihre äußeren Sinne an. Andere wiederum fühlen, dass sie in der Stille mehr empfangen können, wenn wir uns in unserem höchsten Bewusstsein befinden, in der Tiefe unserer Meditation. Wenn ein Familienmitglied eine bestimmte Frucht haben will und ein anderes eine andere, so fühlt der Meister, dass er imstande sein muss, beide zufrieden zu stellen. Es ist wie in einem Restaurant. Ein gutes Restaurant kann die unterschiedlichen kulinarischen Wünsche jedes Besuchers erfüllen. Oder stellen wir uns einen Garten mit vielen Blumen vor. Jede dieser Blumen ist einzigartig und sie alle bezaubern uns auf unterschiedlichste Weise mit ihrer Schönheit und ihrem Duft. Manchmal verweile ich also in der Stille und in aller Stille biete ich an, was ich anzubieten habe. Wenn ich zwischen einem Vortrag und der Stille wählen könnte, so würde ich ganz sicher die Stille wählen, denn in der Stille können sich das Licht und unsere Göttlichkeit sehr viel schneller entfalten.

Stille und Klang sind wie die Vorder- und Rückseite derselben Münze, genauso wie die Schönheit und der Duft einer Blume. Doch normalerweise vermögen die Menschen mehr aufzunehmen, wenn ich in der Stille verweile und Friedensmeditationen gebe. Früher hielt ich unzählige Vorträge an den verschiedensten Orten. Dann begann ich, Friedenskonzerte zu geben. Bis jetzt sind es einige Hundert. Meistens spreche ich dabei überhaupt nicht. Ich glaube, dass die Sucher, die um der Musik willen kamen, dabei mehr empfangen konnten als durch einen Vortrag. Wenn ich Vorträge gebe und Fragen beantworte, so nährt das in erster Linie den äußeren Verstand. Doch wenn wir in Stille beten und meditieren, nähren wir unsere innere Existenz, unsere emporstrebenden Herzen.

Seit siebenundzwanzig Jahren (Anm: Dieser Text stammt aus dem Jahr 1998) diene ich nun den Vereinten Nationen. Beinahe jede Woche habe ich dort Vorträge gegeben und Fragen beantwortet. In den letzten zehn Jahren allerdings ging ich nur dorthin, um mit den Suchern in völliger Stille zu meditieren und zu beten, und ich fühle, dass ich auf diese Weise mehr weitergeben kann.

Frage: Unsere Meditationsgruppe hier besteht aus Menschen verschiedenster Religionen und spiritueller Richtungen wie zum Beispiel Hindus, Katholiken und Zen-Buddhisten. Wir verweilen gemeinsam in der Stille. Ich denke, dass uns das am Morgen Kraft gibt. Wir treffen uns zwei Mal wöchentlich früh am Morgen, bevor wir in die Arbeit gehen. Doch bis jetzt ist es uns noch nicht gelungen, diese Treffen einem größeren Personenkreis bekannt zu machen. Dafür zu werben ist schwierig und jeder von uns ist vielseitig beschäftigt. Dennoch wäre es wirklich schön, wenn mehr Leute an unseren Treffen teilnehmen würden.

Sri Chinmoy: Es freut mich sehr, dass in Ihrer Gruppe Vertreter so vieler verschiedener Religionen zusammenkommen. Im Grunde sind alle Religionen eins; sie stellen nur verschiedene Äste des einen Lebensbaumes dar. Dieser Lebensbaum hat sehr viele Äste, und die Zusammenkunft mit anderen Menschen fördert unsere guten Eigenschaften.

Vor vielen Jahren besuchte ich einmal eine Kapelle in Puerto Rico. Die Nonnen dort wussten, dass ich Hindu bin. Leider entsprach meine Kleidung nicht ihren Vorstellungen oder Richtlinien, und darüber waren sie wirklich aufgebracht! Die Ordensleiterin beschimpfte mich, weil ich kein Christ bin. Doch als ich vor Jesus Christus die Hände faltete, vergab sie mir.

Und was geschah zwanzig Jahre später? Eine Ordensleiterin in der Schweiz lud mich persönlich ein, eine Meditation für eine große Zahl von Nonnen abzuhalten! Ich meditierte vor ihnen und dann stellten sie und die Nonnen viele Fragen über Jesus Christus und das Christentum. Sie alle folgen dem christlichen Pfad, doch ich war es, dem sie die Fragen stellten! Und sie wollten mich dabei nicht auf die Probe stellen und herausfinden, ob ich die Bibel gelesen oder irgendwelche persönliche Erfahrungen mit Jesus Christus gemacht habe. Ihre Fragen waren absolut aufrichtig und sie schenkten mir Liebe und Hochachtung. In dem einem Kloster wurde ich also von der Ordensleiterin auf ihre besondere Weise ‘gesegnet’, im anderen hingegen besaßen die Nonnen einen wirklichen inneren Hunger. Sie fühlten, dass hier jemand zugegen war, der etwas weiß. Dieses Treffen dauerte ungefähr zwei Stunden.

Mahatma Gandhi ist bekannt als Vater der indischen Nation. In Irland gibt es eine vergleichbare Person. Sein Name ist de Valera. Als ich ihn traf, war er bereits in fortgeschrittenem Alter und ich war um die vierzig. Sobald er mich sah, faltete er die Hände und bombardierte mich förmlich mit Fragen über Jesus Christus und die Bibel. Dabei hatte er keinerlei Absicht, mich zu prüfen. Er besaß einen aufrichtigen inneren Hunger und wollte nur sehen, ob ich ihm weiterhelfen kann.

Einige Menschen spüren etwas in mir, andere nicht. Wenn Menschen etwas Besonderes in mir sehen, bin ich mehr als bereit, ihnen mit ganzem Herzen zu dienen. Andernfalls müssen sie nach jemand anderem Ausschau halten, vorausgesetzt natürlich, sie verspüren überhaupt einen inneren Hunger. Jeder Mensch muss seinen Hunger stillen. Wenn ich hungrig bin und mir ein bestimmtes Restaurant nicht zusagt, steht es mir frei, so lange das Restaurant zu wechseln, bis mich eines zufrieden stellt.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Sie müssen wissen, ob Sie fähig sind, die Sucher anzuleiten und zu führen. Eine Person sollte immer die Rolle des Gruppenleiters innehaben, sonst wird daraus nichts wachsen. Dieser Grup­penleiter hat den Suchern Licht, Freude, Glückseligkeit, Energie und Frieden zu vermitteln und sie auf die höheren und inneren Welten hinzuweisen. Ist der Leiter jedoch nur ein Gruppenmitglied wie jedes andere, wird die Sache nicht funktionieren. Verzeihen Sie bitte, wenn ich das so unverblümt sage. Wir leben hier in einer Demokratie; wir sind alle gleichberechtigt. Aber das Bewusstsein eines Gruppenleiters muss höher und tiefer sein als das der anderen Gruppenmitglieder, sonst kann er ihnen nicht dienen. In jeder Klasse gibt es einen Lehrer. Gäbe es nur Schüler, die wahllos beginnen würden, sich gegenseitig zu unterrichten, würde das völlige Chaos ausbrechen. Es muss eine Person geben, die über mehr Wissen, innere Weisheit und inneres Licht als die anderen Sucher verfügt, um diesen dienen zu können.

Ich übe keine Kritik an Ihnen, doch wenn eine Gruppe von Menschen auf Ihre Initiative hin regelmäßig zusammenkommt, dann sollte es auch jemanden geben, der fähig ist, die Mitglieder zu führen, sie anzuleiten und zu motivieren. Wenn die Leute nämlich bemerken, dass es keinen wirklichen Leiter gibt, wird die Gruppe nicht wachsen können. Die Mitglieder müssen entweder in dich oder in jemand anders Vertrauen haben. Um in einer spirituellen Gruppe die Rolle eines Gruppenleiters übernehmen zu können, muss man spirituell weiter fortgeschritten sein als die anderen. Was geschieht nämlich, wenn dann Menschen zu Ihnen kommen, die nach der Wahrheit hungern und viele Fragen haben? Sie werden vielleicht sagen: „Lest doch einfach die Bibel, dort steht alles geschrieben.“ Dann werden sie antworten: „Wir lesen ja die Bibel, aber wir finden dort keine ausreichenden Antworten auf unsere Fragen. Das ist genau der Grund, warum wir zu Ihnen gekommen sind.“ Was werden Sie dann tun? Wie können Sie diese Sucher zufrieden stellen, oder sie Sie?

Bitte missverstehen Sie mich nicht. Das soll keine persönliche Kritik sein. Ein Gruppenleiter muss spirituell einfach schon weiter fortgeschritten sein als die anderen Mitglieder, sonst kommt es zu einem Durcheinander. Niemand wird gehorchen. Die Menschen werden die Stimmen gegeneinander erheben und sagen: „Was verstehst du schon davon?“ Jemand mit Autorität jedoch, der über Spiritualität Bescheid weiß, wird antworten: „Folge entweder meinem Weg oder einem anderen. Es gibt viele Wege. Das Wichtigste ist, überhaupt einen Weg zu gehen.“ Alle Wege führen nach Rom“, doch um dorthin zu gelangen, muss man einem folgen. Man soll seinen Weg aber auch nicht jeden Tag wechseln. Das würde nirgendwo hinführen. Wenn Sie heute diesem Meister folgen, morgen einem anderen und übermorgen wieder einem anderen, wird Ihr Ziel in weiter Ferne bleiben.

Frage: Könnten Sie bitte ein bisschen ausführlicher darüber sprechen, was Sie tun, wenn Sie meditieren? Wenn ich zu meditieren versuche, kommen alle möglichen Gedanken.

Sri Chinmoy: Diese Frage habe ich bereits unzählige Male beantwortet, aber ich will es für Sie gerne noch einmal tun.

In dieser Halle gibt es viele Türen und Fenster, die wir jederzeit schließen können. Wenn wir meditieren, schließen wir alle Türen und Fenster unseres inneren Lebens. Ein Sprichwort sagt, dass wir den Gedanken ausgeliefert sind. Ein Gedanke kann uns jederzeit belästigen. Die Kette unserer Gedanken ist endlos. Doch wenn wir meditieren, erlauben wir nicht dem kleinsten Gedanken, uns anzugreifen. In der höchsten Meditation gibt es keine Gedanken. Dieser gedankenfreie Zustand wird als Trance bezeichnet. Wenn unsere Meditation vorüber ist, müssen wir in der äußeren Welt aktiv werden. Wir treffen uns mit unseren Freunden und anderen Menschen, gehen in die Arbeit und so weiter. Was tun wir also beim Meditieren? Wir müssen versuchen, innerlich so hoch wie möglich zu gehen. Dabei muss oder kann meine höchste Meditation aber nicht Ihrer entsprechen.

Wenn wir nun unsere höchste Höhe erreicht haben, müssen wir uns daran erinnern, dass wir in unserem inneren Leben Freunde haben, genauso wie in unserem äußeren Leben. Mit „Freunde“ sind hier gute Gedanken gemeint, erhebende Gedanken, gute Ideen – zum Beispiel, dass wir dieser und jener Person helfen wollen, uns bessern wollen und so weiter. Diesen Freunden werden wir gestatten, uns zu besuchen.

Wenn in unserer Meditation also Gedanken und Ideen auftauchen, halten wir zunächst alle Türen verschlossen. Später erlauben wir nur den guten Gedanken, in uns einzutreten, Gedanken, die das Bewusstsein der Menschheit erheben. Negativen Kräften, die in Form von Gedanken zu Ihnen kommen, oder Gedanken, die Sie fühlen lassen, Sie seien anderen überlegen oder Sie könnten über andere bestimmen, gestatten wir es hingegen nicht. Das eine sind Gedanken, die mit dem Verlangen in Zusammenhang stehen, das andere Gedanken, die Ihr inneres Streben fördern. Die ersteren werden stets versuchen, Sie von Ihren Mitmenschen abzusondern. Sie werden Ihnen das Gefühl geben, Sie stünden höher als sie und ihr Platz wäre eigentlich zu Ihren Füßen. Letztere hingegen sagen uns, dass wir alle gemeinsam wachsen können. In einem Garten gibt es viele wunderschöne Blumen. Sie alle wachsen gemeinsam und schenken sowohl dem Gärtner als auch den Besuchern enorme Freude.

Am Anfang müssen Sie Ihren Verstand also völlig ruhig und leer machen. Dabei lassen Sie keinen einzigen Gedanken zu. Das ist die höchste Form der Meditation. Später werden Sie nur jene Gedanken hereinlassen, die nicht nur Ihr eigenes Bewusstsein heben, sondern auch jenes der Menschen in Ihrer Umgebung – Gedanken und Kräfte, mit denen Sie von Ihrem Herzen aus in die weite Welt hinausgehen können und die der Menschheit und Ihnen helfen, bessere Menschen zu werden. So meditieren ich und meine Schüler.

Wenn wir das Herz gebrauchen, wissen wir, was Vergebung bedeutet.

Nun habe ich also gebetet und meditiert. Ich habe versucht, Ihnen allen äußerlich und innerlich zu dienen. Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, dass Sie mir diese goldene Gelegenheit gegeben haben, den Gott-Suchern, den Gott-Dienenden und den Gott-Liebenden in Ihnen zu dienen.

Nun würde ich gerne ein Gebet vorlesen, dass ich gestern geschrieben habe. Mit dem Kopf werden wir es vielleicht nicht verstehen, doch das Herz wird die Bedeutung und die Wichtigkeit dieses Gebetes sicherlich erfassen können. Viele Menschen verwenden den Begriff ‚Gott’, doch ich ziehe den Begriff ‚Supreme’ vor. Ein Vater wird von seinen Kindern Daddy genannt, für seine Angestellten ist er Herr Soundso und seine Freunde geben ihm wiederum einen anderen Namen. Wenn er von Beruf Richter ist, werden ihn die Menschen mit ‚Euer Gnaden’ anreden. ‚Supreme’ ist also der Name, mit dem ich Gott am liebsten anspreche. Ein Kind nennt seinen Vater viel lieber ‚Daddy’ als so, wie er von seinen Freunden genannt wird. Genauso schenkt mir der Name ‚Supreme’ viel mehr Freude als ‚Gott’.

Mein Supreme, mein Supreme, mein Supreme,

Deine Neuheit stellt mich nicht zufrieden.

Dein Einssein stellt mich nicht zufrieden.

Deine Fülle stellt mich nicht zufrieden.

Einzig Deine Vergebung

stellt mich zufrieden.

Deine Vergebung stellt mich vollständig

und immerwährend zufrieden.

Mein Supreme, mein Supreme, mein Supreme!


Wenn wir das Herz gebrauchen, wissen wir, was Vergebung bedeutet. Sobald mir der Supreme, der das Höchste, das Absolute ist, Vergebung gewährt, bin ich völlig zufrieden gestellt. Ansonsten identifiziere ich mich zwar einen Augenblick lang mit dem Supreme, doch im nächsten Augenblick verliere ich diese Identifikation wieder. Auch wenn Er mir etwas Neues zeigt, Sein Einssein, Seine Unendlichkeit, Seine Unsterblichkeit oder Seine Ewigkeit, mag mich das nicht restlos zufrieden stellen. Wenn ich aber erkenne, dass Er mir vergeben hat, schenkt mir das grenzenlose Freude. Dann fühle ich, dass ich wirklich zur Manifestation Seines Willens geworden bin. Mit unserem Kopf werden wir diese Botschaft niemals verstehen können, doch wenn wir das Herz gebrauchen, werden wir die Bedeutung sofort erfassen.

Zu einem Schüler des Sufi-Meisters Pir Vilayat Khan: Ich empfinde tiefste Wertschätzung, Bewunderung, Verehrung und Liebe, Liebe, Liebe für meinen liebsten Bruder-Freund Pir Vilayat Khan. Er und ich sind in der inneren und äußeren Welt in untrennbarem Einssein verbunden. Ich habe ihm einen Namen geschenkt: Saumitra. Das bedeutet Freund, universeller Freund, guter, göttlicher, vollkommener Freund, Freund des universellen Bewusstseins. Vor vielen Jahren habe ich ihn mit einigen meiner Schüler einmal besucht und sie sangen dabei ein Lied, das ich für ihn komponiert habe. Unser Herz, unsere Seele, ja unser ganzes Leben ist in Einssein verbunden. Erst kürzlich übermittelte er mir seine segensreichen Liebe.

Teil II

SCA 353-359. Am 10. Dezember 1998 lud Sri Chinmoy anlässlich Kautuhalis Geburtstag an der Universität von Hawaii, Thomas Jefferson Hall, alle anwesenden Mitglieder der ‘Children Singing Group’ ein, je eine Frage zu stellen.

Paree: Wenn ich innerliche Probleme habe und mich nicht stark genug fühle, um die Unwissenheit - welche Form sie zu diesem Zeitpunkt auch immer annimmt - zu bekämpfen, reicht es dann, körperlich nach dem Supreme zu rufen und es Ihm zu überlassen, für mich zu kämpfen?

Sri Chinmoy: Ja, damit tust du genau das Richtige. Wenn du auf der Straße angegriffen wirst und nicht stark genug bist, um dich zu verteidigen, dann rufst du sofort jemanden um Hilfe, der entweder viel stärker ist oder der dir sehr nahesteht. Der Supreme steht dir am nächsten. Wenn du innerliche oder irgendwelche anderen Probleme hast, musst du nach dem Supreme rufen. Das gilt für uns alle. Was können wir schon mit unserer menschlichen Kraft ausrichten? Nichts, absolut nichts. Schon ein kleiner Insektenstich kann uns zur Verzweiflung bringen. Wir müssen unablässig beten. Dann wird uns diese höhere Kraft zu Hilfe kommen.

Bithika: Guru, ich verstehe das Gedicht, welches du vorgestern geschrieben hast, nicht so gut - das Gedicht über Vergebung, indem du sagst, wir würden die Neuheit, das Einssein oder die Fülle des Supreme nicht schätzen.

Sri Chinmoy: Sagte ich, wir würden die Neuheit, das Einssein oder die Fülle des Supreme nicht schätzen? Ich sagte, dass diese Qualitäten mich nicht völlig zufrieden stellen. Sie schenken mir nicht die höchste Freude. Mir ist bewusst, dass ich in diesem Leben unzählige Fehler gemacht habe. Wenn ich also erkenne, dass der Supreme mir vergeben hat, schenkt mir das enorme Freude. Ich kann vor dem Meister stehen und ihm in die Augen schauen, gleichzeitig aber denken: „Deine Neuheit fühle ich gar nicht, und dein Einssein dauert nur für die Sekunde an, in der du mich ansiehst. Nachher schaust du gleich wieder die anderen Mädchen an. Was ist das schon für ein Einssein?“

Wenn sich ein Mensch aber Gott zuwendet und Vergebung erfährt, ist die Beziehung zwischen Gott und ihm ganz direkt. Verstehst du, was ich meine? Ich habe viele Fehler gemacht und so brauche ich Gottes Vergebung. Ich fühle, dass Seine Vergebung mir die größte Freude schenkt, denn sie befreit mich von dunkelster Unwissenheit. Das bedeutet gleichzeitig die größte Freude und die größte Erleichterung. Alles Falsche wurde ausgeleert und ich bin wieder zu einem offenen Gefäß geworden. Wenn Gott mir vergibt, fällt alles Falsche von mir ab. Dann bin ich wieder für einen neuen Start bereit und kann wieder zu einem auserwählten Instrument werden.

Dieses neue, intime Empfinden stellt sich ein, wenn wir fühlen, dass der Supreme uns vergeben hat. Sonst wird der Verstand unaufhörlich negative Gedanken einbringen wie: „Gestern habe ich etwas Falsches gesagt und vorgestern etwas noch Schlimmeres getan.“ Mein Einssein mit Gott mag dann zwar vorhanden sein, doch ständig tauchen all die Dinge, die ich jahrelang oder auch gerade erst vor fünf Minuten falsch gemacht habe, vor mir auf und quälen mich. Das Beste ist also, die Versicherung zu bekommen, dass Gott meiner unmittelbaren oder schon längst in Vergessenheit geratenen Vergangenheit, ja sogar meiner Zukunft vergeben hat.

Govinda: Guru, wie können wir in diesem Jahr Neuheit in unser Leben bringen?

Sri Chinmoy: Wenn du früh am Morgen aufstehst, blicke gleich aus dem Fenster. Obwohl du das jeden Tag tust, wirst du doch jedes Mal etwas völlig Neues entdecken können. Du wirst vor deinem Haus zwar denselben Baum sehen oder was immer dort steht. Aber genau das wirst du früh am Morgen mit anderen Augen betrachten können, denn in der Nacht, während wir schlafen, besuchen uns viele gute Wesen. Manchmal kommen auch schlechte Wesen zu uns, die uns angreifen, aber meistens sind es gute Wesen – viele, sehr viele gute Wesen. Wir können sie Engel nennen oder auch anders. Sie besuchen uns in der Stille, aber wir können sie nicht sehen. Wenn du ein spiritueller Meister bist, weißt du, dass sie kommen und uns etwas schenken; sie injizieren uns gute Eigenschaften. Obwohl wir also denselben Baum, dieselbe Pflanze oder dasselbe Haus vor uns sehen, werden wir diese Gegenstände doch auf völlig neue Weise wahrnehmen. Dieses neue Gefühl oder diese neue Art der Wahrnehmung kommt nicht von dem Gegenstand, den wir betrachten, sondern von unserer eigenen Betrachtungsweise. Wenn wir etwas ansehen, können wir dieses Gefühl der Neuheit zwar leichter fühlen, aber eigentlich kommt es von innen. Es kommt von den guten Wesen, den göttlichen Besuchern, die uns besucht und uns ihre Hilfe angeboten haben. Du wirst also denselben Gegenstand sehen wie jeden Tag, doch die Wesen, die dich in der Nacht besucht und dich gesegnet haben, werden dir ein Gefühl der Neuheit vermitteln.

Tarika: Guru, warum will ich immer besonders behandelt werden?

Sri Chinmoy: Sri Chinmoy: Wenn du besonders behandelt werden willst, bedeutet das, dass du dein Ego förderst. Dir gefällt es, dich von anderen abzusondern. Doch selbst wenn keine anderen Menschen im Spiel sind, kannst du ein Gefühl der Trennung haben. Wenn dein Bewusstsein auf deine Augen gerichtet ist, wirst du denken, sie seien viel schöner als deine Nase oder deine Ohren. Und wenn du deinen rechten Arm anschaust, wirst du das Gefühl haben, er sei viel stärker als der linke. Es hängt also davon ab, worauf wir unser Bewusstsein richten.

Wenn du besonders behandelt werden willst, bedeutet das, dass du dich von deiner Freundin Bimbika und den anderen Menschen innerlich und äußerlich abgrenzt. Das gleiche gilt für uns alle. Ich schätze und bewundere deine Aufrichtigkeit, aber traurigerweise isolierst du dich. Deine Nase, deine Augen, deine Hände – sie alle gehören dir. Aber wo bist du mit deinem Bewusstsein? Es kann auf einen bestimmten Körperteil oder auf deinen gesamten Körper gerichtet sein.

Du sonderst dich von der Welt ab. Doch wenn du die Welt als dein eigen annimmst, ganz dein eigen, brauchst du keine Sonderbehandlung. Wenn sie dir der Meister gewährt, schön und gut. Verlangen wir jedoch nach ihr, bedeutet das, dass wir auf irgendeine Weise unsere Überlegenheit zeigen wollen. Wir wollen zeigen, dass wir besser sind und über den anderen stehen.

Die Wurzel des Problems ist also, dass du dich absonderst. Wenn du den Wunsch verspürst, jemand Besonderes zu sein, so ist es am besten, sofort an andere zu denken. Denke an zehn oder zwölf deiner Freundinnen. Dann wirst du dich fühlen wie in einer Gruppe. Anstelle ein Gefühl der Isolierung zu hegen oder das Gefühl, jemand Besonderes zu sein, wirst du dann sagen: „Ich will jemand Besonderes sein - aber nur, wenn alle anderen es auch sind. Ich will meine Süßigkeiten nicht alleine essen, während meine Freundin ein vegetarisches Hotdog isst. Wenn ich mir meine geliebten indischen Süßigkeiten kaufe, werde ich sie mit ihr teilen. Nur so kann ich besonders sein.“ Das Lächeln, das dir deine Freundin schenken wird, wird dir viel mehr Freude bereiten, als wenn du dich zurückziehen und deine Süßigkeiten alleine essen würdest.

Je tiefer wir unser inniges, seelenvolles und liebendes Einssein mit anderen empfinden können, desto größer wird unsere Freude sein. Finde deine Besonderheit also in deinem Einssein, nicht in deiner Absonderung. Nimm dir vor, besonders sein zu wollen, indem du deine Freundinnen einschließt. Sage dir einfach: „Ich will alle meine Freundinnen mit einschließen. Nur dadurch will ich etwas Besonderes sein, und nicht, indem ich mich von ihnen absondere.“

Spirituelle Meister sind etwas Besonderes. Warum? Weil sie alles und jeden lieben. Sie lieben dieses Land, jenes Land, alle Länder. Amerika ist zweifellos eine Supermacht. Doch wenn es mit allen Ländern vereint wäre, wäre Amerika dann nicht einzigartig? Doch manche Menschen bestehen darauf, dass man nur durch Trennung etwas Besonderes sein kann. Eine Art, besonders zu sein, ist auf Distanz gehen. Es liegt unter der Würde gewisser Personen, mit anderen zu sprechen. Sie drücken ihre Besonderheit durch Ablehnung aus, nicht durch Annahme. Doch der andere Weg, besonders zu sein, liegt in der Vereinigung mit der ganzen Welt. Hier wird man bewusst Teil der Welt und umarmt die ganze Welt.

Dein Weg, besonders zu sein, führt also über die Annahme jedes Menschen als dein eigen, ganz dein eigen. Die beste Art und Weise, besonders zu sein, liegt darin, zu beten: „Was immer Dein Wille sein mag, o Meister, o Höchster, führe ihn in mir und durch mich aus.“ Dann bist du sicher. Wenn du Gott alle Verantwortung übergibst, dann wird Er tun, was immer Er als das Beste für dich erachtet. Ich sage dir, das ist der sicherste und vollkommenste Weg, besonders zu werden: indem du Ihm die Verantwortung für dein Leben übergibst.

Nirata: Wie können wir unsere Begeisterung und Inspiration aufrechterhalten, besonders dann, wenn Du nicht bei uns bist?

Sri Chinmoy: Inspiration erhältst du beispielsweise, wenn du vor einem Baum stehst, seine Blüten, Früchte und Blätter betrachtest und seine Schönheit bewunderst. Aber häufig kommt es vor, dass wir in Gedanken ganz woanders sind. Vielleicht sind wir gerade hungrig und denken an eine Pizza. Wir überlegen uns, ob sie mit Käse oder Champignons belegt sein soll. Wo bleibt dann unsere Inspiration? Der Baum dient uns zur Inspiration. Er ist wunderschön und vermag uns unmittelbar in die Stille zu führen. Doch wo sind wir mit unserem Bewusstsein?

Vor einem Baum oder einem Gewässer zu stehen, kann für uns eine große Gelegenheit sein – vorausgesetzt, unser Bewusstsein ist darauf gerichtet. Wie viel Inspiration uns der wunderbare Anblick doch schenken kann! Wenn ich aber darin einen Fisch sehe und ihn mir in meiner Gier auf dem Teller wünsche, anstatt seine Schönheit zu bewundern, wo bin ich dann mit meinen Gedanken? Es liegt an mir, seine Schönheit und die Eleganz seiner Bewegungen zu würdigen oder meinen schlechten Gedanken nachzuhängen. Wir müssen also immer wissen, wo sich unser Bewusstsein befindet.

Nun, du hast mich bereits unzählige Male gesehen. Wenn du mich jedoch sehen willst, obwohl ich körperlich nicht anwesend bin, dann stelle dir einfach vor: „Mein Guru steht jetzt vor mir.“ Das wird dir Inspiration schenken. Vorstellung bedeutet nicht Einbildung. Nein! Sie ist eine Welt für sich, eine absolute Wirklichkeit; doch erst, wenn wir sie auf die physische Ebene herab bringen, wird sie greifbar. Wenn ich beispielsweise ein Gedicht verfasse, ein Lied komponiere oder sonst irgendetwas erschaffe, hat es seinen Ursprung immer auf der Ebene der Vorstellung.

Wenn du nach New York zurückfliegst, bin ich vielleicht in Singapur oder woanders. Aber versuche dir trotzdem vorzustellen, dass ich vor dir stehe. Was ist dagegen einzuwenden? Dabei handelt es sich nicht um Einbildung. Wenn ich jemanden liebe, sei es meine Mutter, meinen Vater oder sonst jemanden, ist es ganz natürlich, dass ich diese Person auch sehen will. Es mag stimmen, dass ich sie im Moment nicht mit meinen physischen Augen sehen kann; doch mit meinem inneren Auge, mit meinem inneren Empfinden, kann ich mir leicht vorstellen, wie diese Person vor mir steht. Und dadurch wird sie in meinem Leben greifbar und wirklich.

Im Augenblick sitze ich hier vor euch. Einige von euch fühlen große Inspiration, während andere nur hier sind, um zu sehen, wer sonst noch anwesend ist. Oder sie sagen sich: „Was werden die Leute von mir denken, wenn ich nicht komme?“ Jeder Einzelne hat also seinen ganz persönlichen Grund, warum er sich in der Gegenwart eines Meisters aufhält! Aber es gibt auch Sucher, die sagen: „Mir ist es völlig egal, ob andere hier sind oder nicht. Das geht mich nichts an. Meine Aufgabe ist nur, bei meinem Guru zu sein und mich von ihm inspirieren zu lassen.“

Während wir uns hier unterhalten, spreche ich zum Teil über sehr subtile Dinge; andererseits könnt ihr sehen, dass ich es auf familiäre Art und Weise tue. Es ist fast wie eine Plauderstunde. Ihr stellt mir ernsthafte Fragen und natürlich beantworte ich diese auch auf ernsthafte und subtile Weise. Dir, gutes Mädchen, rate ich: Ganz gleich, wo du dich aufhältst, nimm mich einfach mit dir mit. Wenn wir Gottes Namen als Mantra wiederholen – „Supreme, Supreme, Supreme“ - wo fühlen wir dann Seine Anwesenheit? Am Gipfel des Himalaya, weil er der Höchste ist? Nein, wir fühlen sie in unserem Herzen, hier in unserer Brustmitte, oder direkt vor uns. Und genauso kannst du mich direkt vor deine Augen oder vor dein drittes Auge bringen, ganz gleich wo ich mich aufhalte. Das wird dir Inspiration schenken.

Aber wie ich vorher schon sagte: Wenn ich einen Baum betrachte, aber eine leckere Pizza im Kopf habe, oder mich in einem schönen Garten befinde, aber in Gedanken ganz woanders bin, erhalte ich davon natürlich keine Inspiration. Wenn wir einen Meister haben, so stellt dieser zweifellos die größte Quelle der Inspiration für uns dar. Doch wir müssen den Vorteil dieser Inspiration auch nutzen. Das gleiche gilt für den Garten, den Baum oder sonst irgendetwas, das uns Inspiration schenkt. Wenn ein Gegenstand oder ein Mensch, der viel Inspiration vermittelt, direkt vor uns steht, sollten wir das, was er anzubieten hat und was wir von ihm brauchen, auch annehmen. Sonst kann es sein, dass wir wohl etwas Besonderes oder jemand Besonderen betrachten, aber an etwas ganz anderes denken. Die Kraft unserer Gedanken ist viel stärker als die Sicht unserer Augen. Wir können eine Person anschauen, aber an eine andere denken und damit viele Menschen an der Nase herumführen. In deinem Fall rate ich dir also, dir einfach vorzustellen, dass ich direkt vor dir stehe, selbst wenn du dich an einem anderen Ort oder Land als ich befindest.

Es gibt eine Schülerin, deren Namen ich jetzt nicht nennen will, aber sie zählt bereits zu den älteren Semestern. O Gott! Sie sagt, dass sie mich immer sieht oder meine Gegenwart spürt, wohin ich auch gehe oder wohin sie auch geht. Nun, wo befindet sich ihre Heimatstadt und wo ist New York? Sie wohnt nicht in New York. Vielleicht werde ich sie in diesem Leben nie wieder auf der physischen Ebene sehen. Und doch ist es nicht ihre Einbildung. Durch die Kraft ihrer Vorstellung nimmt sie mich überall vor ihr und an ihrer Seite wahr.

Bimbika: Wie können wir unseren Widerwillen überwinden?

Sri Chinmoy: Wenn wir wissen, dass wir etwas Gutes tun sollen, dann müssen wir unseren Widerwillen als einen ungezogenen Jungen betrachten, als unseren unartigen kleinen Bruder. Stell dir vor, du sagst zu deinem kleinen Bruder: „Komm und iss! Es ist Essenszeit.“ Doch er spielt nur herum und denkt nicht ans Essen. Was machst du in diesem Fall? Du nimmst ihn zur Seite und sagst: „Du musst essen. Sonst erlaube ich dir nicht, hier zu bleiben.“ Zuerst wird er sich widersetzen. Er wird nach dir treten und auf dich losschlagen. Wenn er aber erkennt, dass du viel stärker bist als er, wird er aufgeben. Wir können den Widerwillen als ein Individuum betrachten, als einen äußerst unartigen und boshaften Jungen.

Du musst fühlen, dass du innerlich viel stärker bist als dieser kleine unartige Junge. Du weißt ganz genau, dass deine physische, vitale und mentale Stärke, dein gesamtes Kraftpotential, jenes des Kleinen bei weitem übertrifft. Deswegen kannst du ihn dir bedenkenlos schnappen. Zuerst wird er böse sein und auf dich losschlagen, doch mit der Zeit wird er müde werden. Er wird begreifen, dass du viel stärker bist als er, und auch erkennen, dass du Recht hast. Solange er es nicht besser weiß, weigert er sich, das Richtige zu tun, aber später wird er es mit Freude tun.

Man muss mit dem Widerwillen sehr streng verfahren. Wenn du morgens um sechs Uhr aufzustehen hast und sich Widerwille oder Lethargie einstellen, dann spring ganz schnell aus dem Bett und strecke deine Arme und Beine. Du musst dem Widerwillen mit Schroffheit begegnen und darfst ihm keine Zeit lassen, überhand zu nehmen. Er hat sich in uns über einen langen Zeitraum entwickelt und ist äußerst zerstörerisch. Der Ursprung des Widerwillens liegt im Verstand, nicht im Körper oder in der Lebenskraft – im Verstand, der müßig und lethargisch geworden ist. Bringe also dein Herz früh am Morgen oder im Lauf des Tages zum Vorschein und mach dir bewusst, dass die Kraft deines Herzens jene deines unwilligen Verstandes bei weitem übertrifft.

Kautuhali: Guru, was kann ich tun, um Dich noch mehr zufrieden zu stellen?

Sri Chinmoy: Das ist eine ausgezeichnete Frage! Allein die Tatsache, dass du mich zufrieden stellen willst, stellt mich schon zutiefst zufrieden! Wie viele Sucher würden es wagen, diese Frage selbst in ihren kühnsten Vorstellungen zu stellen? Sie haben die Möglichkeit dazu bereits verloren. Sie werden fragen müssen: „Kann ich dich jemals wieder zufrieden stellen?“ Verstehst du, was ich damit sagen will? Hunderte von Schülern müssten und sollten die Frage so stellen: „Oh Guru, werde ich dich in dieser Inkarnation jemals wieder so zufrieden stellen können wie vor dreißig Jahren?“ Da sie mich nicht im Geringsten zufrieden stellen, stellt sich für sie die Frage gar nicht, wie sie mich mehr zufrieden stellen können. In diesem Fall bin ich wirklich hart. Ich sage ihnen klipp und klar: „Fangt wieder von vorne an!“

In deinem Fall jedoch ist deine Frage wirklich aufrichtig. Du weißt, dass du viele Schritte in die richtige Richtung getan hast und du fühlst zu Recht, dass du mich zufrieden stellst. Nun willst du mir noch mehr Freude bereiten.

Viele Sucher sind nicht aufrichtig. Sie sagen: „Ich stelle meinen Guru ja zufrieden“, ohne es wirklich zu tun. Wer kann jemanden davon abhalten, sich selbst zum Narren zu halten? Sie mögen fragen: „Wie kann ich dich mehr zufrieden stellen?“, um alle fühlen zu lassen, dass sie mich bereits zufrieden stellen und ihrem Guru diese Frage zu Recht stellen.

Mit dir, gutes Mädchen, bin ich sehr zufrieden. Nun, im gewöhnlichen Leben gibt es so etwas wie ‚zuviel des Guten’. Wenn ich nur ein Sandwich vertrage, aber drei esse, werde ich Magenprobleme bekommen. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir mit allem Materiellen und Irdischen – selbst wenn es sich um gute Dinge handelt ist – äußerst vorsichtig umgehen müssen. Mit spirituellen Dingen jedoch verhält es sich anders. Wenn du zu Gott um grenzenlosen Frieden betest, brauchst du keine Angst zu haben, dass es zu viel werden könnte. Sage nicht: „Oh nein! Ich kann doch nur ein kleines bisschen Frieden aufnehmen!“ Wenn Er dir Frieden schenkt, wird er es gemäß deiner Empfänglichkeit tun. Er weiß, ob du nur ein wenig oder viel oder unendlich viel davon assimilieren kannst.

Deine Frage lautet „Wie kann ich dich mehr zufrieden stellen?“ Schau dir dein Leben an, seit du auf unseren Weg zurückgekommen bist. Jetzt tust du so viele gute Dinge, an die du vor ein paar Jahren nicht einmal gedacht hättest! Da in deinem Leben nun alles gut läuft, bist du dir dieser guten Dinge auch bewusst. Wenn du zu einer bestimmten Zeit an mich denkst, beobachte, wie viel Aufrichtigkeit und Reinheit in deinen Gedanken liegt und wie stark dein Gefühl der Nähe und des Einsseins ist. Dann versuche diese guten Eigenschaften zu vergrößern. Oder wenn du ein wenig Freude empfindest, weil ich dich vielleicht angelächelt habe, weil du mir irgendwo begegnet bist oder weil deine Freundinnen etwas Nettes über dich gesagt haben, dann steigere einfach diese Freude. Es ist alles eine Sache von Aktion und Reaktion. Du tust etwas Gutes und das ruft in dir positive Gefühle hervor. Du bist gut, du stellst mich zufrieden, und jetzt musst du fühlen, dass du noch einen Schritt weiter gehen kannst.

Wenn ich in der materiellen Welt mehr als ein oder zwei Sandwiches verzehre, beginnen die Probleme. Doch wenn ich in der inneren Welt mehr Frieden, mehr Licht, mehr Liebe und Glückseligkeit von meinem Meister aufnehme, werde ich davon nicht krank werden. Darin liegt der Unterschied. Wenn wir im gewöhnlichen, äußeren Leben bestimmte Dinge zu plötzlich steigern, wird es schnell zu viel und in der Folge leiden wir. Im Bereich der Spiritualität hingegen verhält es sich vollkommen anders. Wenn du im spirituellen Leben nach mehr Freude, mehr Liebe, mehr Frieden oder mehr Stille verlangst, um mich noch mehr zufrieden zu stellen, dann tust du genau das Richtige.

Hab also keine Angst davor, um mehr Licht, mehr Frieden, mehr Glückseligkeit, mehr Mitgefühl, mehr Segen, mehr Zuneigung und Anteilnahme zu bitten. Hierbei handelt es sich um gute, göttliche Dinge. Je mehr du beten und je sehnsüchtiger du nach diesen Dingen verlangen kannst, desto mehr wirst du empfangen können. Fahre einfach fort, das Richtige zu tun, aber tue es in immer größerem Ausmaß. Wenn du früh am Morgen zehn Minuten lang betest und meditierst, dann versuche es von nun an zwölf oder dreizehn Minuten lang zu tun. Das gleiche gilt für alle deine anderen spirituellen Aktivitäten.

Das Beste ist, sich früh am Morgen vor den Spiegel zu stellen und zwei oder drei Minuten lang so aufrichtig und innig wie möglich zu lächeln. Stelle dir dabei vor, dass ich dich beobachte und dein Lächeln benote. Dann wird dein Lächeln die Aufrichtigkeit deines Herzens und die Reinheit deines Verstandes ausdrücken und enthüllen.

Versuche anschließend zu fühlen, dass du dich nicht selbst anlächelst, sondern mich. Zu diesem Zeitpunkt wirst du weder deine Haare noch deine Augen oder sonst irgendetwas an deiner äußeren Erscheinung bewundern. Nein! Du musst fühlen, dass du nur deshalb so innig, seelenvoll und voller Hingabe lächelst, um mir Freude zu bereiten. Wenn du den Tag mit einem Lächeln beginnen kannst, werden alle negativen Kräfte, wie zum Beispiel die Frustration und Verzweiflung des vergangenen Tages darüber, dass jemand in deiner Arbeit gemein zu dir war, verschwinden. Wir sollten jeden Tag mit einem Lächeln beginnen, um all das Gift, das wir am Vortag aufgenommen haben, wieder auszuscheiden. Ein Lächeln ist wie die hervorbrechende Morgensonne. Wenn wir lächeln, gibt es am Himmel keine Wolken mehr. Beginne deine Reise also mit einem Lächeln, einem wirklich aufrichtigen, schönen und reinen Lächeln. Dieses Lächeln wird der goldene Beginn, der äußerst kraftvolle Beginn dazu sein, mich mehr, unvergleichlich mehr zufrieden zu stellen, als du es jetzt tust.

Teil III

SCA 360-365. Am 14. Dezember 1998 beantwortete Sri Chinmoy an der Universität von Hawaii während einer Zusammenkunft mit seinen Schülern die folgenden Fragen:

Frage: Kann die Seele in einem Leben nur begrenzt Fortschritt machen?

Sri Chinmoy: Wenn du keinen Lehrer hast und völlig auf dich alleine gestellt bist, ist allem eine Grenze gesetzt. Mit Hilfe einer anderen Person oder deiner eigenen Seele jedoch wirst du über diese Grenze hinausgehen können. Wenn du auf dich gestellt bist, gelangst du bis zu einem gewissen Punkt und nicht weiter. Mit Hilfe deiner Seele wirst du einiges weiter gehen können. Wenn du die Hilfe deiner Seele annehmen kannst, wird dich Gott bestimmt durch sie leiten. Mit der Hilfe eines Lehrers jedoch kannst du noch weiter und noch höher gelangen.

Der Fortschritt des Körpers, des Vitalen und des Verstandes ist also sehr begrenzt, wenn diese auf sich alleine gestellt sind. Wenn das Vitale oder der Verstand jedoch Hilfe von der Seele annehmen kann, werden seine Fähigkeiten enorm gesteigert.

Hier mache ich ein paar Leibesübungen und X hilft mir dabei. Einige der Übungen könnte ich auch ohne ihn durchführen. Aber seine Hilfe stärkt mich. Ohne seine Hilfe könnte ich nur zwanzig oder dreißig Pfund heben.

Wenn du dich ausschließlich auf deinen physischen Körper, dein Vitales oder deinen Verstand stützt, ist allem eine Grenze gesetzt. Sobald du aber Hilfe von deiner Seele, von Gott oder von einem spirituellen Meister erhältst, wird dein Fortschritt unbegrenzt sein. Dann gibt es keine starre Regel mehr. Wenn du dich auf eine höhere Macht verlässt, kannst du über diese Grenzen hinausgehen.

Frage: Einmal sah ich in einem Regenbogen dein Gesicht.

Sri Chinmoy: (lachend) Das ist sehr gut! Eigentlich bin ich nicht besonders schön, aber der Regenbogen hat mich sicher schöner gemacht. Ein Regenbogen setzt sich aus sieben Farben und sieben Strahlen zusammen. Er bedeutet immer zugleich Erfolg und Fortschritt, doch dieser Erfolg und Fortschritt müssen nicht in der äußeren Welt stattfinden. Ein Regenbogen kündigt Erfolg, Fortschritt, göttlichen Sieg und viele andere positive Dinge an. Wenn du einen Regenbogen siehst, wirst du in der äußeren Welt vielleicht keinen Erfolg wahrnehmen können; in der inneren Welt jedoch hat bereits ein Fortschritt stattgefunden oder wird es bald tun. Sind dir Erfolg und Fortschritt nicht bestimmt, wirst du auch keinen Regenbogen sehen, und selbst wenn einer am Himmel ist, wirst du in eine andere Richtung blicken. Während eines Spazierganges beispielsweise wirst du auf den Boden blicken, um das Gleichgewicht zu halten. Sind sie dir aber bestimmt, wirst du, auch wenn du gerade Auto fährst, den Blick wenden und den Regenbogen sehen. Habe also immer den Himmel im Blick und schau nicht ständig auf den Boden!

Frage: Können wir irgendetwas tun, damit deine Knieschmerzen nachlassen?

Sri Chinmoy: (Im Scherz) Natürlich! Du kannst mit dem alten Mann hoch oben reden. Wenn dein Ur-Ur-Urgroßvater dein Gebet erhört, habe ich sicher nichts dagegen einzuwenden!

Die Angelegenheit ist sehr komplex. Dieser Schmerz ist nicht nur physisch. Es hat mit der ganzen Welt zu tun. Viele werden jetzt vielleicht sagen: „So ein Angeber! Er hat einfach nur schlechtes Karma aus seiner letzten Inkarnation und jetzt muss er dafür bezahlen.“

Einige spirituelle Meister haben die Ansicht vertreten, das letzte Chakra oder spirituelle Energiezentrum sei am unteren Ende der Wirbelsäule. Andere hingegen konnten mit ihrer okkulten Schau erkennen, dass sich auch in den Knien, in den Knöcheln, in den Zehen und an vielen anderen Stellen des Körpers Chakren befinden, und sie haben recht. Dem ist wirklich so. Bis jetzt konnte das Weltbewusstsein Licht nur bis hinab zur Basis der Wirbelsäule empfangen. Wenn spirituelle Meister versuchen, Licht unterhalb dieses Niveaus zu bringen, leiden sie in unvorstellbarem Maße. Wie sehr musste Sri Aurobindo leiden! Eigentlich begann es schon mit Krishna. Krishna war allwissend und allmächtig. Was aber war mit seinem Fuß, seiner Ferse? Dort war seine Schwachstelle, und genau dort traf ihn der Pfeil eines Bogenschützens.

Ein anderes Beispiel ist Ramana Maharshi. Er konnte an seinem Lebensabend kaum noch gehen! Das gleiche gilt für viele andere spirituelle Meister. Buddha wurde achtzig Jahre alt, doch wie erbärmlich war seine Gehweise ab seinem dreiundsiebzigsten Lebensjahr! Buddha verkörperte das unendliche Licht, doch gegen Ende seines Lebens verursachte ihm schon das bloße Gehen immense Schmerzen, und das nicht nur für kurze Zeit, sondern viele Jahre lang.

Viele spirituelle Meister haben Schmerzen dieser Art erduldet, entweder im Knie oder im Hals oder an anderen Stellen des Körpers. Wenn man einen menschlichen Körper annimmt, muss man auch den Preis dafür bezahlen. Viele Menschen sind der Ansicht, die Kreuzigung Christi sei sein größtes Opfer gewesen. Mutter Maria jedoch vermittelt uns eine andere, sehr süße innere Botschaft: „Nein, das größte Opfer meines Sohnes war seine bloße Menschwerdung – die reine Tatsache, dass er eine menschliche Inkarnation angenommen hat.“

Wenn spirituelle Meister auf die Erde kommen, um das Bewusstsein der Menschheit zu heben, ist ihre bloße Existenz schon ein unvorstellbares Opfer. Wenn der Tod sie dann holt, ist alles vorbei. Innerhalb von ein paar Sekunden oder Stunden treten sie über die Schwelle des Todes. Doch ihr gesamtes Leben war ein Opfer. Meine bisherigen siebenundsechzig Jahre hier auf Erden waren keine Kleinigkeit! Das gleiche gilt für die dreiunddreißig Erdenjahre des Erlösers Jesus Christus. Die irdische Existenz eines spirituellen Meisters ist das höchste Opfer. Viele werden über den Tod des Meisters sagen: „Er opferte sein Leben für das Bewusstsein der Welt.“ In einem gewissen Sinne entspricht das auch der Wahrheit. Doch während er auf der Erde weilte, trank er Gift, um seine spirituellen Kinder, seine große Familie zu retten. Der Tod ist eine Form des Opfers. Wenn man eine große Dosis Gift schluckt, stirbt man sofort. Doch leidet man nicht mehr, wenn man jeden Tag, jede Woche, jeden Monat schleichendes Gift zu sich nimmt? Das kann aber auf jedermann zutreffen, nicht nur auf spirituelle Meister. Wenn jemand Größe und Güte besitzt, dann ist seine irdische Existenz alleine schon ein großes Opfer.

Was heißt aber wiederum Opfer? Wo Einssein ist, gibt es kein Opfer. Aufgrund ihres Einsseins tut eine Mutter alles für ihr Kind, und auch das Kind tut vieles für seine Mutter aufgrund seines Einsseins mit ihr. Wenn du dich von anderen Menschen absonderst, dann gibt es auch ein Opfer. Wenn man den Himmel als von der Erde getrennt ansieht, dann kann man es natürlich als Opfer des Himmels betrachten, wenn er eine mächtige Seele auf die Erde herabschickt. Und wenn diese Seele dann den Körper wieder verlässt, kann man dies als Opfer der Mutter Erde betrachten. Sind Mutter Erde und Vater Himmel hingegen eins, dann gibt es kein Opfer. Meine Mutter braucht meinen Dienst. Ich gehe zu ihr. Im nächsten Moment benötigt mich mein Vater. Ich gehe zu ihm. Das ist alles.

Frage: Welche tiefere Bedeutung hat ein Komet?

Sri Chinmoy: Ein Komet erscheint, wenn etwas äußerst Wertvolles das Erdbewusstsein verlässt. Aus spiritueller Sicht bedeutet es, dass etwas sehr Bedeutungsvolles auf der Erde geschehen ist. Als Sri Ramana Maharshi verstarb, konnte man im Süden Indiens einen Kometen sehen.

Frage: Hier auf den Inseln Hawaiis ist die Natur so wunderschön. Hält die Schönheit der Natur die Menschen davon ab, tiefer in die Spiritualität einzutauchen?

Sri Chinmoy: Die Natur ist Gott die Mutter. Die Natur ist dazu da, den Kindern Gottes zu helfen. Wie jede andere Mutter ist auch Gott die Mutter stets bereit zu geben. Gleich was das Kind will – sei es etwas zu kauen, Bonbons, Milch oder sonst etwas - die Mutter gibt es ihm. Wenn wir den Verstand oder das Vitale gebrauchen, ist die Natur nur bezaubernd und verführerisch. Der Begriff verführerisch ist passend. Wenn wir nur auf ihre äußere Schönheit schauen, werden wir ein Opfer dieser Verführung. Wollen wir hingegen die innere Schönheit der Natur sehen und bewundern, dann müssen wir augenblicklich beten und meditieren – sei es unter einem Baum, an einem Fluss, in einem Garten oder irgendwo sonst in der Natur.

Wenn wir eine Blume betrachten, sollten wir tief nach innen tauchen. Dann müssen wir uns sogleich die Frage stellen: „Woher kommt diese Schönheit?“ Die Quelle dieser Schönheit ist Gott, nicht der Gärtner. Wenn wir beten und meditieren, schätzen wir die innere Schönheit der Blume. Legst du hingegen keinen Wert auf diese innere Schönheit, dann besitzt diese Blume lediglich eine Art Zauber, und sie kann sogar eine Art vitale Erregung in uns hervorrufen. Und hier fangen unsere Probleme an.

Hier in Hawaii könnte die Natur den Menschen eine große Hilfe sein. Die Natur ist immer bereit zu helfen. Doch die Menschen kommen nicht hierher, um zu beten und zu meditieren oder um inneres Licht oder innere Schönheit zu erfahren, sondern um die äußere Schönheit zu genießen. Dieser Ort ist also wie eine Mutter oder wie der berühmte Baum, der alle Wünsche erfüllt. Wenn du diesen Baum um die Erfüllung deiner Begierden bittest, wird er sie dir gewähren. Bittest du ihn hingegen um die Erfüllung deiner spirituellen Wünsche, wird er diese ebenfalls gewähren. Was immer du dir wünschst, wirst du bekommen.

Das gleiche gilt für den kosmischen Gott Shiva. Er ist bereit, dir alles zu geben, was du dir wünschst. Wenn du danach verlangst, jemanden töten zu können, indem du deine Hand auf seinen Kopf legst, wird er sagen: „Gut, nimm diese Macht.“ Betest du hingegen zu Shiva: „Schenke mir bitte so schnell wie möglich die Gottverwirklichung“, wird er sagen: „Gut, nimm die Verwirklichung.“ Es ist dieselbe Gottheit, die zwei so unterschiedliche Wünsche gewährt! Wir müssen also weise sein. Wenn ich um negative Dinge bitte, muss ich auch die Konsequenzen dafür tragen. Shiva wird nur sagen: „Es ist ganz allein deine Schuld. Du hast mich darum gebeten und ich habe es dir gegeben.“ Mit der Schönheit der Natur ist auch so. Es kommt darauf an, was du von dieser Schönheit willst. Wenn wir in das Herz der Schönheit eintauchen wollen, dann werden wir beten und meditieren. Wollen wir hingegen nur den Körper der Schönheit sehen und bewundern, sind wir verloren.

Frage: Wenn dir Menschen beim Gewichtheben zusehen, hat das dann irgendeine Auswirkung auf ihr Bewusstsein?

Sri Chinmoy: Gott hat mir aus Seiner unendlichen Güte heraus einige gute Eigenschaften gegeben. Er will Sein Licht in und durch mich verbreiten. Manchmal ist es für die innere Welt schwierig, sich nur durch Gebet und Meditation zu manifestieren. Doch die physischen, vitalen, mentalen und spirituellen Ebenen sind völlig verschiedene Bereiche. Wenn die äußere Welt bis zu einem gewissen Grad an meine körperlichen Fähigkeiten glauben kann, wird sie viel eher auch Glauben an die Fähigkeiten und guten Eigenschaften meines Vitalen haben, wie zum Beispiel Dynamik und Begeisterung, die nie zerstörerisch wirken. Das gleiche gilt für meine geistigen Fähigkeiten und meine Kreativität. Die Menschen werden sehen, dass ich viele Bücher geschrieben, viele Bilder gemalt, viele Lieder komponiert habe und so weiter. Wenn dieselbe äußere Welt dann Vertrauen in mein Herz gewinnen will, wird sie schauen, wie viel Frieden oder Mitgefühl ich besitze. Und will sie schließlich an meine Seele glauben, wird sie den Grad meiner Erleuchtung beurteilen.

Wir können also jeden Bereich für sich betrachten. Wenn jemand auf einem Gebiet erfolgreich ist, wird ihn die äußere Welt viel eher auch auf einem anderen Gebiet annehmen und schätzen. Ein Geschäftsinhaber verkauft viele verschiedene Artikel. Wenn ein Kunde in seinem Geschäft etwas kauft und damit zufrieden ist, wird er Vertrauen gewinnen und sich dort später wieder etwas kaufen.

Die meisten spirituellen Meister versuchen nur, etwas von der Seele oder vom Herzen anzubieten. Sobald die Verstandesebene ins Spiel kommt, setzt Verwirrung ein. In meinem Fall will Gott, der Supreme, dass ich meinen Dienst auf allen Ebenen anbiete. Wenn jemand glaubt, dass ich einen Elefanten heben kann, wird dieselbe Person vielleicht auch an meine spirituellen Fähigkeiten glauben. Als wir vor ein paar Wochen unsere Feier bezüglich meines Gewichthebens begingen, bemerkte einer der Bodybuilder, ich hätte nicht nur Gewichte gehoben, sondern etwas noch viel Schwereres, nämlich das Bewusstsein des Publikums. Ist das nicht bemerkenswert? Obwohl er nicht mein Schüler ist, sagte er, ich habe so viele Menschen innerlich erhoben. Wie viel Weisheit er besitzt, wie viel Kenntnis von dem, was ich verkörpere!

Wenn du auf der höchsten Höhe keinen Zugang zu mir hast, dann versuche, auf einer niedrigeren Stufe eine Verbindung zu mir herzustellen. Die Menschen dieser Welt können körperliche, vitale oder mentale Kraft, die sich auf einer niedrigeren Ebene befinden, schätzen. Wer jedoch schätzt die Kraft des Herzens – Einssein? Mit dieser Kraft kannst du innerlich leicht nach Afrika reisen und mit Millionen von Menschen innerlich eins werden. Mit ihr kannst du die höchsten Gipfel des Himalayas erklimmen und von dort aus deinen guten Willen in die ganze Welt hinaus schicken. Swami Vivekananda sagte, die gesamte innere Welt würde mit dem Klang dieses Herzenswillens im Einklang schwingen. Doch wer glaubt solche Dinge schon? Meistens werden sie als reine Einbildung abgetan.

Wenn jemand noch nicht bereit ist für fortgeschrittene Lektionen, kann er zunächst etwas Einfaches lernen und sich nach und nach schwierigeren Aufgaben zuwenden. Wenn die Menschen an eine Sache glauben, die ich vollbringe, werden sie Bereitschaft zeigen, auch an meine anderen Fähigkeiten zu glauben. Sie werden meine Dynamik und meinen Enthusiasmus bemerken und vielleicht bei unserem Freundschaftslauf oder einer unserer anderen Aktivitäten teilnehmen. Viele Menschen, die mein Gewichtheben schätzen, wissen gar nicht, dass ich auch ein spiritueller Meister bin.

Wenn die Menschen in irgendetwas Vertrauen haben, können sie von dort aus weiter gehen. Sie werden fragen: „Hat er sonst noch etwas anzubieten?“ Wenn dir ein Geschäft gefällt, wirst du den Besitzer fragen: „Haben Sie auch noch dieses oder jenes?“ Gefällt dir dort hingegen gar nichts, ist der Fall für dich erledigt. Würdest du noch einmal dorthin gehen? Sicher nicht!

Sri Ramakrishna stellte einmal die Frage, warum man auf einen Menschen hören solle, der keine Macht besitzt. Dabei bezog er sich jedoch nicht auf die Macht der Zerstörung, sondern auf die Macht des Einsseins. Wenn die Menschen deine innere Macht weder sehen noch fühlen können, musst du ihnen einen Ausdruck dieser Macht zeigen. Als Swami Vivekananda Chikago besuchte, offenbarte er die Einsseins-Macht seines Herzens. Als er das Publikum am Parlament der Religionen mit den Worten ansprach: „Meine Schwestern und Brüder“, berührte er damit augenblicklich die dynamische Lebenskraft der Menschheit. So wurde er unsterblich. Das war seine Macht. Macht ist wie ein Messer: Du kannst damit dich selbst und andere erstechen oder Früchte schneiden, um sie mit anderen zu teilen.

Viele Menschen haben so schöne Dinge über mein Gewichtheben gesagt! Wenn die Menschen an einen Aspekt meines Lebens glauben, werden sie versuchen, auch an die weiteren Aspekte zu glauben. Und schließlich werden sie sagen: „Oh Gott, auf diesem Gebiet kann er der Welt ja noch viel mehr geben!“ Dann werden sie in mein Herz und in meine Seele eintauchen. Die Fähigkeiten der äußeren Welt sind nichts im Vergleich zu jenen der inneren Welt. In der äußeren Welt hebe ich 300 Pfund, aber in der inneren Welt sind 300 Pfund gar nichts! Verglichen mit dem, was ich in der inneren Welt zu heben imstande bin, ist das nicht mehr als ein kleiner Tropfen. In der inneren Welt kann man Meere zusammenführen; ich besitze diese Fähigkeit. Natürlich werden viele sagen, ich prahle, denn in der äußeren Welt kann mich schon ein kleiner Tropfen zur Strecke bringen.

Mein Gewichtheben ist eine Gelegenheit, die der Supreme mir und meinen Schülern gibt. Ich bitte alle meine Schüler, diese Gelegenheit wahrzunehmen, um mich in die Welt hinauszutragen. Je mehr ihr mich mit der Welt teilen könnt, desto mehr könnt ihr mich empfangen. Wenn du die Morgensonne betrachtest, rufst du deine Freunde, um den schönen Anblick mit ihnen zu teilen. Jedes Mal, wenn du jemanden auf die Sonne aufmerksam machst, vergrößert diese die Schönheit und Göttlichkeit deines eigenen Herzens. Indem du deine guten Eigenschaften, deine Göttlichkeit mit anderen teilst, kannst du deine eigenen Fähigkeiten vergrößern.

Wir können unsere Reise früh am Morgen beginnen. Doch was geschieht um sechs, sieben oder acht Uhr? Die halbe Welt schläft noch. Würden wir früh aufstehen, wie viel könnten wir dann mit Gottes Gnade erreichen! Heute Morgen um 1 Uhr 30 rief ich in Indien an und telefonierte mit meiner Schwester. Anschließend meditierte ich eine Weile. Um 3 Uhr 15 begann ich mit meinen Körperübungen. Diese nehmen täglich einige Stunden in Anspruch. Dabei denke ich an Gott, meinen geliebten Supreme. Anschließend komponierte ich spirituelle Lieder. Sowohl auf der geistigen als auch auf der spirituellen Ebene vollbringe ich jeden Tag viele Dinge und fange damit früh am Morgen an.

Lege jeden Morgen vor dir selbst das feierliche Versprechen ab, heute ein besserer Mensch zu werden, als du gestern warst. Wenn du bereits ein bestimmtes Maß an Güte besitzt, so entwickle noch mehr Güte. Lege das Versprechen ab: „Heute werde ich ein besserer Mensch sein.“ Und am nächsten Tag tue wieder das Gleiche.

Aber auch der physische Körper ist enorm wichtig. Im alten Indien wurde weithin gepredigt: „Beschäftige dich nicht mit dem Körper. Er kommt schon alleine zurecht. Beschäftige dich nur mit der Seele und dem Herzen. Den Körper kannst du vernachlässigen.“ Wenn wir jedoch dem Tempel keine Aufmerksamkeit schenken, wie können wir dann den Altar in gutem Zustand erhalten? Wird der Wind nicht den Altar wegblasen, wenn kein Tempel zum Schutz da ist? Wir müssen den physischen Körper fit halten. Das heißt nicht, dass man zu einem zweiten Muhammad Ali werden muss. Aber physische Fitness ist von enormer Wichtigkeit, und das beinhaltet auch Enthusiasmus, Begeisterung, Dynamik und Wachsamkeit. Sonst magst du vielleicht spazieren gehen, joggen oder sogar schnell laufen - aber wo ist dein Enthusiasmus, deine Dynamik, deine Bereitschaft, Licht zu empfangen?

Um auf deine Frage zurückzukommen: In einem Garten gibt es viele verschiedene Blumen. Gefällt dir eine bestimmte nicht, so erfreue dich an den anderen. Wenn du auch nur eine einzige Blume bewundern kannst, so empfängst du schon etwas. Etwas ist besser als gar nichts. Diejenigen, die für mein spirituelles Licht nicht empfänglich sind, können zumindest versuchen, sich von meinen physischen Aktivitäten inspirieren zu lassen und so vielleicht mehr Enthusiasmus zu entwickeln.

Wir wollen alle glücklich sein. Wenn wir glücklich sind, streiten und kämpfen wir nicht. Hier hebe ich Gewichte. Ich kämpfe mit niemandem. Ich tue etwas, das mir Freude bereitet, und ihr seht etwas, das euch Freude schenkt. Wenn ich dir also hier auf der physischen Ebene Freude schenken und du dadurch Freude empfinden kannst, so vollbringen wir dabei etwas Wunderbares.

From:Sri Chinmoy,Sri Chinmoy antwortet, Teil 9, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
Quelle https://de.srichinmoylibrary.com/sca_9