Frage: Wenn wir irgendeine mystische Erfahrung machen, gibst du sie uns oder weißt du davon?

Sri Chinmoy: Mein physischer Verstand ist sich vielleicht nicht aller Erfahrungen, die ihr macht, bewusst, aber das ist überhaupt nicht notwendig. Eines meiner inneren Wesen weiß ganz sicher darüber Bescheid. Ohne meine Zustimmung oder ohne die Hilfe eines meiner inneren Wesen werden meine Schüler keine Erfahrung machen. Dies gilt jedoch nur für meine Schüler; andere können mystische Erfahrungen durch andere Quellen erhalten. Ich möchte jedoch betonen, dass es nicht unbedingt bedeutet, dass ihr der Gottverwirklichung auch nur einen Schritt näher seid, wenn ihr mystische Erfahrungen habt. Ich sage immer, dass es zwei Wege gibt, die zum Ziel führen. Ein Weg ist von Bäumen gesäumt und voller schöner Blumen, während der andere Weg so öde wie eine Wüste ist; doch beide Wege führen den Sucher zum Ziel. Es hängt ganz vom Einzelnen ab, auf welcher Straße er reist. Eine Person wird den schnellsten Fortschritt auf dem Weg machen, der sie am meisten inspiriert, ihr Ziel zu erreichen. Eine bevorzugt vielleicht den Weg, der voller Bäume, Blumen und schöner Ausblicke ist. Sie wird sagen: „Der Weg inspiriert mich. Deshalb wird es mir sehr leicht fallen, das Ziel zu erreichen, von dem ich weiß, dass es unendlich viel schöner und weitaus bedeutsamer sein wird.“ Jemand anderes wird sagen: „Was soll ich mit diesen Blumen und Bäumen anfangen? Ich werde möglicher­weise von ihrer Schönheit völlig bezaubert sein; dann werde ich vielleicht damit zufrieden sein, hier zu bleiben und nicht mehr weiterzugehen. Aus diesem Grunde will ich auf einer Straße gehen, die nichts birgt, was mich versuchen oder faszinieren könnte. Wenn die Straße schmal oder öde ist, ist dies ein großer Segen, denn dann werde ich nicht in Versuchung geraten, stehen zu bleiben.“ Mystische Erfahrungen sind überhaupt nichts im Vergleich zur höchsten göttlichen Verwirklichung. Ein Sucher mag sagen: „Wenn ich einen Bissen Nahrung bekomme, wird mir das helfen, mich auf ein großes Festmahl zu freuen.“ Ein anderer sagt vielleicht: „Bevor ich nicht eine vollständige Mahlzeit erhalte, möchte ich gar nichts essen.“ Jeder einzelne Sucher muss die Wahl treffen.

From:Sri Chinmoy,Ein Sucher des 20. Jahrhunderts, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2005
Quelle https://de.srichinmoylibrary.com/tcs