Tod und Wiedergeburt

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Kapitel I: Das Reich des Todes

Frage: Warum ist der Tod nötig? Warum kann sich die Seele nicht im selben Körper entwickeln und Fortschritt machen?

Sri Chinmoy: Vorläufig ist der Tod eine Notwendigkeit, das heißt wir brauchen den Tod. Wir können nichts längere Zeit ununterbrochen tun. Wir spielen fünfundvierzig Minuten oder eine Stunde lang und dann werden wir müde und müssen uns ausruhen. Mit unserem inneren Streben verhält es sich genauso. Angenommen wir leben sechzig oder siebzig Jahre lang auf der Erde. Von diesen sechzig oder siebzig Jahren meditieren wir vielleicht zwanzig oder dreißig Tage und selbst dann nur wenige Stunden. Ein gewöhnlicher Mensch kann sein inneres Streben in seiner Meditation normalerweise nicht einmal eine Stunde lang ohne Unterbrechung aufrecht erhalten. Wie kann er das innere Streben, die Wirklichkeit oder das Bewusstsein besitzen, das ihn auf einmal zur ewigen Wirklichkeit beziehungsweise zum unvergänglichen All-Bewusstsein bringen soll?

Auf unserer heutigen Entwicklungsstufe hilft uns der Tod in einer bestimmten Hinsicht. Er gibt uns die Möglichkeit, eine Pause einzulegen. Wenn wir dann wieder auf die Erde zurückkommen, kommen wir mit neuer Hoffnung, neuem Licht und neuem inneren Streben. Doch wenn wir unser inneres Streben bewusst aufrecht erhalten würden und in uns stets eine aufwärts strebende innere Flamme brennen würde, könnten wir sehen, dass der physische Tod leicht zu überwinden ist. Der Tag wird kommen, an dem der Tod nicht mehr notwendig sein wird. Doch im Augenblick fehlt uns die Fähigkeit, wir sind schwach. Spirituelle Meister und befreite Seelen hingegen haben die Meisterschaft über den Tod, doch sie verlassen den Körper, wenn das Göttliche es wünscht.

Ein gewöhnlicher Mensch, der zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre lang die Bürde einer ganzen Familie auf seinen Schultern getragen hat, wird sagen: „Ich bin müde. Ich brauche eine Ruhepause.“ Für ihn hat der Tod wirklich einen Sinn. Die Seele geht in die Seelenwelt und genießt die kurze Rast. Doch für einen göttlichen Krieger, einen Sucher der letzten Wahrheit, hat der Tod keinen Sinn. Er möchte andauernd und ohne Unterbrechung voranschreiten. Deshalb wird er versuchen, in beständiger, ewiger Strebsamkeit zu leben. Mit dieser ewigen Strebsamkeit wird er versuchen, den Tod zu besiegen, so dass er eine ewige äußere Manifestation des Göttlichen, das ihm innewohnt, sein kann.

Frage: Ist es möglich, dass ein Mensch erfahren kann, was der Tod ist, indem er zu Lebzeiten in den Tod eintritt?

Sri Chinmoy: Auf der allerhöchsten Stufe der Meditation kann man leicht erfahren, was der Tod ist. Unzählige Male habe ich den Tod erfahren. Wenn ich meinen Schülern helfen will, gehe ich in meinen Meditationen häufig über den Tod hinaus. In Trance kann man in viele Welten, in viele Ebenen und Regionen jenseits der Grenze des Todes gehen.

Manchmal können wir der Seele direkt folgen, wenn sie den Körper verlässt. Dann können wir die volle Erfahrung des Todes machen, während wir im Körper verbleiben. Meine erste Erfahrung dieser Art hatte ich mit einer meiner Schwestern, die starb, als ich achtzehn Jahre alt war. Ich hatte diese Fähigkeit und so folgte ich der Seele meiner Schwester etwa drei Stunden lang in die Welt des Todes. Man fühlt sich dabei wirklich tot. Während dieser Zeit existiert der Körper für einen nicht mehr. Man fliegt nur mit seinem Bewusstsein, man könnte es mit dem Gefühl, wie ein Drachen zu fliegen, beschreiben. Wenn man diese Fähigkeit hat, kann man ein wirkliches Todeserlebnis in dieser Welt haben. Während der Meditation ist es ganz leicht. Man kann seinen Körper in der Welt des Lebens und sein Bewusstseins­licht in der Welt des Todes halten.

Frage: Was bedeutet diese Übung in spiritueller Hinsicht und wozu ist sie notwendig?

Sri Chinmoy: Es ist nicht notwendig diese Übung zu machen. Aber wenn man in dieser Welt etwas lernen möchte, so kann man es ohne weiteres tun. Diese Dinge werden uns in keiner Weise dabei helfen, Gott zu verwirklichen, doch wenn wir Zeit haben, wenn wir Geduld haben, wenn wir eifrig sind, dann schadet es nicht. Es ist, als würden wir auf einer Straße gehen. Wir können direkt zum Ziel gehen, aber wenn wir wollen, dann können wir auch einen Rundgang machen und uns die Gegend anschauen oder ein paar Früchte von den Bäumen pflücken und sie essen, während wir weiter dem Ziel entgegengehen. Im Verlauf unseres spirituellen Lebens wird jeder mindestens einmal vor der Selbstverwirklichung die Erfahrung des Todes machen.

Frage: Ist der Tod schmerzhaft?

Sri Chinmoy: Es kommt auf den Einzelnen an. Wenn man nicht gebetet, nicht meditiert und kein spirituelles Leben geführt hat, dann ist es wirklich schmerzhaft, sich von diesem Leben zu trennen, da man den Willen Gottes nicht hinnehmen will. Zum einen kennt man kein Sehnen danach, Gottes Willen zu kennen oder zu fühlen, zum anderen spürt man auch nicht Gottes bewussten Schutz, Seine Führung und Anteilnahme, so dass man das Gefühl hat, man sei völlig verloren. In dieser Welt kann man nichts tun, in der anderen Welt ist alles unsicher. Wenn das innere Streben fehlt, hat man schreckliche Angst, denn gewöhnliche Menschen betrachten den Tod als etwas völlig Unbekanntes. Sie wissen nicht, wohin sie gehen. Aber spirituelle Sucher wissen, dass sie zum Höchsten gehen, zum Wohnsitz des Herrn. Sie kennen das Ziel zwar vorübergehend nicht, doch jenes Bewusstsein, jene Ebene ist ein Reich des Friedens und der Ruhe. Es gehört dem Höchsten, ihrem ewigen Vater. Deshalb haben sie keine Angst.

Dann gibt es natürlich auch körperlichen Schmerz. Wenn jemand bei seinem Tod an einer Krankheit leidet und sie bis zum letzten Augenblick nicht in etwas Höheres oder Tieferes werfen kann, dann werden seine letzten Tage natürlich sehr schmerzvoll sein. Selbst der letzte Augenblick wird schmerzerfüllt sein, weil das Wesen des Todes in einer besonders destruktiven Form zu ihm kommen wird. Die Todeskraft, das Wesen des Todes, erscheint jedem Menschen in einer anderen Gestalt, je nach den Errungenschaften und der Verwirklichung seiner Seele auf der Erde.

Gewöhnliche Menschen, die nicht strebsam sind, Leute, die völlig in den Vergnügungen der Unwissenheit schwelgen, werden den Tod als ein schreckliches, unbarmherziges Wesen, als dunkle und furchtbare Gestalt empfinden. Manchmal hat die Todeskraft viele Untergebene, die vor den sterbenden Menschen hintreten. Die Leute sehen oft Tiger oder unvorstellbar große Wesen und bekommen Angst. Aber aufrichtige Sucher sehen ihren spirituellen Meister oder ein leuchtendes Wesen, wie zum Beispiel einen Engel, der sie in einem Wagen mitnimmt. Diese Sucher haben auf der Erde viele Jahre lang hart gearbeitet. Nun möchte ihnen Mutter Erde bewusst ihre segensreiche und göttliche Dankbarkeit anbieten. Ihr innerer Führer oder ihr Guru holt sie, doch sie sehen die gütige Hand Gottes, die sie in Seinem goldenen Boot zum anderen Ufer fährt, unmittelbar vor sich. Manche Leute sehen in ihrer Todesstunde ihre längst verstorbenen Verwandten. Ihre Liebsten kommen und sie werden von Wegkundigen in eine neue Welt gebracht.

Wenn wir in den Fesseln der Unwissenheit gefangen sind, dann werden wir bei unserem Tod sowohl innerlich wie äußer­lich Schmerz verspüren. Dieser Schmerz stammt von der Unwissenheit im menschlichen Verstand und im menschlichen Körper, welche verhindert, dass wir bewusst und entschlossen in das Reich des Todes eintreten und über den Tod hinausgehen. Aber sobald der Schleier der Unwissenheit entfernt ist, kann es keinen Schmerz mehr geben, weder im Tod noch in der Weltatmosphäre. Wenn wir die Wurzel unseres Leidens und Schmerzes, die aus Unwissenheit besteht, erfassen und die Unwissenheit mit dem Licht unserer Seele verwandeln können, dann wird der Tod ein Steg zu einem anderen Ufer. Dieses andere Ufer ist das ewige Licht, das durch die Ewigkeit hindurch führt, schützt, gestaltet und formt.

Frage: Warum müssen viele Menschen so lange Schmerzen erleiden, bevor sie sterben?

Sri Chinmoy: Viele kranke Menschen möchten sterben, weil ihre Schmerzen unerträglich sind. Sie wollen von ihren Leiden erlöst werden. Doch warum siechen sie dennoch dahin und leiden? Weil die Reinigung ihrer Natur noch nicht abgeschlossen ist. Durch Reinigung treten wir in ein höheres Leben und in eine erfüllendere Göttlichkeit. Hier wirkt das karmische Gesetz. In unseren vergangenen Leben haben wir vieles falsch gemacht. Die körperliche Qual reinigt uns. Diese Erfahrung ist notwendig, weil dadurch im Bewusstsein der betreffenden Menschen eine neue Weisheit dämmert. Doch wenn jemand bitter leidet, sollten wir nicht an seine vergangenen Taten denken – dass er ein schlechtes Leben geführt und einen schlechten Charakter gehabt hat – und deshalb leidet. Nein, lasst uns mit der Erfahrung, durch die er geht, eins werden. Wenn wir mit der Erfahrung eins werden, gelangen wir in unserer menschlichen Existenz zu echter Erfüllung.

Ich möchte noch einmal betonen, dass das karmische Gesetz nicht einfach ist. Es ist äußerst kompliziert. Manche Seelen sind sehr rein und spirituell und dennoch leiden sie, wenn sie sterben. Warum? Wegen ihres vergangenen schlechten Karmas? Nein, sie leiden, weil sie sich mit der Menschheit identifizieren und selbst die bitterste Art menschlichen Leidens erfahren wollen. Fast alle großen spirituellen Meister hatten einen sehr schmerzvollen Tod. Warum? Sie hätten ihren Körper nach eigenem Belieben verlassen können, aber sie taten es nicht. Stattdessen nahmen sie Krebs und andere schwere Krankheiten auf sich und starben erst nach langem Leiden. Sie traten in das Leiden der Menschheit ein und versuchten zu fühlen, wie die Menschheit leidet. Bis wir in das Leiden der Menschheit eintreten, ist alles theoretisch, nichts ist praktisch. Aber wenn gewöhnliche Menschen leiden, sehen wir das karmische Gesetz wirken.

Dennoch muss es nicht heißen, dass jemand sehr spirituell oder religiös gewesen ist, wenn er plötzlich an einem Herzversagen stirbt. Gott möchte zu diesem Zeitpunkt durch ihn und vielleicht durch seine Lieben diese besondere Erfahrung machen. Hier ist es keine Frage von gut oder böse, göttlich oder ungöttlich, sondern eine Frage der Erfahrung, die Gott durch diesen bestimmten Menschen machen möchte. Letztlich ist alles, was wir sehen oder haben, eine Erfahrung Gottes.

Frage: Is it possible for a spiritual person who is dying a painful death to transform his pain into joy through meditation?

Sri Chinmoy: Wenn jemand ein aufrichtiger Sucher ist, wird selbst während er stirbt, große Freude über ihn kommen. Trotz des körperlichen Leidens wird die Freude der Seele hervorbrechen und ihn befähigen, bewusst zu meditieren. Wenn man bewusst in den Schmerz eintritt, wird manchmal der eigene innere Mut im Schmerz selbst in Freude verwandelt.

Man kann bewusst in den Schmerz eintreten, selbst dann, wenn man sich einer schweren Operation unterzieht. Als ich etwa achtzehn oder neunzehn Jahre alt war, tat ich dies bei einer schweren Operation. Während der Arzt mich operierte, trat ich bewusst in den Schmerz ein und verspürte echte Freude. Ich lächelte den Doktor an und er konnte das einfach nicht verstehen. Doch diese Erfahrung kann jeder machen.

Frage: In einer deiner täglichen Meditationen erwähnst du, dass der Tod ein Hindernis sei. Ich habe immer geglaubt, du würdest den Tod als einen Übergang betrachten, der uns befähigt, wiedergeboren zu werden und ständigen Fortschritt zu machen.

Sri Chinmoy: Ich habe gesagt, der Tod sei ein Übergang und Leben und Tod seien wie zwei Zimmer, das Leben sei mein Wohnzimmer, der Tod sei mein Schlafzimmer. Wenn ich sage, der Tod sei ein Hindernis, dann betrachte ich den Tod von einem anderen Gesichtspunkt. Was ist ein Hindernis? Ein Hindernis ist etwas, das uns am Weitergehen hindert. Es ist eine Grenze, über die wir nicht hinauskommen.

Dieses Leben ist eine goldene Gelegenheit, die uns der Supreme gegeben hat. Nun Gelegenheit ist etwas, Errungenschaft ist etwas anderes. Unsere spirituelle Entwicklung, unser innerer Fortschritt ist sehr stetig, sehr langsam und gleichzeitig höchst bedeutsam. Es gibt natürlich Leute, die hunderte oder tausende Inkarnationen lang einem normalen, natürlichen Kreislauf von Geburt und Tod folgen. Dann, eines Tagen in Gottes Ewigkeit, werden sie Gott verwirklichen. Aber einige ernsthafte, aufrichtige Sucher legen ein seelenvolles Versprechen ab, dass sie in diesem Leben, hier und jetzt, Gott verwirklichen werden. Sie sagen dies, obwohl sie wissen, dass dies weder ihr erstes noch ihr letztes Leben ist. Doch sie wissen, dass es Menschen gibt, die Gott verwirklicht haben und sie wollen nicht auf ein künftiges Leben in ferner Zukunft warten. Sie fühlen, dass es nutzlos ist, ohne Gottverwirklichung zu leben. Deshalb wollen sie die Gottverwirklichung so bald wie möglich erreichen. Wenn in solchen Fällen der Tod eintritt und sie immer noch unverwirklicht sind, dann ist der Tod ein Hindernis. Angenommen, es ist jemandem bestimmt, im Alter von fünfzig Jahren zu sterben. Wenn er nun seelenvoll strebt und den Tod mit der gütigen Einwilligung des Supreme für weitere zwanzig oder dreißig Jahre zurückdrängen kann, was wird er während dieser Zeit tun? Er wird mit seiner aufrichtigen Strebsamkeit, seiner tiefsten Meditation und seiner höchsten Kontemplation fortfahren. Er wird wie ein Wettläufer ohne Unterbrechung seinem Ziel entgegenlaufen. Während dieser zusätzlichen zwanzig oder dreißig Jahre erreicht er vielleicht die letzten Grenzen, wo sein Ziel liegt.

Aber wenn der Tod dazwischen tritt, dann wird er Gott in diesem Leben nicht verwirklichen. Im nächsten Leben können nur sehr wenige Seelen unmittelbar den Faden ihrer vergangenen Strebsamkeit wieder aufnehmen. Sobald wir in die Welt eintreten, kommen die ungöttlichen kosmischen Kräfte und greifen uns an. Die Unwissenheit, die Begrenzungen und die Unvollkommenheiten der Welt versuchen die Seele zu bedecken. In den formenden Jahren der Kindheit erinnert man sich an nichts. Ein Kind ist unschuldig, unwissend und hilflos. Dann, nach einigen Jahren, beginnt sich der Verstand zu regen. Wenn jemand zwischen acht und zwölf Jahre alt ist, erschwert der Verstand alles. Während der ersten elf, zwölf oder dreizehn Jahren des nächsten Lebens, vergessen fast alle Seelen ihre vergangenen Errungenschaften und ihren tiefsten inneren Schrei, ihr inneres Sehnen nach dem Höchsten; ungeachtet ihrer Größe und ihrer Spiritualität. Doch es gibt spirituelle Meister oder große Sucher, welche in ihrer Kindheit einige hohe Erfahrungen haben oder beginnen, über Gott nachzudenken und ihn zu besingen. Aber in der Regel besteht kein starkes Bindeglied zwischen den Errungenschaften der Seele in ihrer vorangegangenen Inkarnation auf der Erde und den Kindheitsjahren im gegenwärtigen Leben. Es gibt ein Bindeglied, ein sehr subtiles Bindeglied, aber es kommt in den ersten zwölf oder dreizehn Jahren nicht sehr stark zum Vorschein.

Einige Seelen gewinnen die Strebsamkeit ihres letzten Lebens bis zum Alter von fünfzig oder sechzig Jahren nicht wieder zurück. Vom spirituellen Gesichtspunkt aus sind diese fünfzig oder sechzig Jahre der folgenden Inkarnation voll und ganz verschwendete Zeit. Wenn jemand in diesem Leben fünfzig Jahre verliert und in der letzten Inkarnation bereits zwanzig oder dreißig Jahre verloren hat, dann sind das achtzig verschwendete Jahre. In diesem Fall würde ich sagen, dass der Tod ein wirkliches Hindernis ist. Wir müssen dieses Hindernis mit unserer Strebsamkeit, unserem ungebrochenen Streben aus dem Weg räumen. Strebsamkeit sollte wie eine Kugel sein. Sie sollte die Mauer des Todes durchschlagen.

Schließlich wird das innere Wesen bewusst zum Vorschein kommen, auch wenn es einiger Zeit bedarf und der Mensch wird in seiner neuen Inkarnation anfangen, kraftvoll und aufrichtig zu beten und auf Gott zu meditieren. Dann wird er feststellen, dass von seiner Vergangenheit nichts wirklich verloren ist. Alles ist im Erdbewusstsein, der gemeinsamen Bank aller Menschen, aufbewahrt worden. Die Seele wird wissen, wie viel sie auf der Erde erreicht hat, und all dies ist sicher im Erdbewusstsein, in der Erden-Bank aufbewahrt. Du kannst hier auf der Bank Geld deponieren. Dann kannst du nach England fahren und nach sechs Jahren oder später zurückkommen und dein Geld abheben. Die Seele tut das gleiche, nachdem sie die Erde für zehn oder zwanzig Jahre verlassen hat. Alles, was die Seele erreicht hat, wird in der Mutter Erde unversehrt aufbewahrt. Wenn die Seele zurückkommt, um für Gott auf der Erde zu arbeiten, gibt Mutter Erde wieder alles zurück.

In den meisten Fällen geht während diesen paar Kindheitsjahren außer Zeit nichts verloren. Aber es ist besser, Gott in einem Leben zu verwirklichen, so dass wir unser bewusstes inneres Streben in dieser Übergangszeit nicht wieder verlieren. Wenn wir mit großem, aufrichtigem inneren Streben fünfzig bis hundert Jahre lang leben können, dann können wir viel erreichen. Wenn wir von einem wirklichen spirituellen Meister Hilfe bekommen, ist es möglich, Gott in einem Leben oder in zwei, drei Leben zu verwirklichen. Wenn kein wirklicher Meister da ist und wenn das innere Streben fehlt, dauert es hunderte und aberhunderte von Inkarnationen.

Frage: Was ist das Beste, das wir tun können, wenn wir sterben?

Sri Chinmoy: Für einen spirituellen Menschen ist es das Beste, sich die Gegenwart seines Meisters vor Augen zu halten. Die engsten Angehörigen sollten ein Bild seines spirituellen Führers vor ihn hinstellen und dem Meister erlauben, spirituell beim Sucher zu sein, wenn er seinen letzten Atemzug macht. Lass den Meister im allerletzten Atemzug des Suchers sein. Dann ist es die Pflicht, die Verantwortung des inneren Führers, das Nötige zu tun. Lange bevor du den Körper verlässt, wird dein Meister den Körper verlassen haben. So kannst du auf mich meditieren und ich werde dir helfen.

Letztes Jahr starb dein Vater. Wenn du körperlich dabei gewesen wärest, hättest du so seelenvoll wie möglich meditieren müssen. Auch wenn dein Vater nicht bewusst mein Schüler war und unseren Weg nicht angenommen hatte – wer weiß, was er in seinem nächsten Leben tun wird? Du wusstest, dass es jemanden gegeben hätte, der deinem Vater hätte helfen können, während er im Sterben lag. Wir wissen immer, wer uns in welcher Situation helfen kann. Wenn wir krank sind, rufen wir einen Arzt. Wenn wir uns in rechtlichen Schwierigkeiten befinden, nehmen wir uns einen Anwalt. Hättest du deinem Vater helfen wollen, so hättest du sofort an mich denken und auf mich meditieren müssen. Wenn du gewaltige Strebsamkeit oder spirituelle Kraft besessen hättest, dann hättest du ihm all deine spirituelle Kraft gegeben. Doch deine spirituelle Kraft beschränkt sich vorläufig auf deine Strebsamkeit und die Quelle deiner Strebsamkeit liegt in deinem Meister, deinem Guru. Wenn du also einem deiner Liebsten helfen möchtest, musst du es auf diese Weise tun.

Wenn sich deine Frage auf andere Leute bezieht, dann sollte man in diesem Fall wissen, wer ihnen auf der Erde am meisten Freude geschenkt hat oder an wen sie geglaubt haben, um das Beste tun zu können. War jemand ein überzeugter Christ, dann solltest du sofort bewusst und hingebungsvoll die Gegenwart Christi anrufen, auch wenn du selbst nicht diesem Weg folgst. In dieser Situation musst du deinem Freund helfen, seinen Glauben an Christus zu stärken. Du kannst den Namen von Christus laut wiederholen, dem Sterbenden ein Bild von Christus bringen und ihm aus der Bibel vorlesen. Auf diese Weise kannst du sein inneres Streben unterstützen. Stirbt ein spiritueller Mensch, der mich kennt, solltest du ihm aus meinen Schriften vorlesen und über mich sprechen. Doch wenn ein anderer Bekannter von dir stirbt, dann solltest du ihn in seinem eigenen Glauben bestärken.

Frage: Gibt es eine spezielle Art, wie wir auf einen sterbenden Menschen meditieren sollen?

Sri Chinmoy: Angenommen, du besuchst jemanden, den du nicht näher kennst, im Krankenhaus. In diesem Fall solltest du dich auf sein Herz konzentrieren. Du brauchst den Betreffenden nicht anzuschauen, doch richte deine ganze Konzentration auf sein Herz.

Versuche als erstes, dir einen Kreis in seinem Herzen vorzustellen und zu fühlen, dass sich dieser Kreis wie eine Scheibe dreht. Das bedeutet, dass sich die Lebensenergie nun bewusst in der Strebsamkeit oder in den Gefäßen der kranken Person regt. Durch deine Konzentration und Meditation trittst du in den Herzschlag dieses Menschen ein. Sobald du in den Herzschlag eintrittst, drehen sich dein Bewusstsein und das strebende oder sterbende Bewusstsein des anderen Menschen gemeinsam. Während sie kreisen, bete mit deinem ganzen Wesen zum Supreme, der dein Guru und jedermanns Guru ist: „Möge sich Dein Sieg einstellen. Lass Deinen Willen durch diesen Menschen geschehen. Ich will nur Deinen Sieg.“ Sieg bedeutet nicht notwendigerweise, dass der Betreffende geheilt wird. Nein, Gott hat vielleicht aus gutem Grund entschieden, dass dieser Mensch den Körper verlassen soll. Wenn du ergeben zu Gott betest und der Mensch den Körper verlässt, dann erfüllst du Gott und kämpfst für Gottes Sieg. Wenn Gott ihn in den Himmel nehmen möchte, um dort etwas für ihn zu tun, dann ist es natürlich Gottes Sieg, wenn der Mensch den Körper verlässt. Wenn du für den Sieg Gottes betest, so übergibst du mit deinem Streben alle Verantwortung dem Supreme. Wenn du dem Supreme bewusst die Verantwortung übergeben kannst, dann tust du das Richtige.

Frage: Wie sollten sich die Angehörigen verhalten, wenn jemand stirbt?

Sri Chinmoy: Wir sind alle Reisende im selben Zug. Der eine ist an seinem Reiseziel anlangt. Er muss an dieser Haltestelle aussteigen, aber wir müssen weiterfahren und eine größere Entfernung zurücklegen. Wir müssen uns bewusst sein, dass jede Todesstunde von Gott gutgeheißen worden ist. Kein Mensch kann sterben, ohne dass Gott dies billigt und duldet. Wenn wir also Vertrauen zum Supreme haben, wenn wir Ihm Liebe und Ergebenheit entgegenbringen, werden wir fühlen, dass Gott unendlich viel mehr Mitleid hat als irgendein Mensch, unendlich viel mitleidsvoller ist als wir, die wir unsere Geliebten behalten möchten. Selbst wenn der Sterbende unser Sohn, unsere Mutter oder unser Vater ist, sollten wir uns bewusst sein, dass Gott ihm oder ihr unendlich viel näher ist, als wir es sind. Gott ist unser Vater und unsere Mutter. Wenn jemand aus der Familie zu den Eltern geht, werden die anderen Mitglieder derselben Familie niemals traurig sein.

Wenn wir das spirituelle Leben angenommen haben und wirkliche Freude haben möchten, müssen wir uns im klaren sein, dass wir das nur erreichen können, wenn wir unser Leben dem Willen des Supreme hingeben. Im Augenblick kennen wir den Willen des Supreme vielleicht nicht, doch wir wissen, was Hingabe ist. Wenn Gott jemanden aus unserem Leben wegnehmen möchte, müssen wir das annehmen. „Dein Wille geschehe.“ Wenn wir eine solche Haltung haben, dann werden wir die größte Freude empfinden. Diese Freude erweist demjenigen, der diese Welt verlässt, den größten Dienst. Wenn wir uns dem Supreme vollständig hingeben, wird diese Hingabe zur zusätzlichen Stärke und Kraft für die scheidende Seele, die hier unter der Knechtschaft leidet. Wenn wir unseren Willen wirklich dem Willen des Supreme unterwerfen, dann wird diese Hingabe der Seele, die kurz vor dem Verlassen der Erdenwelt steht, wirklichen Frieden, tiefsten Frieden bringen.

Jene, die mit Meditation und Konzentration begonnen haben, erhalten Einblicke in ihre vergangenen Leben. Wenn wir glauben, dass wir eine Vergangenheit hatten und wissen, dass wir eine Gegenwart haben, dann können wir auch fühlen, dass wir eine Zukunft haben werden. Da wir das wissen, müssen wir uns folgender Wahrheit immer bewusst sein. Es gibt keinen Tod. In der Bhagavad Gita heißt es: „Wie ein Mensch, der seine alten Kleider ablegt und neue anzieht, so legt die Seele ihren physischen Körper ab und nimmt einen neuen Körper an.“ Wenn wir wissen, dass der sterbende Mensch nur diesen alten Körper zu Seite legt, bevor er einen neuen annimmt und wenn auch die sterbende Person dieses Wissen besitzt, wovor soll man sich da noch fürchten?

Wir wissen nicht, was der Tod eigentlich ist. Deshalb wollen wir so lange wie möglich auf der Erde bleiben. Aber wirklicher Tod ist nicht die Auflösung des physischen Körpers. Wirklicher Tod, spiritueller Tod ist etwas anderes.

Frage: Ich hatte einen jungen Freund, der erst vor sechs Wochen gestorben ist. Am Tag bevor er starb, sagte er seinem Vater, dass er am nächsten Tag sterben werde und so war es dann auch. Wie konnte er das wissen?

Sri Chinmoy: Warum nicht? Ist er nicht Gottes Kind? Wenn man beim Sterben stets an Gott denkt, kann man die Botschaft von seinem eigenen inneren Wesen erhalten. Als meine Mutter im Sterben lag, war ich gerade im Haus meines Onkels, sechs Meilen weit entfernt. Meine Mutter litt an einem Geschwür. Früh am Morgen sagte sie: „Diesen Morgen verlasse ich den Körper. Wohin ist Madal gegangen? Holt ihn bitte?“ Dann brachte mir ein Cousin die Nachricht und ich kam. Sie nahm meine Hand und schenkte mir ein Lächeln. Ihr letztes Lächeln. Sie verließ uns etwa eine Minute nachdem ich eingetroffen war, als ob sie auf mich gewartet hätte. Nun muss ich noch etwas hinzufügen. Meine Mutter war sehr spirituell und führte im wahrsten Sinne des Wortes ein inneres Leben. Was deinen Freund betrifft, so muss ich sagen, unzählige Menschen haben im Voraus gewusst, wann sie sterben werden. Und für spirituelle Leute ist dies sehr einfach. Sie wissen es oft mehrere Monate im Voraus.

Frage: Angenommen jemand ist krank und medizinisch gesehen besteht keine Hoffnung mehr auf Genesung. Ist es dann ratsam, dem Betreffenden zu sagen, dass er sterben werde und ihm zu helfen, sich auf seinen Abschied vorzubereiten?

Sri Chinmoy: Dies ist eine sehr komplizierte Frage, es ist von Fall zu Fall verschieden. Die meisten Leute möchten leben, sie wollen nicht sterben, weil sie nicht wissen, was der Tod ist. Sie glauben, der Tod sei ein Tyrann, der sie auf alle möglichen Weisen peinigen und letztlich zerstören werde. Wenn das Karma eines Menschen abgelaufen ist und Gott möchte, dass der Betreffende den Körper verlässt, er aber vitalen Hunger hat und unerfüllte Wünsche hegt, dann will dieser Mensch auf der Erde bleiben, auch wenn die Seele keine solchen Wünsche hat. Er will dem Willen des Supreme nicht gehorchen. Was soll man einem Menschen mit einer solchen Einstellung erzählen? Wenn du ihm erzählst, dass Gott nicht möchte, dass er länger auf der Erde bleibt, dass er alle nötigen Erfahrungen in diesem Körper gehabt habe, dann wird er dich missverstehen. Er wird sagen: „Gott will nicht, dass ich den Körper verlasse, du bist es, der dies wünscht.“ Er wird denken, du bist grausam und gnadenlos. Wenn du in einem solchen Falle weißt, dass es der Wille des Supreme ist, dass dieser Mensch die Welt verlässt, dann ist es das Beste, still zur Seele dieses Menschen zu sprechen und zu versuchen, ihn zu inspirieren, sich an den Willen Gottes zu halten.

Doch wenn der Mensch sehr spirituell und ein aufrichtiger Sucher ist, dann wird er von selbst zu seinen Bekannten und Angehörigen sagen: „Betet zu Gott, dass er mich hinwegnimmt. Ich habe mein Spiel hier auf der Erde beendet. Lest mir aus spirituellen Büchern vor – den Schriften, der Bibel, der Gita. Lasst mich nur Göttliches, Spirituelles hören, das mir helfen wird, meine Reise anzutreten.“ Sobald sie spüren, dass ihre Tage gezählt sind, sagen sehr viele Leute in Indien: „Je eher Er mich zu Sich nimmt, desto besser.“ Als meine Mutter starb, las sie während ihrer letzten Tage ununterbrochen in der Gita und sagte sich dabei: „Nun gehe ich zum ewigen Vater; ich möchte mich vorbereiten.“ Ein Patient dieser Art empfängt größere Freude, wenn er den Willen des Supreme kennt und Ihm gehorcht.

Frage: Können wir mit unserer Willenskraft den Zeitpunkt des Todes aufschieben?

Sri Chinmoy: Sicher.

Frage: Können wir ihn unbegrenzt aufschieben?

Sri Chinmoy: Spirituelle Meister können den Tod unbegrenzt aufschieben, wenn es Gottes Wille ist. Ein spiritueller Mensch erhält diese Kraft, wenn er die spirituelle Vollkommenheit erreicht hat, weil er sich dann Gott völlig hingegeben hat. Ein Schüler kommt zu einem Guru und gibt sich ihm uneingeschränkt hin. Ebenso muss sich ein Guru völlig Gott, dem Unendlichen hingeben. In dieser Hingabe wird er eins mit Gott. Er bricht das Gesetz Gottes nicht, er versucht es nur zu erfüllen. Wenn Gott sagt: „Ich möchte, dass du jetzt den Körper verlässt“, dann verlässt er den Körper. Aber wenn der spirituelle Meister sieht, dass ihn feindliche Kräfte angreifen, die vorzeitig seinen Tod verursachen wollen, dann benützt er seine Kräfte, weil Gott will, dass er auf der Erde lebt, um der Menschheit zu helfen.

Es ist nutzlos, diese Kraft zu haben, wenn man nur zweihundert oder dreihundert Jahre auf der Erde leben möchte, um ein gewöhnliches tierisches Leben zu führen. Eine Schildkröte lebt über hundert Jahre, aber das bedeutet nicht, dass sie besser ist als ein Mensch. Was wir brauchen, ist unmittelbare Erleuchtung, die Kenntnis der Wahrheit, das Wissen vom Licht und das Wissen von Gott. Nicht Jahre, sondern Errungenschaften zählen.

Frage: Musstest du je mit den Todeskräften kämpfen, um das Leben eines Menschen zu retten?

Sri Chinmoy: Gerade am letzten Sonntag kam ich sehr spät zur Morgenmeditation. Die meisten von euch dachten, ich hätte geschlafen und geschnarcht. Was kann ich da tun? In Wirklichkeit kämpfte ich mit drei Todeskräften, die drei meiner engsten Schüler wegraffen wollten. Mit zweien wurde ich bald fertig, aber bei der dritten war ich ganz und gar nicht sicher, was geschehen würde. Erst am folgenden Tag erhielt ich die Versicherung, dass auch der Dritte überleben würde. Sonst hättet ihr miterlebt, dass an diesem Abend im New York Centre jemand gestorben wäre. Er stand kurz vor einem Herzschlag. Und der beste Teil der Geschichte ist, dass diese Person bei der Morgenmeditation dabei war und meditierte, während ich mit den Todeskräften kämpfte.

Frage: Ich arbeite in einer Krebsklinik, wo Patienten häufig sterben. Manchmal, wenn Leute im Sterben liegen, sehe ich eine Eigenschaft oder einen Ausdruck in ihrem Gesicht, der demjenigen sehr ähnlich ist, den ich manchmal auf deinem Gesicht sehe. Kannst du mir sagen, warum?

Sri Chinmoy: Wenn ich mit dem universellen Bewusstsein vereint bin, dann bin ich in jedermann. Viele Menschen auf der Erde sind nicht meine Schüler, aber sie sind aufrichtige Sucher. Und gottverwirklichte Seelen höchsten Ranges werden es sehen, wenn aufrichtige Sucher in ihrer Todesstunde oder dann, wenn ihre Tage gezählt sind, zu Gott beten. Ich sage dir, wenn sie zu Gott beten, zu Christus oder zu irgendjemanden, wenn sie wirklich aufrichtig an Gottes Tür klopfen, dann können sie mein Gesicht leuchten sehen, Buddhas Gesicht oder Krishnas Gesicht, denn unser Bewusstsein ist universell.

Wer diese Leute sind, kann ich nicht sagen. Es gibt Tausende, die nicht direkt meine Schüler sind. Aber sie klopfen an die Türe des universellen Bewusstseins und empfangen dort mein Licht, mein Mitgefühl. Darum siehst du mein Gesicht auf ihrem Gesicht. Sie sehen mich und erhalten Hilfe von meinem mitleidsvollen inneren Wesen. Dabei geht ein erleuchteter Teil meines inneren Wesens, meiner inneren Existenz dahin, um ihnen ein wenig Trost, ein wenig Erleuchtung zu geben, so dass sie in der Welt der Seelen ein besseres Leben haben und als strebsame Menschen wieder zurückkommen können. Wenn du einen sterbenden Menschen anschaust und mein Gesicht siehst, dann wirst du wissen, dass dieser Mensch ein Sucher ist. Er braucht kein Schüler von mir zu sein. Aber wenn er ein außergewöhnliches, aufrichtiges Sehnen hat, kann ich aufgrund meines universellen Bewusstseins dort sein.

Es kommt vor, dass meine Schüler höchst seelenvoll auf mich meditieren und sich so stark mit mir identifizieren, dass andere Schüler auf ihnen mein Gesicht sehen. Ihre Kraft der Konzentration auf mich ist so aufrichtig, so ergeben, so zielgerichtet und seelenvoll, dass die Schüler auf ihrem Gesicht mein Gesicht sehen werden, selbst wenn diese Person eine Frau ist. Dies ist verschiedentlich vorgekommen.

Frage: Manchmal verbrennen sich Leute aus Protest gegen den Krieg. Was erreichen sie damit vom spirituellen Standpunkt aus gesehen?

Sri Chinmoy: In einer Familie streiten sich die Brüder oft. Dann sagt die Mutter: „Wenn ihr nicht aufhört, dann bringe ich mich um.“ Ich weiß von vielen Fällen, in denen die Eltern Selbstmord begingen, nachdem sie es nicht geschafft hatten, die Harmonie in ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Dann änderten sich die Kinder schlagartig. Als sie begriffen, dass ihre Eltern wegen ihrer Streiterei aus dem Leben geschieden waren, begannen sie ein neues Leben. Doch es dauerte nicht lange und schon lagen sie wieder miteinander im Streit.

Vom spirituellen Gesichtspunkt aus ist Selbstmord zwecklos. Die Mutter hat sich für ihre Kinder geopfert. Sie dachte, sie würde durch ihr eigenes körperliches Opfer Harmonie stiften. Aber in der vitalen Welt gibt es für sie kein Entkommen, keine Vergebung. Für ihre Dummheit wird sie in die vitale Welt kommen und da wird sie bleiben. Warum hatte sie nicht die Weisheit, zu erkennen, dass die Kinder nicht ihre Kinder, sondern Gottes Kinder sind? Gott gab ihr diese Kinder. Warum bat sie nicht Gott, das Bewusstsein ihrer Kinder zu erleuchten? Warum betete sie nicht zu Gott für Harmonie und Frieden unter ihnen?

Die Welt wird unwissend bleiben, bis Gott das Weltbewusstsein erleuchtet. Wenn wir unser persönliches Leben opfern, um Frieden zu stiften, werden die Weltprobleme nie gelöst werden.

Viele Märtyrer, strebende Menschen und spirituelle Größen haben sich selbst getötet, doch das hat die Probleme der Welt nicht gelöst. Diese Probleme können nur durch spirituelles Streben gelöst werden, indem wir, während wir hier auf der Erde verweilen, zu Gott beten, dass Er die Welt erleuchtet. Unser persönlicher Tod kann das Gesicht der Welt niemals verändern. Aber wenn wir Gottes Segen, Gottes Gnade und Gottes Anteilnahme anrufen, dann kann das Problem gelöst werden.

Frage: Deine Philosophie besagt, dass die Seele beständig Fortschritt macht. Wie vereinbart sich dies mit der Tatsache, dass die Seele fällt, wenn jemand Selbstmord begeht?

Sri Chinmoy: Die Seele eines Menschen, der Selbstmord begeht, fällt nicht eigentlich. Doch sie verbleibt an einem bestimmten Ort und wird von unendlich mehr Schleiern der Unwissenheit umhüllt. Sie wird völlig von Unwissenheit zugedeckt – Schicht um Schicht. Es ist das Bewusstsein des Individuums, welches fällt. Es geht direkt zurück an den Ausgangspunkt, fast bis zum Mineralbewusstsein, wo es keine Entwicklung gibt. Die Seele wird von strotzender Unwissenheit verdunkelt, von unzähligen Hüllen der Unwissenheit bedeckt. Zuvor bedeckten die Seele vielleicht zehn Schichten, aber nun sind es unzählige Schichten von Unwissenheit. Die Seele muss wieder von neuem beginnen und die Schichten eine nach der anderen beseitigen. Natürlich wird es der Seele sehr viel schwerer fallen, das Individuum zur vollkommenen Vollkommenheit, Befreiung oder Erlösung zu führen.

Doch wenn Gott in einem bestimmten Menschen, der sich das Leben genommen hat, wirken möchte, dann bittet Er in Ausnahmefällen spirituelle Meister, welche die Fähigkeit dazu haben, sich der Seele anzunehmen und es nicht zu erlauben, dass die Seele von wuchernder Unwissenheit bedeckt wird. Was immer die Seele schon erreicht hat, in solchen Fällen genügt dies, um die Gnade und das Mitgefühl des Supreme herbeizurufen. Er wird nicht zulassen, dass die Seele von mehr Schleiern als gewöhnlich bedeckt wird. Dies geschieht aber nur in sehr seltenen Fällen.

Ansonsten hört für jemanden, der Selbstmord begeht, die Entwicklung für unbestimmte Zeit auf – für hundert, zweihundert, fünfhundert, sechshundert Jahre oder gar noch länger. Er kann nicht vorwärts gehen und eine sehr schwere Last legt sich auf seine Schultern. Der Gang seiner Evolution kommt zum Stillstand. Da er die Gesetze des kosmischen Spieles verletzt hat, muss er sich der kosmischen Bestrafung unterziehen. Diese Bestrafung kann sich kein Mensch hier auf der Erde vorstellen. Die schlimmste irdische Qual ist nichts im Vergleich zu der kosmischen Strafe, die ein Individuum erhält, wenn es sich das Leben nimmt.

Zu den kosmischen Kräften können wir nicht sagen: „Ich habe zwar etwas Falsches getan, aber das geht euch nichts an. Ich werde mein Ziel erreichen, wann es mir gefällt.“ Wir haben das kosmische Spiel absichtlich verlassen, ohne Gottes Erlaubnis und entgegen Seiner Absicht. Er hat uns nicht erlaubt, das Spiel zu verlassen, dennoch haben wir Ihm aktiv und offen gedroht und versucht, das Spiel zu ruinieren. Die Strafe für eine solche Handlung ist äußerst grausam. Diese Strafe ist so fürchterlich, dass unser menschliches Herz es nicht nachempfinden kann und unser menschlicher Verstand es sich nicht vorstellen kann.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einer Feuerbestattung und einem normalen Begräbnis?

Sri Chinmoy: Den äußeren Unterschied kennen wir. Bei der Feuerbestattung wird der Körper verbrannt, bei einem Begräbnis wird der Körper in einen Sarg gelegt und beerdigt. Speziell die Inder sind Feueranbeter. Sie glauben, dass Feuer nicht nur alles verzehrt, sondern auch alles reinigt. So haben wir einen Gott des Feuers. Sein Name ist Agni. Wir beten zu Agni um Reinigung und Selbsterkenntnis und ihm übergeben wir auch unsere Toten.

Vom spirituellen Standpunkt aus wissen wir, dass der Körper aus fünf Elementen besteht: Erde, Wasser, Luft, Äther und Energie. Aus fünf Elementen entstand die physische Hülle und mit Hilfe des Feuers wird sie wieder in die fünf Elemente übergehen. Durch die Feuerbestattung löst sich der physische Leib in einem größtmöglichen Reinigungsprozess auf, der hier Verwandlung bedeutet.

Doch auch diejenigen im Westen, welche das Begräbnis vorziehen, haben ihre eigene spirituelle Interpretation. Es stellt sich eine Art spirituellen Mitleides ein. Da der Körper uns so treu gedient hat, sagen wir: „Diesen Körper habe ich so viele Jahre gebraucht ohne ihm Ruhe zu gönnen. Nun ist die Seele nicht mehr da, der Vogel ist weggeflogen. Ich möchte, dass der Körper die Gelegenheit erhält, sich auszuruhen und dass er in einen Sarg gelegt wird.“ Jene, die die Feuerbestattung bevorzugen, fühlen, dass der Körper, der in diesem Leben so viel verrückte, üble Dinge getan hat, eine Reinigung braucht. Und die anderen, die ein Begräbnis vorziehen, möchten dem Körper eine angenehme Ruhepause gönnen.

Frage: Könntest du etwas über die Art von Tod und Wiedergeburt sagen, die sich im spirituellen Leben ereignet?

Sri Chinmoy: Wenn wir das spirituelle Leben aufrichtig, rückhaltslos und mit ganzem Herzen annehmen, fühlen wir, dass dies der wirkliche Tod der Unwissenheit, der Begierde und der Begrenztheit ist. Es ist der Tod unseres begrenzten, einengenden, unerfüllten und dunklen Bewusstseins im Vitalen. Dieser Tod findet auf der vitalen Ebene statt, da es das Vitale ist, welches sich nach der Erfüllung all seiner Begierden sehnt, nicht das Physische. Wenn wir wirklich in das spirituelle Leben eintauchen, erfahren wir einen inneren Tod. Dieser Tod ist das Absterben unserer Vergangenheit, die Art und Weise, wie wir unsere Vergangenheit gestaltet haben.

Wir werden das Gebäude der Wahrheit auf Strebsamkeit gründen, nicht aber auf Begierden und Sorgen oder auf Ängste und Zweifel. Die Vergangenheit wollte uns die Wahrheit auf eine bestimmte Art zeigen. Doch die Vergangenheit war nicht fähig, uns die Wahrheit zu zeigen; deshalb sind wir das, was wir gegenwärtig sind. Ob uns die Gegenwart die Wahrheit zeigen wird oder nicht, wissen wir nicht. Doch wir glauben, dass wir die Wirklichkeit entweder in der unmittelbaren Gegenwart oder in der schnell herannahenden Zukunft sehen werden, der Zukunft, die in die Unmittelbarkeit des Heute hineinwächst.

Eines der Mysterien im spirituellen Leben ist, dass wir jeden Augenblick sterben und uns erneuern. Jeden Augenblick sehen wir, dass ein neues Bewusstsein, ein neuer Gedanke, eine neue Hoffnung, ein neues Licht in uns dämmert. Wenn etwas Neues dämmert, dann sehen wir, dass das Alte verwandelt worden ist – in etwas Höheres, Tieferes, Vollkommeneres. Im höheren spirituellen Leben können wir jeden Augenblick den sogenannten Tod unseres begrenzten Bewusstseins und seine Verwandlung in ein neues, helleres Bewusstsein erleben.

Frage: Wie kann ich wieder wie ein Kind werden und diese spirituelle Wiedergeburt erreichen?

Sri Chinmoy: Diese Wiedergeburt muss im Verstand, im Körper und im Vitalen erfolgen. Sie muss im innersten, unbewussten Teil in uns stattfinden, dem Teil, der von Unwissenheit, Unvollkommenheit und Begrenzung überdeckt wurde. Wenn diese spirituelle Wiedergeburt stattfindet und wir fühlen, dass ein neues Bewusstsein in uns dämmert, dann müssen wir versuchen, mit diesem Bewusstsein eins zu werden. Dann übergeben wir es Gott oder unserem Meister, so wie wir eine Blume überreichen würden. Wenn wir diese Blume überreichen, sollten wir fühlen, dass sie nicht etwas ist, was wir von einem Baum oder einer Wiese gepflückt haben, sondern dass es unser ganzes Wesen ist, das wir zu Füßen des Supreme legen. Dann werden wir sehen, wie diese Blume Blütenblatt um Blütenblatt erblüht. Wie ein Kind werden wir innerlich durch unseren inneren Duft erblühen. Tief in uns wird ein Kind wachsen und unser äußeres Alter wird abfallen. Das geschieht aber nur dann, wenn unser strebendes Bewusstsein vollkommene Meisterschaft über den Körper, das Vitale, den Verstand und das Herz besitzt und unsere ganze Existenz in eine Blume verwandelt ist, welche wir dem Supreme zu Füßen gelegt haben.

Es ist für jeden Menschen, der in das spirituelle Leben eingetreten ist, unvermeidlich, in diesem Leben eine spirituelle Wiedergeburt zu erfahren. Jeder sollte fühlen, dass er ein bewusstes, dynamisches Instrument, ein Kind des Göttlichen ist. Jeder muss diese Wahrheit fühlen und mit dieser Wahrheit eins werden. Wenn das geschehen ist, ist das Kind nicht länger ein Kind, es wir zur Göttlichkeit selbst. Und dann ist Gottverwirklichung nicht nur möglich, sondern unvermeidlich. Nur ein Kind hat das Recht, auf dem Schoß des Vaters zu sitzen und der Vater hat Verlangen danach, das Kind auf seinem Schoß zu haben. Er ist stolz darauf, das Kind zu haben und das Kind ist stolz darauf, den Vater zu haben.

Frage: Kannst du etwas über die Ewigkeit und das ewige Leben sagen?

Sri Chinmoy: Als spiritueller Mensch kann ich Kraft meiner eigenen inneren Verwirklichung sagen, dass die Seele nicht stirbt. Wir wissen, dass wir ewig sind. Wir kommen aus Gott, wir sind in Gott, wir wachsen zu Gott und werden Gott erfüllen. Leben und Tod sind wie zwei Zimmer: vom Leben in den Tod zu gehen ist, wie von einem Zimmer in das andere zu gehen. Im Augenblick bin ich in meinem Wohnzimmer. Hier spreche ich mit euch, meditiere ich mit euch und schaue ich euch an. Hier muss ich meinen physischen Körper zeigen, hier muss ich arbeiten, aktiv sein und mein Leben zeigen. Dann gibt es noch einen anderen Raum, mein Schlafzimmer. Dort ruhe ich mich aus und schlafe. An diesem Ort muss ich niemandem meine Existenz zeigen, dort bin ich ganz für mich alleine.

Wir kommen aus dem unendlichen Leben, dem göttlichen Leben. Dieses unendliche Leben verweilt für kurze Zeit auf der Erde, sagen wir fünfzig oder sechzig Jahre lang. Während dieser Zeit tragen wir das erdgebundene Leben in uns. Doch in diesem erdgebundenen Leben liegt das grenzenlose Leben. Nach einer Weile geht dieses Leben wieder durch den Korridor des Todes, fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre. Wenn wir in diesen Korridor eintreten, verlässt die Seele den Körper für eine kurze oder längere Ruhepause und kehrt in die Region der Seele zurück. Wenn die Person spirituell war, dann erhält die Seele dort das ewige Leben, das göttliche Leben wieder, welches vor dem Tod existierte, welches zwischen Geburt und Tod existiert, welches im Tod existiert und zur gleichen Zeit über den Tod hinausgeht.

Während wir jetzt auf der Erde leben, können wir uns durch unser Streben und unsere Meditation in das Reich des ewigen Lebens versetzen. Doch in das endlose Leben einzutreten heißt noch nicht, dass wir es auch besitzen. Wir müssen bewusst hineinwachsen. Wenn wir in das Leben der Meditation tauchen, müssen wir letztlich zu einem Teil der Meditation werden. Und wenn wir fähig sind, vierundzwanzig Stunden am Tag zu meditieren, dann atmen wir unaufhörlich das endlose Leben ein. In unserem inneren Bewusstsein sind wir mit der Seele eins geworden. Wenn wir im Körper leben, ist der Tod ständig zugegen. Sobald Angst in unseren Verstand eindringt, sterben wir. Sobald negative Kräfte in uns eintreten, sterben wir. Wie viele Male sterben wir jeden Tag! Angst, Zweifel und Befürchtungen töten fortwährend unsere innere Existenz. Wenn wir hingegen in der Seele leben, existiert so etwas wie Tod nicht. Dort gibt es nur eine beständige Fortentwicklung unseres Bewusstseins, unseres strebsamen Lebens.

Kapitel III: Das Leben nach dem Tod: Die höheren und niederen Welten

Frage: Bestimmen die Todesumstände eines Menschen, wohin er nach dem Verlassen des Körpers geht?

Sri Chinmoy: Das hängt vor allem vom Bewusstsein des Betreffenden ab und dieses Bewusstsein besteht aus der Summe all dessen, was er in seinem ganzen Leben nach und nach erreicht hat. Meine guten Schüler werden sofort zu einer sehr hohen Ebene gelangen, sofern sie in ihrer Todesstunde an mich denken können. Wenn eine Mutter getötet wird, während sie ihr Kind schützt, wird ihre Seele in eine sehr hohe Welt gehen. Wenn ein Soldat bei der Verteidigung seines Landes stirbt, wird er in eine hohe Welt gehen. In Indien gab es eine Zeit, in der sich die Frauen in das Begräbnisfeuer ihres Gatten warfen. Man mag sagen, das sei Selbstmord und zugegeben, es ist Selbstmord. Aber in diesen Fällen gehen die Frauen nicht in die niederen unbewussten Welten, in welche die Leute, die sich das Leben nehmen, normalerweise gehen. Diese Frauen besaßen innigste Liebe und Hingabe gegenüber ihren Ehegatten und waren eins mit ihnen. Gott segnete ihre göttlichen Eigenschaften und gewährte ihnen die Gnade, in jene Welten zu gehen, in die sie sonst gemäß der Entwicklung ihrer Seelen gegangen wären. Es gab auch andere Frauen, die durch das Gesetz zu dieser Tat gezwungen wurden. Sie taten es aus Furcht, aus Notwendigkeit, aber ohne ein Gefühl der Liebe oder des Einsseins. Auch sie wurden in der inneren Welt nicht gleich behandelt wie die, die willentlich Selbstmord begingen. Auch sie gingen in die jeweiligen Welten gemäß dem Entwicklungsstand ihrer Seele. Aber diejenigen, die ihr Leben aus Freude und Einssein gaben, erschufen natürlich ein starkes Band zu ihren Ehegatte, das in zukünftigen Leben bestehen bleiben wird.

Frage: Ich habe gehört, dass eine Seele, die aus diesem Leben scheidet, große Freude erhält, wenn sie die Tränen der Verwandten und Freunde sieht. Ist das richtig?

Sri Chinmoy: Es gibt im allgemeinen drei Arten von menschlichen Seelen: einmal die ganz gewöhnlichen, unerleuchteten Seelen, dann gute, aber gewöhnliche Seelen und dann große, außergewöhnliche Seelen. Wenn ein gewöhnlicher Mensch stirbt, schaut er um sich, um zu sehen, ob seine Lieben um ihn trauern. Wenn er sieht, dass niemand weint, verliert er allen Mut und sagt zu sich: „Mein ganzes Leben lang habe ich ihnen auf jede erdenkliche Weise geholfen. Nun schau dir diese Undankbarkeit an!“ Diese gewöhnlichen Seelen sind so an ihre Lieben, so an die Erde gebunden, dass sie den Mut verlieren, wenn ihre Lieben in diesem letzten Moment die Liebe und Aufopferung nicht anerkennen, die sie ihnen zu Lebzeiten zukommen lies. Es gibt sogar unerleuchtete Seelen, die eine böswillige Haltung einnehmen, wenn ihre Verwandten nicht um sie trauern. Sie kommen in körperloser Form zurück, nachdem sie den Körper verlassen haben, um ihre Lieben zu erschrecken. Wenn Kinder in der Familie sind, nehmen die Verstorbenen manchmal die hässlichsten Formen an und erscheinen vor den Kindern, um sie zu erschrecken.

Die zweite Art von Menschen ist zu den Familienmitgliedern nett, lieb und äußerst hilfreich gewesen. Wenn diese Menschen dann im Sterben liegen, fühlen sie, dass es ein Band der Zuneigung, eine Bindung geben sollte, die ewig dauert. Diese Menschen wollen die Erdenszene nicht verlassen. Sie glauben, dass Gebundenheit ein Bindeglied zwischen dieser Welt und der anderen Welt schaffen könne. Deshalb versuchen sie, von ihren Lieben größtmögliche Zuneigung, Anteilnahme und Sympathie zu bekommen. Wenn sie merken, dass ihre Lieben bei ihrem Scheiden kein Mitgefühl zeigen, keinen Kummer haben oder nicht bitterlich weinen, dann schmerzt es sie fürchterlich in ihrer inneren Existenz. Sie fühlen: „Hier will ich etwas Beständiges aufbauen, aber ich bekomme weder Hilfe noch Unterstützung von meinen Familienangehörigen.“ Doch es ist weder die sogenannte menschliche Liebe noch die menschliche Gebundenheit, die ein ewiges göttliches Band zwischen der scheidenden Seele und den Seelen im Land der Lebenden erschaffen kann. Die Liebe, welche die Menschen bindet, ist wie eine Sanddüne, sie kann nie von Dauer sein. Nur göttliche Liebe kann alle Hindernisse überwinden.

Dann kommen wir zu den großen Seelen, das heißt, den spirituellen Meistern. Wenn ein Meister den Körper verlässt und sieht, dass seine Schüler bitterlich über ihren Verlust weinen, ist der Meister traurig, weil die Schüler ihn nicht völlig als spirituellen Meister erkennen. Ein spiritueller Mensch, jemand, der Gott verwirklicht hat, lebt auf allen Ebenen. Sein Bewusstsein durchdringt alle Welten. Wenn seine Schüler nun bitterlich um ihn weinen und glauben, sie sähen ihn nie wieder, dann setzen sie ihren Meister in die gleiche Kategorie wie einen gewöhnlichen Menschen. Es ist wie eine Beleidigung. Der Meister weiß, dass er vor jenen Schülern, welche aufrichtig zu ihm beten oder aufrichtig meditieren und streben, erscheinen wird. Er weiß, dass er sie immer führen, gestalten und formen wird. Er weiß, dass er die Fähigkeit hat, in sie eintreten zu können und dass sie auch fähig sein werden, in ihn einzutreten. Deshalb fühlt er sich traurig, wenn seine Schüler die Haltung annehmen: „Jetzt ist der Meister gegangen und wir werden ihn nie wieder hören. Unsere Gebete werden vergebens sein, also ist es nutzlos zu beten. Am besten gehen wir zu einem anderen Meister oder finden andere Möglichkeiten, um spirituellen Fortschritt zu machen.“ Deshalb sind spirituelle Meister traurig, wenn ihre Liebsten weinen und bittere Tränen vergießen, während es gewöhnlichen Seelen Freude bereitet, wenn ihre Lieben um sie trauern.

Selbstverständlich können sich die Schüler einige Zeit traurig fühlen, weil sie ihren Meister verloren haben und weil sie ihn nicht mehr in physischer Form sehen werden. Aber diese Trauer darf nicht andauern, da die Freude der Seele, die intensive Liebe und die alldurchdringende Anteilnahme der Seele in die Schüler eindringen muss, die den Meister aufrichtig als alleinigen Führer ihres Lebens angenommen haben.

Frage: Warum bewahren die Leute den Körper ein paar Stunden oder sogar einige Tage auf, nachdem die Seele fortgegangen ist?

Sri Chinmoy: Man kann sagen, weil die Verwandten die sterblichen Reste sehen wollen. Sie sind betrübt, weil dieser Körper, dieser Mensch, ihnen während seines Leben half oder sie liebte. Der Vater sieht die Seele der Mutter während ihres Lebens nie, aber er sieht ihren Körper, daher ist er an das Physische gebunden. Aus diesem Grund möchte er das Physische so lange wie möglich bei sich haben, nachdem sie gestorben ist. Wenn die Seele gegangen ist, ist der Körper nutzlos. Er ist wie das alte, schmutzige Gewand, das man in den Abfall wirft. Wenn es eine gewöhnliche Seele ist, die ihren Körper verlassen hat, streicht sie im Haus, im Hof oder irgendwo in der Nähe umher. Gott gibt der Seele die Gelegenheit zu sehen, ob sich die Familie wirklich um sie sorgte und die Seele gibt der Familie eine Gelegenheit zu zeigen, ob sie sich wirklich um ihren Tod kümmert. Nach einigen Stunden, gewöhnlich etwa nach elf Stunden – es kann aber auch länger dauern - geht die Seele endgültig fort und kommt nicht wieder zurück.

Frage: Wird die Seele eines Suchers Gott sehen oder Ihn verwirklichen, nachdem sie den Körper verlassen hat, auch wenn der Sucher auf der Erde Gott nicht verwirklicht hat?

Sri Chinmoy: Jede Seele sieht Gott unweigerlich, weil die Seele direkt von Gott kommen muss. Wenn die Seele den Körper verlässt, geht sie in die vitale Welt, die mentale Welt, die psychische Welt und schließlich zur eigentlichen Welt der Seele. Hier ruht sie sich eine Weile aus. Bevor sie dann zu ihrer nächsten Inkarnation herabkommt, wird sie ein Gespräch mit Gott führen. Die Seele muss sich vor Gott stellen und sagen, wie viel sie in ihrer vergangenen Inkarnation erreicht hat. Sie wird die Möglichkeiten ihrer kommenden Inkarnation sehen und Gott ein Versprechen machen. Die Ziele und Ideale, welche die Seele für Ihre Rolle in der Welt der Enthüllung und der Manifestation anstrebt, müssen von Gott gebilligt werden. Manchmal sagt Gott selbst: „Ich erwarte dies von dir. Versuche es Mir zuliebe dort auf der Erde zu erreichen.“

Die Seele, die Gott sieht und mit ihm spricht, ist uns völlig fremd, denn die meisten von uns haben die Seele auf der Erde nicht gesehen. Bis wir einen freien Zugang zur Seele haben, bis wir die Stimme der Seele vernehmen und versuchen, auf ihre inneren Anweisungen zu hören, ist es schlicht und einfach unmöglich für uns, Gott zu verwirklichen. Jede Seele wird nach dem Verlassen des Körpers Gott so sehen, wie ich euch sehe, während ich vor euch stehe. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn man Gott im Physischen hier auf der Erde verwirklicht. Hier taucht das ganze Bewusstsein – das physische Bewusstsein, das individuelle Bewusstsein – in das unendliche Licht, die unendliche Glückseligkeit ein. Wenn wir spirituelle Bücher lesen oder anderen zuhören, glauben wir vielleicht, Gott sei unser. Aber unser bewusstes Einssein ist etwas anderes. Wenn wir Gott bewusst als unser Eigen fühlen, dann fühlen wir jeden Augenblick grenzenlosen Frieden in unserem inneren Leben, unserer inneren Existenz. In unserem äußeren Leben sind wir vielleicht gerade sehr aktiv oder wir sprechen mit jemandem, in unserem inneren Leben hingegen bestehen wir aus einem Meer von Frieden, Licht und Wonne. Wenn dieses Meer aus Frieden, Licht und Wonne in unser physisches Wesen, unser physisches Bewusstsein eindringt, dann kann unsere innere Göttlichkeit auf der Erde manifestiert werden. Im Himmel können wir nichts manifestieren und deshalb können wir auch nichts verwirklichen. Wenn die Seele Gott nicht hier auf der Erde verwirklicht, in den Fesseln des Endlichen, dann wird sie Ihn auch nicht verwirklichen, wenn sie in ihrer eigenen Welt ist. Verwirklichung kann nur durch das Physische stattfinden.

Frage: Guru, werden wir dich sehen, wenn wir den Körper verlassen?

Sri Chinmoy: Wenn du mein wahrer Schüler bist, wirst du mich zweifellos sehen, wenn du den Körper verlässt. Soviel kann ich euch versichern. Wenn du mein wirklicher Schüler bist, wirst du nicht ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung sterben können. Wenn die Zeit dann kommt, werde ich vor dir stehen und dich in meinen Wagen nehmen. Ich werde dich in einem goldenen, silbernen oder bronzenen Himmelswagen fahren – du wirst es erleben. Das ist das Versprechen, das große spirituelle Meister geben. Sie werden kommen und die Seelen ihrer Schüler abholen.

Frage: Werden wir dich sehen, nachdem du den Körper verlassen hast?

Sri Chinmoy: Vielleicht seht ihr mich ein oder zwei Minuten in einem Traum. Wenn spirituelle Meister ihren Körper verlassen, öffnen sie oft einige Minuten lang das dritte Auge ihrer Schüler.

Frage: Wird dich jeder nach dem Tod in der inneren Welt sehen?

Sri Chinmoy: Das Reich der Seele ist ein großer, weiter Ort. Auch die Erde ist ein weiter Ort. Wenn ihr nicht in mein Centre gekommen wäret, hätte ich euch nicht gesehen. In der inneren Welt bewege ich mich von einem Ort zum anderen. Wenn mein eigentliches Hauptquartier nun auf der Ebene ist, auf der sich ein bestimmter Mensch befindet, dann wird dieser Mensch mich sicher sehen. Wir werden dort eine Gruppe von Seelen haben, die mich wirklich lieben und die mir aufrichtig ergeben sind. Wir werden auf der gleichen Ebene verweilen. Aber diejenigen, die sich nicht um mich kümmern, diejenigen, die nichts über mich wissen und keine Verbindung mit mir haben, werden mich nicht sehen, es sei denn, es sei der ausdrückliche Wille des Supreme. Sie werden andere Menschen sehen, die sich auf ihrem Entwicklungsstand befinden. Sie werden mit denjenigen verweilen, die sie liebten.

Frage: Eine Freundin von mir, eine Frau, die sehr spirituell war, starb kürzlich. Werden ihre Freunde sie in einem schönen Himmel antreffen?

Sri Chinmoy: Wenn ihre Freunde auch spirituell und hoch entwickelt waren und selbst noch im Himmel sind, werden sie natürlich kommen, um sie zu empfangen. Doch wenn ihre Freunde den Körper lange vor ihr verlassen haben, wer weiß, wo sie jetzt sind? Vielleicht befinden sich diese Freunde noch in den Himmelsregionen, es könnte auch sein, dass sie noch in den vitalen Ebenen herumtreiben oder dass sie bereits wieder eine menschliche Inkarnation angenommen haben. Aber wenn diese Freunde durch die vitale Welt, die mentale Welt und ein paar andere Welten gegangen sind und jetzt die selige Rast des Himmels genießen und wenn ihre Seelen noch immer dasselbe innige Gefühl für deine Freundin haben, dann werden sie natürlich kommen, um sie zu empfangen und ihr zu helfen, im Himmel ein Leben voller Seligkeit zu genießen.

Ich möchte dazu etwas über meine Mutter erzählen, die eine äußerst spirituelle Frau war. Als meine Mutter den Körper verließ, sah ein naher Verwandter von mir in einem Traum, wie die Freunde meiner Mutter in einem goldenen Wagen kamen, um sie zu empfangen. Als mein Vater starb, sah ein Onkel von mir, der fernab in der Stadt war, wie ein anderer Onkel von mir und einige andere Personen kamen, um meinen Vater in einem goldenen Boot abzuholen. Es waren sehr viele, die meinen Vater und meine Mutter empfingen, weil sie beide und viele ihrer Freunde und Verwandten sehr spirituell waren.

Bei fast allen religiösen und spirituellen Leuten kommen die Verwandten. Für spirituelle Leute ist es leichter zu kommen, weil sie beinahe freien Zugang zu dieser Welt haben. Wenn gewöhnliche Leute, die nicht spirituell und strebsam sind, den Körper verlassen, gehen sie nicht unmittelbar zu Gott. Sie bleiben in der vitalen Welt und leiden sehr. Als der Vater eines Schülers starb, ging er in die vitale Welt, wo er nicht gut behandelt wurde. Er hatte eine Menge Probleme dort, bis ihn eines der vitalen Wesen fragte, ob er in seinem Leben irgendwelche religiösen oder spirituellen Leute gekannt habe. Er sagte: „Ja, ich kenne den Freund meiner Tochter“ – womit er mich meinte. Als mein Name genannt wurde, wussten die vitalen Wesen sofort, mit wem er in Verbindung stand und er wurde unmittelbar erlöst. Er konnte darauf die vitale Welt, die Welt der Qual verlassen und in eine sehr gute höhere Welt gehen.

Als der Vater einer anderen Schülerin starb, ging er an einen sehr hohen Ort, war aber dort nicht zufrieden. Ihr Vater hatte mich nur einmal in Kanada gesehen, aber in jenem Augenblick hatte sein ganzer Körper von Kopf bis Fuß mit unaussprechlicher Freude gebebt. Als er nun den Körper verließ und mit der Ebene, in der er war, nicht zufrieden war, kam seine Seele zu mir und sagte: „Ich möchte in eine höhere Welt gehen.“ So rief ich einen meiner Freunde, Jyotish, um diesen Vater auf die Ebene zu holen, in der er lebte. Jetzt ist er vollkommen glücklich in dieser sehr hohen Welt. Er kommt manchmal zu mir und drückt seine tiefste Freude aus. Wenn er seine nächste Inkarnation annimmt, dann werde ich es wissen. Höchst wahrscheinlich wird er in eine italienische Familie geboren, doch das hängt ganz von Gottes Willen ab. Selbstverständlich werde auch ich ein paar Worte zu sagen haben, wenn er an einen Ort gehen will, mit dem ich nicht einverstanden bin. Manchmal machen die Seelen Fehler, wenn sie sich für ihre nächste Inkarnation entscheiden. Wenn die Seelen meinem Herzen sehr nahe sind, erlaube ich ihnen das nicht – glaubt mir, gerade jetzt, wie ich mit euch spreche, erhalte ich eine innere Schwingung von ihrem Vater, dass er in die Familie eines unserer Schüler kommen möchte. Zum ersten Mal sieht er nun ein inneres Band. Vorher wollte er in eine italienische Familie gehen, aber jetzt, während ich spreche, sendet er mir in der inneren Welt die Botschaft, dass er in die Familie eines unserer Schüler kommen möchte. Nichts wird uns größere Freude schenken, als ihn bei uns zu haben. Und was der andere Vater macht, nachdem er sich ein wenig ausgeruht hat, wollen wir auch noch sehen.

Frage: Wird die Seele in den Welten, in die sie nach dem Tod geht, gewisse Erfahrungen machen können?

Sri Chinmoy: Sobald die Seele diesen physischen Körper verlässt, wird sich der physische Körper in Materie auflösen. Der Körper geht in den physischen Bereich, das Vitale in den vitalen Bereich ein und der Verstand tritt in die eigentliche mentale Ebene ein. Die Seele wird durch das Feinstoffliche, das Vitale, das Mentale, das Psychische und schließlich zum eigentlichen Reich der Seele gehen. Während sie durch all diese Ebenen geht, assimiliert die Seele die Essenz aller Erfahrungen, die sie auf der Erde gemacht hat.

Die Seele macht in jenen anderen Bereichen verschiedene Arten von subtilen Erfahrungen, aber diese Erfahrungen werden sich in jenen Welten nicht manifestieren. Wenn die Seele hier auf der Erde eine Erfahrung macht, wird sich diese Erfahrung unweigerlich manifestieren, entweder heute oder morgen. Die Seele kann in jeder Welt streben. In den höheren Welten wird sie nur Strebsamkeit haben, und diese Strebsamkeit wird schließlich die Form von Erfahrung annehmen. Strebsamkeit selbst ist eine Erfahrung. Doch wenn die Seele Leid, Freude oder die Tätigkeiten der Welt wahrnimmt, dann führen die Erfahrungen, welche die Seele dabei macht, stets zu einer vollständigeren Manifestation des Göttlichen.

Frage: Du hast gesagt, wenn die Seele nach dem Tod den Körper verlasse, trete sie in die vitale Sphäre ein. Was ist die vitale Sphäre?

Sri Chinmoy: Die vitale Sphäre beziehungsweise Ebene ist einfach eine Welt und diese Welt befindet sich auch in uns. Wie wir die physische Welt haben, so haben wir auch eine vitale Welt, eine mentale Welt, eine psychische Welt, ein Welt der Seele und andere Welten. Wenn wir nach innen gehen, kommt unmittelbar nach dem Physischen die vitale Welt. Das Vitale wirkt jeden Tag in uns. Manchmal tritt unser physisches Bewusstsein in das Vitale ein, manchmal tritt die vitale Welt in das Physische ein. In unseren Träumen gehen wir häufig in die vitale Welt. Wenn die Seele in unseren Träumen von einer Bewusstseinsebene zur anderen fliegt, so ist das Vitale die erste Ebene, in die sie eintritt, wenn sie das Physische verlässt. Und wenn die Seele den Körper verlässt und die Person stirbt, führt der erste Schritt auf der Reise der Seele zu ihrem eigenen Ruheplatz, ihrem Bestimmungsort, in die vitale Welt. Einige Seelen leiden dort, andere nicht. Es ist, wie wenn man ein fremdes neues Land besucht. Gewisse Leute haben das Glück, frei mit den Leuten des neuen Landes verkehren und seine Kultur ohne weiteres verstehen zu können, während andere diese Begabung nicht haben.

Das Vitale, das wir hier im Physischen verkörpern, ist etwas Solides. Wir können zwar mit unseren physischen Augen das Vitale nicht sehen, aber in unseren Gefühlen, in unserer inneren Wahrnehmungskraft können wir es fühlen. Die vitalen Bewegungen und Tätigkeiten hier auf der Erde können wir sogar wirklich mit unserem menschlichen Auge sehen. Dieses Vitale kann eine wirkliche, feine Körperform annehmen und hat dies auch getan. Wenn die Seele den Körper verlässt und der Körper aufhört zu funktionieren, wird diese Form formlos. Die vitale Form, die wir während unseres Lebens hatten, tritt in den vitalen Bereich ein. Das Vitale, das eine Form hatte, tritt in das formlose Vitale ein. Dort ruht es sich aus oder löst sich auf, während die Seele sich in ihre eigene Region zurückzieht.

Frage: Wie sieht es in der vitalen Welt aus?

Sri Chinmoy: In der vitalen Welt, die unmittelbar nach der physischen Welt kommt, herrscht ein schreckliches Chaos – Rastlosigkeit, Unsicherheit, Dunkelheit, Unzufriedenheit und ein Gefühl der Unvollständigkeit. Trotzdem wirkt eine ungeheure Kraft in und durch all diese Kräfte. Diese Welt ist ein Teil des Weges, auf dem die Seelen vor der Geburt in die physische Welt gehen und auf dem sie nach dem Tod wieder in die höheren Welten zurückkehren. Diese vitale Welt ist ein Chaos. Wenn man dahin geht, sieht man viele zerbrochene und deformierte Dinge, wie wenn ein Wirbelsturm diese Gegend verwüstet hätte. In dieser besonderen Welt sind die wandernden Wesen normalerweise nicht glücklich. Sie werden erst glücklich, wenn sie durch sie hindurchgezogen sind und in eine höhere vitale Welt kommen, wo eine bewusste Absicht und ein aufwärts strebender Drang fühlbar sind.

Frage: Ist die Hölle wirklich ein Ort in den vitalen Welten, oder ist sie nur ein Bewusstseinszustand?

Sri Chinmoy: Auf der physisch-mentalen Ebene ist die Hölle ein Ort, wo die Seele Erfahrungen machen kann. Wenn man ein schlechtes Leben führt, muss man hierher gehen. Hier gibt es wirkliche Qualen, unvorstellbare Qualen.

Wenn wir im groben physischen Bewusstsein oder im Körperbewusstsein leben, dann ist die Hölle wirklich ein Ort. Aber auf der höchsten spirituellen Stufe wird uns klar, dass die Hölle ebenso wie der Himmel eine Bewusstseinsebene ist. Himmel und Hölle beginnen im Verstand. Sobald wir etwas Gutes denken, sobald wir beten und meditieren und versuchen, das innere Licht, das wir durch unsere Meditation und unser Gebet gewonnen haben, weiterzugeben, beginnen wir, im Himmel zu leben. Sobald wir schlecht über jemanden denken, jemanden kritisieren und falsche Gedanken über jemanden hegen, treten wir in die Hölle ein. Wir erschaffen den Himmel, wir erschaffen die Hölle. Mit unseren göttlichen Gedanken erschaffen wir den Himmel. Mit unseren falschen, dummen, ungöttlichen Gedanken erschaffen wir die Hölle in uns. Himmel und Hölle sind beides Bewusstseinsebenen tief in uns. Wenn wir tief in uns gehen, sehen wir, dass das ganze Universum in uns ist. In diesem physischen Körper ist der feine Körper und im feinen Körper, im Herzen, finden wir die Existenz unserer Seele. Wenn wir dann von dort noch tiefer in uns gehen, sehen wir das gesamte Universum.

Kapitel IV: Reinkarnation: Die große Pilgerfahrt

Frage: Was ist Sinn und Zweck der Reinkarnation?

Sri Chinmoy: Während eines einzigen Erdenlebens können wir nicht alles tun. Wenn wir in der Welt der Wünsche bleiben, werden wir uns nie erfüllen können. Als Kind haben wir Tausende von Wünschen und selbst wenn wir das Alter von siebzig Jahren erreichen, sehen wir, dass dieser oder jener Wunsch nicht erfüllt worden ist und wir fühlen uns elend. Je mehr Wünsche wir uns erfüllen, desto mehr stellen sich ein. Erst wollen wir ein Haus, dann zwei Häuser, erst ein Auto, dann zwei Autos und so geht es unaufhörlich weiter. Sobald unsere Wünsche erfüllt sind, merken wir, dass wir noch immer unzufrieden sind. Dann fallen wir anderen oder noch größeren Wünschen zum Opfer.

Nun ist uns aber Gott am liebsten. Glaubt ihr, dass Gott uns erlauben wird, unerfüllt zu bleiben? Nein! Gottes Absicht ist es gerade, jeden Einzelnen und Sich selbst durch uns zu erfüllen. Er wird uns wieder und wieder zurückkehren lassen, um unsere Wünsche zu erfüllen.

Wenn jemand das Verlangen hat, in dieser Inkarnation ein Millionär zu werden und am Ende seiner Reise feststellt, dass er es nicht geschafft hat, dann muss er, falls sein Wunsch stark genug ist, solange zurückkommen, bis er wirklich ein Millionär geworden ist. Doch als Millionär wird er erkennen, dass er in gewisser Hinsicht doch ein Bettler geblieben ist, denn er wird keinen Frieden im Verstand haben. Wenn er jedoch in die Welt des inneren Strebens eintritt, hat er möglicherweise kein Geld, doch er wird Frieden im Verstand haben und dies ist wirklicher Reichtum.

Wenn wir in der Welt der Wünsche leben, sehen wir, dass sie aus einer endlosen Kette von Wünschen besteht. Doch wenn wir in der Welt des inneren Strebens leben, sehen wir das Ganze, treten in das Ganze ein und werden schließlich zum Ganzen. Wir wissen, dass wir in Gott alles finden werden, wenn wir ihn verwirklichen, denn alles existiert in Gott. Aus diesem Grund verlassen wir schließlich die Wunschwelt und betreten die Welt des inneren Strebens. Dort reduzieren wir unsere Wünsche und denken mehr an Frieden, Glückseligkeit und göttliche Liebe. Es kann Jahre dauern, bis wir ein wenig Frieden, einen Tropfen Nektar erhalten. Doch ein spiritueller Mensch ist bereit, für unbestimmte Zeit auf die Stunde Gottes zu warten, um sein inneres Streben zu erfüllen. Und sein Streben, diesen Frieden, dieses Licht und diese Glückseligkeit zu erreichen, wird nicht vergebens sein.

Wenn es unser Ziel ist, in das Höchste, das Unendliche, das Ewige, das Unsterbliche einzugehen, dann reicht ein kurzes Leben natürlich nicht. Doch Gott wird uns nicht erlauben, unerfüllt zu bleiben. In unserem nächsten Leben werden wir die Reise fortsetzen. Wir sind ewige Reisende. Wir müssen solange fortfahren, bis wir unser Ziel erreicht haben. Das Ziel jedes Strebenden ist Vollkommenheit. Wir versuchen, uns in einer unvollkommenen Welt zu vervollkommnen. Und diese vollkommene Vollkommenheit können wir in einem Leben nie erreichen.

Durch inneres Streben und Evolution kann sich die Seele so weit entwickeln, dass sie das Höchste verwirklichen und das Göttliche erfüllen kann. Zuerst muss jedoch das Physische, das Menschliche in uns danach streben, mit der Seele, dem Göttlichen in uns eins zu werden. Gegenwärtig hört der Körper nicht auf die Anweisungen der Seele, der physische Verstand sträubt sich dagegen. Die Intrigen des physischen Verstandes verdecken die göttliche Absicht der Seele und der Seele gelingt es nicht zum Vorschein zu kommen. Auf dem jetzigen Stand der Evolution leben die meisten Menschen unbewusst und wissen nicht, was die Seele will oder braucht. Sie haben Wünsche, bangen um Erfolg, leiden unter Anspannung und Erregung. All dies stammt vom Vitalen und vom Ego, wohingegen alles, was mit dem Bewusstsein der Seele getan wird, voller Freude ist. Manchmal vernehmen wir die Anweisungen der Seele oder die Botschaft unseres Gewissens, handeln aber trotzdem nicht danach oder sagen trotzdem nicht das Richtige. Der physische Verstand ist schwach, wir sind schwach. Wenn wir jedoch mit dem Verstand zu streben beginnen und dann über den Verstand hinaus zur Seele vordringen, können wir leicht die Anweisungen der Seele hören und auch befolgen.

Der Tag wird kommen, an dem die Seele in der Lage sein wird, ihre göttlichen Eigenschaften in die Tat umzusetzen und den Körper, den Verstand und das Herz fühlen zu lassen, dass sie ihre Selbstentdeckung brauchen. Das Physische und das Vitale werden dann bewusst auf die Seele hören und den Wunsch hegen, durch die Seele belehrt und geleitet zu werden. Wenn das geschieht, werden wir hier im Physischen eine unsterbliche Natur, ein unsterbliches Leben besitzen, denn unsere Seele wird mit dem Göttlichen auf der Erde vollständig und untrennbar eins sein. Dann werden wir unseren inneren Reichtum der ganzen Welt anbieten und die Möglichkeiten unserer Seele manifestieren müssen. Es geschieht sehr oft, dass die Verwirklichung in einer Inkarnation stattfindet, die Seele für die Manifestation aber wieder und wieder auf die Erde kommen muss. Bis wir die höchste Göttlichkeit in uns enthüllen und manifestieren, ist unser Spiel nicht vorbei. Solange wir unsere Rolle im kosmischen Drama nicht beendet haben, müssen wir immer wieder auf die Welt zurückkehren. Im Verlauf der Evolution wird die Seele jedoch in einer ihrer Inkarnationen das Göttliche im Physischen und durch das Physische vollständig verwirklichen und vollständig manifestieren.

Frage: Wird die ganze Welt einmal als Ergebnis der Evolution, die durch Reinkarnation geschieht, ein besserer Ort werden?

Sri Chinmoy: Die Welt ist in ständiger Entwicklung, ständigem Fortschritt begriffen, ob bewusst oder unbewusst. Sie ist wie ein winziger Samen, aus der sich eine Pflanze entwickelt, die schließlich zum Baum heranwächst. Es gab eine Zeit, wo wir im Mineralreich lebten, dann im Pflanzenreich, später im Tierreich. Nun sind wir Menschen, doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir zwar einen bewussten, entwickelten Verstand haben, aber unsere tierischen Neigungen und Eigenschaften noch immer nicht abgelegt haben. Wir sind immer noch halbe Tiere, wir streiten, kämpfen und ringen. Aber die Zeit wird kommen, wo es göttliche Menschen auf der Erde geben wird. Wir werden sie sehen, so wie wir heute menschliche Wesen vor uns sehen.

Frage: Wie kann ein spiritueller Meister andere davon überzeugen, dass es Reinkarnation gibt, wenn sie nicht daran glauben?

Sri Chinmoy: Wenn mich jemand bitten würde, ihn zu überzeugen, dass er schon früher gelebt habe, dann könnte ich es ihm beweisen, auch wenn er nicht an Reinkarnation glaubt. Ich würde den Betreffenden bitten, ein paar Minuten lang mit mir zu meditieren. Dann würde ich in ihn eintreten und seine letzte Inkarnation zum Vorschein bringen. Ich würde eine so deutliche Vorstellung von einer oder zwei seiner früheren Tätigkeiten hervorbringen, dass ihm sein vergangenes Leben lebendig vor Augen treten würde. Ich habe es in New York mehrmals getan. Aber manchmal ist es für den Betreffenden nicht gut, seine vergangenen Inkar­nationen zu kennen und dann sage ich dem Betreffenden nichts davon.

Einer meiner ergebensten Schüler fragte mich eines Tages nach seiner letzten Inkarnation. Ich erzählte ihm, dass er in der letzten Inkarnation ein Fährmann in Japan gewesen sei und sagte ihm, dass er tief nach innen gehen könne, um es zu sehen. Ich hatte meinen Satz noch nicht beendet, da sah er schon, dass er ein Fährmann gewesen war. Aber bei denjenigen, die arrogant sind, bei denjenigen, die nichts glauben – und es gibt Leute, die nichts glauben werden, wenn wir von Reinkarnation sprechen – bei diesen Leuten müssen wir abwarten, ob es sich lohnt, sie von der Vergangenheit zu überzeugen. Wenn sie mit ihrer Meinung, dass es keine Reinkarnation gäbe, zufrieden sind, dann sollen sie doch zufrieden sein. Wer ist denn schließlich der Verlierer?

Einmal fragte mich ein Junge, der kein Schüler von mir war, nach seiner letzten Inkarnation. Ich sagte ihm, dass er in seiner letzten Inkarnation in Deutschland gelebt habe und bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sei. Daraufhin sagte er, dass er schon mit drei Jahren ein großer Bewunderer von Hitler gewesen sei. Schon in diesem Alter konnte er deutsche Bücher und deutsche Gedichte lesen. Aber diese Information half dem Jungen in spiritueller Hinsicht überhaupt nicht. Er war neugierig und ich nährte seine Neugier, nicht seine Spiritualität. In den meisten Fällen werde ich daher einem Menschen nichts über seine vergangene Inkarnation sagen.

Frage: Wenn jemand, der ein gutes Leben führt, das Nirwana erreicht, bedeutet das, dass er sich nicht wieder reinkarniert.

Sri Chinmoy: Reinkarnation bedeutet nicht, dass jemand nicht zurückkommt, wenn er gute und göttliche Dinge getan hat und dass er zurückkommen wird, wenn er schlechte und falsche Dinge tut. Jeder wird in die Welt zurückkehren, aber jemand, der Gutes tut, wird in seiner nächsten Inkarnation natürlich ein besseres Leben haben, als jemand, der Schlechtes tut.

Nirwana ist der Pfad der Verneinung. Jene, die den Pfad des Nirwana folgen, wollen in der höchsten Seligkeit verbleiben. Man kann es auch „Auslöschung“ nennen, doch diesen Ausdruck sollten wir nicht gebrauchen – es ist die höchste Seligkeit. Diese Menschen wollen sich nicht mehr inkarnieren. Sobald sie in das Nirwana eintreten, endet die Reise für sie. Die Seele fühlt, dass sie nicht mehr weitergehen oder weiterlaufen möchte. Sie will sich nicht mit irdischen Aktivitäten befassen. Niemand, außer Gott, kann die Seele zwingen, eine Inkarnation anzunehmen. Doch obwohl Gott die Macht besitzt, die Seele zu zwingen, tut Er dies nicht. Gott zwingt niemanden zu etwas.

Aber es gibt Seelen, die eine bewusste Rolle in Gottes Lila oder göttlichem Spiel übernehmen wollen. Sie wissen, dass für diejenigen, die Gott hier auf der Erde dienen wollen, die Reinkarnation absolut notwendig ist. Man muss Gott auf der Erde verwirklichen. Auf keinem anderen Planeten und auf keiner anderen Ebene ist dies möglich. Wenn sie die Verwirklichung erreicht haben, legen einige Seelen das Versprechen ab, dass sie zurückkommen werden, wie zum Beispiel Swami Vivekananda und Sri Ramakrishna. Beide sagten, dass sie bereit seien, zurückzukommen, solange es noch einen unverwirklichten Menschen auf der Erde gäbe.

Frage: Kann die Seele nach dem Tod in anderen Welten wiedergeboren werden?

Sri Chinmoy: Die Seele, die einen menschlichen Körper angenommen hat, kann und will sich nicht in anderen Welten inkarnieren. Die Seele kann durch andere Ebenen gehen – durch die physische, vitale, mentale und psychische Sphäre. Sobald die Seele den Körper verlässt, geht sie durch diese Schichten in ihre eigene Welt. Aber dort wird die Seele nicht wiedergeboren. Die Seele geht durch die Orte nur hindurch, die Teil ihrer Entdeckungsreise sind. Sie besucht diese Orte, doch verkörpert sich dort nicht. Die Seele reinkarniert sich nur in der physischen Welt auf der Erde. Nur hier muss die Seele ihre Göttlichkeit offenbaren.

Es gibt sieben höhere und sieben niedere Welten. Während des Schlafes und während der Meditation reisen alle Seelen zu diesen Welten. Sie können eine Welt nach der anderen durchqueren, um zur höchsten Welt zu gelangen, sie können aber auch in die niederen Bereiche gehen. Ein gewöhnlicher Mensch besitzt nicht die Fähigkeit, die Seele zu sehen oder ihre Bewegungen zu verfolgen. Einem großen spirituellen Sucher oder einem spirituellen Meister ist es jedoch möglich, zu wissen, was die Seele macht und auf welcher Ebene sie sich befindet. Doch die eigentliche Reinkarnation findet nur hier auf der Erde, in dieser Welt statt.

Frage: Braucht die Seele immer physische Eltern, um sich zu inkarnieren?

Sri Chinmoy: Vorläufig muss der physische Körper von physischen Eltern kommen. Aber wie die meisten spirituellen Persönlichkeiten sagen, wird der Tag kommen, wo keine Eltern mehr nötig sind, um eine Seele in einem physischen Körper auf die Erde zu bringen. Dies wird auf der okkulten Ebene geschehen. Die Seele wird mit einem lichtvollen Körper ins Dasein treten. Die Welt entwickelt sich allmählich zu diesem Punkt hin.

Frage: Ich habe gelesen, dass es dem Betreten eines Schlachtfeldes gleicht, wenn die Seele sich in dieser Welt verkörpert. Ist das wahr?

Sri Chinmoy: Jedes Mal, wenn wir auf das Feld der Manifestation zurückkehren und in die Welt eintreten, ist es, als gingen wir in eine Schlacht. Hier muss der spirituelle Sucher, der göttliche Krieger gegen Angst, Zweifel, Furcht, Sorgen, Begrenzung, Knechtschaft und gegen seinen schlimmsten Feind, den Tod kämpfen. Beständig kämpft er gegen die Unwissenheit und der Tod ist das Kind der Unwissenheit. Der Sucher kämpft, entweder verliert er die Schlacht und stirbt, oder er bezwingt alle diese Unvollkommenheiten und negativen Kräfte und kehrt siegreich zu Gott zurück.

Frage: Was geschieht mit dem spirituellen Herzen, wenn die Seele in einem neuen Körper wiedergeboren wird? Geht es auch von einem Leben zum anderen?

Sri Chinmoy: Wenn die Seele den Körper verlässt, nimmt sie die Quintessenz der Erfahrungen mit, welche Körper, Verstand, Vitales und Herz in diesem Leben machten. Aber wenn sie in die Welt der Seele geht, nimmt sie das Herz, das Vitale und den Verstand nicht mit. Wenn sie sich nun in einem neuen Körper reinkarniert, ist die Seele – oder man kann sagen, das psychische Wesen oder der Purusha – die gleiche. Sie trägt immer noch die Verwirklichungen und Erfahrungen von ihren vergangenen Leben mit sich. Aber sie nimmt ein neues Herz, einen neuen Verstand, ein neues Vitales und einen neuen Körper an.

Frage: Wenn ein Kind in eine Familie inkarniert wird, ist es möglich, dass die Seele des Kindes weniger hoch entwickelt ist, als die Seelen der Eltern?

Sri Chinmoy: Manchmal sind die Eltern den Kindern weit unterlegen und manchmal sind die Eltern überlegen. In der äußeren Welt versuchen die Eltern ihre Kinder weise und gut zu erziehen. In der inneren Welt werden die Kinder genauso Fortschritt machen und wachsen, wenn die Eltern für ihre Kinder beten und meditieren.

Frage: Kann die Seele die Umgebung, in die sie zurückkehren und den Körper, den sie annehmen wird, frei wählen?

Sri Chinmoy: Niemand bürdet der Seele etwas auf. Die Seele entscheidet sich selbst, aber die Entscheidung muss von Gott genehmigt werden. Solange die Seele auf der Baumkrone sitzt, fühlt sie, dass sie sich selbst erfüllen kann, wenn sie auf die Erde herabsteigt. Aber wie wir wissen, ist die Welt voller Unvollkommenheiten und Begrenzungen. Sobald die Seele den Fuß des Baumes berührt, fühlt sie, dass überall böse, unerleuchtete Kräfte darauf warten, sie zu ergreifen und zu verschlingen. So kommt es, dass die Seele manchmal eine Wahl trifft und anschließend spürt, dass die Umgebung, die sie sich ausgewählt hat, ihr nicht sehr zuträglich ist und verlässt den Körper möglicherweise wieder.

Frage: Kannst du mir helfen, den Körper so bald wie möglich zu verlassen und an einem Ort hoch oben im Norden wiedergeboren zu werden, wo es sehr kalt ist, und wo es ganz viel Nebel und Schnee gibt?

Sri Chinmoy: Die Kraft dazu hätte ich schon. Aber wenn ich mit deiner Bitte zu Gott gehe, wird er bloß über mich lachen und sagen: „Was hast denn du für Schüler, die die Augen wieder schließen wollen, wenn sie gerade dabei sind, sie zu öffnen?“ Das Klima hat mit der Gottverwirklichung nichts zu tun. Sri Ramana Maharshi und Sri Aurobindo kamen aus Südindien, wo das Klima sehr heiß ist, doch das hinderte sie nicht daran, Gott zu verwirklichen. Es gibt viele Sucher, die weit oben in den Höhlen des Himalayas leben, im ewigen Schnee, und denen es nicht gelungen ist, Gott zu verwirklichen. Das Klima hat damit nichts zu tun. Das innere Herz der Strebsamkeit ist es, das die Gottverwirklichung bringen kann, nicht äußere klimatische Bedingungen. Unser größter Poet, Tagore, schrieb gewöhnlich jeden Tag sechs oder acht Gedichte. Einmal kam ihm die Idee, dass er viel bessere Gedichte schreiben könne, wenn er sich an einen einsamen Ort zurückziehen würde. So verließ er sein Haus und begab sich an einen einsamen Ort in den Bergen. Als er dort lebte, war er nicht fähig, auch nur ein einziges Gedicht zu schreiben. Er entdeckte, dass nicht die Umgebung, sondern die innere Inspiration entscheidend ist.

Gott hat die Bedingungen ausgewählt, unter denen du dein gegenwärtiges Leben führst. Es ist wie ein Spiel. Die Bühne ist aufgebaut und der Vorhang ist geöffnet, damit du deine Rolle spielen und auf dem spirituellen Weg weiterkommen kannst. Gegenwärtig hast du die bestmöglichen Bedingungen für dein Vorwärtskommen. Nun willst du den Körper verlassen und im zukünftigen Leben in einen neuen Körper gehen, um eine Umgebung zu haben, von der du glaubst, dass sie dir am ehesten zusagt. Aber diese Art Leben wäre schlechter als dein jetziges, weil es von dir ausgewählt würde, während dein gegenwärtiges Leben von Gott ausgewählt wurde.

Wenn dich vergangene Taten in diesem Lebens plagen, dann möchte ich dir dazu folgenden Ratschlag geben: „Vergangenheit ist Staub (past ist dust).“ Das ist meine Philosophie. Was immer du vor ein paar Jahren oder auch erst gestern getan hat, es sollte dich nicht bedrücken. Die Vergangenheit ist nicht wichtig. Nur das, was du von jetzt an tust, kann deinen Fortschritt beschleunigen. Du hast jetzt einen spirituellen Meister, der sich im physischen befindet und der dir hilft. Es ist die Gegenwart und die in die Gegenwart fließende Zukunft, die dir die Befreiung schenken können.

Frage: Ist alles Leiden das Ergebnis von schlechtem Karma, das von diesem Leben oder einem vergangenen Leben stammt?

Sri Chinmoy: Nicht unbedingt. Es kommt manchmal vor, dass unsere Seele eine Erfahrung des Leidens machen will, obwohl wir nichts falsch gemacht haben. In diesem Fall will unsere Seele in die Tiefe des Leidens eindringen, um zu wissen, was Leid ist. Stell dir vor, ein sehr spiritueller Mensch hält es für notwendig, jemanden zu verprügeln. Was macht er? Er tritt sofort in den Menschen ein, den er schlägt und identifiziert sich mit ihm. Dabei nimmt er diese Erfahrung mit einer viel größeren Intensität wahr, als derjenige, der eigentlich geschlagen wird.

Häufig tun wir etwas Falsches und erhalten früher oder später das Resultat. Dann gibt es aber auch Fälle, in denen wir der kosmischen Kräfte wegen leiden. Manchmal haben aufrichtige, sehr ergebene Eltern Kinder, die völlig unspirituell, ungöttlich und nutzlos sind. Wir können nun behaupten, die Eltern seien in ihrer letzten Inkarnation vielleicht unspirituell gewesen und hätten viel Falsches gemacht. In manchen Fällen trifft es zu, dass die Eltern in ihrem vorhergehenden Leben tatsächlich schlecht waren, doch in anderen Fällen braucht das nicht zuzutreffen. Manchmal werden aufrichtige Sucher von feindlichen, tierähnlichen Kräften, die in der Welt wirken, angegriffen. Wenn diese ungöttlichen, feindseligen Kräfte umherstreichen und sich wie wild gewordene Elefanten benehmen oder in einen Menschen eindringen, dann leidet der Betroffene. Es ist, wie wenn Tiere um uns wären, die kämpfen, streiten und sich gegenseitig zerstören. Ein wild gewordener Elefant wird dich rücksichtslos zertrampeln, ganz egal, wie nett und aufrichtig du bist. Man weiß nie, wann diese Tiere umherstreunen. Wenn also ein aufrichtiger Sucher leidet, können wir nicht sofort den Schluss ziehen, dass er in seinem vergangenen Leben etwas falsch gemacht hat.

Wenn wir beständig ein spirituelles Leben führen, dann stehen wir im göttlichen Machtbereich, der wie eine Festung ist. Wir sind in der Festung, beschützt von Gott. Wenn falsche, ungöttliche Kräfte versuchen uns anzugreifen, stellt sich die göttliche Gnade in ihren Weg. Spirituelle Leute versuchen stets, sich Gottes Mitgefühl, Gottes Segen und Gottes Licht gewahr zu sein, denn sie wissen, dass, selbst wenn sie nichts Falsches tun, sie von ungöttlichen Kräften angegriffen werden können. Und wenn sie etwas Falsches tun, wissen sie sofort, dass es jemanden gibt, der ihnen vergeben kann, der sie beschützen kann, der ihr Bewusstsein heben kann und dieser jemand ist ihr innerer Führer oder Gott.

Frage: Könntest du bitte erklären, auf welche Art das Gesetz des Karmas in diesem und im nächsten Leben auf uns einwirkt?

Sri Chinmoy: Wir tragen die Vergangenheit in uns. Es ist wie ein kontinuierlicher Strom. „Wie man sät, so erntet man.“ Wenn wir etwas falsch machen, müssen wir uns im klaren sein, dass wir heute oder morgen in der physischen oder in der inneren Welt das Resultat erhalten werden. Wenn wir ständig stehlen, werden wir eines Tages erwischt und ins Gefängnis gesteckt. Wir werden vielleicht nicht heute erwischt, doch eines Tages werden wir erwischt. Und wenn wir etwas Gutes tun, wenn wir beten, wenn wir meditieren und göttliche Dinge tun, dann werden wir auch davon das Ergebnis erhalten. Manchmal sehen wir, wie jemand, der etwas falsch gemacht hat, die Welt genießt. Doch möglicherweise hat er in seiner unmittelbar vergangenen Inkarnation etwas Außergewöhnliches, etwas Wunderbares getan, und erfreut sich nun am Resultat seiner guten Tat, während die Ergebnisse seiner schlechten Tat noch nicht begonnen haben, Früchte zu tragen. An seinem Lebensabend oder in einem zukünftigen Leben wird er bestimmt bestraft werden.

Bei gewöhnlichen, unstrebsamen Menschen ist karmische Verfügung unvermeidlich. Das karmische Gesetz bindet uns ständig. Wie eine Schlange windet es sich um uns. Wir müssen die Rechnung bezahlen – das Gesetz des Karmas ist erbarmungslos. Auf der anderen Seite gibt es so etwas wie göttliche Gnade. Wir waren vielleicht unwissend und machten einiges falsch. Aber wenn wir bittere Tränen vergießen und nach Vergebung rufen, dann wird Gottes Anteilnahme natürlich auf uns herabströmen. Wenn jemand ein spirituelles Leben beginnt, kann sein Karma leicht aufgehoben werden, wenn es Gottes Wille ist, der durch einen spirituellen Meister wirkt. Langsam kann Gottes unendliche Gnade die Ergebnisse seines schlechten Karmas aufheben und die Ergebnisse seines guten Karmas vorzeitig wirksam werden lassen. Wenn ein Sucher das spirituelle Leben nicht nur will, sondern das spirituelle Leben auch jeden Tag praktiziert, dann kann er über dem Gesetz des Karmas stehen, denn Gott durchströmt den ergebenen Kopf und das hingegebene Herz des Strebenden unweigerlich mit Seiner grenzenlosen Gnade. Wir können natürlich nicht fortwährend etwas Schlechtes tun und glauben, dass Gott uns immer vergeben wird. Nein. Aber wenn Gott einen seelenvollen Schrei sieht, der sich von innen her ausbreitet, wenn Er sieht, dass wir aufrichtig und strebsam sind und aus dem Netz der Unwissenheit befreit sein wollen, wird Er uns nicht nur vergeben, sondern auch die notwendige Kraft geben, den gleichen Fehler nicht noch einmal zu machen.

Wenn wir in unserer nächsten Inkarnation zurückkommen, bestimmt das Ergebnis unseres vergangenen Karmas den Startpunkt unserer Reise. Wenn wir vieles falsch gemacht haben, können wir nicht erwarten, in unserem nächsten Leben die höchste Wahrheit zu verwirklichen. Aber mit Gottes Gnade können wir leicht die falschen Dinge, die wir in diesem Leben bereits gemacht haben, neutralisieren.

Frage: Angenommen, ein Schüler verwirklicht Gott nicht, solange sein Guru im Körper ist. Wie kann der Guru dem Schüler in seiner nächsten Inkarnation helfen, wenn es keinen anderen Guru gibt, durch den er wirken kann?

Sri Chinmoy: Der Guru braucht keinen anderen Guru, um durch ihn zu wirken. Als Krishna vor viertausend Jahren selbst auf der Erde war, hatte er auch Schüler und bis heute haben viele dieser Schüler keinen anderen Meister angenommen. Sie reinkarnieren sich zum Beispiel in einer Familie, die dem Pfad Krishnas folgt, so dass Krishna ihnen auf seine eigene Art Befreiung geben kann. Ähnlich ist es mit anderen großen Meistern. Viele Schüler Ramakrishnas sind auf die Erde zurückgekommen. Sie sind nicht zu einem anderen Guru gegangen und werden dennoch erfüllt. Aber wenn sie einen anderen Meister wollten, würde ihnen Ramakrishna natürlich sagen, sie sollten zu einem anderen gehen. Es gibt Schüler von großen Meistern, die andere Gurus angenommen haben. Einige meiner eigenen Schüler waren einst Schüler von Krishna.

Wie kann ein spiritueller Meister seinen Schülern helfen, wenn sie nicht zu einem anderen Guru gehen? Durch seinen bewussten Willen, den Willen seiner Seele. Ich bin hier auf der Erde, und obwohl ich nicht in England oder Puerto Rico bin, konzentriere ich mich mit meinem bewussten Willen früh am Morgen nach zwei Uhr auf all jene, die dort meine Schüler sind. Es würde reichen, wenn ich mich eine flüchtige Sekunde lang konzentrieren würde, aber ich nehme mir Zeit, um zu wissen, was die Seele tut und wie weit die Seele gegangen ist. So kann ein spiritueller Meister, während er noch im Physischen ist – was wirkliche Knechtschaft bedeutet – seinen Schülern in verschiedenen Teilen der Welt helfen. Wenn er dann den Körper verlässt, ist er vollkommen frei. Vom anderen Ufer her wirkt der spirituelle Meister durch das Licht der Seele: durch die Willenskraft. Das Licht der Seele kann von jeder Bewusstseinsebene her weitergegeben werden, von der höchsten Ebene bis unten auf die Ebene der Erde. So kann der Meister von den höheren Welten leicht mit der strebenden Seele seines Schülers eine Verbindung schaffen, und der Schüler kann auf das Licht des Meisters ansprechen. Auf diese Weise kann der Meister dem Schüler helfen, auf diese Weise hilft er ihm.

Wenn ein Meister jemanden als wirklichen, wahren Schüler annimmt, gibt er Gott, dem Supreme und der Seele des jeweiligen Schülers das Versprechen, dass er ewig für diese Seele verantwortlich sein werde. Aber es gibt sehr viele, die zu unserem Weg kommen werden – Hunderttausende. Sie werden zum Teil zehn, zwanzig, dreißig oder sogar vierzig Jahre auf unserem Weg bleiben, uns aber nie wirklich annehmen. Wenn ein Meister den Körper verlässt, ist er für diese sogenannten Schüler nicht verantwortlich. Der Meister wird sie ihrem eigenen Schicksal überlassen.

Nun sagt ihr vielleicht: „Wie ist es möglich, dass wir ins Centre gekommen sind und du hast uns nicht als wahre Schüler angenommen?“ Der Grund ist einfach: „Sie haben mich nicht von ganzem Herzen angenommen. Nur jemanden, der unseren Weg angenommen hat, kann man als echten Schüler betrachten. Die Annahme muss gegenseitig sein, niemand kann sie erzwingen. Menschliche Eltern zwingen, doch spirituelle Eltern können das nicht.

Äußerlich habe ich es nicht allen persönlich gesagt, die meine wirklichen Schüler sind, aber innerlich habe ich es ihnen gesagt und sie können versichert sein, dass sie nicht verloren sind, wenn ich meinen Körper verlasse. Sie werden nie verloren sein, weder in dieser Inkarnation noch in ihren zukünftigen Inkarnationen. Die wirklichen Schüler – jene, welche mich als ihr eigen angenommen haben, und die ich als mein eigen angenommen habe – werden früher oder später erfüllt und verwirklicht werden, entweder in diesem Leben oder in ihrem nächsten Leben oder in sehr wenigen Leben. Einige Schüler brauchen wegen ihrem bescheidenen Anfangsniveau vielleicht zwanzig oder mehr Inkarnationen. Wer in seiner ersten oder zweiten menschlichen Inkarnation zu mir gekommen ist, braucht vielleicht Hunderte von Inkarnationen. Die erste oder zweite menschliche Inkarnation ist eine halbwegs tierische Inkarnation. Der dominierende Faktor ist immer noch das Tier, wie kann man da Gott verwirklichen? Sogar im New York Centre haben viele Schüler erst sechs oder sieben menschliche Inkarnationen.

Wenn große Meister auf die Erde kommen, beschleunigen sie den Fortschritt ihrer Schüler beträchtlich. Aber wie sehr können sie ihn beschleunigen, wenn die Schüler selbst so wenig vorangekommen sind? Trotzdem versuchen die Meister, einen tapferen Kampf zu führen und fordern die Unwissenheit heraus. Sie sagen: „Lasst uns sehen, wie weit wir gehen können.“ Es gibt aber auch einige Schüler, die nur wenige Inkarnationen auf der Erde verbracht haben, jedoch wegen ihrer Aufrichtigkeit, ihrer Demut und ihrem Eifer trotzdem sehr schnell laufen. Sie brauchten ihre früheren dunklen Eigenschaften nicht und ihr Verstand ist nicht von Millionen von Gedanken und Ideen bedeckt worden. Gleich zu Beginn ihres spirituellen Lebens beginnen sie zu marschieren. Sie kommen in eine spirituelle Familie oder wenn sie Glück haben, drängt sie etwas von innen her vorwärts zum Licht. Es gibt so etwas wie göttliches Glück. Gewisse Leute haben dieses Glück, und wenn sie es richtig gebrauchen, dann ist in einer Inkarnation alles möglich. Andernfalls dauert es Hunderte von Jahren.

Frage: Wie wirst du den Kontakt mit uns aufrecht erhalten, nachdem du den Körper verlassen hast?

Sri Chinmoy: Ich werde ein spezielles Telefon mit Telefonistinnen haben. So etwas gibt es wirklich.

Ich möchte euch einen lustigen Vorfall erzählen. So um das Jahr 1951 saß ich in Indien neben meinem Freund Jyotish vor dem Haus. Jyotish stand mir sehr nahe und nur deshalb tat ich das Folgende für ihn. Er wollte ein paar Nachrichten von seiner Mutter erhalten, die sieben oder acht Jahre zuvor gestorben war.

Ich sagte: „Schau her, ich benütze jetzt mein Telefon. Ich werde nun eine Nachricht von dir zu deiner Mutter senden. Dann werde ich eine Nachricht von ihr erhalten, und sie wird als Antwort direkt zu dir kommen. Ich werde deine Mutter in deinem Namen etwas fragen, aber die Antwort wirst du selbst bekommen.“ Ich bat ihn um drei Fragen. Die Antworten kamen, und er erhielt sie und war tief bewegt. Zuerst sandte ich seine Seele und dann meine Seele zur Seele seiner Mutter. Dann führten sie ein Gespräch miteinander und von da erhielt er die Nachrichten.

Als nun Jyotish ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt war, verliebten sich fünf Mädchen in ihn, doch er heiratete keine von ihnen. Wegen ihres früheren Karmas starben sie alle zusammen bei einem Schiffsunfall. Zur Zeit des Unfalls war er in Burma. Diese fünf Frauen waren ebenfalls in der Seelenwelt seiner Mutter. Als ich ihm sagte, dass ich ihm auch eine Nachricht von seinen Freundinnen bringen würde, sagte er: „Wie willst du wissen, wer sie sind, wenn ich dir ihre Namen nicht sage?“ Ich sagte zu ihm: „Ich werde durch deine Seele gehen und dir ihre Namen bringen. Wiederhole nun im stillen die Namen der Mädchen. Jeder werde ich eine Frage stellen, und du wirst die Antwort bekommen.“ Er war ein kluger Kerl und dachte, er könnte mich hereinlegen. Bei dreien dachte er an die richtigen Namen, aber bei den anderen beiden dachte er an völlig falsche Namen. Ich wollte diese Namen schon sagen, als plötzlich seine Seele vor mir stand und mir die Wahrheit erzählte. Seine Seele beschützte mich. Ich sagte: „Aha, mit diesen zwei letzten Namen willst du mich täuschen!“ Er warf sich flach vor meine Füße. Dann begann der Ashram-Klatsch. Wie weit wir doch an diesem Tag gesunken sind! Am nächsten Tag erzählte Jyotish einem unserer gemeinsamen Freunde von diesem Erlebnis und fragte: „Glaubst du das?“ Der Freund sagte: „Vielleicht war er betrunken. Er ist immer betrunken. Nur Trinker können solche Dinge tun! Was hast du denn davon, wenn du etwas von deinen Freundinnen erfährst?“ Innerlich glaubte der Freund daran, aber äußerlich gab er vor, es nicht zu glauben.

Als einer meiner Schüler starb, erzählte ich seinen kleinen Neffen, dass wir zu ihrem Onkel in der Welt der Seele sprechen könnten, so wie mit dem Telefon. Ich dachte daran, ihnen ein wenig davon vorzuführen, aber mein inneres Wesen warnte mich, dass sie fürchterlich erschrecken würden und dass es nur Probleme schaffen würde und so unterließ ich es.

Frage: Unterscheidet sich die nächste Inkarnation eines spirituellen Menschen von der eines gewöhnlichen Menschen?

Sri Chinmoy: Sicherlich. Wenn eine Seele spirituell sehr weit fortgeschritten ist, wird sie kein gewöhnliches Leben annehmen, denn durch das gewöhnliche Leben ist sie bereits gegangen. Jede Inkarnation ist ein Schritt zu unserer letztlichen Gottverwirklichung. Wenn man in seiner letzten Inkarnation bewusst strebsam war, wird die zukünftige Geburt der Seele mehr Gelegenheiten für ihren spirituellen Fortschritt bieten. Hat ein Sucher im vergangenen Leben begonnen, ein spirituelles Leben zu führen und ist er in seiner spirituellen Disziplin wirklich aufrichtig gewesen, dann wird er natürlich in diesem Leben schon sehr früh zu streben beginnen. Er wird in eine spirituelle Familie geboren werden, wo er von Geburt an ermutigt wird, ein spirituelles Leben zu führen, und im Alter zwischen zehn und sechzehn Jahren wird er beginnen innerlich zu streben. Es kann jedoch auch geschehen, dass die Umstände ungünstig sind. In diesem Falle wird er in diesem Leben sehr langsam vorankommen, auch wenn er in seinem vergangenen Leben mit dem spirituellen Leben begonnen hat, da er von seinen Eltern und seiner Umgebung keine Hilfe bekommt. Aber es ist kein Risiko, es ist eine Reise. Im Verlaufe der Entwicklung legt die Seele tausende von inneren Kilometern zurück und macht verschiedene Erfahrungen. Diese Erfahrungen sind es, die der Seele schließlich ihre vollständige Verwirklichung geben.

Aber wenn jemand ein sehr großer Sucher war und an der Schwelle der Gottverwirklichung stand, dann wird er fast sicher in eine sehr hoch entwickelte spirituelle Familie kommen und von Anfang an in das wahre spirituelle Leben eintreten können. Die meisten der wirklichen spirituellen Meister gehen in sehr hoch entwickelte spirituelle Familien. Es kann auch vorkommen, dass Gott einen spirituellen Meister in eine Familie sendet, die kein inneres Streben besitzt, denn er ist durch keinen Plan gebunden. In den meisten Fällen jedoch kommen spirituelle Meister in spirituelle Familien.

Frage: Du hast vorhin gesagt, jede Inkarnation sei eine Stufe zu unserer Gottverwirklichung. Heißt das, dass wir Gott in diesem Leben nicht erreichen können?

Sri Chinmoy: Nein, überhaupt nicht. Es kommt auf den Hintergrund und die Strebsamkeit an. Wenn man im vergangenen Leben strebsam war und meditiert hat, dann gibt es keinen Grund, warum man in der gegenwärtigen Inkarnation mit seiner Strebsamkeit nicht die Verwirklichung erreichen könnte. Da wir uns alle zur Verwirklichung hin entwickeln, muss die Verwirklichung in der einen oder anderen Inkarnation stattfinden. Es hängt also alles von der spirituellen Entwicklung des Strebenden ab.

Frage: Wenn ein Sucher stirbt, hört dann in der Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt all seine Verantwortung, all seine Arbeit auf? Oder kann er bewusst arbeiten und in gewisser Weise die begonnene Arbeit fortführen, bevor er auf die Erde zurückkommt?

Sri Chinmoy: Es kommt auf die Stufe des individuellen Suchers an. Stell dir vor, ein fortgeschrittener Sucher hat den Körper verlassen, hat aber vieles nicht ausführen können, was er auf der Erde hat machen wollen. Was wird er tun? Wenn er den Körper verlässt, muss er durch die physische, die vitale, die mentale und andere Welten und schließlich in das Reich der Seele gehen. Wenn er für zehn oder zwanzig Jahre nicht zur Erde zurückkehren will und wenn dies auch Gottes Wille ist, dann kann er in der Zwischenzeit sein Werk auf der Erde durch jemanden weiterführen, der noch auf der Erde ist und ihm sehr nahe steht. Weil er eine fortgeschrittene Seele ist, kann er den Willen seiner Seele von dort, wo er ist, in seinem Nächsten auf der Erde wirken lassen. Aber gewöhnliche Menschen, die den Körper verlassen, sind dazu nicht fähig.

Sagen wir zum Beispiel, jemand will, dass seine Kinder einen Universitätsabschluss erreichen. Solange die Seele nach dem Verlassen des Körpers in der vitalen Welt, im feinstofflichen Bereich ist, kann sie diese Art von Verlangen und gewöhnlichen Wünschen den Kindern übermitteln. Durch das Vitale behält die Seele noch etwas physischen Kontakt mit der Erde. Gewöhnliche irdische Wünsche können durch den Willen der verstorbenen Person, die den Körper ein oder zwei Jahre zuvor verlassen hat, erfüllt oder verstärkt werden. Doch sobald die Seele in die höheren Ebenen zurückkehrt, wird sie kein Verlangen mehr haben und nicht auf diese Art auf Söhne oder Töchter einwirken, die noch auf der Erde sind. Die Seele wird sich nicht um die irdische Befriedigung der Kinder und um die Erfüllung ihrer wuchernden irdischen Wünsche kümmern. Aber wenn die Seele für ihre Nächsten himmlische Strebsamkeit hat, wird sie von den höheren Welten her versuchen, deren inneres Streben zu verstärken und ihnen auf jede mögliche Weise zu helfen. Die Seele wird zu mächtigen Seelen gehen, die noch auf der Erde sind und sie bitten, den Lieben in der spirituellen Welt zu helfen. Wenn die Seele sehr hoch entwickelt ist und sieht, dass jemand wirklich aufrichtig und strebsam ist, dann kann die Seele hingegen selbst diesem Menschen helfen.

Frage: Wird die Zeitspanne, welche die Seele zwischen den Inkarnationen in der Seelenwelt verweilt, durch die Strebsamkeit der vorhergehenden Inkarnation bestimmt? Wird sich eine fortgeschrittene Seele früher inkarnieren?

Sri Chinmoy: Es kommt auf die Strebsamkeit und auf die Notwendigkeit an. Wenn du die Strebsamkeit hast, etwas zu tun, braucht es von Gott aus gesehen noch lange nicht notwendig zu sein. Von deiner Seite her brauchst du Strebsamkeit. Du strebst danach, wieder zurückzukommen und das Spiel sofort wieder zu beginnen. Es ist, als ob du eine halbe Stunde lang gespielt hättest und dann eine kurze Pause machst. Wenn du dann nicht länger pausieren willst, sagst du: „Gib mir die Gelegenheit, zurückzugehen und das Spiel zu beenden.“ Aber Gott sagt vielleicht: „Nein, ich will, dass du etwas länger Pause machst.“ Dann kannst du nicht zurückkehren. Aber wenn deine Strebsamkeit und Gottes Notwendigkeit eins werden, dann kannst du sicher zurückkommen.

Einige Seelen reinkarnieren sich fast sofort, ohne überhaupt in die Seelenwelt zu gehen. Nehmen wir an, jemand stirbt vorzeitig bei einem Unfall. In diesem Fall geht seine Seele nur zum vitalen Reich hinauf und nimmt dann von dort sieben oder acht Monate später in einer neuen Familie eine Inkarnation an, falls ein spiritueller Meister oder die göttliche Gnade eingreift.

Die meisten gewöhnlichen Seelen kommen nach einem Aufenthalt von sechs, sieben oder höchstens zwanzig Jahren in der Seelenwelt wieder zurück auf die Erde. Die Zeit in der Seelenwelt benötigt die Seele dazu, um ihre Erfahrungen auf der Erde zu assimilieren. Bedeutende Leute, wie große Wissenschaftler oder spirituelle Meister nehmen nicht so schnell wieder eine Geburt an wie gewöhnliche Leute. Ganz selten wird man einen großen Menschen auf irgendeinem Gebiet sehen, der sich sehr bald wieder inkarniert. Einige bleiben siebzig Jahre oder noch länger in der Seelenwelt. In gewissen Fällen warten spirituelle Meister hundert oder zweihundert Jahre, bevor sie sich reinkarnieren. Aber es gibt keine feste Regel. Wenn Gott will, dass sie zur Erde zurückkommen, dann müssen sie zurückkommen, auch wenn sie nicht wollen. Es ist die eigene Entscheidung der Seele zusammen mit der Einwilligung Gottes, die bestimmt, nach welcher Zeit sich der Mensch wieder inkarniert.

Frage: Wenn jemand auf einem Gebiet besonders begabt ist, heißt das, dass dieses Potential der Seele ursprünglich mitgegeben wurde oder hat sie es erreicht, weil sie es durch viele Leben hindurch angestrebt hat?

Sri Chinmoy: Die Anlage steckt in jedem. Ähnlich wie bei einem Klumpen Ton. Der eine Töpfer macht daraus einen wunderschönen Topf, ein anderer macht einen Topf, der nicht so schön ist. Das Material von beiden Töpfern ist derselbe Ton. Ähnlich sind wir alle im Geist eins. Aber beim einen Töpfer fragt man sich: „Wie hat er diesen Ton so attraktiv geformt?“ Es steckt etwas in diesem Töpfer, das wir bewusste Strebsamkeit nennen. In jedem anderen Aspekt bleibt die Essenz von mir, von dir und von allen anderen die gleiche. Während dieser bestimmte Töpfer den Ton formt, gibt ihm etwas in ihm die Möglichkeit, etwas Einzigartiges zu erschaffen.

Es ist also nicht so, dass jemand ein bestimmtes Talent von Anfang an erhalten hat. Es war hingegen jedem Menschen vom Anfang der Schöpfung an bestimmt, sehr begrenzte Freiheit zu erhalten. Diese Freiheit bedeutet Potential. Einige gebrauchen dieses Potential für das spirituelle Leben, andere gebrauchen es für Musik, wieder andere zum Dichten und so weiter. Viele gebrauchen es überhaupt nicht. Das Potential wird immer erst dann Wirklichkeit werden, wenn es von seinem Besitzer hervorgebracht und entwickelt wird.

Frage: Manchmal meditieren mein Neffe und ich, indem wir uns gegenseitig in die Augen schauen und manchmal sehen wir, wie sich das Gesicht des anderen verändert und sogar die Haare eine andere Farbe annehmen. Es würde mich interessieren, was das bedeutet.

Sri Chinmoy: Du siehst seine vergangene Inkarnation und er sieht deine. Aber das ist überhaupt nicht ratsam. Angenommen du siehst, dass du vor drei oder vier Inkarnationen ein Tier warst, obwohl du in einem menschlichen Körper warst. Es gibt viele solche Leute. Wenn wir nicht beten oder meditieren, dann sind wir hier auf der Erde nur ein wenig besser als Tiere. Wenn ich in Jamaica, in Puerto Rico, in Kanada oder in New York durch die Straße gehe, sehe ich Leute, die das erste Mal als Mensch geboren sind. Was kann man von ihnen erwarten? Sie kommen ja frisch vom Tierreich.

Es ist sehr riskant für zwei Schüler, sich gegenseitig anzuschauen, sich bewusst auf die Augen zu konzentrieren und die Vergangenheit hervorzubringen, denn es ist gut möglich, dass man dabei das tierische Bewusstsein hervorbringt. In Indien kenne ich Leute, die das mit ihren Brüdern und Schwestern gemacht haben, worauf die ungöttlichen Kräfte der vergangenen Inkarnationen jeweils in den anderen eingedrungen sind. Solange wir Gott nicht verwirklicht haben, gibt es auch in dieser Inkarnation noch viele ungöttliche Elemente in unserer Natur, mit denen wir fertig werden müssen. Lasst uns also nicht unsere Vergangenheit hervorbringen. Diese Vergangenheit, so sage ich immer, ist Staub. Hat dir die Vergangenheit Verwirklichung gegeben? Nein, sonst wärst du nicht zu mir gekommen. Zur Vergangenheit zu gehen ist daher weder notwendig noch ratsam.

Frage: Hilft es einem zu wissen, was für ein Tier oder was für ein Mensch man in seinem vergangenen Leben gewesen ist?

Sri Chinmoy: Wenn wir in das innere Leben treten und unser inneres Bewusstsein, unsere innere Fähigkeit entwickeln, werden in uns bruchstückhafte Erinnerungen an unsere vergangenen Inkarnationen aufblitzen. Tief in unserer Meditation können wir leicht fühlen, dass wir vergangene Leben gehabt haben. Und wenn wir wissen, dass wir eine Vergangenheit gehabt haben und wissen, dass die Gegenwart noch nicht vollständig ist und wir selbst nie unvollständig bleiben können, dann wird uns der Drang zur Gegenwart zur Zukunft bringen, wo wir unsere Vollständigkeit erreichen werden. Dabei können wir unseren Fortschritt beschleunigen, wenn wir einen Meister haben. Wenn wir uns völlig dem inneren Leben widmen und einen Guru haben, dann können wir in einem Leben den Fortschritt von zwanzig Inkarnationen machen. Angenommen wir wissen, dass wir in unserer letzten tierischen Inkarnation ein Reh waren. Der einzige Vorteil ist, dass wir an unsere Geschwindigkeit denken und sagen können: „In der tierischen Inkarnation lief ich so schnell und damals hatte ich noch nicht die fortgeschrittene Seele, die ich jetzt habe. In dieser Inkarnation will ich noch schneller laufen!“ Sobald wir uns erinnern, dass wir in einem früheren Leben schnell gelaufen sind, fühlen wir uns inspiriert, in dieser Inkarnation schnell zu laufen. Wenn wir unsere vergangene Inkarnation kennen, dann können wir sie positiv verwerten, was uns unmittelbar inspiriert. Wenn jemand weiß, dass er ein Sucher war, dann gibt ihm das ein wenig Freunde und Zuversicht. „Ich habe meine Reise in meinem vergangenen Leben begonnen, aber es war ein sehr langer und beschwerlicher Weg. In diesem Leben gehe ich immer noch denselben Pfad entlang, aber diesmal muss ich nicht soweit gehen. Es ist auch einfacher, da ich etwas Hilfe habe. Ich habe die Fähigkeit. Ich habe die Bereitschaft. Ich habe die Erfahrung. Mit einem spirituellen Meister, der mich leitet, werde ich mein Ziel leicht erreichen.“

In den seltensten Fällen benützen wir das Wissen von unseren vergangenen Inkarnationen richtig. Meistens gibt es uns überhaupt keine Ermutigung. Nehmen wir an, wir wissen, dass wir in unserer vergangenen Inkarnation ein Dieb oder etwas anderes Ungöttliches waren. Werden wir irgendwelche Inspiration oder Strebsamkeit davon erhalten? Nein! Uns wird sofort der Gedanke kommen: „Ach, ich war ein Dieb und in diesem Leben versuche ich ein Heiliger zu werden. Unmöglich! Es ist ein hoffnungsloser Versuch in diesem Leben spirituell zu werden.“ Schon wenn wir in diesem Leben einiges falsch machen, brauchen wir lange, um aus der Verzweiflung herauszukommen. Wir sagen uns: „Ich war so schlecht. Ich tat dies und jenes, wie soll ich nun rein werden? Wie soll ich Gott verwirklichen?“ Auch wenn es bereits Jahre zurückliegt, so stört uns das heute häufig noch, wenn wir etwas falsch gemacht haben.

Stellt euch auf der anderen Seite vor, wir wissen, dass wir in unserer vergangenen Inkarnation eine sehr bedeutende Persönlichkeit waren und in dieser Inkarnation sehen wir, dass wir nichts sind. Dann werden wir uns erbärmlich fühlen. Wir werden Gott verfluchen, wir werden uns selbst verfluchen. Wir werden uns fragen: „Wie kommt es, dass ich in dieser Inkarnation so nutzlos bin, wenn ich doch so bedeutend war? Was für unerdenkliche Sachen habe ich gemacht, dass ich dieses Schicksal verdiene? Gott ist herzlos. Er kümmert sich nicht um mich.“ Aber wir missverstehen Gott. Gott möchte in dieser Inkarnation eine andere Erfahrung durch uns machen und wir meinen, Gott sei nicht gerade nett zu uns.

Ein Sucher will innere Freude, Freude, die ihn erfüllt und die Gott erfüllt. Das wird er von seinen vergangenen Inkarnationen nie bekommen. Wenn er in eine vergangene Inkarnation eintritt und sieht, dass er Präsident der Vereinigten Staaten war, wird ihn das trotzdem nicht befriedigen. Er wird sehen, dass sein Leben als Präsident voller Elend, Frustration und anderer Arten von Leiden war. Für wirkliche Freude muss ein Sucher im spirituellen Leben mit seiner eigenen Strebsamkeit, seinem eigenen inneren Sehnen, seiner eigenen Konzentration und Meditation vorwärts gehen.

Das Beste für uns ist, nicht an die Vergangenheit zu denken. Unser Ziel liegt nicht hinter uns, es liegt vor uns. Wir gehen vorwärts, nicht rückwärts. Bei einem spirituellen Menschen sage ich immer: „Vergangenheit ist Staub.“ Ich sage das, weil uns die Vergangenheit nicht gegeben hat, was wir wollen. Was wir wollen ist Gottverwirklichung. Unsere früheren Inkarnationen zu kennen, hilft uns bei unserer Gottverwirklichung nicht. Gottverwirklichung hängt voll und ganz von unserer intensiven Sehnsucht nach dem Höchsten ab. Das Wichtige ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart. Wir müssen sagen: „Ich habe keine Vergangenheit. Ich beginne hier und jetzt mit Gottes Gnade und meiner eigenen Strebsamkeit. Ich beginne jetzt zu laufen. Wie weit ich in der Vergangenheit gelaufen bin, ist bedeutungslos. Ich will nur daran denken, wie weit ich in diesem Leben laufen werde.“

Vorläufig müssen wir die Vergangenheit als etwas von der Gegenwart vollkommen Verschiedenes sehen und die Gegenwart als etwas vollkommen Verschiedenes von der Zukunft. Wenn wir Gott verwirklichen, dann werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alle eins. Sie bilden einen Kreis, welcher unser eigenes inneres Wesen, unser ganzes Leben ist. Dann können wir leicht auf unsere früheren Inkarnationen zurückschauen und dann werden wir wissen, was wir waren.

Wenn du etwas über deine vergangenen Leben wissen willst, wird dir Gott sicherlich die Fähigkeit dazu geben. Aber das Wichtigste sind nicht vergangene oder zukünftige Inkarnationen, sondern, was du hier und jetzt willst. Du willst Gott und wenn du seelenvoll meditierst, wird Gott dir diesen Wunsch zweifellos erfüllen. Du wirst Ihn besitzen und Ihn dein eigen nennen.

Ich möchte meinen Schüler noch etwas anderes sagen: Lasst mich ein wenig angeben, auch ihr könnt prahlen. In euren vergangenen Inkarnationen habt ihr ein spirituelles Leben geführt. Glaubt ihr, dass Gott euch zu mir gebracht hätte, wenn ihr keine Vorbereitung gehabt hättet? Nein? Er würde euch zu einem Meister gebracht haben, der eine Handbreit niedriger ist als ich. Spirituelle Meister von meinem Kaliber bekommen Schüler, die in der Vergangenheit etwas versucht oder getan haben. Einige haben mehr getan, einige haben weniger getan. Aber jeder hat etwas getan, sonst wäret ihr zu einem anderen spirituellen Meister gegangen und nicht zu mir gekommen. Gott ist nett zu mir und Er ist nett zu euch. Dem Mittelschullehrer wird Gott keine Kindergartenschüler geben. Er wird Kindergartenschüler für jene aufheben, die keine höheren Klassen unterrichten können. In seltenen Fällen ist der eine oder andere nach nur wenigen menschlichen Inkarnationen zu mir gekommen, aber diese wenigen Seelen haben einen intensiven Wunsch, ihr gegenwärtiges Bewusstsein zu transzendieren.

Frage: Wenn jemand ein sehr fortgeschrittener Sucher ist und die Fähigkeit entwickelt, seine vergangenen Inkarnationen zu sehen, wird das seinen Fortschritt behindern? In anderen Worten, ist es immer schädlich, wenn man entdeckt, dass man in der Vergangenheit ein Dieb war oder etwas dergleichen?

Sri Chinmoy: Wenn du in diesem Leben äußerst aufrichtig meditierst, wird sich deine innere Kraft automatisch entwickeln. Du wirst den Punkt erreichen, wo es dich auch dann nicht mehr stören würde, wenn du siehst, dass du in deinem früheren Leben der schlimmstmögliche Verbrecher warst. Du weißt, dass du hierher gekommen bist, um dich zu verwandeln, um zum Göttlichen zu gehen. Buddha verriet seine früheren Inkarnationen. Er war eine Ziege und viele andere Tiere gewesen. Da er Gott verwirklicht hatte und in die höchste Wahrheit eingegangen war, fiel es ihm leicht zu sagen, was er in seinen vorangegangenen Geburten war. Für ihn spielte es keine Rolle, ob er in seinen vorangegangenen Inkarnationen eine außergewöhnliche Persönlichkeit war oder nicht.

Frage: Wenn ein Mensch stirbt und er einen Hund oder ein anderes Tier sehr gerne hat und Mitleid mit dem Tier verspürt, wird ihn das dazu veranlassen, als Tier wiedergeboren zu werden? Ich hörte, dass in Indien einmal einem Lamm etwas zustieß, während ein großer Weiser in den Wäldern meditierte. Er nahm sich seiner an und gewann es sehr lieb, und war als Resultat in seiner nächsten Inkarnation ein Lamm.

Sri Chinmoy: Die größte Schrift in Indien und zugleich die umfangreichste in der Welt heißt Mahabharata. In der Mahabharata gibt es viele Geschichten, in denen ein Mensch später als Tier wiedergeboren wird. Es gibt eine berühmte Geschichte über einen König namens Bharata, der einen Hirsch sehr gern hatte und der in seiner nächsten Inkarnation ein Hirsch geworden sein soll. Der große spirituelle Meister Ramakrishna mochte Swami Vivekananda, seinen liebsten Schüler sehr gern. Er suchte ihn manchmal auf, um mit ihm zu sprechen, und die Leute dachten, Ramakrishna sei verrückt. Da sagte Vivekananda eines Tages zu ihm: „Was tust du? Kennst du nicht die Geschichte von König Bharata, der so an einem Hirsch hing, dass er in seinem nächsten Leben als Hirsch geboren wurde? Dein Schicksal wird dasselbe sein, wenn du ständig an einen gewöhnlichen Menschen wie mich denkst.“

Ramakrishna nahm Vivekananda ernst und fragte Mutter Kali: „Ist es wahr, dass mein Schicksal dasselbe sein wird wie das von König Bharata?“ Sie sagte: „Das ist ja lächerlich! Du magst Naren (Vivekananda) deshalb, weil du Gott in ihm siehst, und nicht, weil er schön ist oder aus einem anderen Grund. Nein, du liebst ihn, weil sich in ihm die Manifestation Gottes ausdrückt. Darum bist du so entzückt, wenn du ihn siehst.“

Wenn man also mit jemandem Mitleid hat, heißt das nicht, dass man zu dieser Person werden wird. Wenn ein Bettler für eine Gabe zu dir kommt, und du Mitleid mit ihm hast und ihm Geld oder etwas zum Essen gibst, heißt das nicht, dass du selbst ein Bettler werden wirst. Wenn du einen Hund hast, so kannst du deine Liebe für den Hund zeigen, weil er dir gegenüber zum Beispiel so treu und anhänglich ist. Aber das heißt nicht, dass du ein Hund wirst, weil du die Eigenschaften des geliebten Hundes bewunderst. Du kannst die guten Eigenschaften des Hundes wie zum Beispiel seine Treue in deinem menschlichen Dasein erwerben, ohne ein tierisches Leben anzunehmen. Nur weil du an einem Tier hängst, wirst du noch nicht zu einem Tier. Durch dieses Stadium bist du bereits gegangen. Die guten Eigenschaften eines Tieres kannst du aber trotzdem übernehmen.

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