Sri Chinmoy antwortet, Teil 6

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Teil I

SCA 203-229. Die folgenden Fragen wurden im Januar 1995 beantwortet.

Frage: Wie kann ich als Schüler vollkommen werden?

Sri Chinmoy: Das Wort vollkommen ist einerseits schwer, andererseits leicht verständlich. Zuerst müssen wir uns bewusst sein, dass es nicht dasselbe ist, ein vollkommener Mensch oder ein vollkommener Schüler zu werden. Wenn wir einen Menschen beschreiben und den Begriff vollkommen verwenden, so meinen wir damit im allgemeinen, dass er viele gute Eigenschaften hat, welche die Leute in seiner Umgebung nicht haben. Nehmen wir an, jemand besitzt zehn gute Eigenschaften und die Menschen in seiner Umgebung haben vielleicht zwei oder drei gute Eigen­schaften. Natürlich werden diejenigen, die nur zwei oder drei gute Eigenschaften haben, jenen mit den zehn guten Eigenschaften außerordentlich bewundern. Aber wer weiß, vielleicht gibt es noch zwanzig weitere gute Eigenschaften, die er nicht hat.

Selbst wenn jemand sehr viele gute Eigenschaften besitzt, können andere trotzdem immer noch behaupten, er sei sehr weit von der Vollkommenheit entfernt. Sie könnten allen seinen Handlungen unedle Motive zuschreiben.

Nehmen wir an, eine bestimmte Person besäße eine sehr mitmenschliche Gesinnung und schenkte den Armen viele Almosen. Einige Leute werden diese Person bewundern und von ihr sagen, sie hätte ein freundliches Herz, während andere behaupten, es wäre keine Aufrichtigkeit dahinter und diese Person würde all das nur tun, damit sie angeben könne.

Im gewöhnlichen menschlichen Leben findet man Vollkommenheit auf einer Ebene des Bewusstseins. Wenn ein Mensch eine gewisse Anzahl an guten Eigenschaften besitzt, werden seine Freunde, Nachbarn und Verehrer behaupten: „Er ist vollkommen.“ Andere werden dem nicht zustimmen, doch es wird viele geben, die seine Seite einnehmen, weil sie in ihm all jene guten Eigenschaften wahrnehmen, die sie selbst nicht besitzen. Dennoch muss man im spirituellen Leben die Vollkommenheit von einem anderen Gesichtspunkt, aus einer anderen Perspektive betrachten.

Betrachten wir einmal die Idee von der Hingabe an den Willen Gottes. Wir wissen, dass auf der spirituellen Leiter drei Sprossen vorhanden sind: Liebe, Ergebenheit und Hingabe. Zuerst kommt die Liebe, dann die Ergebenheit und dann die Hingabe. Wir müssen wissen, dass Liebe und Ergebenheit niemals vollständig und vollkommen sein können, solange die Hingabe nicht vollständig, vollkommen und bedingungslos ist. Ich vertrat immer die Meinung, dass Liebe das Fundament ist und nach der Liebe müsse die Ergebenheit Gestalt annehmen. Und zu guter Letzt würde die Krönung erfolgen: die Hingabe. Doch nun erkenne ich, dass wir, wenn wir niemals die Höhe der Hingabe erreichen, den Schritt der Liebe oder den Schritt der Ergebenheit nicht schätzen können. Wir können die höchste Notwendigkeit des Baumstammes erst dann wirklich schätzen, wenn wir an ihm hinaufklettern, um die Mangos zu holen. Solange wir die Mangos nicht kosten, können wir die weiter unten wachsenden Teile des Baumes nicht vollständig schätzen. Nur wenn wir das Ziel erreichen, können wir der Straße, die uns zum Ziel geführt hat, die höchste Bedeutung beimessen.

Vom höchsten Standpunkt aus betrachtet, ist die vollkommene Vollkommenheit, unsere Hingabe an Gottes Willen. Doch diese Art von Hingabe zu haben, ist für einen strebenden Sucher äußerst schwierig. Wenn wir beginnen, wissen wir ja nicht einmal, wie der Wille Gottes lautet. Wir erhalten eine innere Botschaft, aber wir wissen nicht, woher sie kommt. Wenn eine bestimmte Botschaft aus dem Herzen kommt, halten wir sie vielleicht für eine Botschaft aus dem Verstand oder umgekehrt. Dann wiederum übermittelt uns der Verstand eine Botschaft, doch wir sind im Glauben, sie käme direkt von Gott. Oder wir erhalten eine Botschaft unseres Vitalen und wir halten sie für eine Botschaft unserer Seele. Es besteht also die grundlegende Möglichkeit, dass wir uns völlig irren, wenn wir herauszufinden versuchen, wie der Wille Gottes lautet. Tatsächlich empfinden wir, dass jene Botschaft, die wir sehr einfach ausführen können, definitiv von oben kommt. Und so könnten wir eine trügerische Gewissheit oder ein trügerisches Gefühl von Sicherheit haben, das einen Tag, einen Monat oder ein Jahr lang anhält.

Wir als menschliche Wesen erhalten ständig verschiedene innere Botschaften und in jedem Augenblick ergeben wir uns einer von ihnen. In allen unseren Taten ist der Hingabeaspekt vorhanden. Wenn wir einen freien Zugang zur inneren Welt hätten, würden wir erkennen, dass wir uns in jedem Augenblick entweder dem physischen Bewusstsein oder irgendeinem anderen Teil unseres Wesens hingeben. In unserem alltäglichen Leben sagen wir: „Ich habe dieses und jenes beschlossen.“ Doch das ist völlig inkorrekt. Der Entschluss stammt entweder von unserem Verstand, unserer Lebenskraft, unserem Herzen, unserer Seele oder von Gott. Ein Wesensteil von uns ist immer der Führer oder Herrscher, und wir identifizieren uns selbst mit der Entschlusskraft dieses Führers oder Herrschers. Daher ist der Hingabeaspekt in allem, was wir tun, vorhanden.

Meistens übernimmt der Verstand die Entscheidungen. Wenn er eine Entscheidung trifft, identifizieren wir uns dermaßen mit dem Verstand, dass wir fühlen, wir wären diejenigen, die diese Entscheidung getroffen haben. Und auf exakt dieselbe Art und Weise, wie der Verstand für uns entscheiden kann, will auch Gott für uns entscheiden. Doch wenn Gott für uns entscheidet, so gibt uns das in den meisten Fällen leider keine äußere Freude. Das ist so, weil das Auge Gottes sieht, dass die Art, auf die wir uns selbst glücklich machen wollen, meistens nicht die Richtige ist.

Wenn die von Oben herabkommende Botschaft uns nicht zufrieden stellt und uns nicht auf unsere Weise glücklich macht, wenn wir uns mit unserem Verstand, unserem Vitalen oder unserem physischen Bewusstsein sehr stark identifizieren, dann geschieht es sehr oft, dass wir dieser Botschaft keinen Glauben schenken. Wir sagen: „Wenn Gott nur Liebe und Mitgefühl ist, warum lässt Er mich dann dermaßen leiden?“ Doch wenn wir uns selbst mit unseren Verwandten und Freunden, die weder beten noch meditieren, vergleichen, so werden wir erkennen, dass es uns viel besser geht und dass wir unendlich glücklicher sind als sie.

Alles ist eine Frage der Erwartung. Bevor wir das spirituelle Leben begannen, hatten wir gewiss einen Vorgesetzten, und dieser Vorgesetzte war der Verstand. Nun, da wir dem inneren Leben folgen, erwarten wir, dass Gott uns immer führt. Doch wir kritisieren den armen Gott ständig. Wir behaupten entweder, Er sei unsichtbar oder Er stelle uns nicht zufrieden. Auch wenn Gott für uns eine sichtbare Form annehmen würde, würden wir sagen: „O Gott! Ich dachte, Du wärest unendlich schöner!“ Wir halten Ausschau nach Gott in einer bestimmten Form, doch Er erscheint uns in einer anderen Form. Die indischen Geschichten sind voll mit dieser Art von Erfahrungen. Manchmal erscheint Gott sogar in der Form eines Hundes, nur um den Sucher zu prüfen und um zu sehen, wie stark sich der Sucher mit dem Gottesbewusstsein identifiziert. Doch der arme Sucher wird den Hund aussperren, weil er sich von ihm belästigt fühlt.

Wir erwarten, dass Gott uns in einer ganz lichtvollen Gestalt erscheint – in einer Gestalt, die unsere Vorstellungskraft bei weitem übertrifft. Doch leider, sogar wenn Gott in Seiner absolut schönsten Form erscheint, zum Beispiel in einem Traum, hat das, was Gott als wunderschön empfindet, in unseren Augen vielleicht gar nichts mit Schönheit zu tun. Unsere Beurteilung von Gottes Schönheit mag völlig anders sein als Gottes eigene Beurteilung Seiner selbst. Die Art und Weise, wie wir etwas aus unserer weltlichen Sicht und mit unserer weltlichen Fähigkeit betrachten, kann völlig anders sein als jene Art und Weise, wie es dem Auge Gottes erscheint. Wir sagen: „Nur wenn Gott in dieser Form kommt, werde ich Ihn annehmen. Wenn Er in einer anderen Form kommt, so kann es nicht Gott sein.“ Da wir nicht im universellen Bewusstsein verankert sind, haben wir Gott in unserem Verstand auf eine gewisse Weise formuliert. Doch unsere Vorstellung von Gottes Schönheit oder Gottes Heiligkeit mag vom höchsten Standpunkt aus betrachtet völlig absurd sein.

Auf ähnliche Weise haben wir auch unsere eigenen Ideen über das Glück formuliert. Wir empfinden, dass eine Botschaft von Gott gekommen sei, wenn sie uns unserer Vorstellung entsprechend glücklich macht. Aber wenn eine Botschaft kommt, die uns nicht sofort glücklich werden lässt, eine, die uns nur Unglück oder Leid bringt, weisen wir sie zurück. Wenn wir eine Botschaft erhalten, mit der wir nichts anfangen können oder die wir nicht auf göttliche Art erfüllen können, ignorieren wir sie einfach. Wir sagen, es ist nicht möglich, dass sie von Gott gekommen ist.

Wirkliches Glück und spirituelle Vollkommenheit gehören zusammen. Von der Vollkommenheit erhalten wir inneres Glück. Wenn uns etwas vollkommen gelungen ist oder wenn wir fünf Minuten oder fünf Stunden lang ein vollkommener Mensch sind, dann sind wir innerlich wirklich glücklich. Wenn wir einen bestimmten Grad an Vollkommenheit erreicht haben, folgt das Glück von selbst. Wir können aber auch über das Glücklichsein zur Vollkommenheit gelangen. Wenn wir auf eine spirituelle Art glücklich sind, wollen wir richtig handeln und zu einem rechten Menschen werden. Wenn wir uns elend fühlen, hassen wir nur uns selbst und verfluchen uns. Und wer kümmert sich in solch einem Zustand um Vollkommenheit? Doch wenn wir spirituell glücklich sind, gleicht unser Glück einem soliden Fundament, auf dem wir den Palast der Vollkommenheit errichten können.

Aber auch wenn wir glücklich sind und das Richtige tun wollen, wie können wir wissen, was das Richtige ist? Wir wissen, dass sich Vollkommenheit einstellt, wenn wir auf den Willen des Höchsten hören, aber wie können wir wissen, ob eine Botschaft vom Höchsten stammt oder aus einer niedrigeren Quelle? Ein Weg, um das herauszufinden wäre, eine lange Zeit gut zu meditieren. Ich meine hier nicht eine Meditation, die sich über zwei oder drei Minuten oder vielleicht sogar eine halbe Stunde erstreckt. Wir müssen mindestens zwei Stunden lang an einem Stück ohne Unterbrechung meditieren. Wir müssen aufrichtig und hingebungsvoll mit einem starken, inneren Schrei meditieren, so als ob ein Kind in unserem Herzen schreien würde. Ist unsere Meditation erhaben, erhalten wir mit Sicherheit die richtige Antwort von oben.

Unsere Meditation muss zielgerichtet sein. Es darf keine Meditation sein, wo der Verstand einen Augenblick lang fokussiert ist und im nächsten Augenblick in die Wildnis abwandert, und man an die Freunde denkt oder daran, was man zum Frühstück gegessen hat. Wenn ein einziger Gedanke durch die Verstandestür eintritt, so ist er wie ein Nagel, der in die Wand unserer Meditation geschlagen wird. Gibt es keinen Gedanken, dann gibt es auch keinen Hammer, keinen Nagel, es gibt nichts – außer Frieden. Diese Art der Meditation ist aber leider nur sehr schwer zu erlangen.

Neben der zielgerichteten Meditation gibt es noch einen anderen Weg, durch den wir den Willen Gottes erkennen können. Wir können zu Gott beten, damit er uns die Fähigkeit gibt, dass wir ständig voller Hingabe sind; das bedeutet nicht eine Sekunde oder fünf Minuten lang, sondern dass wir uns ständig und bedingungslos Seinem Willen hingegeben. Wir können sagen: „Herr, schenke mir die Fähigkeit, mich Deinem Willen hinzugeben. Ich will hier auf der Erde etwas Gutes vollbringen. Wenn ich scheitere, werde ich dieses Ergebnis fröhlich annehmen. Und wenn ich erfolgreich bin, weiß ich, dass dies nur durch Deine Fähigkeit ermöglicht wurde, die in mir und durch mich handelt.“ Wenn wir uns in all unseren Taten derart hingegeben und losgelöst verhalten können, wird es dem Willen Gottes möglich, in und durch uns zu handeln.

Solch eine heitere Ergebenheit zu erzielen, ungeachtet der Resultate unserer Handlungen, ist äußerst schwierig. Wenn uns etwas gelingt, so sind wir bereit, allem und jedem dafür zu danken. Nehmen wir an, ich sehe auf meinem Weg zu einem Sportplatz einen Affen oder einen Hund auf der Straße. Wenn mir dann der 100-Meter-Sprint am Sportplatz gut gelingt, bin ich bereit, sogar diesem Hund oder diesem Affen, den ich auf meinem Weg begegnet bin, zu danken. Doch gelingt er mir nicht, beginne ich, die ganze Welt dafür verantwortlich zu machen: „Es hat mir Unglück gebracht, diese oder jene Person auf der Straße zu treffen!“ So fahre ich fort, diesen und jenen zu beschuldigen. Und so verwandelt sich unsere Hingabe in eine bedingte Hingabe. Doch wenn es sich um wahre Hingabe handelt, nehmen wir das Resultat heiter an, ganz gleich was geschieht. Ob das Resultat nun günstig oder ungünstig ist, wir nehmen es mit derselben Geisteshaltung an und unsere Hingabe wird nicht beeinträchtigt.

Ein dritter Weg, um den Willen Gottes zu erkennen, ist in jedem Moment ein kindliches Bewusstsein zu haben. Wollen wir uns im normalen Leben mit einer wichtigen Person treffen, so müssen wir zuerst die Sekretäre beschwichtigen und zufrieden stellen, dann die Personen, die einen höheren Rang einnehmen. Wir müssen vom Niedrigsten zum Höchsten gehen. Im spirituellen Leben verhält es sich anders. Jemand, der ein kindliches Bewusstsein besitzt, kann sich dem Supreme direkt nähern. Ein Kind hat vor seinem Vater keine Angst, ganz gleich was für eine hochstehende Persönlichkeit der Vater auch sein mag. Der Vater kann der Chef einer großen Firma sein und viele Angestellte haben. Doch das Kind muss sich nicht an die Angestellten wenden, um zum Vater zu kommen; es läuft einfach zum Vater hin und dieser unterbricht seine Tätigkeit und setzt das Kind auf seinen Schoß.

Ich habe drei Wege aufgezählt, wie man den Willen Gottes erkennen kann. Der erste Weg ist eine gründliche, tiefgehende Meditation, die viele Stunden dauert; der zweite Weg ist die heitere Hingabe unseres gesamten Wesens; und der dritte besteht darin, ein kindliches Bewusstsein zu haben. Jeder einzelne dieser Wege ist einfach, vorausgesetzt, wir wollen sehr schnell laufen und sind entschlossen, das Rennen zu beenden. Wenn ein Sucher den eisernen Willen hat, ein vollkommener Schüler zu werden, wird es ihm letzten Endes gelingen.

Wenn der Sucher allerdings einen verwirklichten Meister hat, der sich auf der physischen Ebene befindet und der den Willen Gottes kennt, so besteht für ihn keine Notwendigkeit, drei Stunden zu meditieren oder dieses Ausmaß an heiterer Ergebenheit in seinen täglichen Aktivitäten zu haben oder sich Gott in einem kindlichen Bewusstsein zu nähern. In diesem Sinne hat er Glück.

Wenn wir im gewöhnlichen Leben ein Fachgebiet studieren wollen, so wenden wir uns an einen Experten auf diesem Gebiet. Dann studieren wir und lernen, und schließ­lich verlassen wir die Welt der Unwissenheit und erlangen Erleuchtung – nicht im spirituellen Sinne, aber im menschlichen Sinne. Spiritualität ist ein weites Fachgebiet. Wenn wir es studieren wollen müssen wir uns an einen Lehrer wenden, der sich damit auskennt. Haben wir dann später das Gefühl, es gäbe nichts mehr, das der Lehrer uns noch beibringen könnte, so können wir unsere Reise alleine fortsetzen. Auch ich hatte einmal einen Meister. Erst als ich fühlte, dass ich alles von ihm gelernt hatte, was ich lernen musste, trat ich mit dem Höchsten in Verbindung. Wenn meine Schüler diese Ebene erreichen, werden sie ebenfalls eine direkte Verbindung mit dem Supreme aufbauen. Aber bei eurem jetzigen spirituellen Entwicklungsstand ist es für euch viel, viel einfacher, Gottes Willen zu erkennen, wenn ihr auf euren Meister hört, als wenn ihr versuchen würdet, direkt zum Höchsten zu gehen.

Wenn ein süßes und unschuldiges Kind etwas von seinem Vater will, doch der Vater sich gerade an einem anderen Ort aufhält, dann kann das kleine Kind es einem der Angestellten seines Vaters sagen. Der Angestellte wird sich sofort an den Vater wenden, damit er dem Kind das Gewünschte bringen kann. Dieser Mitarbeiter, der zum Vater des Kindes geht, erhält doppelte Freude. Einerseits erhält er Freude, wenn er dem Vater, der ja der Vorgesetzte ist, mitteilt: „Ihr Kind braucht etwas.“ Und anschließend, wenn ihm der Vorgesetzte das Gewünschte gegeben hat, erhält er Freude, wenn er es dem schönen Kind aushändigt. Und auch der Vater ist erfreut, dass sein Mitarbeiter zu ihm kam, um seinem Kind einen Gefallen zu tun. In unserem Falle bist du das kleine Kind und dein spiritueller Meister ist derjenige, der freien Zugang zu deinem Vater, das heißt zu Gott, hat.

Ein gottverwirklichter spiritueller Meister steht auf einer unendlich höheren Stufe als die Seele eines gewöhnlichen Menschen. Er steht auf einer unendlich höheren Stufe als die Seelen von Hunderten und Aberhunderten gewöhnlichen Menschen. Ein verwirklichter Meister ist der Vertreter Gottes auf Erden: Er kam in die Welt, um dem Höchsten in der Menschheit zu dienen. Wenn er ein wahrhaftiger Meister ist, so besitzt er keinen eigenen Willen. Wenn er etwas sagt, so ist dies nur der Wille Gottes, dem er Ausdruck verleiht. Auch die Seele hat keinen eigenen Willen; sie drückt ebenfalls nur den Willen Gottes aus.

Wenn du der Manager eines Büros bist und dir ein assistierender Manager, der die Weisheit und die Sachkenntnis entwickelt hat, das Büro zu führen, zur Seite steht, dann gestaltet sich deine Arbeit viel einfacher. Du schätzt dich glücklich, dass es jemanden gibt, dem du trauen und auf den du dich verlassen kannst, jemanden, der dir helfen kann. Und wenn dem assistierenden Manager ein altgedienter Sekretär zur Seite steht, der ihn wiederum unterstützen kann, dann wird auch seine Arbeit viel leichter. Und so ist auch Gott, wenn Ihm ein spiritueller Meister auf der Erde hilft, sehr glücklich. Und wenn dann noch die Seele eines Suchers für den Meister arbeitet und sich mit dem strebsamen Herzen, dem Verstand, dem vitalen und physischen Bewusstseins des Suchers beschäftigt, dann erfüllt den Meister Freude. Auch wenn der Sucher die Botschaften direkt von seiner Seele vernehmen kann und auf diese Botschaften hört, erleichtert das die Aufgaben des Meisters und das Werk Gottes um ein Vielfaches. Doch wenn der Sucher die Botschaften seiner Seele nicht so richtig verstehen kann, dann ist der Meister hier, um ihm zu sagen, was er tun soll.

Hier spreche ich nicht den physischen Aspekt des Meisters an, sondern den Supreme im Meister, der sich im Physischen befindet. Das ist der wahre Meister. Leider sehen die Schüler die meiste Zeit den physischen Aspekt des Meisters. Der Meister hat keine Haare auf dem Kopf, der Meister hinkt, der Meister ist dieses und jenes. Wie viele Unvollkommenheiten sie im Meister wahrnehmen! Sie erkennen nicht, dass die Schüler selbst die Ursache sind, warum der Meister hinkt; doch das ist eine andere Sache. Also, wenn man nur auf die physischen Unvollkommenheiten des Meisters achtet, wird man jeden Moment Niedergeschlagenheit oder Enttäuschung erleben. Der äußere Aspekt des Meisters wird nur Verwirrung und Unverständnis in einem hervorrufen. Letztes Jahr las ich ein Buch, geschrieben von Nolini, in dem er erwähnte, dass wir in Sri Aurobindo nur den Menschen, den physischen Menschen wahrnahmen, und nicht Sri Aurobindo, den Göttlichen. Da wir nicht immer Sri Aurobindo, den Göttlichen, sahen, blieb unsere Natur noch immer dieselbe. Die goldene Gelegenheit, unsere Natur zu transformieren, hat sich uns geboten, doch wir haben sie nicht richtig genutzt.

Eine gottverwirklichte Seele klettert den Lebensbaum hinauf und hinunter. Von den höchst gelegenen Ästen steigt sie herab zum Fuße des Baumes, um in der Menschheit einen inneren Hunger zu schaffen; und wenn sie den Hunger sieht, trägt sie diesen Hunger den Baum hinauf und bringt das Mahl herab – Frieden, Licht und Glückseligkeit.

Es ist wundervoll, wenn du auf die Botschaften der Seele hören kannst. Auch wenn du auf das hören kannst, was dir der Supreme in deinem Meister sagt, wirst du das Richtige tun. Aber wenn es dir nicht möglich ist, die Botschaften deiner Seele zu vernehmen und mit jener Art, wie der Meister mit den Dingen umgeht, klar zu kommen, dann bleibt dir noch als letztes Mittel, dich direkt an Gott wegen all dieser Dinge zu wenden. Wenn du das tust, wird die Seele nicht im geringsten traurig oder unzufrieden sein. Im Gegenteil, der Meister wird sehr stolz auf dich sein, wenn du ihn nicht benötigst, um zum Höchsten zu gelangen.

Die spirituelle Vollkommenheit liegt darin, den Willen Gottes zu erkennen und den Willen Gottes ständig mit der Hilfe deiner Seele, deines Meisters oder Gottes selbst auszuüben. Zuerst musst du erfahren, welche Dinge Gott für dich vorgesehen hat, indem du dich vollständig mit dem Willen Gottes identifizierst. Wenn du dich selbst mit deinem Verstand, deinem vitalen oder physischen Bewusstsein identifizierst, wirst du Millionen und Milliarden Kilometer von dem entfernt sein, was Gott in dir und durch dich manifestieren will. Du musst dich also zuerst mit dem Willen Gottes identifizieren und dann den Willen Gottes mit größter Heiterkeit und Freude ausüben. Dies ist die einzige Vollkommenheit im Leben eines Suchers. Wie ich vorher erwähnte, wird dein Verstand sagen, diese Person sei vollkommen oder jene Person sei vollkommen, weil sie einige gute Eigenschaften besitzt. Hier ist der Verstand der Richter. Doch im spirituellen Leben gibt es keinen Richter; dein inneres Wesen muss nur beobachten, ob du das Richtige machst oder nicht. Was ist das Richtige? Gott auf Gottes eigene Art und Weise zufrieden zu stellen.

Frage: Du gibst uns den Rat, dir jene Dinge zu geben, die uns belästigen. Doch ich habe das Gefühl, dass ich dich angreife und dir Schmerzen zufüge, wenn ich das tue.

Sri Chinmoy: Vergiss nicht, ich bin der Ozean und du bist der Tropfen. Du kannst den Frieden, die Liebe und Freude, die ich habe und die ich verkörpere, nicht zerstören. Wenn es sich um ein ernstes Problem handelt, so muss ich es manchmal zuerst auf der physischen Ebene annehmen, bevor ich es in das universelle Bewusstsein werfe. Wenn ich mich mit den Problemen von jemandem auf die übliche Weise befasse, so dauert es ein paar Monate oder ein Jahr, bis die Situation bereinigt ist. Doch wenn der Schüler sehr stark angegriffen wird und wenn es ein ernster Fall ist, tritt mein Mitleid manchmal so in Erscheinung, dass ich das Problem sofort lösen will. Also nehme ich die Kräfte, die den Schüler angreifen in meinen Körper auf. Dann leide ich körperlich vielleicht einen oder zwei Tage, doch dieses zusätzliche Leiden ist es wert, wenn ich dadurch das spirituelle Leben des Schülers retten kann.

Sehr oft ergreife ich auch die Mächte, die die Schüler attackieren und lasse sie unmittelbar danach wieder fallen. Kein Schüler sollte bekümmert sein, mir seine mentalen und emotionalen Probleme zu geben. Sobald ich sie ergreife, ist es für mich eine Angelegenheit von Sekunden, Minuten oder möglicherweise einem Tag, bis ich sie wieder loswerden kann. Wenn ich meinen spirituellen Kindern helfen kann, so werde ich immer wieder dazu bereit sein. Das ist der Grund, warum ich auf die Erde kam: um der Menschheit zu dienen.

Das Problem mit den meisten Menschen ist, dass sie zwar bereit sind, Gott ihr Leid zu übergeben, aber nicht ihre Freude und ihr Glück. Wenn zum Beispiel jemand in einem Wettlauf nicht Erster wird, so ist er mehr als bereit, Gott dafür zu beschimpfen: „Ich habe monatelang dafür trainiert und nun habe ich verloren!“ Wir sind mehr als bereit, Gott unseren Zorn, unser Unglück und andere negativen Gefühle zu geben. Doch wenn wir aufrichtig sind, werden wir erkennen, dass wir sie nicht wirklich Gott geben; wenn wir es täten, würde es eine gewisse Zeit dauern, bis sie wieder zu uns zurückkämen. Stattdessen halten wir in gewisser Weise an diesen Gefühlen fest, weil es uns gefällt, Gott zu beschuldigen.

Wenn wir andererseits in irgendeinem Bereich Erfolg haben, so zeigen wir Gott vielleicht für fünf Sekunden unsere Dankbarkeit, und dann vergessen wir Ihn sofort. Das Glück, das wir empfangen, dauert ein paar Stunden oder ein paar Tage an; wir halten es in uns fest. Doch in unseren Herzen erblüht keine Dankbarkeit und wir fahren nicht fort, unser Glück mit Gott zu teilen oder ihm unsere Dankbarkeit anzubieten. Wenn wir wirklich aufrichtig wären, würden wir Gott unsere Freude auf genau dieselbe Art und Weise anbieten, wie wir Ihm unsere Probleme und unser Leid geben. Aber nein, unsere Freude wollen wir für uns selbst behalten. Nur wenn wir an etwas scheitern bringen wir Gott ins Spiel. Und zu diesem Zeitpunkt attackieren und beschuldigen wir Ihn auf vielfältige Weise.

Frage: Ist es für deine Schüler immer am besten, wenn sie versuchen, dich täglich für mehrere Stunden zu sehen?

Sri Chinmoy: Das hängt vom Schüler ab. Wenn ein Schüler seinen Meister täglich stundenlang auf der physischen Ebene sehen kann, vergisst der Schüler, wer der Meister auf der spirituellen Ebene ist. Das Problem ist, dass die Schüler in ihrer Vorstellung manchmal ein Bild erschaffen, wie die Göttlichkeit aussehen soll. Wenn sie dann ihren Meister leiden sehen oder ihn auf der menschlichen Ebene die verschiedensten Dinge durchführen sehen, können sie die Göttlichkeit im Meister nicht wahrnehmen. Wenn sie sehen, dass ihr Meister wie ein normaler Mensch handelt, ist es für sie manchmal schwierig, Glauben an ihren Meister zu haben. Sie erkennen nicht, dass der Meister in das Wasser steigen muss, wenn er eine ertrinkende Person retten will. Wenn der Meister einfach am Ufer verweilen würde, wenn er einfach auf der höchsten Ebene von Licht und Wonne bleiben würde, wäre es ihm nicht möglich, den Menschen zu helfen. Das ist der Grund dafür, warum ein spiritueller Meister manchmal wie ein gewöhnlicher Mensch handeln muss.

Wenn aber jene Schüler, die dem Meister äußerlich nahe sind, die Gelegenheit richtig nutzen, werden sie das als großes Glück empfinden. Wenn sie sich den göttlichen Aspekt des Meisters auch dann vor Augen führen können, während sie mit dem Meister auf der menschlichen Ebene kommunizieren, befinden sie sich in einer Position, von der aus sie sehr hoch und sehr tief gehen können. Sie werden bemerken, dass ihr Meister wie ein gewöhnlicher Mensch an einer Erkältung oder an Fieber leidet. Und trotz dieser Tatsache war es ihm möglich, Gott zu verwirklichen. Diese Schüler werden dann empfinden, dass auch sie Gott verwirklichen können. Sie werden sagen: „Er ist wie wir. Wenn er Gott verwirklichen kann, warum sollten wir es nicht können?“ Andere Schüler können ihren Meister nur einige Male im Jahr, vielleicht nur vier oder fünf Sekunden lang sehen. Diese Schüler wissen nicht, was der Meister in der restlichen Zeit macht, doch sie fühlen immer, dass er sich in Trance befindet. Vielleicht unterhält sich ihr Meister gerade oder liest die Zeitung, aber weil sie fühlen, dass er sich in seiner höchsten Meditation befindet, vergrößert sich sofort ihre Liebe und Hingabe.

Weil die Schüler mich auf der physischen Ebene Stunde für Stunde sehen können, ist es für sie schwierig, ihren tiefsten Glauben an mich und ihre höchste Liebe für mich aufrecht zu erhalten. Jene Schüler, die Tausende Meilen weit weg sind, können fühlen: „Oh, ich bin sicher, dass der Meister gerade meditiert.“ Aber diejenigen, die mich auf der physischen Ebene sehen, werden zum Beispiel sagen: „Ach, ich sehe, dass der Meister bloß Tennis spielt.“ Ihr habt keine Vorstellung von dem, was ich auf der inneren Ebene vollbringe, während ich Tennis spiele. Ob ich den Ball treffe oder nicht, stets bin ich mit meinem Höchsten verbunden. Tennis hat aber auch eine besondere innere Bedeutung; es ist ein Spiel des Liebens und des Dienens (love and serve). Wenn wir im spirituellen Leben Gott andachtsvoll und voller Hingabe dienen können, werden wir so viel von Ihm erhalten.

Versucht, in eurem Meister so oft wie möglich den göttlichen Aspekt zu sehen. Dann spielt es keine Rolle, wo du dich aufhältst, entweder tausend Meilen entfernt oder direkt vor deinem Meister, du wirst den göttlichen Atem einatmen können, den der Supreme in Seiner unendlichen Gnade deinem Meister gewährt hat.

Frage: Was kann ich gegen meine nächtlichen Schlafstörungen unternehmen?

Sri Chinmoy: Andere Schüler haben dieselben Probleme. Aber manche schlafen wiederum länger als nötig. Es gibt auch einige aufrichtige Schüler, die zu Gott um weniger Schlaf beten, damit sie länger beten und meditieren können. Was mich betrifft, so schlafe ich normalerweise zwei Stunden pro Nacht. Sogar dann, wenn mein physischer Körper schläft, verweile ich im Yogi-Bewusstsein und fühle mein Einssein mit Gott.

Da du mein Schüler bist, bete zu Gott um mehr Schlaf, das ist das beste Heilmittel für dich. Doch wenn du andere Heilmittel ausprobieren willst, so wäre eines davon, dir nur blassgrüne Dinge vorzustellen. Ein blasses Grün hat die Fähigkeit, die Nerven zu beruhigen, nicht das dunkle Grün. Stelle dir ein Reisfeld vor oder irgendein anderes grünes Feld. Versuche zu fühlen, dass du entweder am Rand eines grünen Feldes entlang gehst oder dass du dich in der Mitte eines grünen Feldes befindest oder dass alles um dich herum grün ist. Sogar wenn du das Wort ‚grün’ einfach einige Male wiederholst – so als ob du ein Mantra singen würdest – wird dein inneres Gehör diesen Klang vernehmen und die Farbe Grün wird in dir widerhallen und den innersten Winkel deines Herzens berühren. Dann wirst du beginnen, grüne Dinge um dich herum oder vor dir zu sehen. Es hat vielen Leuten geholfen; es kann auch dir helfen.

Doch das Beste ist, zum Supreme zu beten, damit Er dir mehr Schlaf gewährt. Wenn du einen gesunden Schlaf hast, so bist du am nächsten Tag vielleicht dazu inspiriert, gute oder großartige Dinge zu leisten. Du solltest also Gott immer um das bitten, was du brauchst. Die höchste Philosophie liegt natürlich darin, Gott darum zu bitten, nur Seinen Willen in dir und durch dich zu erfüllen. Doch du hast diesen Zustand noch nicht erreicht. Zuerst musst du gut werden, dann besser, dann am besten. Du musst zu Gott um positive Dinge beten: dass Er deine Eifersucht wegnehme, deine Unsicherheit, deine Zweifel, deine negativen und unreinen Gedanken. Wenn du zum augenblicklichen Zeitpunkt sagen würdest: „Wenn es der Wille Gottes ist, dann lass mich den unreinsten Verstand der Welt haben, lass mich die unsicherste Person der Welt sein“, dann würdest du dich nur diesen Kräften ergeben.

Wir müssen immer unsere Weisheit anwenden und erkennen, welche Dinge gut sind und uns die Möglichkeit geben, Fortschritt zu machen. Wir haben den Begriff ‚spirituelle Hingabe’ kennengelernt. Doch wir müssen uns der Weisheit hingeben, nicht der Dummheit. Wenn ein Schüler unsicher ist, könnte er oder sie anfangen zu behaupten: „Vielleicht ist meine Unsicherheit der Wille Gottes. Da ich nur in die Welt kam, um Gott zufrieden zu stellen, sollte ich mich vielleicht der Unsicherheit hingeben.“ Zu diesem Zeitpunkt wird Gott über die Dummheit des Schülers nur lachen.

All unsere negativen Eigenschaften müssen wir in positive Eigenschaften umwandeln. Wenn es Dinge gibt, die in unserem Weg stehen und uns abhalten, gute Instrumente Gottes zu werden, sollten wir zu Gott um Hilfe beten, damit wir diese Hindernisse überwinden können. Du leidest jetzt unter Schlaflosigkeit. Dein Mangel an Schlaf quält dich. Du würdest einen Fehler begehen, wenn du erklären würdest: „Wenn ich sechs Monate nicht schlafen kann, so macht das nichts! Gott gibt mir eine Erfahrung, also lass mich still sein.“ Das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht das richtige Gebet für dich. Du solltest zu Gott beten: „Bitte gib mir Schlaf, damit ich morgen meditieren und zur Arbeit gehen kann.“

Wenn du dich aber in einem wirklich hohen Bewusstsein befindest, kannst du deine Einstellung gegenüber der Schlafunfähigkeit ändern. Du kannst dein Leid in Glück verwandeln. Anstatt dich unglücklich zu fühlen, weil sich der Schlaf nicht einstellt, kannst du sagen: „Gott hat mir die goldene Gelegenheit gegeben, einige Stunden mehr zu meditieren. Bis jetzt habe ich morgens eine halbe Stunde und abends eine halbe Stunde lang meditiert. Doch nun habe ich in der Nacht noch vier oder fünf extra Stunden für die Meditation bekommen; also habe ich sehr viel Glück.“ Wenn du so deine Einstellung verändern kannst und in der Nacht sehr glücklich und fröhlich meditieren kannst, dann wird die Göttin des Schlafes sofort zu dir kommen. Ich sage dir, wenn du in der Nacht deine Meditation mit einer göttlichen Einstellung beginnst, wirst du nicht länger als ein paar Minuten meditieren müssen, bis die Göttin des Schlafes zu dir kommt und dich mit dem tiefsten Schlaf segnet.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es das Beste für dich, zum Supreme um einen gesunden Schlaf zu beten. Wenn Er dir in manchen Nächten keinen tiefen Schlaf gibt, so kannst du in diesen Nächten versuchen, deine Einstellung zu ändern und zu sagen: „Vielleicht ist das die goldene Gelegenheit für mich um zu meditieren.“ Das wird auch helfen. Doch wenn du versuchst, die höchste Methode anzuwenden und zu sagen, dass deine Schlafunfähigkeit vielleicht der Wille Gottes ist, so wirst du diese Einstellung nicht beibehalten können. Nach einem oder zwei Tagen wird dein Verstand revoltieren, denn zwischen deinem augenblicklichen spirituellen Entwicklungsstand und der Wirklichkeit, die du dir vorstellst, befindet sich ein klaffender Abgrund. Es ist gewiss, dass die Äste des Baumes die Früchte tragen. Doch wenn du den Glauben hegst, dass du nur hochspringen musst, um die Früchte zu ergreifen, unterläuft dir ein bedauerlicher Irrtum. Du musst langsam und beständig auf den Baum klettern; nur dann wirst du an die Früchte gelangen.

Frage: Was ist die beste Einstellung, wenn wir versuchen, das Licht des Supreme zu manifestieren?

Sri Chinmoy: Wenn du das innere Streben besitzt, das Licht des Supreme zu manifestieren, schenkt dir das enorme Freude. Allein die Aussicht, dass ich den Himalaja besteigen werde, schenkt mir eine immense Freude – ob ich ihn nun tatsächlich besteige oder nicht. Sehr oft folgen den Worten leider keine Taten. Ich stelle mir vor, wie ich den Berg erklettere, doch wenn die Zeit naht, laufe ich weg, entweder weil ich Angst habe oder weil ich damit beschäftigt bin, Fehler an jenen zu finden, die ein paar Meter vor mir geklettert sind. Und so verliere ich mein eigenes Ziel aus den Augen. Ich behaupte, sie wären den falschen Weg emporgeklettert oder sie hätten unfaire Mittel angewandt, und ich selbst fange nicht zu klettern an. Es ist eine Sache, daran zu denken, das Licht des Supreme zu manifestieren und eine andere Sache, es auch wirklich zu tun.

Jeder einzelne meiner Schüler, der das Licht des Supreme manifestieren will, muss auf eines achten: Reinheit. Wenn keine Reinheit vorhanden ist, dann existiert im Verstand immer eine Trennung und diese führt zu Missverständnissen und Streitereien. Von der Manifestation zu sprechen ist das gleiche, wie über den Frieden zu sprechen. Allein die Tatsache, dass die Menschen über Frieden anstelle von Krieg sprechen, ist schon eine enorme Errungenschaft. Doch in vielen Fällen töten wir uns gegenseitig im Namen des Friedens. Dennoch, allein die Tatsache, dass wir an Frieden denken, bedeutet, dass Gott uns eines Tages erlauben wird, die wahre Bedeutung und Wichtigkeit des Friedens zu erkennen. Und auf ähnliche Weise werden eines Tages unsere Bemühungen um die Manifestation positiv sein, ganz gleich wieviele Fehler uns auch unterlaufen oder wie oft wir uns selbst oder andere zum Narren halten.

Es ist besser zu manifestieren als still zu bleiben, ganz gleich wie fehlerhaft wir manifestieren. Als Vivekananda die Trägheit einiger Inder erkannte, sagte er zu ihnen: „Geht und spielt Fußball. Ihr werdet Gott schneller verwirklichen, wenn ihr Fußball spielt, als wenn ihr die Bhagavad Gita lest.“ Er empfand, sie müssten aktiv und dynamisch sein. Und so ist es auch besser, an der Manifestation zu arbeiten und Fehler zu machen als untätig zu bleiben. Wenn manchen Menschen Fehler unterlaufen oder wenn sie bemerken, dass anderen Fehler begehen, geben sie auf. Doch du solltest dir bewusst sein, dass jeder Mensch zwangsläufig Fehler macht. Die Mutigen fahren trotz der Fehler mit der Arbeit fort, denn sie sind entschlossen, das Richtige zu tun und zur richtigen Person zu werden. Letztendlich wird es ihnen gelingen.

Frage: Wenn du mit uns meditierst, welchen Nutzen hat es, wenn wir die Hände über unserem Herzen halten?

Sri Chinmoy: Wenn ich ernsthaft meditiere und du die Hände über deinem Herzen hältst und deinen Herzschlag spürst, wirst du von alleine die Intensität deiner Strebsamkeit empfinden. In dieser Intensität wirst du die Reinheit deines Verstandes und die Göttlichkeit deines Herzens entdecken.

Frage: Beeinflusst unsere Körperhaltung in irgendeiner Weise unsere Empfänglichkeit?

Sri Chinmoy: Wenn ich Witze erzähle, ist alles erlaubt. Doch wenn ich meditiere, aber auch wenn ich spirituelle Fragen beantworte, solltest du ordentlich sitzen. Wenn du deine Füße irgendwo hinauflegst und sehr entspannt bist, empfängst du so gut wie gar nichts von mir. Und was noch schlimmer ist, du wirst das innere Streben derjenigen, die in deiner Umgebung sitzen und aufrichtig versuchen, etwas zu empfangen, zugrunde richten. Ich bitte all meine Schüler, dass sie gebührenden Respekt zeigen, wenn ich eine spirituelle Handlung durchführe. Diejenigen, die in der ersten Reihe sitzen, müssen besonders sorgfältig sein. Durch eure physischen Bewegungen könnt ihr alle möglichen Probleme verursachen, nicht nur für euch selbst, sondern auch für diejenigen, die hinter euch sitzen.

Frage: Hast du irgendeinen Ratschlag für jene Schüler, die Vorträge für Sucher geben?

Sri Chinmoy: Wenn du Vorträge über Spiritualität halten willst, so kann man dich nicht mit einem Lehrer an einer gewöhnlichen Schule vergleichen. Ein Lehrer an einer gewöhnlichen Schule kann, nachdem er zum Beispiel die Geschichtsstunde beendet hat, all das unternehmen, was ihm gefällt. Sein Geschichtsunterricht hat nichts mit seinem persönlichen Leben zu tun. Doch wenn du über die Spiritualität Vorträge hältst, dann kannst du deine Lehrtätigkeit nicht von deiner täglichen Existenz trennen. Wenn du spirituell bist, kannst du nicht in der Unterrichtsstunde eine Person sein und dann anschließend in ein Leben des vitalen Genusses eintreten. Die Sucher hören dich während des Vortrages über Enthaltsamkeit und Gottverwirklichung sprechen. Wenn sie dich dann anschließend in einer Bar etwas trinken oder tanzen sehen, werden sie den Schock ihres Lebens bekommen. Sie werden verwirrt sein. Und was am schlimmsten ist, sie werden denken, dass Spiritualität ein hoffnungsloser Fall ist. Sie werden denken, dass Spiritualität nur ein Scherz ist und sie werden das geringe innere Streben, das sie hatten, verlieren.

Jene Menschen, die zu deinen Vorträgen kommen, sind vielleicht nicht aufrichtig genug, um ein diszipliniertes Leben zu führen. Doch sie kommen zu dir in der Hoffnung, zumindest bessere Menschen zu werden. Wenn du nun aufgrund deines Benehmens ihr inneres Streben zerstörst, anstatt sie zu stärken, dann ist das äußerst bedauernswert. Du bist für diese Sucher verantwortlich. Sogar wenn sie nur aus Neugier zu dir gekommen sind, um zu erfahren, was Spiritualität eigentlich bedeutet, so kann jegliches falsche Benehmen von deiner Seite sogar ihre Neugier zerstören, ganz zu schweigen von ihrem inneren Streben.

Man braucht Aufrichtigkeit, Enthusiasmus, Fleiß, Rein­heit und viele andere göttliche Eigenschaften, um anderen die Inspiration zu geben, gänzlich in das spirituelle Leben einzutreten. Zu geben ist nicht genug; du musst auch werden. Wenn du gibst ohne zu werden, kannst du niemals erfolgreich sein. Also gib und werde; werde und gib. Dann wirst du wirklich ein göttliches Instrument unseres geliebten Supreme sein.

Frage: Vergangene Woche träumte ich, dass meine Frau niedergeschlagen und getötet wurde. Aber ich kann nicht sagen, ob es etwas Wirkliches oder Unwirkliches war.

Sri Chinmoy: Wenn wir all unsere Träume ernst nehmen, werden wir in einem Irrenhaus landen. Manche Traumsymbole sollte man ignorieren und manche sollte man ernst nehmen. Siehst du einen Hund, der dir in deinem Traum folgt, bedeutet das, dass sich deine inneres Streben gesteigert hat und dass du deinem spirituellen Meister voller Hingabe folgst. Wenn ein Hund dich wiederum beißt, bedeutet das, dass du deinen Glauben verlierst oder dass du deinen Glauben in dein spirituelles Leben oder in deinen Meister schon verloren hast. Wenn der Hund dich anbellt, aber nicht beißt, bedeutet das, dass der Hund dich vor einer Katastrophe warnt, die bald in deinem Leben auftreten wird. Wenn du ein Reh siehst, bedeutet es, dass du in deinem spirituellen Leben sehr schnell laufen können wirst.

Manchmal kommt es vor, dass man nachts träumt, man streite und kämpfe mit jemandem. Am nächsten Morgen sieht man dann denjenigen und er wird uns ein ganz nettes Lächeln schenken und uns viel Aufmerksamkeit und Liebe zeigen. So viele Träume haben einfach keine Grundlage, sie sind durch und durch falsch.

Wenn spirituelle Meister Träume haben, werden sie sofort wissen, ob die Träume wahr sind. Ein spiritueller Meister oder ein weit fortgeschrittener Sucher weiß, dass er träumt und er wird seinen Traum mit seiner intuitiven oder inneren Schau betrachten können. Der Traum ist zu diesem Zeitpunkt getrennt von der Schau. Wenn es sich um einen inspirierenden Traum handelt, der sich letztlich erfüllen wird, wird er den Traum genießen. Ist es jedoch ein entmutigender Traum, wird er ihn einfach wegwerfen. Normalerweise träumen die spirituellen Meister nicht so oft wie gewöhnliche Menschen. Sie haben viel­leicht einen Traum im Jahr oder einen alle paar Jahre. Doch in ihrer höchsten Meditation werden sie eine Vision erhalten und sie werden erkennen, was zur Manifestation gelangt. Wenn Gott aber will, dass die Vision nicht manifestiert wird, kann Er es natürlich so geschehen lassen. Für Gott ist nichts unmöglich. Also, wenn wir weise sind, müssen wir mit dem Willen Gottes verschmelzen.

Gewöhnliche, uninspirierende Träume sollten wir einfach ablegen, ablegen, ablegen. Und wenn du einen inspirierenden Traum hast, so sei nicht aufgebracht, wenn er sich nicht manifestiert. In deinem Traum kommst du vielleicht zu einem Garten und erblickst eine wunderschöne Blume, doch du bist nicht fähig, diese Blume zu pflücken oder der Gärtner gestattet dir nicht, sie zu pflücken, weil er sie im Garten bewahren will. Du kannst den Garten betreten und die Schönheit und den Duft der Blume bewundern, doch es mag dir nicht gestattet sein, die Blume mit nach Hause zu nehmen – in die Welt der Realität.

Frage: Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich selbst lieben soll und doch fühle ich, dass ich den Supreme lieben muss.

Sri Chinmoy: Für den Moment vergiss den Supreme. Fühle nur, dass du einen Garten mit vielen, vielen Blumen betreten hast. Wähle eine Blume, die du gerne hast aus und stelle dich zu ihr. Bewundere ihre Schönheit und atme ihren Duft ein. Dann wiederhole einige Male: „Ich wünschte, ich wäre so rein und so wunderschön wie diese Blume.“ Nach fünf Minuten versuche dir vorzustellen, dass ein winziger Anteil der Schönheit von der Blume in dich eingetreten ist. Dann versuche allmählich zu fühlen, dass all die guten Eigenschaften, die du in der Blume siehst – ihre Schönheit, ihre Reinheit, ihr Duft usw. – in dich eingetreten und in dir sind.

Nun erinnere dich daran, wie sehr du die Blume geliebt hast und wie viel Freude sie dir gegeben hat. Zuerst hatte sie eine eigene Existenz. Doch Schritt für Schritt hast du ihre Schönheit und ihre Reinheit in deinen eigenen Körper und in dein eigenes Herz gebracht. Dann versuche zu fühlen, dass du keinen Körper hast, dass du keinen Verstand hast, dass du nichts hast. Stelle dir nur vor, dass du selbst diese wunderschöne Blume bist. Da du zu dieser wunderschönen Blume wurdest, musst du dich selbst zwangsläufig bewundern und lieben, so wie du die Blume geliebt hast.

Hast du einmal begonnen, dich selbst zu lieben, musst du fühlen, dass Gott dich unendlich mehr liebt. Wenn du an einer physischen Unpässlichkeit oder an etwas anderem leidest, könntest du empfinden, niemand sei hier, der dich liebt oder dir Mitgefühl entgegenbringt. Doch da ist jemand, und dieser jemand ist in dir. Wenn du leidest, dann solltest du dir bewusst sein, dass Er unendlich mehr leidet. Wenn du glücklich bist, so ist Er unendlich glücklicher. Versuche das Empfinden zu kultivieren, dass der Supreme, der dein höchster Wesensteil ist, immer das fühlt, was du fühlst, nur unendlich mehr. Wenn du jemanden liebst, so liebt Er diese Person unendlich mehr. Und wenn du dich selbst liebst, so liebt Er dich unendlich mehr.

Frage: Einmal hast du gesagt, dass die Liebe nur die erste Sprosse auf der spirituellen Leiter sei und dass Ergebenheit und Hingabe folgen müssen. Doch ich komme in meiner Meditation nicht über die Liebe hinaus. Wie kann ich dann also jemals Ergebenheit und Hingabe erreichen?

Sri Chinmoy: Wenn ich das englische Alphabet erlernen will, kann ich die Existenz des Buchstabens ‚A‘ nicht ignorieren und mein Wörterbuch einfach mit ‚B‘ beginnen. Wenn ich meinen Fuß nicht auf die erste Sprosse einer Leiter setze, wie gelange ich dann zur zweiten Sprosse? Wenn ich versuche, die erste Sprosse auszulassen und direkt auf die zweite Sprosse zu steigen, könnte ich fallen und mir den Fuß brechen. Der zweite Schritt ist schwieriger als der erste, und der dritte Schritt ist unendlich viel schwieriger als der zweite. Im spirituellen Leben ist die Liebe der erste Schritt, den du gehen musst. Wenn du Gott nicht liebst, wirst du dich Gott auch nie hingeben.

Du willst Gott schlaflos lieben. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dir das noch nicht möglich, doch wenn du Gott während deiner Gebete und deinen Meditationen lieben kannst, wenn du Gott für ein paar Stunden des Tages bewusst lieben kannst, machst du damit einen Anfang. Aus diesem Stadium kannst du die Ergebenheitswelt betreten und von dort kannst du zur Hingabewelt gelangen. Liebe, Ergebenheit und Hingabe sind alle miteinander verknüpft. Aufgrund des Ausmaßes der Liebe und Ergebenheit, die du besitzt, ist es dir vielleicht nicht möglich bedingungslose, atemlose Hingabe gegenüber Gott zu haben; doch es gibt mit Sicherheit einige Wege für dich, wie du dich dem Willen Gottes hingeben kannst. Doch musst du deine Reise mit einem gewissen Ausmaß an Liebe beginnen, bevor du die Ergebenheitswelt betreten und von dort aus zur Hingabewelt gelangen kannst.

Du bist ein Sucher. Deswegen steht fest, dass du Gott liebst. Zu behaupten, du empfändest keine Liebe zu Gott, wäre die schlimmste Lüge des zwanzigsten Jahrhunderts. Nun musst du deine Liebe zu Gott vergrößern. Es ist vergleichbar mit Übungen, die man unternimmt, um die Muskelkraft zu steigern. In der spirituellen Welt nennt man diese Übungen Gebet und Meditation. Aufgrund deines Gebetes und deiner Meditation kannst du deine Liebe zu Gott sehr leicht stärken. Du kannst mit einer Meditation beginnen, die fünfzehn Minuten dauert, dann kannst du die Dauer schrittweise auf zwanzig Minuten, dreißig Minuten und so weiter erhöhen.

Unter meinen Schülern befindet sich kein Einziger, der Gott nicht liebt. Nun ist es nur mehr eine Frage, ob man die Fähigkeit entwickeln kann, Gott bedingungslos zu lieben. Einige meiner Schüler schaffen es, Gott fünf Minuten oder eine halbe Stunde lang, während ihrer Meditation bedingungslos zu lieben. Doch wenn ihre Meditation beendet ist, kommen all ihre Erwartungen und Forderungen zum Vorschein. Einer wird sagen: „Er hat das nicht gemacht, sie hat jenes nicht gemacht, wie kann Guru dieser Person zulächeln? Oder ein anderer wird sagen: „Wieso können dieser und jener so glücklich sein und ich, wo ich doch gebetet und meditiert habe, bin noch immer nicht glücklich? Im Handumdrehen wird dann unsere Liebe zu Gott zu einer bedingten Liebe. Was noch schlimmer ist, wir nehmen eine Erwartungshaltung ein; und noch schlimmer als das, wir beginnen zu fordern.

Wir lieben Gott. Nun sollten wir unsere Liebe zu Gott vergrößern. Ich vertrete immer die Meinung, dass Gott selbst in jedem Augenblick Seine eigene Ewigkeit und Seine eigene Unendlichkeit vergrößert; das schenkt Ihm Freude. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir uns nicht vorstellen, was die Unendlichkeit Gottes ist. Doch wenn wir uns mit dem Willen Gottes identifizieren, können wir Gottes Unendlichkeit und Gottes Vision auf einen Blick erkennen. Wir können sie nicht mit unserem Verstand messen; es ist nicht vergleichbar mit dem Erklimmen des Himalajagebirges, das 8000 Meter hoch ist. Die Unendlichkeit können wir nur kraft unserer inneren Vision erkennen. Wenn wir meditieren, erweitern wir unsere innere Vision, vergrößern wir unsere Liebe zu Gott.

Frage: Welche Hauptqualitäten brauche ich als dein Schüler, um glücklich zu sein?

Sri Chinmoy: Die beiden Hauptqualitäten, die du benötigst, sind Dankbarkeit und Vergebung. Du solltest dem Supreme in dir selbst und in deinem Guru dankbar sein, dass du noch immer auf dem Weg bist und ein spirituelles Leben führst. Und für all deine spirituellen Brüder und Schwestern benötigst du die Macht der Vergebung, ganz gleich wie viel sie dich kritisieren oder wie schlecht sie von dir sprechen. Diese beiden göttlichen Wirklichkeiten werden dich wahrhaftig glücklich machen und in deinem Glück liegt dein Fortschritt.

Frage: Wie können wir bei unserem Versuch, zu einer höheren Bewusstseinsebene zu gelangen, sicher gehen, dass wir dies auf Gottes Art und Weise versuchen und nicht nur unsere eigene Weisheit anwenden, um dorthin zu gelangen?

Sri Chinmoy: Dein eigenes seelenvolles Gebet und deine eigene tiefe Meditation werden es dir mitteilen. Zu Beginn wird dir deine Meditation sagen, dass sich die Höhe deiner Weisheit sehr von der Höhe der Weisheit Gottes unterscheidet. Doch wenn deine Meditation sehr tief und stark wird, wirst du deinen eigenen Weg des Denkens aufgeben. Dein eigener Weg wird erleuchtet oder vollständig beseitigt werden und es wird nur ein Weg übrigbleiben, den du freudig, fröhlich und bedingungslos annehmen wirst, und das ist der Weg des Supreme.

Frage: Ein Teil in mir befürwortet, dass ich all mein Geld für spirituelle Aktivitäten verwenden soll, doch ein anderer Teil in mir sagt, dass es weiser wäre, Geld für Notzeiten aufzusparen.

Sri Chinmoy: Du musst deine Weisheit einsetzen. Es ist eine Sache, Tausende von Dollars für Kleidung und Schmuck auszugeben; und es ist eine andere Sache, dieses Geld für Dinge, die dir bei deinem spirituellen Fortschritt behilflich sind, zu verwenden. Du solltest dir bewusst sein, was deine Seele will und immer auf die Stimme deiner Seele hören. Einige Schüler glauben nur dann an die Seele, wenn sie etwas sagt, dass der Verstand oder das Vitale hören wollen. Sonst sagen sie: „Was ist die Seele? Wer ist dieser Genosse? Wo steckt sie? Meine menschlichen Augen brauchen einen handfesten Beweis!“ Wenn sie die Botschaft der Seele nicht mögen, verweilen diese bedauernswerten Schüler in der Welt des Beweises.

Solange ich lebe, werde ich der Welt definitiv sagen, dass die Seele existiert. Für mich sind der Körper, der Verstand und das Vitale unwirklich. Nur die Seele, welche ewig und unsterblich ist, ist wirklich. Die Seele ist wie ein strahlendes Kind in uns. Wenn du eine gute Verbindung mit deiner Seele aufrechterhalten kannst, dann wird sie dich definitiv zum Vater bringen. Der Vater wird voller Eifer die Zeit aufbringen, um mit dir zu sprechen, denn Sein liebstes Kind, die Seele, hat dich gebracht. Wenn du das göttliche Kind in dir, das einen freien Zugang zum absoluten, höchsten Herrn hat, zufrieden stellst, dann ist es so einfach, den Vater zu sehen.

Du fragst, ob du dein Geld sparen sollst für den Fall, dass du eines Tages ins Spital gehen musst oder ob du es jetzt für etwas ausgeben sollst, dass dich in deinem spirituellen Fortschritt unterstützt. Es ist eine Frage des Glaubens. Spirituelle Menschen fühlen, dass Gott jemanden bringen wird, der sich um die Rechnungen kümmern wird, wenn sie ins Spital müssen. Sie besitzen diese Art Glauben an Gott. Eine wirklich spirituelle Person wird über die Zukunft nicht übermäßig besorgt sein. Für sie ist Gott der Doktor, für sie ist Gott das Spital, für sie ist Gott das Leben, für sie ist Gott der Tod, für sie ist Gott alles. Andere mögen Geld beiseite legen für die Zeit, wenn sie fünfzig, siebzig oder neunzig Jahre alt sind. Doch wenn Gott will, kann er dich in fünf Sekunden von dieser Welt wegnehmen. Wenn du dein ganzes Geld unendlich lang in der Bank verwahrst, so wird es dich eines Tages in deinen Sarg oder in dein Grab begleiten. Doch es wird dich niemals in den Himmel bringen können. Niemals!

Frage: Wenn dich deine Schüler auf Reisen in andere Länder begleiten, zum Beispiel während der Weihnachtsferien, was empfangen sie von diesen Ländern und was bieten sie diesen Ländern an?

Sri Chinmoy: Wenn ein Schüler seinen Meister auf einer spirituellen Reise in ein anderes Land begleitet, erhält dieser Schüler nicht nur neues Licht in seinem inneren Leben, sondern er gibt auch neues Licht dem Ort, den er besucht. Auf der materiellen Ebene gebt ihr euer Geld in unzähligen Geschäften aus. Eure Geldkraft bewirkt für diese Geschäfte einen riesengroßen Unterschied. Auf der spirituellen Ebene gebt ihr eure Seelenkraft. Weil ihr betet und meditiert, vermögen die Menschen in diesen Ländern etwas in euren Gesichtern und Augen zu sehen, das sie bei ihren Nachbarn und Bekannten nicht sehen. Ihr kommt auf diese Reisen nicht nur um zu nehmen, sondern auch um zu geben. Ihr nehmt an, was diese Länder euch anbieten können und auch ihr gebt ihnen, was ihr habt. Ihr werdet dann eine sehr enge Beziehung mit diesen Ländern haben.

Frage: Warum interessieren sich einige Menschen nicht für die Manifestation Gottes?

Sri Chinmoy: Wenn du Gott verwirklichst, ist es, als ob in dir eine äußerst schöne Blume erblüht wäre. Wenn du versuchst, Gott zu enthüllen und zu manifestieren, bringst du diese Blume hervor, um der Welt zu zeigen, was du in dir trägst; du versuchst, die Schönheit und den Duft deiner Herzensblume der Welt anzubieten. Nach der Gottverwirklichung kümmern sich einige Menschen nicht um die Gottmanifestation, weil es eine außerordentlich schwere Aufgabe ist. Sie sagen: „Wen interessiert es, ob andere es glauben oder nicht glauben, dass sich eine wunderschöne Blume in meinem Herzen befindet? Wenn sie es nicht glauben, warum sollte ich es ihnen beweisen? Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.“

Doch einige verwirklichte Seelen, die mehr wagen, erkennen, dass es Menschen gibt, die sich elend fühlen, weil sie nicht einmal von der Existenz dieser schönen Blume wissen. Diese verwirklichten Seelen wollen die Blume herzeigen – nicht aus Prahlerei, sondern aus Freigiebigkeit. Sie wollen die Schönheit der Blume aufgrund ihres edelmütigen Herzens mit anderen teilen. Sie wissen, dass sie ihnen nicht abhandenkommt, wenn sie die Blume mit anderen teilen, denn sie besitzen sie nicht, sondern sie selbst sind zu dieser Blume geworden. Einen Besitz können wir verlieren, doch das, was wir ewig sind, können wir niemals verlieren.

Frage: Wie können wir unsere Schwächen besiegen?

Sri Chinmoy: Zu Beginn schätzen wir eigentlich unsere Schwächen – bewusst oder unbewusst. Üblicherweise treten sie in der Form einer Versuchung an uns heran. Wenn wir weise werden, grenzen wir uns selbst von unseren Schwächen ab. Wir erkennen dann, wie dumm es von uns ist, unsicher, eifersüchtig oder unrein zu sein und wir wollen unsere Schwächen besiegen. Wenn wir sie aufrichtig besiegen wollen, dürfen wir uns nicht die geringste Nachlässigkeit erlauben; wir müssen völlig entschlossen sein. Und wo hat die Entschlossenheit, die wir benötigen, ihren Ursprung? Sie hat nur einen Ursprung und zwar in Gottes Mitleid. Letzten Endes müssen wir zum Ursprung gehen, um unsere Schwächen zu besiegen, denn die für uns notwendige Entschlossenheit muss von der Gnade Gottes kommen.

Frage: Ist die Seele von Amerika den spirituellen Botschaften gegenüber, die du anbietest, noch genauso aufgeschlossen wie damals, als du das erste Mal in dieses Land kamst?

Sri Chinmoy: Als ich das erste Mal nach Amerika kam, kam ich mit enormem Enthusiasmus und enormer Fröhlichkeit und vielen, vielen positiven, erleuchtenden und erfüllenden Qualitäten. Ich trug mit mir einen Hoffnungshimmel und eine Versprechenssonne. Zu dieser Zeit nahmen mich das Herz von Amerika und die Seele von Amerika wärmstens auf. Der Verstand, das vitale und das physische Bewusstsein von Amerika waren jedoch nicht bereit, mein Licht zu empfangen, noch bevor unsere sogenannte Manifestationsarbeit begann.

Sogar jetzt bringt mir die Seele von Amerika grenzenlose, grenzenlose, grenzenlose Liebe und Wertschätzung entgegen, und auch das Herz bringt mir – gemäß seiner Fähigkeit – grenzenlose Wertschätzung entgegen. Die anderen Aspekte des Landes hinken leider hinten nach. Doch ich werde niemals aufgeben – niemals! Sogar wenn ich diese Mühsal der Welt hinter mir lassen und hinter den Vorhang der Ewigkeit treten werde, wird meine Seele fortfahren, im und durch das physische und vitale Bewusstsein, den Verstand und das Herz zu arbeiten – nicht nur für Amerika, sondern für die gesamte Welt. Ich bin dankbar, dass der Supreme in mir Amerika gewählt hat und dass der Supreme in mir mich noch immer in Amerika haben will. Ich werde der Seele von Amerika mein Herz unendlicher Dankbarkeit anbieten.

Frage: Wie kann man den höchsten Herrn am besten auf Seine Art und Weise zufrieden stellen?

Sri Chinmoy: Wir müssen uns in jedem Augenblick dem Willen Gottes hingeben. Diese Hingabe muss Bereitschaft, Fröhlichkeit und Willigkeit verkörpern – die Bereitschaft des Verstandes, die Willigkeit des Herzens und die Fröhlichkeit des Lebens selbst. Jeden Augenblick müssen wir unseren Willen dem Willen Gottes hingeben, und in dieser Hingabe müssen wir die Bereitschaft des Verstandes, die Willigkeit des Herzens und die Fröhlichkeit des Lebens fühlen. Wenn wir dazu imstande sind, werden wir mit Sicherheit ein äußerst hingebungsvolles und höchst vollkommenes Instrument unseres höchsten Herrn sein.

Frage: Wenn sich ein spiritueller Meister mit seinen Schülern beschäftigt, sollte er sich dann am besten im Sahaja Samadhi befinden?

Sri Chinmoy: Im Sahaja Samadhi befindet man sich im absolut höchsten Bewusstsein und tritt zugleich wie ein gewöhnlicher Mensch in irdische Aktivitäten ein. In meinem Fall begann das Sahaja Samadhi – Bewusstsein, als ich achtzehn oder neunzehn Jahre alt war, doch ab dem Alter von dreiundzwanzig Jahren wurde es permanent. Wenn ich mich mit den einzelnen Personen beschäftige, so muss ich dieses Bewusstsein oftmals verstecken, sonst würden mich meine Schüler oder andere Personen nicht ernst nehmen. Für sie ist es schwierig zu verstehen, dass jemand vollständig und untrennbar mit unserem geliebten höchsten Herrn vereint sein kann und gleichzeitig auf der irdischen Ebene normal funktioniert. Sie haben mehr Glauben an mich und nehmen mich ernster, wenn sie mich in einem tiefen und meditativen Bewusstsein sehen. Dieses Bewusstsein kann meinem Ziel besser dienen.

Doch für mich ist diese Art von meditativem Bewusstsein nicht die höchste Stufe des Samadhi. Der Grund dafür ist, dass ich manchmal, wenn ich mich in der absolut höchsten Meditation befinde, den erdgebundenen Aspekt nicht mehr wahrnehme. Doch im Sahaja Samadhi kann man im höchsten Bewusstsein verweilen und gleichzeitig zum Erdbewusstsein herabsteigen und dort manifestieren.

Frage: Als Buddha in das Nirwana eintrat, verwirklichte er Gott da zum ersten Mal?

Sri Chinmoy: Ja, es war das erste Mal.

Frage: Ich habe Beschreibungen des Geschehens gelesen, als Buddha in das Nirwana eintrat, über die Schlangen und die auftauchenden Bildnisse von Frauen. Ich frage mich, ob jeder denselben Prozess durchlaufen muss?

Sri Chinmoy: Jeder Einzelne muss verschiedene Erfahrungen durchleben, genauso wie jeder Einzelne seine eigene Verwirklichung erlangen muss. Es geschieht sehr oft, dass jemand von den niederen, vitalen Kräften attackiert wird. Wenn du dann höher steigst, könnten sich die kosmischen Götter, die dir einst geholfen haben, gegen dich stellen. Als du ein Pflänzchen warst, haben sie dir geholfen. Doch wenn du nun ein Baum werden und höher als sie aufsteigen willst, dann versuchen sie, dich aufzuhalten. In manchen Fällen stellen sich die kosmischen Götter sehr vehement gegen den Sucher. Sie wollen nicht, dass Menschen mehr als sie selbst erreichen. Doch wenn du sie einmal hinter dir gelassen hast, werden sie wieder zu deinen Freunden. Buddha verwendete nicht den Namen ‚Gott’; er verwendete nicht das Wort ‚Seele’. Er verwendete den Begriff ‚Licht’. Für ihn ist das Licht Gott. Doch für uns existieren die Seele und Gott.

Frage: Warum misst du okkulten Kräften nicht soviel Bedeutung zu wie Gorakshanath und andere?

Sri Chinmoy: Du hast schon vieles über die okkulten Kräfte gehört. Doch ich will dem noch hinzufügen, dass die okkulte Kraft nur mit einer Welle vergleichbar ist, sagen wir einer großen Welle, während die spirituelle Kraft wie der Ozean selbst ist. Wie könnte eine Welle, ganz gleich wie mächtig sie auch ist, stärker oder friedvoller als der Ozean selbst sein? Gorakshanath stellte seine okkulte Kraft zur Schau und vollbrachte viele Wunder. Doch auf der äußeren Ebene endete es sehr oft mit Zerstörung. Er hatte aber auch die Fähigkeit, seine okkulten Kräfte auf eine positive Weise zu nutzen. Zuerst zerstörte er jemanden und dann erweckte er ihn wieder zum Leben. Er tat alles mögliche!

Letzten Endes erkannte er aber, dass er aufhören musste, die okkulten Kräfte ständig nach seinem eigenen süßen Willen anzuwenden, und dass er all seine Aufmerksamkeit der Verwirklichung Gottes widmen musste. Also trat er in den letzten dreißig oder vierzig Jahren seines Lebens, die er in den Höhlen des Himalajas verbrachte, in tiefe Meditation ein, nachdem er so lange Zeit die okkulten Kräfte angewandt hatte. In dieser Zeit gelangte er zu der Überzeugung, dass die okkulte Kraft nicht mehr als ein Jonglierakt oder eine Zaubershow ist. Man kann sie mit einem Feuerwerk vergleichen – sie steigt auf und ist dann vorbei. Also hörte er auf, okkulte Kräfte anzuwenden und widmete sich ausschließlich der spirituellen Kraft und der Kraft der Meditation. Spirituelle Kraft ist unendlich mächtiger als okkulte Kraft, und sie ist immer konstruktiv.

In Nepal kann man einige der Höhlen besuchen, in denen Gorakshanath meditierte. In diesen Höhlen ist es seine Meditationskraft, die man fühlen kann, nicht seine okkulte Kraft. Durch die Meditation entwickelte er Vergebung und erlangte enormen Frieden. Als dann die Menschen nicht auf ihn hörten, vergab er ihnen einfach, anstatt sie mit seiner okkulten Kraft zu zerstören und wieder zum Leben zu erwecken. Er trat einfach wieder in seine eigene Meditation ein und wurde mit Frieden überflutet. Nur durch die Meditation kann man Frieden erhalten, nicht durch die okkulte Kraft.

Frage: Wie können wir unsere ungöttlichen Eigenschaften ablegen?

Sri Chinmoy: Wenn du fühlen kannst, dass du weder dreißig, vierzig noch fünfzig Jahre, sondern nur sieben Jahre alt bist, wirst du so viele deiner schlechten Eigenschaften ablegen können. Depression, Frustration, Zweifel, Faulheit, Lethargie und ganz besonders Ungehorsam wirst du wegwerfen können wie alte, zerschlissene Kleider.

Ungehorsam ist die schlimmste aller schlechten Eigenschaften der Schüler. Für ein kleines Mädchen oder einen kleinen Jungen von sieben Jahren ist es keine Unmöglichkeit, den Vater zu lieben und ihm zu gehorchen. Bis zum Alter von vierzehn oder fünfzehn ist der Gehorsam natürlich und spontan. Der Ungehorsam beginnt normalerweise mit dem Alter von siebzehn oder achtzehn. Wenn die Menschen einmal zwanzig sind, kann man den Gehorsam abschreiben. Wenn sie dann vierzig oder fünfzig sind, führen sie ihr eigenes Leben! Nur einige sehr glückliche Schüler haben ihren Gehorsam behalten, nachdem sie das Alter von zwanzig Jahren erreicht haben. Ich habe Glück und sie haben Glück.

Von all den göttlichen Qualitäten ist Gehorsam von höchster Bedeutung. Wenn du wahren inneren und äußeren Gehorsam gegenüber deiner Seele, dem höchsten Teil deines Wesens hast, dann wirst du Gott lieben, dann wirst du Gott ergeben sein und du wirst dich Gott bedingungslos hingeben. All die guten Eigenschaften der Schüler haben einen gemeinsamen Ursprung und das ist der Gehorsam. Gehorsam ist vergleichbar mit den Wurzeln eines Baumes; aus den Wurzeln wäschst eine zarte Pflanze und letzten Endes ein wunderschöner Baum mit unzähligen Blüten und Früchten. Doch wenn keine Wurzeln vorhanden sind, wird auch nichts wachsen. Ich habe bemerkt, dass das hohe Alter in die Gedanken vieler meiner Schüler eingezogen ist. Sie denken ständig auf eine alte Art und Weise. Ihr müsst eure alten Ideen, alten Gedanken und alten Gewohnheiten herausfordern. Legt eure alte Lebensweise ab! Wenn ihr aufrichtig empfinden könnt, dass ihr ein siebenjähriges Mädchen oder ein siebenjähriger Junge seid, wird so viel Gift, das sich in euren Gedanken befindet, verschwinden und es wird euch sehr leichtfallen, eurem Verstandesdschungel zu entkommen. Welch Enthusiasmus und welche Freude wird in euer Leben eintreten und welche Liebe werdet ihr für Gott und euren Meister haben! Jeden Tag werdet ihr euer Leben in einem neuen Licht sehen und ihr werdet eure süßen und süßesten Eigenschaften wieder hervorbringen können. Dann werdet ihr wie eine Blume erblühen, Blütenblatt um Blütenblatt. Doch wenn ihr weiterhin daran denkt, dass ihr dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig oder siebzig Jahre alt seid, werdet ihr sehen, dass alle Blumen in eurem Herzensgarten verwelkt sind; du wirst nichts anderes sein als eine völlig tote Blume. Für ein siebenjähriges Kind gibt es keinen Zweifel, keine Frustration, keine Negativität. Das Kind hüpft voller Freude herum und spielt und spielt in seinem Herzensgarten.

Frage: Meine Kinder benehmen sich sehr ungöttlich und hören nicht mehr auf mich. Ab welchem Zeitpunkt sind die Eltern für das Benehmen ihrer Kinder nicht länger verantwortlich?

Sri Chinmoy: Sind die Kinder einmal dreizehn Jahre alt, werde ich den Eltern niemals, niemals Vorwürfe machen, wenn sich ihre Kinder schlecht benehmen. Bis zu dem Alter von dreizehn obliegt es der Verantwortung der Eltern sicherzugehen, dass die Kinder das Richtige tun. Später werde ich euch niemals, niemals zur Verantwortung ziehen, wenn sich eure Kinder schlecht benehmen und den spirituellen Weg verlassen wollen.

Frage: Ist es für die Spiritualität schädlich, Gerüchte und Tratsch zu verbreiten?

Sri Chinmoy: Vielen Menschen bereitet es ein enormes Vergnügen, ein gehässiges Vergnügen, verrückte Geschichten oder wilde, unbegründete Gerüchte zu verbreiten. Doch diejenigen, die heute Gerüchte schüren, werden schon morgen mit hundertprozentiger Sicherheit selbst den Gerüchten zum Opfer fallen. Heute verbreitet man vorsätzlich über jemanden Gerüchte, in der Einbildung, man selbst sei reiner als der Reinste und besser als der Beste. Doch bald wird man selbst das hilflose Opfer sein. Warum? Der Grund ist, dass, wenn man an die Schwächen der anderen denkt, genau diese Schwächen in uns selbst eintreten; und dann erleidet man dasselbe Schicksal, das sie erlitten haben.

Versucht also, an die guten Qualitäten, die göttlichen Qualitäten, die hingebungsvollen Qualitäten der anderen Menschen zu denken. Wenn ihr vor allem über ihre schlechten Eigenschaften brütet, grabt ihr nur euer eigenes Grab. Ihr werdet dann bald den Nullpunkt in eurem spirituellen Leben erreicht haben – die Hölle.

Frage: Warum bittest du deine weiblichen Schüler, während der Meditation Saris zu tragen?

Sri Chinmoy: Sobald jemand die Uniform eines Polizisten oder eines Doktors anzieht, denkt derjenige sofort an seine Rolle. Auf unserem Weg ist der Sari wie eine Uniform für die Frauen. Er erinnert sie an ihr spirituelles Leben.

Jedes Kleidungsstück, das du trägst, beeinflusst dein Bewusstsein. Wenn du in deiner Laufkleidung zur Meditation erscheinst und annimmst, du wirst das Höchste im Nu erreichen können, hältst du dich nur selbst zum Narren. Hinsichtlich des Bewusstseins existiert zwischen einem Sari und einem Punjabi und zwischen einem Sari und westlicher Kleidung definitiv ein Unterschied. Man kann einen Sari tragen und dennoch unspirituell sein, das ist wahr; doch das Tragen eines Saris wird dich mit Sicherheit an dein spirituelles Leben erinnern und dir helfen, dein strebendes Bewusstsein hervorzubringen.

Natürlich ist das innere Streben von größter Bedeutung. Doch es gibt ein paar Dinge, die dein inneres Streben erhöhen können, und das Tragen eines Saris ist eines davon. Wenn etwas unser inneres Streben erhöht, sollten wir davon Gebrauch machen.

Teil II

SCA 230-232. Sri Chinmoy beantwortete die folgenden drei Fragen während eines Sonderprogrammes in der Kongressbücherei in Washington, D.C., am 21. Juli 1995.

Frage: Wie können wir dabei helfen, Frieden in unser eigenes Leben und in das Leben anderer Menschen zu bringen?

Sri Chinmoy: Wir können nur dann für uns selbst und für andere eine Hilfe sein, wenn wir die Notwendigkeit fühlen, jeden Tag zu beten und zu meditieren. Wir müssen fühlen, dass es jemanden gibt, der erpicht darauf ist, uns glücklich zu machen und uns den Weg zu zeigen, wie wir unseren Brüdern und Schwestern in der Welt dienen können. Doch um Seine innere Führung zu erlangen, müssen wir beten und meditieren. Die Botschaft des Lichtes müssen wir von innen erhalten, nur dann werden wir in einer Position sein, diese Botschaft der gesamten Welt anzubieten.

Jeden Tag müssen wir beten und meditieren, vor­zugsweise zu einer festgesetzten Zeit früh am Morgen. Dann, eines Tages, muss die Erleuchtung unser sein, und diese Erleuchtung wird unser Leben transformieren. Spirituelle Bücher können uns in einem gewissen Ausmaß helfen, doch wenn wir gute oder vollkommene Instrumente unseres Inneren Führers sein wollen, damit wir nicht nur uns selbst, sondern auch andere Menschen glücklich machen können, dann müssen wir auf unser inneres Leben achten. In diesem inneren Leben werden wir die Antwort auf all unsere äußeren Fragen finden.

Frage: Die Situation in Bosnien bereitet mir tiefen Kummer und ich habe sehr viel meditiert in der Hoffnung, Präsident Clinton treffe die richtige Entscheidung. Ich frage mich, ob wir irgendwie helfen können, diesen Menschen Frieden zu bringen?

Sri Chinmoy: Wenn wir empfinden, dass ein Problem außerhalb unserer eigenen Realität existiert, werden wir nicht fähig sein, es zu lösen. Wenn irgendwo in der Welt ein Problem auftaucht, müssen wir diesen Teil der Welt sofort tief in unser Inneres hineinbringen. Wir müssen fühlen, dass er ein wesentlicher Bestandteil unserer inneren Existenz ist. Wenn wir von einem spirituellen Gesichtspunkt aus etwas Besonderes für Bosnien unternehmen wollen, müssen wir Bosnien zuerst in unsere eigene innere Existenz bringen. Und dann sehen und fühlen wir, dass Jemand in uns ist, der uns genau die richtigen Anweisungen gibt. Das ist unser Innerer Pilot. Er ist der Pilot, Er ist das Boot, Er ist die Reise und Er selbst ist die Goldene Küste.

Wenn wir einmal erkannt haben, dass der Supreme der Führer, das Boot, die Reise und die Küste ist und dass wir bloß die Passagiere sind, die in Seinem Boot Platz genommen haben, dann werden wir auch wissen, dass es Seine sichere Pflicht ist, uns zur Küste zu bringen. Unsere Pflicht besteht nur darin, dass wir bewusst, gebetserfüllt, seelenvoll und hingebungsvoll an dieser Reise teilnehmen.

Wenn wir eine Entscheidung treffen, so treffen wir sie normalerweise mit unserem intelligenten Verstand, oder wir können sogar sagen, mit unserem weisen Verstand. Doch es existiert etwas unendlich Höheres als unsere menschliche Intelligenz oder menschliche Weisheit, und das ist der Wille Gottes in uns. Jeden Augenblick führen wir unseren eigenen Willen aus. Jeder will, dass die Welt auf seine eigene Weise glücklich ist. Ich empfinde, dass die Welt glücklich wäre, wenn sie nur meinem Weg folgen würde. Du empfindest, dass die Welt glücklich wäre, wenn sie deinem Weg folgen würde. Doch der Weg des Glücks für einen Einzelnen oder dessen Art und Weise, Glück in andere einzuimpfen, macht sie in Wirklichkeit vielleicht gar nicht glücklich.

Gott ist beides, der Schöpfer und die Schöpfung. Gott der Schöpfer will Gott die Schöpfung ganz gewiss glücklich sehen. Er will, dass jeder Einzelne glücklich ist. Gott der Schöpfer ist voller Liebe, voller Mitleid und voller Anteilnahme für Gott, die Schöpfung. Doch Gott kann uns nur dann glücklich machen, wenn wir gewillt sind, auf Seine eigene Art und Weise glücklich zu sein. Wenn wir die Gegenwart Gottes, die Führung oder den Willen Gottes bewusst anrufen können, wird die Welt mit Frieden und Glück überflutet sein. Dem Willen Gottes zu folgen, ist der einzige Weg um Glück zu erlangen – individuell, kollektiv und universell. Ansonsten, wenn Einzelne versuchen, die Welt auf seine oder ihre eigene Weise glücklich zu machen, werden wir mit Sicherheit Fehler über Fehler begehen, bevor wir die Probleme der Welt oder auch nur unsere individuellen Probleme lösen können.

Wie können wir den Willen Gottes erkennen? Wir können den Willen Gottes kraft unseres Gebetes und unserer Meditation erkennen und kraft unserer bewussten Hingabe an die Welt, in der wir leben und die wir als unser Eigen, ganz unser Eigen beanspruchen. Wenn wir einen freien Zugang zum inneren Leben des seelenvollen Strebens und zum äußeren Leben der selbstlosen Widmung haben, dann werden wir den Willen Gottes erkennen und verwirklichen. Und wenn wir auf den Willen Gottes hören, werden all unsere Probleme und alle Probleme der Welt gelöst.

Frage: Was können Anfänger gegen all die Gedanken unternehmen, die während der Meditation auftauchen?

Sri Chinmoy: Alles hängt von unserer Willenskraft ab. Manche Menschen verfügen über eine enorme Entschlossenheit und einen starken Willen, manche aber nicht. Aber die Entschlossenheit alleine ist auch nicht genug. Wir müssen auch die Fähigkeit erlangen, den Willen Gottes fröhlich anzunehmen. Angenommen im Augenblick wird deine Meditation durch unpassende Gedanken gestört. Vielleicht hat Gott beschlossen, dass Er dich in sechs Monaten oder in zehn Monaten mit einem Verstand segnen wird, der von Frieden überflutet ist. Wenn dieser Fall eintritt, wirst du extrem glücklich und dankbar sein. Und wenn es länger dauern sollte, so solltest du glücklich und zufrieden sein, weil Er dir noch immer die Inspiration gibt, jeden Tag gewissenhaft zu meditieren. Das bedeutet nun aber nicht, dass du faul oder inaktiv sein wirst, bis die Stunde Gottes für dich schlägt. Es ist falsch, einfach nur für zwei Minuten oder fünf Minuten zu beten und dann aufzugeben, wenn du siehst, dass dein Verstand noch voller Gedanken ist oder wenn du siehst, dass sich Rastlosigkeit in deinem Verstand, in deiner vitalen und physischen Existenz befindet. Es ist auch falsch zu erwarten, dass dein Verstand ruhig und still wird, nur weil du zwei oder drei Minuten meditiert hast.

Was können wir tun, um die Gedanken zu unterbinden? Betrachten wir die Gedanken als Persönlichkeiten und den Verstand als Raum, in dem wir leben und den wir besitzen. Wir müssen die Tür zu unserem Ver­standes­raum von innen verriegeln und dürfen keinem, wer immer auch kommt, erlauben einzutreten. Wir sperren nicht nur unsere Feinde aus, welche die schlechten Gedanken sind, sondern auch unsere Freunde, die guten Gedanken. Wir sind entschlossen, nur die Stille zu genießen, vollkommene Stille. Sagen wir, ein paar Augenblicke später, beginnt ein Gedanke an deine Tür zu klopfen. Wir können entweder unser Mitleid ausüben oder unsere Weisheit. Die Weisheit erinnert uns an das feierliche Versprechen, das wir uns selbst gaben, dass wir niemandem gestatten würden, unseren Verstandesraum zu betreten. Doch wenn wir beginnen unser Mitleid anzuwenden, könnten wir sagen: „Wer weiß, wer kommt? Vielleicht ist es einer meiner guten Freunde?“ Dann werden wir natürlich die Tür öffnen. Und leider, in dem Moment, wo wir die Türe öffnen, können wir einen ungöttlichen Gedanken einlassen. Dieser ungöttliche Gedanke kann in einer flüchtigen Sekunde all die guten Empfindungen stehlen, die wir die letzten fünfzehn oder zwanzig Minuten lang hegten.

Also ist es am besten, die Tür unter keinen Umständen zu öffnen. Später, nach einer gewissen Zeit, werden uns all die schlechten Gedanken aus eigenem Antrieb verlassen. Sind die Gedanken ungöttlich, so besitzen sie auch alle ungöttlichen Eigenschaften. Sie werden nicht die Geduld aufbringen zu warten, bis wir die Türe öffnen. Nachdem sie draußen einige Minuten gewartet haben, werden diese Gedanken sagen: „Es liegt unter unserer Würde, hier noch länger zu warten. Wenn er uns nicht sehen will, so werden wir an die Tür eines anderen klopfen und diesen belästigen.“

Wenn ein guter Gedanke kommt, ein wahrer und echter Freund, wird dieser Gedanke sagen: „Ach, vielleicht ist mein Freund so beschäftigt und macht gerade etwas Besonderes. Sonst hätte er sicher die Tür geöffnet. Ich werde noch länger geduldig warten.“ Wir bringen den guten Gedanken dazu, fünfzehn oder dreißig Minuten lang draußen zu warten. Nachdem wir für ungefähr eine halbe Stunde unser friedvolles Stillschweigen bewahrt haben, sagen wir: „Nun wollen wir sehen, wer zur Tür gekommen ist.“ Dann finden wir nur unsere ganz engen Freunde vor, die auf uns warten. Diese Freunde sind unsere göttlichen, kraftspendenden und erfüllenden Gedanken.

Wenn wir auf diese Weise unseren Verstand fünfzehn Minuten oder eine halbe Stunde lang völlig stillhalten können, werden die dunklen, unstrebsamen Kräfte am Ende unserer Meditation nicht mehr da sein, und somit können sie nicht in uns eintreten. So gelingt es uns, nur gute Gedanken von unserer Meditation zu erhalten. Zuerst müssen wir den Verstand völlig blockieren und dürfen keinen, wie auch immer gearteten Gedanken in uns eintreten lassen. Wenn wir dann tief nach innen gelangt und in das Meer des Friedens eingetreten sind, finden wir, wenn wir die Tür unseres Verstandes öffnen, nur gute und göttliche Gedanken vor, die auf uns warten.

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