Die Seele und der Vorgang der Wiedergeburt

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Teil I — Die Seele und das Leben nach dem Tod

Frage: Was geschieht nach dem Tod?

Sri Chinmoy: Der Mensch besteht aus fünf Elementen: dem Körper, dem Vitalen, dem Verstand, dem spirituellen Herzen und der Seele. Wenn wir sterben, kehren diese fünf Elemente in ihre jeweiligen Welten zurück. Auch die Seele begibt sich wieder Schritt für Schritt in die Welt der Seele. Sie beginnt ihre Reise auf der subtil-physischen Ebene. Von da gelangt sie in die Region des spirituellen Herzens und anschließend in die Mentalebene, um schließlich ihre eigene Welt zu erreichen. Dort ruht sie sich eine Zeit lang aus. Das kann sechs, zehn oder auch vierzig Jahre dauern – es hängt ganz von Gottes Willen ab. Dann kehrt die Seele wieder auf die Erde zurück. Dort nimmt sie einen neuen Körper an und versucht erneut, das Göttliche in der Welt zu manifestieren.

Frage: Gibt es in der Welt, in die wir nach Verlassen des Körpers eingehen, Formen, oder ist dort alles formlos?

Sri Chinmoy: Wenn die Seele eines Verstorbenen wieder auf die Erde herabkommen möchte, um ehemalige Verwandte zu besuchen, nimmt sie für gewöhnlich jene Form an, die sie damals auf der Erde hatte, damit die Verwandten sie erkennen können. Große spirituelle Meister jedoch können die Seele in jeder beliebigen Form erkennen. Selbst wenn die Seele die Form einer Lichtsäule annimmt, kann der Meister sein drittes Auge öffnen und die Seele darin sofort erkennen.

Frage: Was geschieht mit all den Seelen, die sich von der Arbeit auf der Erde zurückgezogen haben? Überfüllen sie nicht allmählich die anderen Welten?

Sri Chinmoy: In den anderen Welten gibt es genügend Platz. Dort ist alles unbegrenzt.

Frage: Was geschieht mit der Seele eines Tieres, nachdem sie den Körper verlassen hat?

Sri Chinmoy: Sie hat ihre eigene Welt. Jede Seele besitzt ganz bestimmte Fähigkeiten. Die Seele eines Heiligen wird nicht an denselben Ort gelangen wie jene eines Diebes, sondern in eine viel höhere Welt eingehen. Alles hängt von dem Grad des Bewusstseins ab, das die Seele auf der Erde manifestiert hat. Tierseelen werden also in jene Welt eingehen, die ihrem Bewusstseinsniveau entspricht, und nicht in eine Welt, in der höher entwickelte Seelen zu Hause sind.

Frage: Verlässt unsere Seele zu Lebzeiten jemals den Körper?

Sri Chinmoy: Die Seele mag den Körper einige Sekunden lang verlassen, doch ihr Bewusstsein bleibt auch dann immer noch im Körper. Wir befinden uns hier in deinem Zimmer, welches von deiner Schwingung durchdrungen ist. Wenn jemand hierherkommt, wird er sofort deine Schwingung spüren. Wenn du jedoch für immer von hier fort gehst, bleibt davon so gut wie nichts mehr zurück. Nachdem die Seele den Körper, der für sie wie ihr Zimmer war, endgültig verlassen hat, empfindet sie ihn als fremd. Nach dem Tod ist der Körper wie ein zerbrochener Käfig. Wozu sollte man in einem zerbrochenen Käfig bleiben?

Frage: Was geschieht mit der Seele eines von Menschen gefertigten Gegenstandes, wenn dieser kaputt geht oder zerstört wird?

Sri Chinmoy: Nehmen wir an, ein Haus ist zerstört worden. In diesem Fall werden die Bewohner einfach versuchen, ein neues Haus zu finden. Auch für die Seele bedeutet die Tatsache, dass ihr Körperkäfig zerstört wurde, nicht, dass sie nie wieder eine neue Form finden wird, in der sie wohnen kann. Ist die Seele einmal in den Evolutionsprozess eingetreten, wird sie fortfahren zu wirken, bis sie das göttliche Licht gemäß ihrem Potenzial vollständig manifestiert hat. Wenn es Gottes Wille ist, wird sie in die Region der Seele gehen, um sich dort auszuruhen. Sie kann aber auch einige Tage oder Monate hier auf der Erde bleiben und dann wieder eine neue Form annehmen. Doch die Seele wird nie aufhören zu existieren.

Menschliche Seelen – vor allem jene, die spirituell streben – sind höher entwickelt als andere, weil sie mehr Licht in sich tragen. Im Augenblick sitze ich auf einem Stuhl. Ich bin spirituell und meine Seele hat mehr Licht als die Seele des Stuhls. Doch dieser Stuhl wird inneren Fortschritt machen, weil ich Licht herunter-gebracht habe und er es aufgenommen hat – eine Gelegenheit, die ein anderer Stuhl nicht erhalten mag.

Das ist auch im spirituellen Leben so. Wenn wir zu einem spirituellen Meister gehen und ihn sprechen hören oder meditieren sehen, beschleunigt sich unser innerer Fortschritt, ob wir es glauben oder nicht. Hier in diesem Zimmer befinden sich im Moment vierzig oder fünfzig Sucher, und jeder diese Suchenden erhält gemäß seiner Empfänglichkeit innerlich etwas von mir. Jede Seele hier nimmt eine bestimmte Menge innerer Nahrung auf, die ihr hilft, schneller Fortschritt zu machen.

Frage: Leidet die Seele eines Menschen, der eines gewaltsamen Todes stirbt, genauso sehr wie die Seele eines Selbstmörders?

Sri Chinmoy: Sicher nicht. Glaubst du denn, dass die Seele eines Menschen, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, nicht wieder eine Gelegenheit erhalten wird, zu beten und Gott zu verwirklichen? Sogar wenn jemand Selbstmord begeht, kann ein spiritueller Meister ihn retten und das entstandene Karma wegwaschen. Und wenn er dann in seiner nächsten Inkarnation wieder unter einem spirituellen Meister zu beten und zu meditieren beginnt, besteht für ihn auch wieder jede Hoffnung auf Gottverwirklichung.

Frage: Erleidet ein Mensch, der Selbstmord begeht, um im Kampf nicht vom Feind getötet zu werden, das gleiche Schicksal wie ein gewöhnlicher Selbstmörder?

Sri Chinmoy: Es ist in der Geschichte schon oft vorgekommen, dass sich ein Krieger im Kampf das Leben genommen hat, als es nur noch eine Frage von Minuten oder Sekunden war, bevor ihn sein Feind töten würde. Dies war oft bei Königen der Fall, die gefangen genommen wurden. Sie sagten zu ihren Feinden: „Da es jetzt unausweichlich ist, dass ihr mich töten werdet, bringe ich mich lieber selbst um.“ In diesem Fall tun sie das Richtige und werden nicht das gleiche Schicksal erleiden wie gewöhnliche Selbstmörder.

Frage: Muss die Seele eines Menschen sehr leiden, wenn er Hara-Kiri begeht? Das ist eine Form des rituellen Selbstmordes, die in Japan als ehrenvoll angesehen wird.

Sri Chinmoy: Es kommt auf den jeweiligen Fall an. Für gewöhnlich begehen Menschen Selbstmord, weil sie der Realität nicht ins Auge schauen können; sie haben emotionale Probleme oder ihre Wünsche sind unerfüllt geblieben. Doch jeder Fall ist anders und die Entscheidung, ob und wie viel die Seele dann leiden muss, liegt bei Gott allein. Spirituelle Meister können ihren Körper jederzeit verlassen, ohne ihm Schaden zuzufügen; sie brauchen sich dazu nicht zu erschießen. Ihre Seele verlässt dann den Körper auf okkulte und spirituelle Weise, nachdem sie vorher von Gott die Erlaubnis dazu erhalten haben.

Frage: Gilt es auch als Selbstmord, wenn jemand einen fast aussichtslosen Versuch unternimmt, das Leben eines anderen Menschen zu retten, und dabei selbst umkommt?

Sri Chinmoy: Dazu müssen wir das Motiv kennen. Stellt euch vor, eine Mutter bemerkt, dass ihr Kind am Ertrinken ist. Sie weiß vielleicht gar nicht, dass es Gottes Absicht war, dass sie auf der Erde bleibt, um für ihre anderen Kinder zu sorgen. Sie sieht nur, dass ihr Sohn zu ertrinken droht, und versucht ihn zu retten. Wenn sie nun dabei umkommt, so ist das kein Selbstmord.

Frage: Wenn du vom Himmel sprichst, klingt es manchmal fast so, als würdest du die Hölle beschreiben – mit Kämpfen und dergleichen…

Sri Chinmoy: Es gibt den so genannten vitalen Himmel. So wie wir auf der Erde gerne streiten und kämpfen, so wird auch dort gestritten und gekämpft.

Frage: Kann jemand, dessen Seele in der Hölle war, doch noch in den Himmel kommen?

Sri Chinmoy: Normalerweise muss dieser Mensch zuerst auf die Erde kommen, um Gutes zu tun. Doch die Hölle ist nur ein Teil der vitalen Welt, von der aus es prinzipiell durchaus möglich ist, direkt in den Himmel zu gelangen. Wenn Seelen unvermittelt Hilfe von Gott oder von einem spirituellen Meister erhalten, können sie in manchen Fällen direkt von der Hölle in den Himmel kommen. Ansonsten müssen sie vorher auf die Erde zurückkehren, um sich spirituelle Verdienste zu erwerben.

Frage: Ist es möglich, dass wir im Himmel sind und unser Vitales gleichzeitig in der Hölle?

Sri Chinmoy: Das ist durchaus möglich! Manchmal bleibt das verärgerte, unentwickelte Vitale in der Hölle zurück, der Welt der Qualen. Wenn die Seele will, kann sie das feinstoffliche Vitale verlassen. Sie lässt die physische Hülle an einem Ort zurück, die Hülle des Vitalen an einem anderen und die mentale Hülle wieder woanders. Dann kehrt sie in die Welt der Seele zurück.

Frage: Was passiert im Augenblick des Todes mit dem Vitalen?

Sri Chinmoy: Es gibt zwei Arten des Vitalen. Das eine ist das so genannte physische Vitale, das sich im Körper befindet. Das andere ist das eigentliche Vitale, welches völlig eigenständig und kein Teil der physischen Welt ist.

Wenn die Seele den Körper verlässt, zerfällt dieser in seine fünf Elemente. Das eigentliche Vitale geht dann in die Welt des Vitalen ein. Der Verstand begleitet das Vitale für kurze Zeit – ein paar Tage oder Monate –, um anschließend auf die mentale Ebene, also in seine eigene Welt, zurückzukehren. Die Seele bleibt gewöhnlich zwei bis sechs Monate auf der Vitalebene, manchmal sogar ein ganzes Jahr. Die Zeitdauer ist von Fall zu Fall verschieden. Dann schreitet die Seele zur mentalen Ebene weiter und von dort in die Region des spirituellen Herzens.

Während des Aufenthaltes in seiner eigenen Welt kann das Vitale manchmal beträchtlich leiden. Ist es unerleuchtet und unrein, so wird es dort gnadenlos gequält. Wenn unser drittes Auge geöffnet ist, sehen wir, dass keine menschliche Strafe so hart und grausam sein kann wie die Bestrafung auf der vitalen Ebene. Wenn das Vitale hingegen versucht hat, mit der Seele eins zu sein, und ihr auf Erden gehorsam war, leidet es in der Vitalwelt nicht. Spirituell fortgeschrittene Sucher leiden dort praktisch gar nicht, weil ihnen dieser Ort vertraut ist.

Teil II — Die Seele und der Vorgang der Wiedergeburt

Frage: Nimmt die Seele dieselbe vitale Hülle an, wenn sie sich wieder verkörpert?

Sri Chinmoy: Sie nimmt entweder dasselbe oder ein weiter fortgeschrittenes Vitales an. Es ist wie beim Einkaufen. Du hinterlegst eine Ware in einem Geschäft und wenn du zurück-kommst, nimmst du sie entweder wieder mit oder kaufst dir etwas Schöneres. Anstatt deine alte Armbanduhr zu behalten, kaufst du dir vielleicht eine neue, und jemand anderem, der weniger Geld hat, gefällt vielleicht deine alte.

Frage: Besitzt jeder von uns ein gebrauchtes Vitales und einen gebrauchten Verstand? Hat jemand mein Vitales oder mein Herz schon vor mir benutzt?

Sri Chinmoy: Solange sie eines hat, ist das der Seele egal. Es ist wie mit einem Musikinstrument oder einem Fußball. Du verwendest ihn eine Zeit lang und wenn er dir nicht mehr gefällt, kaufst du dir einfach einen neuen. Wenn du aber einen bestimmten Fußball besonders magst, wirst du ihn so lange verwenden, bis er entweder unbrauchbar geworden ist oder bis du alle Möglichkeiten, die er dir bietet, ausgeschöpft hast.

Es hängt ganz davon ab, was die Seele erreichen will. Manchmal sucht sich die Seele einen starken, dominanten Verstand aus; ein andermal hingegen erachtet sie das nicht als notwendig. Wenn jemand mit guten Fußballern spielt, wird er auch einen guten Ball verwenden wollen, während für weniger gute Spieler jeder beliebige Fußball ausreicht. Es hängt also ganz davon ab, mit wem die Seele in der Arena des Lebens spielen will.

Frage: Warum sollte sich die Seele für einen zweifelnden Verstand oder ein aggressives Vitales entscheiden?

Sri Chinmoy: Die Seele entscheidet sich nicht für einen zweifelnden Verstand. Sie nimmt den Verstand einfach an, aber es liegt eben in seiner Natur, zu zweifeln.

Frage: Versucht die Seele immer, einen Verstand zu bekommen, der mehr Licht besitzt?

Sri Chinmoy: Wo bliebe denn der Spaß am Spiel, wenn die guten Spieler alle auf einer Seite stehen? Was ergäbe das für ein Spiel? Auch der Verstand entwickelt sich weiter, aber jede Entwicklung braucht ihre Zeit. Für dich ist ein einziger Tag schon eine lange Zeitspanne, aber für Gott sind zweihundert Jahre weniger als eine Sekunde, also so gut wie nichts. Und selbst wenn der Verstand voller Licht wäre, wäre das Bewusstsein der Erde nicht fähig, sein Licht zu empfangen.

Es ist wie mit einem reinen Herzen. Ein reines Herz leidet, einfach weil es ein reines Herz ist. Warum leiden spirituelle Menschen? Wegen der Großmut ihres Herzens. Menschen mit einem steinernen Herzen haben diese Art von Leiden nicht. Viele Menschen haben zwar ein reines, aber kein starkes Herz. Doch das Leben auf der Erde verlangt ein Herz, das sowohl rein als auch stark ist.

Frage: Wie sieht diese Weiterentwicklung des Verstandes aus?

Sri Chinmoy: Wenn der Verstand Fortschritt gemacht hat, wird er versuchen, den erreichten Fortschritt zu bewahren. Wenn dann später eine andere Seele diesen Verstand annimmt, wird er für sie eine größere Hilfe sein. Besitzt ein Verstand einmal ein gewisses Maß an Licht, wird er es auch behalten.

Frage: Warum vergisst der Verstand nach dem Tod die Einzelheiten seiner irdischen Erfahrungen?

Sri Chinmoy: Der Verstand braucht diese Dinge nicht zu behalten. Das wäre genauso unnötig, wie sich daran zu erinnern, was ich heute gegessen habe oder wie das Essen geschmeckt hat, das mir eine Schülerin gekocht hat. Es genügt zu wissen, dass diese Schülerin sehr gut zu mir war und mir etwas zu essen gebracht hat, wann immer ich danach verlangte. Wie oft dies der Fall war und wie das Essen jedes einzelne Mal geschmeckt hat, ist zweitrangig; der Verstand könnte es sich ohnehin nicht merken. Aber ihren selbstlosen Dienst wird er nicht vergessen.

Frage: Was machen die Mentalwesen eigentlich in ihrer Welt des Verstandes?

Sri Chinmoy: Manchmal schlafen sie, manchmal machen sie jemandem Mut und manchmal dringen sie in den Verstand eines Menschen ein und hetzen ihn auf. Dann hast du plötzlich einen Gedanken und weißt nicht, woher er gekommen ist.

Frage: Wenn sich die Seele einen Verstand oder ein Vitales aussucht, weiß sie dann zu diesem Zeitpunkt schon, was damit auf sie wartet?

Sri Chinmoy: Zu Beginn ihrer Lebensreise stehen ihr viele verschiedene Möglichkeiten offen. Gott weiß zwar alles, aber Er verschleiert die Zukunft. Selbst Gott macht nicht immer von Seiner Allwissenheit Gebrauch, denn sonst gäbe es kein Spiel. Nehmen wir an, ein Spiel dauert fünfundvierzig Minuten. Gott kann leicht alle fünfundvierzig Minuten im Voraus überblicken. Heute zählt Er vielleicht durchgehend von eins bis fünfundvierzig. Würde Er jedoch morgen „eins“ sagen und dann gleich auf „fünfundvierzig“ springen, würden die Menschen sagen: „Es ist sinnlos, mit Dir zu spielen! Du kannst die Zahlen ja nach Belieben überspringen und wir nicht.“ Deshalb spielt Gott das Spiel nicht auf diese Weise.

Frage: Werden Frauen manchmal als Männer wiedergeboren und umgekehrt?

Sri Chinmoy: Das ist in Gottes Schöpfung nur vier- oder fünfmal vorgekommen. In ganz seltenen Fällen kann es aber geschehen, dass ein spiritueller Meister das Geschlecht eines Menschen ändert oder jemandem, der noch auf der Erde lebt, eine neue Seele gibt. Die andere Seele wird dann sozusagen in Schlaf versetzt und ist vorüber-gehend nicht aktiv. Doch das ist in der Geschichte der Menschheit wirklich nur äußerst selten vorgekommen.

Frage: Was denkt sich eine Seele, wenn sich eine neue Seele im selben Körper zu ihr gesellt?

Sri Chinmoy: Ein Körper kann nicht zwei Seelen haben. Aber wenn die alte Seele nicht gut genug durch das Physische, das Vitale und den Verstand wirken konnte, kann sie durch eine dynamischere, weiter entwickelte Seele ersetzt werden, sofern dies Gottes Wille, der Wille des Supreme ist.

Frage: Würden wir es bemerken, wenn wir eine neue Seele bekämen?

Sri Chinmoy: Die meisten Menschen würden es nicht bemerken. Doch wenn ein Meister will, dass sein Schüler weiß, was er für ihn getan hat, kann er es ihm bewusst machen, und dann wird dieser es auch glauben.

Die betreffende Person wird sich jedoch anders verhalten als früher, ohne den Grund dafür zu kennen. Sie mag manchmal Dinge tun, ohne zu wissen, warum. Sie kann sich verrückt benehmen, so als wäre irgendeine negative Kraft in sie eingedrungen, oder sich aber auch in positiver Weise verändern.

Frage: Was ist der Unterschied, wenn die Seele ganz ausgetauscht oder nur etwas in ihr verändert wird?

Sri Chinmoy: Wenn du eine neue Seele bekommst, ist es so, als würde ein neuer Freund in deinem Haus leben. Doch anstatt gleich eine neue Seele zu rufen, ist es durchaus möglich, bestimmte Eigenschaften einer anderen Person herunterzubringen. Wenn jemandem eine bestimmte Eigenschaft fehlt, kann man sie von jemand anderem ausborgen.

Frage: Warum kommt das überhaupt vor?

Sri Chinmoy: Wenn Gott es will und der Sucher das Gefühl hat, er benötige einen besseren Verstand, ein besseres Herz oder eine bessere Seele, dann heißt Gott es gut.

Frage: Ist es möglich, einem Menschen eine Seele zu geben, die noch nie auf der Erde war?

Sri Chinmoy: Das ist durchaus möglich.

Frage: Welche Beziehung besteht zwischen einer Menschenseele und der Seele des Landes, in dem sie geboren wurde?

Sri Chinmoy: Es gibt so viele Länder. Weshalb verkörpert sich eine Seele ausgerechnet in einem bestimmten Land? Das kann zwei Gründe haben: Entweder wurde es der Seele von Gott befohlen oder die Seele hat eine besondere Vorliebe für dieses Land. Warum besteht nun diese Vorliebe? Jede Seele hat ihre eigenen inneren Neigungen. Sie fühlt, dass sie bestimmte intuitive Fähigkeiten oder andere Eigenschaften besitzt, die sie in einem bestimmten Land leichter zum Vorschein bringen und manifestieren kann. Wenn eine Seele sehr dynamisch ist, wird sie sich eher in Amerika als in Indien inkarnieren wollen. Sehnt sie sich hingegen mehr nach innerer Harmonie und Frieden, wird sie Indien bevorzugen. Und wenn die Seele bei ihrem geistigen und seelischen Erwachen Weite sucht und ein Zusammenspiel von Herz und Verstand anstrebt, wird sie sich beispielsweise in Australien inkarnieren. Nun mag eine Seele ein bestimmtes Land bevorzugen, doch umgekehrt braucht die Seele eines Landes auch eine bestimmte Art von Seelen, um ihre innere Wirklichkeit manifestieren zu können. Jede Seele hat ihrem Land etwas Besonderes zu geben. Deshalb meditiert die Seele jedes Landes auf die höchste Wirklichkeit, um Seelen zu erhalten, die ihr helfen werden.

Nachdem sich die Seele nun für ein bestimmtes Land entschieden hat, kann der Höchste die Wahl der Seele entweder gutheißen oder nicht; doch in neunundneunzig von hundert Fällen befürwortet Er sie. Trifft hingegen Gott die Wahl, kann die Seele den Willen des Höchsten für gewöhnlich nicht ändern. Doch so wie wir manchmal nicht auf unseren Vorgesetzten hören, so kann das auch bei der Seele vorkommen. Meistens allerdings hört eine Seele auf Gott, denn Seelen haben mehr Licht als erdgebundene Menschen.

Jede Seele hat in dem Land, das sie aufnimmt, eine bestimmte Rolle zu spielen. Nachdem sie diese Aufgabe erfüllt hat, geht sie in ein anderes Land. Natürlich kann eine Seele schon nach zwei oder drei Inkarnationen in ein anderes Land gehen, während andere Seelen vielleicht mehrere Inkarnationen an einem bestimmten Ort bleiben wollen.

Worin besteht nun diese Rolle, die eine Seele in einem Land spielt? Man kann sie mit der einer Blüte auf einem Baum vergleichen. Wenn ein Baum viele Blüten trägt, ist er schön. Jede Seele ist wie eine Blüte und jedes Land ist wie ein Baum.

Frage: Was meinst du damit, wenn du jemanden als östliche oder westliche Seele bezeichnest?

Sri Chinmoy: Die Seele selbst ist weder östlich noch westlich, doch manche Seelen verkörpern sich häufig in einem bestimmten Teil der Welt und absorbieren allmählich dessen Schwingung. Wenn du in einem Haus lebst, gibst du eine bestimmte Schwingung an das Haus ab und nimmst andererseits auch eine bestimmte Schwingung von ihm auf. Wenn die Seele in verschiedene Länder kommt, dringen die jeweiligen geistigen, emotionalen und physischen Schwingungen in sie ein. Dann muss die Seele diese Schwingungen entweder auf ein höheres Niveau bringen, oder sie wird von den Unvollkommenheiten auf Körper-, Verstandes- und Vitalebene immer mehr verschleiert.

Wenn eine Seele häufig im Osten gelebt hat, wird sie dazu neigen, friedliebend zu sein. Hat sie hingegen viele Inkarnationen im Westen verbracht, wird sie eher dynamisch sein. Eine westliche Seele ist sich ihrer Dynamik bewusst und versucht ihre innere Wirklichkeit durch Dynamik zu manifestieren. Eine östliche Seele mit ihrem friedliebenden Herzen versucht ihre Qualitäten hauptsächlich in Form von Frieden weiterzugeben.

Es gibt heute eine beträchtliche Anzahl aufrichtiger spiritueller Sucher im Westen. Viele von ihnen sind östliche Seelen, aber sie sind traurig, weil sie hier nicht die nötige spirituelle Nahrung erhalten. Andererseits wissen sie aber, dass ja alles vom Höchsten geplant worden ist, denn sonst hätten sie überhaupt keine Inkarnation im Westen annehmen können. Und ohne die Zustimmung Gottes kann die Seele nichts tun.

Teil III — Die Mission der Seele

Frage: Wussten unsere Seelen schon vor der Geburt, dass wir deine Schüler werden würden?

Sri Chinmoy: Einige wussten es bereits; bei anderen bestand anfangs nur die Möglichkeit dazu und sie hatten Glück.

Frage: Sucht sich die Seele immer ihren Meister aus?

Sri Chinmoy: Manchmal ist der Guru vorherbestimmt. In anderen Fällen wählt die Seele den Guru aus, sobald sie ihre menschliche Inkarnation annimmt. Wenn die Seele sehr entwickelt ist, wird sie auch versuchen, einen sehr guten Meister zu bekommen. Aber die negativen Kräfte schlafen nicht, und einige weit fortgeschrittene Seelen erhalten vielleicht nie einen spirituellen Meister.

Frage: Wenn ein Schüler deinen Weg verlassen hat, wird ihm seine Seele dann helfen, einen neuen Meister zu finden?

Sri Chinmoy: Gibt es denn eine Garantie, dass die Seele überhaupt wieder einen Meister erhalten wird? In diesem Fall befindet sich die Seele in einem echten Dilemma. Sie mag zwar nach einem neuen Meister Ausschau halten, aber es ist wesentlich einfacher, wieder zu demselben Meister zurückzukehren.

Frage: Wird die Seele eines Schülers im Meditationszentrum auch dann etwas von dir empfangen, wenn er in einem schlechten Bewusstsein ist?

Sri Chinmoy: Die Seele braucht dazu gar nicht ins Medi­ta­tionszentrum zu kommen; sie empfängt Licht, wo immer sie sich befindet. Ich nähre sie in der inneren Welt. Deine Seele empfängt Licht direkt von mir, aber sie besitzt auch enormes Mitgefühl für ihre kleinen Geschwister, das Vitale und den Verstand. Sie sagt sich: „Ich habe so viel erhalten; ich möchte, dass sie auch etwas davon bekommen.“ Deshalb bittet die Seele ihre Geschwister: „Bitte nehmt Licht an. Nehmt doch Licht an!“ Aber das Vitale und der Verstand zögern immer. Die Seele ist wie ein Bettler: Unaufhörlich fleht sie dein Vitales und deinen Verstand an, ihr doch Gehör zu schenken.

Frage: Wie kann man wissen, welches Versprechen die Seele Gott gab, bevor sie auf die Erde kam?

Sri Chinmoy: Du kannst das Versprechen deiner Seele an Gott nur dann kennen, wenn du ständig fühlst, dass du nicht der Körper, nicht der Verstand, ja nicht einmal das Herz, sondern nur die Seele bist. Wenn du fühlst, dass du gar keinen Körper besitzt, sondern einzig und allein die Seele hast und bist, dann wirst du durch die Augen deiner Seele sehen und das Versprechen deiner Seele augenblicklich erfahren. Im Gegensatz zum Verstand ist sich die Seele ihres Versprechens immer bewusst. Wenn sie jedoch die Gelegenheit erhält, im Leben eines Menschen zum Vorschein zu kommen, wird auch der Verstand davon überzeugt sein. Wenn sich der Verstand und das Herz mit der Seele identifizieren, werden sie fühlen, dass das Versprechen der Seele auch ihr eigenes Versprechen ist.

Im Augenblick lebst du im Körper und deshalb konzentrieren sich auch alle deine Probleme auf die physische Welt: Wo du wohnen wirst, was du essen wirst, mit wem du dich treffen willst und so weiter. Da du im physischen Bewusstsein lebst, ist auch ein Großteil deiner Probleme physischer Natur. Lebst du hingegen in der Seele, dann hast du die so genannten Probleme der Seele. Wenn ich mich als spirituellen Meister betrachte, habe ich alle möglichen Schwierigkeiten mit meinen Schülern und Meditationszentren. Sehe ich mich hingegen als Dichter an, werde ich viel weniger Probleme haben. Manche Menschen mögen meine Gedichte schätzen und andere nicht, aber ich werde nicht viel Verantwortung übernehmen müssen. Lebe ich jedoch in der Seele, dann wird die ganze Welt zu meinem Problem.

Das Versprechen der Seele besteht darin, Gott in jedem Augenblick auf Seine eigene Weise zu enthüllen, zu manifestieren und zu erfüllen. Gott auf der Erde vollkommen zu enthüllen und zu manifestieren ist das einzige Versprechen, das die Seele jedes Menschen ablegt. Sie legt dieses Versprechen bewusst und unaufhörlich ab, doch der Mensch enthüllt und manifestiert nur gemäß seiner Empfänglichkeit, gemäß dem Potenzial seiner Seele. Bleibe also in der Seele, fühle, dass du die Seele bist, und du wirst unweigerlich wissen, was das Versprechen deiner Seele war, ist und immer sein wird.

Aber du musst auch weise sein. Wenn du meinst, du könntest alle möglichen unspirituellen Dinge tun und dich dann der Verantwortung entziehen, indem du sagst: „Ich bin die Seele, ich bin die Seele“, dann täuschst du dich nur selbst. Wenn du eine weite Strecke mit dem Taxi fährst, wird natürlich auch der Fahrpreis sehr hoch sein und du kannst am Ende nicht einfach sagen: „Ich stehe über solchen Dingen. Ich bin doch die Seele!“ Das wäre absurd.

Im Augenblick musst du nur in Erinnerung behalten, dass du ein göttliches Instrument bist. Du betest zu Gott, dir Licht zu schenken, damit du der Unwissenheit entrinnen kannst. Du magst zwar sagen, dass du die Seele bist, aber wenn dich jemand anschreit, wird deine „Seelenverwirklichung“ schnell wieder dahin sein! Es genügt also nicht, vom Verstand her zu sagen: „Ich bin die Seele, ich bin die Seele.“ Nur wenn du wirklich bedeutsame Erfahrungen der inneren Höhen machst und es dir auch gelingt, diese im Alltag umzusetzen, kannst du fühlen, dass du wirklich die Seele bist. Steckst du hingegen tief in der Unwissenheit, nützt es dir nichts zu sagen: „Ich bin Brahman. Ich verkörpere die höchste Höhe“, nur weil du in einem Buch gelesen hast, dass alles Brahman ist.

Wenn du also nicht spontan fühlen kannst, dass du die Seele bist, dann gebrauche zuerst deine Vorstellungskraft. Bete danach äußerst aufrichtig, meditiere aufrichtig und hingebungsvoll und versuche, dieses Gefühl in deinem Leben zu verankern.

Frage: Hat das Vitale unabhängig von der Mission der Seele auch eine eigene Berufung?

Sri Chinmoy: Wenn es mit der Seele vereint ist, kann das Vitale eine Mission haben. Ansonsten hat das Vitale keine Berufung. Nur wenn sich das Vitale der Seele überantwortet und mit der Seele eins wird, wird die Berufung der Seele auch zur Berufung des Vitalen. Der Körper, das Vitale, der Verstand und das Herz haben keine eigene Mission. Es gibt nur eine einzige Mission, und das ist die Mission der Seele.

Leider hören der Verstand, das Vitale und der Körper Jahrhunderte lang nicht auf die Seele. Doch irgendwann ändert sich das unweigerlich. Dann wird die Mission der Seele auch zur Mission des Vitalen, des Körpers und des Verstandes.

So wie sich der Körper, das Vitale und der Verstand eines Tages der Seele überantworten werden, so müssen auch wir uns dem Willen des Höchsten hingeben. Dann wird Gottes Mission zu unserer eigenen Mission. Ich sage, ich habe meine eigene Mission, so wie du und andere das gleiche von sich behaupten. Doch nur aufgrund unserer uneingeschränkten Identifikation mit dem Höchsten, in unserer selbstlosen Hingabe, können wir mit Recht sagen, dass Gottes Mission auch unsere Mission ist.

Frage: Kannst du mir sagen, wie ich meine Seele spüren kann?

Sri Chinmoy: Wenn jemand gleich zu Beginn seiner spirituellen Reise erwartet, die Seele spüren zu können, ist das so, als erwarte man sein Diplom am ersten Schultag. Dann wird der Lehrer nur sagen: „Wie kann ich dir dein Diplom geben, wenn du noch nicht einmal die Grund- und Mittelschule besucht hast?“

Um deine Seele zu fühlen, musst du schon ein paar Jährchen meditieren. Im Augenblick ist es für dich noch nicht notwendig, die Gegenwart der Seele zu spüren. Für einen Anfänger ist es vorerst das Wichtigste, innerlich zu streben. Du möchtest an ein bestimmtes Ziel gelangen, aber du hast kein Geld für den Fahrschein. Das Geld steht in diesem Beispiel für das innere Streben. Wenn du dein spirituelles Streben vergrößerst, kannst du dir den Fahrschein kaufen. Ich möchte dich damit keinesfalls entmutigen, sondern dir nur verständlich machen, dass du mit kleinen, stetigen Schritten am sichersten ans Ziel gelangst. Wie kann jemand erwarten, schnell zu laufen, wenn er noch nicht einmal Gehen gelernt hat? Ich muss meinen Bestimmungsort erreichen; das ist mein Endziel. Aber fürs Erste ist es mein Ziel, aufzustehen und gehen zu lernen. Wenn ich das beherrsche, werde ich als nächstes versuchen, schnell zu marschieren. Anschließend werde ich Laufen lernen und versuchen, meine Geschwindigkeit weiter zu steigern.

Teil IV — Befreiung und Verwirklichung

Frage: Was ist der Unterschied zwischen dem seelischen Wesen und der Seele?

Sri Chinmoy: Alles hat eine Seele, aber nur Menschen haben ein seelisches Wesen. In Tieren oder unbelebten Gegenständen existiert es nicht. Das seelische Wesen ist wie eine Flamme, die in einem Menschen entzündet wird. Dies geschieht jedoch nicht in seiner ersten, zweiten oder dritten Inkarnation. In manchen Fällen dauert es sehr viele Inkarnationen, bis das seelische Wesen ins Dasein tritt. Auch hier unter uns befinden sich viele Sucher, die leider noch kein seelisches Wesen besitzen, weil sie noch nicht viele Inkarnationen durchlebt haben. Und wenn jemand nicht spirituell strebt, wird diese geistige Flamme auch nach vielen Menschenleben nicht in ihm entzündet werden. Es gibt keine feste Regel, wann das seelische Wesen entsteht. Sicher ist nur, dass es sich im fortgeschrittenen Sucher eines Tages entwickelt. Der genaue Zeitpunkt hängt von der Aufrichtigkeit und Intensität seines inneren Strebens ab. Zuerst fühlen wir, wie das seelische Wesen entsteht, dann sehen wir es und schließlich werden wir mit ihm eins.

Frage: Ist es die Seele, die Gott verwirklicht?

Sri Chinmoy: Die Seele hat Gott bereits verwirklicht. Sie ist ein Teil von Gott und existiert ewig für Gott. Nur unser Körper, unser Vitales, unser Verstand und unser Herz haben Gott noch nicht verwirklicht. Die Seele weiß, wer und was Gott ist und wo er sich befindet; doch der Mensch kann es nur erahnen. Er muss sich zuerst in Spiritualität und innerer Disziplin üben und das Höchste verwirklichen.

Wenn das Menschliche in uns das Höchste verwirklicht, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen uns und Gott. Das Vitale bleibt dann nicht mehr das Vitale, der Körper bleibt nicht mehr der Körper, der Verstand nicht mehr der Verstand. Diese Wesensteile werden untrennbar eins mit dem Höchsten und verkörpern, enthüllen und manifestieren es. Dann gibt es zwischen diesem erleuchteten Bewusstsein und der höchsten Wirklichkeit keinen Unterschied mehr. Im Augenblick haben wir das Gefühl, unsere Nase oder unsere Augen stünden uns am nächsten. Doch wenn wir Gott verwirklichen, werden wir erkennen, dass Er uns nähersteht als unsere Augen oder die eigene Nase – nur fehlt uns derzeit noch die nötige innere Schau, um Ihn sehen zu können.

Es ist also nur das Menschliche in uns, das Gott verwirklichen muss, nicht aber die Seele. Die Aufgabe der Seele ist es, Gott auf der ganzen Welt zu manifestieren, denn dafür ist sie in diese Welt gekommen.

Frage: Kann der Verstand die Seele erleuchten?

Sri Chinmoy: Die Seele ist dem Verstand unendlich überlegen. Die Seele erleuchtet und vervollkommnet den Verstand Schritt für Schritt und dadurch nimmt der Verstand göttliche Eigenschaften an. Ist das Niedere einmal gänzlich umgewandelt, wird es dem Höheren gleich. So ist es auch mit dem Körper, dem Vitalen und dem Ver-stand: Wenn sie einmal transformiert sind, bleibt der Körper nicht länger lethargisch, das Vitale nicht länger aggressiv und der Verstand nicht länger voller Zweifel. In seiner Jugend mag ein Sohn Fehler machen, doch später, wenn der Vater seine Weisheit an seinen Sohn weitergegeben hat, wird der Sohn ebenso weise werden wie sein Vater.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem befreiten und einem verwirklichten Menschen?

Sri Chinmoy: Befreite Menschen gibt es viele, doch zwischen Befreiung und Verwirklichung besteht ein großer Unterschied. Ein befreiter Mensch ist von Unwissenheit, irdischen Unvollkommenheiten und Schwächen befreit. Nun mag er sich zwar davon befreit haben, aber er hat immer noch eine gewisse Angst davor, angegriffen zu werden und seine Befreiung wieder zu verlieren. Nur zu gut kann er sich daran erinnern, wie sehr er leiden musste, bevor er die Befreiung erlangte! Zwar ist die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder in die Unwissenheit zurückfallen wird, nicht sehr groß; aber dennoch hat er Angst davor. Der verwirklichte Mensch hingegen ist mit Gott untrennbar eins geworden. Für ihn ist Himmel und Hölle ein und dasselbe; alles ist für ihn gleich, denn er weiß, dass Gott überall ist. Selbst wenn er schlimme Dinge tun würde – er weiß, dass Gott ihn immer festhalten wird, unabhängig davon, ob er Gott festhalten kann oder nicht. Verwirklichte Menschen haben den Zustand des Einsseins erreicht. Verwirklichung ist Einssein, während Befreiung nur die Befreiung von Leiden ist.

Befreite Menschen sind verwirklichten Yogis also weit unterlegen. Sie mögen zwar von der Unwissenheit befreit sein, aber sie sind nicht vierundzwanzig Stunden am Tag eins mit dem Höchsten. Sie werden nichts Schlechtes tun; sie werden nicht wieder in den Vergnügungen der Unwissenheit schwelgen. Doch ein verwirk-lichter Yogi ist weit, weit über die Unwissenheit hinausgegangen. Und selbst wenn er in die Unwissenheit eintaucht, macht ihm das nichts aus, denn er steht darüber.

Auf der Stufe der Befreiung kann man niemanden erleuchten. Hier kann man jemandem zwar Inspiration schenken und sein inneres Streben vergrößern, aber nicht Verwirklichung gewähren. Befreite Menschen können uns nur dazu motivieren, an unserer eigenen Befreiung zu arbeiten. Wer hingegen verwirklicht ist, hat nicht nur seine eigene Verwirklichung erlangt, sondern kann auch Schüler annehmen, um deren Verwirklichung er sich dann bemüht. Der befreite Mensch kann sehr rein, ja sogar heilig sein, aber er wird nicht einen einzigen schlechten Menschen umwandeln können. Er betrachtet diese als wirklich schlecht und hat Angst davor, von ihnen wieder in die Unwissenheit zurückgezogen zu werden. Ein verwirklichter Yogi jedoch wird sagen: „Ich sehe Gottes Gegenwart in dir“, und er wird unter den schlechten Menschen bleiben, um ihre Natur zu verwandeln.

Befreite Menschen streben gewöhnlich nicht die Umwandlung der menschlichen Natur an. Wenn jemand, der völlig befreit ist, sie dennoch anstrebt, wird Gott sie der betreffenden Person unweigerlich gewähren. Für gewöhnlich jedoch will der kurz vor der Befreiung stehende Mensch nur von seinen Anhaftungen und der Unwissenheit entbunden werden, wohingegen der verwirklichte Mensch im Verlauf seiner Verwirklichung völlig transformiert wird.

Darüber hinaus besteht auch wieder ein sehr großer Unter-schied zwischen einem Yogi und einem Avatar. Ein Yogi kann zwar im Grunde alles tun, aber nur in beschränktem Maße. Er wird ein Boot haben und darin einige Passagiere befördern können. Doch ein Avatar ist für die ganze Welt da, und auch sein Boot ist für alle da.

Frage: Ist es möglich, Befreiung zu erlangen, ohne Gott je gesehen oder mit Ihm gesprochen zu haben?

Sri Chinmoy: Wer befreit ist, wird eine Art von Frieden, Licht und Glückseligkeit fühlen, die niemand sonst sieht und fühlt. Wenn diese Person Fragen hat, kann sie die Antworten von ihrer eigenen Seele oder einem äußerst lichtvollen Menschen erhalten. Sie besitzt jedoch nicht die Fähigkeiten eines Verwirklichten. Diese sind wie Lieblingskinder der Eltern: Auf einen bloßen Ruf oder ein einziges Lächeln der Kinder hin kommen die Eltern sofort zu ihnen, auch wenn sie gerade sehr wichtige Dinge zu erledigen haben. Im Vergleich dazu sind befreite Menschen wie Ehrenmänner. Sie werden geduldig auf ihre Eltern warten und erst dann wieder fortgehen, wenn die Eltern ihnen sagen, dass heute keine Möglichkeit mehr besteht, sie zu besuchen. Ein Verwirklichter hat einen freien Zugang zu Gott; er braucht nicht zwei Stunden lang zu meditieren, um Ihn sehen zu können.

Im Westen spricht man von Erlösung, doch die Erlösung ist der Befreiung weit unterlegen. Erlösung bedeutet das Freisein von Sünde, aber Befreiung ist viel mehr. Befreiung bedeutet das Freisein von Unwissenheit, einem wesentlich umfassenderen Begriff als dem der Sünde. Sie beschäftigt sich also mit der Unwissenheit, die Verwirklichung hingegen mit den inneren Sonnen.

Frage: Ärgert sich ein Verwirklichter manchmal?

Sri Chinmoy: Ein Verwirklichter kann so genanntem Ärger durchaus Ausdruck verleihen, aber in Wirklichkeit macht er nur von seiner göttlichen Autorität Gebrauch. Würde er dies nicht tun, könnte er so manche Aufgaben nicht erfüllen. Deshalb kann er, wenn es Gottes Wille ist, als letzten Ausweg auch Zorn ausdrücken. Unser menschliches Denken wird es als Zorn bezeichnen, aber in Wahrheit handelt es sich um das herabkommende Licht der Gerechtigkeit.

Im Gegensatz dazu wird es der befreite Mensch nicht wagen, zornig zu werden. Er fürchtet sich vor Zorn, Unreinheit und den vielen anderen irdischen Unzulänglichkeiten. Er weiß, dass er soeben erst aus einem dunklen Zimmer entflohen ist und dass er Gefahr läuft, dort wieder eingesperrt zu werden, sobald er zurückkehrt, um es zu erleuchten. Der Befreite fürchtet sich vor der Vergangenheit, doch der Verwirklichte ist wie ein Soldat. Er weiß, dass er nach seiner Flucht aus dem dunklen Zimmer wieder dorthin zurückkehren muss, um weiter für die Erleuchtung zu kämpfen. Er sagt: „Ich selbst bin zwar aus diesem dunklen Zimmer herausgekommen, aber andere wollen es auch schaffen. Ich will ihnen dabei helfen, sie herausführen und befreien, damit auch sie die Verwirklichung erlangen können.“ Aber jemand, der absolut und vollständig befreit ist, wird schließlich auch Gott verwirklichen. Eines Tages wird also auch er in den dunklen Raum zurückkehren, um das Göttliche auf der Erde zu manifestieren.

Frage: Wusste ein Avatar bereits in seinen Tierinkarnationen, wer er wirklich ist?

Sri Chinmoy: In seinen Tierinkarnationen wusste er es nicht. Ein Teil seines Bewusstseins wusste es zwar, nicht aber sein bewusster Verstand; und solange man etwas nicht mit dem Verstand begriffen hat, kann man sich dessen nicht bewusst sein. Sobald der Avatar jedoch eine menschliche Inkarnation annimmt, die sehr viel höher entwickelt ist als das tierische Leben, wird er es wissen.

Teil V — Der Himmel

Frage: In deinen Gedichten sprichst du von der Gleichgültigkeit des Himmels, aber Gott ist doch alles andere als gleichgültig. Kannst du mir das erklären?

Sri Chinmoy: Sagen wir, Gott sei der Vater, der Himmel sein Sohn und der Sucher dessen jüngerer Bruder. Der jüngere Bruder weint; er braucht Hilfe von seinem Vater oder von seinem Bruder. Innerlich ist der Vater voller Anteilnahme für seinen jüngeren Sohn, aber er ist nicht immer erreichbar, weil er im Büro arbeitet. Der ältere Bruder wäre zwar zu Hause, aber er ist so sehr mit seinen Hausaufgaben und anderen Dingen beschäftigt, dass er seinem armen kleinen Bruder keine Aufmerksamkeit schenkt. Der Vater hingegen ist voller Liebe und Fürsorge, und sobald er nach Hause kommt, bringt er dem jüngeren Sohn all seine Zuneigung entgegen.

Für den jüngeren Bruder ist es äußerst schwierig, ohne Hilfe zum Vater zu gelangen. Nun sind die kosmischen Götter und Göttinnen für den Sucher wie ältere Geschwister. Doch einige von ihnen sind auf ihre Art eifersüchtig. Diese Erfahrung haben die meisten spirituellen Meister gemacht. Zu Beginn unterstützen die kosmischen Götter und Göttinnen den Sucher auf seinem Weg nach oben, doch sobald dieser sich dem Gipfel nähert, lassen sie ihn nicht nur im Stich, sondern versuchen sogar zu verhindern, dass er sie übertrifft. Dies ist schon unzählige Male vorgekommen.

Angenommen jemand ist auf einen Baum geklettert und du befindest dich am Fuße des Baumes. Du kannst nicht klettern und so kommt diese Person zu dir herunter und bringt es dir bei. Daraufhin beginnst du hinaufzuklettern, während dein Lehrer wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt und auf dich wartet. Sobald du jedoch seine Höhe erreicht hast, ist er nicht mehr bereit, dir weiterzuhelfen, denn er hat den Gipfel selbst noch nicht erreicht und ist daher unsicher. Gestern bist du noch hilflos am Boden gestanden und so brachte er dir das Klettern bei. Aber heute bist du nahe daran, deinen Lehrer zu übertreffen. Warum sollte er das zulassen? Wenn er jedoch weise wäre, würde er aufgrund seines Einsseins mit dir sagen: „Er ist doch mein kleiner Bruder. Warum sollte er mich nicht übertreffen dürfen? Schließlich ist seine Errungenschaft auch meine Errungenschaft!“

Ein Sprichwort sagt: „Jeder will gewinnen, aber nicht gegen seinen eigenen Sohn und seine eigene Tochter.“ Gott weiß, wie weit dieses Sprichwort zutrifft. In Amerika habe ich etwas beobachtet, das mir in Indien völlig unbekannt war: dass Mütter auf ihre Kinder wirklich eifersüchtig sein können. Nicht alle, aber doch viele der Mütter und Väter, die unser Meditationszentrum besucht haben, waren direkt oder indirekt auf ihre Kinder eifersüchtig. Zu Beginn bringen die Eltern ihren Kindern bei, wie man effizient lernt oder selbstlos handelt. Danach verkünden sie stolz: „Meine Tochter hat dieses, mein Sohn jenes getan.“ Wenn die Welt ihren Kindern dann Anerkennung zollt, mögen sie sich darüber auch durchaus aufrichtig freuen. Manchmal jedoch brennt ihnen das Herz, weil sie selbst vielleicht kein Diplom gemacht oder weniger als ihre Kinder erreicht haben. Das kommt von ihrem Gefühl der Trennung.

Wie kannst du im Kugelstoßen Erfolg haben, wenn du deine Finger als voneinander getrennt betrachtest? Der kleine Finger besitzt viel weniger Kraft als die anderen, doch beim Kugelstoßen müssen alle Finger zusammenarbeiten. Wenn du das Gefühl hast, dieser kleine Finger sei nutzlos und es wäre besser, ihn gar nicht zu besitzen, wirst du bald bemerken, dass du ohne ihn hilflos bist. Wenn der Stärkere die Schwächeren ausschließt, werden letztlich alle leiden.

Zu Beginn mag der Stärkere prahlen, doch wenn der Schwächere stärker wird, fürchtet der Überlegene, vom Schwächeren übertroffen zu werden. Der einzig wirklich Überlegene aber ist Gott. Er ist immer überlegen, aber Er fühlt sich nicht so und handelt auch nicht danach. Er weiß, dass wir alles, was Er ist, auch in uns tragen. Für Ihn gibt es keine Trennung. Sein Herz ist mein Herz. Er weiß, wer Er ist und wer ich bin. Er ist der Schöpfer, und der Schöpfer trennt sich nie von seiner Schöpfung. Aber der Himmel ist eben nicht der eigentliche Schöpfer. Er fühlt sich nicht immer eins mit der Schöpfung und deshalb kommt es immer wieder zu Problemen. Gott identifiziert Sich mit Seiner Schöpfung und daher betrachtet Er Seine Schöpfung als nicht von Seiner Wirklichkeit getrennt.

Frage: Wie sieht der schönste Ort im Himmel aus?

Sri Chinmoy: Man kann die Schönheit des Himmels weder mit menschlichen Worten ausdrücken noch mit dem menschlichen Herzen fühlen, denn es handelt sich dabei um eine andere Dimension. Im Himmel hat jeder kosmische Gott seine eigene Sphäre. Auch jeder echte spirituelle Meister hat seine eigene Sphäre. Menschen, die einem Meister ergeben sind, werden sagen, seine Ebene sei die schönste, weil sie deren Schönheit durch die Augen oder durch das Herz des Meisters sehen. Ähnlich verhält es sich auch hier bei uns. Wenn die Menschen, die in unser Meditationszentrum kommen, das Zentrum durch mich sehen, werden sie sich dort wohl fühlen. Umgekehrt werden sie überall etwas auszusetzen haben. Wenn ihr euch hier auf der Erde richtig verhaltet und das Richtige tut, werde ich euch nach eurem Tod einen Platz in meinem Zuhause geben. Dann werdet ihr sagen: „Oh, wie schön es hier ist!“ genauso wie ihr es hier auf Erden über einen schönen Ort sagen würdet.

Frage: Gibt es im Himmel Tag und Nacht?

Sri Chinmoy: Ja, aber man kann es nicht mit dem irdischen Tag und der irdischen Nacht vergleichen. Auch im Himmel können negative, feindselige, ungöttliche Kräfte angreifen, und das kann man als Nacht bezeichnen. Wenn negative Kräfte deinen Verstand angreifen, ist es für dich hier auf der Erde Nacht, und wenn dich himmlische Kräfte umgeben, ist es Tag. Nacht bedeutet negative Kräfte, die nicht voranschreiten, und alles, was Fortschritt macht, ist Tag.

Frage: Gibt es im Himmel die gleichen Farben wie auf der Erde?

Sri Chinmoy: Wenn du im Himmel eine Farbe siehst, wirst du sie nicht als Farbe bezeichnen und sie auch nicht benennen können. Name und Form gehören dort einer anderen Dimension an. Du wirst ihr mit dem Licht deiner Seele Ausdruck verleihen, wirst sie aber nicht als schwarz, grün oder weiß bezeichnen.

Frage: Sind wir im Himmel von unseren Unvollkommenheiten befreit?

Sri Chinmoy: Es ist ein bisschen anders, als du denkst. Du kannst es dir so vorstellen: Wenn du zu Bett gehst, brauchst du nicht mehr alle deine Kleider – deine Bluse, deinen Pullover und so weiter. Im Himmel hast du keinen physischen Körper wie hier. Licht geht dort in Licht ein. Und wenn du wieder auf die Erde zurückkehrst, ziehst du dir neue Kleider an: die vitale Hülle und viele andere. Manche dieser Kleider mögen schmutzig sein; doch mit der Zeit wirst du, ebenso wie alles, was du auf der Erde benützt, eine gewisse Vollkommenheit erlangen. Das bezeichnet man als allumfassende Vollkommenheit.

Frage: Werden wir im Himmel alle bei dir sein?

Sri Chinmoy: Diejenigen, die mich hier auf der Erde zufrieden stellen und mir hier Freude bereiten, werden im Himmel mit Sicherheit auf meine Ebene gelangen. Doch meint ihr, ich sei so dumm zu glauben, ihr würdet mich im Himmel zufrieden stellen, wenn ihr mich hier auf der Erde enttäuscht? Hier sagt ihr vielleicht: „Guru, bitte nimm mich mit nach Afrika oder Australien. Dort werde ich dein bester Schüler sein! Hier ist es mir wegen meiner Eifersucht nicht möglich, dich zufrieden zu stellen.“ Doch auf dem Weg nach Australien denkt ihr dann vielleicht an jemand anderen, und die Eifersucht beginnt von neuem an euch zu nagen. Diejenigen, die mir hier Freude bereiten, werden nicht nur in den Himmel kommen, sondern mich überallhin begleiten. Wer in meinem Bewusstsein lebt, ist immer dort, wo ich bin. Innerlich begebe ich mich auf die verschiedensten Bewusstseinsebenen. Wenn ihr mir Freude bereitet und mich zufrieden stellt, könnt ihr innerlich überall hingehen, nicht nur in den Himmel.

Frage: Weshalb fallen manche Wesen vom Himmel in die niederen Welten?

Sri Chinmoy: In all den Jahren, seit ich in den Westen gekommen bin, habe ich versucht, einen Himmel auf Erden zu errichten. Manche meiner Schüler machen eine Kehrtwendung und verlassen den Weg, nachdem sie fünf, sechs oder sieben Jahre bei mir waren. Du siehst also, die Versuchung ist überall! Der eine mag versucht sein, in irdischen Erfahrungen sein Glück zu finden, ein anderer möchte vielleicht wieder etwas tun, das er vor zehn Jahren getan hatte und das mit dem spirituellen Leben nicht vereinbar ist. Er mag auch verleitet sein, einfach etwas Neues zu tun, das grund-sätzlich durchaus gut sein mag. Selbst die kosmischen Götter können manchmal der Versuchung anheimfallen! Wenn sie dann einen Fehler begehen, fallen auch sie.

Teil VI — Die kosmischen Götter

Frage: Welche Beziehung hat Indra zur modernen Welt?

Sri Chinmoy: In der indischen Mythologie ist Indra der König der kosmischen Götter. Nach der Überlieferung ist er zwar äußerst mächtig, doch behält er nicht immer seine überragende innere Höhe bei, weil auch er Fehler begeht. Die sogenannte moderne Welt wird nicht von Indra geführt oder geformt. Heutzutage ist sein Einfluss nur sehr gering. Lediglich Menschen, die indische Mythologie studiert haben und bewusst eine innere Verbindung mit dem großen Indra aufgebaut haben, fühlen seinen Einfluss. Ansonsten führt oder formt keiner der kosmischen Götter die Menschheit, und nur diejenigen, die bewusst versucht haben, mit dem Indra-Bewusstsein eins zu werden, können von ihm etwas empfangen. Das gleiche gilt für das Buddha-Bewusstsein, das Krishna-Bewusstsein oder das Christusbewusstsein.

Indra hat nie menschliche Gestalt angenommen, und daher müssen wir manchmal unser Denken zu Hilfe nehmen, um ihn uns vorzustellen. Die Vorstellung an sich ist zwar eine Wirklichkeit, doch später versucht uns der Verstand einzureden, was wir gesehen haben, sei bloße Einbildung gewesen. Wir können zwar aufrichtig und ergeben mit dem Indra-Bewusstsein Kontakt herstellen, doch sobald der Verstand ins Spiel kommt, werden wir unweigerlich Zweifel hegen, ganz gleich, welche Wirklichkeit wir erschaffen oder gesehen haben. Obwohl es sich um eine Wirklichkeit handelt, bezeichnet unser Verstand sie als Einbildung, und dadurch schwächen wir auch die Verstandeswirklichkeit selbst. Deshalb ist Indra für manche Menschen nur ein Hirngespinst.

Für andere jedoch kann er ein kosmischer Gott sein, der in uns und in anderen Menschen Dynamik erweckt, um die Unwissenheit zu besiegen, besonders auf der vitalen Ebene. In der Zeit der Veden versuchte man nicht auf der mentalen, sondern auf der vitalen Ebene Zugang zu ihm zu finden. Indra besitzt ein dynamisches, kämpferisches Wesen. Er ist jener kosmische Gott, der denjenigen, die ein echtes Bedürfnis danach haben, dynamischen Kampfgeist verleiht.

Diese Dynamik kann man sowohl durch Indra als auch die anderen kosmischen Götter oder durch Gott selbst zu erreichen versuchen. Es ist zwar durchaus möglich, durch Indra größte Dynamik zu erlangen, aber es ist sehr schwierig – genauso wie es für die meisten Menschen äußerst schwierig ist, direkt Zugang zum Höchsten, zu Gott, zu finden. Wesentlich einfacher ist es, diese Eigenschaft durch jemanden auf der Erde zu erlangen, den du kennst und in der physischen oder sogar vitalen Form vor dir siehst und der diese dynamische Qualität selbst besitzt und verkörpert. Deshalb macht es auch nichts aus, wenn du Indra nicht kennst.

Die moderne Welt ist ihrem Wesen nach nicht lethargisch. Sie ist durchaus dynamisch, wenn auch manchmal in zerstörerischer Weise. Doch teilweise schätzt sie Dynamik wirklich aufrichtig. Nun mag jemand zwar wissen, was er braucht, aber er wird vielleicht nicht bereit sein, den notwendigen Einsatz an den Tag zu legen, um es zu erlangen. Die moderne Welt, die wirklich Dynamik benötigt, kann diese also prinzipiell durch Indra erhalten, vorausgesetzt, sie kennt dessen Fähigkeiten. Wenn jemand jedoch nicht weiß, wer Indra ist oder worin seine Aufgabe besteht, kann er versuchen, diese Kraft selbst herbeizurufen.

Wenn jemand hier im Westen ein klein wenig in Astrologie bewandert ist, kann er auch den Planeten Mars anrufen, der ebenfalls Dynamik verkörpert. Doch zwischen Indra und Mars besteht ein wesentlicher Unterschied, denn Indra ist Mars in Bezug auf ihre innere Höhe weit überlegen. Indra ist auf der mentalen Ebene erleuchtet, auch wenn er diese Erleuchtung nicht immer umsetzt oder umsetzen kann. Doch Mars besitzt nicht einmal alle Qualitäten der vitalen Ebene.

Frage: Guru, könntest du ein paar Worte über den Gott Shiva sagen?

Sri Chinmoy: Shiva hat zwei Wesenszüge. Einerseits ist er voller Mitgefühl. In diesem Aspekt ist er leichter zufrieden zu stellen als die anderen kosmischen Götter, die es dem Suchenden nicht so leicht machen. In Indien gibt es ein Blatt einer bestimmten Pflanze. Wenn man Shiva mit diesem Blatt verehrt, ist er schon zufrieden. Er hat ein sehr einfaches Wesen. Sein ganzer Körper ist mit Asche bedeckt und er befindet sich ständig in Trance. Das ist Shiva in einem Aspekt. Seinen anderen Wesenszug nenne ich den umformenden, verwandelnden Aspekt. Das ist die vollkommen richtige Bezeichnung, auch wenn er in der indischen Tradition als Zerstörer bezeichnet wird. Wenn er sieht, dass die Welt moralisch verfällt, beginnt er seinen brausenden Tanz der Zerstörung. Dieser Tanz der Zerstörung ist in Wahrheit ein Tanz der Reinigung und Transformation. In dem einen Aspekt ist Shiva also voller Liebe und Mitgefühl. Hier ist er bereits mit den kleinsten Gaben zufrieden. Wenn er jedoch die kleinste Unvollkommenheit in uns sieht, versucht er sie sofort auszumerzen. Das ist Shiva in seinem anderen Aspekt.

Frage: Kommt Kali je zu dir, um dir zu helfen?

Sri Chinmoy: Sicherlich hilft sie mir! Wie könnte sie meine liebste Mutter sein, wenn sie mir nicht helfen würde?

Frage: Auf welche Weise können Kali und die anderen kosmischen Götter dir helfen?

Sri Chinmoy: Sie können mir Zuneigung, Liebe und Anteilnahme schenken und mir einige meiner Sorgen abnehmen. Wenn ich niedergeschlagen bin, sagen sie: „Nein, mach weiter. So ist nun einmal das Leben! Du bist dafür bestimmt, etwas Großes für Gott zu vollbringen. Natürlich musst du dafür auch hart arbeiten!“ So kümmern sie sich um mich und trösten mich. Es ist wie bei einer Mutter. Als Baby ist das Kind noch schwach und die Mutter umsorgt es. Mit der Zeit wächst es dann heran und übertrifft die Mutter in vielen Bereichen, doch ihre Sorge für das Kind bleibt unverändert. Der indische Schriftsteller Nolini sagte früher einmal im Ashram zu mir: „Das Kind einer Mutter bleibt immer ein Kind – noch bis zu seiner letzten Errungenschaft und seiner letzten Erfüllung.“ Als letzte Errungenschaft ist hier die Gottverwirklichung gemeint. Doch selbst danach wird man seine Mutter weiterhin „Mutter“ nennen.

Frage: Stimmt es, dass kosmische Götter physische Gestalt annehmen können und sozusagen verkleidet vor uns erscheinen, um uns zu belehren oder zu prüfen? Und besitzen spirituelle Meister die Fähigkeit, verschiedene physische Formen anzunehmen?

Sri Chinmoy: In gewisser Weise ist es wahr. Dabei erschafft der spirituelle Meister oder der kosmische Gott aber keine neue physische Gestalt, sondern er handelt vielmehr durch andere Menschen und Formen, um etwas Bestimmtes zu vollbringen oder das Bewusstsein einer Person zu heben. Es entsteht hier also keine neue physische Form, sondern das Bewusstsein des kosmischen Gottes oder des Meisters geht in einen Menschen ein, damit dieser als Instrument handeln kann.

Ein Meister kann auch verschiedene Gesichter offenbaren oder seine eigenen Gesichtszüge auf einem anderen Gesicht annehmen. In Puerto Rico hatte ich einmal eine Schülerin, die so hingabevoll und aus tiefster Seele auf mich meditierte, dass andere in ihrem Gesicht ganz deutlich mein Gesicht wahrnahmen – und das, obwohl sie eine Frau ist!

Frage: Warum werden Götter und Göttinnen auf dem Rücken von Tigern reitend dargestellt?

Sri Chinmoy: Das bedeutet, dass sie die zerstörerischen tierischen Kräfte überwunden haben. Der Tiger symbolisiert Zerstörung und die Götter haben diese Kräfte besiegt. Sie fordern diejenigen, die ihnen ergeben sind, auf, Güte zu entwickeln und ein höheres Bewusstsein anzustreben. Außerdem versichern sie ihren Verehrern, dass ihre negativen tierischen Eigenschaften in naher oder ferner Zukunft vernichtet werden. Das ist also der Grund, warum die Götter und Göttinnen auf einem Tiger reiten. Manchmal reiten sie auch auf einem Löwen. Der Löwe ist das Symbol für göttliche Manifestation.

Frage: Sind Familiengottheiten dasselbe wie kosmische Götter?

Sri Chinmoy: Eine Familiengottheit führt und formt jene Familienmitglieder, die sie anbeten. Über ihr stehen die kosmischen Götter und über diesen als Höchstes Gott selbst.

Frage: Sind die Menschen manchmal enttäuscht, wenn sie die Bewusstseinshöhe der kosmischen Götter erkennen?

Sri Chinmoy: Ein spiritueller Sucher wird vom Bewusstseinsniveau der kosmischen Götter nicht enttäuscht sein. Vielleicht hört er einen spirituellen Meister sagen, dass die kosmischen Götter nicht auf der allerhöchsten Stufe des Bewusstseins stehen, und so sagt er sich: „Ich will ihre Höhe gar nicht erreichen“, oder „Ich werde weit über sie hinausgehen.“ Manchmal sagt sich der Suchende auch: „Wenn ich die kosmischen Götter nicht weit übertreffen kann, mache ich erst gar keinen Versuch.“ Auch das kommt vor! Das sagt er nur deshalb, weil er ein Schüler eines spirituellen Meisters ist. Da sein Meister sagt, die Götter seien nicht ganz auf der Spitze des Baumes angelangt, hat er das Gefühl, besser zu sein als die kosmischen Götter. Doch das ist absurd! Dieser Sucher hat noch nicht einmal Klettern gelernt und vergleicht sich schon mit den kosmischen Göttern, die auf einem sehr, sehr hohen Ast sitzen. Manche Suchende vergleichen sich auch gerne mit den großen spirituellen Meistern der Vergangenheit, weil sie glauben, deren Gottverwirklichung sei nicht vollständig gewesen. Doch auch das ist absurd. Sie selbst sind Lichtjahre von der Verwirklichung entfernt und vergleichen sich bereits mit großen spirituellen Meistern!

Für einen gewöhnlichen Sucher ist es unmöglich, die kosmischen Götter einzuschätzen. Wenn du Magenschmerzen hast, kann dich ein kosmischer Gott davon befreien. Geht es aber um die Umwandlung der menschlichen Natur, um die Überwindung von Eifersucht, Zweifel und anderer negativer Eigenschaften, wird es für die kosmischen Götter zu einem harten Kampf. Um das zu vollbringen, müssen sie sehr hart arbeiten, denn sie besitzen nicht die immensen Fähigkeiten eines verwirklichten spirituellen Meisters.

Frage: Ist jemals ein Mensch zu einem kosmischen Gott geworden?

Sri Chinmoy: Die Seele eines kosmischen Gottes ist von der Seele eines Menschen verschieden. Die Seele eines Menschen entwickelt sich immer weiter. Ursprünglich war sie im transzendenten Geist. Dann ging sie ins Unbewusste ein und von dort ins mineralische, pflanzliche und tierische Leben. Weshalb muss die Seele nun all diese Entwick­lungsstadien durchlaufen? Wenn sie bei der untersten Stufe beginnt, hat sie später breitere und bessere Möglichkeiten der Manifestation.

Ein Sucher wird nicht zu einem kosmischen Gott werden wollen, denn er weiß, dass er eine viel größere Gelegenheit hat, Gott auf Seine Weise zu gefallen und mit Ihm völlig eins zu werden. Bis zu einem gewissen Grad erfüllen auch die kosmischen Götter Gott auf Seine eigene Weise. Sie werden sich jedoch nicht die Mühe machen, auf die Erde zu kommen, wo ständig gekämpft wird und so viel Unwissenheit herrscht. Die kosmischen Götter wollen das Schlachtfeld des Lebens nicht betreten. Sie sind glücklich und zufrieden und wollen bleiben, wo sie sind. Kosmische Götter besitzen Frieden, Licht und Glückseligkeit in sehr großem Ausmaß, aber sie kümmern sich nicht um Befreiung, Verwirklichung und Manifestation. Sie kommen nicht auf die Erde herab, um sich für Gottes Manifestation einzusetzen. Sie wollen nichts mit negativen Eigenschaften zu tun haben. Die kosmischen Götter haben etwas erhalten, sagen wir eine Million Euro, und das genügt ihnen. Wenn jemand jedoch auf dem Pfad der Evolution weiter voranschreitet und schließlich Gott verwirklicht, wird er in Bezug auf inneren Reichtum zu einem Multimillionär.

Die Seelen der kosmischen Götter unterscheiden sich also von menschlichen Seelen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Es hat in der Geschichte der Menschheit auch ein paar wenige Seelen gegeben, die Gott angefleht haben, nicht dem Pfad der Evolution folgen zu müssen. Was sie hatten, genügte ihnen, und sie kümmerten sich nicht um Gottes irdische Manifestation. Sie wollten zu kosmischen Göttern werden und in ganz, ganz wenigen Fällen – zwei oder drei Mal – ist das auch tatsächlich geschehen. Im Normalfall jedoch wird sich eine Seele, nachdem sie in den Lauf der Evolution eingetreten ist, stetig weiterentwickeln und eines Tages über das Bewusstsein der kosmischen Götter hinausgehen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan; aber wenn uns das gelingt, müssen die kosmischen Götter auf uns hören.

Frage: Haben spirituelle Meister, die über das Bewusstsein der kosmischen Götter hinausgegangen sind, jemals mit ihnen zu tun?

Sri Chinmoy: Sicherlich. Nehmen wir an, ein spiritueller Meister hält eine Meditation im Freien ab und durch den Angriff irgendeiner feindseligen Kraft beginnt es plötzlich zu regnen. Und was tun die kosmischen Götter? Sie schlafen! Die kosmischen Götter, die diese Elemente und Kräfte beherrschen, wachen nicht über sie. Also fordert der Meister die kosmischen Götter heraus. Sie erfüllen ihre Pflicht nicht und so muss er mit ihnen reden. Und siehe da – zwei oder drei Minuten später hört der Regen auf. Das ist schon häufig vorgekommen. Glaubst du etwa, es würde so schnell aufhören zu regnen, wenn der Meister diese innere Verbindung zu den Göttern oder diese überlegene Kraft nicht besäße?

Frage: Könntest du darüber sprechen, wie man mit Brahma, Vishnu und Shiva eins werden kann?

Sri Chinmoy: Wenn jemand, der Brahma sehr ergeben ist, stirbt, kommt er in Brahmas Welt. Brahma, Vishnu und Shiva haben alle im Himmel ihre eigenen Welten, genauso wie es auf der Erde verschiedene Staaten gibt. Einige spirituelle Meister haben dort ebenfalls ihre eigenen Welten. Zu diesen gehört auch dein Guru. Im Augenblick sind dort nur wenige Menschenseelen, obwohl seine Welt sehr weiträumig ist. Doch wenn ihr euch richtig verhaltet und hier auf der Erde das Richtige tut, werdet ihr eines Tages in meine Welt kommen.

In Brahmas Welt ist der Kraftaspekt vorherrschend, in Vishnus Welt der Aspekt des Mitleids, und in Shivas Welt dominiert das selbstvergessene Trance-Bewusstsein. Auch Krishna, der ein direkter Nachkomme Vishnus ist, hat eine eigene, persönliche Welt, die nicht zu Vishnus Welt gehört. Sie ist wunderschön, seelenvoll und sehr groß.

Frage: Wenn ein Sucher von einem kosmischen Gott herausgefordert wird, wird ihm das dann bewusst sein?

Sri Chinmoy: Ja. Er kann leicht erkennen, wer ihn herausfordert.

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