Der Test des Meisters

Es gab einmal einen großen spirituellen Meister, der viele Schüler hatte. Eines Tages meditierte der Meister mit etwas fünfzig seiner Schüler. Als sie alle den Meister ergeben und mit gefalteten Händen anschauten, kam zufällig ein Yogi vorbei. Der Yogi befand sich nicht auf derselben inneren Höhe wie der Meister, er war ihm weit unterlegen. Doch er war äußerst aufrichtig und bewunderte die innere Größe des Meisters. Er sah, wie die Schüler ergeben auf ihren Meister meditierten und entschied sich, mit ihnen zu meditieren. Der Meister war überglücklich, den Yogi zu sehen und begrüßte ihn sehr herzlich. Der Yogi sagte: „Du hast solch wunderbare ergebene Schüler. Ich habe noch nie einen Meister mit so vielen ergebenen Schülern gesehen, wie du sie hast.“ Äußerlich war der Meister einverstanden, doch innerlich war er bis zu einem gewisse Grade amüsiert. Er sagte zum Yogi: „Ich werde dir zeigen, was für Schüler ich habe. Bitte bleibe in meinem Ashram bis morgen.“ Der Yogi war glücklich, das Privileg zu erhalten, im Ashram zu bleiben und nahm die Einladung des Meisters gerne an. Am nächsten Tag sagte der Meister zu den Schülern: „Heute gehe ich in den Wald. Ich lade euch alle ein. Wir werden jedoch nichts Spirituelles machen, nicht beten und nicht meditieren. Wir werden uns nur amüsieren. Wir werden tanzen, singen und spielen.“ Drei oder vier Schüler sagten sofort: „Ach der Meister ist gefallen. Er ist in das Leben der Vergnügungen eingetreten. Der Meister hat immer gesagt, Gebet und Meditation seien von größter Wichtigkeit. Wir wollen meditieren, wir wollen ein spirituelles Leben führen. Wir können unmöglich mit ihm gehen.“ Aus diesem Grund blieben diese Schüler im Ashram. Unter diesen drei oder vier Schülern war auch der eigene Sohn des Meisters.

Ungefähr vierzig Schüler machten sich schließlich mit dem Meister auf den Weg, doch der größte Teil von ihnen gingen nur, weil der Meister sie eingeladen hatte und nicht aus größter innerer Freude. Zu jenen, die mit ihm gehen wollten, sagte der Meister: „Ihr dürft keine Nahrung und kein Geld annehmen. Wir werden nur in den Wald gehen um uns zu amüsieren.“

Sie begannen zu gehen. Der Meister und der Yogi gingen voraus und die Schüler folgten ihnen. Bald trat der Meister in Ekstase und begann zu tanzen. Die Schüler waren überrascht, dass ihr Meister tanzte, denn er hatte dies noch nie zuvor getan. So begannen sie ebenfalls zu tanzen. Sie waren ein wenig verlegen, doch sie tanzten mit dem Meister.

Nachdem sie eine weite Strecke zurückgelegt hatten, wurden viele der Schüler sehr hungrig und durstig. Sie hatten jedoch keine Nahrung mitgebracht und auch nichts zu trinken mitgenommen. Plötzlich sahen sie einen Mangobaum mit Hunderten von reifen Mangos. Einige der Schüler konnten sich nicht beherrschen und kletterten ohne die Erlaubnis des Meisters auf den Mangobaum und aßen soviel sie essen konnten. Obwohl der Meister sah, wie sie aßen, ignorierte er sie. Der Meister und der Yogi gingen weiter. Nachdem die Schüler die Mangos gegessen hatten und zufrieden waren, gingen sie in den Ashram zurück, statt mit dem Meister weiterzugehen, denn sie wussten, dass er wütend sein würde. So blieben noch etwas fünfzehn Schüler beim Meister.

Nach weiteren Stunden sahen sie plötzlich Hunderte von Goldmünzen überall auf der Straße herumliegen. Einige der Schüler erlagen der Versuchung und begannen die Münzen aufzuheben und in ihre Taschen zu stecken. Sie füllten ihre Taschen und gingen zum Ashram des Meisters zurück.

So blieben nur noch fünf Schüler beim Meister und beim Yogi. Bald darauf kamen sie in den dicken, dichten Urwald, der voll von wilden Tieren war. Kaum zehn Meter entfernt sahen sie einen Tiger, der unter einem Busch schlief. Die fünf Schüler, der Meister und der Yogi hielten an. Die Schüler erbleichten vor Furcht.

Da sagte der Meister: „Dies ist euer letzter Test. Ich habe euch eingeladen, zum Vergnügen mit mir zu kommen. Einige meiner Schüler kamen nicht einmal aus dem Ashram heraus. Sie fielen schon ganz am Anfang durch. Etwa dreißig meiner Schüler kamen mit mir, doch auf dem Weg haben einige von ihnen Mangos gegessen, andere haben Goldmünzen gesammelt. Danach sind sie alle wieder in den Ashram zurückgegangen. Die meisten meiner Schüler haben mich bereits enttäuscht. Nun bleibt nur noch ihr fünf übrig. Dies ist euer letzter Test. Ihr müsst zum Tiger gehen, und zwar nicht still und leise, sondern offen, in kämpferischer Haltung. Ihr müsst zum Tiger gehen und in der Gegenwart von uns allen dem Tiger in den Schwanz beißen. Wer immer das tun kann, den werde ich öffentlich als meinen besten Schüler ausrufen.“

Alle waren schockiert. Alle waren zu Tode erschrocken. Niemand war bereit, sein Leben zu riskieren.

Der Meister wandte sich zum Yogi und sagte: „Gestern hast du mir gesagt, dass meine Schüler so ergeben seien, doch schau, kein Einziger ist bereit zu gehen.“

Der Yogi sage: „Ja, doch dieser Test ist äußerst schwierig. Es ist ein sehr ernsthafter Test. Selbst mir wäre es sehr schwer gefallen.“ Der Yogi dachte, kein spiritueller Meister könne einen Schüler haben, der genug Ergebenheit besäße, sein eigenes Leben für den Meister hinzugeben.

Unterdessen bereitete sich einer der Schüler innerlich vor, bereitete seinen Verstand und sein Herz vor, um zu gehen und in den Schwanz des Tigers zu beißen. „Warte“, sagte der Schüler. „Ich bin bereit zu gehen.“

Die anderen vier Schüler bewunderten ihn, doch sie fürchteten um ihr eigenes Leben. „Ja“, sagten sie, „du wirst gehen, doch wir werden ebenfalls unter den Konsequenzen deines Handelns zu leiden haben. Wenn du den Tiger aufweckst, werden auch wir in die andere Welt gehen müssen.“

Der Meister lobte den Schüler und sagte zu ihm: „Ich bin zutiefst stolz auf dich. Wenn du zurück kommst, werde ich dich belohnen.“ Innerlich sagte sich dieser Schüler: „Gut, ich werde dann zwar in der anderen Welt sein.“ Doch er marschierte tapfer zum Tiger und biss ihm in den Schwanz. Zur großen Überraschung von allen verschwand der Tiger und statt dessen lagen zwei schmackhafte Mangos da. Der Schüler begann sofort die Mangos zu essen und da auch die anderen Schüler sehr hungrig waren, kamen sie zu ihm und begannen ebenfalls die Mangos zu essen. Der Meister und der Yogi setzten sich zu ihnen.

Der Meister lobte den tapferen und gehorsamen Schüler und sagte, er würde nach ihrer Rückkehr allen sagen, dass er sein bester Schüler sei. Der Meister sagte auch, dieser Schüler werde seine Mission übernehmen und seinen Ashram leiten, denn er selbst werde seinen Körper bald verlassen.

Dann kehrten der Meister, der Yogi und die fünf Schüler in den Ashram des Meisters zurück. Während ihrer Abwesenheit war es den anderen Schülern, die nicht mitgekommen waren und jenen, die schon vorher in den Ashram zurückgekehrt waren, zu peinlich geworden, dass sie den Meister enttäuscht hatten und fast alle hatten den Ashram verlassen. Nur der Sohn des Meisters und zwei Schüler waren übrig geblieben. Diese so genannten guten Schüler waren im Ashram.

Der Meister verkündete dann, dass dieser Schüler seine Mission weiterführen und dem Ashram vorstehen werde, sobald er den Körper verlassen werde. Er sagte: „Ich anerbiete ihm all meinen Reichtum, all meine spirituelle Weisheit. Er wird meinen Ashram leiten, wenn ich nicht mehr auf der Erde sein werde. Nicht nur das, er wird den Ashram in meiner Abwesenheit einige Tage leiten und ich werde ihn beobachten. Dann, wenn ich gegangen sein werde, wird er meine spirituelle Mission erben.“

Der Sohn des Meisters protestierte sofort: „Ich bin dein Sohn. Ich hätte deinen spirituellen Reichtum, deine Position und deine Pflichten erben sollen. Ich sollte deinen Ashram übernehmen und deine Mission weiterführen.“

Der Vater antwortete: „Nein. Du bist mein Sohn, doch es gibt einen Unterschied zwischen einem physischen und einem spirituellen Sohn. Du bist nicht mit mir gekommen als ich dich eingeladen habe. Der spirituelle Sohn des Meisters erbt seinen spirituellen Reichtum, nicht sein irdischer Sohn.“ Der Sohn antwortete: „Ich kam nicht mir dir, weil du immer sagtest, man solle meditieren und beten, und du sagtest, dieser Ausflug sei nur zum Vergnügen da.“

Der Vater sagte: „Du bist ein Narr. Mit mir zu sein ist bereits die beste Meditation. Wenn der Meister dich einlädt, irgendwo hinzugehen, dann solltest du gehen, ganz gleich was du gegenwärtig tust. Mit dem Meister zu sein ist eine viel bessere Meditation als zu Hause zu bleiben und deine eigene Meditation zu verrichten. Wenn der Meister dich einlädt, dann solltest du nicht in deinem Raum sitzen und meditieren. Wer gibt dir deine Verwirklichung? Der Meister oder deine eigene Meditation? Was der Meister sagt, ist die beste Meditation, nicht was der Schüler für sich als das Beste betrachtet.

Du hast mich enttäuscht. Ich bin jedoch sicher, dass dieser Schüler hier dir vergeben und dich als seinen Schüler annehmen wird. Du wirst in der Zukunft eine weitere Gelegenheit erhalten, zum besten Schüler zu werden.“

Sri Chinmoy, Aufstieg und Fall der Schüler, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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