Die Macht von Lord Shivas Namen

Die folgende Geschichte handelt von einem Ehepaar. Obwohl sie aus dem Zeitalter unserer indischen Puranas stammt, könnte diese Geschichte in vielfacher Hinsicht im Amerika des zwanzigsten Jahrhunderts spielen.

Der Ehemann stammte aus der Vaishya- beziehungsweise der Kaufmanns-Kaste. Er war ein sehr reicher Händler und reiste gewöhnlich von Dorf zu Dorf. Als er sich eines Tages gerade auf dem Heimweg befand, sah er eine wunderschöne Frau am Straßenrand. Er verliebte sich sofort in sie und begann sich häufig mit ihr zu treffen. Als die Leute in Erfahrung brachten, dass er mit dieser Frau verkehrte, begannen sie schlecht über ihn zu sprechen. Das war zu viel für seine arme Ehefrau.

Sie redete auf ihn ein: „Was tust du? Die Leute reden so schlecht über dich. Bitte bringe keine Schande über unsere Familie! Wir waren so viele Jahre glücklich verheiratet. Wir haben so wunderbare Kinder. Bitte gib das nicht alles wegen dieser Frau auf.“

Leider weigerte der Ehemann sich, auf seine Frau zu hören. Er setzte seine Beziehung zu dieser Frau fort und besuchte sie sogar in ihrem Haus. Die Frau duldete das schlechte Benehmen ihres Mannes jahrelang. Schließlich drohte sie: „Wenn du dein schlechtes Leben nicht aufgibst, dann werde ich dasselbe tun. Ich werde mir auch einen Freund suchen.“

Der Ehemann nahm seine Frau nicht ernst. Seiner Meinung nach war es für ihn zulässig, ein ungöttliches Leben zu führen, aber er konnte nicht glauben, dass seine Frau dasselbe tun würde. Er missachtete einfach ihre Drohung.

Die Frau war so aufgebracht, dass sie bereit war, ihren Mann umzubringen. Schließlich beschloss sie, ihre Drohung wahr zu machen und ein ungöttliches Leben zu führen. Sie war der Meinung, dass dadurch ihr Mann erkennen würde, wie schlecht er sie behandelt hatte und dann seine Freundin aufgeben würde.

Die Frau fand einen Freund und lud ihn zu sich nach Hause ein. Sie wollte ihrem Mann eine Lektion erteilen. Sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau führten jetzt ein ungöttliches Leben. Eines Tages kam der Ehemann nach Hause und entdeckte den Freund seiner Frau im Haus. Der Ehemann wurde von Wut gepackt. Er schlug den Freund nieder und verletzte ihn so ernsthaft, dass der Freund zum Arzt gebracht werden musste. Der Ehemann war sich sicher, dass der Hausfreund nach dieser Tracht Prügel es nicht nochmal wagen würde, in sein Haus zu kommen.

Doch leider begann die Frau ihren Freund in dessen Haus zu besuchen. Tagsüber war ihr Mann bei seiner Freundin und wenn er nachts nach Hause kam, musste er feststellen, dass seine Frau irgendwo anders war. Was für eine Geschichte!

Das ging mehrere Jahre hin so, bis der Freund der Frau das Interesse an ihr verlor. Er fand eine andere, die ihren Platz einnahm. Die Frau war sehr traurig und verwirrt. „O Gott“, weinte sie bitterlich, „für ihn gab ich meinen Mann auf und nun hat er mir so etwas angetan! Er hat eine andere gefunden!“ Dann sagte sie zu sich selbst: „Ach, das liegt sicher daran, dass ich zu alt bin. Ich bin nicht mehr so schön wie ich früher war. Deswegen will er mich nicht mehr sehen. Ich kann meine verlorene Schönheit nicht mehr zurückgewinnen und ich kann all die Jahre, die ich damit vergeudet habe, ein unglückliches Leben zu führen, nicht zurückerhalten. Was soll ich nur mit meinem Leben machen? Ich weiß, dass ich bald sterben werde. Möglicherweise ist es zu spät für mich, spirituell zu werden, doch ich werde sehen. In der kurzen Zeit, die mir noch auf Erden bleibt, werde ich versuchen zu beten und zu meditieren.“

Die Frau verließ ihr Zuhause und wanderte aufs Geratewohl von Ort zu Ort, während sie betete und meditierte. Eines Tages kam sie zu einem Tempel, der Lord Shiva geweiht war. Vor dem Tempel befand sich ein Teich, an dem die Leute saßen und Verse aus den Schriften über Shiva rezitierten.

Sie sah einen Mann am Teich stehen und fragte ihn: „Was rezitieren diese Leute?“

„Sie preisen Lord Shiva“, antwortete er. „Das sind Verse aus den Schriften, die von der Größe und der Güte Lord Shivas erzählen. Lord Shiva vergibt jedem Menschen auf der Erde. Es gibt niemanden, dem Lord Shiva nicht vergibt.“

„Wird Er auch mir vergeben?“ fragte sie gespannt.

„Hast du diese Leute chanten gehört oder nicht?“ sagte der Mann.

„Ja, ich habe sie chanten gehört.“

„Das heißt, dass dir bereits vergeben ist.“

„Aber ich habe nicht zu Lord Shiva gebetet.“

„Das macht nichts“, versicherte ihr der Mann. „Selbst wenn jemand nur Lord Shivas Namen hört, ist ihm vergeben. Du hast lange Zeit hier gestanden und hast gehört, wie sie Lord Shivas Namen wieder und wieder ge­chantet haben. Folglich hat dir Lord Shiva mit Sicherheit vergeben.“

„Wie kann ich wissen, dass mir vergeben ist?“, fragte die Frau. „Ich bin so schlecht! Ich habe in meinem Leben so viele Dinge falsch gemacht.“

Der Mann erklärte: „Bei deinem Tod wirst du sehen, dass dir vergeben wurde. Deine Seele wird in Lord Shivas Region, in sein Reich, gehen.“

„Ich muss nicht in die Hölle gehen für die schlechten Dinge, die ich getan habe?“ „Nein, nein, nein! Da du nun Lord Shivas Namen gehört hast, wirst du direkt in den Himmel gehen, das verspreche ich dir.“

Im Laufe der Zeit verstarb die Frau und ihre Seele ging in den höchsten Himmel, wie der Mann es vorhergesagt hatte. Sie war sehr glücklich in diesem Reich.

Nach einiger Zeit begann sie Nachforschungen über ihren Freund, der auch gestorben war, anzustellen. Die Bewohner des Himmels sagten: „Er war ein schlechter Bursche! Seine Seele ist in die Hölle gegangen und er erfährt ungeheures Leid.“

„Könnt ihr mir auch etwas über meinen Mann sagen?“ fragte sie.

„Dein Mann und dein Freund sind von der gleichen Kategorie“, war die Antwort. „Aber da dein Mann diese falschen Handlungen begonnen hat, leidet seine Seele noch mehr als die Seele deines Freundes. Dein Mann ist der schlimmere Schurke, also haben wir ihn in eine bestimmte Hölle geschickt, die unendlich viel schlimmer ist als alle anderen.“

Die Frau begann die Wesen im Himmel zu bitten: „Ich flehe euch an, könnt ihr nicht etwas tun, um meinem Mann zu helfen? Trotz allem waren wir beide gleich schlecht. Nur dank der Gnade von Lord Shiva bin ich hier. Ich hörte nur seinen Namen bei einem Tempel und mir wurde vergeben. Es scheint nicht gerecht, dass ich den Himmel genießen darf, während mein Mann so viel leidet. Wir waren schließlich so lange Zeit glücklich verheiratet. Wie kann ich die Seele meines Mannes in den Himmel bringen? Ich bin bereit, zu beten und zu meditieren. Bitte sagt mir, was ich tun soll.“

„Niemand wird es wagen, in diese tiefste Hölle zu gehen“, sagten die Himmels-Wesen. „Es gibt nichts, was wir tun könnten.“

Wenn ich bete und meditiere, würde das einen Unterschied machen?“ fragte die Frau.

„Ja“, sagten sie. „Du kannst sicherlich beten und meditieren. Wer weiß, eines Tages vergibt Lord Shiva vielleicht auch deinem Mann, so wie er dir vergeben hat.“

Also begann die Frau inbrünstig zu beten und zu meditieren. Nach einiger Zeit kam ein Bote von Lord Shiva und sagte: „Lord Shiva ist mit deiner Aufrichtigkeit sehr zufrieden. Er weiß, was du möchtest und er wird dir den Wunsch erfüllen. Wenn du in die tiefste Hölle hin­unter steigen möchtest, um deinen Mann zurückzuholen, wird er jemanden mit dir schicken. Einer der himmlischen Musikanten wird dich begleiten. So wie du befreit wurdest, als du hörtest, wie Lord Shivas Anhänger seinen Namen so ergeben und seelenvoll chanteten, so wird dein Mann von seinen Sünden befreit werden, wenn er hört, wie dieser Musiker Lobpreisungen für Lord Shiva singt. Dann wird dein Mann mit dir zusammen im Himmel sein können.“

Die Frau war überglücklich. Sie ging mit dem himmlischen Musikanten zu dieser schlimmstmöglichen Hölle. Als sie diesen unerträglichen Ort erreicht hatten, sang der Musikant viele Loblieder auf Lord Shiva. Als der Mann sie hörte, wurde auch er von seinen Missetaten erlöst und ging mit seiner Frau, um im Himmel zu leben. Dank Lord Shivas Mitgefühl und seiner Vergebung wurden sie beide im Himmel aufgenommen.

In Indien glauben die Menschen noch immer, dass – gleich welches Leben man führt – alle Sünden weggewaschen sind, sobald man jemanden hört, der ergeben zu Lord Shiva betet oder ihm zu Ehren Loblieder singt.

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