Avatare und Meister

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Die Avatare

Frage: Welche Kriterien gibt es, um einen Avatar zu erkennen?

Sri Chinmoy: Als Vivekananda einmal Ostbengalen besuchte, kamen viele Schüler anderer Meister zu ihm. Sie baten ihn, ihren Meister, den sie als Avatar betrachteten, zu besuchen. Sie sagten: „Bitte komm und besuche meinen Guru. Er ist zweifellos ein Avatar.“ Einen Augenblick später sagte ein anderer: „Mein Guru ist ein Avatar. Ich weiß es. Komm bitte und besuche ihn.“ Deshalb sagte Vivekananda, in Ostbengalen würden Avatare wie Pilze aus dem Boden schießen.

Leider wird das Wort Avatar in der westlichen Welt nicht verstanden. Es wird viele Jahre, vielleicht sogar Jahrhunderte brauchen, bevor man das Wort Avatar verstehen wird. Vergebt mir, wenn ich so offen bin. Es gibt viele Worte, die sehr bedeutend und wichtig sind, die aber im spirituellen Bewusstsein so schwierig sind, dass ein gewöhnlicher Mensch sie nie verstehen wird. Das Wort Avatar ist eines dieser Worte, vielleicht das schwierigste aller Worte. Ihr wisst, wie man es buchstabiert, doch um die höchste Natur eines Avatars zu erkennen, muss man fast ein spiritueller Heiliger werden.

Der Unterschied zwischen einem Yogi und einem Avatar ist wie der Unterschied zwischen einem Kind und einem reifen Erwachsenen. Um auch nur die geringste Ahnung davon zu erhalten, was ein Avatar verkörpert, muss man ein sehr hohes spirituelles Bewusstseinsniveau besitzen. Sri Krishna war ein Avatar, doch nur fünf Menschen erkannten ihn. Sri Ramakrishna war ein Avatar, aber sehr wenige erkannten ihn. Christus war ein Avatar, doch nur wenige Menschen erkannten ihn. Selbst diese Avatare befinden sich nicht auf demselben Niveau. Wenn jemand einige Zentimeter unter oder über euch ist, könnt ihr das erkennen. Einen Weisen, einen Heiligen, selbst einen Yogi könnt ihr erkennen. Doch ein Yogi ist unendlich viel mehr als ein Weiser oder ein Heiliger. Ein Yogi ist jemand, der mit dem Höchsten vereint ist. Ein Avatar wiederum ist eine direkte Verkörperung Gottes, ein inkarnierter Teil Gottes, der ständig zugleich im Höchsten und im Niedersten wirkt. Die Yogis halten sich auf einem bestimmten hohen Niveau auf und wirken dort. Wenn sie von diesem Niveau herabkommen, um die Menschheit emporzuheben, fällt es ihnen sehr schwer, wirkungsvoll zu handeln. Oft verfangen sie sich in den niederen Ebenen und sind dann verloren. Gewöhnlich halten sie sich auf einem bestimmten Be­wusst­seinsniveau auf und wenn es Suchern gelingt, dieses Niveau zu erreichen, können sie ihnen helfen.

Ein Avatar hingegen kann zugleich im Höchsten und Niedersten bleiben und selbst wenn er auf der niedersten Ebene arbeitet, wird er von ihr nicht beeinträchtigt. Ein Avatar ist ein Mensch. Er spricht, isst und hat Humor. Wenn ein Avatar ins Höchste eintritt, geht er weit über die Reichweite unserer Vision hinaus. Falls ihr je auch nur den kleinsten Schimmer der höheren Welt erhaltet, zu denen ein Avatar freien Zutritt hat, werdet ihr fühlen, dass euer gesamtes Leben Gegenstand vollständiger Hingabe zu Füßen eures Meisters wird. Selbst wenn der Meister euch einen Tritt gibt oder euch aus seinem Center wirft, werdet ihr ihm treu bleiben, denn ihr habt von ihm etwas erhalten, das ihr von niemandem sonst auf der Erde erhalten könnt.

Wenn ein Avatar auf der Erde ist, verkörpert er das Bewusstsein aller anderen Avatare, die auf die Welt gekommen sind. Als Sri Ramakrishna auf seinem Sterbebett lag und sein liebster Schüler, Vivekananda, selbst in diesem letzten Augenblick noch an ihm zweifelte, sagte Sri Ramakrishna: „Derjenige, der Rama war und derjenige, der Krishna war, ist nun in einer Form Ramakrishna.“ Im Osten ist es einfacher zu glauben, dass Rama in mir ist, dass Krishna in mir ist, dass Ramakrishna und alle anderen Avatare in mir sind. Im Westen kennen wir leider nur einen Avatar: Christus. Entweder nehmen wir ihn an oder wir lehnen ihn ab. Wenn wir ihn annehmen, gibt es gemäß der kirchlichen Doktrin keinen anderen spirituellen Meister für uns. Wenn wir ihn jedoch ablehnen, werden wir vielleicht auf einen anderen spirituellen Meister aufmerksam.

Christus, Buddha, Sri Krishna und alle großen spirituellen Meister kamen von derselben göttlichen Quelle. Wenn wir sagen, Christus sei der einzige Retter, dann wird ein Jünger Krishnas sofort widersprechen: „Nein, Krishna ist der einzige Retter.“ Hier beginnt das Problem. Wir sollten fühlen, dass der Supreme der einzige Retter ist. Er ist es, der in die Form eintrat, die wir Christus nennen. Er trat in die Gestalt Krishnas, in die Gestalt Ramakrishnas und so weiter ein. Auf diese Weise gehen wir alle zum Supreme. Das letzte Ziel ist der Supreme. Wie wir sind auch Krishna, Buddha und alle Avatare von Ihm gekommen und zu Ihm müssen wir alle gehen.

Frage: Wie können wir herausfinden, ob Christus, Ramakrishna und Gott sich alle im gleichen Bewusstsein befinden?

Sri Chinmoy: Es ist überhaupt nicht notwendig, hier irgendeine Unterscheidung zu treffen. Sie sind von verschiedenen Seiten gekommen, sind aber alle eins. Sie sind alle Gottes Kinder in verschiedenen Formen. In dieser Inkarnation hast du einen Namen, in deiner vorhergehenden Inkarnation hattest du einen anderen Namen. Selbst in dieser Inkarnation nennt dich deine Mutter bei einem Namen, dein Mann bei einem anderen und deine Kinder rufen dich wiederum anders. Trotzdem bist du dieselbe Person.

Der universelle Geist ist eins, doch die Formen sind verschieden. Gott ist der universelle Geist, doch Er nimmt verschiedene Formen an. Christus nahm einen menschlichen Körper, eine menschliche Form an. Buddha, Sri Ramakrishna, Sri Krishna – sie alle haben eine menschliche Form angenommen. Wenn eine Seele in einen Körper eintritt, muss diese Seele ihre innere Göttlichkeit offenbaren. Die großen spirituellen Meister haben dies bereits offenbart, während ihr es noch offenbaren müsst. Im Geiste sind wir also alle eins, doch in der äußeren Form sind wir viele geworden. So geht das göttliche Spiel vor sich.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen dem Bewusstsein, das Buddha erreichte und demjenigen, das Christus erreichte?

Sri Chinmoy: Ihr müsst mir vergeben, doch es wird euch nicht im geringsten helfen, wenn ihr wisst, was Jesus Christus erreichte oder nicht erreichte. Das einzige was zählt ist, ob ihr versucht, in das Ebenbild Christi zu wachsen. Nur das wird euch helfen. Zu wissen, was Christus oder Buddha erreichten, wird euch überhaupt nicht helfen. Nur der Versuch, in das Bewusstsein Christi oder das Bewusstsein Buddhas zu wachsen, wird euch helfen. Die Zeit wird kommen, wo ihr selbst darüber hinauswachsen müsst. Ihr solltet fühlen, dass Gott eine bestimmte Seele nahm und mit einer äußeren Form in die Welt brachte. Er nannte diese Seele Christus, eine andere Buddha. Gott wollte, dass diese Seelen die Rolle des Christus und des Buddha spielten. Er will, dass ihr die Rolle von jemand anderem spielt.

Gott will in und durch jeden auf einzigartige Weise spielen. Die großen Seelen haben ihre Rolle als göttliche Löwen gespielt. Gott möchte nun, dass ihr die Rolle eines kleinen Insekts spielt. Die Avatare haben ihre Rollen höchst zufriedenstellend erfüllt, indem sie sich wie Löwen benahmen. In eurem Fall, falls Gott euch als Insekt haben will, wird Gott zutiefst zufrieden seinen, wenn ihr die Rolle eines Insekts zu Seiner Zufriedenheit spielt. Er wird euch nicht fragen: „Warum habt ihr nicht die Rolle eines Löwen gespielt?“ Er hat euch gebeten, die Rolle eines Insekts zu spielen und Er erwartet von euch nichts anderes. Jede Seele muss ihre Rolle spielen. Christus, Buddha und Krishna haben ihre Rollen erfolgreich gespielt, indem sie bewusste Instrumente Gottes waren. Innerlich spielen sie immer noch ihre Rollen auf der Erde. Nun müssen wir Sucher unsere Rollen spielen. Wenn wir unsere Rollen nicht spielen, wird Gott unerfüllt und unmanifestiert bleiben.

In Indien gibt es spirituelle Lehrer, die ihren Schülern raten, die Ausdrücke Unendlichkeit, Unsterblichkeit und Ewigkeit nicht zu verwenden. Die Schüler sollen einfach an den Ort denken, wo sie sich befinden. Ich habe dieselbe Botschaft für euch. Kümmert euch nicht um das Bewusstsein von Christus oder Buddha. Sorgt euch um euer eigenes Bewusstsein. Strebt ihr innerlich? Wenn ihr innerlich strebt, dann ist Gott mit euch zufrieden. Ich will euch in keinster Weise entmutigen. Doch vieles wollt ihr aus reiner Neugier wissen und diese Dinge stehen euch letztlich nur im Weg. Wenn ihr zum gegenwärtigen Zeitpunkt an das Ziel denkt, das die großen Meister erreicht haben, werdet ihr völlig verloren sein.

In Indien sind viele Menschen verrückt geworden, weil sie ständig an die Verwirklichung Buddhas, Krishnas oder Ramakrishnas dachten, statt an ihren eigenen Weg: Meditation. Sie gelangten da­durch zu der Überzeugung, dass sie selbst das Bewusstsein Krishnas oder Buddhas hätten und verloren ihren Verstand. In Bangladesch gab es viele Menschen, die physisch stark waren, die vitale oder mentale Stärke besaßen und deshalb ständig an Vive­kananda dachten, bis sie das Gefühl erhielten, dass sie selbst ein Vivekananda seien. Doch sobald sie geprüft wurden, sobald sie der Welt gegenüberstanden, erkannten sie, dass sie nur unbedeutende Geschöpfe waren.

Im spirituellen Leben ist es immer ratsamer Schritt für Schritt Fortschritt zu machen. Sobald wir sehr hoch gegangen sind, wird es uns möglich sein, das Bewusstsein von Buddha und von Christus zu sehen. Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es für uns nicht wichtig, an diese Dinge zu denken. Dies würde uns nur verwirren.

Ein Marathonlauf umfasst eine Strecke von etwas mehr als zweiundvierzig Kilometer. Wenn ein Läufer beim Start­schuss daran denkt, dass er das Ziel erst nach zweiundvierzig Kilometern erreicht, wird er völlig entmutigt sein. Er wird denken: „Ich muss zweiundvierzig Kilometer laufen!“ und einfach aufgeben. Beim Laufen sollte er umgekehrt denken und zwar dass er bereits einen Kilometer, zwei Kilometer und so weiter hinter sich gebracht hat. Wenn er bereits am Start an das Ziel denkt, das er erreichen soll, wird er all seinen Mut verlieren. Er wird sich sagen, das sei unmöglich. Wenn ein Kind im Vorschulalter an seinen Uni­versi­tätsabschluss denkt, während es noch dabei ist, das Alphabet zu lernen, wird ihm dies überhaupt nichts nützen. Wenn es seinen Uni­versi­täts­abschluss so schnell wie möglich erhalten will, verliert es höchstens seinen Verstand. Doch wenn es fühlt, dass es jetzt in den Kindergarten, morgen in die Grundschule, später auf eine weiterführende Schule und letztlich an die Universität gehen wird, ist es ständig inspiriert.

Frage: Gehen alle Seelen durch Hunderte oder Tausende von Inkarnationen, bevor sie die Verwirklichung erlangen?

Sri Chinmoy: Ja, nur Avatare gehen nicht durch so viele Inkarnationen. Doch es gibt selbst unter den spirituellen Meistern einige Ausnahmen. Betrachtet nur Buddha! Er ging durch so viele tierische und menschliche Inkarnationen. Doch andere spirituelle Meister gingen nicht durch so viele Inkarnationen, sie wollten sich dieser Welt nicht so viele Male erfreuen.

Frage: Weiß ein Avatar, wenn er sich in seiner tierischen Inkarnationen befindet, dass er ein Avatar ist?

Sri Chinmoy: Ein Teil des inneren Bewusstseins des Avatars wird es wissen, sein bewusster Verstand weiß es aber nicht unbedingt. Nur wenn der Verstand ein gewisses Licht erhält, ist es ihm möglich, dies zu wissen. Doch dafür ist eine menschliche Inkarnation notwendig. Solange wir etwas nicht mit dem Verstand wissen, können wir es nicht bewusst wahrnehmen. Im tierischen Bewusstsein gibt es keinen Verstand.

Sri Chinmoys Verbindung mit den grossen Meistern

Frage: Was geschieht, wenn Schüler von Christus, Buddha oder Schüler anderer großer verstorbener Meister mit dir meditieren?

Sri Chinmoy: Christus und Buddha sind spirituelle Meister höchsten Ranges. Auch ich bin ein spiritueller Lehrer. Wenn nun spirituelle Lehrer wirklich spirituell sind, sind sie völlig eins. Sie kommen von derselben Familie. Sri Ramakrishna sagte einmal zu seinem geliebten Schüler Vivekananda: „Derjenige, der Rama war, derjenige, der Krishna war, ist nun in einer Form Ramakrishna.“

Als verwirklichte Seele wird man Teil der universellen Wirklichkeit. Wahre Schüler von Christus und Buddha werden bei öffentlichen Meditationen problemlos mit mir meditieren können, denn ich nehme sie nicht vom Christus- oder Buddha-Bewusstsein fort. Im Gegenteil, ich kann ihnen auf Grund meines eigenen untrennbaren göttlichen Einssein mit Buddha und Christus helfen, ihren göttlichen Geliebten zu verwirklichen.

Ich bin hier als eine Art Nachrichtenüberbringer auf der Erde. Ich sage orthodoxen Katholiken und Verehrern anderer großer verstorbener Meister, dass sie sich zuerst an den Sekretär wenden müssen, wenn sie den Chef erreichen wollen. Wenn sie sich mit dem Meister treffen wollen, müssen sie zuerst die Hilfe des Sekretärs oder des Dieners annehmen. Der Diener wird die Türe für sie öffnen und der Sekretär wird den Zeitpunkt des Treffens abmachen. Für jene Personen stelle ich den Sekretär oder Diener dar. Nachdem ich ihnen geholfen habe, ihren Meister zu treffen, ist meine Rolle vorbei. Ich werde ihr Gespräch nicht stören. Wenn allerdings jemand ein sehr enger Schüler von Christus oder Buddha ist und in einem früheren Leben eine enge Beziehung mit einem dieser Meister gehabt hat, dann kann er eventuell direkt zu seinem Meister gehen. Wenn wir in sehr engem Kontakt mit dem Chef stehen, brauchen wir die Hilfe seines Sekretärs nicht. Doch diese Fälle sind äußerst selten.

Frage: Wie unterscheidet sich dein Weg vom Weg Ramakrishnas?

Sri Chinmoy: Alle Wege führen letztlich zum selben Ziel und sowohl Sri Ramakrishnas Weg als auch mein eigener Weg sind Wege der Liebe, der Ergebenheit und der Selbsthingabe. Doch es gibt einige subtile Unterschiede. Sri Ramakrishna sagte, man brauche keine Bücher zu lesen, alles würde von innen her kommen. Er kümmerte sich überhaupt nicht um den Verstand. Er sagte: „Ihr braucht keinen Verstand. Fühlt unablässig die tiefe Sehnsucht in eurem Herzen!“

Es ist zwar wahr, dass das höchste Wissen, die höchste Weisheit von innen her kommt. Doch da Gott uns einen Verstand gegeben hat, sollten wir ihn meiner Meinung nach bis zu einem gewissen Grad nutzen, indem wir inspirierende und erhebende Bücher lesen, die von wirklichen spirituellen Meistern geschrieben worden sind. Auf der anderen Seite ist der Verstand unvollkommen und daher möchte ich, dass meine Schüler über den Verstand hinausgehen.

Der Weg Sri Ramakrishnas und unser Weg werden nie miteinander in Konflikt geraten. Er ist ein großer spiritueller Meister und ich hege tiefste Liebe und Bewunderung für ihn. Ich habe über Sri Ramakrishna ein Theaterstück und viele Artikel geschrieben. Vor ein paar Jahren schrieb ich auch zum hundertjährigen Geburtstag von Swami Vivekananda zwölf Artikel über Vivekananda und Sri Rama­krishna.

Ich habe niemals behauptet, dass mein Weg irgend einem anderen Weg überlegen sei. Doch wenn ihr Unterschiede wissen wollt, kann ich gewisse kleine Unterschiede nennen. Ich schätze die Liebe, die Ergebenheit und die Selbsthingabe Rama­krishnas. Doch meiner Meinung nach sollten wir auch den Verstand bis zu einem gewissen Grade gebrauchen. Vivekananda, der liebste Schüler Ramakrishnas, benutzte den Verstand als er in den Westen kam. Vivekananda war ein intellektueller Riese. Es gibt überall Kompromisse. Sri Ramakrishna war Schulwissen gleich-gültig. Er konnte kaum seinen eigenen Namen schrei­­ben, doch er verkörperte die höchste Wahrheit.

Sri Ramakrishna verehrte Mutter Kali, die göttliche Mutter. Er verehrte das Höchste in der weiblichen Form. Er fühlte, dass die göttliche Mutter sein eigenes höchstes Bewusstsein ist. Doch seinen Schülern erlaubte er nicht, mit Frauen zu verkehren. Er riet seinen männlichen Schülern Frauen zu meiden. Er fühlte, dass das für seine Schüler das Beste sei. Die meisten unserer indischen spirituellen Meister haben ihre Schüler gebeten, keinen Umgang mit Frauen zu haben und ebenso ihre Schülerinnen keinen mit Männern. Doch in meiner Philosophie sind beide, Männer und Frauen, Gottes Kinder und sollten zusammengehen. Das eine ergänzt das andere. Doch einen grund­­­sätzlichen Unterschied zwischen meinem Weg und dem Weg Sri Ramakrishnas gibt es nicht. Es gibt nur kleinere Unterschiede.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen deinem Weg und dem Weg der Sufis?

Sri Chinmoy: Das Licht der Sufi und der Weg, den wir gehen, sind sich ähnlich. Der Sufi-Weg ist wie unser Weg ein Weg der Liebe. Ich kenne die Sufis nicht sehr gut, doch ich kann etwas über unseren eigenen Weg erzählen.

Auf unserem eigenen Weg versucht der göttlich Liebende mit seinem höchsten Geliebten untrennbar eins zu werden. Es wäre jedoch falsch zu sagen, wir blieben immer der göttlich Liebende und der Geliebte immer der Geliebte. Der göttlich Liebende und der höchste Geliebte spielen ein Versteckspiel und vertauschen ihre jeweiligen Rollen. Der Liebende ruft sehnsuchtsvoll nach dem Geliebten; dann wird der Liebende zum Geliebten. Wenn der Liebende nach dem Geliebten ruft und der Geliebte ihm ein Lächeln schenkt, dann dämmert die Erfüllung des Liebenden.

Wenn auf der anderen Seite der Geliebte sieht, dass der Liebende nach ihm, nach der völligen Einheit mit ihm ruft, dann ist er zufrieden und erfüllt. Doch der innere Ruf bzw. die tiefste Sehnsucht der Seele, die er benötigt, ist keine Sehnsucht aus einem Gefühl der Minderwertigkeit heraus. Es ist lediglich das Gefühl inneren Einsseins, das in einer anderen Form ausgedrückt wird. Es kann durch ein Lächeln, aber auch durch einen die innere Sehnsucht ausgedrückt werden. Das innere Sehnen und das Lächeln sind wie Vorder- und Rückseite derselben Münze. Wo sich die innere Sehnsucht des Erdbewusstseins und das Lächeln des Himmelbewusstseins treffen, ist Gott der Enthüllende vollständig, ist Gott der Erfüllende vollständig.

Frage: Bist du dir bewusst, was sich zur gleichen Zeit auf allen verschiedenen Ebenen abspielt?

Sri Chinmoy: Ich kann mir bewusst machen, was sich auf allen Ebenen abspielt, doch gewöhnlich ist das nicht notwendig. Ich habe jedoch immer einen Überblick und weiß ungefähr, was sich auf allen Ebenen abspielt. Es ist wie in einem Haus. Wenn ich in einem Raum bin, kann ich mir all dessen gewahr sein, was sich dort abspielt. Gleichzeitig erhalte ich aber auch einen grundlegenden Eindruck, was sich den anderen Räumen abspielt. Wenn ich daher auf einer bestimmten Ebene arbeite, um meinen Schülern zu helfen, bin ich mir mehr bewusst, was sich auf der betreffenden Ebene abspielt.

Was das Leben meiner Schüler betrifft – gibt es hier irgend etwas, woran ich innerlich nicht teilnehme? Wenn ein Schüler unter dem Benehmen anderer Schüler leidet, bin ich letztlich derjenige, der leidet. Äußerlich kann ich sagen: „Das geht mich nichts an.“, doch in Wirklichkeit bin ich es, der leidet. Ich sage: „Stört mich nicht, stört mich nicht!“ Doch wenn etwas schief geht, weiß ich, wie viel ich leide. Wenn ein Schüler aufrichtig leidet, ist mein Leiden absolut unerträglich.

Frage: Es gibt Schüler, die weit von dir entfernt leben. Was bedeutet die Tatsache, dass sie zu dir kommen, um in deiner physischen Gegenwart zu sein?

Sri Chinmoy: Die Schüler, die von weit her kommen, um den spirituellen Meister zu sehen, handeln in göttlicher Weisheit. Der Meister ist im Physischen und der Schüler ist im Physischen. Meistens muss unser physisches Bewusstsein von dem, was geschieht, überzeugt werden. In der inneren Welt erfahren wir Frieden, Licht und Glückseligkeit, doch wenn wir unsere menschlichen Augen, unsere irdischen Augen öffnen, sehen wir nichts. Dann fühlen wir uns elend. Doch wenn wir dieselbe Wahrheit – denselben Frieden, dasselbe Licht, dieselbe Seligkeit – mit unseren äußeren Sinnen erfahren können, dann erhalten wir grenzenlose Freude. Das Spirituelle und das Physische müssen im Einklang sein, wo immer dies möglich ist.

Wenn der Schüler weit entfernt wohnt, dann sollte er sich vornehmen, den Meister so oft wie möglich zu besuchen, denn die physische Gegenwart des Meisters hilft, den physischen Verstand des Schülers zu überzeugen. Sonst lehnt sich das Physische auf. Sobald sich etwas außerhalb unseres Gesichtskreises befindet, vergessen wir es leicht. Wenn der Schüler sein untrennbares Einssein mit dem Meister hergestellt hat, dann ist es etwas anderes. Doch wenn die Umstände es erlauben, dass der Schüler zum Meister kommen kann, sollte er es immer tun.

Die Notwendigkeit ist sehr offensichtlich. Derjenige, der unendliches Licht, unendlichen Frieden, unendliche Seligkeit besitzt, sollte wenn irgendwie möglich mit den physischen Augen gesehen werden können. Wenn wir die Gemälde eines Künstlers aus dem Museum kennen, dann erhalten wir große Freude, wenn wir den Künstler auch persönlich kennen lernen. Wenn wir den Dichter sehen, dessen Gedichte wir schon immer bewundert und geschätzt haben, erhalten wir zusätzliche Freude. Die Fähigkeiten und der Besitzer dieser Fähigkeit, der Schöpfer und die Schöpfung – beides schenkt uns Freude. Es beglückt uns zutiefst, wenn wir Gottes Schöpfung betrachten können: Bäume, Flüsse, Himmel, Berge – die ganze Schönheit der Natur. Doch was ist das Ziel dieser Bewunderung? In der Schöpfung möchten wir Gott, den Schöpfer sehen, den Besitzer und die Quelle der Schönheit, die wir überall um uns sehen. Deshalb sollte der Schüler zum Meister kommen, wenn er im Meister alle göttlichen Eigenschaften spürt. Wenn der Schüler betet und meditiert, erfährt er diese Eigenschaften und Fähigkeiten des Meisters innerlich. Doch wenn er den Meister auch auf der physischen Ebene von Angesicht zu Angesicht sieht, erfährt er diese Eigenschaften auch äußerlich.

Das heißt jedoch auf der anderen Seite nicht, dass er vierundzwanzig Stunden am Tag beim Meister sein muss. Auf der physischen Ebene leben einige Schüler nahe bei mir, während andere weit entfernt wohnen. Jene, die in meiner Nähe wohnen, erhalten zweifellos eine zusätzliche Gelegenheit um Fortschritt zu machen. Wenn ein Mensch dem Meister innerlich und äußerlich nahe kommen kann, macht er den schnellsten Fortschritt. Doch diejenigen, die weit entfernt wohnen, sind in einer gewissen Weise ebenfalls bevorzugt, da Ihnen gewisse Leiden erspart bleiben, unter denen in der Nähe wohnende Schüler leiden. Wenn ich einem bestimmten Schüler zulächle, dir aber nicht, dann wirst du leicht ein Opfer der Eifersucht. Wenn ich auf deine Frau schaue und du kein Gefühl inneren Einsseins hast, denkst du sofort: „Guru hat meiner Frau zugelächelt, mir jedoch nicht.“ Dann wirst du eifersüchtig. Wenn du mit ihr eins bist, wirst du fühlen, dass auch du mein Lächeln erhalten hast. Wenn du spirituell entwickelt bist, wird dir dein Einssein vollständige Erfüllung schenken. Wenn du in Australien wohnst, kannst du nicht sehen, wenn ich jemandem zulächle. So betrachtet kann es ein Nachteil sein, in der physischen Gegenwart des Meisters zu leben.

Ein weiterer Vorteil der physischen Distanz zwischen Schüler und Meister ist, dass man innerlich das spirituelle Leben praktiziert und versucht, eine innere Beziehung mit dem Meister aufzubauen. Wenn man ihn dann auf der physischen Ebene sieht, erhält man eine goldene Gelegenheit, den physischen Verstand von dem zu überzeugen, was man bereits innerlich so stark fühlt.

Christus und seine Jünger

Frage: Glaubst du und deine Schüler wie die Christen an den Sohn Gottes?

Sri Chinmoy: Ja, natürlich glauben wir an Jesus.

Frage: Ich frage deshalb, weil die Juden sagen, dass der Heiland erst noch geboren werden muss.

Sri Chinmoy: Ich bin jedoch ein Hindu und glaube an Jesus ebenso wie ich an Krishna glaube.

Frage: In welcher Form glaubst du an Jesus Christus?

Sri Chinmoy: Ich glaube an ihn als Sohn Gottes, als Botschafter der Wahrheit, der göttlichen Wahrheit.

Frage: Ich bin der Überzeugung, dass es nur einen Heiland gibt und das ist Jesus Christus. Wie kann man deine Überzeugung mit meiner in Einklang bringen?

Sri Chinmoy: Einverstanden. Dein Heiland ist eine große Persönlichkeit. Da er eine große Persönlichkeit ist, hat er natürlich auch Diener. Sagen wir, ich sei sein Diener. Du weißt nicht, wo dieser große Mensch lebt oder wie du dich ihm nähern sollst, doch ich weiß es. Obwohl ich mög­licher­weise nur sein Diener bin, weiß ich, wo der Meister lebt und was er tut und ich kann dich zu ihm bringen. Ohne meine oder die Hilfe eines anderen Dieners kannst du nicht zum Meister gelangen.

Glaubst du, du musst einfach nur an die Türe klopfen und der Meister kommt selbst, um dir zu öffnen? Nein, bevor du keine äußerst starke innere Beziehung zu ihm hast, wird dir der Meister keine Antwort geben. Doch ich werde zur Türe kommen. Ich werde dich betrachten und wenn ich mit deiner Aufrichtigkeit und deinem inneren Streben unzufrieden bin, dann weiß ich, dass mein Chef nicht daran interessiert ist, dich zu sehen. Doch wenn du den Diener zufrieden stellst, dann werde ich dem Chef sagen, dass eine sehr angenehme Person ihn sehen möchte. Weil du mir gefällst, wird er natürlich sagen: „Gut, lass mich diesen Menschen sehen, von dem du sprichst.“ Also werde ich dich zu ihm bringen und damit ist meine Rolle vorbei.

Doch was geschieht, wenn dieser große Mann – Christus – dich dann ausschimpft? Wenn ich dich zu ihm bringe, sagt er möglicherweise zu dir: „Du Narr, vor zweitausend Jahren hatte ich einen Namen, eine Form. Glaubst du, dass ich mit demselben Namen und derselben Form ewig weiterleben werde? Vor zweitausend Jahren kam ich in einen Körper, in ein Bewusstsein. Glaubst du denn, dass ich mich nicht verändern kann?“

„Du wechselst deinen Körper immer wieder, alle paar Jahre wechselst du deine Wohnung. Du brauchst Veränderungen. Habe ich kein Recht mich zu verändern? Soll ich zweitausend Jahre lang in derselben Form, in demselben Körper, mit demselben Namen, Aussehen und Bewusstsein verbleiben? Ich sollte und muss mich ändern, denn das bedeutet Fortschritt. Ich habe meinen Körper, meinen Namen geändert. Deine Seele weiß, dass dieser Mensch, der sich selbst mein Diener nennt, mich hier auf der Erde vertritt. Der Name ist vielleicht anders, die Form ist anders, selbst das Bewusstsein ist anders, doch die Quelle ist dieselbe und die Fähigkeit ist dieselbe. Er repräsentiert meine Wirklichkeit auf der Erde. Warum musst du also meine Aufgabe noch schwieriger machen, indem du versuchst, dich mir im Himmel zu nähern, während du dich leicht meinem Bruder nähern könntest, der auf der Erde weilt? In ihm kannst du mich finden.“

Frage: Was ist deine persönliche Meinung über Jesus Christus? Glaubst du, dass er etwas erreicht hat?

Sri Chinmoy: Sicher. Meine persönliche Meinung über Jesus Christus ist, dass er Gottes Sohn ist. Wenn du das Gefühl hast, er hätte nichts erreicht, so bin ich nicht gleicher Meinung wie du. Aufgrund meiner eigenen Verwirklichung weiß ich, dass er ein wahrer Sohn Gottes und ein wirklicher Retter der Welt ist. Er war gottverwirklicht und völlig erleuchtet. Er besaß ein Herz voller Mitgefühl. Sein Herz war eine Flut von Mitgefühl. Er war, er ist und er wird immer ein Retter der Menschheit sein.

Wenn jedoch jemand sagt, er sei der einzige Retter und Krishna, Buddha und andere seien keine Retter, dann kann ich dem leider nicht zustimmen, denn ich kenne diese anderen großen Meister ebenso gut, wie ich Christus kenne. Wenn wir sagen, Christus sei der einzige auserwählte Sohn Gottes, dann begrenzen wir Gott. Diese anderen Meister existierten ebenfalls. Sie sind alle Gottes auserwählte Kinder höchsten Ranges. Sie sind Brüder und Gott, der Supreme, ist ihr Vater. Wie werden diese Meister auserwählt? Sie werden auserwählt, weil sie ihre Wünsche geopfert haben; sie haben allein das Leben des inneren Strebens, das Leben göttlichen Strebens und der inneren Sehnsucht nach Gott angenommen.

Was Christus erreicht hat ist außerordentlich. Kein spiritueller Sucher nach der Wahrheit kann das verneinen. In dem Augenblick, wo ein aufrichtiger Sucher in den Bereich der Spiritualität – die wirkliche Wirklichkeit – eindringt, wird er sehen, wie erhaben, wie hoch und wie weit der Thron Jesu Christi ist, weit über unsere Vorstellung hinaus. Dies sage ich aufgrund meiner eigenen inneren Erfahrung und Verwirklichung.

Frage: War Christus ein Avatar?

Sri Chinmoy: Ein Avatar bedeutet, ein direkter Vertreter Gottes zu sein – Gott in menschlicher Form. Ob Christus ein Avatar war, hängt vom Glauben jedes Einzelnen ab. Ich kann aufgrund meiner eigenen Verwirklichung etwas sagen und aufgrund eurer Verwirklichung könnt ihr etwas anderes sagen. Aufgrund meiner eigenen Verwirklichung möchte ich sagen, dass er immer ein Avatar war, immer ein Avatar ist und immer ein Avatar sein wird. Das ist meine persönliche Meinung und wenn andere es bestreiten wollen, haben sie die Freiheit, es zu tun.

Ein Avatar ist jemand, der das höchste Absolute direkt repräsentiert, der Gottes Vision und Wirklichkeit zugleich verkörpert. Christus verkörperte die Vision und manifestierte die Wirklichkeit zugleich. Er verkörperte sie nicht nur, er verkörpert sie immer noch und er wird Gottes Vision und Wirklichkeit zusammen mit Krishna, Ramakrishna und anderen ewig verkörpern. All diese Meister kamen von derselben Wurzel, nur ihre Namen waren verschieden. Diesen Augenblick sagen wir Krishna, weil wir die Form Krishnas gern haben. Im nächsten Augenblick ist uns vielleicht Buddhas Form lieber und wir nennen ihn Buddha. Wieder einen Augenblick später nennen wir ihn vielleicht Christus. Doch sie sind ewig eins: Christus, Buddha, Krishna, Ramakrishna und die anderen Avatare.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen dem kosmischen Bewusstsein und dem Christusbewusstsein?

Sri Chinmoy: Das Christusbewusstsein und das kosmische Bewusstsein gehen Hand in Hand. Das kosmische Bewusstsein ist wie ein Haus. Man erwartet, dass jemand in diesem Haus lebt. Wer lebt dort? Das Christusbewusstsein. Im göttlichen Spiel vertauschen jedoch die Spielenden manchmal ihre Rollen. Das Christusbewusstsein wird zum Raum – da derjenige, der das Höchste verwirklicht hat, Teil des Höchsten geworden ist – und das kosmische Bewusstsein wird zum Bewohner dieses Raumes.

Das Christusbewusstsein und das kosmische Bewusstsein sind eins. Manchmal ist Christus im Haus und lebt im kosmischen Bewusstsein. Manch­mal ist es umgekehrt. Christus verkörpert das kosmische Bewusstsein. Manchmal ist er das Haus und manchmal ist er der Bewohner des Hauses.

Aufgrund seines höchsten Bewusstseins, auf­grund seines untrennbaren Einsseins mit seinem ewigen Vater sagte Christus: „Ich und mein Vater sind eins.“ Wie kam er zu dieser Aussage? Wir sagen häufig, Gott sei unser Vater, doch für die meisten von uns ist das nur eine vage Vorstellung. Wir haben es von unseren Eltern gehört oder in Büchern gelesen. Aber im Falle von Christus ist es eine Wirklichkeit, eine lebendige Wirklichkeit.

Frage: Warum gab Jesus keinem seiner Jünger Verwirklichung?

Sri Chinmoy: Wäre nur einer seiner Jünger bereit gewesen, wäre Jesus der erste gewesen, ihm seine Verwirklichung zu schenken, denn dann hätte er einen Teil seiner Lasten auf dessen Schultern legen können. Wenn wir auf der physischen Ebene etwas besitzen, geben wir anderen vielleicht nichts, weil wir nicht wollen, dass sich die anderen desselben Besitzes rühmen können. Wir sind unsicher. Doch auf der spirituellen Ebene verhält es sich nicht so. Wenn ich auf der spirituellen Ebene etwas erhalten, gebe ich es gerne weiter. Ich weiß, dass derjenige, der es erhält, wirklich für den Supreme arbeiten kann. In der spirituellen Welt ist es jedoch nur möglich, etwas zu geben, wenn die Person auch bereit ist zu empfangen.

Ein Guru zu werden ist der schlimmstmögliche Fluch. Das Leiden, durch das ein wirklicher Guru geht, indem er mit seinen Schülern eins wird, ist wirkliche Qual. Ramakrishnas Theorie war, dass man immer ein Sucher, ein Kind bleiben sollte. Wenn man einmal ein Guru wird, muss man lernen, jeden Augenblick Gift zu trinken. Natürlich kann man im inneren Leben Nektar trinken, doch im äußeren Leben muss man Gift schlucken. Jesus wäre der erste gewesen, seinen Jüngern Verwirklichung zu schenken, doch welcher von ihnen war bereit, sie zu empfangen? Der eine verriet ihn, der andere verleugnete ihn, ein dritter zweifelte an ihm. Seine Schüler taten ihm alles mögliche an. Einige von ihnen erhielten keine Gelegenheit dazu, sonst hätten auch sie Ungöttliches getan. Dies ist das Schicksal aller spirituellen Meister.

Frage: Erhielt Petrus denn nicht etwas Spezielles von Jesus?

Sri Chinmoy: Jesus hatte eine spezielle Anteilnahme für Petrus. Er machte ihn zum Oberhaupt der Kirche, weil er einen Führer brauchte. Als Führer erhielt er mög­licherweise mehr als die anderen. Doch die Verwirklichung konnte Jesus keinem seiner Schüler geben, da sie nicht genügend Empfänglichkeit besaßen.

Frage: War Judas ein so schlechter Mensch oder war er einfach dumm? Wenn ich etwas über Judas lese, tut es mir manchmal leid, dass er so beschuldigt wird.

Sri Chinmoy: Man kann diesen Vorfall auf zwei Arten betrachten. Man kann einerseits sagen, Judas sei ein sehr schlechter Mensch gewesen. Es war allein seine Schuld. Nur wegen seiner niederen Natur sei Jesus gekreuzigt worden. Andererseits kann man auch sagen, dass Judas als ein Instrument von Gottes Willen gehandelt hat. Denn wenn Gott nicht gewollt hätte, dass sein Sohn gekreuzigt wird, hätte niemand Jesus ein Leid zufügen können. Gott wollte, dass Jesus gekreuzigt wird und gebrauchte Judas als Instrument dazu.

Vom höchsten Standpunkt aus gesehen ist es für die Entwicklung der Welt manchmal notwendig, dass jemand auf der physischen Ebene ein Opfer bringt. Dein Sohn hört nicht immer auf dich, wenn du ihm sagst, dass er sich richtig benehmen soll. Doch wenn du einmal krank wirst, hört er auf dich. Indem Gott Christus das höchste Opfer darbringen ließ, beschleunigte Gott den Fortschritt der Menschheit. Wenn die Menschheit auf Jesus gehört hätte, wäre seine Kreuzigung nicht notwendig gewesen.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass auch die schlechten Kräfte ihre Rolle spielen. Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen war die Kreuzigung Jesu ein großer Verlust für die Welt. Hätte Jesus einige Jahre länger leben können, dann hätte er Gottes Licht mehr manifestieren können, was der spirituellen Entwicklung der Welt geholfen hätte. Doch von Gottes ewiger Zeit aus betrachtet, war alles Teil eines kosmischen Spiels. Es ist eine äußerst komplizierte Angelegenheit und jeder Einzelne muss sie von seinem eigenen Entwicklungsniveau aus betrachten.

Frage: Meister Eckhardt, der große katholische Mystiker, sagte einmal: „Ich und mein Vater sind eins in unserem Vorgehen.“ Die katholische Kirche wollte ihn daraufhin auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Für die Kirche war es reine Gotteslästerung. In welchem Maße hat ein Mensch das Recht zu behaupten: „Ich und mein Vater sind eins“, wenn er die Selbstverwirklichung erreicht?

Sri Chinmoy: Was wir Selbstverwirklichung nennen, hat verschiedene Ebenen. Es gibt Leute, die Gott auf der vitalen Ebene verwirklicht haben. Andere haben Ihn auf der physischen, mentalen oder intuitiven Ebene verwirklicht. Einige haben Ihn auf der supramentalen Ebene verwirklicht, die sich jenseits des „Overmind“ und weit jenseits der mentalen Ebene befindet. Doch die größten Yogis haben Gott auf allen Ebenen verwirklicht, von der höchsten bis zur niedersten. Sie handeln immer vom göttlichen Bewusstsein, vom Bewusstsein Gottes her. Da sie vom göttlichen Bewusstsein her handeln und mit Gottes kosmischem Spiel völlig eins geworden sind, haben sie jedes Recht zu behaupten, sie seien eins mit Gott. Es ist das Geburtsrecht jeder Seele, völlig eins mit Gott zu sein.

Christus hatte völlig recht, als er sagte: „Ich und mein Vater sind eins“. Sri Ramakrishna, ein Verehrer der Mutter Kali, identifizierte sich in seinen späten Jahren so sehr mit Kali, dass seine Gefährtin, Sarada Devi, ihn als Kali ansprach. Auch seine Schüler sagten, er und Kali seien eins. In seinen frühen Meditationsjahren betete Rama­krishna glühend zu Kali. Als er seine Verwirklichung auf allen Ebenen vervollständigt hatte, wurde er bewusst und vollkommen eins mit Kali. Seine Schüler und seine Gefährtin sagten und fühlten, dass er kein menschliches Wesen war, sondern die Göttin Kali selbst. Kali ist eine Göttin, die höchste Göttin. Wenn jemand Gott auf allen Ebenen des Bewusstseins verwirklicht und von Gottes höchstem Bewusstsein her handeln kann, dann kann man wirklich sagen, er und Gott seien eins. Das gilt aber nur für die absolute, bewusste Identifikation mit Gott, dem Göttlichen, dem Höchsten.

Frage: Was war die herausragendste Eigenschaft von Christus?

Sri Chinmoy: Im Augenblick ist es für einen gewöhnlichen Menschen unmöglich, alle seine göttlichen Eigenschaften zum Vorschein zu bringen. Sie stehen ihm nicht ohne weiteres zur Verfügung. Doch ein spiritueller Meister besitzt alle Eigenschaften und kann sie nach Belieben zum Vorschein bringen. Wenn ein spiritueller Meister Mitgefühl zeigen will, dann zeigt er es. Wenn er Licht, Frieden oder Glückseligkeit zeigen will, dann stehen ihm auch diese Eigenschaften jederzeit zur Verfügung.

Wir können einem Meister deshalb keine bestimmte herausragende Eigenschaft zuordnen. Der Sucher muss selbst fühlen, welche Eigenschaft, welcher Aspekt ihm die größte Inspiration schenkt. Wenn der Sucher den Aspekt des Mitgefühls liebt, dann wird er zu Jesus beten, er möge ihm sein Mitgefühl zeigen. Wenn der Sucher Demut braucht, wird er zu Jesus beten, er möge ihm Demut geben. Doch wir können nicht sagen, dies seien die heraus­ragendsten Eigenschaften von Jesus.

Als spiritueller Meister verkörpert Jesus alle göttlichen Eigenschaften: Demut, Reinheit, Mitgefühl und andere. Doch aufgrund seines Einsseins mit seinem Vater verkörpert er auch göttliche Autorität. Wenn die Leute ihn kritisieren wollen, können sie sagen, er sei stolz gewesen. So werden gewöhnliche Leute seine Autorität verstehen. Doch die göttliche Autorität von Jesus war nicht selbstherrlich. Er erhielt sie aufgrund seines Einsseins mit dem absolut Höchsten.

Frage: Was ist die Bedeutung des Bibelspruches: „Selig sind die, die glauben, ohne zu sehen.“?

Sri Chinmoy: Was Jesus hier sagte, ist äußerst bedeutsam. Wer nur glaubt, was er mit eigenen Augen gesehen hat, isst nur die halbe Frucht. Wenn wir die Wahrheit darauf­hin untersuchen, ob sie einen Schwanz oder eine Nase hat, verlieren wir sie. Wahrheit ist eine Sache der Identifikation. Das will uns dieser Spruch von Jesus mitteilen: „Gesegnet ist, wer glauben kann, ohne ständig Beweise zu verlangen.“

Frage: Was ereignete sich in dem Lebensabschnitt von Jesus, über den nichts in der Bibel steht?

Sri Chinmoy: Christus ging nach Indien, wo er von indischen Meistern unterrichtet wurde. Doch er nahm dort keinen eigentlichen Guru an; sein Guru war Johan­nes der Täufer. Er wurde getauft und erhielt von ihm die Initiation (Einweihung). Als sein Vater starb, weilte er gerade in Kaschmir. Er kam nach Palästina zurück. In Indien findet man heute noch Talismane, die Jesus gebraucht hatte.

Frage: Man sagt, dass in diesem Zeitalter der göttliche Avatar Christus wieder erscheinen wird. Glaubst du daran kraft deines eigenen höchsten Bewusstseins und kannst du uns dazu etwas sagen?

Sri Chinmoy: Es ist eine Frage des inneren Glaubens. Der wirkliche Christus wird jeden Tag in unserem Bewusstsein geboren. Der wirkliche Christus ist der Christus, der unsterblich ist, nicht der Christus, der dreiunddreißig Jahre lang gelebt hat. Der menschliche Christus, der Sohn des Zimmermanns, lebte dreiunddreißig Jahre lang auf der Erde, doch der göttliche Christus, der Gott verwirklichte, der eins mit Gott wurde, der Gott auf der Erde vertrat und heute noch vertritt, ist immer noch am Leben und wird gleichzeitig jeden Tag im menschlichen Herzen neu geboren.

Frage: Gibt es irgendeinen Unterschied zwischen den Lehren von Jesus und den Lehren des Yogas?

Sri Chinmoy: Letztendlich gibt es keinen Unterschied. Jesus verwirklichte Gott und er bot Gott der Menschheit an. Auch im Yoga ist es das letzte Ziel, Gott zu verwirklichen und ihn der Menschheit anzubieten.

Im Yoga kennen wir vier Wege. Die ersten drei sind Hauptwege und der vierte ist eine Art Hauptast eines dieser Wege, jedoch ebenfalls sehr stark. Die drei Hauptwege sind: Karma-Yoga oder der Yoga des selbstlosen Handelns, Bhakti-Yoga oder der Yoga der Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe und Jnana-Yoga oder der Yoga der Weisheit. Im Jnana-Yoga gibt es einen bedeutenden Zweig, den man Raja-Yoga nennt, den Yoga der Mystik. Diese vier Wege führen uns alle zum vorausbestimmten Ziel.

Da die Lehre von Jesus auf Liebe und Mitgefühl gegründet ist, gehört sie in die Kategorie des Bhakti-Yoga. Wir müssen jedoch erkennen, dass Liebe selbst Weisheit ist. Es ist falsch zu behaupten, Liebe sei eines und Weisheit etwas anderes. Derjenige, der Gott liebt, besitzt die größte Weisheit. Liebe und Weisheit können nicht getrennt werden. Auch Liebe und Dienst können nicht getrennt werden. Wenn ich jemanden liebe, diene ich ihm fortwährend. Der eigentliche Sinn und Zweck meines Lebens besteht darin, dem Menschen, den ich liebe zu dienen. Liebe ist Dienst und Liebe ist Weisheit. Wenn wir jedoch die Wege voneinander unterscheiden wollen, dann können wir sagen, dass dieser Weg Liebe, jener Weisheit, ein dritter Dienst verkörpert und so weiter.

Um auf deine Frage zurück zu kommen: letzt­lich gibt es keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Lehren. Doch selbst wenn es sich um dasselbe Thema handelt, hat jeder Lehrer seine eigene Art, die Wahrheit zu interpretieren oder darzustellen. Wenn zwei Lehrer dasselbe lehren, werden sie es auf verschiedene Weisen tun. Doch die Prüfung wird dieselbe sein. Die höchste Lehre von Jesus und die höchste Lehre unseres Yoga ist bewusstes Einssein mit Gott. Christus sagte: „Ich und mein Vater sind eins“. Wir Inder sagen: „Ich bin das Brahman“. Das Brahman ist die absolute transzendentale Wirklichkeit und Wahrheit.

Jesus vollbrachte vierundvierzig Wunder und hielt eine zutiefst fruchtbare, seelenvolle Predigt. Doch nicht wegen seiner Wunder ist er zum Herzen, zum Haupt und zum Lebensatem der Menschheit geworden, sondern weil er eines gesagt hat: „Vater, Dein Wille geschehe.“ Die Welt hat ihn wegen diesem göttlichen Ausspruch angenommen. Die Welt schätzt und verehrt ihn für diese göttliche Äußerung: „Vater, Dein Wille geschehe.“

Die spirituellen Meister versuchen sich den Umständen, dem erwachenden Bewusstsein jedes Einzelnen anzupassen. Gewisse Menschen finden es leichter, den Weg der Liebe zu gehen, während es anderen leichter fällt, dem Weg der Weisheit zu folgen. Wieder andere finden es einfacher, den Weg des selbstlosen Handelns zu gehen. Doch das Ziel, das ewige Ziel, bleibt dasselbe. Jene, die den traditionellen indischen Pfaden des Yogas folgen und jene, die dem Christentum, dem Weg von Jesus Christus folgen, werden letztlich am selben Ziel ange­langen. Gott ist immer eins, doch die Wege können verschieden sein.

Sri Ramakrishna und Swami Vivekananda

Frage: Wer war Ramakrishna?

Sri Chinmoy: Ramakrishna ist das Kind von Mutter Kali, das Kind der göttlichen Mutter, die Mitleid und Liebe ist. Zuerst kam er zu Mutter Kali, der kosmischen Mutter und dann wurde er zur Mutter selbst.

Frage: Eine befreite Seele besitzt bis zu einem gewissen Grad Licht. Kann man trotzdem fallen, wenn man in die Welt eintritt, um den Willen des Supreme auszuführen?

Sri Chinmoy: Sicherlich, sicherlich.

Frage: Wenn man also den Supreme erfüllen möchte, indem man in die Welt geht und dort manifestiert, besteht die Gefahr, dass man sein Licht verliert?

Sri Chinmoy: Diese Gefahr besteht immer. Sri Ramakrishna brachte eine zweite Seele herab, die an Stärke und Niveau derjenigen Vivekanandas entsprach, doch diesen Menschen sah er auf dieser Erde nie. Solch ein großer spiritueller Meister brachte zwei befreite Seelen herab – Vivekananda und noch eine andere Seele. Doch die andere Seele fiel. Unwissenheit umhüllte diese Seele so stark, dass sie nie zu ihrem Meister kam und dass auch Ramakrishna sie nicht finden konnte.

Frage: Möchtest du, dass deine Schüler gegebenenfalls in Betracht ziehen, dasselbe Risiko einzugehen?

Sri Chinmoy: Habe ich denn befreite Seelen unter meinen Schülern? Ich möchte, dass meine Schüler meditieren und dann in diesem Bewusstsein arbeiten. Inneres Streben und Manifestation – diese beiden Dinge gehen Hand in Hand. Während man manifestiert, strebt man. Manifestation ist auch eine Form des Strebens und kann von innerem Streben nicht getrennt werden. Indem man etwas manifestiert, strebt man nach mehr Wissen, mehr Licht, mehr Weisheit.

Frage: Warum konnte Ramakrishna die zweite Seele nicht näher zu sich bringen, damit sie unter seinem Einfluss gestanden hätte?

Sri Chinmoy: Sri Ramakrishna blieb nicht lange auf der Erde. Seine Zeit war begrenzt; hätte er acht weitere Jahre auf der Erde bleiben können, hätte er jemand anderen in einen Menschen vom Format Vivekanandas entwickeln können, wenn er gewollt hätte. Doch er wusste, dass seine Zeit sehr begrenzt war. Selbst jene, die zu ihm kamen, kamen erst gegen Ende seines Lebens. Sie konnten kaum sechs oder sieben Jahre mit ihm meditieren, bevor er sie verließ. Selbst seine ihm sehr nahe stehenden Schüler, jene, die zu der kleinen Gruppe um ihn gehörten, waren nur sehr kurze Zeit mit ihm zusammen.

Frage: Als die verlorene Seele herunter kam, hätte er diese andere Seele nicht näher bei sich herab bringen können, damit sie in den Kreis hätte kommen können, indem er sich selbst befand?

Sri Chinmoy: Als er selbst kam, musste er zuerst noch Gott verwirklichen. Er musste noch einige Seiten auswendig lernen. Ich habe Gott in einer vergangenen Inkarnation verwirklicht. Doch ich musste in diesem Leben viele Jahre hart arbeiten, um das Buch der Verwirklichung wieder aufzufrischen, vor allem während der ersten drei oder vier Jahre. Ich brauchte zwanzig Jahre, um den Inhalt dieses Buches vollständig aufzufrischen. Es dauert immer lange Zeit. In seiner vorherigen Inkarnation war Ramakrishna eine befreite Seele, doch es dauerte sehr lange, bis er in dieser Inkarnation Mutter Kali verwirklichte. Er verwirklichte Kali nicht plötzlich. Sobald er Gott jedoch verwirklicht hatte, war es für ihn sehr leicht, Gott in zwei weiteren Formen – der moslemischen und der christlichen – zu verwirklichen.

Wenn es jedoch darum geht, jemanden für die Manifestation auf Erden zu erhalten, so ist das wirklich schwie­rig. Jemanden wie Vivekananda zu bekommen ist äußerst schwierig. Wer hätte Ramakrishna manifestiert, wenn Vivekananda nicht in den Westen gekommen wäre? Niemand. Verwirklichung selbst ist sehr schwierig, aber Ramakrishna erreichte sie. Er war der Körper, doch zur Manifestation brauchen wir auch Arme und Beine. Es ist wie bei einem Baum: ein Stamm alleine genügt nicht, es gehören auch Zweige dazu. Wenn keine Zweige vorhanden sind, wird niemand einen Stamm als einen Baum bezeichnen.

Frage: Warum brachte Ramakrishna diese außerordentlichen Seelen, die er herabholte, nicht in Familien, wo er sie im Auge behalten konnte?

Sri Chinmoy: Ramakrishna war voller Vertrauen, dass er diese Seelen finden würde. Ramakrishna war so strikt, wenn er einen Schüler annahm. Zuerst betrachtete er den Schüler auf okkulte Weise, dann las er die Hand und schaute auf die Stirn und in die Augen des Schülers. Er nahm Schüler erst an, nachdem er sie auf vielfältige Weise geprüft hatte. Es genügte ihm nicht, nur deren Seelen zu sehen. Ich schelte meine Schüler, wenn sie sich an der Unwissenheit erfreuen, doch ich beschimpfe sie nicht öffentlich. Rama­krishna beschimpfte die Leute in der Gegenwart aller.

Frage: Hätte denn nicht wenigstens die göttliche Gnade diese beiden Seelen miteinander in Verbindung bringen können?

Sri Chinmoy: Göttliche Gnade kann alles tun. Doch gleichzeitig ist auch die Unwissenheit sehr stark. Göttliche Gnade ist allmächtig, doch wenn wir bewusst die Unwissenheit lieben, dann zwingt uns die Gnade nicht. Rauchen ist etwas sehr Schlechtes. Nehmen wir an, jemand möchte ganz bewusst einige Tage lang rauchen. Er nimmt sich vor, das Rauchen zu einem bestimmten Termin wieder aufzugeben. Doch er weiß nicht, was während dieser Zeit geschehen kann. Dieser Zeitpunkt kommt vielleicht morgen oder erst zwanzig Jahre später. Während dieser zwanzig Jahre können alle seine göttlichen Möglichkeiten verloren gehen.

In Indien gibt es so viele Leute, die meinen, dass Spiritualität im Augenblick nichts für sie sei. Sie denken: „Zuerst wollen wir die Welt genießen. Nachdem wir ein langes Leben gelebt haben, werden wir mit dem Meditieren beginnen.“ Doch viel­leicht sterben sie lange bevor sie bereit sind, mit der Meditation zu beginnen. Auf diese Weise fängt uns die Unwissenheit ein. Dann sagt die göttliche Gnade nur: „Wenn ihm die Unwissenheit so viel bedeutet, dann soll er sie genießen.“

Frage: Als Katholik möchte ich gerne wissen, wie du beweisen kannst, dass der Tod nicht das Ende des Lebens ist.

Sri Chinmoy: Du kannst an der Auferstehung von Jesus sehen, dass der Tod nicht das Ende ist. Auch in Indien haben viele spirituelle Meister ihren Hinterbliebenen gezeigt, dass der Tod nicht das Ende ist. Sie sind ihnen in einem lebendigen, subtilen Körper erschienen. Ich will hier nur ein Beispiel erzählen. In Indien gab es einen großen spirituellen Meister, Sri Ramakrishna. Als er seinen Körper verließ, wurde seine Frau zur Witwe. Sobald der Ehemann stirbt, muss in Indien die Frau ihre Armreife und ihren gesamten Schmuck ablegen. Während Sri Rama­krishnas Frau dies tat, erschien ihr Mann leibhaftig vor ihr und sagte: „Was tust du da? Du solltest diesen Schmuck nicht abnehmen. Im Gegenteil, von jetzt an solltest du alle goldenen Armreife und den schönsten Schmuck tragen, denn jetzt bin ich unsterblich geworden. Deshalb solltest du etwas Schöneres, Bedeutungsvolleres und Fruchtbareres tragen.“ Es gibt sehr viele derartige Vorfälle, nur sind sie nicht alle aufgezeichnet worden.

Frage: Du hast uns einmal erzählt, es hätte einen Mann gegeben, der im letzten Augenblick Gott nicht verwirklichte, weil sein Guru ihm nicht half, seine Zweifel zu besiegen. Hätte der Guru dieser betreffenden Person helfen können, wenn er mächtig genug gewesen wäre?

Sri Chinmoy: Der Guru war mächtig genug. Er war zu dieser Zeit am Leben, doch leider hatte die betreffende Person einen Streit mit ihrem Guru. Der Guru war über sie verärgert und half ihr deshalb nicht. Doch er hätte es tun können. Hätte der betreffende Sucher sich nicht mit seinem Guru gestritten, dann hätte er Gott verwirklicht.

Sri Ramakrishna gab Vivekananda alles. Doch nachdem der Meister den Körper verlassen hatte, wollte Vive­kananda so viele Male zu Pahari Baba gehen, um noch einmal initiiert zu werden. Rama­krishna, der große Avatar, hatte ihn initiiert und ihm alles gegeben und dennoch wollte Vivekananda zu Pahari Baba gehen, um noch einmal initiiert zu werden. Auf diese Weise kann selbst ein großer Sucher wie Vivekananda dem Zweifel zum Opfer fallen. Nachdem Sri Ramakrishna gestorben war, ging Vive­kananda fünfzehn oder sechzehn Mal zu Pahari Baba und überlegte sich, ob er von ihm initiiert werden sollte. Schließlich erschien Ramakrishna mit einem besorgten Gesicht vor ihm und sagte: „Geh nicht, geh nicht!“

Die Schüler Vivekanandas sagen, er habe ein großes Herz gehabt und wollte für die Menschheit arbeiten. Dazu hätte er aber eine bessere Gesundheit gebraucht und wollte deshalb zu einem großen Okkultisten wie Pahari Baba gehen. Doch wirkliche Sucher würden einfach sagen, dass Rama­krishna seine Krankheit geheilt hätte, wenn es sein Wille gewesen wäre, dass Vivekananda auf der Erde bleibt, um für das Erdbewusstsein zu arbeiten. Für einen spirituellen Meister vom Format Sri Rama­krishnas wäre es ein Leichtes gewesen, eine solche Krankheit zu heilen, doch Vivekanandas Zeit war gekommen; er hatte seine Rolle gespielt.

Krishna war ein großer Avatar, dennoch traf ihn der Pfeil eines Jägers und tötete ihn. Doch wie viele Waffen gebrauchten die Kauravas in der Schlacht von Kurukshetra bei dem Versuch Krishna zu töten! Er streckte jeden mit seiner Sudarshana, seinem goldenen Diskus nieder. Er hatte die Macht, dem Tod zu entgehen, wenn er wollte. Doch Krishna wusste, dass er nur ein Spiel spielte. Als seine Rolle vorbei war, erlaubte er dem Pfeil eines Jägers, ihn zu töten.

Auch Vivekananda war ein spiritueller Held. Seine Rolle war vorbei, doch sein Vitales wollte auf der Erde bleiben. Aus diesem Grund ging er, noch während Sarada Devi (die Gefährtin Sri Rama­krishnas; Anm. des Autors) am Leben war, zu Pahari Baba. Selbst Vivekananda litt unter großen Zweifeln. Sogar im letzten Augenblick, als Sri Rama­krishna schon den Körper verließ, zweifelte Vive­kananda an ihm, worauf Ramakrishna sprach: „Derjenige, der Rama war, derjenige, der Krishna war, ist nun in einer Form Ramakrishna.“ In diesem Augenblick und bereits viele Male zuvor hatte Rama­krishna Vivekananda hohe Er-fahrungen gegeben. Ramakrishna gab ihm alles. Als Viveka-nandas Hingabe zum Vorschein kam, sagte er, dass es für Rama­krishna ein Leichtes wäre, aus einem Sandkorn Tausende von Vivekanandas zu machen. Hätte er diese Art von Glauben beibehalten, wäre er nie zu Pahari Baba gegangen, der Sri Ramakrishna unendlich weit unterlegen war. Doch so kann Zweifel wirken. Zweifel kann selbst einen Helden wie Vivekanada umhüllen. Zweifel hat die Macht, einen Löwen zu einer Hauskatze zu machen.

Frage: Kannst du das Ergebnis der Arbeit spüren, die Vivekanada in Amerika verrichtet hat?

Sri Chinmoy: Die großen Seelen, die befreiten Seelen, die verwirklichten Seelen, die Retter der Erde kommen in diese Welt, um die Welt zu transformieren, doch es ist praktisch vergeblich. Sie kommen, können aber kaum etwas erreichen.

Es war Vivekananda, der die indische Spiritualität in den Westen gebracht hat. Sie fasste hier zwar Fuß, hätte aber besser Fuß gefasst, wenn nicht so viele Hatha-Yoga-Lehrer in den Westen gekommen wären. Einerseits muss man sagen, dass die westlichen Menschen richtig gehandelt haben, indem sie mit Hatha-Yoga begannen, der für spirituelle Anfänger wie ein Kindergarten ist. Sie waren noch nicht bereit, mit wirklicher Spiritualität zu beginnen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Hatha-Yoga-Übungen und gewöhnlichen physischen Übungen und es ist sehr vorteilhaft, Hatha-Yoga zu machen. Wenn die westlichen Menschen jedoch von Anfang an mit dem Yoga der Konzentration und der Meditation begonnen hätten, wie es die Inder getan haben, dann hätten sie viel schnel­ler Fortschritt gemacht. In Indien wird in vielen Ashrams überhaupt kein Hatha-Yoga praktiziert. Man schenkt dem Hatha-Yoga dort keinerlei Aufmerksamkeit. Auf dieselbe Weise hätte man in Amerika mit wirklicher Meditation beginnen können.

Doch nach Vivekananda kam eine große Anzahl von Swamis hierher und begann Hatha-Yoga zu lehren. Diese Swamis kümmerten sich weder um Meditation noch um das innere Leben und so assoziierte man im Westen Yoga einfach nur mit physischen Übungen. Die Vedant-Bewegung von Swami Vivekananda wurde vom Hatha-Yoga verdrängt. Es gab jedoch auch Leute in Amerika, die nach tieferer Spiritualität suchten, was die Hatha-Yoga-Lehrer, die in Indien wahrscheinlich nie meditiert hatten, geschickt ausnutzten. Sie fügten ihren eigenen Lehren etwas Meditation hinzu, damit sie wenigstens einige Schüler behalten konnten.

Was jedoch die wirkliche Meditation betrifft, so haben viele meiner Schüler länger und aufrichtiger meditiert als einige dieser indischen Swamis. Diese haben zwar dreißig, vierzig oder gar fünfzig Jahre lang in Indien gelebt, doch während dieser Zeit vielleicht nicht einmal einen Monat lang ernsthaft meditiert.

Einige dieser Lehrer hatten überhaupt keinen spirituellen Meister, während andere nur für kurze Zeit zu einem spirituellen Meister gingen. Dann kamen sie in den Westen und prahlten mit dem Namen ihres Meisters. Sie sagten: „Mein Meister war XY.“ Doch einige dieser so genannten Schüler hatten nicht einmal im Ashram des Meisters gelebt oder hielten sich nur eine kurze Zeit lang – einen Tag oder einen Monat – im Ashram auf. Diese Swamis waren zu Lebzeiten der Meister vielleicht deren schlechteste Schüler. Die Meister wussten manchmal nicht einmal, dass diese Swamis ihre Schüler gewesen waren. Doch später wurden diese so genannten Schüler im Westen zu selbsternannten „auserwählten Instrumenten“ ihres Meisters.

Buddha

Frage: Ich sehe, dass du einen gelben Dhoti trägst und gelb symbolisiert in gewisser Weise Buddhas Lehre. Er sagte doch, seine Seele werde bald zurückkommen und eine neue Inkarnation annehmen.

Sri Chinmoy: Nein, Gautama Buddha kümmerte sich nicht um seine Wiedergeburt. In Buddhas Weltanschauung ist der Kreis der Wiedergeburt geschlossen, sobald man ins Nirvana eintritt. Wenn man einmal ins Nirvana eingegangen ist, kommt man nicht mehr in diese Welt zurück. Buddha interessierte sich nicht für Wiedergeburt. Er sagte einfach, man hätte seine Rolle gespielt, sobald man ins Nirvana eingetreten ist. Andere spirituelle Meister jedoch wollen wieder in die Welt zurückkommen, um der Menschheit zu dienen.

Frage: Wie siehst du die Wiedergeburt?

Sri Chinmoy: Wiedergeburt ist für den normalen Menschen notwendig, jedoch nicht für gottverwirklichte Seelen. Doch wenn es der Wille des Supreme ist, dass ich eine weitere Geburt annehme, dann werde ich wiederkommen. Eine gottverwirklichte Seele kann immer in der höchsten Glückseligkeit verbleiben. Doch die höchste Art von Glückseligkeit ist auch, dem Supreme und der Menschheit zu dienen. Buddha interessierte sich nicht für diese Art von Dienst. Er riet seinen Anhängern im Nirvana zu bleiben. Es gibt bereits Hunderte von Seelen, die ins Nirvana eingetreten sind und nicht mehr herabkommen. Sie haben das Gefühl, die Welt hätte ihnen genügend schlechte Erfahrungen gegeben. Diese Erfahrungen sind mehr als genug für sie und sie wollen nicht mehr zurückkommen. Jene, die strikt dem Weg Buddhas folgen und ihr höchstes Ziel erreichen, sind nicht zur Wiedergeburt bestimmt. Sie werden nicht in die Welt zurückkommen und keine weiteren Leiden der Welt auf sich nehmen.

Buddha wollte immer in vollkommener Glückseligkeit verbleiben. Die Umwandlung der physischen Natur interessierte ihn nicht. Er hatte das Gefühl, dass man in der Glückseligkeit verbleiben sollte, wenn man einmal aus dem Kreis des menschlichen Leidens ausbrechen konnte. Doch die hinduistische Philosophie besagt, dass man arbeiten solle, um das Leiden der Menschheit zu verwandeln. Buddhas Herz war weiter als das Universum. Er sehnte sich nach dem Ende allen menschlichen Leidens, doch seine Weisheit führte ihn einen anderen Weg. Wenn man diesem Weg folgt, kommt man nicht mehr in diese Welt zurück, sobald man einmal die Befreiung erlangt hat.

Es gibt noch ein anderes Nirvana, das höher ist als das Nirvana, das Buddha verwirklichte. In seinen späteren Jahren sagte Buddha einmal, dass er das höchste Nirvana solange nicht möchte, bis alle menschlichen Wesen befreit seien. Doch dann trat er in sein eigenes Nirvana ein und kam nicht mehr auf die Erde zurück.

Nach Ansicht der großen indischen spirituellen Meister war Buddha der vollkommenste Mensch, der je auf Erden gelebt hat. Auch Ramakrishna und Vivekananda sagten, dass Buddha der vollkommenste Mensch auf der Erde gewesen sei.

Frage: Was für eine Rolle spielt die Seele in der Philosophie Buddhas?

Sri Chinmoy: Buddha gebrauchte den Ausdruck Seele nicht, doch er sagte, es gäbe ein inneres Wesen, eine innere Existenz. Er sagte, dass wir in unserer inneren Existenz letztlich von der Unwissenheit befreit werden könnten. Wir stecken alle in der Unwissenheit, doch es gibt eine innere, subtile Existenz, die er aber nie Seele nannte. Er verwendete den Ausdruck inneres Wesen oder innere Existenz, die von Krankheit, Zerfall oder Tod nicht berührt werden kann.

Andere Meister

Frage: War Krishnas Rasalila oder Nektar-Liebe-Spiel mit den Gopis reine Einbildung?

Sri Chinmoy: Nein. Eines Suchers hingegebene Verwirklichung der unendlichen Liebe nennt man Rasalila. Dieses Spiel ist die Rettung der Menschheit und das Mitgefühl des Göttlichen.

Frage: Half es den Gopis spirituell in irgendeiner Weise, dass Krishna mit ihnen zusammenlebte?

Sri Chinmoy: Es half ihnen sehr. Sie waren gewöhnliche Menschen und von ihm erhielten sie göttliche Freude und göttliche Inspiration. Sie wuchsen weit über gewöhnliche Frauen hinaus.

Frage: Kannst du uns etwas über die Seelen von Ramanuja, Shankara und Madhava sagen? Verwirklichten sie Gott?

Sri Chinmoy: Sie waren alle drei intellektuelle Riesen. Gleich­zeitig besaßen sie ein großes inneres Streben. Manche Leute glauben, dass Shankara eine Inkarnation von Shiva gewesen sei. Shiva ist eine große spirituelle Wesenheit, einer der Götter unserer hinduistischen Dreiheit. Doch in Bezug auf seine Verwirk-lichung kann man Shankara nicht mit einem wahren spirituellen Meister oder Yogi auf dieselbe Ebene stellen. Viele spirituelle Größen sagen, Shankara sei keine gottverwirklichte Seele gewesen und Rama­nuja und Madhava wären ihm weit unterlegen ge­wesen. Doch alle drei sprachen über die Vedanta-Philosphie und gründeten schließlich verschiedene Wege. Letztlich haben diese drei Wege nur ein Ziel. Wenn wir einen dieser Wege betreten, fühlen wir, dass wir am Ende dasselbe Ziel erreichen.

Shankara lebte im achten Jahrhundert nach Christus. Heute wird Shankara in Indien als Heiliger und spirituelle Größe verehrt, doch das ist nicht ganz richtig. Verwirklichte Seelen gehören in eine andere Kategorie. Madhava und Ramanuja waren genau genommen noch weit von der Gott-Verwirklichung entfernt.

Frage: Kannst du uns etwas über Sri Aurobindo erzählen?

Sri Chinmoy: Wenn du etwas über Sri Aurobindo erfahren willst, würde ich dir raten, seine Bücher zu lesen, vor allem Das Göttliche Leben. Das Göttliche Leben ist ein Buch über sein eigenes Leben, seine Verwirklichung und seine Manifestation. Es gibt auch viele Bücher, die seine Schüler über ihn geschrieben haben, doch die Bücher, die er selbst geschrieben hat, sind unendlich viel besser als alle Bücher seiner Schüler zusammen. Wenn wir Das Göttliche Leben lesen, werden wir die Botschaft, die einzigartige Botschaft erfahren, die Sri Aurobindo in das Erdbewusstsein brachte. „Das Göttliche Leben“ ist seine höchste Verwirklichung und seine göttliche Manifestation. Dieses Buch sagt alles.

Es gibt viele echte spirituelle Meister, die über­haupt nichts geschrieben haben. Es war ein großes Glück für die Welt, dass Sri Aurobindo sein unendliches inneres Weisheitslicht durch seine Schriften weitergegeben hat. Viele wollen vielleicht nicht alle seine Bücher lesen, doch ein Buch genügt. Wenn man „Das Göttliche Leben“ liest, wird man fühlen, was er ist und was er anzubieten hat. Was er ist, ist jedoch unendlich viel mehr als alles, was in diesem Buch und in all seinen anderen Büchern steht. Doch alles, was die Welt durch seine Schriften empfangen kann, bietet er in diesem einen Buch an. Wenn ihr also mehr über Sri Aurobindo erfahren möchtet, würde ich euch raten, dieses unvergleichliche Buch zu lesen.

Frage: Wer war der erste Mensch, der Gott verwirklichte?

Sri Chinmoy: Das ist in Vergessenheit geraten. Gemäß unserer indischen Tradition war es Ramachandra. Doch der Name des allerersten Menschen, der Gott verwirklichte, ist in der Weltgeschichte nicht registriert. Ich kann es also nicht sagen; das würde nur den Anstoß zu einer großen Auseinandersetzung geben.

Frage: Nahm Shiva je einen physischen Körper an?

Sri Chinmoy: Nein, anders als Krishna war Shiva nie im physischen Körper. Er blieb im subtilen Physischen und weilte im Himalaya. Christus war im Physischen, Buddha war im Physischen, doch Shiva war immer im subtilen Physischen. Im subtilen Physischen war Shiva eine wirkliche Wirklichkeit.

Frage: Was war die Philosophie von Ramanuja?

Sri Chinmoy: Ramanuja sagt, dass wir mit Gott eins sein können, es jedoch immer einen kleinen Unterschied geben wird. Gott wird immer ein wenig über uns stehen, damit wir Ihn verehren können. Keiner von uns wird je Gott gleich sein. Obwohl wir vielleicht mit Gottes Bewusstsein in der Welt der Verwirklichung und der Manifestation eins werden, werden wir immer Verehrende bleiben.

Der Diener hat bereits eine innere Beziehung mit seinem Meister hergestellt. Der Diener weiß, was der Meister will und hat freien Zutritt zum Meister. Doch der Diener ist trotzdem noch ein Diener und der Meister ist der Meister. Ramanujas Weltanschauung ist, dass der Verehrer immer tiefste Freude erhält, wenn Gott ein wenig höher bleibt als der Verehrer.

Wer den Weg der Hingabe geht, möchte immer ein kleines Stück vom Höchsten entfernt bleiben, damit er es genießen kann. Doch auf dem Weg des Wissens und der Weisheit möchte der Sucher mit der höchsten Wahrheit eins werden. Er möchte die Wahrheit nicht nur kosten, er möchte auch völlig eins mit ihr werden. Ramanuja ging den Weg der Hingabe, Ramakrishna tat dasselbe. Sie wollten die höchste Glückseligkeit genießen und vollkommen erfüllt werden.

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