Vollkommenheit und Transzendenz

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Vollkommenheit und Transzendenz

Vollkommenheit und Transzendenz

Auf der Verstandesebene hat Vollkommenheit ihre eigene Form und Gestalt. In der Seelen- und Herzenswelt hingegen hängt Vollkommenheit gänzlich von der ewig wachsenden, erleuchtenden, erfüllenden und sich transzendierenden Einheit der Seele mit dem Absoluten Supreme ab.

Wenn wir Vollkommenheit im Verstand oder für den Verstand wollen, dann gibt es ein festgelegtes Ziel. Haben wir diesen bestimmten Ort auf der Verstandesebene einmal erreicht, so fühlen wir, dass wir unser Ziel erreicht zu haben. Wenn die Vollkommenheit aber ein fertiges Produkt ist, liegt keine Freude darin. Im Herzen hingegen identifizieren wir uns mit unserem Ursprung. Das Herz wird nie mit etwas Begrenztem zufrieden sein. Wenn wir nicht die Vollkommenheit sehen oder fühlen, die der Seelenwelt zu eigen ist, wird unsere Vorstellung von Vollkommenheit mit Sicherheit nur ein fertiges Produkt vor unserem geistigen Auge sein. Wahre Vollkommenheit ist eine Wirklichkeit, die ständig wächst. Ein Kind wächst langsam und stetig. Am Anfang kann es nicht einmal krabbeln. Dann kommt die Zeit, wo es zu krabbeln beginnt. Dabei fühlt es bereits sein Potential, vollkommen zu werden. Nach einiger Zeit beginnt es dann zu gehen, um schließlich schnell, schneller, am schnellsten zu laufen. Das ist Fortschritt.

Ich sage euch, im spirituellen Leben ist der Tag, an dem wir zu meditieren anfangen – auch wenn es zunächst nur für eine kurze Zeitspanne ist – der Tag, an dem unser Fortschritt beginnt. Dies ist für uns eine Errungenschaft und zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig auch unser Gefühl von Vollkommenheit. Jedes Mal, wenn wir uns einen weiteren Schritt von der Unwissenheit entfernen und sich neue Perspektiven für uns eröffnen, ist das wieder Vollkommenheit. Was immer unser Bewusstsein erhebt, entspricht unserer Vollkommenheit. Vollkommenheit ist ein stetiges Voranschreiten, eine immer höhere Errungenschaft und tiefere Erfüllung.

Wir versuchen im Unendlichen, mit dem Unendlichen und für das Unendliche zu leben. Im Augenblick sind wir noch erdgebunden, aber wir wollen nicht gebunden bleiben; wir wollen frei sein. Wie können wir dieses Ziel erreichen? Indem wir Schritt für Schritt in die Unendlichkeit wachsen. Wenn wir in die Unendlichkeit eintreten, fühlen wir, dass auch Gott, der Supreme, Fortschritt macht. Wenn wir sagen, dass Gott alles ist, dass Er unendlich ist, dann sind das nur Begriffe, die unser Verstand formt. Mit diesen Begriffen schränken wir uns nur ein. Sagen wir hingegen, dass Er sich fortwährend transzendiert, dann fesseln wir weder Ihn noch uns. Wenn sich Gott unentwegt selbst transzendiert, wie können wir Ihn dann binden? Wir beten zu Gott, weil wir uns gebunden fühlen und glauben, Er sei ungebunden. Wir besitzen einen Euro an spirituellem Reichtum, während Er Milliarden von Euro besitzt und selbst diesen Reichtum noch unaufhörlich vergrößert. Schrittweise versuchen wir unsere beschränkten Fähigkeiten zu vergrößern. In Seinem Fall hingegen können wir nicht einmal seinen Reichtum ermessen, weil er ständig zunimmt.

Vollkommenheit bedeutet, im inneren wie im äußeren Leben ständig Fortschritt zu machen. Für ein Kind, das noch im Kindergarten ist, bedeutet ein Doktortitel bereits Vollkommenheit. Es weiß, dass es noch eine Menge lernen muss, bevor es erwachsen wird. Aber es gibt nicht auf. Es lernt weiter. Wenn ein Doktortitel seiner Vorstellung von Vollkommenheit entspricht, muss es ohne Unterlass nach noch erleuchtenderem und erfüllenderem Wissen streben. Nur wenn sein Durst danach beständig ist, fühlt es, dass es wirklich die Botschaft der Vollkommenheit empfängt. Sein größtes Ziel ist es, ein Universitätsstudium abzuschließen. Im Augenblick entspricht das seiner Vorstellung von Vollkommenheit. Hat es dann aber endlich sein Studium abgeschlossen, wird es erkennen, wie viel mehr es auch dann noch zu lernen gibt. Was wird aus seiner Vollkommenheit? Was für das Kind zuvor Vollkommenheit war, ist jetzt nur der Anfang einer neuen Erkenntnis, eines neuen Lebensabschnittes.

Wenn wir ein schönes Musikstück komponieren, haben wir das Gefühl, es sei vollkommen. Doch sobald wir darauf meditieren erkennen wir, dass wir ihm noch etwas hinzufügen oder es sogar noch enorm verbessern können. Das Problem liegt darin, dass es dem menschlichen Verstand immer schwer fällt, vorwärts zu gehen. Er besitzt nicht genug Beharrlichkeit, um über seine gegenwärtigen Errungenschaften hinauszugehen. Er hat etwas erreicht und weiß, dass die Welt es schätzen wird. Wenn wir etwas erschaffen, erhalten wir von der äußeren Welt eine Art Erfüllung. Sobald wir diese erhalten, wollen wir unsere Errungenschaft häufig nicht mehr weiter verbessern, weil es womöglich weit und breit niemanden gibt, der uns das Wasser reichen kann. Im Falle göttlicher Zufriedenheit oder Erfüllung jedoch betrachten wir sie nicht als Erfolg oder Ruhm, sondern als göttliche Erfahrung. Wenn wir diese göttliche Erfüllung erhalten, verspüren wir gleichzeitig auch einen inneren Drang, über das Erreichte hinauszugehen.

Der Erwerb guter Eigenschaften

Frage: Wie können wir am leichtesten unsere göttlichen Eigenschaften zum Vorschein bringen?

Sri Chinmoy: Durch ständige seelenvolle Dankbarkeit kannst du leicht deine göttlichen Eigenschaften zum Vorschein bringen.

Frage: Welche Verbindung besteht zwischen Liebe und Dankbarkeit?

Sri Chinmoy: Wenn es wirkliche Liebe ist, Liebe, die sich ausdehnt, dann ist ihre Quelle Dankbarkeit. Dankbarkeit ist die schöpferische Kraft, die Mutter und der Vater der Liebe. Nur in der Dankbarkeit kann wirkliche Liebe existieren. Diese Liebe ist dann nicht menschliche, sondern göttliche Liebe. Liebe kann sich nur entfalten, wenn Dankbarkeit vorhanden ist. Begrenzte Liebe lässt sich schnell durch irgendetwas binden, wie zum Beispiel durch unsere ständigen Wünsche und Forderungen. Handelt es sich hingegen um grenzenlose, beständige Liebe, dann liegt Dankbarkeit in ihr. Diese Liebe wird zu reiner Dankbarkeit.

Frage: Wie können wir unsere Dankbarkeit am besten vergrößern?

Sri Chinmoy: Wir können unsere Dankbarkeit am besten vergrößern, indem wir innerlich seelenvoller und spontaner schreien als ein kleines Kind, das nach Milch oder nach einem Spielzeug schreit.

Frage: Gibt es ein äußeres Zeichen für spirituellen Fortschritt?

Sri Chinmoy: Das äußere Zeichen von Fortschritt ist innere Freude. Diese innere Freude lässt uns nicht wie ein verrückter Elefant handeln. Diese innere Freude ist etwas äußerst Süßes, Intensives und stets Erfüllendes: erfüllend in unseren Gedanken und Handlungen, in jedem Augenblick und für jeden, der mit uns in Kontakt kommt oder an uns denkt.

Frage: Wie kann ich in diesem Augenblick Zufriedenheit erlangen?

Sri Chinmoy: Geh tief nach innen. Dort gibt es Zufriedenheit. Das ist die einfachste Antwort.

Frage: Wie können wir gelassener werden?

Sri Chinmoy: Gelassenheit erlangen wir, indem wir die Tatsache anerkennen, dass die Welt nicht uns gehört; sie gehört einzig und allein Gott.

Frage: Wie können wir die Zuversicht des Herzens in unseren Verstand bringen und dort verankern?

Sri Chinmoy: Wir können die Zuversicht des Herzens nur dann rasch und erfolgreich in unserem Verstand verankern, wenn wir fühlen, dass das Herz die Mutter ist – die Mutter voller Liebe, Anteilnahme, Licht, Geduld und Vergebung. Sobald wir wahrhaft fühlen, dass unser Herz alle diese göttlichen Qualitäten verkörpert und ein fester Teil unseres Wesens ist, werden wir fähig sein, die Zuversicht des Herzens in unseren Verstand zu bringen. Dabei müssen wir unseren Verstand als unruhiges Kind ohne jegliche Weisheit und Reife betrachten und unser Herz als Mutter, die alle göttlichen Eigenschaften verkörpert. Natürlich kann das Kind alles, was die Mutter besitzt, als sein Eigen betrachten, denn die Mutter ist bereit, alles, was sie hat, ihrem Kind zu geben. Wenn wir uns also auf das Herz besinnen, sollten wir an die göttliche Mutter denken, deren zahllose göttliche Qualitäten im Laufe der Erziehung auf das Kind übergehen. Dann werden die Qualitäten des Herzens wie ein Fluss in den Verstand strömen.

Frage: Wie können wir uns von Anhaftung befreien?

Sri Chinmoy: Es besteht ein großer Unterschied darin, den Dingen nicht verhaftet zu sein und Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit liegt dann vor, wenn du den Dingen, die geschehen, keine Beachtung schenkst. Sie ist im Grunde nichts anderes als Achtlosigkeit. Nicht verhaftet zu sein ist hingegen die Fähigkeit, sich von äußeren Geschehnissen nicht in Mitleidenschaft ziehen zu lassen. Ob du nun erfolgreich warst oder Misserfolg hattest, ob dich die Menschen in den Himmel gelobt oder schlecht über dich gesprochen haben – all das beeinflusst dich nicht.

Wenn dir nach einem Erfolg Bewunderung und Anerkennung gezollt wird, kommt dein Ego manchmal auf zer-störerische Weise zum Vorschein oder du verlierst dein inneres Gleichgewicht. Dann bist du verloren. Auf der anderen Seite bist du enttäuscht, wenn die Menschen schlecht über dich sprechen. Auch hier kommt dein Ego wieder zum Vorschein, was sich in deiner Betroffenheit äußert. Doch nur wenn du dich durch nichts mehr in Mitleidenschaft ziehen lässt, hast du dich wirklich von der Anhaftung befreit.

Diese Loslösung ist jedoch in keiner Weise Gleichgültigkeit anderen Menschen und ihren Handlungen gegenüber; sie bedeutet nur, dass du dich davon nicht in Mitleidenschaft ziehen lässt. Gleichzeitig wirst du dich nicht in die Aktivitäten anderer Menschen einmischen in dem Glauben, besser zu sein oder mehr Weisheit zu besitzen. Wenn du dich anderen überlegen fühlst, wirst du dich dabei nur elend fühlen. Natürlich sollst du deinen Mitmenschen mit aller Aufrichtigkeit helfen, wenn sie wirklich in Schwierigkeiten sind. Häufig aber meinst du, andere würden deine Hilfe benötigen, obwohl dies gar nicht der Fall ist.

Frei von Anhaftung zu sein und Gleichgültigkeit sind also grundverschiedene Dinge.

Frage: Soll ich um die Läuterung des Verstandes beten?

Sri Chinmoy: Du solltest immer um Läuterung des Verstandes beten. Alle negativen Kräfte werden dich so lange angreifen, bis du wirklich rein bist.

Wenn du betest und meditierst, dann bete und meditiere zuerst bewusst um Reinheit in deinem Herzen. Ist sie dort einmal sicher verankert, werden dich alle schlechten, ungöttlichen Kräfte unweigerlich verlassen und schließlich auch nicht mehr in dich eindringen können.

Frage: Wie können wir dauerhaften Frieden finden?

Sri Chinmoy: Mein erstes Gedicht in englischer Sprache beginnt so:

„Ich weiß, ein Meer von Frieden, Freude und Licht liegt außerhalb meiner Reichweite…“

Fast jeder spirituelle Schüler hat am Beginn seines spirituellen Lebens das Gefühl, Frieden läge außerhalb seiner Reichweite. Der Verstand quält uns ständig. Unser Verstand trägt uns in der inneren wie äußeren Welt ständig von einem Ort zum anderen, von einem Gegenstand zum anderen. Dennoch kommt irgendwann der Tag, an dem wir in unserem inneren Leben fühlen, dass es nichts anderes geben kann, wonach es sich zu streben lohnt, als nach Frieden.

Frieden wirkt im inneren und äußeren Leben des aufstrebenden Suchers. Und irgendwann kommt der Tag, wo er mit dem Frieden eins wird. Im Augenblick sehnt er sich nach Frieden, aber er besitzt ihn nicht. In dem Moment, wo die Flamme seines inneren Strebens die Gelegenheit erhält, das Höchste zu erreichen, beginnt der innere Friede höchst wirkungsvoll und kraftvoll in ihm zu wirken. Eines Tages bemerkt er dann, dass er sich beständig im Meer des Friedens befindet und nie mehr davon getrennt werden kann. Seine gesamte innere wie äußere Existenz ist dann von Frieden überflutet. Um diese Erfahrung zu machen, brauchen wir inneres Streben. Spirituelle Strebsamkeit ist der Schlüssel dazu.

Frage: Wie kann der Schüler eines spirituellen Lehrers die Qualitäten eines göttlichen Kriegers manifestieren?

Sri Chinmoy: Er muss mutig, gleichzeitig aber auch gleichmütig oder gar gleichgültig sein, wenn es die Situation erfordert. Die Leute werden ihn als schlechten Menschen oder als hartherzig bezeichnen, aber er muss seiner Überzeugung treu bleiben. Alle Menschen haben die Möglichkeit, göttliche Krieger zu werden, aber sie nutzen diese Kraft nicht.

Frage: Guru, es fällt mir sehr schwer, an mich zu glauben. Wird sich mein Glaube entwickeln, wenn ich ein spirituelles Leben führe?

Sri Chinmoy: Ja. Sei dir bewusst, dass du Gottes Sohn bist und nicht Gottes Sklave. Wenn du Gott deinen Vater nennen darfst, kannst du sagen: „Mein Vater ist reich. Mein Vater ist eine bedeutende Persönlichkeit. Mein Vater ist gütig. Wenn er gütig ist, wird er auch zu mir gütig sein. Wenn er reich ist, wird er auch mir etwas von seinem Reichtum geben.“ Ein Sohn wird dieses Gefühl haben.

Empfindest du deine Beziehung zu Gott hingegen wie die eines Herrschers zu seinem Sklaven, wie sollst du dann an dich glauben können? Ein Sklave wird sagen: „Heute ist er mein Herr, aber schon morgen kann er mich hinauswerfen.“ Ein Sklave kann den Reichtum oder die Fähigkeiten seines Herrn niemals für sich beanspruchen, der Sohn hingegen schon. Ein kleines Kind mag erst sieben Jahre alt sein, aber es ist überzeugt davon, dass, wenn sein Vater reich, angesehen und gebildet ist, es seinen Besitz und diese Eigenschaften von ihm erben wird. Und der Vater wird sie ihm auch mit Freuden geben. Mit der Einstellung eines Sklaven hingegen würde es denken: „Ach, mein Herr will mich nur ausbeuten. Ich werde seinen Besitz und seine guten Eigenschaften nie für mich beanspruchen können.“

Wenn du also an dich glauben willst, musst du dir zuerst darüber klar werden, welche Art von innerer Verbindung oder Beziehung du zu deinem Inneren Führer hergestellt hast. Wenn es sich um eine Beziehung wie zwischen Vater bzw. Mutter und Sohn, oder Liebhaber und Geliebtem, oder um eine Beziehung zwischen zwei sehr engen Freuden handelt, kannst du alles von Gott erwarten. Gelingt es dir hingegen nicht, diese Art der süßen Einheit mit Gott herzustellen, wie willst du dann Vertrauen haben? Wenn du denkst: „Gott ist so fern; Er ist der über allem erhabene Gott und ich bin nur eine unbedeutende Kreatur“, dann fehlt das Gefühl des Einsseins. Wenn du dich als winzige Ameise siehst und Gott als riesigen Elefanten, wirst du natürlich sagen: „O weh, wie soll ich je so viel Kraft und solche Fähigkeiten erlangen können? Ich bin doch so schwach und unbedeutend!“

Stellst du dir Gott aber als jemanden vor, der mehr als bereit ist, dir alles zu geben, was Er hat, so wirst du fühlen: „Wenn die Zeit reif ist und ich sie brauche, wird mir die Kraft des Elefanten zuteil werden.“ Wenn du dieses Gefühl entwickelt hast und fühlst, dass dir der Vater alles, was du brauchst, geben wird, wirst du wie von selbst Glauben haben.

Wenn du Glauben an dich hast, wirst du sagen: „Wie kann ich etwas Ungöttliches tun? Ich bin Gottes Sohn. Wie kann ich mich mit der Unwissenheit abgeben? Das ist unter meiner Würde.“ Auf diese Weise wirst du rasch zu deiner wahren Göttlichkeit finden. Versuche daher in deinem spirituellen Leben dein Einssein mit Gott als etwas äußerst Süßes, Reines und Erfüllendes zu empfinden. Dann wirst du von allein Glauben entwickeln. Wenn du fühlst: „Er gehört mir; ich gehöre Ihm“, wirst du reichlich Glauben an dich haben.

Frage: Ist Glaube ein Geschenk?

Sri Chinmoy: Ja, Glaube ist ein Geschenk. Jede gute Eigenschaft ist ein Geschenk Gottes. Aber Glauben muss man auch entwickeln. Mit Glauben hat jeder die Möglichkeit, göttlich zu werden. Aber es gibt noch immer viele Menschen, die ihren Glauben nicht anwenden. Glaube kann wie ein Muskel trainiert werden. Heute hast du vielleicht nur wenig Glauben, aber schon morgen wirst du mehr Vertrauen in dich und in Gott haben.

Glaube ist wie eine Schachtel, die ein Juwel beinhaltet. Wir sind im Besitz der Schachtel, aber wir öffnen sie nicht, um das Juwel zu sehen. Wenn wir uns mit unserer Quelle, unserem Ursprung verbinden, werden wir erkennen, dass wir Glauben in unendlichem Maße besitzen. Wir tragen einen unendlichen Vorrat davon als Errungenschaft oder Wirklichkeit in uns. Aber wir nützen ihn nicht; wir vernachlässigen diese göttliche Eigenschaft.

Frage: Wie kann man innere Gelassenheit und Frieden erlangen, wenn man sich umschaut und überall in der Welt Krieg, Hunger, Drogen und Tod erblickt?

Sri Chinmoy: Wenn jemand in der äußeren Welt keine Befriedigung findet, dann sollte sein innerer Hunger ausreichend groß sein, um in die innere Welt einzutauchen. Ich habe zwanzig oder dreißig Schüler, die irgendwann einmal Drogen genommen und viele andere Fehler gemacht haben; aber sie haben gemerkt, dass sie das nicht zufrieden stellt. Dann begannen sie ihren inneren Hunger zu spüren. Innerlich ausgehungert, kamen sie zu mir und begannen spirituell zu streben. Sie wollten herausfinden, ob in dieser Lebensweise Wahrheit, Licht und Erfüllung zu finden sind. Als sie dann das innere Leben ernsthaft begannen, erhielten sie die Antwort.

Jeder muss für sich herausfinden, ob ihn das äußere Leben befriedigen kann. Wenn das nicht der Fall ist und ihn das äußere Leben enttäuscht hat, wird er vielleicht aufwachen und sagen: „An diesem Ufer habe ich nur Enttäuschung erfahren; nun möchte ich sehen, was das andere Ufer zu bieten hat.“ So wird er natürlich versuchen, in die innere Welt einzutauchen. Dann wird er sein inneres Leben von innen her zum Vorschein bringen.

Wir ernten, was wir säen. Wenn ich mich zutiefst nach Licht sehne und tief nach innen tauche, dann sehe ich Licht und wachse in es hinein. Dieses Licht, das ich sehe und besitze, wird zu einem festen Bestandteil meines inneren Lebens. Anschließend versuche ich dieses Licht zum Vorschein zu bringen und der Menschheit weiterzugeben, und diese empfängt es dann entsprechend ihrer Aufnahmefähigkeit.

Frage: Bist du nicht frustriert, wenn du versuchst, inneren Frieden zu erlangen, und gleichzeitig siehst, was die Regierung deinen Mitmenschen antut?

Sri Chinmoy: Nein. Wenn jemand eine zutiefst aufrichtige innere Sehnsucht nach dem Göttlichen besitzt, dann gibt ihm Gott auch das Licht der Geduld. Wer das innere Leben, das spirituelle Leben angenommen hat, der erhält genügend Geduld.

Jene Sucher, die sich heute aufrichtig nach Licht sehnen, wissen, dass es Menschen gibt, die das Licht bereits gesehen, gefühlt und verwirklicht haben. Dies ermutigt und inspiriert sie. Wenn wir tief nach innen tauchen und ein inneres Leben führen, werden wir früher oder später auch mit Licht und Frieden erfüllt werden. Zu diesem Zeitpunkt werden wir unweigerlich auch inneren Frieden erlangt haben.

Frage: Wie kann ich wirklich demütig werden?

Sri Chinmoy: Du kannst nur dann wirklich demütig werden, wenn du entdeckst, fühlst und weißt, was wahre Demut ist. Wahre Demut ist das bewusste Gewahrsein der transzendenten und universellen Wirklichkeit. Wahre Demut ist die auf der Erde, in der Menschheit und für die Menschheit manifestierte erhabene Wesensart Gottes. Demut ist einzigartig unter allen Eigenschaften Gottes.

Frage: Wie kann ich inneren Gehorsam haben?

Sri Chinmoy: Es gibt viele Dinge, die ich dir innerlich mitgeteilt habe. Ich habe dir gesagt, dass du nicht an Gottes Existenz zweifeln sollst, nicht an mir zweifeln sollst und auch nicht an deiner eigenen Spiritualität. Dennoch gibt es Zeiten, in denen du überlegst, ob du dein spirituelles Leben weiterführen sollst und ob es die richtige Entscheidung war, meinem Weg zu folgen. Manchmal bist du so angewidert, dass du sogar Gott verleugnest. Dann hast du das Gefühl, es wäre besser gewesen, nicht an Gott zu glauben, weil andere, die kein spirituelles Leben führen, glücklich sind. Wenn du dich innerlich so verhältst, so nennt man das inneren Ungehorsam.

Ungehorsam liegt ganz und gar im Verstand. Wenn du an deiner spirituellen Kraft und Fähigkeit zweifelst oder an meiner Fähigkeit, dir Segen, Liebe und Mitgefühl zu schenken, wenn du an Gottes bedingungsloser Liebe, bedingungsloser Vergebung und bedingungslosem Mitleid zweifelst, dann ist das alles innerer Ungehorsam. Ich habe dir versichert, dass ich immer bei dir bin. Gott ist unser ewiger höchster Geliebter und ich bin Sein Stellvertreter für all jene, die meinem Weg folgen. Ich bin der Vorgesetzte und ihr seid die Mitarbeiter. Wenn ihr an das glaubt, was ich sage, und ein spirituelles Leben führt, dann ist das innerer Gehorsam.

Aber das ist alles sehr allgemein. Jeder weiß selbst, ob er mir gehorcht und meiner Lehre folgt, oder ob er an sich und seinen spirituellen Fähigkeiten zweifelt. Wenn du nicht an meiner Verwirklichung oder an Gottes bedingungslosem Mitleid, Licht und Seiner Glückseligkeit zweifelst, dann bist du innerlich gehorsam.

Frage: Wie kann ich meine Ergebenheit stärken?

Sri Chinmoy: Bevor wir mit Ergebenheit beginnen, sollten wir der Liebe unsere Aufmerksamkeit zuwenden – der inneren Liebe, der göttlichen Liebe. Ergebenheit wird durch hingebungsvolle Liebe genährt. Ohne Liebe kann es keine Ergebenheit geben. Gewöhnliche Menschen sind einander emotional verhaftet. Warum? Weil sie die menschliche Liebe dazu verleitet. Im spirituellen Leben gebrauchen wir unsere Ergebenheit anstelle von Anhaftung. Wenn wir unsere Ergebenheit gegenüber unserem Meister, unserem eigenen spirituellen Leben oder Gott stärken wollen, müssen wir die äußerste Notwendigkeit von Liebe erkennen. Wir müssen fühlen, dass wir auf der Erde nicht leben können, ohne unseren Meister oder Gott zu lieben. Wenn ein aufstrebender Sucher fühlt, dass er keine Sekunde leben kann, ohne seinen Meister zu lieben und ihm ergeben zu sein, dann wird seine Ergebenheit von selbst gestärkt. Danach muss er einen Schritt weiter gehen und herausfinden, warum er diese Person oder diese Sache liebt.

Es gibt zwei Wege, Gott zu lieben. Der eine Weg besteht darin, Gott aufgrund unserer eigenen Sicht der Wahrheit zufrieden zu stellen. Der andere Weg ist es, sich Gott hinzugeben und Gott auf Seine Weise zu gefallen. Wenn ein Sucher seine Ergebenheit stärken möchte, so kann er das in grenzen-losem Ausmaß tun, wenn er die innere Stärke, Fähigkeit oder Bereitschaft aufbringt zu sagen: „Ich liebe Gott um Seinetwillen. Ich existiere nur auf dieser Erde, um Gott auf Seine eigene Weise zufrieden zu stellen.“ Wenn das der Wille des Suchers ist, wenn es das ist, was er von seinem Leben möchte, dann werden Gottes unfehlbarer Schutz, Seine bedingungslose Anteilnahme und Sein bedingungsloses Mitleid auf ihn herabkommen. Dann wird die Ergebenheit oder Hingabe des Suchers an Gott oder irgendeinen göttlichen Zweck gewaltig gestärkt.

Frage: Wie kann man dynamischer werden? Je mehr Arbeit ich habe, desto langsamer werde ich. Wie kann ich das über-winden?

Sri Chinmoy: Wenn es dir schwer fällt, dynamische Energie durch Meditation von oben herab zu bringen, so ist das nicht schlimm. Du kannst dennoch dynamisch werden, indem du das Wort „Dynamik“ wiederholst. Sobald du das Wort „Dynamik“ aussprichst, wirst du entweder in deinen Armen oder anderen Gliedmaßen, in deinem Kopf oder in deinem Herzen enorme Kraft verspüren. Jedes Mal, wenn du das Wort „Dynamik“ wiederholst, wird ein Teil deines Körpers von Dynamik überflutet werden. Zugleich wirst du den Fluss dynamischer Energie in deinen Beinen, deinem Kopf, der Stirn, den Schultern oder Armen verspüren.

Das Wort „Dynamik“ hat unglaubliche Kraft, genauso wie das Wort „Frieden“. Wenn du seelenvoll „Frieden“ sagen kannst, wird ein Teil deiner äußeren Existenz sogleich darauf ansprechen. Und später wird dies auch dein inneres Wesen tun. Im Augenblick reagiert nur ein Teil von dir auf das Wort „Dynamik“. Aber es wird eine Zeit kommen, in der dich Dynamik von Kopf bis Fuß durchströmen wird, wenn du das Wort wiederholst.

Aufrichtigkeit und Reinheit

Frage: Wie können wir Aufrichtigkeit entwickeln?

Sri Chinmoy: Wahre Aufrichtigkeit kann nur dann entwickelt werden, wenn man seine Reise mit seelenvoller Dankbarkeit beginnt. Nehmen wir an, ein Sucher ist zu einem unserer Zusammenkünfte in unser Meditationszentrum gekommen. Seine Eltern sind nicht mitgekommen, seine Verwandten schauen fern und seine Bekannten sind möglicherweise in einer Bar oder bei einer Cocktailparty. Er hätte das auch tun können, aber er macht etwas anderes. Er ist zu einem spirituellen Treffen gekommen. Wer hat ihn dazu veranlasst, das Richtige zu tun? Es war Jemand in seinem Inneren. Von sich aus hätte er möglicherweise dasselbe getan wie seine Freunde, Verwandten oder Bekannten. Aber er weiß, dass es eine höhere Kraft gibt, die ihn zu diesem Ort der Meditation geführt hat. Er sollte mit einem Herzen der Dankbarkeit dort hingehen, weil er bereits etwas erreicht hat. Wenn er mit einem Dankbarkeitsherzen kommt, hat er bereits Aufrichtigkeit bewiesen. Dankbarkeit ist eine Wirklichkeit und sie beinhaltet immer Aufrichtigkeit. Deswegen gehen ein lauteres Herz und ein Leben der Dankbarkeit immer Hand in Hand.

Frage: Wie kann ich in meinem spirituellen Leben aufrichtiger werden?

Sri Chinmoy: Du kannst in deinem spirituellen Leben nur dann aufrichtiger werden, wenn du fühlst, dass dir Aufrichtigkeit gewaltige Freude schenkt. Nehmen wir an, du bist im Begriff, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Dann halte sofort inne und überlege dir: „Wie kann ich so etwas Falsches nur tun? Es wird mir all meine Freude rauben.“ Dann wirst du es nicht tun. Du wirst erkennen, dass es dir unendlich viel mehr Freude bereitet, von bestimmten unrechten Tätigkeiten abzulassen, als sie auszuführen. Es ist also Freude, die dir immer helfen wird, das Richtige zu tun.

Allerdings musst du zwischen Freude und Vergnügen unterscheiden. Wenn du etwas Unrechtes tust und dabei eine Art Freude empfindest, dann ist das nicht wirkliche Freude, sondern Vergnügen. Tust du hingegen das Richtige und fühlst dann Freude, dann handelt es sich um wirkliche, göttliche Freude. Freude und Vergnügen sind zwei verschiedene Dinge. Auf Vergnügen folgt stets Frustration, auf Freude hingegen größere Freude, reichliche Freude, unendliche Freude. Das Wirkliche in uns ist Freude; alles andere ist unwirklich. Deshalb ist die so genannte Freude, die du empfindest, wenn du etwas Unrechtes tust, nichts anderes als ein ungöttliches Vergnügen. Tust du hingegen das Richtige, wirst du dauerhafte, ewige Freude fühlen.

Nehmen wir an, du hast Lügen verbreitet und niemand ist dir dahinter gekommen. Einzig und allein dein Gewissen weiß davon. Dein Gewissen hat dich schon erwischt, bevor du gelogen hast. Was machst du dann? Einerseits fühlst du dich elend, weil dich dein Gewissen auf frischer Tat ertappt hat. Andererseits jedoch freust du dich auch, weil du erwischt wurdest. Es ist wie bei einem Versteckspiel. Wenn Kinder verstecken spielen, dann freut sich auch das Kind, das erwischt wird. Sein Ziel ist es, sich zu verstecken, aber wenn es erwischt wird, dann ist das sehr aufregend.

Im spirituellen Leben ist es genauso. Wenn dich deine göttlichen Eigenschaften bei einer Dummheit ertappen, dann solltest du glücklich sein, dass du den Tiger in dir erkannt hast. Früher hast du geglaubt, dass in dir lediglich ein flinkes Reh herumläuft. Und dann erkennst du plötzlich den Tiger in dir mit all seinen tierischen Eigenschaften! Du solltest dich aber glücklich schätzen. Denn erst wenn du den Tiger in dir erkannt hast, wirst du in der Lage sein, ihn zu zähmen. Ansonsten wird der Tiger alle deine guten Eigenschaften verschlingen.

Ohne Aufrichtigkeit kann im spirituellen Leben nichts erreicht werden. Aufrichtigkeit wem gegenüber? Dir selbst. In dir gibt es eine höhere und eine niedrigere Wirklichkeit. Wenn du aufrichtig wirst, hebst du deine niedrigere Wirklichkeit unmittelbar zu deiner höheren Wirklichkeit empor. Wie ein Magnet wird deine höhere Wirklichkeit deine niedrigere Wirklichkeit hinaufziehen, um sie zu beschirmen.

Es gibt Zeiten in deinem Leben, in denen du wirklich glücklich bist. Und warum bist du glücklich? Weil du dich wirklich aufrichtig auf das spirituelle Leben einlässt. Wenn du aber zögerst, bist du unglücklich. Manchmal sagst du: „Ach, wenn ich in das Meer der Spiritualität springe, könnten mich Haie oder andere gefährliche Meerestiere fressen.“ Aber anstatt dich zu ängstigen, solltest du sagen: „Wenn ich einfach hineinspringe und in das Meer der Spiritualität eintauche, werde ich die kostbarsten Schätze des Meeres erhalten.“

Frage: Wie kann ich in meiner spirituellen Suche aufrichtiger werden?

Sri Chinmoy: Versuche dich bitte an die Folgen der Unaufrichtigkeit in deinem Leben zu erinnern. Wenn du gelogen hast und dabei auf frischer Tat ertappt wurdest, dann war dir das natürlich peinlich und du fühltest dich elend. Alle Fehler, die du in der Vergangenheit gemacht hast, werden negative Folgen haben. Genauso wird alles Gute und Göttliche, das du getan hast, positive Auswirkungen haben. Die Freude, die wir empfinden, wenn wir aufrichtig sind, ist unvergleichlich. Wirkliche Aufrichtigkeit schenkt uns grenzenlose Freude und Liebe von Gott, unserem Absoluten Supreme.

Wir müssen die Aufrichtigkeit gebührend schätzen. Nur wenn wir die Aufrichtigkeit wirklich schätzen und ihr genügend Bedeutung beimessen, werden wir unsere Aufrichtigkeit auch vergrößern können.

Wenn wir einen aufrichtigen Menschen sehen, mögen wir sagen: „Ich kann auch aufrichtig werden.“ Aber es ist ein großer Unterschied zu sagen „Ich kann“ oder „Ich bin es geworden“. Andere tun viele Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie genauso tun können. Wir meinen, dass wir es einfach nur tun müssten. Aber wir müssen erst einmal beweisen, dass wir wirklich dazu imstande sind. Obwohl sie an einem spirituellen Leben gar nicht interessiert sind, gibt es im gewöhnlichen, nicht auf ein höheres Ziel ausgerichteten Leben sehr viele aufrichtige Menschen. Darum glauben wir, da wir ein spirituelles Leben führen, wäre es für uns eine einfache Sache, aufrichtig zu sein. Nur sind wir es nicht.

Aber das ist ein Fehler. Aufrichtig zu werden, ist äußerst schwierig. Es kann Jahre dauern, bis die Aufrichtigkeit in unserem Leben zu einer Wirklichkeit wird. Unser Ziel ist die Gottverwirklichung, welche noch in weiter Ferne liegt. Wir müssen fühlen, dass die völlige Aufrichtigkeit, genauso wie die Gottverwirklichung, ebenfalls sehr schwer zu erlangen ist. Wenn wir gegenüber Gottes Willen völlig aufrichtig sind, dann stehen wir kurz vor der Gottverwirklichung.

Frage: Was bedeutet Aufrichtigkeit eigentlich?

Sri Chinmoy: Aufrichtigkeit bedeutet, ständig in der Gegenwart des Lichts zu leben, oder anders ausgedrückt, innen wie außen in jedem Augenblick Licht zu sehen. Wenn du unentwegt Licht fühlst und siehst, wächst die Aufrichtigkeit von selbst. Aber um das Licht in uns zu sehen und zu fühlen, müssen wir unseren Geist ruhig und still machen. Wenn der Verstand rastlos ist, können wir niemals wirklich aufrichtig sein. Dann werden wir – vom höchsten spirituellen Standpunkt aus betrachtet – unweigerlich unaufrichtig sein. Wenn es dem Verstand an Frieden mangelt, wird es viele Wellen und Wogen von Falschheit im Verstandesmeer geben. Diese Wellen müssen durch inneres Streben unter Kontrolle gebracht werden. Ansonsten gibt es keine Gewähr, dass wir jemals aufrichtig werden, egal wie viele Jahre wir das spirituelle Leben praktizieren.

Frage: Was kann ein spiritueller Sucher tun, um aufrichtig zu werden?

Sri Chinmoy: Jeder Mensch auf Erden besitzt etwas Aufrichtigkeit, weil Gott in jedem Menschen gegenwärtig ist. Gott besitzt alle göttlichen Eigenschaften, und da Gott in uns ist, müssen auch Seine göttlichen Eigenschaften in uns sein. Wir können Gott nicht von Seinen Eigenschaften trennen. Deswegen ist auch Aufrichtigkeit in uns. Wir können diese Eigenschaft entwickeln, genauso wie ein Sportler seine Muskeln trainiert.

Ein aufrichtiger Sucher ist sicherlich schon viele Male in seinem Leben aufrichtig gewesen. Nehmen wir an, ein Sucher war einen Tag lang aufrichtig und zehn Tage unaufrichtig. Was geschah an dem Tag, an dem er aufrichtig war? Er war glücklich, was immer an diesem Tag passiert ist – selbst wenn er zum Beispiel eine Prüfung nicht bestanden hat. In dem Moment jedoch, wo er unaufrichtig wurde, war er unglücklich, auch wenn er in seinem Leben äußerlich erfolgreich war. Irgendetwas fehlte ihm. Unaufrichtigkeit bedeutet immer Unzufriedenheit. Ein aufrichtiger Sucher versucht auf dem Schlachtfeld des Lebens siegreich zu sein. Manchmal gelingt es ihm, manchmal nicht. Wenn er Misserfolg hat, sagt er: „Gott, ich habe mein Bestes gegeben, aber Du bist mir nicht in Form von Erfolg begegnet, sondern in Form von Misserfolg.“ Ein aufrichtiger Sucher weiß, dass ihm alles, was geschieht, eine gewisse Befriedigung schenken wird. Ist er hingegen nicht aufrichtig, wird ihm selbst der Erfolg keine wahre Erfüllung schenken.

Wie können wir aufrichtig werden? Wir können aufrichtig werden, indem wir erkennen, dass es etwas gibt, das an allererster Stelle in unserem Leben steht. Wenn ein Sucher glaubt, sein physischer Körper und seine eigene Existenz kämen an erster Stelle, dann irrt er sich. Gott muss in seinem Leben an erster Stelle stehen.

Wenn ein Sucher früh am Morgen, bevor er seinen Tag beginnt, das Wichtigste zuerst tut, dann wird er zu Gott beten, dass Er ihn nach Seinem Willen formen und ihm geben möge, was er nach Gottes Willen empfangen und erreichen soll. Wenn er das tut, wird ihm Gott alles geben. Wenn es ihm an Aufrichtigkeit fehlt, wird ihm Gott Aufrichtigkeit schenken. Wenn ihm Frieden fehlt, wird Gott ihm Frieden geben. Alles was ihm fehlt, wird Gott ihm geben. Aber er muss das Wichtigste zuerst tun. Wenn der Tag dämmert, muss er zu Gott beten, ihm zu geben, was er nach Gottes Willen haben soll, und nicht was er sich wünscht.

Wenn er sich zwei oder drei Autos wünscht, wird er nur frustriert sein, weil er in der Welt der Wünsche gefangen ist. Was immer er in der materiellen Welt erreichen mag – es wird ihm keine Befriedigung schenken. Betet er jedoch zu Gott, Er möge ihm geben, was Er ihm geben will, dann wird ihm Gott inneren Frieden und grenzenlose Liebe schenken. Und diese Liebe wird ihn wirklich erfüllen.

Wenn wir Aufrichtigkeit wollen, dann lasst uns zu dem Einen gehen, der Aufrichtigkeit in unendlichem Maße besitzt. Lasst uns zu Ihm gehen und nicht zu irgendjemand anderem. Wenn wir früh am Morgen beten und meditieren, wird Gott uns geben, was wir wirklich brauchen. Er möchte uns immer das geben, was unser Leben seelenvoll und fruchtbar macht. Wenn Gott fühlt, dass wir Aufrichtigkeit benötigen, wird er unser äußeres Leben mit Aufrichtigkeit erfüllen. Ein spiritueller Sucher muss in seinem aufstrebenden Leben für Gottes Erfüllung beten und nicht für die Erfüllung seines Wunschlebens. Dann wird er das höchste Ziel erreichen: die innere Aufrichtigkeit, nach der er sich sehnt.

Frage: Woran erkennt man am Anfang seine Aufrichtigkeit? Wie weiß man, ob man wirklich aufrichtig ist?

Sri Chinmoy: Wir wissen immer, ob wir aufrichtig sind oder nicht. Aufrichtigkeit ist nicht etwas, das uns jemand lehren müsste; sie kommt tief aus unserem Inneren. Wenn etwas aus der Tiefe unseres Herzens zum Vorschein kommt, dann sind wir unweigerlich aufrichtig. Sehr häufig aber kommt etwas vom Verstand, der sich ständig selbst in Frage stellt. Im ersten Moment denken wir, etwas sei wahr und wir vertreten entschlossen unsere Meinung. Im nächsten Moment jedoch erkennen wir, dass unsere Meinung völlig falsch ist. Wenn unsere eigene Erkenntnis so großen Zweifeln unterworfen ist, können wir nicht darauf bauen. Dann wird alles, was wir sagen und tun, unaufrichtig.

Wenn der Brennpunkt deiner Konzentration auf das Herz und nicht auf den Verstand gerichtet ist, dann wird nur Aufrichtigkeit zum Vorschein kommen. Im Herzen ist die Seele, und alles, was von der Seele kommt, kann nichts anderes als eine Flut von Aufrichtigkeit sein. Mehr noch, es ist auch eine Flut von Spiritualität. Durch das Herz drückt sich die Seele höchst kraftvoll und überzeugend aus.

Wenn wir mehr Zeit in unserem Herzen als in unserem Kopf verbringen, werden wir unweigerlich erfahren, was Aufrichtigkeit ist. In unserem Herzen haben wir ein inneres Gefäß, das jeden Tag von Gottes Reinheit gefüllt wird. Dort können wir wachsen. Wenn unsere Existenz im Herzen wächst, werden wir sehen, dass wir jeden Tag eine reiche Ernte an Aufrichtigkeit einbringen.

Frage: Wie können wir Aufrichtigkeit und Vollkommenheit erlangen?

Sri Chinmoy: Wenn wir absolut aufrichtig sein wollen, müssen wir das, was wir tun, mit größter Reinheit und ohne jeglichen Hintergedanken tun. Wir müssen mit äußerster Aufrichtigkeit handeln und dabei fühlen, dass unsere Handlung von Reinheit durchdrungen ist. Wenn wir etwas aufrichtig tun, wird in unserer Handlung auch Reinheit liegen. Reinheit muss unsere Aufrichtigkeit durchdringen. Und während wir handeln, müssen wir fühlen, dass diese Handlung durch eine viel höhere Kraft in und durch uns getan wird.

Nennen wir diese höhere Kraft unseren Inneren Führer. Während der Innere Führer in und durch uns handelt, müssen wir Ihm äußerst dankbar sein, weil Er uns auf diese Weise gebraucht. Er hätte leicht auch jemand anderen als Instrument verwenden können. Heute gebraucht Er vielleicht uns, aber schon morgen kann Er uns wieder verwerfen, wenn wir Ihn nicht auf Seine Weise zufrieden stellen. Darum müssen wir sehr dankbar sein, dass Er uns gewählt hat und nicht jemand anderen. Wir müssen unserem Inneren Führer unentwegt dankbar sein und gleichzeitig fühlen, dass das Ergebnis unserer Handlungen nicht uns gehört. Es wird sich als Misserfolg oder Erfolg äußern, aber da wir nicht die Handelnden sind, kann uns das Resultat nicht binden.

Wir übergeben also das Ergebnis unserer Handlung sogleich unserem Inneren Führer. Während Er uns gebraucht, müssen wir fühlen, dass wir unseren Körper, unsere Lebenskraft, unseren Verstand, unser Herz und unsere Seele für jene Sache einsetzen, für die Er uns auserwählt hat, und versuchen, uns Seiner göttlichen Gnade würdig zu erweisen. Nur wenn wir alle diese ergebenen Haltungen in unserem Wesen vereinen können, während unser Innerer Führer in und durch uns handelt, kann absolute Vollkommenheit in uns wachsen. Wenn wir etwas Einzigartiges in unserem aufstrebenden Leben vollbringen, wächst die Vollkommenheit von selbst.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Reinheit und Aufrichtigkeit?

Sri Chinmoy: Aufrichtigkeit beginnt im Endlichen und wird zum Unendlichen. Aufrichtigkeit ist eine Sache des Verstandes. Sie beginnt im Verstand und dehnt sich dann auf das Vitale und den physischen Körper aus. Reinheit hingegen befindet sich im Herzen, kommt vom Herzen und ist für das Herz. Reinheit verkörpert Gott, die absolute Wirklichkeit. Reinheit ist ewig; sie existiert seit dem Tag, an dem Gott Seine Vision erschuf. Gottes Vision und Reinheit gehören zusammen. Wir können sie nicht trennen.

Aufrichtigkeit ist das Tor. Aber wenn du nicht den Schlüssel besitzt, der Reinheit ist, wie willst du dann das Tor öffnen? Du musst mit Aufrichtigkeit zum Tor kommen. Anschließend kannst du das Tor mit dem Schlüssel der Reinheit öffnen. Darum bedeutet Reinheit alles. Wenn du nicht Reinheit entdeckst, wirst du erfolglos bleiben, wie aufrichtig du auch immer sein magst. In der Reinheit wächst die Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit kann wie ein Muskel aufgebaut werden. Aber letztendlich müssen Reinheit und Aufrichtigkeit Hand in Hand gehen.

Frage: Kann Reinheit über Nacht erlangt werden?

Sri Chinmoy: Nein. Genauso wie wir die Gottverwirklichung nicht über Nacht erlangen können, so können wir auch Reinheit nicht über Nacht erlangen. Das ist völlig unmöglich! Dein älterer Bruder hat zehn oder fünfzehn Jahre lang studiert, um seinen Doktortitel zu erhalten. Wenn du noch im Kindergarten bist, kannst du nicht an einem Tag deinen Doktortitel machen. Doch Unmöglichkeit gibt es nur in unserer menschlichen Welt. Wenn dir Gott, der Supreme, Reinheit über Nacht schenken möchte, glaubst du, dass irgendjemand auf dieser Erde es verhindern könnte? Der Supreme besitzt die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen; aber üblicherweise manifestiert Er Seine Wirklichkeit durch kontinuierlichen Fortschritt. Jede Regel hat ihre Ausnahmen, aber diese Ausnahmen sind sehr selten.

Reinheit ist wie ein Muskel, der durch Übung und Training aufgebaut werden kann. Dafür brauchst du viele Jahre der Übung und Gottes Gnade. Wenn du dich um Reinheit bemühst, wirst du sie sicherlich erhalten – wenn nicht heute, dann in zehn Jahren oder in deiner nächsten Inkarnation. Die völlige Läuterung des Physischen, Vitalen und des Verstandes braucht Zeit. Du sehnst dich nach Reinheit im Herzen. Nehmen wir an, du erlangst sie innerhalb weniger Tage oder Monate. Doch den Verstand zu läutern, dauert wesentlich länger. Mit dem Vitalen ist es noch viel schwieriger, und Gott allein weiß, wie viele Jahre es beim physischen Körper dauert!

Reinheit im Herzen zu erlangen, ist also vergleichsweise einfacher. Die Seele ist durch und durch rein. Wenn du dich mit ihr identifizierst, bist du ganz rein. Dann wirst du zur Reinheit selbst. Von dort bringst du dann ein wenig Reinheit ins Herz, welches dafür sehr empfänglich ist. Das Herz ist wie der erste Raum, der Verstand der zweite Raum, die Lebenskraft der dritte und der physische Körper der vierte Raum. So wird das Herz natürlich vor den anderen Mitgliedern der inneren Familie gereinigt, wenn der Reinheitsfluss zu fließen beginnt.

Geduldslicht

Frage: Wie kann man nach Gott verlangen und gleichzeitig geduldig sein? Das erscheint mir als Widerspruch.

Sri Chinmoy: Es ist überhaupt kein Widerspruch. Aufrichtige Sehnsucht zu haben bedeutet keineswegs, dass man keine Geduld hat. Ein Kind sieht, dass sein Bruder einen Doktortitel erlangt hat, während es noch im Kindergarten ist. Das Kind hat ein aufrichtiges Verlangen nach einem Doktortitel, aber es weiß, dass Zeit ein wichtiger Faktor ist. Es wird zwanzig Jahre benötigen, um ihn zu erwerben. Aber wenn es sich nicht auf seine jetzigen Aufgaben konzentriert, wird es seine Prüfungen nicht bestehen. Wie will es dann später auf die Mittelschule oder Universität gehen? Im Augenblick ist das Kind wie ein Same. Allmählich wird der Same keimen und zu einer kleinen Pflanze und schließlich zu einer riesigen Eiche heranwachsen. Glaubt der Same etwa, er würde auf wundersame Weise über Nacht zu einem Baum werden? Nein, das wäre absurd. Alles muss im Rahmen des Evolutionsprozesses, also in einer schrittweisen Entwicklung verlaufen. Wir müssen kontinuierlich voranschreiten. Wenn wir unsere Geduld verlieren, verlieren wir auch unsere Begeisterung und unser inneres Streben und werden unser ersehntes Ziel niemals erreichen.

Alles, was wir erreichen wollen, müssen wir mit der Kraft unserer Aufrichtigkeit erreichen. Wenn wir Studenten sind, müssen wir studieren. Wenn wir spirituelle Sucher sind, müssen wir beten und meditieren. Aufrichtigkeit ist von größter Wichtigkeit. Wenn ein Kind von Anfang an weiß, dass es einen Doktortitel erlangen möchte, wird es aufrichtig sein. Und es muss sein ganzes Leben lang aufrichtig bleiben. Selbst wenn es sein Ziel erreicht hat, muss es immer noch aufrichtig bleiben, um das Licht, das es dort erhalten hat, zu verbreiten.

Wenn wir in jedem Augenblick aufrichtig und geduldig sind, werden uns unsere Errungenschaften wirkliche Erfüllung schenken. Ein Kind kommt von der Volksschule in die Mittelschule, und sein kontinuierlicher Fortschritt wird ihm große Freude bereiten. Unsere gegenwärtige Zufriedenheit mag vielleicht nicht die höchste Form der Erfüllung sein, aber da wir dank unserer aufrichtigen Sehnsucht etwas Zufriedenheit erlangt haben, können wir sicher sein, dass die höchste Erfüllung unweigerlich in uns wachsen und gedeihen wird.

Aufrichtigkeit und Geduld müssen Hand in Hand gehen. Wir beginnen unsere Reise mit Aufrichtigkeit und setzen sie mit Aufrichtigkeit und Geduld fort. Wenn diese beiden Eigenschaften getrennt sind, kann ein Sucher niemals wirklich erfüllt sein. Durch beständigen Fortschritt erreicht er sein Ziel. Wenn er einen Schritt macht, muss er fühlen, dass das im Augenblick sein Ziel ist. Am nächsten Tag muss er dann den nächsten Schritt machen. Will er das höchste Ziel aber auf einmal erreichen, so ist das unmöglich. Wann immer wir aufrichtig sind, werden wir unweigerlich auch eine gewisse Befriedigung empfinden. Diese Befriedigung mag begrenzt sein, aber dennoch ist sie äußerst kostbar; denn von dieser begrenzten Zufriedenheit werden wir in die grenzenlose Erfüllung wachsen.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Geduld und einem Mangel an spiritueller Strebsamkeit? Liegen die beiden nicht eng beisammen?

Sri Chinmoy: Manche Menschen handeln und warten dann auf das Ergebnis. Ein Bauer sät die Saat und wartet anschließend auf den Regen. Nach drei, vier oder sechs Monaten erntet er dann die Früchte seiner Arbeit. Du studierst etwas und dann wartest du geduldig, bis dir mitgeteilt wird, ob du die Prüfung bestanden hast. Andere Leute jedoch legen die Hände in den Schoß und erwarten dennoch ein Resultat. Aber hier wird die Geduld falsch angewendet. Geduld sagt: „Ich werde meinen Teil im spirituellen Leben leisten und das Ergebnis Gott, dem Supreme, zu Füßen legen. Ob Er mir dann Erfolg oder Misserfolg schenken will, liegt ganz an Ihm.“

In einem Leben, das nicht nach einem höheren Ziel strebt, wird nicht gehandelt; und wenn man keine Handlung setzt, dann braucht man auch keine Geduld. Diese Art von Leben ist eine einzige Hingabe an die Unwissenheit. Wenn wir innerlich nicht streben, gibt es nur unsere bewusste Hingabe an die Unwissenheit. Wir erhoffen oder erwarten etwas von der Welt; aber wie können wir etwas erwarten, wenn wir nicht danach streben? Das ist reine Dummheit. Aber wenn wir spirituell streben, können wir ein Ergebnis erwarten, und dieses Ergebnis wird entweder Erfolg oder Misserfolg sein – ganz nach dem Willen Gottes.

Frage: Wie kann ich mehr Geduld mit meiner Tochter und mehr Verständnis für sie haben?

Sri Chinmoy: Der Supreme hat unendliche Geduld mit dir und deinem Leben und ist voller Verständnis für dich. Wenn dir bewusst wird, was Er für dich tut, und dafür dankbar bist, dann wirst du dasselbe natürlich auch für dein liebes Kind tun wollen. Da du erkennst, dass Jemand genau das für dich tut, was du für deine Tochter tun möchtest, nur unendlich viel vollkommener, ist es gut möglich, dass du dasselbe auch bei deinem Kind tun kannst.

Die eigene spirituelle Höhe halten

Frage: Gibt es irgendetwas, das wir tun können, um die Inspiration und Begeisterung, die wir zu Jahresbeginn hatten, aufrecht zu erhalten? Üblicherweise habe ich bis März die Hoffnung aufgegeben, meine Neujahrsvorsätze in die Tat umsetzen zu können.

Sri Chinmoy: Statt eines Vorsatzes kannst du dir zwölf Projekte vornehmen. Im Augenblick haben wir Januar. Fühle, dass du im Januar dein erstes Projekt verwirklichen wirst – nicht auf Biegen und Brechen, sondern mit deiner größt-möglichen Aufmerksamkeit und spirituellen Strebsamkeit. Hast du es jedoch bis Monatsende nicht vollbracht, dann vergiss es einfach. Stell dir vor, dass dieser Monat in deinem Leben nicht existiert hat. Wenn du denkst: „Da ich schon im Januar versagt habe, gibt es im Februar keine Hoffnung auf Erfolg“, bist du völlig verloren. Wenn du im Januar erfolglos warst, dann fühle, dass dieser Monat in deinem Kalender nicht existiert. Das ist kein Selbstbetrug, sondern Weisheit. Alles, was dich auf dem Weg zum Ziel bremst, ist dein Feind. Bist du hingegen erfolgreich, so musst du weise sein und sagen: „Im Januar ist mir etwas geglückt. Jetzt möchte ich auch im Februar erfolgreich sein.“

Vor vielen Jahren hat mein Chef etwas geschrieben, was ich damals nicht glauben konnte. Doch jetzt, nach vielen Jahren, habe ich es verstanden. Er schrieb: „Halbherzigkeit ist etwas ganz Schlechtes. Wenn du unparteiisch bist, dann bist du mein Feind.“ „Wie ist das möglich?“ fragte ich ihn damals. Er antwortete: „Wenn du im Falle einer Meinungsverschiedenheit nicht mit voller Überzeugung entweder auf meiner Seite oder der Gegenseite stehen kannst, sondern zu fünfzig Prozent auf jeder Seite stehst, dann bist du mein Halbfeind.“ Deswegen sollten wir Halbherzigkeit als unseren wirklichen Feind betrachten. Wenn ein neuer Monat beginnt, sollten wir alles Gute aus dem alten Monat bewahren und alles Schlechte beiseite schieben. Wir sollten nicht neutral, sondern zu hundert Prozent für eine Sache, ein Ziel sein.

Andererseits musst du aber wissen, dass Neutralität nicht Gleichgültigkeit ist. Viele meiner Schüler legen ein gleich-gültiges Verhalten an den Tag. Das ist sehr, sehr schlecht. Wirkliches, spirituelles Freisein von Anhaftung bedeutet Transzendenz. Wenn wir dies erlangt haben, sind wir unabhängig – erhaben über allen Aufruhr in dieser Welt. Dann kann uns das Spiel der Natur nicht mehr beeinträchtigen; wir stehen über den Geschehnissen in der Welt.

Frage: Guru, wie können wir spirituell streben, während wir in der äußeren Welt arbeiten?

Sri Chinmoy: Fühle früh am Morgen, während du betest und meditierst, dass du wirklichen Reichtum in Form von Frieden, Licht und Freude angehäuft hast. So wie du dein Geld in deiner Geldbörse aufbewahrst, so kannst du auch Frieden, Licht und Freude in deinem Herzen aufbewahren. Wenn dich dann die Unwissenheit bedrängt, kannst du diese ungöttliche Kraft mit deinem spirituellen Reichtum abschrecken oder besiegen. Mit der Macht des Geldes kannst du dir in der materiellen Welt kaufen, was du willst. Genauso ist auch die spirituelle Kraft, die dein Gebet und deine Meditation dir schenken, eine wirkliche Kraft. Wenn die Menschen um dich herum streiten, schreien und sich unmöglich benehmen, dann bring deine innere Kraft zum Vorschein, die du in deinem Herzen bewahrt hast. Erinnere dich, wie viel Frieden, Licht und Freude du am Morgen bekommen hast. Frieden ist Kraft, Licht ist Kraft, Freude ist Kraft, genauso wie auch Geld eine Kraft ist. Bring diese Kraft einfach zum Vorschein und dein Problem wird beseitigt sein.

Frage: Wie kann ich den Frieden, den ich im Meditationszentrum fühle, zu Hause weiter bewahren?

Sri Chinmoy: Du kannst diesen Frieden bewahren, indem du dir diesen Ort mit all den Gefühlen, die du damit verbindest, vergegenwärtigst. Deine Seele trägt den Frieden ständig mit sich; dein Verstand hingegen kann ihn schon verlieren, wenn du nach dem Treffen im Meditationszentrum wieder in dein Auto einsteigst. Sobald du auf der Straße bist, können die dort herrschenden Kräfte in dich eindringen und dir deinen Frieden rauben. Wenn du dir aber ständig vor Augen führen kannst, was du erhalten hast, dann bist du in Sicherheit.

Geistige Vorstellung steht am Beginn jedes schöpferischen Aktes. Ohne sie können wir nichts tun. Sie mag nicht alles sein, aber wir beginnen immer mit ihr. Zu Beginn stellen wir uns vor, wie unser spiritueller Meister sein oder wie sich unser Frieden anfühlen wird. Dann gehen wir tief nach innen und erkennen, dass uns diese Vorstellung Inspiration geschenkt hat. Diese Inspiration wiederum schenkt uns innere Strebsamkeit und diese schließlich die Gottverwirklichung.

Wenn du jeden Tag zu Hause meditierst, wird es für dich leicht sein, den Frieden, den du im Meditationszentrum erhältst, zu bewahren. Hast du jedoch zu Hause Probleme oder arbeitest beziehungsweise studierst an einem Ort, an dem du den Frieden einfach nicht bewahren kannst, dann versuche dir bitte zu vergegenwärtigen, was du hier gefühlt hast. Überflute deinen Verstand mit der Vorstellung des Friedens, den er hier bekommen hat. Geistige Vorstellung allein ist nicht die Lösung für alles, aber am Anfang ist sie sehr hilfreich.

Außerdem solltest du wirklich täglich meditieren. Früh am Morgen, bevor es dämmert, ist die beste Zeit dafür. Jeder Tag beginnt mit neuem Licht und neuer Hoffnung. Jeden Morgen erfüllt uns neues Leben. Darum ist die Morgenmeditation für jeden, der einem spirituellen Pfad folgen will, unverzichtbar.

Wenn du mit spirituellen Menschen zusammen sein kannst, dann können sie dir auch helfen. Natürlich wirst du andere Menschen nicht ignorieren oder gar hassen. Spirituelle Menschen dürfen die Menschheit nicht hassen, aber du musst sehr vorsichtig sein. Du musst wissen, dass deine Kraft beziehungsweise deine Fähigkeiten sehr begrenzt sind. Solange das so ist, solltest du dich nicht mit jedermann abgeben. Darum triff dich mit spirituellen Menschen und meditiere regelmäßig, sobald du nach Hause kommst. Besitzt du einmal ausreichende innere Kraft, wird dir nichts mehr verloren gehen, ganz gleich was du tust. Dann wirst du bewahren können, was immer du hier und in deiner Meditation empfängst. Im Augenblick aber triff dich in erster Linie mit spirituellen Menschen und komm regelmäßig ins Meditationszentrum. Bitte tue alles, um den Frieden in dir zu assimilieren. Bevor du den Frieden assimiliert hast, kann er leicht wieder verloren gehen. Ist er aber einmal im spirituellen System verankert, kannst du ihn nie mehr verlieren.

Frage: Wie kann ich meine Freude und Unkompliziertheit inmitten der geistigen Aktivität bewahren, die mein Studium erfordert?

Sri Chinmoy: Deine Schularbeiten erfordern zwar geistige Aktivität, aber du solltest fühlen, dass du dadurch eine höhere Autorität in dir zufrieden stellst und das ist der Supreme in mir. Wenn du zwischen deinem Studium und selbstlosem, hingebungsvollem Dienst wählen könntest, würdest du sofort das Studium beiseite legen und dich Letzterem zuwenden. Während du aber studierst, solltest du fühlen: „Nein, ich tue das, weil mich mein Meister innerlich darum gebeten hat.“ Sobald du fühlst, dass du nicht der Handelnde, sondern nur ein Instrument bist, wirst du versuchen, ausschließlich den Inneren Führer in dir zufrieden zu stellen. Die Freude, die du dabei erhältst, wird dir immer bleiben. Obwohl du vielleicht mechanische oder intellektuelle Tätigkeiten verrichten musst, die dich wenig begeistern und mit Spiritualität wenig zu tun haben mögen, wirst du die größte Freude dabei empfinden, weil du deiner inneren Stimme folgst. Während du studierst, solltest du fühlen, dass du einem inneren Befehl folgst. Diesen Befehl auszuführen wird dir größte Freude bereiten, weil du auserwählt wurdest, diese Sache zu tun.

Wen bitten wir um einen Gefallen? Nur jemanden, den wir lieben, dem wir vertrauen und auf den wir unsere Hoffnung setzen. Wenn dich also Gott um etwas bittet, so fühle, dass es sich um etwas handelt, das Er braucht und möchte. In diesem Fall ist Gehorsam die größte Freude.

Hast du hingegen das Gefühl, Gott sei in deiner Arbeit nicht mit einbezogen und das spirituelle Leben habe mit dem, was du tust, nichts zu tun, dann kann darin auch keine Freude liegen. Es ist so, als kämst du bei einer Arbeit mit Schmutz in Berührung. Doch wer hat dich darum gebeten? Wenn dich dein Innerer Lenker, dein Meister, darum gebeten hat, dann ist es das Richtige und du wirst Freude dabei haben. Dann bist du nicht der Handelnde, sondern lediglich der Diener einer höheren Wirklichkeit. Ein aufrichtiger Sucher ist jener, der der inneren Göttlichkeit, der Quelle, dient. Es kann keine größere Freude geben als das Gefühl, zu dienen. Die Schwierigkeiten beginnen dann, wenn du nicht von innen oder von einer höheren Autorität dazu aufgefordert wurdest. Dann bist du der Handelnde und die Freude bleibt aus.

Darum fühle, dass du nicht der Handelnde bist; du führst nur einen höheren Befehl aus. Dann wirst du bei allem, was du tust, Freude empfinden, weil du einem höheren Zweck dienst – selbst wenn du während der Arbeit an einer Maschine selbst schon fast zu einer Maschine wirst. Etwas in dir verrichtet dann die Arbeit und du bist lediglich das Instrument dazu. Du erlaubst nur einer höheren Quelle, eine Erfahrung in dir und durch dich zu machen.

Frage: Wie kann ich in all der Hektik an der Schule spirituell strebsam bleiben?

Sri Chinmoy: Bete und meditiere noch aufrichtiger, um jede falsche Regung in deinem Leben zu unterbinden. Sei achtsamer, bewusster, reiner. Wenn du diese grundlegenden Dinge in jeder Lebenslage einhältst, wird deine spirituelle Strebsamkeit von allein viel intensiver werden.

Frage: Wie kann ich spontane Freude bewahren?

Sri Chinmoy: Du kannst spontane Freude bewahren, indem du dir in Erinnerung rufst, was du einst warst und Dankbarkeit dafür empfindest, was inzwischen aus dir geworden ist. Schau dir den Fortschritt an, den du gemacht hast, und fühle, dass du aufgrund dieses Fortschritts deinem Ziel entgegen läufst. Fühle einen kontinuierlichen Fluss von Lebenswirklichkeit in dir erglühen. Wenn du dir dieses Stromes bewusst wirst, kannst du leicht die spontane Freude deines Herzens bewahren.

Frage: Guru, bevor ich einschlafe, fühle ich mich oft mit Liebe und Freude erfüllt. Wenn ich frühzeitig ins Bett gehen möchte und das Licht abschalte, bleibe ich manchmal ohne jeden bewussten Gedanken, aber voller Dankbarkeit wach. Jedoch fürchte ich mich dann vor dem Aufstehen in der Früh. Ich möchte gerne erholt sein, aber stattdessen schlafe ich nur drei bis vier Stunden.

Sri Chinmoy: Hast du dann schlechte Gedanken?

Antwort: Nein. Ich bin gut gelaunt und sehr glücklich.

Sri Chinmoy: Das ist sehr gut. Warum versuchst du dann nicht noch einmal zu meditieren? Wenn du nicht einschlafen kannst und dich keine schlechten Gedanken quälen, kannst du auch lernen oder meine oder andere spirituelle Bücher lesen. Das Beste jedoch ist, dich auf die Meditation einzustimmen. Gott gibt dir die Gelegenheit, mehr zu meditieren. Bist du am nächsten Tag müde?

Antwort: Nun, für gewöhnlich fühle ich mich wunderbar, wenn ich am Morgen hierher komme. Aber dann fürchte ich ständig, aufgrund meiner Müdigkeit nicht so gut meditieren zu können, wie ich sollte.

Sri Chinmoy: Warum? Wenn nichts Störendes, keine störenden Gedanken vorhanden sind, solltest du sehr glücklich sein, dass du die Zeit zum Meditieren nützen kannst. Aber quäle dich nicht, indem du dir den notwendigen Schlaf verweigerst. Wenn die Müdigkeit kommt, dann lass den Schlaf zu. Kommt sie jedoch nicht, solltest du glücklich sein, dass du diese Stunden für dich nützen kannst.

Frage: Wie kann man am besten seinen inneren Ruf, die Sehnsucht nach dem Göttlichen, aufrecht erhalten?

Sri Chinmoy: Das Wichtigste ist, dem Supreme jede Sekunde deine Dankbarkeit darzubringen. Dein innerer Ruf kommt von Gottes Anteilnahme und Mitgefühl. Wenn du deine Dankbarkeit darbringst, wird dein innerer Ruf sofort intensiver; er wird fortlaufend und beständig. Wenn du Dankbarkeit darbringst, steigt dein innerer Ruf zum Höchsten empor.

Frage: Ich glaube, dass wir uns jeden Tag hingeben müssen. Ein Tag allein reicht nicht aus. Ist das richtig?

Sri Chinmoy: Das ist vollkommen richtig. Wir müssen uns jeden Tag von neuem hingeben. Und ich möchte betonen, dass diese Hingabe nicht nur jeden Tag, sondern jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde gelebt werden muss. Jede Sekunde müssen wir unsere Hingabe erneuern. Wenn wir das nicht tun, mögen wir uns vielleicht früh am Morgen Gott hingeben; während des Tages jedoch, wenn wir schlechte, entmutigende Nachrichten erhalten, kann es sein, dass wir uns plötzlich völlig gegen Gott wenden. Am Morgen fühlen wir, dass Gott gnädig ist; darum können wir uns Ihm hingeben. Während des Tages jedoch passieren vielleicht einige negative Dinge. Dann bezeichnen wir Gott als das Schlimmste aller Geschöpfe und verweigern Ihm unsere Hingabe. In einem Moment sind wir mit Gott zufrieden und sagen: „Gott, ich gebe mich Dir hin.“ Aber schon im nächsten Moment denken wir: „Jetzt muss ich mich schon wieder hingeben. Wie soll ich das nur tun?“

Ob wir nun lesen, essen, kochen oder uns unterhalten – in jedem Augenblick sollten wir fühlen, dass wir uns im Schoße Gottes, des Supreme, befinden. Ein Kind hat im Schoß der Mutter das Gefühl, vollkommen zu sein. Solange es im Schoß der Mutter ist, liegt es in der Verantwortung der Mutter, für das Kind zu sorgen. Genauso solltest du im spirituellen Leben fühlen, dass du dich im Schoß des Supreme befindest.

Niemand kann vierundzwanzig Stunden am Tag jede Sekunde meditieren. Niemand kann vierundzwanzig Stunden am Tag sagen: „Ich gebe mich hin.“ Aber wir können ständig in unserem Geist oder in unserer Vorstellung den Gedanken hegen, uns im Schoß des Supreme zu befinden. Wir brauchen es uns nur vorzustellen, und diese Vorstellung allein wird das Wunder bewirken, unsere Hingabe dauerhaft zu machen. Nur tun wir das leider nicht. Wir meditieren vielleicht eine halbe oder ganze Stunde und anschließend zehn Stunden nicht mehr. Am Abend meditieren wir dann wieder. Aber inzwischen sind sehr viele Probleme in unser Leben getreten. Wer gestattet all diesen Problemen, in unser Leben zu kommen? Wir selbst, weil wir zwischen unserer ersten und unserer zweiten Meditation einen so großen Abstand lassen. Das können wir leicht vermeiden, wenn wir fühlen können, dass wir ständig im Schoß des Supreme sitzen.

Frage: Ist Hingabe dasselbe, wie zum Supreme zu beten, dass Sein Wille geschehen möge?

Sri Chinmoy: Nein! Hingabe ist kein Gebet. Jedermann betet früh am Morgen, um seinen Willen mit dem Willen des Supreme eins zu machen. Früh am Morgen sagst du möglicherweise: „O Supreme, Dein Wille sei auch mein Wille.“ Wirkliche Hingabe jedoch ist nicht dein Gebet oder deine Meditation; es ist dein Tun. Wenn sich etwas in deinen Gedanken oder in deinem Leben ereignet, dann erweist sich, ob du deinen Willen dem Willen des Supreme überantwortet hast.

Stille und Wahrheit

Frage: Ist es richtig, auf eine Frage mit Schweigen zu antworten, oder sind wir verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, wenn uns eine Frage gestellt wird?

Sri Chinmoy: Dafür müssen wir die Wahrheit wirklich kennen. Nehmen wir an, zwei junge Männer haben gestritten und sind handgreiflich geworden. Zuerst schlagen sie mit ihren Fäusten aufeinander ein und schließlich ziehen beide ihre Messer. Einer von beiden fühlt sich unterlegen und läuft weg, während der andere ihn verfolgt. Du meditierst am Fuße eines Baumes und beobachtest, wie sich das Opfer in einer Höhle versteckt. Der andere fragt dich: „Hast du den Kerl gesehen? Wo ist er hingelaufen? Ich will ihn umbringen!“ Du kennst die Wahrheit. Würdest du in diesem Fall sagen: „Ja, er versteckt sich in dieser Höhle“? Was wird dieser Mann machen, wenn du die Wahrheit sagst? Er wird hingehen und seinen Widersacher umbringen. Diese Art von Wahrheit ist nichts anderes als Dummheit. In so einem Fall hast du zu schweigen. Du kennst wohl die Wahrheit, aber die Wahrheit zerstört hier mehr, als sie helfen kann.

In dieser Welt sollten wir immer wissen, ob unsere Wahrheit dabei hilft, Gottes Vision und Wirklichkeit zu erfüllen. Es ist sehr gut, die Wahrheit zu sagen, aber wir sollten immer auch die Auswirkungen der Wahrheit kennen. Wenn wir die Wahrheit sagen und jemand wird dadurch umgebracht, sind wir in Gottes Augen ebenso schuldig wie der Mörder.

Ich sage immer: „Sage die Wahrheit, aber bleibe in einem seelenvollen Bewusstsein. Dann wirst du wissen, was Gott von dir möchte.“ In unserem normalen Bewusstsein versuchen wir stets, auf unsere eigene Weise Freude oder Vergnügen aus der Wahrheit zu beziehen. Gebrauchen wir die Wahrheit jedoch für unsere eigenen Interessen, können wir uns große Schwierigkeiten einhandeln. Gebrauchen wir sie hingegen für Gott, wird uns Gott sofort die Weisheit geben zu wissen, wann wir den Mund aufmachen sollen und wann nicht. Wahrheit ist gut, aber in dieser begrenzten Welt sollten wir die höchste Wahrheit so sehen, wie das Göttliche, der Supreme, möchte, dass wir die Wahrheit sehen, verwirklichen und verkörpern.

Frage: Guru, könntest du bitte den folgenden Aphorismus aus dem Buch „Nahrung für die Seele“ erläutern: „Ich sage die Wahrheit; die Welt ist gekränkt. Ich lüge; Gott ist gekränkt. Was soll ich nur tun? Stille. Ich muss in der Stille leben und zum lächelnden Odem der Stille werden. Siehe, die Welt liebt mich und Gott segnet mich!“

Sri Chinmoy: Wenn wir im Alltag die Wahrheit sagen, möchte sie die Welt nicht hören; sie ist sofort gekränkt. Hingegen lieben es die Menschen, wenn man ihnen schmeichelt. Sie verdienen unsere Schmeichelei nicht, aber sie möchten sie gerne hören. Wann immer wir ihnen etwas geben, das sie gar nicht verdienen, sind sie zufrieden mit uns.

Wahrheit ist so schmerzhaft. Wenn wir die Wahrheit sagen, müssen wir wissen, ob wir damit das göttliche Bewusstsein in anderen erwecken oder nur größere Feindseligkeit hervorrufen. Manchmal sagen wir die Wahrheit nur um sagen zu können: „Ich weiß die Wahrheit und du solltest sie auch wissen.“ Indem wir anderen aber die Wahrheit mit dieser Einstellung an den Kopf werfen, tun wir ihnen nichts Gutes, weil sie dann wahrscheinlich nichts damit anfangen beziehungsweise nicht damit umgehen können. Sie werden die Wahrheit nicht erkennen können, sondern lediglich verletzt sein. Dann werden sie uns und sich selbst gegenüber noch feindlicher gesinnt sein. Aus Überheblichkeit und Angst werden sie sogar noch ihre kleine Chance auf Wahrheit zunichte machen. Darum lasst uns immer sehr vorsichtig sein und daran denken, dass die Welt gekränkt ist, wenn wir die Wahrheit sagen. Die Welt ist noch nicht bereit, die Wahrheit zu hören und anzunehmen. Das Einzige, was die Welt hören will, ist Anerkennung und Schmeichelei. Wahrheit ist sehr schmerzhaft.

Lügen wir hingegen, so verletzen wir natürlich Gott. Darum muss ich in Stille leben und zum lächelnden Atem der Stille werden. Und siehe da, die Welt liebt mich und Gott segnet mich! Wenn wir wirklich in der Stille leben, in reinster Stille, dann werden Liebe, Reinheit und innere Freude von allein in uns wachsen. Stille bleibt nicht allein; in der Stille liegt Freude – eine Art inneres Entzücken und innere Zuversicht. Wenn wir also in der höchsten Stille verweilen, werden die göttlichen Qualitäten, welche in der Stille liegen, von allein auch zu den Menschen in unserer Umgebung fließen. Dann wird uns die Welt zutiefst schätzen.

Wir meinen vielleicht, indem wir still bleiben, würden wir uns bloß niemanden zum Feind machen. Handelt es sich aber um wirkliche göttliche Stille, so strahlt sie innere Göttlichkeit aus. Und diese innere Göttlichkeit fließt auch zu den Menschen in unserer Umgebung. Dann werden sie uns wirklich lieben, weil sie unbewusst fühlen, dass etwas Wohltuendes von uns ausgeht. Sie werden nicht genau wissen, was es ist, aber sie werden fühlen, dass wir ihnen etwas Handfestes, Tiefgehendes und Bedeutungsvolles schenken, das sie wirklich benötigen, und unsere Gaben zutiefst schätzen.

Gott wird uns augenblicklich segnen, wenn es Ihm gelingt, unser Dasein in ein Meer der Stille zu verwandeln. Und wenn wir uns von dem Tumult, den Sorgen und dem Zaudern in der Welt befreien können, wird uns Gott abermals segnen. Im Meer der Stille wächst unser wahres göttliches Leben. Das göttliche Leben kann in jedem Menschen nur dann gedeihen, wenn er innerlich und äußerlich Stille bewahren kann. Diese Stille ist keine Totenstille. Sie wirkt äußerst dynamisch und kraftvoll, aber niemals aggressiv. Sie wirkt mit der Kraft der Seele.

Während wir etwas tun, bleiben wir innerlich ruhig und gelassen. Verbleiben wir hingegen in der Stille, so laufen wir innerlich sehr schnell, auch wenn keine äußere Bewegung stattfindet. Alles geschieht in der inneren Welt, in der Seelenwelt, in der die Stille äußerst dynamisch und erfüllend ist. Wenn wir diese Art der Stille erlangt haben, wird uns Gott natürlich segnen, weil wir die Wahrheit erkannt haben und die Wahrheit leben.

Übersetzungen dieser Seite: Czech
Dieses Buch kann zitiert werden unter Verwendung des Zitierschlüssels pt