Sri Chinmoy antwortet, Teil 5

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Frage: Wie kann man der Dankbarkeit genügend Ausdruck verleihen?

Sri Chinmoy: Eigentlich brauchst du nicht versuchen, der Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Wenn du wahre Dank­­barkeit empfindest, wird sie sich selbst zum Ausdruck bringen. Sie wird in deinen Augen sichtbar sein und man wird sie in deinem Wesen erkennen, in deiner Aura. Dankbarkeit wird wie der Duft einer Blume sein. Es gibt Blumen, die keinen Duft verströmen. Doch gewöhnlich besitzen die schönen Blüten natürlich auch einen Duft. Die Blume kann von ihrem Duft nicht getrennt werden.

Das Lieblichste im Leben eines Suchers ist Dank­barkeit. Das Lieblichste im Leben eines jeden Menschen ist Dankbarkeit. Sobald in deinem Herzen Dankbarkeit vorhanden ist, wird in deinen Augen eine enorme Lieblichkeit erkennbar sein. Wenn ich einen Schüler anschaue, dann betrachte ich die Schönheit seiner Augen. Die Schönheit der Augen wird nicht durch ihre Form oder Farbe bestimmt. Nein, die Schönheit der Augen hängt von der Schönheit des Herzens ab. In den Augen suche ich nach Reinheit, Dankbarkeit und nach einigen anderen Eigenschaften, die direkt vom Herzen stammen.

Doch von all den Eigenschaften, nach denen ich Ausschau halte, ist Dankbarkeit die Wichtigste. Sobald Dankbarkeit in deinem Herzen vorhanden ist, drücken deine Augen sie in Form von Lieblichkeit aus. In manchen Augen erblicke ich unendlich viel Süße, wenn sie mich anschauen. Sie sind so süß, wie die absolut köstlichsten indischen Süßigkeiten.

Frage: Meine Liebe für dich betrachte ich wahrhaft als ein Geschenk der Gnade. Da die Gnade völlig bedingungslos ist, frage ich mich, wie der Supreme entscheidet, wem Er die Gnade gewährt?

Sri Chinmoy: Im gewöhnlichen menschlichen Dasein ist alles stets an Bedingungen geknüpft: Wenn du mir dieses gibst, gebe ich dir jenes. Du musst mir zehn Dollar geben, damit ich dir einen Dollar gebe. Oder ich gebe dir zehn Dollar und du gibst mir einen Dollar. Es existieren stets Bedingungen, Bedingungen, Bedingungen.

Wenn der Supreme etwas gibt, dann gibt Er es bedingungslos und erwartet keine Gegenleistung. Doch wenn du weise bist, dann wirst du Ihm geben, was du hast und was du bist. Wenn du nicht gibst, was du hast und was du bist, kannst du nichts von Ihm empfangen. Der unendliche Ozean ist stets bereit, dem Tropfen alles zu geben, damit der Tropfen mit ihm verschmelzen kann. Doch wenn der Tropfen sich nicht dem Ozean hingibt, wie kann er dann dessen Unendlichkeit empfangen? Der Ozean ist immer bereit, dass du ihn empfängst. Doch wenn du den Tropfen, der du selbst bist, nicht dem Ozean hingibst, wie kannst du dann zum Ozean werden?

Das Sonnenlicht scheint für alle. Doch wenn ich die Türen und die Fenster verschlossen halte, kann ich es nicht empfangen. Der Supreme lässt Sein unendliches Licht, Seinen unendlichen Frieden und Seine unendliche Glückseligkeit unaufhörlich auf jeden Einzelnen herabströmen. Doch wir empfangen diese Dinge nur gemäß unserer Liebe für den Supreme und gemäß unseres Verlangens nach dem Supreme.

Große spirituelle Meister vollbringen bedingungslos unzählige Dinge für die Menschheit. Sie reisen umher, geben Vorträge und halten Meditationen. Doch wie viele Menschen kommen zu ihnen, um etwas zu empfangen? Ich gebe Friedenskonzerte, ich schreibe Gedichte, ich male und zeichne. Ich tue viele, viele Dinge, die ich nicht tun müsste. Sri Krishna sagte, dass man nach der Gottver­wirk­lich­ung nichts mehr tun müsse. Keine dieser Tätigkeiten wird meine Gottverwirklichung steigern. Doch ich schreibe, male, gebe Friedenskonzerte und tue all diese Dinge, nur um andere zu inspirieren.

Frage: Leider weiß ich, dass der Verstand durch verschiedene Stadien der Empfänglichkeit geht. Ist das auch bei der Seele der Fall oder ist die Seele immer empfänglich?

Sri Chinmoy: Die Seele ist immer empfänglich. Die Seele strebt stets danach, mehr Licht, mehr Freude, mehr Wonne und mehr von den anderen göttlichen Eigenschaften zu empfangen. Das Herz empfängt von Zeit zu Zeit, aber nicht immer. Die Seele jedoch empfängt immer. Wenn der Meister Frieden anbieten will, wenn er Liebe, Licht und Wonne oder eine andere göttliche Eigenschaft anbieten will, dann nimmt die Seele diese Eigenschaften einfach auf. Sie ist immer begierig und hungrig nach diesen Dingen, denn sie schätzt sie. Ein Arzt weiß den Wert der Medikamente zu schätzen. Doch wenn man kein Arzt ist und sich nicht krank fühlt, hegt man wenig Interesse für Medikamente.

Frage: Kannst du bitte über Kompromisse sprechen? Obwohl ich weiß, dass es nicht das Beste ist, sich gehen zu lassen, fühle ich mich manchmal dazu gezwungen, weil unsere Lebensweise voller Stress ist.

Sri Chinmoy: Das ist eine sehr bedeutsame Frage. Vom höchsten spirituellen Gesichtspunkt aus betrachtet, ist ein Kompromiss vollkommen falsch. Wenn ich das Höchste kenne, wenn ich weiß, was für mich das Beste ist, dann sollte ich keinen Kompromiss eingehen.

Wenn zwei Länder einen Kompromiss schließen, dann ist das mehr ein Scherz. Dieser Kompromiss entsteht aus Angst. Zuerst kämpfe ich viele, viele Jahre mit dir und jetzt, da ich schwach geworden bin, sage ich: „Wir hören mit dem Kämpfen auf!“ Doch mein Herz brennt und insgeheim werde ich an einer neuen Waffe oder an einer neuen Strategie basteln, um dich zu besiegen. Und schon morgen, wenn ich mich gestärkt fühle, werde ich wieder kämpfen wollen. Meine Befürchtung, dass du eben­falls stärkere Waffen gebaut hast, ist der einzige Grund, weshalb ich dich dann nicht angreife. Und so beruht der von uns geschlossene friedliche Kompromiss auf beidseitiger Angst und nicht auf beidseitiger Weisheit. Insge­heim wollen wir nur einige Jahre oder einige Monate lang friedfertig sein, um uns auf eine zukünftige Schlacht vorbereiten zu können.

Wenn man sich im spirituellen Leben mit der höchsten Göttlichkeit einer Person beschäftigt, dann steht ein Kompromiss außer Frage. Für den spirituellen Fortschritt meiner Schüler habe ich die volle Verantwortung übernommen. Jedesmal, wenn ich einen Kompromiss eingehe und jemandem gestatte, etwas Unrechtes zu tun, verzögere ich damit den Fortschritt dieser Person. Mein Ziel lautet, jeden Einzelnen schnellstmöglich zu dem ihm bestimmten Ziel zu bringen. Wenn ich ihm gestatte, seinen Fortschritt zu verzögern und etwas Unrechtes zu tun, dann wird er mir später, wenn er sich in einem göttlichen Bewusstsein befindet, deshalb Vorwürfe machen. Er wird sich elend fühlen, wenn er erkennt, dass diese und jene Person wesentlich schnelleren Fortschritt gemacht hat als er selbst. Er wird sagen: „Ach Gott, sie waren weit langsamere Läufer als ich. Nun haben sie mich alle überholt. Warum hast du zugelassen, dass ich diesen Kompromiss eingegangen bin?“

Mit Kompromissen verhält sich folgender­maßen: Wenn du um fünf Uhr zur Meditation aufstehen willst, sagt dein Verstand: „Ach, es ist noch zu früh.“ Auch um sechs, sieben, sogar um acht Uhr sagt der Verstand, es sei noch immer zu früh. Wenn du dann letztlich um neun oder um zehn Uhr aufstehst, sagt der Verstand: „Du Narr, jetzt ist es schon zu spät, um zu meditieren! Wer hat dir gesagt, dass du auf mich hören sollst?“

Manchmal zwingen mich auch die Schüler, einen Kom­­­promiss einzugehen. Ich weiß, dass jemand falsch handelt, doch aus Mitleid oder wegen verschiedenster anderer Gründe muss ich es dulden. Dann bin ich derjenige, der wirklich leidet, denn ich muss diese Person auf meine Schultern setzen und sie tragen, da der Meister in seiner göttlichen Verantwortung sicherzugehen hat, dass jeder seiner Schüler am schnellsten läuft.

Frage: Was empfindet ein Gott oder eine Göttin, wenn ein menschliches Wesen denselben Namen trägt?

Sri Chinmoy: In Indien geben Eltern ihren Kindern manchmal spirituelle Namen, etwa Lakshmi oder Krishna, um damit deren göttliche Eigenschaften hervorzubringen. Sie geben diese Namen, damit sie jeden Augenblick versuchen, in ihren Kindern die Gegenwart dieser Götter oder Göttinnen zu sehen. Sie beten, dass die göttlichen Eigenschaften, die diese Götter und Göttinnen haben, in und durch ihre Kinder manifestiert werden. Manche Eltern beten monate- und jahrelang, damit ihre Kinder diese göttlichen Eigenschaften bekommen.

Es gibt jedoch auch Eltern, die keine einzige Sekunde beten. Sie geben die Namen, nicht weil sie möchten, dass ihre Kinder spirituell werden, sondern weil es ihnen gefällt wenn sie sagen können, der Name ihres Sohnes sei Rama oder Krishna. Sie geben ihren Kindern heilige Namen, doch sie lehren sie unfassbare Dinge, damit die Kinder später in Berufen erfolgreich sind, in denen nicht das geringste strebsame Bewusstsein vorhanden ist. Sie geben ihren Kindern den vorbildlichen Namen von Göttern oder Göttinnen, doch dann führen sie ihre Kinder eher in den Dschungel des Betruges als in den Garten der Göttlichkeit.

Wenn ich einem meiner Schüler einen spirituellen Namen gebe, so tue ich es, weil ich das Potenzial und die inneren Fähigkeiten des Schülers sehe. Ich erkenne, welche Eigenschaft der Schüler in dieser Inkarnation am ehesten hervorbringen kann. Jede Person besitzt viele göttliche Eigenschaften, doch manche Eigenschaften sind stärker ausgeprägt oder können in dieser Inkarnation eher manifestiert werden als andere. Deshalb vergebe ich die verschiedenen Namen, in Abhängigkeit von der Fähigkeit, der Bereitschaft und dem Eifer einer Seele, wie sie das Göttliche durch bestimmte heilige Eigenschaften manifestieren will.

Wenn die Götter und Göttinnen sehen, dass einige Sucher die Bedeutung ihrer spirituellen Namen manifestieren, sind sie sehr glücklich. Doch sie werden traurig, wenn sie sehen, dass jene Kinder, die nach ihnen benannt wurden, ein ungött­liches Leben führen und ihre Namen entweihen. Es gibt Eltern, die ihren Kindern einen spirituellen Namen geben und ihnen dann den Weg zur Hölle zeigen. Was mich betrifft, so versuche ich, die göttlichen Eigenschaften hervorzubringen, die der spirituelle Name verkörpert, und dem Schüler dann zu helfen, diese Eigenschaften zu manifestieren. Frage: Einmal bot sich mir die Gelegenheit, dir ein sehr ernstes inneres Problem, unter dem ich gelitten hatte, mitzuteilen. Du sagtest, dass du dieses Problem wegnehmen könntest, weil ich es dir gesagt habe. Doch was ist der beste Weg für jemanden, der keine äußere Gelegenheit hat, dir ein Problem vollständig zu übergeben? Innerlich hatte ich es versucht, aber solange ich es dir äußerlich nicht sagen konnte, hatte ich keinen Erfolg.

Frage: Einmal bot sich mir die Gelegenheit, dir ein sehr ernstes inneres Problem, unter dem ich gelitten hatte, mitzuteilen. Du sagtest, dass du dieses Problem wegnehmen könntest, weil ich es dir gesagt habe. Doch was ist der beste Weg für jemanden, der keine äußere Gelegenheit hat, dir ein Problem vollständig zu übergeben? Innerlich hatte ich es versucht, aber solange ich es dir äußerlich nicht sagen konnte, hatte ich keinen Erfolg.

Sri Chinmoy: Diese Frage bricht mein Herz. Glaubst du, wenn jemand ein Geheimnis in seinem Herzen trägt, dass sein Verstand es nicht kennt? Glaubst du, dass sein Vitales es nicht kennt oder sein Körper? Wenn jemand leidet, weil er an einem besonderen Problem festhält, dann leidet sein gesamtes Wesen. Sein Vitales leidet, sein Verstand leidet, alles leidet. Aber wenn jemand ein süßes Geheimnis hat, so erfreut sich ebenfalls sein gesamtes Wesen. Das ist der Grund, warum ein gutes Geheimnis unserem gesamten Wesen Freude schenkt und ein schlechtes Geheimnis für unser gesamtes Wesen Probleme schafft.

In dem Augenblick, wo du dein Geheimnis deinem Meister mitteilen kannst, hast du bereits einen Schritt nach vorn getan. Dann sagt der Meister: „Nun sollst du zehn Schritte, hundert Schritte vorwärts gehen und damit aufhören, das Falsche zu tun.“ Zwei Jahre, zehn Jahre oder zwölf Jahre lang versuchst du, ein Problem zu verbergen, sagen wir, in dir zu verbergen. Weil du die Türe deines Herzens unter Verschluss gehalten hast, herrscht dort Dunkelheit, Dunkelheit, Dunkelheit. Wenn du mir nun dein Geheimnis erzählst, ist es, als ob du deine Herzenstüre öffnen und frische Luft und Licht hereinlassen würdest. Und zu diesem Zeitpunkt bin ich so stolz auf dich; du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich deine Aufrichtigkeit bewundere und schätze.

Doch wenn du nun dein Herz schon ein wenig geöffnet hast, warum öffnest du es nicht vollständig? Viele Menschen vertrauen mir ihre Geheimnisse an; ich höre Millionen von Geheimnissen. Doch den nächsten Schritt gehen sie nicht: Gehorsam. Sie sind bereit, mir ihre unrechten Taten einzugestehen. Doch wenn ich ihnen Ratschläge gebe und ihnen sage: „Macht das nicht mehr“, so sind sie nicht bereit, darauf zu hören. Du solltest wissen, dass es nicht einfach nur Ratschläge sind, die ich ihnen gebe. Wenn ich dich bitte, etwas nicht mehr zu tun, so gebe ich dir auch die Kraft, es nicht mehr zu tun. Ich gebe dir die innere Kraft, deinen Fehler nicht mehr zu wiederholen. Doch du willst sie nicht annehmen.

Die meisten Probleme der Schüler beginnen durch Ungehorsam, und durch mangelnde Bereitschaft dauern sie an. Zuerst machst du etwas, von dem du weißt, dass dein Meister es nicht gutheißen wird. Aufgrund irdischer Versuchung oder wegen der Gier nach weltlichem Ruhm und Anerkennung oder weil du glaubst, du könntest dein Leben irgendwie glücklicher gestalten, brichst du die göttlichen Regeln und handelst unspirituell. Daraufhin begehst du den Fehler, dass du es geheim hältst und es dem Meister nicht erzählst. Jene Schüler, die ihr Einssein mit mir etabliert haben oder ihr Einssein mit mir etablieren wollen, werden sich nicht davor fürchten, mir ihre Schwierigkeiten und Probleme zu erzählen. Wenn sie schweigen, weil sie befürchten, ich würde wütend werden, wo bleibt dann ihre Liebe für mich; wo ist ihr Einssein mit mir?

Wenn dann endlich deine Aufrichtigkeit hervorbricht, um dich vor deinem Ungehorsam zu retten, erzählst du mir deine Probleme oder die Gründe, warum dein Bewusstsein gefallen ist. Doch wenn ich dir dann sage, was du tun sollst, tauchen plötzlich Trotz und Widerstand auf, und du hörst nicht auf mich. Was geschieht dann? Deine Aufrichtigkeit ist zerbrochen. Wenn du nicht auf den Meister hörst, verrätst du nur deine eigene Spiritualität.

Einige meiner Schüler befinden sich vollständig in ihrer eigenen Welt, die Millionen, Millionen Meilen von der göttlichen Welt entfernt ist. Sie haben für sich die Hölle geschaffen und erfreuen sich daran. Deshalb versuchen sie, mich zu täuschen und zum Narren zu halten. Wenn sie irgendwann schließlich erkennen, dass sie in der Hölle leben, erzählen sie mir, dass ihr Geheimnis sie quält und sie so sehr darunter leiden. Ich sage zu ihnen: „Bitte, bitte, bleibe nicht in der Hölle. Jahrelang habe ich versucht, für dich den Himmel zu schaffen, doch du wolltest nicht dort bleiben. Statt dessen wolltest du in der Hölle leben. Nun willst du wieder göttlich werden, also gebe ich dir die Fähigkeit dazu. Genau genommen bin ich deine Fähigkeit.“ Doch diese Menschen hören nicht auf mich und dann sind wir beide die Leidtragenden.

Zuerst vermeidest du den Doktor. Letzten Endes erzählst du dem Doktor aber: „Irgend etwas stimmt nicht mit mir.“ Der Doktor sagt: „Es ist Krebs. Nimm Medikamente.“ Doch du erwiderst: „Nein, ich werde die Medikamente nicht nehmen. Ich will das Leben auf meine Weise genießen. Ich will mich an meinem Krebs erfreuen.“ Aber ein spiritueller Meister ist nicht wie ein gewöhnlicher Arzt. Wenn ein Patient stirbt, weil er seine Medikamente nicht eingenommen hat, sagt der äußere Arzt einfach: „Das ist nicht meine Schuld.“ Doch der innere Arzt, der Meister, ist nicht wie ein Arzt in der äußeren Welt. Er leidet und weint, weil der Schüler nicht auf ihn gehört hat. Wenn die Spiritualität des Schülers stirbt, sagt der Meister: „Hätte diese Person meinem Ratschlag gefolgt, hätte ich ihn retten können.“

Jene Sucher und Schüler, die ihre vitalen und anderen inneren Probleme meistern konnten, waren nur aufgrund ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Bereitschaft, spirituelle Ratschläge anzunehmen, dazu in der Lage.

In deinem Meister kannst du den Supreme erkennen, den Höchsten. Wenn der Höchste deine Probleme nicht lösen kann, wer sollte sie dann für dich lösen können? Wenn der Meister sich auf der physischen Ebene befindet, dann ist das deine goldene Gelegenheit, den schnellsten Fortschritt zu erzielen. So wie Sri Ramakrishna sagte: „Die Milch der Kuh befindet sich im Euter. Wenn du Milch willst, musst du das Euter der Kuh melken, nicht das Ohr oder den Schwanz.“ Genau auf die gleiche Weise musst du dich, wenn du ein spirituelles Problem lösen willst, an die richtige Person wenden.

Der Meister ist die richtige Person, um dir Weisheit zu geben. Wenn du ein Problem hast, dann hast du die goldene Gelegenheit, zum Meister zu gehen und das Problem lösen zu lassen. Wenn sich der Meister auf der physischen Ebene befindet, so ist das für euch die günstigste Zeit, Spiritualität zu entwickeln. Der Meister ist das Euter der Kuh, welche die universelle Wirklichkeit darstellt. In einem Haus gibt es einen bestimmten Platz für den Altar. Im Garten gibt es einen bestimmten Platz für die schönste Rose.

Wenn es dir gelingt, mit dem Willen des Meister eins zu werden, solange er sich noch auf der physischen Ebene aufhält, wird es dir möglich sein, dein Eins­sein aufrecht zu erhalten, wenn der Meister das Physische verlässt. Doch wenn du hier kein Einssein mit dem Meister entwickeln kannst, glaubst du, dass du dazu in der Lage sein wirst, nachdem er gestorben ist? Es ist dann unendlich viel schwie­riger. Wenn ich hier auf der physischen Ebene bin und manche Schüler mir gegenüber ungehorsam sind – werden sie das Rechte tun, wenn ich mich in der Seelenwelt befinde? Wenn ihr nach meinem Tod eine Einsseinsbrücke zu mir haben wollt, dann müsst ihr sie jetzt, hier vor mir, errichten.

Frage: Manchmal stoßen einen die Schüler weg oder schieben einen zur Seite, damit sie dir näher kommen können. Ich weiß, sie machen es, um mehr Licht von dir aufnehmen zu können, aber dieses Benehmen erscheint mir sehr unspirituell.

Sri Chinmoy: Wenn du zu einem Meister kommst, dann achte nicht darauf, wer neben dem Meister sitzt oder wer ihm am nächsten ist. Du kommst zum Meister, um in seinem universellen Bewusstsein zu verweilen, nicht um in die Welt des Wettkampfes einzutreten. Die Welt des Wettkampfes wird dich im Stich lassen, doch die Einsseins-Welt des Meisters wird dich retten. Jene, die ihr Einssein mit dem Willen des Meisters etablieren und den Su­preme in ihrem Meister manifestieren, werden zu höchst auserwählten Instrumenten, um das Licht des Meisters der Menschheit anzubieten.

Manchmal gibt ein Schüler dem Meister innerlich zu verstehen: „Wenn du dich um diese und jene Person kümmerst, werde ich dich bestrafen, indem ich dich verlasse. Denn diese Person ist so schlecht, dass ich nicht in ihrer Gegenwart sein will.“ Viele haben das spirituelle Leben aufgegeben, weil sie empfanden, dass ihr Meister jenen Personen zuviel Aufmerksamkeit zukommen ließ, die sie als schlecht empfanden, während sie selbst keine Aufmerksamkeit erhielten. Auch in meinem Fall haben viele ausgezeichnete Sucher unseren Weg verlassen, weil sie in der Welt des Wettkampfes blieben und versucht haben, mir nah, näher, am nähesten zu kommen. Doch sobald sie erkannten, dass sie nicht nahe, näher oder am nähesten kommen würden, sind sie verschwunden. Diese Leute verlangten von mir, dass ich sie auf ihre Weise zufrieden stelle. Innerlich sagten sie zu mir: „Ich habe soviel für dich getan, doch du kümmerst dich nicht um mich und denkst nicht an mich.“

Ich mache stets das, was für den spirituellen Fortschritt eines Schülers am besten ist und ein wahrhafter Schüler wird dem Meister Vertrauen entgegenbringen. Einen wahrhaften Schüler interessiert es nicht, ob er dem Meister äußerlich nahe oder weit von ihm entfernt ist, solange er dem Meister auf dessen Weise dienen kann. Nur diese wahren Schüler erfreuen mich, weil sie ein Teil von mir sind und ich ein Teil von ihnen bin. Sie sind diejenigen, die mich wirklich lieben und wirklich verstehen. Ihr einziges Ziel besteht darin, den Supreme in mir auf Erden zu manifestieren.

Frage: Was sind die Unterschiede zwischen Gottes Mitgefühls-Auge, Gottes Mitgefühls-Herz und Gottes Mitgefühls-Füße?

Sri Chinmoy: Gottes Mitgefühls-Auge handelt wie ein Magnet. Es zieht all das Leid, die Schwächen, die unrechten Taten und andere Unvollkommenheiten der Menschen in sich hinein. Es hat eine unmittelbare magnetische Anziehungskraft. Gottes Mitgefühls-Herz absorbiert alles; es nimmt alles in sich auf. Sein Mitgefühls-Herz ergreift einfach all das Leid des Suchenden und hält es in seinem Inneren fest. Väterliche Zuneigung erhalten wir vom dritten Auge, aber mütterliche Zuneigung erhalten wir vom Herzen. Gottes Mit­gefühls-Füße verkörpern Schutz. Es gibt praktisch keinen Unterschied zwischen Gottes Mitgefühl und Gottes Schutz, denn innerhalb des Schutzes befindet sich enormes Mitgefühl.

Gottes Füße sind ständig bereit, immer und immer wieder ihren Mitgefühlsaspekt zu zeigen, während Gottes Auge nach einer gewissen Zeit Sein Gerechtigkeits-Licht hervorbringen wird. Gottes Mit­gefühls­-Herz wird viel öfters Mitgefühl zeigen als Sein Mitgefühls-Auge, doch bei weitem nicht so oft wie Seine Mitgefühls-Füße. Wenn Gottes Auge zehnmal Mitgefühl zeigt, so wird es das Herz vierzigmal zeigen; doch seine Füße werden es zwischen hundert- und zwei­hundertmal zeigen.

Sobald man Zuflucht zu Gottes Füßen genommen hat, ist Gott bereit, einem zu vergeben, ganz gleich, wie oft man etwas falsch gemacht hat. Der Sucher findet zu Gottes Füßen immer Schutz. Ganz gleich, wie oft ihm Fehler unterlaufen, Gott wird sagen: „Er soll zumindest auf dem spirituellen Weg bleiben.“

Frage: Wenn du Gedichte auf Englisch verfasst, sind manche von ihnen so wunderschön und inspirierend, beinahe wie Mantren. Doch wie kommt es, dass, wenn du dann die Gedichte mit Melodien vertonst, die Lieder in Bengali immer viel schöner und melodiöser sind?

Sri Chinmoy: Nicht immer! Wenn ich das Lied I came to Your Lotus-Feet with a hopeless hope-heart singe, empfinde ich es als ebenso schön wie nur irgendeines meiner Bengali-Lieder. Von dieser Art gibt es noch einige mehr. Doch du hast vollkommen recht, in den meisten Fällen kann man meine englischen Lieder nicht mit meinen bengalischen Liedern vergleichen. Aufgrund meiner bengalischen Inkarnation fällt es mir leichter, gewisse Dinge in Bengali auszudrücken. Die bengalischen Wörter stammen direkt von meinem Herzen, während die englischen Wörter noch immer von meinem Verstand kommen. In der bengalischen Sprache fließt alles spontan, doch sobald ich mich der englischen Sprache bediene, ist der Verstand einfach immer da. Wenn ich Englisch verwende, entsteht manchmal ein geliehenes Gefühl, denn Englisch ist für mich eine geliehene Sprache. Doch die Gefühle, die ich in bengali ausdrücke sind niemals geliehen, sie gehören mir selbst.

Die englische Sprache habe ich zu meiner Zufriedenheit erlernt. Doch sobald man etwas Geliehenes an jemanden weitergeben will, geschieht es nicht so spontan. Da ich fühle, dass es nicht wirklich vollständig von mir stammt, empfinde ich nicht dieselbe Freude, wenn ich es anbiete. Die englische Grammatik mag korrekt und die Idee gut ausgedrückt sein, doch ich erhalte nicht das vertraute Gefühl.

Ich habe viele, viele englische Mantren geschrieben und ich weiß, dass sie einer sehr, sehr hohen Quelle entspringen. Beim Singen kommt es jedoch nicht so sehr darauf an, ob etwas einer hohen Quelle entspringt. Beim Singen kommt es darauf an, dass das Gefühl vom Lebensatem kommt. Deswegen werde ich kein anderes Lied jemals so seelenvoll singen können wie das Sri-Aurobindo-Lied, nicht einmal Jiban debata. So wie ich mein Herz hingebe, wenn ich dieses Lied singe, kann ich es bei keinem anderen Lied hingeben – schon gar nicht bei einem englischen Lied.

Es existieren zehn oder zwölf englische Lieder, bei denen ich mein Herz und meine Seele völlig hingeben kann, doch es gibt hunderte bengalische Lieder, bei denen ich das vermag. Wenn ich bestimmte Bengali-Lieder singe, so erzittern buchstäblich einige der subtilen Nerven meines Wesens und ich empfinde eine Art göttliche Begeisterung. Es ist kein Aufgeregtsein sondern es ist eher eine süße, sanfte und zarte Empfindung. Es erfüllt mich eine solche Glückseligkeit, dass mein gesamtes Wesen in Entzückung gerät.

Es gibt auch Zeiten, wo ich einige Lieder höchst seelenvoll singe, nicht weil ich versuche, seelenvoll zu singen, sondern weil zu diesem Zeitpunkt mein Kehl­kopf­chakra völlig geöffnet ist. Dieses Chakra ist das spirituelle Zentrum für Lieblichkeit und Zartheit und für die Ausdruckskraft beim Sprechen oder beim Singen. Manchmal sehe ich, wie es mit Licht überflutet ist, dem Licht meiner Seele. Wenn sich dieses Chakra öffnet und voller Kraft arbeitet ist meine Stimme völlig anders. Manche Wörter betone ich sogar anders. Doch das geschieht nicht durch meinen bewussten Willen; all das sind die Taten des Kehlkopfchakras.

Frage: Die Seelen großer Menschen, die schon vor langer Zeit verstorben sind, kommen dich sehr oft besuchen oder werden von dir gerufen. Warum haben diese Seelen noch keine andere Inkarnation angenommen?

Sri Chinmoy: Einige wirklich fortgeschrittene Seelen wollen schwimmen, doch wenn sie die Küste erreichen, bekommen sie Angst. Sie erinnern sich, wie sehr sie in ihrer letzten Inkarnation gelitten haben. Sie wollen nicht wieder in das Wasser springen, besonders dann nicht, wenn es sich um Menschen handelt, die ein großes Herz besaßen und die enormes Leid und Unverständnis erdulden mussten. Diese Seelen wollen länger im Himmel verweilen und der Himmel freut sich über ihre Anwesenheit.

Jene Seelen, die kein inneres Streben besaßen und in ihrer vorigen Inkarnation nichts Bedeutendes leisteten, sind im Himmel nicht erwünscht. Nach sechs Jahren befiehlt die Obrigkeit: „Verlasst uns, geht!“ Dann müssen diese Seelen zurück, sofern sie nicht mit einer gottver­wirklichten oder weit entwickelten Seele in Verbindung stehen und von dieser Seele eine Empfehlung erhalten, um länger in der höheren Welt, in der sie sich befinden, bleiben zu können. Manche Seelen sind vielleicht noch nicht so weit fortgeschritten, doch weil sie mir gegenüber eine enorme Liebe und Hingabe hegen, erhalten sie eine besondere Gnade. Sonst können die gewöhnlichen Seelen nicht länger als ein paar Jahre in den höheren Welten verweilen, bevor sie wieder auf die Erde zurückkommen müssen.

Frage: Was ist mit berühmten Menschen, wie zum Beispiel Schubert? Ist er tatsächlich eine weit entwickelte Seele?

Sri Chinmoy: Musikalisch war er entwickelt, aber spirituell nicht. Manche Seelen, die im musikalischen oder einem anderen Bereich Hervorragendes geleistet hatten, haben bereits wieder eine Inkarnation angenommen. Wenn wir an sie denken, stellen wir sie uns sofort im Himmel vor. Doch wenn wir unsere okkulte Schau einsetzen, erkennen wir, dass einige von ihnen schon lange eine weitere Inkarnation angenommen haben. Einige dieser Seelen, die in einer vorangegangenen Inkarnation etwas sehr Bedeutsames geleistet haben, führen jetzt ein ganz gewöhnliches Leben auf der Erde.

Frage: Wenn diese Seelen herabkommen, schätzen sie dann deine äußeren Aktivitäten?

Sri Chinmoy: Ich bin in die verschiedensten Aktivitäten involviert, welche diese Seelen in Erstaunen versetzen. Sie schweben hierhin und dorthin und versuchen, durch meine Aktivitäten, abgesehen von meiner Spiritualität, Freude zu erlangen. Tausende Seelen, die noch keine Inkarnation angenommen haben, erhalten von meiner Kunst, meinen Gedichten und anderen Aktivitäten innere Freude und inneren Nutzen. Doch von den bereits inkarnierten Seelen zieht kaum eine Seele einen äußeren Nutzen von meinen Aktivitäten.

Wenn ich den menschlichen Verstand genau betrachte – und manchmal sehe ich nicht nur einen Verstand, sondern Tausende auf einmal – erkenne ich, dass fast keiner davon auf meine äußeren Aktivitäten anspricht. Die Seelen dieser Menschen versuchen verzweifelt, ihr gesamtes Wesen empfänglich zu machen, denn sie haben immer­hin diese Art des Verstandes gewählt. Doch der Körper, das Vitale, der Verstand und das Herz hören nicht immer auf die Seele.

Eine Mutter bringt mehrere Kinder zu Welt und jedes Einzelne übt letztlich seine eigene Freiheit und Unabhängigkeit aus. In genau derselben Weise besitzen der Körper, das Vitale, der Verstand und das Herz eine Individualität. Sie sind wie ein festes Gebilde und können sehr stark sein. Solange sie noch nicht entwickelt sind, hören sie wie kleine Kinder auf ihre Eltern, die Seele. Doch sobald sie ein wenig älter werden, kann es vorkommen, dass sie nicht mehr auf die Eltern hören.

Ich kann noch ein anderes Beispiel nennen. Manchmal ist der Leiter eines Büros mit seinen Mitarbeitern höchst zufrieden. Doch nach einigen Jahren bemerkt er, dass sie nicht mehr auf ihn hören. So ähnlich verhält es sich auch mit der Seele. Zu Beginn mag sie mit dem Körper, dem Vitalen und dem Verstand, den sie erhalten hat, sehr zufrieden sein. Doch später, wenn durch Unwissenheit, Versuchung und andere falsche Kräfte Ungehorsam aufkommt, wird die Seele traurig und fühlt sich elend.

Einige Schüler versuchen ihren Verstand zu ignorieren oder abzulegen, wenn sie in das spirituelle Leben eintreten, obgleich sie Universitätsabschlüsse besitzen. Um den schnellsten Fortschritt zu erzielen, wollen sie nur im Herzen verweilen. Die Erleuchtung des Verstandes interessiert sie sich nicht im geringsten. Doch nach fünfzehn oder zwanzig Jahren fragen sie sich: „Warum haben wir den Verstand nicht beachtet?“ Nun wollen sie denselben Verstand, den sie früher zu Seite geschoben haben, bewusst entwickeln. So beginnen sie, den Verstand zu nähren und die Seele leidet enorm.

Bevor du in das spirituelle Leben eingetreten bist, hast du achtzehn oder zwanzig Jahre lang deine Freiheit genossen. Diese Freiheit schaffte es nicht, dich glücklich zu machen. Aus diesem Grunde hattest du den Entschluss gefasst, eine andere Art von Freiheit auszuprobieren. Anstatt auf deinen Verstand oder auf dein Vitales zu hören, hast du dich entschlossen, auf dein Herz und auf deine Seele zu hören. Wenn du glaubst, dass du auf niemanden hörst, dann hältst du dich nur selbst zum Narren. Entweder hörst du auf deine Seele oder auf deinen Verstand, dein Vitales und auf dein physisches Wesen. Zu behaupten: „Ich alleine treffe die Entscheidungen!“ ist absurd. Du bist dein Körper, dein Vitales, dein Verstand, dein Herz und deine Seele. Deine Wahl wird von einem oder mehreren dieser Teile deines Wesens getroffen. Doch wenn deine Meditation nicht tief genug ist, kannst du möglicherweise nicht bewusst erkennen, von woher deine inneren Entscheidungen kommen.

Frage: Können wir eigentlich erkennen, ob eine Botschaft vom Herzen kommt?

Sri Chinmoy: Du magst annehmen, eine Botschaft komme von deinem Herzen, doch direkt neben dem Herzen befindet sich dein Vitales. Das spirituelle Herz liegt nicht in der Mitte der Brust, sondern etwas rechts davon, während sich das Vitale auf der linken Seite befindet. Es kann das dynamische Vitale sein; es kann das emotionale Vitale sein. Das Vitale ist so irreführend. Es schwebt um das Herz herum und hält dich zum Narren. Und wenn sich das Vitale dem Verstand nähert, erhält es von dort Nahrung. Der Verstand versorgt das Vitale mit einem äußert köstlichem Ermutigungs-Mahl, denn er will mit dessen Hilfe das Herz besiegen. Er versucht auf Biegen und Brechen, die göttlichen Impulse des Herzens zu Fall zu bringen.

Das spirituelle Herz wird vom Verstand bekämpft und von dem Vitalen betrogen. Die meisten Menschen verwechseln das emotionale Vitale mit dem strebenden Herzen und glauben, es sei so leuchtend, so erhaben, so subtil, so rein. Nur spirituelle Meister, die Gott verwirklicht haben, sind in der Lage, stets die wahre innere Stimme zu erkennen. Ansonsten lässt uns die innere Stimme, die einen bestimmten Ursprung hat, fühlen, dass sie von wo anders herkommt.

Auch jene Stimme, die nicht vom Vitalen sondern vom Verstand kommt, wird von den Menschen sehr oft für die innere Stimme gehalten. Der Verstand spricht und gleichzeitig hört der Verstand auch zu. Während der Verstand zuhört, beeinflusst er jedoch den Körper, das Vitale und auch das Herz. Ich hatte einige Schüler, die im festen Glauben waren, sie hätten innere Botschaften erhalten, während sie auf mein Bild meditierten. Sie bestanden darauf, dass diese Botschaften, die von meinem Bild stammten, höher oder authentischer seien, als jene Botschaften, die ich ihnen direkt auf der physischen Ebene, von Angesicht zu Angesicht gab. Das ist die Dumm­­heit des menschlichen Verstandes.

Sri Aurobindo hatte einen Schüler, der kurz vor der Verwirklichung stand. Er stammte wie ich aus Chittagong. Als er begann innere Botschaften zu erhalten, sagte Sri Auro­bindo zu ihm persönlich: „Nein, diese Botschaften kommen von deinem Vitalen, von deinem Verstand. Es sind falsche Kräfte.“ Der Schüler erwiderte: „O nein, du bist in einer solch leuchtenden Form zu mir gekommen und sagtest mir dieses und jenes.“ Sri Aurobindo antwortete: „Wenn ich dein Guru bin, wieso hörst du dann nicht auf mich? Höre einfach auf das, was ich dir persönlich mitteile und schaue nicht auf mein Bild. Wenn du zwischen meinem Bild und mir selbst wählen müsstest, wie würdest du dich entscheiden? Höre wenigstens so lange noch auf mich, wie ich mich noch auf der Erde befinde.“ Doch der Schüler erwiderte: „Nein, wenn ich dein Bild be­trachte, dann stellen sich hohe Erfahrungen ein.“ Sri Auro­bindo sagte ihm, dass es nur mentale Halluzinationen sind, doch er hörte nicht auf ihn. Anstatt Gott zu verwirklichen, wurde er von den falschen Kräften gefangen genommen, die ihn zum Narren hielten.

Ich sage all meinen Schülern, wenn ihr euch als meine Schüler betrachtet, dann hört bitte auf mich und nicht auf mein Bild, falls ihr zwei verschiedene Antworten erhalten solltet. Das Bild hat nicht mich erschaffen, ich habe das Bild erschaffen. Wenn ich euch äußerlich etwas mitteile, so ist es das, woran ihr euch halten solltet. Hört auf die Botschaften, die meinen Mund verlassen, wenn diese anders sein sollten, als jene Botschaften, die ihr von meinem Bild zu erhalten glaubt.

Frage: Als Christus sagte: „Ich bin der Weg, das Ziel“, behauptete er nicht, er sei der einzige Weg, obwohl es die christliche Welt dahingehend ausgelegt hat. Aber war er, als er diesen Ausspruch tat, sich der Avatare bewusst, die ihm vorangegangen sind?

Sri Chinmoy: Sicherlich war er sich ihrer bewusst. Aber er hatte recht, als er sagte: „Ich bin der Weg, das Ziel“. Zu jener Zeit wurde er mit seinem himmlischen Vater, dem Supreme, untrennbar eins. Lord Krishna sagte etwas Ähnliches. Er sagte: „Ganz gleich, wen ihr verehrt, ganz gleich, wen ihr als euren Guru annehmt, all eure Liebe, eure Ergebenheit und eure Hingabe werden zu mir kommen, denn ich bin das letztendliche Ziel.“ Wenn man das Höchste verwirklicht, so wird man mit dem Höchsten untrennbar eins. Wenn der Tropfen sich mit dem Ozean vereinigt hat, kann man sie nicht mehr trennen. Der Tropfen ist der Ozean; sie sind eins.

Am Ende deines Weges, ganz gleich, welchen du einschlägst, wirst du das erkennen. Du nimmst mich jetzt als Menschen wahr, deswegen sagst du: „Ach, du befindest dich mit uns hier auf der Erde. Wie kann es möglich sein, dass du dich gleichzeitig im ewig sich transzendierenden Jenseits befindest?“ Doch der Höchste in mir, kann an vielen Orten gleichzeitig sein. Lord Krishna zeigte Arjuna seine universelle Form. Wenn der Schüler die universelle Form des Meisters erblickt, wird er sofort erkennen, dass alles, was der Meister gesagt hat, zu hundert Prozent der Wahrheit entspricht. Wenn der Schüler das Unendliche erblickt, fällt es ihm leichter, das Endliche zu erkennen. Wenn du siehst, dass jemand im Himmel Millionen von Dollars besitzt, fällt es dir leichter zu glauben, dass er auch auf der Erde einen Dollar besitzt.

Frage: Was geschieht, wenn die Seele wirklich sehr gut ist, sehr spirituell, doch der Rest des Gesamtwesens Probleme für die Seele schafft?

Sri Chinmoy: Wenn dies der Fall ist wird die Seele etwas dagegen tun! Die Seele versucht, jede Sekunde das Höchste zu manifestieren, doch wenn der Rest des Wesens nicht auf die Seele hört, wird die Seele mit Sicherheit etwas unternehmen. Die Seele verfügt weder über die Kraft eines spirituellen Meisters und noch besitzt sie die Kraft des Höchsten, sie verfügt jedoch über unendlich mehr Kraft als das Herz, das Vitale, der Verstand und der Körper. Wenn diese Mitglieder die Seele wirklich an ihrem Fortschritt hindern, wird die Seele sie bestrafen, bevor alles hoffnungslos wird. Die Seele wird den Körper, das Vitale, den Verstand und sogar das Herz erbarmungslos bestrafen. Sie wird ihnen eine absolut undenkbare Strafe auferlegen, so dass sie gezwungen sind, sich der Seele hinzugeben.

Es spielt sich folgendermaßen ab: Der Vater bittet den Sohn, nach Hause zu kommen, doch der Sohn kommt nicht, kommt nicht und kommt nicht. Das Herz versucht womöglich zu kommen, doch das Vitale oder der Verstand wollen Fußball oder etwas anderes spielen. Nachdem der Vater lange gewartet hat, wird er seinem Sohn einen leichten Klaps geben. Dann wird der Sohn auf seinen Vater hören und nach Hause gehen.

Wenn eine Seele weit entwickelt ist und verzweifelt versucht, den Supreme zufrieden zu stellen, wird sie ihre göttliche Kraft einsetzen, wenn der Körper, die Lebenskraft und der Verstand sich ihr widersetzen. Die Seele will keinen Misserfolg. Sie hat eine menschliche Inkarnation mit diesem Körper, diesem Vitalen und diesem Verstand angenommen, um dem Su­preme zu dienen. Die Seele fühlt sich elend, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllen kann. Doch es hängt alles von der Verbindung der Seele zum Höchsten ab. Nicht alle Seelen verfügen über dieselbe Verbindung.

Ich erinnere mich an einen Fall, wo die Seele jemanden bestrafte, indem sie ihm fünfzehn Jahre lang nicht gestattete zu sprechen. Bevor das geschah, sprach diese Person mit ihrem Meister und dieser weinte innerlich, denn er sah, dass die Bestrafung bald erfolgen würde. Manchmal ist die Unwissenheit ein Segen. Wenn man nichts von der Seele weiß, kann man sagen, die Bestrafung sei ein Unfall, oder man kann es als eine natürliche Tatsache betrachten oder karmische Gründe dafür anführen. Doch manchmal ist die Seele der wahre Grund, warum man dieses oder jenes Problem hat oder warum man sich eine schwere Krankheit zugezogen hat.

Die Seele ist solch ein kleines Ding – winziger als winzig. Doch sie ist gleichzeitig mächtiger als das Mächtigste. Eines unserer berühmtesten indischen Mantren beschreibt die Seele folgendermaßen: „Kleiner als das Kleinste, doch größer als das Größte – weilt die Seele im geheimen Herzen des Menschen.“ Wie ein Zauberer ist sie einen Augenblick lang kleiner als das Kleinste im Herzen. Doch wenn sie dann völlig riesig wird, ist es, als ob zwanzig Löwen direkt vor dir stehen, wie kannst du sie dann noch ignorieren?

Frage: Wenn wir darum beten, dass unsere Seele zu dir gehen soll, wird sie es auch tun?

Sri Chinmoy: Ihr braucht nicht zur Seele zu beten, dass sie zu mir kommt. Eure Seelen beten, damit ihr zu mir kommt. Eure Seelen haben ein unsterbliches Verlangen danach, mit mir zu sein und den Supreme in mir in jedem Augenblick zufrieden zu stellen. Anzunehmen, dass der Körper, das Vitale und der Verstand die Seele zu Gott bringen, ist wirklich ein Scherz. Es ist genau umgekehrt. Die Seele hegt ständig den Wunsch, dass der Körper, das Vitale und der Verstand zum Höchsten gehen.

Frage: Sind Menschen, die in früheren Inkarnationen Schüler anderer Meister waren, in dieser Inkarnation zu dir gekommen?

Sri Chinmoy: Ja, es sind viele gekommen. Sie kamen von Sri Ramakrishna, Buddha, Sri Krishna, von Christus, Vive­kananda, Ramana Maharshi und anderen. Es sind auch einige gekommen, die mich in meinen eigenen früheren Inkarnationen begleitet haben. In Japan erkannte mich die Seele eines solchen Menschen; wie er weinte! Er weinte und weinte, obwohl so viele Menschen anwesend waren. Andere haben mich auch erkannt, aber machten keine solche Szene. Einige meiner Brüder und Schwestern von früheren Inkarnationen befinden sich ebenfalls auf unserem Weg. Einem Schüler gab ich sogar denselben spirituellen Namen, den er früher trug.

In meiner letzten Inkarnation kamen einige Sucher an meinem Lebensabend zu mir. Ich sagte zu ihnen: „Ich werde bald den Körper verlassen, doch ich werde eine weitere Inkarnation auf mich nehmen. Kommt zu Beginn meiner Reise in meiner nächsten Inkarnation zu mir zurück, wenn ich für eine längere Zeit auf der Erde verweilen werde.“ Als ich meine Reise in Amerika begann, kamen einige von ihnen zurück.

Frage: Manchmal ist jemand sehr, sehr lange unglücklich und dann ist es plötzlich vorbei. Es ist, als ob ein Fluch von ihm genommen wurde. Was ist der Grund dafür?

Sri Chinmoy: Es ist schon sehr, sehr oft vorgekommen, dass sich jemand völlig elend fühlt; monatelang, sogar jahrelang – nicht nur einige Jahre – sondern zehn oder zwanzig Jahre lang fühlt sich diese Person schlecht. Menschen, die einst strebsam waren und die ihr inneres Streben verloren haben, leiden unerträglich. Doch in dem Augenblick, in dem sie dafür empfänglich sind, kommt ganz plötzlich, die Gnade herab und ihr Leiden löst sich auf. Es ist, als ob sie eine Arznei genommen hätten. Manchmal dauert es Jahre, bis die Arznei wirkt. Dann bist du plötzlich geheilt und du glaubst, ein Wunder sei geschehen.

Frage: Gibt es ein bestimmtes Datum, an dem die Gottver­wirk­lichung stattfinden wird oder tritt sie einfach allmählich ein?

Sri Chinmoy: Einige spirituelle Meister legten ein Datum für ihre Verwirklichung fest, andere machten es nicht. Sri Aurobindo nannte ein bestimmtes Datum. Er erkannte den Tag, als das Krishna-Bewusstsein vollständig in ihn eintrat, als den Tag seiner Gottverwirklichung an. Auch Buddha gab ein bestimmtes Datum für seine Gottver­wirklichung an, während Sri Rama­krishna wiederum kein Datum für seine Verwirklichung nannte. In meinem Fall will ich es nicht angeben. Unter anderem weil ich meine Verwirklichung schon in früheren Inkarnationen erlangt habe. Andererseits gibt es auch für unsere Verwirklichung kein Ende, da Gott Seine eigene Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit ständig transzendiert. Wenn man die Gott­ver­wirk­lichung erreicht hat, kann sie ewig transzendiert, ausgedehnt und vervollkommnet werden.

Frage: Wenn man in einer Inkarnation okkulte oder spirituelle Kräfte entwickelt, behält man sie dann in den zukünftigen Inkarnationen?

Sri Chinmoy: In den meisten Fällen sammelt man diese Kräfte an. Wenn man in einer Inkarnation spirituell gesehen reich wird, dann wird man in der nächsten Inkarnation reicher – vorausgesetzt, man benutzt diese Kräfte nicht für falsche Zwecke. Wenn wir die Kräfte für falsche Zwecke benutzen, verlassen sie uns. Mein Onkel mütterlicherseits besaß enorme okkulte Kräfte. Die Menschen kamen von weit her, berührten seine Füße und baten um seine Hilfe. Sie sagten zu ihm: „Ach bitte heile meine Frau, sie liegt im Sterben und ich kann nicht ohne sie leben.“ Oder: „Mein Kuh wurde gestohlen, bitte hilf mir, dass ich sie zurückbekomme.“ So setzte er seine okkulten Kräfte ein, ohne den Willen Gottes zu beachten und verlor dabei allmählich seine Kräfte. Dann betete er zu Mutter Kali und bat sie, ihm die okkulten Kräfte nie wieder zu gewähren, da er sie stets falsch benutzte und keine Zeit fand, an sie zu denken. Doch Mutter Kali gab ihm die Kräfte immer wieder zurück. Sie wollte ihn lehren, wie man ihre Geschenke richtig anwendet.

Mein Onkel dachte zuerst, er sei voller Mitleid, wenn er diesen Personen half. Später erkannte er, dass er durch sein menschliches Mitleid nur noch mehr Probleme schuf, denn gewöhnlich war es Gottes Wille, dass diese Menschen unter dem Karma litten, das sie angehäuft hatten.

Frage: Kann ein spiritueller Meister okkulte Kräfte dazu verwenden, um falsche Kräfte zu zerstören und um den Fortschritt eines Suchers zu beschleunigen?

Sri Chinmoy: In der Vergangenheit benutzten die Meister ihre okkulten Kräfte selten, um das Bewusstsein der Schüler zu heben, sondern viel mehr, um falsche Kräfte zu zerstören. Zerstörung ist sehr einfach. Man benötigt nur ein paar Minuten, um ein Gebäude zu zerstören. Doch wenn man das Gebäude wieder aufbauen und verbessern will, dann braucht man sehr viel Zeit. Diesen Körper, diese Lebenskraft und diesen Verstand haben wir über viele Jahre hindurch aufgebaut. Wenn im Körper, im Vitalen oder im Verstand eine Erschütterung stattgefunden hat, dann versuchen wir, diese zu beheben. Wir versuchen das Haus zu reparieren und ein gutes, starkes Haus daraus zu machen.

Das ist es, was die spirituellen Meister heutzutage versuchen. In der Vergangenheit besaßen sie nicht diese Art von Mitleid oder Geduld. Sie erklärten dem Sucher vielleicht ein- oder zweimal, was er tun soll und wenn er nicht darauf hörte, dann wurde einfach zerstört! Im zwanzigsten Jahrhundert besitzen wir ein wenig mehr Weisheit. Wir geben jemandem viele Chancen und wenn er nicht das Notwendige unternimmt, dann gestatten wir ihm, sich Zeit zu lassen und zurück zu bleiben, ohne viel Fortschritt zu machen. Die Meister übernehmen nicht den Teil der Zerstörung. Einige hatten an mir einen sehr kraftvollen Ausdruck während meiner Meditation bemerkt. Ihr habt vielleicht gesehen, wie ich auf jemanden voller Kraft meditierte. Doch ihr habt keine Vorstellung von jener Art der Macht, die ihr hättet sehen können, wenn ich mein drittes Auge geöffnet hätte!

Vor vielen Jahren, als ich noch ein Teenager war und im Ashram lebte, zeigte ich dem stärksten Jungen im Ashram diese Kraft. Er war ein enger Freund von mir und mochte mich sehr gerne, glaubte aber nicht an okkulte Kräfte. Er betrachtete alle Swamis und Saddhus als Schwindler. Ich bestand auf der Tatsache, dass einige Menschen okkulte Kräfte haben, doch er glaubte mir nicht; er forderte mich heraus, ihm diese Kräfte zu zeigen. Und so musste ich es tun. Ich sagte ihm, er solle am nächsten Morgen in das kleine Zimmer in der Bibliothek kommen, wo ich gewöhnlich arbeitete. Als er kam, bat ich ihn, sich an die Wand zu stellen und dann benützte ich meine okkulte Kraft, um all seine Kraft wegzunehmen. Ich dachte, dass er einfach gegen die Wand fallen und nichts Ernsthaftes geschehen würde. Doch nach drei oder vier Sekunden brach er vor meinen Füßen völlig bewusstlos zusammen. Als er später wieder aufwachte, war er verängstigt und lief davon. Er erzählte den Leuten, ich hätte versucht, ihn mit meinen Augen zu töten. Nach diesem Vorfall hatte er ständig Angst vor mir. Wenn er mich auf dem Gehweg sah, wechselte er die Straßenseite. So verlor ich einen guten Freund, weil ich meine okkulte Kraft falsch einsetzte.

In dieser Inkarnation verwende ich meine okkulte Kraft nicht oft, weil ich die Menschheit liebe. Doch okkulte Kräfte existieren. Nur weil du selbst keine Million Dollar besitzt, kannst du nicht behaupten, dass es keine Millionäre auf der Welt gibt. Jene Kraft, die ich anwende, um meinen Schülern zu helfen, ist keine okkulte Kraft, sondern die spirituelle Kraft. Spirituelle Kraft ist unendlich mächtiger als die okkulte Kraft, doch sie zerstört nicht und benötigt normalerweise mehr Zeit, um zu wirken. Okkulte Kraft ist wie eine gewaltige Welle, während die spirituelle Kraft wie der Ozean ist. Man kann den Unterschied zwischen einer kräftigen, turbulenten Welle und dem gesamten Ozean sehen.

Die spirituelle Kraft hat nur eine Aufgabe: das Bewusstsein der Menschheit zu heben. Die okkulte Kraft macht das nicht; sie zerstört hauptsächlich. Wenn die okkulte Kraft richtig eingesetzt wird und der Sucher bereit ist, so kann sie im Handumdrehen die falschen Kräfte im Sucher zerstören. Doch wenn sie falsch eingesetzt wird, kann sie auf unkontrollierbare Weise sehr zerstörend wirken. Die spirituelle Kraft ist langsamer, doch langsame Beständigkeit gewinnt das Rennen.

Frage: Wenn wir die Seelenwelt verlassen und in den physischen Körper eintreten, bekommen wir dann ein hässlicheres Gesicht?

Sri Chinmoy: Unser Gesicht in der Seelenwelt ist wunderschön. Doch sobald wir in das Bewusstsein der Erde eintreten, verlieren wir viel von dieser Schönheit. Wenn wir uns in der Seelenwelt befinden oder wenn das Bewusstsein der Seele unseren ganzen Körper durchdringt, werden wir so wunderschön – so ätherisch – absolut unglaublich schön. Doch es ist ganz anders, wenn wir uns in einem vitalen oder körperlichen Bewusstsein befinden.

Frage: Muss man am Rande der Gottverwirklichung stehen, um sich seiner Seele völlig bewusst zu sein?

Sri Chinmoy: Nein, wir müssen nicht am Rande der Gottverwirklichung stehen, um uns unserer Seele vollkommen bewusst zu sein. Wenn wir wahrhafte Hingabe besitzen, dann kann uns die Hingabe sehr einfach das Gewahrsein der Seele schenken. Viele meiner Schüler haben bereits diese Erfahrung gemacht. Sie haben ihre Seele nicht nur gespürt, sondern sie haben das Bewusstsein ihrer Seele einen Tag, ein Monat oder sogar ein paar Jahre lang aufgrund ihrer aufrichtigen Hingabe entfalten können. Aufrichtige Hingabe kann jeden Augenblick Wunder vollbringen. Sie ist wie ein scharfes Messer. Alles, das in uns unsauber, unrein oder unwillig ist, schneidet sie in Stücke. Sie lässt nicht einmal mangelnde Bereitschaft zu.

Jemand mag seine Hände falten, doch seine Hingabe kann völlig falsch oder künstlich sein. Die Hände sind gefaltet, doch der Verstand treibt sich irgendwo herum. Wenn du deine Hände faltest, solltest du fühlen, dass dein Herzschlag in die Nerven deiner Finger eintritt. Wenn wahrhafte Hingabe vorhanden ist, was kann ein Schüler dann falsch machen? Die Hingabe besitzt eine sehr starke, magnetische Anziehungskraft, die das Mitleid und die Zuneigung des Meisters sofort anzieht. Sogar wenn du dich in einer dunklen Höhle verlaufen hast, wird dich das Mitleid des Meisters befreien. Wenn jemand nur eine Minute lang reine Hingabe empfindet, wird er wirklichen, inneren Fortschritt erzielen. Wenn du mit deiner Hingabe jemanden eingefangen hast, der liebevoll, kraftvoll und erleuchtend ist, oder wenn diese Person dich eingefangen hat, wird sie dir dann nicht das geben, was sie hat und was sie ist?

Wenn der Meister die Hingabe des Schülers empfängt, antwortet er nicht nur mit seinem Mitleid und seiner Zuneigung, sondern auch mit seinem göttlichen Stolz. Göttlicher Stolz ist ungleich dem menschlichen Stolz. Er sagt nicht: „O, diese Person ist mir so ergeben.“ Nein, göttlicher Stolz sagt: „Es ist wundervoll, dass der Schüler das Göttliche in ihm selbst zufrieden stellt und manifestiert.“ Man kann es mit jenem Gefühl von Eltern vergleichen, das sie empfinden, wenn das Kind das Richtige macht. Und da es sich beim Schüler um den spirituellen Sohn oder die spirituelle Tochter des Meisters handelt, empfindet der Meister göttlichen Stolz, wenn der Schüler sich richtig verhält, spirituell verhält.

Frage: Wie erkennt man wahrhaftige Hingabe?

Sri Chinmoy: Wenn du wirkliche Hingabe besitzt, so fühlst du, dass etwas aus dir kommt und in deinen Meister eintritt, und dass etwas aus deinem Meister kommt und in dich eintritt. Wenn es sich um richtige Hingabe handelt, so existiert zwischen dem Meister und dem Schüler immer eine Verbindung; die höchste Göttlichkeit des Schülers und die höchste Göttlichkeit des Meisters sind ständig vereint.

Hingabe wird auch immer Ergebenheit beinhalten – nicht die Ergebenheit eines Sklaven seinem Herrn gegenüber, sondern eher die Ergebenheit des niedrigsten Teiles deines Wesens gegenüber deinem höchsten Selbst, das dein Meister verkörpert. Und Hingabe wird auch immer Dankbarkeit beinhalten – zuerst Ergebenheit und dann Dankbarkeit.

Der Meister wird die wahrhaftige Hingabe definitiv in deinen Augen erkennen. Wenn du richtige Hingabe besitzt, werden deine Augen wunderschönen Blumen gleichen. Sie werden mit einem wunderbaren Licht erfüllt sein; der Meister wird eine absolut göttliche Schönheit in ihnen erblicken. Die menschliche Schönheit können wir mit Worten beschreiben, doch die göttliche Schönheit kann nie­mals beschrieben werden. All das Göttliche kann mit der menschlichen Sprache nicht ausreichend beschrieben werden.

Frage: Wenn wir versuchen, ungöttliche Dinge aufzugeben und wenn wir unserer Seele das Versprechen geben wollen, ein besseres Leben zu führen, gibt es dafür besonders günstige Zeitpunkte, um dies durchzuführen? Mit anderen Worten ausgedrückt, wirkt ein uns selbst auferlegtes Versprechen stärker, wenn wir es an einem bestimmten Tag geben?

Sri Chinmoy: Kein Tag gleicht dem anderen. Wenn ich auf einen Schüler an dessen Geburtstag meditiere, sagen wir, ist das die goldene Gelegenheit für ihn, sein Versprechen, das er dem Supreme oder seiner eigenen Seele gegeben hat, zu erneuern. Hat jemand vor zehn oder fünfzehn Jahren das Versprechen abgelegt zu versuchen, ein höchst hinge­bungsvoller und ergebener Schüler zu sein, so ist sein Geburtstag eine goldene Gelegenheit, um dieses Versprechen zu erneuern. Sogar wenn der Schüler seinen Meister zehn Jahre lang nicht zufrieden gestellt hat, erhält er an diesem besonderen Tag die Gelegenheit, den Meister zufrieden zu stellen.

Man kann nicht jeden Tag ein Versprechen ablegen, sonst wird es mechanisch. Doch wenn man sich dafür einen besonderen Tag aussucht, so hält die Kraft des Versprechens für eine längere Zeit an. Dieser besondere Tag durchströmt dein inneres Versprechen mit einer besonderen Stärke.

Mein Vater und mein Onkel mütterlicherseits standen sich sehr nahe. Als mein Onkel noch lebte, bat er meinen Vater oft, er möge doch mit dem Rauchen aufhören. Doch mein Vater fuhr fort, zwei- oder dreimal pro Tag zu rauchen. Er konnte diese schlechte Angewohnheit nicht aufgeben. Als mein Onkel starb, vergoss mein Vater bittere Tränen und schwor, von nun an nie wieder zu rauchen. Er sagte: „Als du noch lebtest, war ich nicht dazu fähig, auf dich zu hören, doch nun lege ich den feierlichen Schwur ab, dass ich niemals wieder rauchen werde.“ Mein Vater lebte noch weitere vier oder fünf Jahre, doch er rauchte wirklich nie wieder. Solche Dinge können geschehen, wenn man einen feierlichen Schwur an einem besonderen Tag ablegt.

Frage: Wieso kommt unsere Seele nur an unserem Geburtstag besonders stark zum Vorschein?

Sri Chinmoy: Wer hält die Tür verschlossen? Anstatt wunderschöne und göttliche Blumen in unserem Verstand zu verstreuen, werfen wir Abfall hinein. Wenn unsere Seele anstelle eines wunderschönen Gartens nur Zweifel, Angst, Verdächtigung, fehlenden Glauben und andere ungött­liche Eigenschaften in unserem Verstand oder in anderen Teilen unseres Wesens erkennt, warum sollte sie sich dann bemühen, zum Vorschein zu kommen? Doch sie wird definitiv kommen, wenn du Blumen hast, wenn du schöne und reine Gedanken hegst. Also musst du schauen, welche Art von Bereitschaft du selbst hast, um die Seele hervor zu bringen.

Die Seelen haben nicht alle den gleichen Entwicklungsstand, doch selbst im Falle einer unreifen Seele können manchmal der Verstand oder die Lebenskraft – gemäß ihrer Fähigkeit – der Seele mehr Gehorsam entgegenbringen. Jene Menschen verfügen über größere Einfachheit, weil sie den Verstand nicht verwenden. Sie entwickelten den Verstand nicht von Anfang an – und das ist für sie spirituell von großem Vorteil.

Wenn es darum geht, die Seele hervorzubringen oder der Seele zu erlauben, in den Vordergrund zu treten, dann ist die Ebene der spirituellen Entwicklung nicht ausschlaggebend. Die Menschen mögen zwar weit genug entwi­ckelt sein, aber aus Faulheit oder Sorglosigkeit unternehmen sie nicht das Notwendige. Ich weiß, dass mich Milch besser nährt als nur Wasser und Zitronensaft, doch aus Faulheit oder Gleichgültigkeit bemühe ich mich nicht, in den Supermarkt zu gehen und die Milch zu kaufen. Weil ich den Zitronensaft zu Hause habe, mache ich mir nicht die Mühe, in den Supermarkt zu gehen. Doch Faulheit ist nicht das einzige Problem. Sogar wenn du nicht faul bist, müssen trotzdem noch Bereitschaft, Eifer und Willigkeit vorhanden sein.

Frage: Die letzte Zeile der ‚Invocation’ lautet: „Du bist eine Wahrheit, ein Leben, ein Gesicht.“ Was bedeutet ‚ein Gesicht’ in diesem Zusammenhang?

Sri Chinmoy: Innerhalb des Universellen Bewusstseins existieren Millionen und Milliarden Gesichter. In ihrer äußeren Form unterscheiden sich diese ganzen Gesichter, doch sie alle besitzen dieselbe Göttlichkeit. Jene Göttlichkeit, die ich in deinem Gesicht sehe, sehe ich ebenso in seinem und in ihrem Gesicht. Wenn ich die einzelnen Gesichter vom Licht des Universellen Bewusstseins durchströmt wahrnehme, so nehme ich nur ein Gesicht wahr. Wenn du zählen willst, so sind es unzählige. Vom physischen Standpunkt aus, kann ich viele, sehr viele Gesichter sehen. Doch wenn es um die ausstrahlende Göttlichkeit geht, so sehe ich nur ein Gesicht.

Frage: Existiert eine höhere Welt, in der die Poesie ihren Ursprung hat?

Sri Chinmoy: Ja. Wenn dein Bewusstsein erwacht oder wenn du auf irgendeine Weise in diese höheren Welten eintrittst, so wirst du erkennen, dass alles bereits geschrieben ist. Du musst nicht Gott verwirklicht haben, um zu diesen Welten zu gelangen. Der große Poet Rabindranath Tagore zum Beispiel hat diese Welten betreten. Sri Aurobindo ebenfalls, obwohl er natürlich gottverwirklicht war. Ich fing an, diese Welten zu besuchen, als ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war. Manche meiner Gedichte habe ich wirklich nicht geschrieben; ich sah die Wörter einfach an der Wand und schrieb sie ab. Ziemlich viele der Gedichte, die ich 1944 schrieb, kamen auf diese Weise zu mir. Ich sah die exakten Wörter, die Satzzeichen, alles. Diese Gedichte kamen von dieser Welt.

Es ist nicht so, dass ich die Worte eines anderen gestohlen hätte. Sie standen bereits in einer anderen Welt bereit, nur in dieser Welt waren sie noch nicht manifestiert. Wenn du Inspiration erhältst, so kommt sie von deinem Herzen und deinem Verstand und sie kommt auch von einer anderen Welt. Du bist nur der Bote, der sie überbringt. Doch über was ich hier spreche, ist mehr als das. In der Welt der Poesie stehen die Wörter geschrieben – absolut geschrieben.

Manchmal erscheint ein Wesen und diktiert sie. Sri Auro­bindo erwähnte, dass er bei einem seiner Bücher überhaupt nichts geschrieben hätte, obwohl es, als es verlegt wurde, seinen Namen trug. Laut Sri Aurobindo diktierte eine Wesenheit dieses Buch vom Anfang bis zum Ende.

Frage: Haben einige der großen Komponisten ebenfalls diese Welten besucht und von dort ihre Musik erhalten?

Sri Chinmoy: Ich bin sicher, dass einige dort waren. Beethoven zum Beispiel war ganz sicher dort.

Frage: Kann man die Taten eines Menschen noch löschen, nachdem sie in der Akasha-Chronik aufgezeichnet wurden?

Sri Chinmoy: Du kannst viele Dinge in deinem Zimmer aufbewahren. Nach ein paar Monaten oder Jahren wirfst du sie weg, weil du sie jetzt als überflüssig betrachtest. Heute magst du viele Dinge als wichtig empfinden, doch in ein paar Jahren sind sie nicht mehr wichtig. Viele Wesen zeichnen die Akasha-Chronik auf. Zuerst verzeichnen sie alles. Doch nach einer gewissen Zeit können unwichtige Dinge gelöscht werden.

Frage: Manchmal muss man Karma abarbeiten, das man sich vor vielen Inkarnationen geschaffen hat. Was würde passieren, wenn dieses Karma plötzlich aus der Akasha-Chronik ausgelöscht wäre?

Sri Chinmoy: Du denkst an Flucht. Doch jene Taten, die Bestrafung nach sich ziehen, werden freundlicherweise so lange aufbewahrt, bis du deine Schuldigkeit abbezahlt hast. Dann, wenn sie unbedeutend sind, kann ihre Aufzeichnung gelöscht werden.

Frage: Besteht für eine Seele die Möglichkeit, direkt von einer pflanzlichen Inkarnation zu einer menschlichen Inkarnation zu gelangen und somit die tierischen Inkarnationen völlig zu überspringen?

Sri Chinmoy: Ja. Wenn eine bestimmte Pflanze oder ein Baum von einem spirituellen Meister gesegnet wird und die Seele dieser Pflanze sehr empfänglich ist, dann kann die Seele den Meister bitten, ihr zu erlauben, die tierische Inkarnation auszulassen. Einige spirituelle Menschen haben Bitten solcher Art gewährt. Wenn sich ein Kind am Fuße einer Treppe befindet und ganz nach oben will, so kann es seinen Vater fragen, ob er es hinaufträgt. Ist der Vater stark, dann kann er das Kind einfach über die dazwischen liegenden Stufen heben. Wenn nun eine Seele darum bittet, kann der spirituelle Meister ihr auf ähnliche Weise helfen, ein paar Stufen zu überspringen.

Frage: Bedeutet das, dass diese Seelen, wenn sie eine menschliche Inkarnation annehmen, keine tierischen Eigenschaften haben werden?

Sri Chinmoy: Unter Umständen haben sie keine tierischen Eigenschaften. Doch du musst wissen, dass nicht alle tierischen Eigenschaften schlecht sind. Es stimmt, dass Tiere Aggressionen und andere unheilige Eigenschaften besitzen. Doch viele Tiere besitzen auch Dynamik, Lieblichkeit, Verspieltheit, Enthusiasmus und Zuneigung. Wenn nun eine Seele von der pflanzlichen Ebene direkt zur menschlichen Ebene aufsteigt, so könnten ihr die genannten Eigenschaften, aber auch Aggression und Rastlosigkeit fehlen. Jeder Schritt entlang des Weges stärkt die Seele. Doch diese Seelen sind bereit, zusammen mit der Aggression auch auf den Enthusiasmus zu verzichten. Sie sagen: „Lass uns direkt zur menschlichen Inkarnation voranschreiten, wo wir bewusst streben und höher emporsteigen können.“ Wer weiß, ob es wirklich ein Verzicht war? Vielleicht hätten sie länger auf der tierischen Ebene verweilt, wenn sie diese nicht übersprungen hätten.

Frage: Was ist das psychische Wesen und was macht es?

Sri Chinmoy: Das psychische Wesen entstammt der Seele und ist deren Vertreter. Nicht jeder hat ein psychisches Wesen; es hängt von der Entwicklung der Seele ab. Wenn die Seele hoch entwickelt ist, wird das psychische Wesen kommen. Das psychische Wesen sagt dem Körper, dem Vitalen und dem Verstand, was zu tun ist. Wenn sie wollen können sie direkt auf die Seele hören. Doch manchmal fällt es ihnen leichter, auf das psychische Wesen zu hören. Die Seele ist die Chefin und das psychische Wesen ist ihr kleines, niedliches Kind. Die Chefin will, dass das Kind sich etwas hervortun kann und der Belegschaft sagen soll, was sie für die Chefin tun müssen. Es kommt schon vor, dass die Arbeiter nicht auf ihre Vorgesetzte hören, aber wenn ihr niedliches Kind zu ihnen kommt und ihnen sagt, was sie tun sollen, werden sie auf das Kind hören. Sie lassen sich vom Kind herumkommandieren, aber auf die wirkliche Chefin hören sie nicht. Auf ähnliche Weise gelingt es manchmal dem psychischen Wesen, den Körper, das Vitale und den Verstand zu inspirieren, auf die Seele zu hören.

Das psychische Wesen liegt zwischen der Seele und den anderen Wesensteilen. So wie die Seele das Bindeglied zwischen dem Supreme und dem restlichen Wesen darstellt, ist auch das psychische Wesen das Bindeglied zwischen der Seele auf der einen Seite und dem Körper, dem Vitalen, dem Verstand und dem Herzen auf der anderen Seite. Die Seele ist ohne Alter. Doch beim psychischen Wesen endet die Entwicklung des Aussehens, wenn dieses siebzehn oder achtzehn Jahre alt ist. Das psychische Wesen kann als ein Kind von zwei oder drei Jahren oder vielleicht älter in Erscheinung treten; aber das vollständig erblühte psychische Wesen wird wie siebzehn oder achtzehn Jahre aussehen, nicht älter.

Frage: Was geschieht mit dem psychischen Wesen, wenn der Körper stirbt?

Sri Chinmoy: Zuerst wandert es zu der subtilen physischen Ebene, danach weiter zur subtilen vitalen Ebene und dann zur subtilen mentalen Ebene. Nachdem es die mentale Hülle hinter sich gelassen hat, ruht es auf seinem richtigem Platz: im Herzen. Wenn die Seele dann für die nächste Inkarnation bereit ist, nimmt sie dasselbe psychische Wesen mit sich. Die Seele wird nicht dasselbe Herz, denselben Verstand oder dasselbe Vitale mitnehmen. Wenn der Körper, das Vitale und der Verstand rein waren, so wird die Seele ihre Quintessenz wieder auf die Erde mit zurücknehmen. Ansonsten wird die Seele von dem Körper, dem Vitalen und dem Verstand, die ihr früher angehörten, nichts mitnehmen. In den höheren Regionen kann das psychische Wesen, wann immer es den Wunsch verspürt, die Seele besuchen gehen. Sie sind wie Eltern und Kind.

Frage: Was bestimmt das Wachstum des psychischen Wesens?

Sri Chinmoy: Das psychische Wesen entstammt der Seele; sie ist seine Quelle. Es entwickelt sich, indem es von seiner Quelle, der Seele, Licht aufnimmt. Wenn es den Körper, das Vitale und den Verstand dazu bewegen kann, auf die Seele zu hören, entwickelt es gleichzeitig auch mehr Zuversicht. Das heißt, das psychische Wesen entwickelt sich, indem es das Licht der Seele empfängt und indem es das aufgenommene Licht dem Körper, dem Vitalen und dem Verstand gibt.

Frage: Ist es notwendig, das psychische Wesen zu entwickeln, bevor man Gott verwirklicht, oder kann man Gott auch ohne das psychische Wesen verwirklichen?

Sri Chinmoy: Man braucht das psychische Wesen nicht, um Gott zu verwirklichen. Das ist der Grund, warum ich keinen großen Wert darauf lege. Wenn du dir deiner Seele bewusst bist und direkte Hilfe von der Seele bekommst, brauchst du das psychische Wesen nicht. Doch wenn du keine direkte Hilfe erhältst, kann das psychische Wesen von großem Nutzen sein.

Frage: Kann jemand mehr als ein psychisches Wesen haben?

Sri Chinmoy: Man kann nur ein psychisches Wesen haben, aber mehrere vitale Wesen. Diese vitalen Wesen werden manchmal lethargisch oder faul, wenn es für sie keine Arbeit gibt. Doch wenn es in der Person zu einer Schlacht zwischen dem Göttlichen und dem Ungöttlichen kommt, sind diese vitalen Wesen absolut wach und aktiv. Während des Krieges wird sogar der untauglichste Soldat dynamisch. Wenn nun zwischen der Seele und den anderen Mitgliedern des Wesens ein ernsthafter Krieg stattfindet, entscheiden sich die vitalen Wesen für eine Seite. Sie können entweder die göttliche Seite oder die un­gött­liche Seite einnehmen. Wenn sie sich auf die ungöttliche Seite stellen, leidet normalerweise die Gesundheit des physischen Körpers. Und seltsamerweise quälen die vitalen Wesen eine Person auch dann noch unbarmherzig, wenn das Ungött­liche mit ihrer Hilfe die Schlacht gewonnen hat und die Person sich den falschen Mächten ergeben hat.

Frage: Glaubst du an Geister?

Sri Chinmoy: Sicherlich! Sehr, sehr oft habe ich Geister gesehen. Es sind unbefriedigte und zerstörerische vitale Wesen. Wenn ungöttliche Menschen sterben, sind ihre vitalen Wesen völlig unbefriedigt, weil ihre niederen Begierden keine Erfüllung fanden. Geister haben die Fähigkeit, in den Menschen, die sie attackieren, eine enorme Angst zu erschaffen. Noch Monate oder sogar Jahre nach dem eigentlichen Angriff können die Opfer unter Angstzuständen leiden. Geister sind sehr heimtückisch und beängstigend.

Frage: Vom ersten Tag an, seit ich auf unserem Weg bin, sorge ich mich um deine Sicherheit, wenn du dich in der Öffentlichkeit befindest. Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Anteilnahme nicht einfach nur falsche Kräfte anzieht?

Sri Chinmoy: Die Macht der Sorge hilft nicht. Nur die Macht der Liebe wird helfen. Wann immer der Gedanke in dir auftaucht, dass ich angegriffen werde, so fühle, dass eine enorme Liebe von meinem Herzen ausgeht, und versuche sofort, in mein Herz einzutreten. Tritt in mein Herz ein und versuche, so viel stärkende Liebe als möglich zu erhalten. Wenn du viel von der stärkenden Liebe meines Herzens aufnehmen konntest, versuche, sie dermaßen auszudehnen, dass der ganze Raum mit meiner Liebe überflutet ist. Viele Menschen in diesem Raum können diese Liebe, die du anbietest, empfangen. Und falls es falsche Elemente gibt, die mich angreifen wollen, so werden sie gezwungen, sich meiner Liebes-Macht zu ergeben. Meine Liebes-Macht ist allmächtig, denn sie entstammt meiner Seele. Sie kann leicht jede ungöttliche Kraft oder zerstörerische Kraft besiegen. Sie werden entweder erleuchtet oder schockiert.

Seit ich in Amerika bin, haben negative oder zerstörende Kräfte sehr oft versucht, mich anzugreifen, während ich Vorträge hielt, Konzerte gab oder während ich mich auf anderen öffentlichen Plätzen aufhielt. Doch denjenigen, den Gott retten will, kann niemand töten. Andererseits, wenn Gott fühlt, dass die Zeit einer Person abgelaufen sei, wer könnte ihn dann retten? Lord Krishna war sehr, sehr mächtig, doch sein Schwachpunkt war seine Fußsohle. Als seine Zeit um war, traf ihn der Pfeil eines Jägers in seine linke Fußsohle und vergiftete ihn.

Frage: Was ist der beste Weg, um glücklich zu sein?

Sri Chinmoy: Du vergleichst dich stets mit anderen. Du stehst vor mir und ich blicke dich direkt an. Du schaust mich ebenfalls an, doch dein Geist ist zum Fischmarkt gewandert und bewegt sich von einer Seite auf die andere. Angestrengt versuchst du, in deinem eigenen Herzensgarten oder in meinem Herzensgarten zu verweilen. Doch dein Verstand sagt: „Ach, er oder sie erhalten mehr Segen, mehr Mitleid, mehr Liebe, mehr Anteilnahme als ich.“ Dein Verstand macht das manchmal nicht bewusst, aber unbewusst findet es statt. Auch wenn du das Feuer nur un­bewusst berührst, wirst du dabei deine Hand verbrennen.

In dem Augenblick, in dem ich dich anschaue, denkst du vielleicht nicht bewusst an andere. Doch du hast es zehn Tage, zehn Wochen oder zehn Monate lang bewusst getan. Nun findet es unbewusst statt, doch wie oft hast du es bewusst stattfinden lassen, zu Hause oder im Büro? Wenn du während des Tages jeden Gedanken an Gott aufzeichnen würdest, wärst du schockiert, wie oft du gleichzeitig eifersüchtig oder rivalisierend an andere denkst. Wenn das geschieht, dann denkst du in dieser Zeit nicht an Gott oder an deinen Guru. Du denkst an dich selbst. Du denkst an dich, wie du dich selbst auf deine eigene Weise glücklich machen kannst.

Ich vertrete immer die Ansicht, dass kein Mensch jemals glücklich sein wird, wenn er versucht, sich selbst glücklich zu machen. Das ist absurd! Das Glück ist wie eine äußerst köstliche Mango. Die Mango wächst auf dem Mangobaum; du kannst sie nicht selbst herstellen. Wie willst du an eine Frucht kommen, wenn du nicht auf den Baum kletterst und sie pflückst oder am Fuße des Baumes wartest bis sie herunterfällt? Im Augenblick besitzt du noch nicht die Fähigkeit auf den Gott-Baum zu klettern; du weißt nicht, wie das geht. Doch dein Guru weiß, wie man auf den Gott-Baum klettert. Wenn du nicht darauf wartest, dass dir dein Guru diese äußerst köstliche Frucht bringt, die dir unendliche Freude geben wird, wie willst du sie dann bekommen? Du willst Freude, doch es mangelt dir an der Fähigkeit, sie selbst zu erlangen und es mangelt dir an dem zielgerichteten Glauben an jene Person, die dir diese Freude bringen kann.

Manche sagen: „Jetzt bin ich schon so lange bei dir und noch immer bin ich unglücklich.“ Doch der Meister benötigt eine gewisse Zeit, um mit der Glücklichseins-Frucht hinab zu klettern. Man braucht so viele Jahre, um irdische Dinge zu erlangen. Um ein Diplom zu erhalten, benötigst du zwanzig Jahre oder länger. Und sogar dann bist du noch nicht zufrieden. Du willst noch mehr wissen, darum strebst du nach einem Doktortitel. Doch sogar dann bist du noch unzufrieden, da du innerlich fühlst, dass du noch mehr Weisheit, mehr Licht, mehr Wissen haben kannst. Also studierst du weiter, nur um irdisches Wissen zu erlangen.

Um himmlisches Wissen zu erlangen oder Erleuchtung – welche dich mit dem Höchsten vereint, mit dem absoluten Supreme, mit dem universellen Bewusstsein – benötigst du unendlich mehr Zeit. Glaubst du, dass man das in einem Jahr, in zehn Jahren oder in dreißig Jahren schaffen kann? O Gott, so einfach ist das nicht. Inkar­nationen um Inkarnationen sind nötig, um ein wirklicher Sucher und ein Gottliebender zu werden. Das Erlangen eines bewussten, ständigen, schlaflosen und atemlosen Einsseins mit Gottes Willen ist nicht so einfach wie Wassertrinken. Es braucht Zeit und enorme Geduld. Nicht nur meinen Schülern mangelt es an dieser Art von Geduld, auch den Schülern anderer Meister geht es so.

Ich versuche für meine Schüler alles zu vereinfachen, doch sie versuchen, es komplizierter zu machen. Ich werde sagen: „Komm und gib mir eine Blume oder komm einfach zu mir her.“ Doch sie werden sagen: „Wenn ich einfach zu Guru hingehe oder ihm bloß eine Blume gebe, so ist das zu wenig! Ich werde mir zuerst meine Arme und Beine abschneiden, um zu beweisen, wie sehr ich ihn liebe; und ich werde meine Augen herausreißen. Das ist, was passiert. Habe ich dir gesagt, du müsstest deine Augen herausreißen oder deine Gliedmaßen abschneiden, um deine Liebe zu mir zu beweisen? Nein, ich bat dich einfach, zu mir zu kommen, ganz gleich ob du dich in deinem reinsten oder in deinem unreinsten Bewusstsein befindest.

Sorgte sich Lord Krishna darum, was die Gopis gerade machten, während er auf seiner Flöte spielte? Sobald die Gopis Krishnas Musik vernahmen, liefen sie zu ihm, egal ob sie nun ihre Kinder fütterten oder ihre Hausarbeiten erledigten. Der Ruf war da. Und auch in deinem Fall ist der Ruf vernehmbar. Sagte der Meister, du müsstest enorme Opfer bringen? Nein, der Meister sagt nicht: „Bringe Opfer und komme dann zu mir.“ Er sagt nur: „Komm zu mir!“

Wie ich zuvor schon erwähnt habe, die Straße ist einfach, die Methode ist einfach. Der Meister gibt dir eine einfache Aufgabe, doch dein Verstand versucht, es kompliziert zu machen, um zu beweisen, dass du die Fähigkeit besitzt, große Opfer zu bringen. Im spirituellen Leben zählt das Einssein mit dem Willen Gottes. Gott gab jedem einzelnen Schüler einen gesunden Menschenverstand. Wenn der Meister sagt: „Komm her!“, solltest du deine Zeit nicht damit verschwenden, eine Blume, ein Glas Wasser oder ein Bonbon zu suchen, damit du es ihm bringen kannst. Nein, komm einfach.

Einzig das Einssein mit dem Willen des Höchsten kann dich wahrhaftig glücklich machen. Wenn du deinem eigenen Willen folgst, wirst du eine gewisse Zeit lang jene Fröhlichkeit empfinden, die dem vitalen Vergnügen entspringt. Doch du wirst bald erkennen, dass dieses vitale Vergnügen wie ein scharfes Messer ist. Nach einem Tag, nach einem Monat oder nach ein paar Jahren wirst du von diesem Messer gestochen werden.

Sobald du das spirituelle Leben betreten hast und ein guter Schüler bist, kannst du nicht entfliehen. Deine eigene Aufrichtigkeit wird versuchen, dich zu vervollkommnen, was bedeutet, den Supreme auf Seine eigene Weise zufrieden zu stellen. Wenn du versuchst, auf andere Art glücklich zu werden, wirst du niemals glücklich sein. Du kannst zu Gott um Schutz beten – um Schutz für dich, um Schutz für deinen Meister, um Schutz für die Welt. Das ist sehr gut. Wenn du um Schutz betest, werde ich sehr glücklich und dankbar sein. Doch das Beste wäre, mit dem Willen des Höchsten eins zu werden. Das wird uns beide, dich und mich, unendlich glücklicher machen.

Wahrhaftiges Glücklichsein muss sich auf das Einssein mit dem Willen Gottes gründen – das gilt nicht nur für meine Schüler, sondern auch für die Schüler anderer Meister und sogar für jene Sucher, die keinen Meister haben. Nur durch das Einssein mit dem Willen Gottes können wir inneren Frieden erfahren und wahrhaftig glücklich sein. Diese höchste Wahrheit habe ich verwirklicht; andere haben sie auch verwirklicht. Es gibt keinen anderen Weg, um sich selbst glücklich zu machen.

Frage: Wie kann ich wissen, wer ich wirklich bin?

Sri Chinmoy: Ramana Maharshi, einer der größten spirituellen Meister Indiens, stellte nur eine Frage: „Wer bin ich?“ Er folgte dem Yoga des Wissens oder der Weisheit. Ganz gleich, wie man diese Frage beantwortet, die Antwort wird von seinen Anhängern und selbst von mir als falsch oder als unzulänglich bezeichnet werden, denn diese Frage kann nicht mit Worten beantwortet werden.

Wenn wir versuchen diese Frage für uns selbst, mit unserem menschlichen Verstand, mit unserem menschlichen Intellekt, mit unserer menschlichen Weisheit oder Auffassungs­kraft zu beantworten, werden wir uns immer irren. In unserem Leben machen wir so viele entmutigende und bedrückende Erfahrungen. Wenn wir im Verstand leben, denken wir: „Dieses und jenes habe ich nicht erreicht. Zu diesem und jenem bin ich nicht geworden. Auf dem Weg zu meinem Bestimmungsort sind mir Millionen von Fehlern unterlaufen. Wie kann ich denn noch immer behaupten, dass ich ein Kind Gottes wäre?“

Doch wenn die Antwort aus unserem Herzen kommt, werden wir sagen: „Ich gehöre nur meinem höchsten, geliebten Herrn. Er ist das innere Streben meines Herzens; Er ist die Verwirklichung meines Lebens, Er ist mein Alles.“ In diesem Augenblick benützen wir nicht unseren Verstand, um den Schöpfer, den wir unser transzendentales Selbst nennen, zu betrachten, zu messen und zu begrenzen. Wir benützen unser Herz um zu fühlen, um uns auszudehnen und um in unser eigenes höchstes Selbst hineinzuwachsen, das zugleich unsere eigene transzendentale Tiefe und unsere eigene universelle Höhe ist. Wenn nun meine Schüler die Frage: „Wer bin ich?“ immer mit der Lieblichkeit ihres Herzens, der Hingabe ihres Herzens, der Uneigennützigkeit ihres Herzens beantworten können, so werden sie sicher erleuchtet und erfüllt sein.

Frage: Denkt der Supreme manchmal, Ihm seien einige Fehler unterlaufen, als er die Welt erschuf?

Sri Chinmoy: Wenn ich mich in meinem scherzenden Be­wusst­sein befinde, albere ich vielleicht herum und sage, dass Ihm der schlimmste Fehler unterlaufen sei. Doch wenn ich ernsthaft bin und keinen Unsinn erzähle, ja nicht einmal an Unsinn denke, dann fühle ich, dass mein geliebter höchster Herr niemals einen Fehler gemacht hat und niemals einen Fehler machen wird. Für Ihn gibt es nur eine Realität: den Traum. Der Traum ist das, was Gott ist. Wenn wir Gott, den Traum, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, nennen wir diese Blickwinkel Wirklichkeit. Aber eigentlich ist es der Traum, welcher sich im Prozess des Aufblühens in die Wirklichkeit befindet. Was wir als Wirklichkeit annehmen, existiert in der inneren Welt nicht. Dort gibt es nur den Traum.

Man kann sagen, Gott hat Millionen und Milliarden von Träumen oder einfach nur einen Traum. Er ist mit einem Baum vergleichbar, der unzählige Blätter, Blüten und Früchte hervorbringt. Der Baum, also Gott, verkörpert den universellen Traum, aber ebenso all die individuellen Träume. Also ist Gott selbst der Traum, der in jedem Moment erblüht; der Traum, der die Vision der Ewigkeit, das Herz der Unendlichkeit und das Leben der Unsterblichkeit verkörpert. Dieser Traum trägt alles in sich – Willenskraft, Fleiß, Schau, Schöpfung, Manifestation. Wie könnte diesem Traum ein Fehler unterlaufen? Wenn der höchste, absolute Herr alles ist, wie könnte er Fehler machen? Wenn wir versuchen, Ihn in verschiedene Aspekte zu unterteilen, damit der Verstand sie erfassen kann, so werden wir sagen, dass ein Teil von Ihm schöner sei als ein anderer. Doch wenn wir Seine Einheit sehen und fühlen, erkennen wir Ihn als unendliche Vollkommenheit, und innerhalb Seiner transzendentalen Vollkommenheit kann es keine Fehler geben.

Wenn wir etwas betrachten, etwa eine schöne Blume, so betrachten wir sie als ein Ganzes. Wir schauen nicht, ob alle Blütenblätter vollkommen geformt sind. Sobald wir die Blume sehen, hält uns ihre Schönheit gefangen. Ihre Schönheit tritt in uns ein und versüßt unser ganzes Wesen. Die gewöhnliche, irdische Schönheit einer irdischen Blume vermag uns diese Erfahrung zu vermitteln. Wenn wir die unendliche und unsterbliche Vollkommenheit des höchsten, absoluten, transzendentalen Supreme sehen, erkennen wir, dass nichts von Ihm ein Fehler sein kann. Wir müssen nur wissen, dass Er hier auf diesem kleinen Erdenplaneten Sein eigenes Lied der Ewigkeit spielen und Seinen eigenen Tanz der Unsterblichkeit tanzen will.

Mit unserem menschlichen Verstand, den wir den intellektuellen Verstand nennen, denken wir, dass es uns gelungen wäre, eine bessere Welt zu erschaffen. Oder wir glauben, dass wir die Wirklichkeit, die sich so spontan und natürlich vor unseren Augen abspielt, ausbessern oder verändern sollten. Doch das ist ein bedauerlicher Irrtum. Wenn wir versuchen, die Welt gemäß unseres begrenzten Lichtes zu erkennen, werden wir niemals zufrieden sein. Wir werden an der Welt ständig etwas auszusetzen haben und überall Unvollkommenheiten erblicken.

Doch wenn wir glücklich sind, fühlen wir, dass all das, was Gott ist und all das, was Gott erschaffen hat, vollkommen ist. Wie werden wir glücklich? Wir können nur durch unsere bewusste und ständige Hingabe an den Willen Gottes glücklich werden. Wenn wir uns Gott mit Ergebenheit und Hingabe nähern, füllt sich unser Leben mit vollständigem Glück. Sobald wir in unserem Herzen und in unserem Leben eine enorme Lieblichkeit entwickeln, fühlen wir, dass alles um uns herum entweder vollkommen ist oder sich auf die Vollkommenheit zubewegt.

Als sich die Schüler von Sri Ramakrishna hingebungsvoll auf den Boden zu den Füßen ihres Meisters warfen oder hingebungsvoll den Staub seiner Füße berührten, empfanden sie in ihrem pranam höchste Lieblichkeit. Hingabe ist wie ein Magnet, der unseren geliebten Höchsten Herrn an unser Herz zieht. Während wir Gott durch unsere Hingabe zu uns ziehen, zieht Gott uns durch Sein Mitgefühl auch hin zu Ihm. Deshalb gibt es zwei Magnete, die sich im Betrieb befinden: unsere Hingabe und Sein Mitgefühl. Diese Magnete besitzen höchste Macht und höchste Lieblichkeit. Wenn wir in unserem Leben das Wirken dieser Magnete bewusst empfinden können, wird jeder Gedanke, den wir haben, voller Lieblichkeit sein und all das, was sich in uns, um uns, vor uns und hinter uns befindet, wird vollkommen sein.

Also lasst uns versuchen, Gott zu lieben und voller Hingabe und Ergebenheit Ihm gegenüber zu sein, denn unsere eigene Göttlichkeit stammt von Ihm. Unsere Göttlichkeit und Seine Göttlichkeit gehören zusammen wie der Tropfen und der Ozean. Wir sollten uns aber auch bewusst sein, dass der Ozean den Tropfen unendlich mehr schätzen kann als der Tropfen den Ozean.

Frage: Vor ein paar Monaten erwähntest du, dass die Sonne alt werde. Wie hast du das gemeint?

Sri Chinmoy: Die Sonne verliert ihre Hitze und ihre Helligkeit. Sie verfügt nicht mehr über dieselbe Helligkeit als zu jener Zeit, in der sie als Stern erschaffen wurde. Mit dem okkulten Auge, dem dritten Auge kann man den Unterschied erkennen. Als die Vedischen Seher die Sonne betrachteten, war diese viel heller. Aber sogar vor vierzig oder fünfzig Jahren war sie viel heller. Doch wenn der Supreme will, so kann Er der Sonne wieder neue Energie injizieren – unendliche Energie, unendliche Hitze, unendliches Licht.

Frage: Zur gleichen Zeit, als du über das Älterwerden der Sonne gesprochen hast, hast du auch gesagt, dass der Supreme nun bereit wäre, Sein Gerechtigkeits-Licht anzuwenden, nach­dem Er für Tausende von Jahren Sein Mitleid angewendet hat. In welchem Zusammenhang stehen diese beiden Dinge?

Sri Chinmoy: So wie die Erde und die Sonne alt geworden sind, so sind auch unsere menschlichen Gewohnheiten und Neigungen alt und schwach geworden. Deswegen wird Gott eine neue Dynamik, ein neues Licht und eine neue Inspiration in das Erdbewusstsein hineinlegen. Diese Dinge wird er injizieren, um damit das Erdbe­wusstsein zu erleuchten. Doch wenn unsere Empfänglichkeit nicht stark ist, bekommen wir Angst, wenn etwas Neues auftaucht. Diese Veränderungen werden wir dann als Erleuchtung erfahren, wenn das alte Gefäß – sprich das Erdbewusstsein – stark ist. Sonst werden sie uns eine Qual sein. Wenn der Höchste eine neue Wirklichkeit bringt, kann diese entweder als Erleuchtung oder als Qual hingenommen werden. Es hängt von der Empfangs­be­reit­schaft des Erdbewusstseins ab.

Frage: Ist der Helligkeitsverlust der Sonne ein physikalisches Phänomen oder wurde er durch mangelndes inneres Streben der Erde verursacht?

Sri Chinmoy: Früher war die Sonne unzufrieden; doch jetzt ist sie entmutigt. Wenn du Jahr für Jahr versuchst, jemandem etwas zu geben und er nimmt es nicht an, dann fühlst du dich miserabel. Jeden Morgen geht die Sonne auf, doch wie viele Menschen stehen um fünf oder sechs Uhr auf um zu meditieren? Leicht könnten wir ein paar Fenster geöffnet lassen, um das Licht hereinzulassen, doch wir halten sie verschlossen. Auf welch mannigfaltige Art und Weise wir die Ankunft der Sonne vor unseren Augen und in unseren Herzen zurückweisen. Wir können die Sonne mit einem spirituellen Meister vergleichen, der versucht, seine Schüler zu vervollkommnen. Zuerst ist er enttäuscht; dann wird er entmutigt sein. Also, wie lange kann unsere Sonne zurückgewiesen werden?

Frage: Du sagst, dass die ungöttlichen Kräfte immer aufmerksam und voller Energie sind und sich nach einer Öffnung umsehen, während die göttlichen Kräfte selbstzufrieden sind, weil sie wissen, dass letzten Endes der Supreme gewinnen wird. Können wir in unserem Leben etwas unternehmen, um die göttlichen Kräfte zu inspirieren, genauso wachsam und energiegeladen wie die ungöttlichen Kräfte zu sein?

Sri Chinmoy: Ein Kind liebt und bewundert seinen Vater so sehr, dass es versucht, ihn nachzuahmen. Wenn der Vater einen Weg einschlägt, will das Kind ebenfalls diesen Weg gehen. Wenn der Vater eine bestimmte Note singt, versucht das Kind dieselbe Note zu singen. Wenn der Vater nun bemerkt, dass seine eigene gesamte Existenz für das Kind die gesamte Welt darstellt, lässt das den Vater nicht nur glücklich und stolz auf sein Kind werden, sondern er bemüht sich auch, auf eine göttliche Art und Weise zu handeln. Nicht nur der Vater hat die Fähigkeit, das Kind zu inspirieren. Auch das Kind hat die Fähigkeit, den Vater zu inspirieren, indem es seine guten Eigenschaften nachzuahmen versucht.

Wenn wir etwas tun und eine andere Person kommt und beobachtet uns, so versuchen wir sofort, es besser zu tun. Wenn uns jemand beim Meditieren zusieht, steigt unsere Meditation hoch, höher, am höchsten empor. Ähnlich verhält es sich mit den kosmischen Göttern und Göttinnen. Wenn sie sehen, dass sie beobachtet, verehrt und bewundert werden, so erwachen ihre schlummernden, guten Qualitäten und sie beginnen, voller Dynamik zu wirken.

Die höchste Mutter ist allwissend, allmächtig und allgegenwärtig. Doch gemäß bestimmter indischer Philosophieschulen wird Sie dann dynamisch, wenn eines Ihrer Kinder Ihre unendlichen Fähigkeiten fühlt und beobachtet. Nicht weil der Schüler Ihr schmeichelt, lässt Sie Ihren Mitgefühlsregen auf ihn herabregnen, sondern weil er Sie an Ihre Fähigkeit erinnert. Er selbst besitzt vielleicht nicht einmal eine dieser Fähigkeiten. Doch bloß weil er Ihre göttlichen Fähigkeiten bemerkt hat, benutzt Sie ihre Fähigkeiten zu seinen Gunsten. Wenn wir also die kosmischen Götter und Göttinnen aufrichtig achten, bewundern und verehren, werden sie eher dazu geneigt sein, diese Fähigkeiten einzusetzen, um uns zu helfen.

Gewisse bekannte Persönlichkeiten dieser Welt können wir achten, bewundern und verehren, doch wir lieben sie nicht, und wir wollen ganz sicher nicht so wie sie werden. Aber den Supreme achten und verehren wir nicht nur, sondern wir lieben Ihn auch. Indem wir Ihn lieben, werden wir mit Ihm eins. Während wir Seine göttlichen Eigenschaften und Fähigkeiten voller Liebe und Hingabe beobachten, werden wir bewusst mit ihnen eins. Von der Achtung gehen wir weiter zur Liebe und von der Liebe gehen wir zum Einssein. Also, indem wir alle guten Eigenschaften der kosmischen Götter und Göttinnen und des Supreme lieben, können wir uns diese Qualitäten in unserem eigenen Leben aneignen.

Frage: Als die Dinosaurier ausstarben, starben ihre Seelen ebenfalls aus, oder gibt es momentan Menschen auf der Erde, die einmal Dinosaurier waren?

Sri Chinmoy: Einige Seelen wollten keine weiteren Inkar­nationen annehmen; sie wollten auf dem Planet Erde keinen Fortschritt mehr machen. Also traten sie in die Seelenwelt ein und blieben dort. Andere Seelen wiederum wollten ein Teil von Gottes manifester Schöpfung sein. Sie wollten auf dem Planet Erde Fortschritt machen, so traten sie in den Prozess der Evolution ein und begannen, entweder als Tier oder Mensch geboren zu werden.

Frage: Zu Beginn des Jahres sagtest du, du wärest sehr stolz, dass in diesem schwierigen Jahr unser Vitales – im Gegensatz zu unserem Verstand – beschlossen hat, uns in unserem spirituellen Leben zu helfen. Ich frage mich, ob du uns vielleicht einige Ratschläge geben könntest, wie wir diese Kraft einsetzen können, wenn wir unsere spirituellen Schlachten ausfechten?

Sri Chinmoy: Die Herzenstränen sind es, die unseren Fortschritt beschleunigen können. Es sind nicht die Tränen unseres Vitalen. Wenn Menschen manchmal weinen, glauben sie, ihr Weinen käme von den innersten Winkeln ihres Herzens, dabei kommt es eigentlich vom Vitalen. Das Herz und das Vitale führen uns an der Nase herum, weil sie nahe beisammen liegen. Man kann im Handumdrehen in einem Meer von Tränen schwimmen und glauben, unser Weinen kämen aus der Tiefe des Herzens. Doch eigentlich kommen diese Tränen, die beinahe wie Krokodilstränen sind, vom erregten, emotionalen Vitalen. Wenn man eine erstklassige Schauspielerin sieht, die Tränen vergießt, darf man nicht glauben, das käme vom Herzen.

Es gibt zwei Arten, wie wir mit der Sehnsucht unseres Herzens Fortschritt erzielen können. Wenn unsere Sehnsucht von der Tiefe unseres Herzens emporsteigt, weil wir fühlen, dass wir Gottes Mitgefühl, Gottes Liebe und Gottes Segen verloren haben und wir uns von tiefstem Herzen danach sehnen, diese wieder zu erlangen, dann machen wir sicher Fortschritt. Wir sollten fühlen, dass wir etwas absolut Wertvolles verloren haben und dann müssen wir uns von unserem tiefsten Herzen danach sehnen, es wieder zurück zu bekommen.

Der andere Weg besteht darin, nach innen zu tauchen und uns danach zu sehnen, nur Gott alleine zu lieben, nur Gott alleine zufrieden zu stellen. Es mag uns wieder und wieder misslingen, aber in unserem Herzens-Atem müssen wir fühlen, dass es genau das ist, was wir wirklich wollen.

Mit unseren Augen vergießen wir Tränen. Doch Gottes Augen und Seine Tränen befinden sich in Seinem Herzen. Und wenn wir beten und meditieren, erkennen wir, dass sich Sein Herz in Seinem Atem befindet. Je tiefer wir in unserer Meditation gelangen, desto klarer wird uns, dass Er unsere spirituellen Misserfolge als Seinen eigenen Fehlschlag annimmt. Einerseits ist Er über alles erhaben. Ander­erseits, da Er eine menschliche Form angenommen hat, will Er sich durch diese menschliche Form weiterentwickeln und Fortschritt erzielen.

Also müssen wir herausfinden, ob wir wirklich versuchen, Ihn auf Seine eigene Weise glücklich zu machen, oder ob wir bloß versuchen, uns auf unsere eigene Weise glücklich zu machen. In dem Augenblick, in dem wir versuchen Ihn auf Seine eigene Weise glücklich zu machen, sehen wir Ihn lächeln und tanzen. Wenn wir aber nicht versuchen, Ihn auf Seine Weise zufrieden zu stellen, so sehen wir die ungöttlichen, feindlichen Kräfte vor uns tanzen. Jedes Mal wenn wir auf dem Schlachtfeld unseres eigenen inneren Strebens verlieren, tanzen sie in ihrer ganzen Unverschämtheit.

Wenn zwei Mannschaften gegeneinander Fußball spielen, so gratulieren die Gewinner den Verlierern öfters mit den Worten: „Ihr habt sehr gut gespielt.“ Die Gewinner versuchen, die Verlierer zu trösten, entweder aufrichtig oder unaufrichtig. Doch im Falle der göttlichen und un­göttlichen Mächte verhält es sich anders. Die göttlichen Mächte kamen, um die ungöttlichen Mächte zu erleuchten, doch die ungöttlichen Mächte kamen, um die göttlichen Kräfte zu zerstören. Die ungöttlichen Mächte sind weder gnädige Verlierer noch gnädige Gewinner.

Frage: Ist Kummer etwas Negatives?

Sri Chinmoy: Wenn ein naher Verwandter stirbt, so leiden die Menschen manchmal auch dann, wenn sie jahrelang keine enge Verbindung mit ihm hatten. Wenn der sogenannte geliebte Mensch stirbt, empfinden sie ganz plötzlich, dass es einen bestimmten Grund gegeben haben muss, warum dieser Mensch in ihre Familie gekommen ist. Dann stellt sich eine Art Traurigkeit ein: „Ich hätte ein besserer Mensch sein sollen und ihm mehr Zuneigung und Anteilnahme schenken sollen.“ Dieses Empfinden können wir Anteilnahme nennen.

Wenn jemand spirituell weit entwickelt ist, mag er für einen kurzen Zeitraum Kummer erfahren, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Doch sobald er in sein höchstes Bewusstsein eintritt, empfindet er diesen Kummer nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt fühlt er nur mehr den Tanz des Einsseins.

Menschlicher Gram und Reue reinigen das strebende und sich entwickelnde Herz. Die Vorstellung, dass die Seele durch Kummer gereinigt wird, ist Unsinn. Die Seele braucht nicht gereinigt zu werden; sie ist bereits rein. Was gereinigt wird ist das Herz. Leid ist imstande, das Herz zu erleuchten.

Aber zwischen Kummer und den feindlichen oder negativen Kräften existiert keine direkte Verbindung. Durch unser Gebet und unsere Meditation können wir fühlen, dass der uns nahe Stehende irgendwo anders glücklich ist. Je tiefer wir durch Gebet und Meditation gelangen, desto klarer wird es für uns, dass jene Person, die uns auf der physischen Ebene verlassen hat, spirituell mit uns und um uns ist. Wenn wir mit dem Menschen, den wir verloren haben, Einssein fühlen können, wird unser Kummer verschwinden.

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