Die höchsten Höhen des Bewusstseins: Samadhi und Siddhi

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Vorwort des Autors

Auf dieser Welt gibt es nur eines, das sich zu besitzen lohnt: Erleuchtung. Um Erleuchtung zu erlangen, benötigen wir Aufrichtigkeit und Demut. Leider ist in dieser Welt Aufrichtigkeit längst ausgestorben und Demut muss erst noch geboren werden. Lasst uns versuchen, unsere Aufrichtigkeit wieder zu beleben und lasst uns durch unser inneres Streben versuchen, die Geburt unserer Demut zu beschleunigen. Nur dann werden wir Gott verwirklichen können.

Die Erleuchtung liegt nicht in weiter Ferne. Sie ist sehr nahe: sie liegt in uns. Durch unseren inneren Fortschritt können wir jeden Augenblick bewusst in unsere Erleuchtung hineinwachsen. Innerer Fortschritt vollzieht sich durch ständiges Opfer. Was wird geopfert? Falsche, schlechte Gedanken und ein falsches Verständnis der Wahrheit. Opfer und Verzicht gehen Hand in Hand. Auf was werden wir verzichten? Auf den physischen Körper, auf die Familie, die Freunde, die Verwandten, unser Land, die Welt? Nein! Wir müssen auf unsere eigene Unwissenheit, auf unsere eigenen falschen Vorstellungen von Gott und von der Wahrheit verzichten. Dazu müssen wir Gott, dem inneren Führer, das Ergebnis all unserer Taten darbringen. Wenn wir das tun können, wird die göttliche Vision nicht länger außerhalb unserer Reichweite liegen.

In unserem täglichen Leben gebrauchen wir oft die Begriffe Knechtschaft und Freiheit. Doch die Verwirklichung sagt uns, dass es so etwas wie Knechtschaft und Freiheit nicht gibt. In Wahrheit existiert nur Bewusstsein – Bewusstsein auf verschiedenen Ebenen, Bewusstsein, das sich seiner selbst in seinen verschiedenen Manifestationsformen erfreut. Im Bereich der Manifestation hat das Bewusstsein verschiedene Stufen. Warum beten wir? Wir beten, weil unser Gebet uns von einer niedrigeren Stufe der Erleuchtung zu einer höheren Stufe der Erleuchtung führt. Wir beten, weil unser Gebet uns etwas Reinem, Schönem, Beflügelndem und Erfüllendem näher bringt. Die höchste Erleuchtung ist die Gottverwirklichung. Diese Erleuchtung muss nicht nur in der Seele stattfinden, sondern auch im Herzen, im Verstand, im Vitalen und im Körper. Gottverwirklichung ist die bewusste, vollständige und vollkommene Vereinigung mit Gott.

Wir möchten die Welt lieben; die Welt möchte uns lieben. Wir möchten die Welt erfüllen; die Welt möchte uns erfüllen. Es existiert aber keine Verbindung zwischen uns und der Welt. Wir haben das Gefühl, unsere Existenz und die Existenz der Welt seien zwei völlig verschiedene Dinge. Wir glauben, die Welt sei von uns getrennt. Doch hier machen wir einen bedauerlichen Fehler. Was ist die eigentliche Verbindung zwischen uns und der Welt? Gott. Wenn wir uns zuerst Gott nähern und Gott in der Welt sehen, dann wird die Welt unsere Fehler nicht nur dulden, sondern uns darüber hinaus innig lieben, egal wie viele Millionen von Fehlern wir begehen. Gleichzeitig werden wir der Welt vergeben können, wenn wir ihre Fehler, ihre Schwächen und Unvollkommenheiten sehen und sie dann motivieren, ihr neue Energie schenken und sie erleuchten können, einfach darum, weil wir in ihr Gottes Existenz fühlen.

Wenn wir Gott nicht in all unseren Tätigkeiten sehen, wird unser Alltagsleben von Enttäuschung geprägt sein. Egal wie aufrichtig wir der Welt zu gefallen versuchen, egal wie aufrichtig die Welt uns zu gefallen sucht – zwischen unserem Verständnis und dem Verständnis der Welt wird nur Frustration zu finden sein. Die Quelle der Frustration ist Unwissenheit. Unwissenheit ist die Mutter verwüstender Frustration, zerstörender Frustration und erwürgender Frustration. Wenn wir tiefer in die Unwissenheit eindringen sehen wir, dass alles ein Spiel des Nichtbewussten ist. Nur wenn wir in den Ursprung aller Existenz eintreten, können wir die Frustration völlig aus unserem Leben verbannen. Wenn wir in die Quelle unserer eigenen Existenz und der Existenz der Welt eintreten, nähern wir uns der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist unsere ständige Wonne, und Wonne ist der Atem Gottes.

Diese Welt gehört weder mir noch dir noch sonst irgendjemandem; sie gehört Gott und Gott allein. Wir müssen deshalb wirklich weise sein. Wir müssen zuerst zum Besitzer gehen und nicht zum Besitz. Der Besitz selbst ist hilflos; er kann von sich aus nichts tun. Nur der Besitzer kann mit seinem Besitz tun, was er will. Deshalb müssen wir zuerst eins mit Gott werden und dann werden wir automatisch eins mit Gottes Besitz. Wenn wir eins mit Gott und mit Seinem Besitz werden, können wir sicher und unfehlbar fühlen, dass die Welt unser ist und dass wir der Welt gehören.

Unwissenheit und Erleuchtung sind wie Tag und Nacht. Wir müssen zuerst in die Erleuchtung, in das erleuchtende Licht eingehen und dieses dann in die Nacht der Unwissenheit bringen. Wenn wir die Unwissenheit auf dem umgekehrten Weg erleuchten wollen, dann wird die Umwandlung der Unwissenheit schwierig, langsam und ungewiss sein. Direkt in den Bereich der Unwissenheit einzudringen heißt, einen negativen Pfad, einen Pfad der Dunkelheit zu wählen. Die beste, positive Weise, Licht zu finden, besteht darin, dem Pfad des Lichts zu folgen, wo wir mehr Licht, unerschöpfliches Licht, unendliches Licht finden. Wenn wir dem Pfad des Lichts folgen, wird mit Sicherheit die Erleuchtung in uns dämmern.

Lasst uns hinaufschauen und das Licht von oben herab bringen. Sobald wir hinaufschauen, kommt Gottes Gnade herab. Es ist die natürlichste Eigenschaft von Gottes Gnade, dass sie zu jedem Menschen hier auf die Erde herabkommt. Wenn wir mit unserer Unwissenheit zu Gott hinaufgehen, so ist es, als würden wir mit einem schweren Rucksack auf unseren Schultern einen Berg hinaufsteigen, was eine schwierige Aufgabe ist. Stattdessen können wir am Fuße des Berges bleiben und nach Gottes Gnade rufen, die bereit, ja begierig ist, vom Höchsten zu uns herabzukommen. Es ist unendlich viel leichter für Gott, in unsere Unwissenheit herabzukommen, als es für uns ist, unsere Unwissenheit zu Gott hinaufzutragen.

Erleuchtung ist das bewusste Gewahrsein der Seele. Erleuchtung ist die bewusste Vision der Wirklichkeit, die manifestiert werden wird. Erleuchtung ist in Durchführbarkeit verwandelte Möglichkeit. Erleuchtung ist wie Gottes göttlicher Zauberstaub. In dieser Welt braucht ein gewöhnlicher Zauberer seinen Zauberstaub, um einen Gegenstand in etwas anderes zu verwandeln. Wenn Gott Erleuchtung in diese Welt bringt, dann geht das endliche Bewusstsein der Erde in das Unendliche ein und wird zum Unendlichen.

In der Erleuchtung erkennt der Mensch zum ersten Mal Gottes allmächtige Kraft, Sein grenzenloses Mitgefühl, Sein unendliches Licht und Seine vollkommene Vollkommenheit. Erst unsere Erleuchtung lässt uns fühlen, was Gott wirklich ist. Vor der Erleuchtung ist Gott theoretisch; nach der Erleuchtung wird Gott praktisch. Erleuchtung ist eine göttliche magische Kraft, die uns jene Wirklichkeit sehen lässt, die früher einmal unsere Vorstellung war. Wenn in einem Menschen die Erleuchtung dämmert, ist Gott nicht länger nur ein Versprechen, sondern eine wirkliche Errungenschaft.

Die Erleuchtung ist im Verstand und im Herzen. Wenn der Verstand erleuchtet ist, werden wir zu einem auserwählten Instrument Gottes. Wenn das Herz erleuchtet ist, werden wir zu Gottes Stimme. Hier in der physischen Welt hat sich der Verstand sehr weit entwickelt. Dadurch, dass der Mensch seinen intellektuellen Verstand entwickelt hat, wurde er den Tieren überlegen, denn das Niveau des Verstandes ist höher als das Niveau des Körperlichen oder des Vitalen. Der Mensch hat die Fähigkeit des Verstandes entwickelt, doch die Fähigkeit des Herzens hat er noch nicht entwickelt. Wenn wir das Herz entwickeln, werden wir feststellen, dass die Fähigkeiten des Herzens viel größer sind, als wir es uns vorgestellt haben. Wenn wir das einzigartige Gefühl in unserem Herzen entwickeln, dass wir von Gottes höchster Vision kamen und für Gottes vollkommene Manifestation sind, dann wird die Erleuchtung stattfinden.

— Sri Chinmoy

Kapitel I: Die Stufen des Bewusstseins

Frage: Was ist Bewusstsein?

Sri Chinmoy: Bewusstsein ist der innere Funke oder die innere Verbindung in uns, die goldene Verbindung in uns, die unseren höchsten und erleuchtetsten Teil mit unserem niedrigsten und unerleuchtetsten Teil verbindet. Bewusstsein ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Wo aber ist der Himmel? Nicht über uns oder irgendwo weit weg. Der Himmel ist in unserem Bewusstsein. Aber nur das göttliche Bewusstsein verbindet die Erde mit dem Himmel. Das gewöhnliche menschliche Bewusstsein wird uns nur mit etwas sehr, sehr Begrenztem und gleichzeitig sehr Vergänglichem verbinden. Eine Sekunde lang werden wir unser Bewusstsein auf einen anderen Menschen richten können und dann wird unsere Konzentration nachlassen. Wenn wir uns jedoch mit dem inneren Bewusstsein beschäftigen, dem grenzenlosen, erleuchteten, transformierten Bewusstsein, dann wird unsere Konzentrationskraft keine Grenzen mehr kennen.

Nicht nur spirituelle Leute besitzen göttliches Bewusstsein. Auch gewöhnliche Leute besitzen es, doch in ihnen schläft es. Wenn sie sich richtig konzentrieren, richtig meditieren und kontemplieren, wird dieses Bewusstsein zum Vorschein kommen und sie werden einen freien Zugang zur Seele erhalten, die reines Licht, reiner Friede und reine Glückseligkeit ist.

Bewusstsein ist eins. Es birgt sowohl Stille als auch Kraft in sich. Wenn es Stille beherbergt, beherbergt es seine eigene wahre Form. Wenn es Kraft beherbergt, dann manifestiert es seine innere Wirklichkeit. Den Teil des inneren Bewusstseins, der in das Grob-Physische eingetaucht ist und vom Physischen selbst besessen und verwendet wird, nennen wir das physische Bewusstsein, das vitale Bewusstsein und das mentale Bewusstsein. Auch in diesem Bewusstsein findet sich ein winziger Funke des unendlichen Bewusstseins, von dem wir normalerweise sprechen.

Die ewige Seele und das unendliche Bewusstsein gehören zusammen. Sie haben einen gemeinsamen Freund, einen gemeinsamen Vater: das Leben, das ewige Leben. Das eine ergänzt das andere. Die Seele drückt ihre Göttlichkeit durch das Bewusstsein aus und das Bewusstsein drückt seine alldurchdringende Kraft oder seine Stille durch die Seele aus. Bewusstsein und Seele können nie voneinander getrennt werden, während der Körper leicht vom Bewusstsein getrennt werden kann.

Was wir in unserem menschlichen Leben Bewusstsein nennen, ist normalerweise nur ein Gefühl. Wenn wir etwas Subtiles wahrnehmen, nennen wir es sofort ’Bewusstsein’, doch in Wahrheit handelt es sich überhaupt nicht um Bewusstsein, sondern vielmehr um einen sehr subtilen Wunsch. Wir dringen in diesen Wunsch ein und haben sofort das Gefühl, dies sei unser Bewusstsein. Alles, was in uns subtil ist und was wir nicht mit Worten definieren können, nennen wir Bewusstsein, doch Bewusstsein ist etwas völlig anderes.

Gewahrsein und Bewusstsein sind ebenfalls zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn ich mit jemandem spreche oder mit jemandem zusammen bin, dann wird sich mein Verstand seiner Eigenschaften gewahr. Das ist Gewahrsein. Doch Bewusstsein ist kein mentales Gewahrsein oder Verständnis. Bewusstsein ist eine innere Enthüllung oder eine innere Ebene des Seins. Es ist etwas unendlich viel Tieferes und Innerlicheres als Gewahrsein.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen menschlichem und göttlichem Bewusstsein?

Sri Chinmoy: Menschliches Bewusstsein besteht vor allem aus Begrenzung, Unvollkommenheit, Knechtschaft und Unwissenheit. Dieses Bewusstsein will hier auf der Erde bleiben. Es macht ihm Freude, im Endlichen zu sein: in der Familie, in der Gesellschaft, in irdischen Dingen. Göttliches Bewusstsein besteht aus Frieden, Glückseligkeit, göttlicher Kraft und so weiter. Es liegt in seiner Natur, sich ständig auszudehnen. Das menschliche Bewusstsein glaubt, es gebe nichts Wichtigeres als irdisches Vergnügen. Das göttliche Bewusstsein fühlt, dass es auf der Erde nichts Wichtigeres und Bedeutsameres gibt als himmlische Freude und Glückseligkeit. Das menschliche Bewusstsein versucht uns davon zu überzeugen, dass wir weit von der Wahrheit oder von der Erfüllung entfernt seien. Es versucht uns fühlen zu lassen, dass Gott irgendwo anders sei, Millionen von Kilometern entfernt. Doch das göttliche Bewusstsein lässt uns fühlen, dass Gott unmittelbar hier ist, in jedem Lebensatem, in jedem Herzschlag, in jedem Menschen und in jedem Gegenstand um uns.

Das menschliche Bewusstsein gibt uns das Gefühl, wir könnten ohne Gott existieren. Wenn es sich tief in der Unwissenheit befindet, empfindet das menschliche Bewusstsein keine Notwendigkeit für Gott. Es gibt Millionen und Milliarden von Menschen, die nicht beten oder meditieren. Sie sagen sich: „Wenn Gott existiert, gut und schön; wenn Er nicht existiert, haben wir auch nichts verloren.“ Obwohl sie vielleicht den Ausdruck ‚Gott’ ständig benützen, kümmern sie sich nicht um die Wirklichkeit, die Existenz Gottes, weder im Himmel noch in ihrem täglichen Leben.

Das göttliche Bewusstsein ist ganz anders. Selbst das begrenzte göttliche Bewusstsein, das wir haben, lässt uns fühlen, dass in jedem Augenblick eine tiefe Notwendigkeit für Gott besteht. Es lässt uns fühlen, dass wir nur deshalb auf der Erde sind, weil Er existiert. Und wenn wir göttliche Gedanken hegen, lässt uns das göttliche Bewusstsein fühlen, dass Er es ist, der uns inspiriert, diese göttlichen Gedanken zu haben. Das göttliche Bewusstsein lässt uns fühlen, dass es in allem einen göttlichen Zweck, ein göttliches Ziel, ein göttliches Ideal gibt. Im gewöhnlichen menschlichen Bewusstsein gibt es keinen Zweck, kein positives Ziel; es ist, als würde ein verrückter Elefant Amok laufen. Im göttlichen Bewusstsein gibt es immer ein Ziel und dieses Ziel wächst ständig über sich selbst hinaus. Heute betrachten wir etwas als unser Ziel, doch sobald wir die Schwelle unseres Zieles erreichen, sind wir sofort motiviert, über dieses Ziel hinauszugehen. So wird das Ziel zu einem Meilenstein auf dem Weg zu einem höheren Ziel. Dies geschieht, weil auch Gott Sich selbst ständig transzendiert. Gott ist grenzenlos und unendlich, doch Er transzendiert selbst Seine eigene Unendlichkeit. Da Gott stets Fortschritte macht, machen auch wir Fortschritt, wenn wir uns im göttlichen Bewusstsein befinden. Im göttlichen Bewusstsein weitet sich alles ständig aus und wächst in höheres und erfüllenderes Licht.

Frage: Könnten Sie bitte kurz über die verschiedenen Bewusstseinszustände sprechen?

Sri Chinmoy: Es gibt drei hauptsächliche Bewusstseinszustände: Jagriti, Swapna und Sushupti. Jagriti ist das Wachstadium, Swapna ist das Traum-stadium und Sushupti ist das Stadium des Tiefschlafes. Wenn wir uns im Wachstadium befinden, ist unser Bewusstsein nach außen gerichtet; wenn wir uns im Traumstadium befinden, ist unser Bewusstsein nach innen gerichtet; wenn wir uns im Stadium des Tiefschlafes befinden, bewegt sich unser Bewusstsein im Jenseits.

Wenn wir uns im Wachstadium befinden, nennen wir die Identifikation, die wir mit allem und jedem eingehen, Vaishwanara – das, was allen Menschen gemeinsam ist. Wenn wir uns im Traumstadium befinden, identifizieren wir uns mit Tejasa, unseren eigenen brillanten inneren Fähigkeiten, unserer inneren Lebenskraft. Und wenn wir in den Tiefschlaf eintreten, erleben wir das Subtile und identifizieren uns damit. In diesem dritten Stadium geben wir uns nicht mit dem vitalen Bewusstsein, sondern mit dem inneren, intuitiven Bewusstsein ab. Im Sushupti gibt es keine kollektive Form; alles ist unbestimmt. Es ist alles eine grenzenlose Masse. In diesem Stadium erhalten wir eine sehr hohe Erfahrung.

Es gibt noch ein viertes Stadium: Turiya, das transzendentale Bewusstsein. Im Turiya-Bewusstsein ist man wie auf einer Baumkrone. Wenn wir uns am Fuße des Baumes befinden, sehen wir mit großen Schwierigkeiten ein wenig von dem, was um uns herum ist. Doch von der Baumkrone aus können wir alles um uns herum und unter uns wahrnehmen. Wenn wir in das Turiya-Bewusstsein eintreten, sollten wir fühlen, dass wir die höchste Bewusstseinsebene betreten haben. Von dort aus können wir alles beobachten.

Das Nirvakalpa Samadhi ist ebenfalls ein Zustand der Seele. Wenn wir eins mit der Seele geworden sind und uns am ewigen Frieden, an der Glückseligkeit und dem Licht der Seele erfreuen, nennt man dies Nirvikalpa Samadhi. In diesem Bewusstsein gibt es keine Gedanken. Das kosmische Spiel ist vorbei; hier herrscht absoluter Frieden, absolute Glückseligkeit.

Wenn wir im Sahaja Samadhi meditieren, ist es möglich, dass Gedanken in uns Form annehmen, doch wir werden von ihnen nicht gestört. Im gewöhnlichen Leben werden wir von Gedanken gestört, doch wenn wir mit dem Wachbewusstsein im Sahaja-Bewusstsein sind werden wir nicht gestört, obwohl die Erde aus verschiedenen Richtungen eine ganze Anzahl von Gedanken sendet.

Frage: Würden Sie bitte die sieben höheren Welten erklären?

Sri Chinmoy: Es gibt tief in uns sieben niedere und sieben höhere Welten. Wir versuchen, die niederen Welten in leuchtende Welten, Welten der Vollkommenheit umzuwandeln; gleichzeitig versuchen wir, die höheren Welten in die äußere Manifestation zu bringen. Einige der höheren Welten sehen wir bereits in unserer physischen Welt auf der Erde wirken. Zuerst kommt das Physische, dann das Vitale, dann der Verstand, dann die Ebene der Intuition oder der intuitive Verstand, dann der „Overmind“ und der „Supermind“. Nach dem Supermind kommt Existenz-Bewusstseins-Glückseligkeit – Sat-Chit-Ananda.

Wenn wir diese Welten beobachten, werden wir feststellen, dass einige davon bereits in uns wirken. Während der Meditation können wir klar sehen, dass es nicht die physische Welt ist, die wir betreten, sondern etwas anderes: die Welt des höheren Verstandes, des Overmind, der Intuition oder eine andere subtile Welt. Doch nur spirituelle Meister und große Sucher sind sich der Tatsache bewusst, dass sich diese Welten in ihren täglichen Aktivitäten in der äußeren Welt manifestieren. Selbst wenn Intuitions-Blitze in ihren Verstand eindringen, werden gewöhnliche Menschen nicht fähig sein, zu erkennen, dass sie von der Welt der Intuition kommen. Doch jeder Mensch muss sich dieser Welt bewusst werden, entweder heute oder morgen. Und nicht nur das: er muss die Wahrheit, das Licht, die Schönheit und den Reichtum aller höheren Welten in dieser Welt auch manifestieren.

C. ist mein Schüler und ich kann sagen, dass er manchmal wahres, höheres Licht vom intuitiven Verstand her erhält. Ich weiß, dass seine Schriften, seine Gedichte von einer völlig anderen Welt kommen. Die Wahrheiten und Ideen, die er darin ausdrückt, erhält er von dieser anderen Welt. Ich sehe, dass es ihm Freude bereitet, von der intuitiven Welt, vom höheren Verstand her zu schreiben. In der Welt der Manifestation, der physischen Welt, drückt er also die Ideen, das Licht, die Wahrheit einer anderen Welt aus. Wenn wir nun in jene Welt gehen möchten, um die Vision der Wahrheit der betreffenden Welt zu erhalten, jedoch ohne sie zu manifestieren, so können wir dies tun. Doch für die Manifestation müssen wir diese Vision auf die Erde herab bringen.

Frage: Wie können wir feststellen, in welcher Bewusstseinsebene wir uns befinden?

Sri Chinmoy: Wenn wir tief meditieren können, wird sich jede Bewusstseinsebene von sich aus offenbaren. Sie wird wie ein Blitz vor uns auftauchen. Die sieben Hauptebenen des Bewusstseins sind wie sieben Sprossen einer Leiter. Wenn wir aufrichtig und seelenvoll innerlich streben, klettern wir diese Leiter Sprosse um Sprosse hinauf. Man kann auch das Bild eines Baumes mit sieben Ästen nehmen, wobei unser Bewusstsein wie ein Vogel ist, der von Ast zu Ast fliegt. Wenn wir auf einem Ast sitzen, können wir bereits den nächst höheren Ast sehen, und wenn wir dann dort hinauf fliegen, werden wir einen weiteren Ast sehen, der sich noch etwas höher befindet. Auf diese Weise werden wir die verschiedenen Bewusstseinsebenen sehen, wenn wir in der inneren Welt Fortschritt machen. Wenn wir aber einmal den Gipfel des Baumes erreicht haben, gibt es keine Grenze mehr über uns. Dann werden wir den Himmel betrachten und vergessen, dass der Baum überhaupt Äste hat.

Wenn ein noch nicht sehr weit fortgeschrittener Sucher etwas über die sieben Bewusstseinsebenen erfahren möchte, so geschieht dies aus einer Art Neugierde heraus und sein Wissen wird rein mental und theoretisch sein. Wir glauben vielleicht, dass wir schnellen Fortschritt machen werden, wenn wir diese sieben Bewusstseinsebenen kennen oder uns auf sie konzentrieren. Doch in diesem Entwicklungsstadium ist es nicht ratsam, daran zu denken oder darauf zu meditieren. Versucht immer, das Wichtigste zuerst zu tun. Achtet im Augenblick nur auf euer eigenes spirituelles Streben. Bewusstes und ständiges inneres Streben ist für einen aufrichtigen Sucher von größter Wichtigkeit. Es allein kann einen Sucher zum vorausbestimmten Ziel führen.

Versucht, euch diese höchst bedeutsame Frage zu stellen: „Bin ich bereit, sehnsuchtsvoll nach Gott, dem Supreme zu rufen?“ So wie ein Kind nach seiner Mutter schreit, wenn es Hunger hat, so müssen wir nach dem Supreme rufen, wenn wir Nektar wollen. Und wenn wir von Ihm Nektar trinken können, werden wir Energie erhalten und unser Bewusstsein wird unsterblich werden.

Frage: Wenn Sie meditieren, bewegen sich Ihre Augen manchmal sehr schnell hin und her. Warum machen Sie das?

Sri Chinmoy: Diese Bewegung bedeutet, dass meine Seele von einer Welt zur anderen geht. So wie ein Vogel von einem Ast des Baumes zum andern fliegt, so fliegt mein Bewusstsein von einer Bewusstseinsebene zur anderen. Auf jedem Ast erfährt der Vogel eine besondere Form der Erfüllung: Licht, Frieden, Glückseligkeit, Kraft und so weiter. So schenkt mir jede Bewusstseinsebene ihren Reichtum, den ich dann meinen Schülern und jenen herab bringe, die mit mir meditieren.

Frage: Was bedeutet Gottverwirklichung?

Sri Chinmoy: Gottverwirklichung oder Siddhi bedeutet Selbstentdeckung im höchsten Sinne des Wortes. Man verwirklicht bewusst sein Einssein mit Gott. Solange sich der Sucher in der Unwissenheit befindet, wird er das Gefühl haben, Gott sei ein anderes Wesen mit unendlicher Kraft, während er, der Sucher, der schwächste Mensch auf Erden sei. Doch in dem Augenblick, in dem er Gott verwirklicht, wird er erkennen, dass er und Gott völlig eins sind, sowohl im inneren als auch im äußeren Leben. Gottverwirklichung bedeutet die Identifikation mit dem eigenen absolut höchsten Selbst. Wenn wir uns mit unserem höchsten Selbst identifizieren und für immer in diesem Bewusstsein bleiben können, wenn wir es enthüllen und manifestieren können, wann immer wir wollen, so nennt man das Gottverwirklichung.

Ihr habt Bücher über Gott gelesen und man hat euch erzählt, dass Gott in jedem sei. Doch ihr habt Gott in eurem bewussten Leben nicht verwirklicht. Für euch ist das alles reine Spekulation. Wenn jemand jedoch Gott verwirklicht hat, weiß er bewusst, was Gott ist, wie Er aussieht, was Sein Wille ist. Wenn man die Selbstverwirklichung erreicht, bleibt man in Gottes Bewusstsein und spricht zu Gott von Angesicht zu Angesicht. Man sieht Gott sowohl im Endlichen als auch im Unendlichen, sowohl persönlich als auch unpersönlich. In diesem Fall ist dies keine Halluzination oder geistige Einbildung; es ist die direkte Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist wirklicher als die Tatsache, dass ich euch hier unmittelbar vor mir sehe. Wenn wir zu einem Menschen sprechen, gibt es immer einen Schleier von Unwissenheit, Dunkelheit, Unvollkommenheit und Missverständnis. Doch zwischen Gott und dem inneren Wesen eines Menschen, der Ihn verwirklicht hat, kann es keine Unwissenheit, keinen Schleier geben. Man kann zu Gott klarer, überzeugender und offener sprechen als zu einem Menschen.

Als gewöhnliche Menschen haben wir das Gefühl, unendlicher Frieden, unendliches Licht, unendliche Glückseligkeit und unendliche göttliche Kraft seien alles reine Einbildung. Wir fallen dem Zweifel, der Furcht und negativen Kräften zum Opfer, von denen wir das Gefühl haben, sie seien ganz normal und natürlich. Wir sind nicht in der Lage, reine Liebe zu empfinden, nicht einmal für uns selbst. Wir befinden uns im Endlichen, wir streiten und kämpfen und so etwas wie Frieden, Licht oder Glückseligkeit gibt es in uns nicht. Jene aber, die meditieren, gehen tief in sich und erkennen, dass Zweifel und Furcht tatsächlich überwunden werden können. Wenn wir die Gottverwirklichung erreichen, wird unsere innere Existenz überflutet mit Frieden, Ausgeglichenheit, Gleichmut und Licht.

Frage: Was ist Ihre Vorstellung von Gott, wenn Sie davon sprechen, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen? Ist er ein Wesen?

Sri Chinmoy: Gott ist mit Form; Er ist ohne Form. Er ist mit Attributen; Er ist ohne Attribute. Wenn ein Mensch Gott als eine unendliche Ausdehnung von Licht und Wonne sehen will, wird Gott zu dem betreffenden Menschen als eine unendliche Ausdehnung von Licht und Wonne kommen. Will jemand jedoch Gott als ein strahlendes Wesen sehen, so wird Gott in dieser Form zu ihm kommen. Wenn ich sage, dass Gott die Form eines strahlenden Wesens annimmt, dann untertreibe ich natürlich gewaltig. Er ist nicht nur strahlend; Er ist etwas, das ich nicht mit menschlichen Worten beschreiben kann.

Ich selbst habe Gott auf beide Arten gesehen: mit Form und ohne Form. Wenn ich jedoch von Gott spreche, spreche ich über Ihn als Wesen, denn dieses Konzept ist für den menschlichen Verstand leichter zu erfassen. Die Menschen mögen es, wenn man sagt, es gebe eine Form, eine Gestalt. Sonst wird Gott nur zu einer vagen Idee. Wenn ich sage, Gott sei Glückseligkeit, der Sucher aber selbst Glückseligkeit nicht erfahren hat, dann wird er hoffnungslos verwirrt sein. Wenn ich einem Sucher jedoch sage, Gott sei wie ein Mensch, ein allmächtiger Vater, der dies sagen oder jenes tun könne, kann er sich darunter etwas vorstellen und es glauben.

Wenn ein Mensch an ein Wesen denkt, das ihn selbst übertrifft, dann wird er automatisch an etwas denken, das einem Menschen ähnlich ist. Es ist viel leichter, das Konzept von Gott durch eine Gestalt zu erfassen. Doch ich werde nie sagen, dass jene, die Gott ohne Form sehen möchten - als eine unendliche Ausdehnung von Licht, Wonne, Energie oder Bewusstsein - Unrecht hätten. Nur fühle ich, dass es auf dem anderen Weg einfacher ist.

Frage: Welcher Teil des Menschen erreicht die Verwirklichung?

Sri Chinmoy: Wenn die Verwirklichung stattfindet, ist es das gesamte Wesen des Menschen, das Gott verwirklicht. Die Seele hat Gott bereits verwirklicht, doch sie bringt dann ihr verwirklichtes Bewusstsein zum Vorschein. Sie dringt in das Herz ein und versucht, das Herz mit ihrem göttlichen Bewusstsein zu durchdringen. Dann kommt die Verwirklichung vom Herzen zum Verstand, vom Verstand zum Vitalen und vom Vitalen zum physischen Körper. Wenn sie den Körper, das Vitale, den Verstand und das Herz umfasst, dann ist die Verwirklichung vollkommen.

Wahre Verwirklichung lässt uns fühlen, dass wir weder der Körper noch der Verstand noch irgendetwas anderes sind, sondern die Seele, die eine Manifestation des Göttlichen darstellt. Sobald jemand Gott verwirklicht, wird er fühlen, dass er ein bewusster Teil Gottes ist. Das Physische ist begrenzt, doch die Seele ist unbegrenzt. Wenn wir von Verwirklichung sprechen, beziehen wir uns auf etwas Unbegrenztes, Unendliches. Wenn wir Gott verwirklichen, gehen wir über das Körperbewusstsein hinaus und werden eins mit der unbegrenzten Fähigkeit der Seele.

Frage: Ich habe gelesen, dass Erkenntnis keine Errungenschaft, sondern eine Entdeckung ist.

Sri Chinmoy: Verwirklichung ist keine Errungenschaft, sondern eine Entdeckung. Doch wenn wir etwas entdecken, wird es auch zu unserer Errungenschaft. Sobald wir etwas entdecken, wird es Teil unserer Existenz, und was immer Teil unserer Existenz ist, wird zu unserer Errungenschaft. In der Entdeckung selbst liegt die Errungenschaft. Wenn ein Wissenschaftler etwas entdeckt, wird es zum Eigentum der ganzen Welt, doch es bleibt seine Errungenschaft. So ist auch die Gottverwirklichung die bedeutsamste Errungenschaft für jeden Menschen, obwohl Gott schon immer existiert hat und sowohl der inneren wie der äußeren Welt gehört.

Wahrheit und Göttlichkeit existieren bereits in uns, aber wir vernachlässigen sie. Weil wir sie nicht gebrauchen, sind sie uns fremd geworden. Doch in dem Augenblick, in dem wir entdecken, dass sie bereits in uns sind, werden sie zu unserer eigenen Errungenschaft. Sie werden durch unsere aufrichtige persönliche Bemühung und durch die ständige innere Gnade Gottes zu unserer Errungenschaft.

Frage: Ist die Verwirklichung eine ziemlich häufige Erfahrung während einer einzelnen Generation von Menschen? Gibt es in Indien zum Beispiel viele verwirklichte spirituelle Meister?

Sri Chinmoy: Es gibt Millionen und Milliarden von Menschen auf der Erde, doch nur sehr wenige sind wahrhaft verwirklicht. Wenn du das Gefühl hast, es gebe Hunderte von spirituell verwirklichten Menschen auf der Erde, dann irrst du dich. Diese Welt ist groß, doch was die wahrlich gottverwirklichten Menschen anbelangt, so gibt es davon nur zehn oder zwölf, die gegenwärtig auf der Erde leben. Es gibt viele Swamis und Lehrer, die zehn oder fünfzehn Jahre lang aufrichtig meditiert und Yoga geübt haben und ihren Schülern weit überlegen sind, aber sie sind keine gottverwirklichten Seelen. Man braucht nicht das Höchste erreicht zu haben, um einen Anfänger zu lehren, genauso wie man keinen Universitätsabschluss benötigt, um im Kindergarten zu lehren. Wenn ich ehrlich bin muss ich sagen, dass viele dieser so genannten Meister auch Zweifel, Unreinheit und anderen ungöttlichen Dingen erliegen. Jene jedoch, die wirklich die höchste Wahrheit verwirklicht haben, stehen unendlich weit über solchen Schwächen.

Es gibt aufrichtige und unaufrichtige Meister. Viele unaufrichtige Meister kommen in den Westen und nutzen die Leute aus. Auch in Indien missbrauchen falsche Meister manchmal die Sucher. Doch Gott wird es nicht zulassen, dass ein aufrichtiger Schüler für immer getäuscht wird. Der innere sehnsuchtsvolle Ruf des Suchers wird ihn zu einem echten Lehrer bringen. Wenn es Gottes Wille ist, erhält der Schüler vielleicht einen wirklich hohen Meister, der ihn von Anfang an zum Supreme bringen wird. Andernfalls wird er einen Meister erhalten, der ihn nur durch den Kindergarten führt, und wird sich später einen anderen Meister suchen müssen.

Frage: Es gibt einige Wege, die vom Ziel als Erleuchtung sprechen, und es gibt andere Wege, die vom Ziel als Gottverwirklichung sprechen. Was ist der Unterschied zwischen Erleuchtung und Gottverwirklichung?

Sri Chinmoy: Gottverwirklichung ist volle Erleuchtung, vollständige und alles erleuchtende Erleuchtung. Manchmal erhält ein Sucher in seiner höchsten Meditation eine Art innere Erleuchtung und für eine halbe Stunde ist sein ganzes Wesen, seine ganze Existenz erleuchtet. Nach einer Stunde oder zwei jedoch ist er wieder genau die gleiche Person, die er zuvor war. Er wird wieder ein Opfer von Wünschen und ungöttlichen Eigenschaften. In diesem Fall hat zwar eine Art Erleuchtung stattgefunden, aber nicht die transzendentale Erleuchtung, welche Buddha und andere spirituelle Meister erlangten. Diese Art alles erfüllender und erleuchtender Erleuchtung ist dasselbe wie Gottverwirklichung. Gottverwirklichung bedeutet ständige und ewige Erleuchtung, transzendentale Erleuchtung. Wenn wir Gottverwirklichung erlangen, findet automatisch eine unendliche Erleuchtung in unseren äußeren und inneren Wesen statt.

Die Erleuchtung, über die man hier im Westen und auch in Japan spricht, ist nur ein zeitlich begrenzter Lichtblitz im aufstrebenden Bewusstsein. Nach kurzer Zeit verblasst sie wieder zur Bedeutungslosigkeit, weil keine bleibende Wirklichkeit in ihr ist. Diese werden wir nur durch ständige, ewige und transzendentale Erleuchtung erhalten, was identisch ist mit Gottverwirklichung.

Manchmal sprechen wir von Erleuchtung und meinen damit, dass wir auf einem bestimmten Gebiet viele Jahre lang in Dunkelheit weilten und jetzt innere Weisheit erlangt haben, und dass nun dieser Ort in unserem Bewusstsein erleuchtet ist. Doch dies ist nur ein Funke der grenzenlosen Erleuchtung und diesen kleinen Funken können wir nicht Gottverwirklichung nennen.

Frage: Welche Beziehung besteht zwischen der Verwirklichung und dem Gesetz des Karma?

Sri Chinmoy: Wenn man Gott verwirklicht hat man die Fähigkeit, über seinem eigenen Schicksal oder Karma zu stehen. Doch wenn Gott will, dass man zu diesem Zeitpunkt sein eigenes Karma annimmt und durch Schmerz und Leiden hindurchgeht, wird man dies tun und es Gott als eine Erfahrung darbringen. Man wird dann fühlen, dass Gott diese Erfahrungen in und durch einen macht. Nach der Verwirklichung kann man das Gesetz des Karmas auslöschen. Wenn man die Strafe oder die Vergeltung vom Karma anderer auf sich nehmen will, so kann man das ebenfalls tun. Wenn es Gottes Wille ist, kann ein verwirklichter Mensch sein eigenes Karma und das Karma anderer auslöschen oder er kann bewusst, entschieden und lächelnd sowohl sein eigenes Karma als auch das Karma anderer Menschen annehmen.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Gott sehen und Gott verwirklichen?

Sri Chinmoy: Gott zu sehen und Gott zu verwirklichen sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn wir Gott sehen, können wir Ihn als Individuum, als Gegenstand oder etwas anderes sehen. Aber wir werden Ihn nicht bewusst und ständig verkörpern und fühlen, dass Er ganz unser Eigen ist. Wenn wir Gott sehen, so ist es, wie wenn wir einen Baum sehen. Wir werden dabei nicht bewusst das Baumbewusstsein verkörpern und deshalb können wir es nicht enthüllen oder manifestieren. Wenn wir jedoch etwas verwirklichen, wird es zu einem festen Bestandteil unseres Lebens. Wir mögen eine Blume sehen, doch nur wenn wir die Blume verwirklichen, werden wir tatsächlich eins mit dem Bewusstsein der Blume.

Wenn wir etwas nur sehen, können wir es nicht unser Eigen nennen und auch das Betreffende wird uns nicht sein Eigen nennen. Sehen spielt sich auf der physischen Ebene ab, während sich Verwirklichung auf der inneren Ebene abspielt. Sehen währt nicht lange, während Verwirklichung bei uns bleibt. Wenn wir etwas sehen, bleibt die Vision vielleicht eine kleine Weile, doch wenn wir etwas verwirklichen, dauert diese Verwirklichung für immer an.

Frage: Wenn ein Mensch den Zustand erreicht, in dem er die Vereinigung mit Gott erreicht, wird seine Emotion oder sein Gefühl des Strebens so intensiv, dass es sich automatisch in Worten ausdrückt?

Sri Chinmoy: Wenn jemand Gott verwirklicht, gibt es dafür keine Worte. Man kann die Vereinigung mit Gott nicht in Worten ausdrücken; man kann sie nur fühlen.

Frage: Auch wenn es sich um Worte des Lobes und der Einheit mit Gott handelt?

Sri Chinmoy: Spirituelle Erfahrungen kann man ausdrücken, und viele Sucher tun dies in Worten von intensiver Schönheit. Viele spirituelle Meister haben uns erzählt, was die Vereinigung mit Gott ist und verstandesmäßig glauben wir, sie zu kennen. Doch Gottverwirklichung kann nicht mit der menschlichen Sprache ausgedrückt werden. Wer Gott verwirklicht hat, ist einem gewöhnlichen Menschen unendlich weit überlegen und es gibt keine menschlichen Worte dafür, um sein Bewusstsein auszudrücken.

Frage: Handelt ein Mensch, nachdem er Gott verwirklicht hat, immer noch wie ein gewöhnlicher Mensch?

Sri Chinmoy: Ein gottverwirklichter Mensch ist normal. Wenn wir das Wort Verwirklichung gebrauchen, sind die Leute oft verwirrt. Sie haben das Gefühl, ein verwirklichter Mensch sei völlig anders als ein gewöhnlicher Mensch und benehme sich sehr ungewöhnlich. Doch hier möchte ich betonen, dass sich ein verwirklichter Mensch nicht auf ungewöhnliche Art benehmen muss und auch nicht sollte. Was hat er verwirklicht? Die letzte Wahrheit in Gott. Und wer ist Gott? Gott ist jemand völlig Normaler und etwas völlig Normales.

Wenn jemand das Höchste verwirklicht bedeutet dies, dass er inneren Frieden, Licht und Glückseligkeit in unermesslichem Maße erhält. Es bedeutet nicht, dass seine äußere Erscheinung oder seine äußeren Gesten anders sein werden, weil der Frieden, das Licht und die Glückseligkeit sich in seinem inneren Bewusstsein befinden. Wenn ein Mensch die Verwirklichung erreicht bedeutet das nicht, dass ihm zwei Hörner wachsen oder dass er in irgendeiner anderen Weise abnormal wird. Nein, er ist normal. Selbst nachdem ein spiritueller Meister das Höchste verwirklicht hat wird er schlafen, essen, atmen und sprechen, so wie es alle anderen Menschen auch tun.

Das Göttliche wohnt im Innern des Menschen. Wir brauchen nicht in den Höhlen des Himalaya zu leben, um unsere Göttlichkeit zu beweisen. Wir können diese Göttlichkeit in unserem täglichen Leben zum Vorschein bringen. Spiritualität ist etwas völlig Normales, doch leider sind wir zu dem Schluss gelangt, sie sei abnormal, weil wir in dieser Welt der Unwissenheit so wenige spirituelle Menschen sehen. Dies ist jedoch ein bedauerlicher Fehler. Wirkliche Spiritualität bedeutet, das Leben anzunehmen. Zuerst müssen wir das Leben annehmen wie es ist, und dann müssen wir versuchen, es zu vergöttlichen und das Gesicht der Welt durch unser inneres Streben und unsere Verwirklichung zu verwandeln.

Unspirituelle Menschen denken häufig, dass ein verwirklichter Mensch, wenn er wirklich verwirklicht ist, in jedem Moment Wunder vollbringen muss. Aber Wunder und Gottverwirklichung müssen nicht unbedingt zusammen gehören.

Wenn wir einen spirituellen Meister betrachten, so nehmen wir Frieden, Licht, Glückseligkeit und göttliche Kraft wahr. Wenn wir von einer verwirklichten Seele etwas anderes erwarten, wenn wir zu einem spirituellen Meister kommen und glauben, er würde unsere zahllosen Wünsche erfüllen und uns zu einem Multimillionär machen, dann irren wir uns völlig. Wenn es der Wille Gottes, des Supreme ist, dann kann der Meister jedoch leicht jemanden über Nacht zu einem Multimillionär machen. Er kann materiellen Reichtum in grenzenlosem Maße herab bringen, doch gewöhnlich ist dies nicht der Wille des Supreme. Der Wille des Supreme ist inneres Erblühen, nicht äußerer Überfluss.

Frage: Wie kann man einen von Gott verwirklichten spirituellen Meister erkennen?

Sri Chinmoy: Wenn wir mit einem gottverwirklichten Meister zusammen sind, werden wir unweigerlich bewusst oder unbewusst einen gewissen Frieden, etwas Licht, etwas Glückseligkeit, etwas Kraft spüren, denn es ist die ureigene Natur des Meisters, diese Dinge auszustrahlen. Er stellt diese Dinge nicht zur Schau. Sie sind spontan, so wie es die ureigenste Natur einer Blume ist, ihren Duft zu verbreiten. Wir kommen jeden Tag mit Tausenden von Leuten in Kontakt, doch dieses Gefühl erhalten wir von keinem von ihnen.

Der physische Körper eines Meisters mag unansehnlich wirken, doch in seinen Augen wird man alle göttlichen Eigenschaften wahrnehmen können. Und wenn seine Augen geschlossen sind, beobachtet man vielleicht äußerlich nichts, doch tief in sich wird man eine innere Freude fühlen, die man nie zuvor gespürt hat. Natürlich hat man auch schon früher Freude erfahren, doch die freudige Erregung, die man in dem Moment erhalten wird, in dem man zum ersten Mal vor einem wirklichen spirituellen Meister steht, kann nie mit Worten beschrieben werden. Und wenn es der eigene Meister ist, dann wird die Freude noch unendlich viel größer sein.

Wenn man innerlich strebt, wird man im spirituellen Meister unweigerlich eine Vielzahl von göttlichen Eigenschaften spüren. Ansonsten mag man vor einem spirituellen Meister sitzen, mit ihm sprechen und freundschaftlichen Kontakt mit ihm pflegen, ohne irgendetwas von ihm zu erhalten. Unsere innere Strebsamkeit ist es, die es uns ermöglicht, alle göttlichen Eigenschaften des Meisters zu empfangen. Wenn wir keine Strebsamkeit haben, dann wird der Meister uns nichts geben können, egal wie viel er besitzt.

Wenn wir zu einem wirklichen Meister sprechen, muss auch unsere eigene Aufrichtigkeit zum Vorschein kommen. Wir mögen sonst nicht immer aufrichtig sein; wir erzählen vielleicht Lügen, obwohl unsere Aufrichtigkeit uns drängt, die Wahrheit zu sagen. Doch wenn wir bei einem spirituellen Meister sind, dann wollen wir ihm zumindest unsere Aufrichtigkeit schenken, auch wenn die Unaufrichtigkeit kommen kann, mit uns kämpfen und uns daran hindern will, die Wahrheit zu sagen. Wenn wir bei einem wirklichen Meister sind, werden wir zweifellos fühlen, dass uns der Meister versteht - und nicht nur das, sondern dass er auch die Fähigkeit hat, uns zu trösten und uns in unseren Problemen zu helfen. Manche Leute glauben, es gebe niemanden auf der Erde, der sie versteht. Und selbst wenn sie das Glück haben, einen Menschen zu finden, der sie versteht, werden sie zu der Erkenntnis gelangen, dass dieser Mensch ihre Probleme trotzdem nicht lösen kann, weil er kein inneres Licht, keine innere Weisheit, keine innere Kraft besitzt. Ein spiritueller Meister versteht unsere Probleme nicht nur, sondern er hat auch in unendlichem Maße die Fähigkeit, uns in unseren Nöten zu helfen.

Wenn wir vor einem Meister stehen werden wir fühlen, dass er nie von unserer inneren und äußeren Existenz getrennt werden kann. Wir fühlen, dass er unser eigener höchster Teil ist und wir in ihn hineinwachsen möchten. Wir möchten zu einem vollkommenen Teil seiner höchsten Verwirklichung werden, denn genau jene göttlichen Eigenschaften, nach denen wir streben – Licht, Freude, Frieden, Kraft – besitzt ein spiritueller Meister in unendlichem Maße.

Frage: Wenn wir die Befreiung erreichen, verändert sich der physische Körper?

Sri Chinmoy: Wenn wir befreit sind, gehen das Physische, das Vitale und das Mentale in uns in das seelisch-geistige Bewusstsein ein. Wir werfen sie nicht ab, doch der Körper, das Vitale und der Verstand streben dann zusammen mit der Seele. Vor der Befreiung ist das Physische dunkel und unrein. Damit die Befreiung stattfinden kann, muss das Physische gereinigt werden. Das Vitale ist normalerweise aggressiv. Vor der Befreiung muss es dynamisch werden. Der Verstand ist gewöhnlich argwöhnisch. Vor der Befreiung muss er weit und voller Liebe werden. Wenn die Befreiung stattfindet, gehen diese geläuterten Teile des Menschen in das Herz ein und bleiben für immer dort. Die äußere Erscheinung des physischen Körpers wird dann zwar grundsätzlich dieselbe sein, doch er wird von dem Zeitpunkt ab unendliche Reinheit besitzen und eine Leuchtkraft, die er zuvor nie gehabt hat.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen Befreiung und Verwirklichung oder sind sie absolut identisch?

Sri Chinmoy: Es besteht ein großer Unterschied zwischen Befreiung und Verwirklichung. Befreiung ist der Verwirklichung weit unterlegen. Man kann Befreiung in einer Inkarnation erreichen und Verwirklichung in einer späteren Inkarnation. Man kann auch in derselben Inkarnation befreit und verwirklicht werden. Doch ist es unmöglich, die Verwirklichung zu erlangen, ohne zuerst Befreiung erlangt zu haben. Manchmal hat ein großer spiritueller Meister das Glück, einige wenige wirklich befreite Seelen herab bringen zu können, die ihm bei seiner Manifestation helfen. Sri Ramakrishna zum Beispiel brachte Vivekananda und Brahmananda herab. Einige dieser befreiten Seelen, die mit den großen Meistern die Erdarena betreten, kümmern sich nicht um die Verwirklichung. Sie kommen einfach, um zu helfen. Andere, wie Vivekananda und Brahmananda, wollen auch die Verwirklichung.

Eine befreite Seele ist wie ein Kind, schön und rein. Doch wie lange kann man ein Kind bleiben? Ein Kind kann mit seinen Fähigkeiten nicht sehr weit gehen; das Höchste bleibt für es außer Reichweite. Eine verwirklichte Seele hingegen ist wie ein reifer Erwachsener, der einem anderen Menschen intensives inneres Streben, Licht, Weisheit und die lebendige Wirklichkeit anerbieten kann. Eine befreite Seele wird uns inspirieren, dem richtigen Pfad zu folgen. Doch eine verwirklichte Seele wird uns nicht nur inspirieren, sondern uns auch führen und zu unserem Bestimmungsziel geleiten.

Eine verwirklichte Seele ist nicht nur ein Führer, nicht nur der Weg, sondern auch das Ziel selbst. Am Anfang gibt ein Meister vor, nicht einmal ein Führer zu sein, sondern nur jemand, der dem Suchenden Inspiration schenkt. Dann kommt er und sagt dem Sucher, er sei zwar der Führer, aber nicht der Weg. Mit der Zeit jedoch zeigt er, dass er selbst auch der Weg ist. Und schließlich lässt er den Sucher sein unendliches Mitgefühl spüren und zeigt ihm, dass er nicht nur der Führer und der Weg, sondern auch das Ziel des Suchers ist.

Eine verwirklichte Seele berührt den Fuß des Verwirklichungs-Baumes, klettert zum höchsten Ast hinauf und bringt die Früchte herunter, um sie mit der Menschheit, die unten wartet, zu teilen. Das ist Verwirklichung. Selbst derjenige, der den Verwirklichungs-Baum nur berührt und am Fuße des Baumes sitzen bleibt, ohne hinaufzuklettern oder irgendetwas herunterzubringen, ist einer befreiten Seele weit überlegen.

Doch auch Befreiung zu erreichen ist keine leichte Sache. Sich von der Unwissenheit zu befreien, ist sehr, sehr schwierig. Unter allen Millionen und Milliarden von Menschen auf der Erde gibt es vielleicht zehn, zwanzig oder vielleicht auch hundert befreite Seelen. Doch Gott allein weiß, wie viele verwirklichte Seelen es gibt, die das höchste Absolute als ganz ihr Eigen verwirklicht haben und ständig fühlen, dass diese Verwirklichung nicht nur etwas ist, das sie erreicht haben, sondern etwas, das sie ewig sind.

Kapitel II: Die große Pilgerreise: menschliche Transformation

"Man and God are eternally one. Like God, man is infinite; like man, God is finite. There is no yawning gulf between man and God. Man is the God of tomorrow; God, the man of yesterday.
— Sri Chinmoy"
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Frage: Kann ein Mensch das Unendliche erkennen?

Sri Chinmoy: Sicher. Wenn Sie in mein Bewusstsein eintreten könnten, dann würden Sie das Unendliche erkennen.

Frage: Doch Sie sind nicht unendlich!

Sri Chinmoy: Sie sehen mich nur als Mensch, doch wenn Sie in mein Bewusstsein eintreten, werden Sie das unendliche Bewusstsein sehen. Wenn Sie mit mir meditieren, kann ich in Sie eintreten und das unendliche Bewusstsein in Ihnen sehen; doch im Augenblick haben Sie diese Kraft selbst nicht. Sie sind nicht nur ein Mensch mit Händen und Füßen; Sie sind von Gott gekommen und Sie besitzen in sich alle Möglichkeiten, Gott zu verwirklichen.

Der Mensch ist in seinem äußeren Leben, seinen äußeren Errungenschaften sehr begrenzt. Doch wenn er in das Innerste seines Herzens eindringt, wird derselbe Mensch fühlen, dass es dort etwas gibt, das sich ständig auszudehnen versucht. Das ist Bewusstsein. Dieses Bewusstsein verbindet ihn mit dem Höchsten Absoluten. Wenn wir also fragen, wie ein Mensch in seinem endlichen Leben Unendlichkeit erlangen kann, müssen wir uns bewusst sein, dass er die Unendlichkeit nicht in seinem physischen Körper – seinen Armen oder seinen Füßen oder in seinen Augen – erreichen wird, sondern in seinem inneren Bewusstsein.

Frage: Glauben Sie, dass ein Mensch Gott verwirklichen und hier auf der materiellen Ebene, die so unwissend und dunkel ist, eins mit Ihm werden kann?

Sri Chinmoy: Einerseits ist der Planet Erde dunkel, unwissend und unbewusst. Die Erde kümmert sich nicht um irgendetwas Göttliches. Auf der anderen Seite besitzt sie einen starken inneren Drang, sich auszudehnen und zu transzendieren. Gott strebt durch das Erdbewusstsein. Die Erde ist der einzige Ort, auf dem man reich werden kann, sei es nun auf der physischen oder auf der spirituellen Ebene. Das Leben des Begehrens und das Leben des spirituellen Strebens sind beide auf der Erde möglich. Andere Welten sind für statisches Vergnügen da. In anderen Welten sind die Wesen zufrieden mit dem, was sie bereits erreicht haben, während das hier bei niemandem ganz der Fall ist. Unzufriedenheit bedeutet nicht, dass wir uns über die Welt ärgern. Nein, Unzufriedenheit bedeutet, dass wir ständig danach streben, weiter und weiter zu gehen. Wenn wir ein wenig Licht besitzen, möchten wir mehr Licht, grenzenloses Licht, unendliches Licht erhalten.

Unserer indischen Tradition zufolge gibt es Tausende von kosmischen Göttern. Daneben gibt es noch ebenso viele Schutzgötter wie es Menschen gibt. Diese Götter und Schutzgötter bleiben in den höheren Welten – der vitalen Welt, der intuitiven Welt oder irgendeiner höheren Ebene. Gegenwärtig besitzen sie mehr Kraft und Fähigkeiten als wir und sind zufrieden mit dem, was sie haben. Sie wollen keinen Zentimeter weiter gehen. Im Vergleich mit dem Licht, der Glückseligkeit und der Kraft des Supreme sind ihre Fähigkeiten jedoch immer noch begrenzt. Wenn wir befreit und verwirklicht sind, wenn wir bewusst eins sind mit dem Bewusstsein des Supreme, werden wir diese Schutzgötter und kosmischen Götter weit übertreffen.

Als die Schöpfung begann, folgten die Seelen, die Fortschritte machen wollten, einem anderen Pfad. Sie wollten die letzte Wahrheit, die unendliche Wahrheit. Wenn sie unendlichen Frieden, Licht und Glückseligkeit erreichen wollen, müssen selbst die kosmischen Götter in menschlicher Form auf die Erde herabkommen und dann Gott aufgrund ihrer absoluten Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe verwirklichen. Nur hier im physischen Körper können wir beten, meditieren und das Höchste verwirklichen. Nur dieser Planet befindet sich in Evolution. Evolution bedeutet ständiger Fortschritt, ständige Errungenschaft. Wenn man Fortschritt machen will, wenn man weiter gehen will, dann ist dies der richtige Ort dafür. Nur hier kann und muss Gott verwirklicht, enthüllt und manifestiert werden.

Frage: In gewissen westlichen Religionen findet man Lehren, denen zufolge man Gott nur nach dem Tod sehen könne, falls man ein guter Mensch gewesen und in den Himmel gekommen ist. Was sagen Sie dazu?

Sri Chinmoy: Der Himmel und Gott sind nicht hoch über uns oder irgendwo in weiter Ferne; sie sind tief in uns, tief in unserem Herzen. Der Himmel ist nicht ein weit entferntes Land mit Bäumen, Häusern und anderen Dingen; er ist eine Bewusstseinsebene in uns. Sucher nach der ewigen Wahrheit werden zu der Erkenntnis gelangen, dass sich ihr ewiger Himmel in ihrem eigenen aufstrebenden Herzen befindet. Jeden Augenblick erschaffen wir den Himmel oder die Hölle in uns. Wenn wir einen göttlichen Gedanken, einen sich ausweitenden Gedanken, einen erfüllenden Gedanken hegen, erschaffen wir den Himmel in uns. Wenn wir ungöttliche, hässliche, dunkle, unreine Gedanken hegen, betreten wir unsere eigene innere Hölle.

Frage: Müssen wir alle unsere materialistischen Ziele aufgeben, um Gott zu verwirklichen?

Sri Chinmoy: Das Entscheidende ist, wie wir das materielle Leben gebrauchen. Die Materie als solche hat Gott nichts Schlechtes getan; sie ist dem Göttlichen nicht entgegengesetzt. Wir sind es, die die materiellen Dinge auf falsche Art und Weise gebrauchen. Wir müssen mit dem Licht unserer Seele in das materielle Leben eindringen. Wir können ein Messer dazu gebrauchen, jemanden zu erstechen, oder aber eine Frucht zu schneiden und sie mit anderen zu teilen. Mit Feuer können wir kochen; wir können uns damit aber auch verbrennen oder ein Haus in Brand stecken.

Wir müssen spüren, dass Geist und Materie zusammengehören. Materie muss der bewusste Ausdruck des Geistigen sein. Wenn Sie behaupten, Materie sei alles, es gäbe nichts Geistiges, kein höheres Leben, keine innere Wirklichkeit, dann muss ich Ihnen sagen, dass Sie sich irren. Es gibt eine innere Wirklichkeit. Es gibt eine unendliche Wahrheit, die sich in der Materie und durch die Materie ausdrücken will. Die Materie schläft und muss erweckt werden. Das materielle Leben muss vom Geist geführt und geformt werden.

Zuerst müssen wir jedoch den Zweck des materiellen Lebens kennen. Wenn wir mit ‚materiellem Leben’ das niedere vitale Vergnügen und die Erfüllung grober Begierden meinen, dann ist es nutzlos, gleichzeitig ein spirituelles Leben führen zu wollen. Bedeutet es jedoch ein Leben der Ausdehnung – der Ausdehnung des Herzens, der Ausdehnung der Liebe – dann können Geist und Materie leicht zusammenspielen. In diesem materiellen Leben müssen wir Frieden, Licht und Glückseligkeit sehen. Was wir gegenwärtig im Verstand sehen, sind Eifersucht, Furcht, Zweifel und alle möglichen ungöttlichen Dinge. Doch in diesem Verstand können und müssen wir Frieden, Liebe und andere göttliche Eigenschaften spüren. Wenn wir vom materiellen Leben diese göttlichen Eigenschaften wollen, dann kann das materielle Leben mit dem spirituellen Leben auf vollkommene Weise Hand in Hand gehen.

Das wahre materielle Leben bedeutet nicht nur Essen, Schlafen und Trinken. Das materielle Leben ist ein bedeutsames Leben und es muss letztlich zu einem Leben der Hingabe werden.

Gegenwärtig versuchen wir, Menschen und Dinge in der physischen Welt zu besitzen. Das materielle Leben wird aber erst dann eine Bedeutung bekommen, wenn wir aufhören zu besitzen und beginnen zu dienen. Nur wenn wir uns selbst dem Supreme, dem unvergleichlichen Ziel der Gottverwirklichung hingeben, wird sich uns das Leben als Botschaft der Wahrheit, als Botschaft der Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit enthüllen.

Frage: Stellt die moderne Technik ein Hindernis für die Gottverwirklichung dar?

Sri Chinmoy: Die Antwort ist ja und nein. Wenn moderne Technik als Ausdruck der inneren Seele dient, wenn sie fühlt, dass sie eine Verbindung mit dem inneren Leben, der inneren Existenz besitzt, dann ist die Technik eine Hilfe zur Gottverwirklichung. Sehr oft jedoch sehen wir, dass Technik und das innere Leben nichts miteinander zu tun haben. Die äußere Welt läuft mit ihren Erfolgen anderen Zielen entgegen. In diesem Punkt müssen wir sehr achtsam sein, denn egal wie viel Erfolg wir von der Technik erhalten – die unendliche Erfüllung kann nicht ohne die Seele stattfinden. Auf der anderen Seite ist die Seele lahm, wenn das äußere Leben nicht durch technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt mit ihr Schritt halten kann.

Wissenschaft und Spiritualität müssen Hand in Hand gehen, entweder heute oder in der fernen Zukunft. Gegenwärtig stehen sie miteinander auf Kriegsfuß. Doch für die absolute Erfüllung von Gottes Vision und Wirklichkeit hier auf der Erde müssen Wissenschaft und Spiritualität Hand in Hand gehen. Von der Spiritualität können wir Befreiung und Verwirklichung erwarten. Von der Wissenschaft und der Technik können wir materielle Vervollkommnung erwarten, die materielle Verkörperung der höchsten Wahrheit. Die materielle Welt wird nur dann Beständigkeit in ewigen Werten erringen, wenn im materiellen Erfolg die Verwirklichung weilt. Fehlt auf der anderen Seite jedoch Vollkommenheit im inneren Leben, dann muss der materielle Erfolg die innere Verwirklichung dazu bringen, zum Vorschein zu kommen und die Führung zu übernehmen.

Frage: Ist es möglich, in einem Leben vollständiges Wissen über Gott zu erlangen?

Sri Chinmoy: Es ist durchaus möglich, vollständiges Wissen über Gott zu erreichen, vorausgesetzt, der Sucher besitzt zutiefst aufrichtige spirituelle Strebsamkeit. Gleichzeitig muss der Sucher die Fähigkeit haben, die Weisheit und das Wissen von Gott in sich auch zu behalten. Drittens muss der Sucher einen sehr hohen spirituellen Meister haben, einen gottverwirklichten Yogi ersten Ranges. Viertens muss es der Wille Gottes sein, dass der Sucher diese vollständige innere Weisheit, dieses Wissen empfängt. Wenn alle diese vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind, dann ist es ohne weiteres möglich.

Wenn man jedoch das spirituelle Leben eben erst begonnen hat und Gott ohne die Hilfe eines Meisters verwirklichen möchte, ist es unmöglich. Für einen gewöhnlichen Menschen sind dazu Hunderte und Tausende von Inkarnationen nötig. Selbst wenn man einen guten Meister hat, mag es sechs, sieben, zehn oder zwanzig Inkarnationen dauern, sofern der Schüler nicht hundertprozentig aufrichtig ist. Doch die allerbesten Schüler erhalten die Verwirklichung entweder in einer Inkarnation oder in wenigen Inkarnationen unter der ständigen Führung des Meisters.

Es kommt vor, dass jemand Gott verwirklicht, ohne einen spirituellen Meister zu haben. Wie ist das möglich? Vielleicht hatte er in seiner vergangenen Inkarnation einen äußerst mächtigen Meister. In diesem Leben hat der Meister zwar keine menschliche Inkarnation angenommen, formt und lehrt ihn jedoch innerlich. Der Sucher weiß, dass sein Guru ihn in seinen Träumen und während seiner Meditation lehrt.

Dann gibt es natürlich noch eine andere Möglichkeit. Wenn ein Sucher in mehreren Inkarnationen meditiert hat, Gott zutiefst mit ihm zufrieden ist und der Sucher in dieser Inkarnation nicht mit einem spirituellen Meister gesegnet ist, dann spielt Gott selbst die Rolle des spirituellen Meisters, auch während der Wachstunden und den täglichen Aktivitäten des Suchers. Wenn der Sucher ein Glas Wasser trinken soll, wird Gott ihm sagen: „Trinke ein Glas Wasser.“ Und wenn er die Fenster schließen soll, wird Gott ihm das sagen. Gott wird die Form eines strahlenden Wesens annehmen und ihn auf diese Weise führen.

Frage: Wenn ein Sucher Gott in diesem Leben nicht verwirklicht, bedeutet das, dass all seine Bemühungen vergeblich gewesen sind?

Sri Chinmoy: Wenn ein Sucher seine spirituelle Vervollkommnung in diesem Leben nicht erreicht bedeutet das nicht, dass er alles wieder verlieren wird. Wenn er die Reise in diesem Leben nicht vollendet, wird er in seiner nächsten Inkarnation dort beginnen, wo er aufgehört hat. Nichts ist verloren. Doch unglücklicherweise wird er während der ersten zwölf oder dreizehn Jahre seiner Kindheit von der Unwissenheit eingefangen werden. Die Unwissenheit wird sich vor ihm auftürmen und ihn wie ein Wolf verschlingen. Er wird von der inneren Welt Kraft holen und dann wie ein Krieger im Schlachtfeld des Lebens kämpfen müssen, um die Unwissenheit einmal mehr zu bezwingen. Jemand der Gott in seinem früheren Leben verwirklicht und absolute Vollkommenheit erlangt hat, muss jedoch nicht all diese Jahre warten. Es ist deshalb besser, alles in diesem Leben zu erringen, damit wir in unserem nächsten Leben unsere Reise schon ganz von Anfang an fortsetzen können.

Frage: Ist es richtig, eine Motivation zu haben, um die Verwirklichung zu erreichen, wie zum Beispiel den Wunsch nach Befreiung?

Sri Chinmoy: Sicher ist dies eine richtige Motivation. Es gibt zwei verschiedene Methoden, sich der Gottverwirklichung zu nähern. Eine Methode besteht darin, sich Gottes Willen vollständig hinzugeben. Diese Selbsthingabe muss dynamisch sein, sonst sind wir wie die Millionen lethargischer Menschen auf der Erde, die in den Vergnügen der Unwissenheit schwelgen und auf die Verwirklichung zu Gottes Stunde warten. Für sie werden Millionen von Jahren nötig sein, um Gott zu verwirklichen, denn wenn sie die Fähigkeiten nicht nutzen, die Gott ihnen gegeben hat, warum sollte dann Gott Seine Rolle für sie spielen? In der dynamischen Selbsthingabe spielen wir unsere Rolle und gebrauchen die Fähigkeiten, die Gott uns gegeben hat. Dann überlassen wir es Gott, uns zu geben, was Er will und wann Er will. In der dynamischen Selbsthingabe machen wir zuerst eine große persönliche Anstrengung und beten dann für die göttliche Gnade. Gewöhnliche Menschen wollen ihr Ziel um jeden Preis erringen. Doch im spirituellen Leben machen wir das nicht. Wir gebrauchen unsere Geduld.

Die andere Methode besteht darin, eine gewisse Vorstellung davon zu haben, was wir wollen, wenn wir beten und meditieren. Nehmen wir an, ich will gut sein. Das ist etwas völlig Legitimes. Wenn ich ein guter Mensch werden kann bedeutet dies, dass es einen Schurken weniger auf der Erde gibt und Gottes Schöpfung besser wird. So bete ich zu Gott, mir etwas zu geben, das Ihm helfen wird, Sein eigenes Licht auf der Erde zu verbreiten. Um der Menschheit zu dienen und Gott auf Gottes eigene Weise zu gefallen, müssen wir gut werden. Doch nur wenn wir Gott verwirklichen, können wir Ihm eine wirkliche Hilfe sein. Was können wir der Menschheit geben, bevor wir verwirklicht sind, bevor wir frei vom Schlamm der Unwissenheit sind? Wie können wir Gott oder der Menschheit helfen, wenn wir nicht einen gewissen Frieden, ein gewisses Licht, eine gewisse Glückseligkeit besitzen? Es gibt viele falsche Meister auf der Erde, die der Menschheit kein bisschen helfen. Sie wachsen wie Pilze überall aus dem Boden. Aber was tun sie in Wirklichkeit? Sie nützen die Menschheit aus und täuschen sie. Sie können wohl sich selbst täuschen, sie können auch die Menschheit täuschen, aber Gott können sie nicht täuschen.

Sri Ramakrishna, der große spirituelle Meister, pflegte zu beten: „Oh göttliche Mutter, mach mich zum größten aller Yogis.“ Gewöhnliche Leute würden sagen: „Was für ein Meister ist das, der darum betet, der Größte zu sein?“ Doch im Falle von Sri Ramakrishna war dies kein Wetteifern. Er wusste einfach, dass er der Menschheit erst dann wirklich dienen kann, wenn er göttliche Größe besitzt. Es ist also nicht falsch, für die Verwirklichung und Befreiung zu beten. Wenn wir gar kein Motiv haben, wenn wir keinen inneren Hunger nach Gott oder nach Frieden, Licht oder Glückseligkeit besitzen, dann wird Gott sagen: „Schlafe nur, mein Kind – schlafe wie Millionen und Milliarden anderer Menschen auf der Erde!“

Frage: Wie erreicht man Perfektion?

Sri Chinmoy: Bewusstes inneres Streben ist also das erste, was wir brauchen. Inneres Streben ist alles, was wir haben und alles, was wir sind. Jedes Mal, wenn wir innerlich streben, wächst der Grad unserer Vollkommenheit. In unserem inneren Streben wächst und erblüht die Vollkommenheit. Aufrichtiges inneres Streben bedeutet das Öffnen des Vollkommenheits-Lotus. Ein Lotus hat viele Blütenblätter und wenn ein Blütenblatt erblüht, bedeutet dies, dass der ganze Lotus vollkommener wird.

Gegenwärtig ist die Verwirklichung unser Ziel. Nachdem wir jedoch Gott verwirklicht haben, wird es unser nächstes Ziel sein, Gott durch die Transformation unserer Natur zu manifestieren. Verwirklichung ist das Wachsen in die Vollkommenheit, doch absolute Vollkommenheit ist die Umwandlung der menschlichen Natur in die göttliche Natur. Es hat eine ganze Reihe von Meistern gegeben, die sich nie um die Transformation ihrer Natur gekümmert haben. Diese Aufgabe ist schwieriger als die Verwirklichung. Die Transformation der Natur ist die wirkliche Vollkommenheit. Indem man das Göttliche in seine eigene menschliche Natur herab bringt, wird man sein äußeres Leben, das einen Teil der äußeren Welt darstellt, vervollkommnen.

Frage: Können Sie über die Rolle sprechen, die das Verlangen auf dem Weg zur Gottverwirklichung spielt?

Sri Chinmoy: In unserer täglichen Erfahrung haben wir oft das Gefühl, das Verlangen sei eine Sache und Gott eine andere. Wir sagen, das Verlangen sei im spirituellen Leben etwas Schlechtes, denn wenn wir etwas begehren haben wir das Gefühl, wir würden das Objekt selbst begehren. Es stimmt, dass man allein durch spirituelle Strebsamkeit Gott verwirklichen kann; doch wir müssen uns ebenso bewusst sein, dass Gott sowohl in unserem Verlangen wie in unserer Strebsamkeit wohnt. Sobald wir zu der Erkenntnis gelangen, dass auch das Begehren seine Existenz in Gott besitzt, erhalten wir unsere erste Erleuchtung.

Unsere irdische Reise beginnt mit dem Verlangen, und im gewöhnlichen Leben können wir ohne es nicht leben. Doch wenn wir glauben, nur deshalb nicht für das spirituelle Leben bereit zu sein, weil wir unzählige Wünsche besitzen, dann werden wir nie für das spirituelle Leben bereit sein. Wir müssen unsere spirituelle Reise hier und jetzt beginnen, selbst wenn wir noch den Pfad des Begehrens entlang gehen.

Am besten betrachten wir das Verlangen als einen Gegenstand und versuchen, den Atem Gottes darin zu fühlen. Langsam und unfehlbar wird der Atem Gottes zum Vorschein kommen und unser Begehren in spirituelles Streben umwandeln. Wenn wir dann denselben Prozess auch auf unsere Strebsamkeit anwenden, werden wir schließlich fühlen lernen, dass unsere Strebsamkeit und unsere irdische Existenz nie getrennt werden können.

Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Erde, die keine persönlichen Wünsche haben: die befreiten Seelen und die müßigen, untätigen und leblosen Seelen. Befreite Seelen haben sich von Knechtschaft, Begrenzungen und Unvollkommenheiten befreit. Sie sind frei von der Unwissenheit und in transzendentaler Erleuchtung eins mit ihren Seelen geworden. Andererseits gibt es aber auch Menschen, die nichts vom Leben wollen. Sie schwelgen einfach in den Vergnügungen der Trägheit und der Lethargie; sie streben nach gar nichts. So werden sie natürlich nie Erleuchtung erlangen.

Swami Vivekananda, der große spirituelle Held, wurde einmal von einem jungen Mann gefragt, wie er Gott verwirklichen könne. Vivekananda sagte zu ihm: „ Von nun an erzähle Lügen.“ Der junge Mann antwortete: „Du willst, dass ich Lügen erzähle? Wie kann ich dann Gott verwirklichen? Das geht ja völlig gegen alle spirituellen Prinzipien!“ Doch Vivekananda sagte: „Ich weiß besser als du, wo du stehst. Du rührst dich nicht vom Fleck. Du bist nutzlos, du bist praktisch tot für das gewöhnliche Leben, ganz zu schweigen vom spirituellen Leben. Wenn du beginnst, Lügen zu erzählen, werden dich die Leute kneifen und schlagen und dann wirst du deine eigene Persönlichkeit zum Vorschein bringen. Zuerst musst du deine eigene Individualität und Persönlichkeit entwickeln. Dann wird der Tag kommen, an dem du deine Individualität und Persönlichkeit der göttlichen Weisheit, dem unendlichen Licht und der unendlichen Glückseligkeit hingeben wirst. Doch zuerst musst du deine Reise überhaupt erst beginnen.

Es gibt noch eine andere Anekdote über einen Mann, der zu Swami Vivekananda kam und ihn nach der Gottverwirklichung fragte. Vivekananda sagte: „Geh und spiele Fußball. Du wirst Gott schneller verwirklichen können, wenn du Fußball spielst, als wenn du die Bhagavad Gita studierst.“ Um Gott zu verwirklichen braucht man Kraft. Man muss kein Ringer oder Boxer zu sein, doch eine gewisse Stärke ist für unser tägliches Leben absolut notwendig.

Es gibt auch gewisse unausgeglichene Leute, die glauben, sie würden Gott verwirklichen, indem sie wie Vagabunden auf den Straßen herumirren oder indem sie ihren Körper quälen und schwach bleiben. Sie betrachten ihre physische Schwäche als Vorbote der Gottverwirklichung. Buddha versuchte selbst den Pfad der Selbstpeinigung, doch er kam zu dem Schluss, dass der Mittelweg ohne Extreme am besten sei. Wir müssen normal sein. Wir müssen in unserem täglichen Leben gesund sein. Spirituelles Streben ist nicht unabhängig von unserem physischen Körper. Nein! Die Strebsamkeit unseres Herzens und unseres physischen Körpers gehören zusammen; sie müssen Hand in Hand gehen.

Frage: Ich bin kürzlich dein Schüler geworden und ich frage mich, ob es meinem Fortschritt förderlich ist, wenn ich ständig über mein Ziel der Gottverwirklichung nachdenke.

Sri Chinmoy: Das letzte Ziel eines Kindergartenschülers ist es, einen Universitätsabschluss zu erhalten. Wenn er nun während der Kindergartenlektionen ständig denkt: „Ich muss meinen Universitätsabschluss machen, ich muss meinen Universitätsabschluss machen,“ so ist das dumm. Er mag sein Ziel kennen, doch wenn er ständig darüber nachdenkt, wird er seine gegenwärtige Lektion nicht gut lernen. Es gibt Sucher, die an die Gottverwirklichung denken, obwohl sie noch nicht einmal für ein grundsätzliches inneres Erwachen bereit sind. Sie denken an die Gottverwirklichung und sprechen darüber, während sie nicht einmal bereit sind, das ABC des spirituellen Lebens zu lernen.

Gottverwirklichung, Unsterblichkeit, Unendlichkeit und Ewigkeit: dies sind im Augenblick alles große Worte. Wenn wir über diese Worte sprechen, bauen wir nur Luftschlösser. Sie stellen auf ihrer eigenen Ebene wohl eine Wirklichkeit dar; doch im Augenblick können wir diese Wirklichkeit nicht in unser tägliches Leben bringen. Lassen wir also diese Wirklichkeit auf ihrer eigenen Ebene bleiben. Wenn du mit deiner Einbildungskraft ständig an dein Ziel denkst, wird das Ziel nicht so sein wie du es dir vorstellst und du wirst zwangsläufig enttäuscht werden. Zudem wirst du dann nicht genügend Aufmerksamkeit auf dein gegenwärtiges spirituelles Streben richten und dadurch unbewusst deinen inneren Fortschritt verlangsamen. Gottverwirklichung mag dein Ziel sein, doch du hast das spirituelle Leben eben erst begonnen. Du gehst den richtigen Pfad entlang und das ist gut. Im Augenblick solltest du dein Augenmerk vor allem auf dein inneres Streben, auf inneren Fortschritt, Einfachheit, Aufrichtigkeit, Reinheit und Demut richten.

Gottverwirklichung ist ein hohes Ziel. Es ist schwer zu erreichen, aber nicht unmöglich. Es gibt Sucher, die nach mehreren Jahren des Meditierens das Gefühl haben, Gottverwirklichung sei in diesem Leben unmöglich zu erreichen, und dann sagen, dass sie sie nicht wollten. Viele Menschen verlassen den spirituellen Pfad aus diesem Grund, nachdem sie ihn einige Jahre lang gegangen sind. Sie haben an Gott und an den Lehren des Meisters einiges auszusetzen und werden zu überzeugten Atheisten. Doch dies ist gar nicht gut. Als wir noch in den Vergnügungen der Unwissenheit schwelgten, ehe wir das spirituelle Leben begannen, vergab uns Gott, weil Er wusste, dass wir uns dessen nicht bewusst waren. Gott sagte: „Mein Kind kennt nichts Besseres als Unwissenheit.“ Wenn wir jedoch zum gewöhnlichen Leben zurückkehren, nachdem wir bereits ein inneres Leben geführt haben, und glauben, die Gottverwirklichung sei ein Hirngespinst oder sie liege jenseits unserer Fähigkeiten, dann wird die innere Vergeltung für unsere ungöttlichen Taten unendlich viel schlimmer sein als sie gewesen wäre, hätten wir die Unwissenheit nie verlassen.

Im Augenblick ist das Ziel in weiter Ferne. Doch wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Schritt für Schritt, langsam und stetig werden wir das Ziel erreichen. Vom Kindergarten gehen wir in die Grundschule, dann in das Gymnasium und zuletzt an die Universität. Sei also nicht rastlos oder ungeduldig. Nur Gott weiß, wann die auserwählte Stunde für dich schlagen wird. Es ist deine Aufgabe innerlich zu streben und es ist Gottes Aufgabe, Sein unendliches Mitgefühl auf dich herabfließen zu lassen. Wenn du deine Rolle spielst, wird Gott Seine Rolle spielen und dich Ihn zu Seiner auserwählten Stunde verwirklichen lassen. Lasst uns also dem Pfad der Wirklichkeit folgen. Aufgrund unseres inneren Strebens wird das Ziel von selbst auf uns zukommen.

Frage: Verschwinden alle Hindernisse auf dem Weg zur Gottverwirklichung und wird die Verwirklichung in diesem Leben zu einer Gewissheit, wenn ein Sucher weit fortgeschritten ist?

Sri Chinmoy: Bis wir das Ziel erreicht haben gibt es keine Gewissheit. Es ist möglich, dass wir fallen, auch wenn wir nur noch einen Schritt vom Ziel entfernt sind. Selbst im letzten Augenblick wissen wir nicht, ob wir das Rennen gewinnen werden oder nicht. Die letzte Prüfung vor der Gottverwirklichung ist äußerst schwierig. Viele wirklich aufrichtige Sucher sind kurz vor der Gottverwirklichung gestanden – glauben Sie mir, in der inneren Welt trennten sie nur noch wenige Zentimeter von ihrem Ziel – doch feindliche Kräfte griffen sie gnadenlos an und sie fielen. Dann dauert es sehr, sehr lange, bis man wieder an diesen Punkt gelangt. Einige Sucher brauchen sechs Monate oder zwei oder vier Jahre. Andere müssen vielleicht auf eine andere Inkarnation warten. Wir müssen also stets wachsam sein und so schnell wie möglich unserem Ziel entgegenlaufen. Wir dürfen nicht aufgeben, bis das Rennen gewonnen ist, sonst wird uns die Unwissenheit wieder zum Ausgangspunkt zurückziehen.

Frage: Wenn ich an all die Misserfolge und ungöttlichen Eigenschaften in mir selbst und in den anderen Schülern denke, scheint mir die Erleuchtung Lichtjahre entfernt zu sein.

Sri Chinmoy: Wenn man wirklich erleuchtet ist, wird man die anderen nicht als unvollkommene oder hoffnungslose Menschen sehen. Sobald man erleuchtet ist, wird man sein wirkliches Einssein mit anderen fühlen und sehen, dass die sogenannten Unvollkommenheiten der anderen eine Erfahrung ist, die Gott in ihnen und durch sie macht.

Da du mein Schüler bist möchte ich dir sagen, dass du mehr Unvollkommenheit, mehr Begrenzung, mehr Dunkelheit in dir siehst, als ich mir vorstellen könnte. Für mich bist du völlig natürlich und normal. Du bist Gottes Kind und hast die Möglichkeit und die Fähigkeit, das Göttliche hier auf der Erde zu verwirklichen, zu manifestieren und zu erfüllen. Erleuchtung ist etwas, das du einmal gehabt hast, jetzt jedoch vergessen hast. Es ist nicht etwas völlig Neues.

Wer sich wirklich um die Erleuchtung bemüht muss fühlen, dass er von Licht in mehr Licht, in unendliches Licht wächst. Wenn ein Sucher stets fühlt, dass er tief im Meer der Unwissenheit steckt, dann wird er nie aus der Unwissenheit herauskommen, denn das Unwissenheits-Meer ist endlos. Wenn man jedoch fühlt, dass man von ein wenig Licht zum alles durchdringenden, höchsten Licht wächst, dann scheint Erleuchtung sofort leichter und spontaner zu sein.

Frage: Können wir spüren, wenn unsere Verwirklichung naht oder erscheint sie spontan und unerwartet?

Sri Chinmoy: Wahre Verwirklichung kann nicht unerwartet kommen. Langsam, sehr langsam kommen wir zu dem Punkt, wo wir Gott verwirklichen. Wenn wir an der Schwelle zur Verwirklichung stehen werden wir wissen, dass es sich nur noch um Tage, Monate oder wenige Jahre handelt. Verwirklichung ist vollständiges, bewusstes Einssein mit Gott. Man kann nicht auf einen Schlag unbegrenztes, bewusstes Einssein mit Gott erlangen, ohne zuvor ein begrenztes, bewusstes Einssein mit Gott zu haben. Es ist wahr, dass Gott alles tun kann, dass Er Verwirklichung gewähren kann, ohne vom Sucher irgendetwas zu verlangen. Doch wenn Gott das tun würde, ohne dass du zuvor meditiert und ein spirituelles Leben geführt hast, dann würde jeder dasselbe erwarten.

Manche Sucher erhalten die Verwirklichung, nachdem sie nur vier oder fünf Jahre lang meditiert haben, während andere, die bereits seit dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren meditieren, nicht einmal nahe an der Verwirklichung stehen. Falls jemand Gott nach nur vier oder fünf Jahren der Meditation verwirklicht, so müssen wir uns bewusst sein, dass dies nicht sein einziges Leben als spiritueller Sucher darstellt. Er hat seine Reise begonnen, lange bevor du vielleicht überhaupt je an Gott gedacht hast. Nun vollendet er seine Reise zur Gottverwirklichung, während du deine eigene Reise vielleicht eben erst begonnen hast. Das bedeutet aber nicht, dass wir Gott verdienen, auch wenn wir viele Inkarnationen lang in der Vergangenheit und einige Jahre lang in dieser Inkarnation meditiert haben. Es war Gottes Gnade, die in unseren früheren Inkarnationen wirkte und es ist wiederum Gottes Gnade, die uns hilft, Ihn in diesem Leben zu verwirklichen.

Von deiner ständigen, lebenslangen Meditation kannst du Verwirklichung erwarten, doch nur zu Gottes auserwählter Stunde. Vielleicht willst du sie sofort; doch Gott weiß, dass du der Menschheit mehr schaden als helfen wirst, wenn du Ihn jetzt verwirklichst. Gott hat einen bestimmten Zeitpunkt für deine Verwirklichung festgelegt. Wenn sich diese Stunde nähert, wirst du dir dessen gewahr sein.

Frage: Wie weiß man, ob es so etwas wie Verwirklichung gibt? Und wie merkt man, ob man verwirklicht ist?

Sri Chinmoy: Viele Menschen haben Gott verwirklicht. Dies ist nicht meine Theorie oder meine Entdeckung. Die indischen Weisen, die indischen spirituellen Meister der fernen Vergangenheit haben die Wahrheit entdeckt und aufgrund meiner eigenen Verwirklichung sehe ich die Dinge genau wie sie. Wenn wir eine Mango essen wissen wir, dass wir sie gegessen haben. Wir haben eine Mango gegessen und das Wissen davon bleibt in uns. Wenn andere sagen: „Nein, du hast keine Mango gegessen“, dann stört uns das nicht, denn wir wissen, was wir getan haben. Solange unser Hunger gestillt ist, brauchen wir keine Zustimmung oder Anerkennung von anderen. Der köstliche Genuss, die Erfahrung, die wir gemacht haben, ist für uns Beweis genug. So weiß man auch in der spirituellen Welt, dass man Gott verwirklicht hat, sobald man den Nektar der Verwirklichung getrunken hat. Man fühlt in seinem Bewusstsein unendlichen Frieden, unendliches Licht, unendliche Glückseligkeit und unendliche Kraft. Ein verwirklichter Mensch kann in seinem eigenen inneren Bewusstsein sehen, fühlen und wissen, was Göttlichkeit ist. Wenn man verwirklicht ist, besitzt man freien Zugang zu Gott und erfährt ein Gefühl vollständiger Erfüllung. Wenn die Verwirklichung im Leben eines Suchers dämmert, wird er es unfehlbar wissen.

Frage: Wird dir ein Schüler in der inneren Welt immer dienen, wenn er Gott verwirklicht hat?

Sri Chinmoy: Warum solltest du mir dienen, nachdem du Gott verwirklicht hast? Du wirst nicht mir dienen, sondern du wirst Gott, dem Supreme, dem grenzenlosen, unendlichen Bewusstsein dienen. Wenn du dem unendlichen Bewusstsein des Supreme dienst, dienst du auch mir, denn ich bin Teil jenes unendlichen Bewusstseins. Dort verweile ich in meinem inneren Leben. Doch wem wirst du wirklich dienen? Nicht mir, nicht dem Supreme, letztlich wirst du dir selbst, deinem eigenen höchsten Aspekt dienen. Der Supreme ist keine dritte Person und auch ich nicht. Wenn wir einmal verwirklicht sind, sind wir alle eins. Aufgrund deines höchsten Einsseins mit dem unendlichen Bewusstsein wirst du dem Einen in drei Formen dienen: dem Supreme in Seinem eigenen Aspekt, dem Supreme als deinem spirituellen Lehrer und dem Supreme als dir selbst. Doch der Persönlichkeit, der Individualität, die ich in diesem Leben besitze, wirst du nicht dienen, wenn du das Höchste verwirklicht hast.

Gegenwärtig diene ich, diene ich, diene ich. Ich diene meinen Schülern und versuche, den Supreme auf der Erde zu manifestieren. Gegenwärtig habt ihr, meine Schüler, ein wenig Glauben an mich; deshalb versucht ihr, den Supreme zu manifestieren. Doch so gut wie niemand dient Ihm bewusst. Wenn ihr dem Supreme wirklich dienen würdet, dann hättet ihr bis jetzt der ganzen Welt unendliches Licht anbieten können. Ihr dient zwar, aber nicht spontan, von ganzem Herzen und liebevoll.

Wenn ihr Gott verwirklicht, dann werdet ihr mich wirklich kennen. Im Augenblick kennt ihr mich nicht. Kein einziger meiner Schüler kennt mich. Ihr sagt: „Manchmal geht Guru in ein sehr hohes Bewusstsein.“ Doch in Wahrheit wisst ihr nicht, wo mein Bewusstsein ist. Erst an dem Tag, an dem ihr Gott verwirklicht, werdet ihr erkennen, wer ich bin – keine Sekunde vorher. Wenn ich über Unendlichkeit oder Ewigkeit spreche, ist dies im Augenblick alles bedeutungslos für euch. Einige von euch versuchen mit großen Schwierigkeiten zu verdauen, was ich sage, doch es ist schwierig für euch, zu assimilieren. Wenn ihr jedoch Gott verwirklicht, dann werdet ihr mich verstehen.

Frage: Während meiner Meditation habe ich häufig das Gefühl, ich bewege mich in einer Spirale. Hat dies irgendeine Beziehung zur inneren Verwirklichung?

Sri Chinmoy: Dies hat mit Verwirklichung nichts zu tun. Es ist nur eine Erfahrung, die du auf dem Weg erhältst. Die Spiralbewegung zeigt nicht die Verwirklichung an. Sie kommt als eine Erfahrung, eine gute Erfahrung. Man sieht die kosmische Bewegung, durch die man letztlich Gott verwirklichen kann. Erfahrung ist der Pfadfinder der Verwirklichung, doch sie ist weder der Beginn noch eine Form der Verwirklichung; sie ist nur eine Erfahrung.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Erfahrung und Verwirklichung im spirituellen Leben?

Sri Chinmoy: Der Unterschied zwischen Erfahrung und Verwirklichung ist folgender: Ein verwirklichter Mensch kann sagen: ‚Ich und mein Vater sind eins’, während ein Sucher, der viele spirituelle Erfahrungen gehabt hat, nur fühlen kann, dass er langsam aber sicher in die Verwirklichung Gottes hineinwächst. Bewusste Vereinigung mit dem Höchsten nennt man Verwirklichung. Wenn wir jedoch nur einen Einblick in die höchste Wahrheit erhalten, so ist diese Erfahrung der Verwirklichung unendlich unterlegen. Erfahrung sagt uns, zu was wir uns letztlich entwickeln werden. Verwirklichung macht uns bewusst, was wir wirklich sind. Man wird für immer, durch alle Ewigkeit hindurch, völlig eins mit Gott.

Es ist gut, eine Erfahrung zu haben, doch wir müssen wissen, dass Erfahrungen nicht dauerhaft sind. Es ist besser, die Verwirklichung zu erlangen, selbst wenn diese Verwirklichung nicht die vollständige Verwirklichung ist und sie unsere Natur nicht völlig umwandelt. Verwirklichung ist unendlich viel besser als Erfahrung. Erfahrung ist eine flüchtige Freude; Verwirklichung ist bleibende Freude. Doch selbst diese bleibende Freude beinhaltet nicht notwendigerweise alle göttlichen Eigenschaften wie Frieden, Kraft und Weisheit. Wenn wir die Vision in ihrer Ganzheit verkörpern, gehen wir einen Schritt weiter. Die Verkörperung der Wahrheit schenkt uns unendliches Vertrauen in unserem inneren wie in unserem äußeren Leben. Doch selbst die Verkörperung allein ist noch nicht genug. Wir müssen die Vision enthüllen. Jemand besitzt vielleicht Kraft, doch bis er diese Kraft zum Vorschein bringt und sie enthüllt, kann sie ihn weder hier auf der Erde noch dort im Himmel erfüllen. Doch auch wenn wir außen enthüllen, was wir innen haben, haben wir noch nicht das letzte Stadium erreicht. Die letzte Stufe ist Manifestation. Wir müssen hier auf der Erde manifestieren, was wir haben und was wir sind. Wenn die Manifestation vollendet ist, dann ist alles getan.

Frage: Sind alle unsere Erfahrungen vergänglich?

Sri Chinmoy: In der äußeren Welt erinnern wir uns nicht im Detail an alle unsere Erfahrungen. Ein paar Tage lang sind sie wirklich unser Besitz und dann werden sie ausgelöscht, weil sie nicht in unserem täglichen Bewusstsein bleiben. Doch die Essenz dieser Erfahrungen bewahren wir in unserem inneren Leben. Im inneren Leben wird alles bleibend aufgezeichnet.

Frage: Können wir uns bewusst an eine Erfahrung erinnern, die wir in der inneren Welt während der Meditation gehabt haben?

Sri Chinmoy: Wenn ein gewöhnlicher Sucher eine innere Erfahrung macht, wird er sie nicht bewusst behalten, wenn auch die Essenz in seinem inneren Leben verbleibt. Selbst wenn es eine hohe Erfahrung ist, wird er sie nach vier oder fünf Jahren völlig vergessen. Die Erfahrung ist verloren, weil die Unwissenheit sie verschluckt. Er sagt sich: „Wie ist es möglich, dass ich eine solche Erfahrung gehabt habe? Warum habe ich dann nachher so vieles falsch gemacht? Warum habe ich nicht meditiert, nicht gebetet? Das kann doch nur bedeuten, dass es keine bedeutsame Erfahrung war.“ So verschlingt sein Zweifel die Erfahrung. Doch ein verwirklichter Mensch weiß, dass alles, was er gesehen oder gefühlt hat, völlig wahr ist. Aufgrund seiner inneren Vision kann er sich sogar an Erfahrungen erinnern, die er im Alter von sieben oder acht Jahren oder in einer früheren Inkarnation gehabt hat. Wenn wir einen gewöhnlichen Sucher fragen, der vielleicht nur zwei bedeutendere Erfahrungen in seinem Leben gehabt hat, kann es eine Stunde dauern bis er sich daran erinnert, oder er erinnert sich überhaupt nicht mehr daran.

Frage: Wird man sich also an alle Erfahrungen erinnern, wenn man Gott verwirklicht hat?

Sri Chinmoy: Wenn man Gott verwirklicht bedeutet das nicht, dass man sich an alle Millionen und Milliarden von äußeren Erfahrungen, die man während seines Lebens gehabt hat, erinnern wird. Doch die inneren Erfahrungen, die bedeutsamen, höheren Erfahrungen, die man in der inneren Welt gemacht hat, kann man sich nach Belieben wieder vergegenwärtigen. Wenn man will, kann man sich sein ganzes inneres Leben vergegenwärtigen.

Frage: Ist die Erfahrung des Jenseits ruhig oder voller Erregung?

Sri Chinmoy: Die Erfahrung des Jenseits ist ruhig, aber nicht statisch. In ihr existieren Dynamik und Ruhe zusammen. In einer der Upanishaden finden wir folgende Definition des Jenseits: „Es bewegt sich und es bewegt sich nicht; es ist weit weg und gleichzeitig ganz nahe.“ Wie kann sich etwas bewegen und sich doch nicht bewegen? Es scheint unmöglich zu sein. Doch wenn man im Jenseits ist, wird man das Universum einerseits in Bewegung sehen und gleichzeitig erkennen, dass es sich auch in Ruhe befindet. In den Upanishaden findet sich noch eine andere Beschreibung des Jenseits: die Erfahrung des Unendlichen. „Unendlichkeit ist dies, Unendlichkeit ist das. Von der Unendlichkeit ist die Unendlichkeit geboren worden. Wenn man von der Unendlichkeit Unendlichkeit wegnimmt, bleibt Unendlichkeit.

Frage: Wo ist das Unmanifestierte?

Sri Chinmoy: Du selbst bist das Unmanifestierte; dein höchstes Selbst ist noch immer unmanifestiert. Du, der du Gott auf der Erde verkörperst und in deinem höchsten Bewusstsein völlig eins mit Gott bist, bist noch immer unmanifestiert. Dein Höchstes ist im Augenblick noch nicht manifestiert. Doch das bedeutet nicht, dass es ewig unmanifestiert bleiben wird. Nein, dein Höchstes muss auf der Erde manifestiert werden, denn nur dann kann die vollkommene Vervollkommnung des Supreme stattfinden.

Frage: Kann ein Sucher seinen Verstand dauerhaft ausweiten oder ist dies nur verwirklichten Seelen möglich?

Sri Chinmoy: Ein Sucher kann seinen Verstand für einige Minuten weit ausdehnen, wenn er sich in einer sehr hohen Meditation befindet. Nur eine verwirklichte Seele kann aber in diese weite Ausdehnung des Verstandes eintreten und ständig darin verbleiben. Doch wenn wir den Ausdruck ‚Ausweitung des Verstandes’ gebrauchen, machen wir eigentlich einen Fehler. In jenem Zustand, auf den ich mich beziehe, gibt es keinen Verstand. Hier ist der Bereich des Verstandes überschritten worden. Wir haben vielleicht das Gefühl, das, was wir erfahren, sei die Ausdehnung des Verstandes, doch eigentlich ist es die Überschreitung des Verstandes. Im Verstand gibt es Formen und Grenzen. Doch wenn wir von dieser weiten Ausdehnung sprechen, ist es etwas jenseits des Bereiches des Verstandes. Es ist eine weite Ausdehnung von Bewusst-seins-Licht, Frieden und Glückseligkeit.

Wenn wir meditieren, versuchen wir stets über den Verstand hinauszugehen. Wenn wir unser Bewusstsein, unsere physische Wirklichkeit ausdehnen wollen, müssen wir in die Seele eintauchen. Doch wenn wir von der höchsten Bewusstseinsebene zurückkommen, versuchen wir dieses Bewusstsein, in dem wir waren, mit Hilfe des Verstandes zu verstehen und auszudrücken. Das geschieht deshalb, weil der Verstand gegenwärtig jener Teil des menschlichen Lebens ist, der am höchsten entwickelt ist. Doch weil der Verstand begrenzt ist, kann er das Unendliche, das Unbegrenzte nie verstehen oder ausdrücken.

Frage: Sind die Lebenserfahrungen von Yogis verschieden von denen, die gewöhnliche Menschen im Leben machen?

Sri Chinmoy: Sri Aurobindo sagte einmal, die Biografie eines spirituellen Meisters werde gänzlich innerlich geschrieben. Wenn wir die Biografie eines gewöhnlichen Menschen schreiben, kann sie Tausende von Seiten lang sein. Wollen wir hingegen über sein inneres Leben schreiben, können wir vielleicht keine einzige Seite füllen. Im Falle eines spirituellen Meisters können Hunderte und Tausende von Seiten über sein inneres Leben geschrieben werden, doch sie werden nicht geschrieben. Ein spiritueller Meister, der sich mit der Welt befasst, gibt und erhält jeden Tag Hunderte von bedeutsamen Erfahrungen. Die inneren Erfahrungen des Yogis sind die wichtigsten Erfahrungen seines Lebens, während innere Erfahrungen für einen gewöhnlichen Menschen eine Seltenheit darstellen.

Kapitel III: Samadhi und Glückseligkeit: das innere Universum

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High, higher and highest is the plane of Delight. With our illumined consciousness, we rise into that plane and become self-enraptured. Having crossed the corridors of sublime silence and trance, we are now one with the Supreme.
— Sri Chinmoy"
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Frage: Einmal hast du gesagt, dass transzendentale Glückseligkeit eine der göttlichen Eigenschaften ist, die sich auf Erden nicht manifestieren. Warum das?

Sri Chinmoy: Auf der höchsten Ebene gibt es Existenz-Bewusstseins-Glückseligkeit – Sat-Chit-Ananda. Sat ist Existenz, Chit ist Bewusstsein, Ananda ist Wonne. Bewusstsein ist der Ursprung von allem, doch Bewusstsein kann nicht ohne Wonne und Existenz bleiben. Ohne Existenz kann es kein Bewusstsein geben. Wenn es Existenz und Bewusstsein gibt, dann ist Glückseligkeit zur Selbsterfüllung unerlässlich.

Seit Menschengedenken haben große spirituelle Meister die Aspekte des Sat und des Chit herab gebracht. Doch Ananda ist viel schwieriger herabzubringen. Einige Meister vermochten es überhaupt nicht zu tun. Andere brachten es zwar herab, doch blieb es nur einige Sekunden oder Minuten im Erdbewusstsein und kehrte dann wieder zurück. Frieden ist zugänglich; wir können ihn herab bringen. Auch Licht und Kraft können leicht herab gebracht werden. Doch die Wonne, die unser inneres und äußeres Bewusstsein unsterblich macht, hat auf der Erde noch nicht Fuß gefasst. Sie kommt und verschwindet wieder, weil sie so viel Unvollkommenheit in der Erdatmosphäre sieht, dass sie nicht bleiben kann.

Selbst spirituell fortgeschrittene Menschen täuschen sich oft. Sie verspüren eine innere Ekstase, die von der vitalen Welt herrührt, und glauben, dies sei wirkliche Wonne. Doch wirkliche Wonne kommt von der höchsten Welt der Seele und von der Seele her erfüllt sie das ganze Wesen.

Auch Kinder besitzen diese Art der Wonne nicht. Sie verspüren die Freude oder Glückseligkeit des Herzens. Sie erhalten eine gewisse Wonne vom seelischen Wesen, (Engl. Psychic being. Im Gegensatz zu den anderen fünf Teilen des menschlichen Wesens – Körper, Vitales, Verstand, Herz und Seele -, die jeder Mensch besitzt, wird das seelische Wesen im Menschen erst ab einer gewissen geistigen Entwicklungsstufe geboren. Tiere oder Pflanzen besitzen es nicht. Es ist sehr rein und lichtvoll und steht der Seele am nächsten.) vom inneren Wesen oder von der Seele, die sie spontan ausdrücken. Sehr oft drücken Kinder ihre Freude durch ihr reines, noch unverdorbenes Vitales aus. Doch die höchste Wonne, die von der Ebene des Sat-Chit-Ananda kommt, erhalten Kinder nicht. Diese kann man nur in der tiefsten, höchsten Meditation spüren. Auch Kinder müssen zuerst durch Meditation, Konzentration und Kontemplation gehen, um diese Qualität zu erfahren.

Das Ananda wird anders absorbiert als physische Wonne, die wir normalerweise ‚Vergnügen’ oder ‚Genuss’ nennen. Die supramentale Wonne unterscheidet sich völlig von der Welt des Vergnügens und des Genusses. Wenn wir einmal auch nur einen Hauch davon erhalten, werden wir unser ganzes inneres Wesen mit größter Reinheit wie ein Kind vor Freude tanzen sehen und unser äußeres Wesen wird wahre Unsterblichkeit in seiner äußeren Existenz fühlen. Wenn wir diese Wonne auch nur eine Sekunde lang erhalten, werden wir uns ein Leben lang daran erinnern.

Wir befinden uns inmitten des kosmischen Spiels. Das Universum ist voller Wonne, innerer Wonne und äußerer Wonne. Wenn die Verwirklichung stattfindet, müssen wir die Notwendigkeit spüren, diese ständige Wonne in unserem Herzen zu manifestieren. Diese Wonne glüht, doch sie brennt nicht. Sie sprüht vor Intensität, doch ist sie zugleich ganz mild, mit der Qualität süß fließenden Nektars.

Einmal habe ich dieses Ananda in mein grobphysisches Dasein herab gebracht, so dass ich die höchste Wonne auf alle meine Schüler verteilte, als ich lächelte. Doch ich muss sagen, dass alles wieder verschwunden ist. Keiner meiner Schüler vermochte auch nur einen Bruchteil davon zu behalten.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen der Verwirklichung eines Meisters und der Verwirklichung eines anderen?

Sri Chinmoy: So wie es verschiedene Arten von Menschen gibt, so gibt es auch verschiedene Arten von Yogis. Die Yogis befinden sich nicht alle auf derselben Ebene. Ein völlig verwirklichter Yogi ist derjenige, der mit Gottes Bewusstsein völlig eins ist und sich seines Einsseins mit Gott ständig gewahr ist. Daneben gibt es auch halbverwirklichte oder teilweise verwirklichte Yogis. Während ihrer Meditation, einige Stunden am Tag, werden sie eins mit Gott. Die übrige Zeit jedoch sind sie wie gewöhnliche Menschen ohne bewusstes Einssein mit Gott. Ob sie mit Gott ständig eins sein können, hängt davon ab, was für eine Art von Verwirklichung die betreffenden Yogis erreicht haben.

Gottverwirklichung ist wie ein Baum: Man kann zu ihm hinlaufen, den Baum der Verwirklichung berühren und sagen: „Ich bin verwirklicht.“ Doch diese Verwirklichung besteht nur darin, den Fuß des Baumes zu berühren. Man mag sehr glücklich sein, wenn man den Fuß des Baumes berührt, denn aus der Ferne kann man die einzelnen Blätter und Äste nicht sehen oder erkennen, ob der Baum Früchte trägt. Nun aber kann man sie berühren, in den Händen halten und fühlen. Man weiß, dass man das Ziel erreicht hat. Eine andere Person mag sagen: „Nein, damit bin ich noch nicht zufrieden. Ich will hinaufklettern und mich auf einen Ast setzen; erst dann werde ich mein Ziel erreicht haben.“ Deshalb klettert sie eine Stufe höher, und so ist natürlich auch ihre Verwirklichung höher. Eine dritte Person wird dann vielleicht auf den höchsten Ast hinaufklettern und sich dort an den Früchten laben. Ihre Verwirklichung ist noch höher, weil sie das Höchste nicht nur gesehen und berührt hat, sondern selbst zum Höchsten hinauf geklettert ist. Doch sie hat nicht die Absicht, wieder herunter zu kommen, denn sie hat Angst davor, dann wieder zu einem gewöhnlichen Menschen zu werden und im Schlamm der unwissenden Welt zu versinken und vielleicht nie wieder hinaufklettern zu können.

Doch es gibt noch eine andere Art von verwirklichten Seelen, die nicht nur zum Höchsten hinaufklettern, sondern auch die Früchte des Baumes für die Welt herab bringen. Solche Seelen kommen herab, um zu manifestieren. Sie sagen: ‚Ich bin nicht zufrieden, wenn ich hier oben auf dem Baum sitze. Das ist nicht mein Ziel. Ich möchte mit der Menschheit teilen, was ich habe.’ Ein solcher Yogi kann den Baum nach Belieben hinauf- und hinabklettern. Wenn er herabkommt, bringt er von oben Mitgefühl, Frieden, Licht und Glückseligkeit herab und wenn er hinaufklettert, nimmt er die Menschheit mit sich. Er nimmt einige Menschen auf seine Schultern und klettert hinauf. Er wird diese Seelen eine Weile da oben lassen und dann wieder herabkommen, um ein paar weitere Seelen auf seine Schultern zu laden. Seine Fähigkeit ist unendlich viel größer als diejenige des Yogis, der nur zum Baum kommt und den Baum berührt. Dies stellt die höchste Art der Verwirklichung dar. In Indien gab es eine ganze Reihe spiritueller Meister, die teilweise verwirklicht waren. Sie haben den Fuß des Baumes berührt, sind jedoch nicht auf den höchsten Ast hinaufgeklettert. Sie werden von den Suchern für sehr große Meister gehalten, doch wenn man ihr Niveau mit demjenigen von Sri Krishna, Jesus Christus oder Buddha vergleicht, muss man eingestehen, dass jene, die den Baum nur berührt haben, nur eine teilweise Verwirklichung erreicht haben.

Wenn ein Hindu einen Tropfen Gangeswasser berührt, wird er ein Gefühl von Reinheit spüren. Doch wenn jemand die Fähigkeit hat, über den Ganges zu schwimmen, wird er natürlich tiefer davon überzeugt sein, dass sein ganzer Körper gereinigt ist. Bei der Verwirklichung kann man ebenfalls mit einem Tropfen Nektar zufrieden sein, oder man kann sagen: ‚Nein, ich brauche den grenzenlosen Ozean.’ Man kann auch sagen: ‚Ich möchte mit den anderen teilen.’ Die Verwirklichung desjenigen, der die Fähigkeit besitzt, seine höchste Verwirklichung mit anderen zu teilen, ist der Verwirklichung der anderen beiden zweifellos überlegen.

Sri Ramakrishna pflegte über den jivakoti und den ishvarakoti zu sprechen. Der Jivakoti ist jemand, der Gott verwirklicht hat, jedoch nicht wieder in den Bereich der Manifestation eintreten will. Jemand, der ein Boot, ein kleines Boot besitzt, kann zwar das Meer der Unwissenheit selbst überqueren, doch er kann andere nicht mitnehmen. Der Ishvarakoti hingegen besitzt ein großes Schiff und kann Hunderte und Tausende von Menschenseelen mitnehmen und sie über das Meer der Unwissenheit führen. Er kommt wieder und wieder in die Welt, um die Menschen zu befreien.

Frage: Was ist das untere Samadhi?

Sri Chinmoy: Es gibt verschiedene niederere Samadhis. Unter diesen kleineren Samadhis ist das Savikalpa-Samadhi das höchste. Unmittelbar nach dem Savikalpa-Samadhi kommt das Nirvikalpa-Samadhi, doch dazwischen besteht eine große Kluft. Obwohl sich das Savikalpa- Samadhi eine Stufe unter dem Nirvikalpa-Samadhi befindet, gebrauchen wir den Ausdruck ‚niedereres Samadhi’ nicht. Wir nennen das Savikalpa-Samadhi nicht niederer als das Nirvikalpa-Samadhi; es sind zwei völlig verschiedene Samadhis. Es gibt auch etwas jenseits des Nirvikalpa Samadhis: das Sahaja Samadhi. Doch Savikalpa und Nirvikalpa sind die bekanntesten Samadhis.

In diesem Bewusstseinszustand ist die Vorstellung von Zeit und Raum ganz anders. Mit menschlicher Zeit können wir hier nichts mehr anfangen, ebenso mit der menschlichen Art den Raum zu betrachten. In diesem Samadhi sind wir ein oder zwei Stunden lang in einer völlig anderen Welt. Wir sehen, dass dort fast alles bereits getan ist. Hier in dieser Welt gibt es viele noch unerfüllte Wünsche in uns selbst und in anderen. Millionen von Wünschen sind nicht erfüllt und Millionen von Dingen bleiben noch zu tun. Im Savikalpa-Samadhi jedoch sehen wir, dass praktisch alles getan ist; wir haben nichts zu tun. Wir sind nur ein Instrument. Wenn wir gebraucht werden, gut und schön; ansonsten ist alles getan. Doch vom Savikalpa-Samadhi muss jeder wieder zum normalen Bewusstsein zurückkehren.

Innerhalb des Savikalpa-Samadhis gibt es verschiedene Stufen. So wie es in derselben Schulklasse brillante Schüler und nicht so gute Schüler gibt, so erreichen gewisse Sucher im Savikalpa-Samadhi die höchste Stufe, während weniger strebsame Sucher nur eine niederere oder mittlere Sprosse der Leiter erreichen, wo nicht alles so klar und lebendig ist wie auf der höchsten Ebene.

Im Savikalpa Samadhi gibt es von verschiedenen Seiten her Gedanken und Ideen, doch sie berühren uns nicht. Während der Meditation bleiben wir ungestört und unser inneres Wesen wirkt in einer dynamischen und sicheren Weise. Wenn wir aber ein wenig höher gehen, gibt es keine Ideen oder Gedanken mehr. Hier endet der Tanz der Natur. Hier gibt es keine Natur – nur unendlicher Frieden, unendliche Glückseligkeit. Der Wissende und das Gewusste werden hier eins. Alles ist ruhig. Hier erfreuen wir uns einer erhabenen, göttlichen, alles durchdringenden Ekstase. Wir werden zum Objekt der Freude, wir werden zum sich Erfreuenden und wir werden zur Freude selbst.

Das Nirvikalpa-Samadhi ist das höchste Samadhi, das die meisten spirituellen Meister erreichen, und dazu müssen sie vorher die Verwirklichung erlangt haben. Es dauert einige Stunden oder einige Tage lang an und dann muss man wieder zurückkehren. Dabei vergisst man dann oft seinen eigenen Namen oder sein Alter und kann nicht mehr richtig sprechen. Doch durch fortgesetzte Übung wird man mit der Zeit fähig, vom Nirvikalpa Samadhi herabzukommen und sich sofort wieder normal zu benehmen.

In der fernen Vergangenheit gab es spirituelle Meister, die das Nirvikalpa Samadhi erreichten und nicht mehr herunterkamen. Sie blieben in ihrem höchsten Samadhi und fanden es unmöglich, wieder in die Atmosphäre der Welt einzutreten und wie gewöhnliche Menschen zu arbeiten. Während man sich in jenem Bewusstseinsstadium befindet, kann man in der Welt nicht wirken; es ist schlicht und einfach unmöglich.

Wenn man in das Nirvikalpa Samadhi eintritt, will man normalerweise nicht mehr in die Welt zurückkommen. Wenn jemand dort achtzehn oder einundzwanzig Tage verbleibt, dann ist es gut möglich, dass er den Körper verlassen wird. 1

Doch es gibt eine göttliche Fügung. Wenn der Supreme (Gott) will, dass eine bestimmte Seele hier auf der Erde arbeitet, dann bringt Er den betreffenden Menschen selbst nach einundzwanzig Tagen in einen anderen Kanal dynamischen göttlichen Bewusstseins und lässt ihn wieder auf die irdische Ebene zurückkehren, um dort zu wirken.

Das Sahaja-Samadhi ist bei weitem das höchste Samadhi. In diesem Samadhi befindet man sich im höchsten Bewusstsein, während man gleichzeitig in der grobphysischen Welt arbeitet. Man erhält die Erfahrung des Nirvikalpa-Samadhis aufrecht, während man sich gleichzeitig in irdische Aktivitäten stürzt. Man ist zur Seele geworden und gebraucht gleichzeitig den Körper als vollkommenes Instrument. Im Sahaja-Samadhi bewegt man sich wie ein normaler Mensch. Man isst und tut all das, was gewöhnliche Menschen tun. Doch in den innersten Winkeln des Herzens ist man überflutet mit göttlicher Erleuchtung. Wenn man das Sahaja-Samadhi erreicht, wird man zum Herrn und Meister der Wirklichkeit. Man kann nach Belieben zum Höchsten gehen und dann zum Zweck der Manifestation ins Erdbewusstsein herabkommen.

Nur in sehr seltenen Fällen wird jemand mit dem Sahaja-Samadhi gesegnet, nachdem er die höchste Art der Verwirklichung erreicht hat. Sehr wenige spirituelle Meister haben diese Ebene erreicht – nur einer oder zwei. Für das Sahaja-Samadhi ist die unendliche Gnade des Supreme erforderlich oder man muss sehr mächtig sein und Glück haben. Das Sahaja-Samadhi kommt nur, wenn man ein untrennbares Einssein mit dem Supreme aufgebaut hat oder wenn man bei seltenen Gelegenheiten zeigen will, dass man der Supreme ist. Wer das Sahaja- Samadhi erreicht hat und in diesem Samadhi verbleibt, manifestiert Gott in jeder Sekunde bewusst und vollkommen und stellt so den größten Stolz des transzendentalen Supreme dar.


  1. Sri Chinmoy kommentierte, dass er, als er nirvikalpa zum ersten Mal in dieser Inkarnation eintrat, achtzehn Tage dort blieb. Er sagte, dass einundzwanzig Tage das Maximum sind, das ein Suchender in diesem Samadhi bleiben kann, ohne den Körper zu verlassen. Sri Chinmoys Kommentar wurde von einem der Transkript-Edtoren entfernt. Es wird hier als Fußnote hinzugefügt, da ein zweiter Editor es aufschreiben und beibehalten konnte. Leider ging das ursprüngliche, unbearbeitete Transkript verloren.

Frage: Könntest du etwas ausführlicher über die Erfahrung von Nirvikalpa-Samadhi sprechen?

Sri Chinmoy: Das Nirvikalpa-Samadhi kann von niemandem erklärt werden, egal wie hoch er steht. Es ist eine Erfahrung, die man nur verstehen kann, indem man versucht, mit jemandem eins zu werden, der diese Erfahrung erlangt hat. Wir müssen viel eher versuchen, in die Erfahrung einzutreten, anstatt die Erfahrung zu bitten, auf unser Niveau herabzukommen. Wenn wir in das Nirvikalpa Samadhi eintreten, ist die Erfahrung selbst Wirklichkeit. Wenn wir anderen jedoch davon erzählen und es in Worte fassen wollen, müssen wir sehr weit herabkommen und den Verstand gebrauchen. Wir müssen die Erfahrung in menschliche Begriffe kleiden. Deshalb kann das Nirvikalpa-Samadhi-Bewusstsein nie angemessen erklärt oder ausgedrückt werden. Die Enthüllung der Erfahrung kann der ursprünglichen Erfahrung nie entsprechen.

Ich versuche mein Bestes, um euch von einem sehr hohen Bewusstsein aus über diese Erfahrungen zu erzählen, doch es ist immer noch mein Verstand, der es auf subtile Weise ausdrückt. Im Nirvikalpa-Samadhi haben wir keinen Verstand. Wir sehen den Schöpfer, die Schöpfung und den Beobachter als eine Person. Dort werden der Gegenstand der Verehrung und die Person, die verehrt, völlig eins. Der Liebende und der Geliebte werden völlig eins. Hier in der gewöhnlichen Welt werde ich sagen, ihr seid unwirklich, und ihr werdet sagen, ich sei unwirklich, weil wir verschiedene Meinungen haben. Doch im Nirvikalpa-Samadhi gehen wir über alle Differenzen hinaus; dort funktioniert der Verstand überhaupt nicht mehr.

Wenn wir in das Nirvikalpa-Samadhi eintreten fühlen wir als erstes, dass unser Herz weiter ist als das Universum selbst. Gegenwärtig sehen wir die Welt um uns, und das Universum scheint unendlich weiter zu sein als wir. Doch dies erscheint uns nur deshalb so, weil wir die Welt und das Universum mit dem begrenzten Verstand wahrnehmen. Wenn wir im Nirvikalpa-Samadhi sind, sehen wir das Universum als winzigen Fleck innerhalb unseres weiten Herzens.

Im Nirvikalpa-Samadhi herrscht unendliche Glückseligkeit. Es gibt keinen Vergleich für das Ausmaß dieser Glückseligkeit. Glückseligkeit ist für die meisten von uns ein vages Wort. Wir hören, es gebe etwas, das man Glückseligkeit nennt und gewisse Leute sagen, sie hätten es erfahren. Doch die meisten von uns besitzen darüber kein Wissen aus erster Hand. Wenn wir jedoch in das Nirvikalpa-Samadhi eintreten, fühlen wir nicht nur Glückseligkeit, sondern wir wachsen in diese Glückseligkeit.

Was wir im Nirvikalpa-Samadhi als drittes fühlen, ist Kraft. Die Kraft aller Okkultisten zusammengenommen ist nichts verglichen mit der Kraft, die man im Nirvikalpa-Samadhi hat. Doch die Kraft, die wir von diesem Samadhi schöpfen können, um sie auf der Erde zu gebrauchen, ist nur ein winziger Teil davon. Es ist wie die Kraft, die wir benötigen, um mit den Augen zu zwinkern. All dies drücke ich durch meinen Verstand aus; es ist nicht exakt. Doch ich kann mit Worten nicht mehr von der Wahrheit ausdrücken, die ich verwirklicht habe.

Ich möchte hinzufügen, dass es unendlich viel leichter ist, auf irgendeine Ebene des Samadhis emporzusteigen, als das menschliche Bewusstsein in ein göttliches Bewusstsein zu verwandeln. Das versuche ich zu tun, das versucht ihr zu tun, das versucht der Supreme zu tun. Wir alle versuchen hier nur eines zu erreichen: die Transformation unserer menschlichen Natur – des Körpers, des Vitalen, des Verstandes und des Herzens. Wenn dies getan ist, wird absolute Vollkommenheit dämmern – hier auf der Erde und dort im Himmel.

Wie findet die Transformation des Menschen statt? Durch inneres Streben. Die Welt muss streben, die Schöpfung muss streben; nur dann kann der spirituelle Meister den Himmel auf die Erde bringen. Der Himmel ist eine Bewusstseinsebene. Im Samadhi ist alles Himmel; alles ist Glückseligkeit, Licht und Frieden. Wenn wir jedoch wieder in die Welt herabkommen, ist alles Leiden, Dunkelheit, Furcht und Sorgen. Wie können wir eine bewusste Verbindung zwischen unserer gewöhnlichen Welt und dem höchsten Niveau des Samadhi herstellen? Durch ständiges inneres Streben. Es gibt keine andere Medizin als ständiges Streben – nicht ein oder zwei Tage, sondern das ganze Leben lang. Gott zu verwirklichen erfordert viele, viele Inkarnationen. Wenn man jedoch einen völlig verwirklichten spirituellen Meister hat, dann wird es viel einfacher. Dann dauert es vielleicht nur noch eine, zwei, drei oder vier Inkarnationen. Als gewöhnlicher Mensch würde man Hunderte von Inkarnationen brauchen, um auch nur höhere Erfahrungen oder sogenannte kleine Verwirklichungen zu erlangen. Ein verwirklichter Meister jedoch kennt die Seele und verbleibt in der Seele. Da er das tun kann, ist es für ihn leicht, sich mit jedem Sucher gemäß den Bedürfnissen seiner Seele für deren Entwicklung und Erfüllung zu befassen.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Samadhi und Gottverwirklichung?

Sri Chinmoy: Samadhi ist ein Bereich des Bewusstseins. Viele Menschen haben diesen Bereich betreten, doch die Gottverwirklichung findet erst statt, wenn wir mit dem Höchsten Absoluten eins geworden sind. Wir können in gewisse Samadhis eintreten, ohne das Höchste zu verwirklichen.

In ein Samadhi zu gehen ist wie das Alphabet zu kennen; Verwirklichung jedoch heißt einen Doktortitel zu erhalten. Man kann das Samadhi nicht mit der Verwirklichung vergleichen. Das Samadhi ist ein Bewusstseinszustand, in dem man ein paar Stunden oder ein paar Tage lang bleiben kann. Nach einundzwanzig Tagen hören die Körperfunktionen gewöhnlich auf. Doch wenn man einmal die Verwirklichung erlangt hat, bleibt diese für immer. Und in der Verwirklichung ist das eigene Bewusstsein untrennbar und ewig eins mit Gott geworden.

Es gibt drei Stufen des Samadhis: Savikalpa-Samadhi, Nirvikalpa-Samadhi und Sahaja-Samadhi. Das Savikalpa-Samadhi ist ein erhebender und glühender Bewusstseinszustand, während Verwirklichung ein bewusster, natürlicher und manifestierender Bewusstseinszustand ist. Wenn die Verwirklichung dämmert, befreit sich der Sucher von der menschlichen Individualität. Er ist wie ein kleiner Wassertropfen, der in den Ozean fällt. Sobald der Tropfen in den Ozean fällt, wird er zum Ozean. Dann sehen wir die Persönlichkeit oder die Individualität des einen Tropfens nicht mehr. Wenn man die höchste Wahrheit verwirklicht, dringt das Endliche in das Unendliche ein und verwirklicht und erringt das Unendliche. Wenn die Verwirklichung einmal stattgefunden hat, kann ein Meister leicht in das Savikalpa-Samadhi eintreten. Auch das Nirvikalpa-Samadhi ist für eine verwirklichte Seele nicht schwer zu erreichen. Nur das höchste der Samadhis, das Sahaja-Samadhi zu erreichen, ist selbst für die höchste gottverwirklichte Seele schwierig.

Frage: Wenn du im höchsten Zustand von Samadhi andere Menschen betrachtest, welche Art von Bewusstsein fühlst du in ihnen?

Sri Chinmoy: Wenn man im höchsten transzendentalen Samadhi ist, dann verschwindet die physische Persönlichkeit der anderen. Wir sehen die anderen nicht als menschliche Wesen; wir sehen nur einen Fluss von Bewusstsein, der wie ein Strom in den Ozean fließt. Wer sich in der höchsten Trance befindet, wird zum Ozean, und wer sich in einem niedrigeren Bewusstseinszustand befindet, ist der Fluss. Der Fluss fließt ins Meer und wird eins mit dem Meer. Wer sich des höchsten Samadhis erfreut, bemerkt in den anderen keine Individualität oder Persönlichkeit mehr. Ein Mensch, der sich nicht in diesem Zustand des Samadhis befindet, ist ein fließender Fluss des Bewusstseins, während derjenige, der sich im Samadhi befindet, zum Meer selbst geworden ist, zum Meer des Friedens und des Lichts.

Frage: Wie lange kann eine realisierte Seele im Savikalpa-Samadhi bleiben?

Sri Chinmoy: Man braucht keine verwirklichte Seele zu sein, um ins Savikalpa-Samadhi eintreten zu können. Wenn jemand ein großer Sucher ist und viele Jahre lang meditiert hat, kann er das Savikalpa-Samadhi erreichen. Das ist nicht so schwierig. Das Savikalpa-Samadhi kann mehrere Stunden lang dauern. Als Sri Ramakrishna jeweils die Sucher berührte und ihnen eine Art von Trance oder Samadhi gab, dauerte es immer ein paar Stunden an. Im Savikalpa-Samadhi verbleibt man nicht länger als einen Tag oder zwei, da es nicht notwendig und auch nicht ratsam ist. Nur das Nirvikalpa-Samadhi dauert sieben, acht, zehn Tage und länger, weil es für unser inneres Leben wichtiger ist.

Für einen spirituell verwirklichten Menschen gibt es keine festgesetzte Begrenzung für sein Savikalpa Samadhi. Es kann ganz nach Belieben kommen und gehen. Er kann jederzeit in das Savikalpa Samadhi eintreten und ein paar Stunden oder Tage in ihm verbleiben. Für einen Sucher ist es sicher nichts Leichtes, aber für einen Yogi ist es nicht das Schwierigste. Wenn jemand eine verwirklichte Seele, ein wirklicher Yogi, ein spiritueller Meister oder Avatar ist, dann ist das Savikalpa Samadhi für ihn wie ein Kinderspiel. Doch für einen gewöhnlichen Sucher ist es sicher sehr schwierig zu erreichen.

Frage: Wird ein Meister vorher wissen, ob er den Körper während des Samadhi verlassen wird?

Sri Chinmoy: Ja, er wird es wissen. Selbst gewöhnliche Menschen wissen oft, wann sie den Körper verlassen. Manchmal erscheinen die verstorbenen Verwandten und sagen: „Komm, mein Freund, nun ist deine Zeit gekommen, um uns zu folgen. Wie lange haben wir auf dich gewartet! Es ist Zeit, dass du hier geboren wirst, dass du dich des Himmels erfreust.“ Sie wollen unsere Ankunft feiern. Auf der Erde sterben wir, doch dort im Himmel werden wir neu geboren werden.

Frage: Kannst du den Unterschied zwischen dem Samadhi des Herzens und dem Nirvikalpa-Samadhi erklären?

Sri Chinmoy: Dies sind zwei verschiedene Dinge. Im Herzzentrum gelangen wir nicht zum Nirvikalpa-Samadhi. Das Nirvikalpa-Samadhi können wir nur erlangen, wenn wir uns weit über den Bereich des Verstandes hinaus zur höchsten Bewusstseins-Ebene emporschwingen. Wenn wir hingegen tief, tiefer, am tiefsten ins Herz tauchen, erhalten wir das Gefühl untrennbaren Einsseins mit unserem inneren Führer, dem Supreme. Es sind also zwei verschiedene Dinge.

Frage: Gibt es etwas Höheres als das Nirvikalpa-Samadhi?

Sri Chinmoy: Das Nirvikalpa-Samadhi und die anderen Samadhis sind alle sehr hohe Bewusstseinszustände. Doch es gibt eine Ebene, die noch höher ist. Das ist die Ebene göttlicher Transformation, absoluter Transformation. Man kann im Samadhi sein, doch das Samadhi schenkt uns keine Transformation. Während wir in unserer Trance sind, sind wir verzückt, denn wir sind eins mit Gott. Kommen wir nachher aber auf die materielle Ebene zurück, werden wir wieder zu gewöhnlichen Menschen. Wenn wir aber unser äußeres und inneres Bewusstsein transformiert, also umgewandelt haben, dann werden wir von der Unwissenheit der Welt nicht länger angegriffen.

Frage: Wenn ein Meister die ganze Zeit in Sahaja Samadhi ist, was die höchste Form von Samadhi ist, ist es eine Art bewusster Abstieg, wenn er in Nirvikalpa Samadhi geht?

Sri Chinmoy: Das Sahaja-Samadhi umfasst die anderen Samadhis – das Savikalpa- und das Nirvikalpa-Samadhi – und geht weit darüber hinaus. Dieses Samadhi ist wie ein riesiges Gebäude mit vielen Stockwerken. Im Sahaja-Samadhi ist man der Eigentümer dieses Gebäudes. Man besitzt die Höhe des Nirvikalpa-Samadhis und die Höhen, die sich weit darüber befinden, und hat gleichzeitig den vollständigen Reichtum und die Fähigkeiten aller anderen Stockwerke zur Verfügung. Auf der einen Seite umfasst man alle Stockwerke, auf der anderen Seite befindet man sich weit darüber. Das Nirvikalpa-Samadhi entspricht einer bestimmten Höhe, zum Beispiel dem dreißigsten Stockwerk. Es ist sehr hoch, besitzt aber nur seine eigene begrenzte Fähigkeit. Es kann von seiner Fähigkeit nichts in den Keller hinabbringen. Wenn man das Nirvikalpa-Samadhi erreicht hat, hat man Angst davor, in den Keller hinunter zu gehen, denn man wird vielleicht nicht mehr fähig sein, wieder hinauf zu gehen. Das Sahaja-Bewusstsein jedoch ist weit über dem dreißigsten Stockwerk und kann gleichzeitig auch im Keller sein. Das Sahaja-Samadhi wird sich nicht mit dem dreißigsten Stock zufrieden geben. Es wird sich erst zufrieden geben, wenn es den Keller, den ersten Stock, den zweiten Stock, alle Stockwerke berührt. Die Kraft des Sahaja-Samadhis ist so groß, dass sie einen auf alle Stockwerke bringen kann.

Im Augenblick spreche ich mit euch. Ihr könnt sagen, dass ich mich jetzt im untersten Stockwerk befinde. Das ist mein gegenwärtiger Aufenthaltsort – nicht was das Bewusstsein oder meine Errungenschaft anbelangt, sondern meine gegenwärtige Höhe. Doch wenn das Gebäude mir gehört, wenn mein Bewusstsein das ganze Gebäude umfasst, kann ich überall sein. Was meinen gegenwärtigen Aufenthaltsort betrifft, mag ich vielleicht im Keller sein. Doch wenn es um den Besitz geht, habe ich alle Ebenen ständig als ganz mein Eigen verdient und erreicht.

Frage: Wenn sich ein Meister ständig im Sahaja-Samadhi befindet, bedeutet das, dass das Nirvikalpa-Samadhi für ihn nicht mehr erfüllend ist?

Sri Chinmoy: Wenn man sich im Sahaja-Samadhi befindet, kann einen in gewisser Hinsicht nichts mehr erfüllen, weil man in seinem inneren Leben bereits erfüllt ist. Als Individuum ist man über die Erfüllung hinausgegangen. Wenn man sich im Sahaja-Samadhi befindet, gibt es nichts weiter zu erringen oder zu lernen. Der Meister ist vielleicht kein Zimmermann, doch er besitzt ein so tiefes Einssein mit dem Uni-versum, dass er sich mit einem Zimmermann identifizieren und sich selbst in seinem eigenen lebendigen Bewusstsein fühlen lassen kann, dass er tatsächlich dieser Zimmermann ist. Dann werden das innere Wesen des Meisters und das Wesen des Zimmermanns völlig eins.

Die Erfüllung all jener jedoch, die dem Pfad des Meisters folgen und welche in ihm und für den Supreme Erfüllung suchen, ist damit noch nicht erreicht. Was die Manifestation anbelangt, so ist er festgefahren. Hier ist er noch nicht erfüllt. Ich habe meine persönliche Erfüllung vor langer, langer Zeit erreicht. Doch was die Erfüllung jener betrifft, die ich mein Eigen nenne, so habe ich diese noch nicht erreicht. Im äußeren Leben, in der Manifestation, werde ich erst erfüllt sein, wenn du erfüllt bist, wenn er erfüllt ist, wenn sie erfüllt ist. Wenn jemand ein besseres Leben führt, wenn jemand fünf Minuten lang sehr innig betet – das ist meine Erfüllung. Wenn du heute eine Minute länger als gestern innig betest, so ist das meine wirkliche Erfüllung, denn ich bin eins mit dir.

Frage: Musst du ins Nirvikalpa-Samadhi gehen, um uns Frieden und Licht herab zu bringen?

Sri Chinmoy: Nein, ich brauche nicht auf irgendeine Bewusstseinsebene zu gehen, um euch etwas zu geben. Alle spirituellen Eigenschaften sind bereits in mir, in meinem spirituellen Herzen. Das spirituelle Herz ist unendlich viel weiter als das Universum selbst. Das ganze Universum befindet sich innerhalb des spirituellen Herzens. Wenn ich Licht weitergeben will, ist mein Blick vielleicht nach oben gerichtet und ihr meint dann, ich sei weit über den Bereich des Herzens hinausgegangen. Doch das Herz ist wie eine Kugel, die das ganze Universum umfasst. Im Herzen gibt es eine Ebene für Liebe, eine Ebene für Licht, eine Ebene für Frieden. Jede Ebene ist wie ein Haus. Manche Ebenen haben etwas von allem, während andere auf bestimmte Dinge spezialisiert sind. Doch alle befinden sich innerhalb des Herzens, wo ein spiritueller Meister lebt und von wo er alles hervorbringt.

Das spirituelle Herz muss entwickelt werden. Nicht alle Menschen besitzen die gleichen Fähigkeiten. Jeder besitzt ein inneres Potential, aber dieses muss entwickelt werden. Es ist nicht wie unser Einssein mit Gott – etwas, das wir alle besitzen, jedoch verlegt haben. Nein, das Potential des spirituellen Herzens ist etwas, das wir im Laufe der Evolution entwickeln müssen. Wie auch unser Einssein mit Gott, wächst es langsam von einem Samen zu einer Pflanze und schließlich zu einem großen Banyan-Baum heran. Wir betreten diese Welt mit unbewusstem Einssein. Durch Gebet, Meditation, Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe entwickeln wir bewusstes Einssein. Das Herz entwickelt sich vom Bewusstsein eines Kindes zum Bewusstsein des Familienältesten, der alles weiß, was Mutter und Vater wissen. Wenn wir das spirituelle Herz entwickelt haben, werden wir unser Einssein mit der Mutter und dem Vater des Universums verwirklichen.

Frage: Bringst du deinen Schülern irgendeine spezielle Technik bei, um in Samadhi zu gelangen?

Sri Chinmoy: Nein. Samadhi ist ein sehr hoher Bewusstseinszustand. Wenn ein Kind in den Kindergarten kommt und den Lehrer fragt, wie es einen Universitätsabschluss erreichen kann, wird der Lehrer nur lachen und antworten: „Wie kann ich dir das sagen?“ Bevor wir bereit sind, das Samadhi zu erreichen, müssen wir durch zahlreiche spirituelle Erfahrungen gehen. Irgendwann wird dann die Zeit kommen, wo der Meister sieht, dass der Schüler bereit ist, ins Savikalpa-Samadhi einzutreten. Das Nirvikalpa-Samadhi steht im Augenblick für die meisten Sucher außer Reichweite. Nur ein sehr weit fortgeschrittener Sucher kann daran denken, das Nirvikalpa-Samadhi zu erreichen. Doch zuvor genügt das Savikalpa-Samadhi. Wenn man das Savikalpa-Samadhi erreicht, ist es für viele Jahre, ja für ein ganzes Leben ausreichend.

Das Nirvikalpa-Samadhi erreicht man nur, wenn das spirituelle Streben seinen Höhepunkt erreicht. Leider habe ich keinen Schüler, dem ich helfen könnte, diesen Bewusstseinszustand zu erreichen. Ich bin sehr stolz auf meine Schüler. Sie sind aufrichtig und ergeben und machen schnellen Fortschritt. Doch die Zeit ist noch nicht reif für sie, um ins Nirvikalpa-Samadhi zu gehen. Ich möchte allen Suchern sagen, dass die spirituelle Leiter eine ganze Reihe von Sprossen hat. Wir müssen eine Sprosse nach der anderen erklimmen. Das Nirvikalpa-Samadhi liegt für meine Schüler zumindest im Augenblick noch in weiter Ferne.

Frage: Werden die Meditationen länger, wenn man sich spirituell weiter entwickelt, und ändert sich dann die Ausrichtung?

Sri Chinmoy: Jemand, der spirituell weit fortgeschritten ist, wird natürlich länger meditieren können als ein Anfänger der Meditation. Doch Meditation ist nicht so sehr eine Frage der Zeitdauer, sondern des inneren Strebens. Wenn man wahre Strebsamkeit, tiefes inneres Streben besitzt, wird man länger meditieren können, weil das Meditieren dann einfach wird. Man wird fühlen, dass das einzige Ziel im Leben ist, Gott zu verwirklichen. Wer nur wenig inneres Streben hat, wird aus Disziplin oder einem Pflichtgefühl heraus zehn oder fünfzehn Minuten meditieren, jedoch mit wenig Freude und Begeisterung.

Viele Leute glauben, ein wahrer Sucher müsse mindestens acht Stunden am Tag meditieren. Ich habe es getan. Obwohl ich meine Verwirklichung in einer vergangenen Inkarnation erlangt habe, habe ich in dieser Inkarnation bereits im Alter von dreizehn Jahren täglich acht, neun, zehn oder dreizehn Stunden lang meditiert. Doch ich besaß auch die Fähigkeit dazu. Ich rate meinen Schülern davon ab, dasselbe zu tun, denn ich kenne ihre Fähigkeiten. Sie würden dabei einen Nervenzusammenbruch erleiden. Im Augenblick wäre dies unmöglich für sie. Es würde sich nicht mehr um wirkliche Meditation handeln. Damit will ich nicht sagen, dass sie unaufrichtig sind. Doch Fähigkeit ist wie ein Muskel, den man langsam aufbauen muss. Man beginnt mit etwa fünfzehn Minuten Meditation und dehnt die Zeitspanne später auf eine halbe Stunde aus. Wer jetzt eine halbe Stunde meditiert, wird bald fähig sein, eine Stunde oder anderthalb Stunden zu meditieren.

Die innere Fähigkeit wird Schritt für Schritt wachsen. Zur gegebenen Zeit werde ich oder wird euer inneres Wesen euch sagen, wann ihr acht Stunden lang meditieren könnt. Doch im Augenblick solltet ihr es nicht einmal versuchen. Es wird in eurem Leben nur Verwirrung schaffen.

Nachdem man die Verwirklichung erlangt hat, welche Einssein mit Gott, dem Supreme bedeutet, braucht man nicht mehr so zu meditieren, wie ein Sucher meditiert. Dann geht die Meditation ständig weiter – in dieser Welt und allen anderen Welten. Wenn man Gott verwirklicht hat, meditiert man nicht, um etwas zu erreichen oder über etwas hinauszugehen. Man meditiert, um der Menschheit Frieden, Licht und Glückseligkeit herab zu bringen oder um das Bewusstsein seiner Schüler zu erwecken.

Frage: Wenn Ihnen die Meditation solch ein wunderbares Gefühl schenkt, warum bleiben Sie dann nicht vierundzwanzig Stunden am Tag in ihrer höchsten Meditation? Warum kommen Sie hierher und halten zum Beispiel einen Vortrag?

Sri Chinmoy: Was macht man, wenn man jahrelang studiert und die Universität abgeschlossen hat? Man beginnt zu unterrichten. In meinem Fall hat mir mein ewiger Vater ein großes Herz gegeben. Ich weiß, durch welche Leiden ich gegangen bin, um das Höchste zu verwirklichen. Nun sehe ich diese Leiden in meinen Brüdern und Schwestern. Sie leiden genauso wie ich gelitten habe. Auch ich schwelgte einmal in den Vergnügungen der Unwissenheit. Nun sehe ich, dass es anderen Menschen genauso geht. Da Gott mir aus Seiner unendlichen Güte heraus Liebe, Licht und andere göttliche Eigenschaften gegeben hat, möchte ich sie jenem Teil der leidenden Menschheit anbieten, der danach schreit. Ich bin nicht für die ganze Welt da, sondern nur für jene, die wirklich von mir Licht wollen. Wenn Gott will, dass ich jenen Brüdern und Schwestern helfe, die wirklich Licht brauchen, dann gefalle ich Gott, indem ich der Menschheit diene.

Eine gottverwirklichte Seele will Gott auf Gottes eigene Weise gefallen. Da Gott will, dass ich den aufstrebenden Menschen diene, schenkt mir dieser Dienst die größte Freude und nicht, in meinem höchsten Bewusstsein zu verbleiben – was ich leicht tun könnte. Sehr oft zeige ich meinen Schülern jenes Bewusstsein während unserer Meditationen. Sie haben es oft gesehen. Doch wer wird irgendetwas von mir profitieren, wenn ich ständig in diesem Bewusstsein bleibe? Ich würde mir sehr egoistisch vorkommen. Ich besitze den Reichtum; doch was nützt es der Welt, die von Armut heimgesucht wird, wenn ich alles für mich selbst behalte? Gott wird nur dann mit mir zufrieden sein, wenn ich diesen Reichtum für andere verwende, die dringend etwas davon brauchen. Diese Menschen brauchen Gott, und Gott braucht sie. Ich bin der Mittelmann. Ich gehe mit gefalteten Händen zu Gott, weil Er etwas anzubieten hat. Ich nehme, was Er hat und bringe es der Menschheit mit gefalteten Händen dar. Auch die Menschheit hat etwas anzubieten. Ihr Geschenk ist Unwissenheit. Ich tausche einfach das, was Gott anzubieten hat – Licht – gegen das, was die Menschheit anzubieten hat – Unwissenheit.

"The real work, if there be any, of a Guru is to show the world that his deeds are in perfect harmony with his teachings.
— Sri Chinmoy"

Kapitel IV: Gottverwirklichte Meister

Frage: Ist eine befreite Seele dasselbe wie ein spiritueller Meister, der versucht, der Menschheit zu helfen?

Sri Chinmoy: Die Welt hat Tausende von befreiten Seelen gesehen, doch nicht alle befreiten Seelen arbeiten in der Welt der Unwissenheit. Viele haben Angst, die Unwissenheit werde sie bedrohen und verschlingen. Wer die Befreiung eben erst erlangt hat, ist aus einem Raum voller Dunkelheit herausgekommen, doch dies bedeutet nicht notwendigerweise, dass er auch qualifiziert ist, ein spiritueller Führer zu sein. Um ein spiritueller Führer im höchsten Sinne des Wortes zu sein, muss man den Auftrag dafür von Gott, dem Supreme, erhalten haben. Es mag jemand zwar spirituelles Wissen, spirituelle Kraft und so weiter besitzen, doch wenn er nicht vom Supreme autorisiert worden ist, die Menschheit zu leiten, kann er kein wirklicher spiritueller Meister sein.

Frage: Wird jeder Mensch, der Gott verwirklicht, ein spiritueller Meister?

Sri Chinmoy: Jedes Jahr erhalten Hunderte von Studenten ihren Universitätsabschluss. Einige treten in die Geschäftswelt ein, andere beginnen zu lehren. Auch im spirituellen Leben lehren einige verwirklichte Menschen, wie man Gott verwirklicht, und andere tun es nicht. Jene, die nicht in der Welt lehren, sind deswegen nicht weniger gottverwirklicht. Doch sie haben viele Inkarnationen gebraucht, um die Hürden der Unwissenheit zu überqueren, und sind nun wirklich müde. Gott zu verwirklichen ist nicht einfach und sie haben das Gefühl, dass sie sich im Schlachtfeld des Lebens wie göttliche Helden geschlagen haben. Sie haben gegen Furcht, Zweifel, Ängste, Sorgen, Unvollkommenheiten, Begrenzungen und Knechtschaft gekämpft und diese Kräfte besiegt. Nun sehen sie es als ihr gutes Recht an, sich vom Schlachtfeld zurückzuziehen und sich auszuruhen. Diese Seelen sprechen mit Gott und wenn Gott sagt, dass sie am kosmischen Spiel nicht weiter bewusst teilzunehmen brauchen, sondern einfach eine Beobachterrolle spielen können, dann ziehen sie sich zurück. Wenn sie Gottes Erlaubnis haben, dann können sie natürlich passiv bleiben.

Doch auch jene Seelen, die nicht an Gottes Manifestation teilnehmen, tun etwas sehr Großes. Sie wirken vielleicht nicht aktiv in der Welt und gehen nicht von Ort zu Ort, um zu lehren, spirituelle Zentren zu gründen und Schüler anzunehmen. Doch in ihrer Meditation versuchen sie, innerlich Licht zu verbreiten, indem sie der Menschheit ihren bewussten guten Willen anbieten. Wie viele Menschen anerbieten der Menschheit ihren guten Willen? Gewöhnliche Menschen streiten und kämpfen und tun bewusst oder unbewusst vieles gegen Gottes Willen. Doch diese verwirklichten Seelen geraten nie in irgendeiner Weise mit Gottes Willen in Konflikt. Ihr Wille ist mit Gottes Willen eins geworden.

Wir können nicht sagen, dass derjenige, der äußerlich für die Menschheit arbeitet, demjenigen überlegen ist, der innerlich hilft. Der allein ist groß, der auf Gottes Willen hört. Wenn Gott einer erleuchteten Seele sagt: „Es ist nicht nötig, dass du von Ort zu Ort gehst. Gib dein Licht einfach innerlich“, dann ist der Betreffende groß, wenn er sein Licht innerlich anerbietet. Und wenn Er einer anderen Seele sagt: „Ich möchte, dass du in die Welt gehst und der Menschheit das Licht, das du hast, weitergibst“, dann macht das einen Meister groß. Es kommt immer darauf an, was Gott von einer bestimmten Seele will.

Frage: Warum würde jemand die höhere Glückseligkeit verlassen und in die Dunkelheit der Welt herabkommen wollen, um anderen zu helfen, wenn er selbst einmal Gott verwirklicht hat?

Sri Chinmoy: Manche spirituelle Meister kümmern sich nicht um die Manifestation ihrer inneren Göttlichkeit – oder man kann sagen, um die Manifestation von Gottes Göttlichkeit auf der Erde. Sie kümmern sich nicht um die Transformation des Erdbewusstseins. Sie sagen zur Welt: „Wenn ich dir zu helfen versuche, werden alle deine Zweifel, Ängste, Sorgen und Unvollkommenheiten in mich eindringen. Ich habe für meine eigene Verwirklichung hart gearbeitet, und das sollst auch du tun. Wenn du hart arbeitest, wird dir Gott die Früchte deiner Arbeit niemals vorenthalten.“

Auf der anderen Seite gibt es spirituelle Meister, die sich sehr wohl um die Erleuchtung des Erdbewusstseins kümmern. Sie sehen, dass sie selbst in der inneren Welt Nektar trinken und die köstlichsten Speisen zu sich nehmen, während ihre Brüder hungern. Diese Meister identifizieren sich mit der Menschheit und sehen es als ihre Aufgabe an, das Bewusstsein ihrer Mitmenschen, ihrer schlafenden Brüder zu erwecken. Einem solchen Meister tut es leid, Menschen auf der Erde zu sehen, die tief in der Unwissenheit stecken und ihre Zeit im Müßiggang verschwenden, obwohl sie diese Nahrung doch so nötig hätten. Es schmerzt ihn, dass sie in der Unwissenheit bleiben wollen, obwohl sie die Grenzen der Unwissenheit leicht überschreiten könnten. Da ein spiritueller Meister selbst alle Arten von Leiden erfahren hat, betrachtet er seine Mitmenschen nicht einfach als Objekte des Mitgefühls. Er identifiziert sich völlig mit ihnen. Er hat Gott verwirklicht, doch er hat das Gefühl, dass er selbst unvollkommen und unvollständig ist, solange nicht jeder Mensch verwirklicht ist. Was seine persönlichen Bedürfnisse anbelangt, so braucht der Meister nichts mehr von Gott; doch aus seinem Mitgefühl heraus wird er zu einem Teil der Menschheit. Er sagt: „Ich werde die Rolle eines Vaters spielen.“ In einer Familie sehen wir, dass der Vater oft hart arbeitet und sich einen gewissen Reichtum verschafft, damit seine Kinder nicht mehr so hart arbeiten müssen. Er unterstützt seine Kinder materiell und sie profitieren von seiner Arbeit. Wenn ein wahrer spiritueller Meister in die Welt kommt, dann hat er sehr hart gearbeitet, um die Wahrheit zu verwirklichen, und in seinem inneren Leben besitzt er Frieden, Licht und Glückseligkeit in grenzenlosem Maße. Diesen Reichtum schenkt er seinen spirituellen Kindern, weil sie ihn ihr eigen nennen und er sie sein eigen nennt. Jene, die mit dem Meister völlig eins geworden sind und den Meister gemäß ihren Fähigkeiten zu erfüllen versuchen, jene, die ihrem Meister sehr nahe stehen, erhalten, was der Meister hat und ist. Ihre Verwirklichung hängt völlig vom Meister ab. Es ist wie bei einem Vater, der Millionär ist. Der Sohn hat den Vater zufrieden gestellt und so gibt der Vater dem Sohn seinen Reichtum.

Auf der anderen Seite wird der Vater jedoch darauf achten, ob der Sohn für so viel Geld auch reif genug ist und es auf die richtige Weise gebrauchen wird. Wenn er sieht, dass der Sohn sein Geld richtig gebrauchen wird, gibt er es seinem Sohn natürlich. Doch wenn er sieht, dass sein Sohn das Geld verschleudern wird, statt es für einen göttlichen Zweck zu gebrauchen, dann wird er es diesem nutzlosen Sohn natürlich nicht überlassen. In der spirituellen Welt ist es ähnlich. Wenn jemand wirklich aufrichtig ist und fühlt, dass er ohne alles existieren kann, nicht aber ohne Gott, dann ist es für ihn mit der Hilfe eines spirituellen Meisters möglich, Gott in diesem Leben zu verwirklichen, denn er wird alles, was der Meister ihm gibt, richtig verwenden.

Frage: Wird ein Mensch seine Verwirklichung nicht verlieren, wenn er vom Baum der Verwirklichung hinabsteigt und sich der Dunkelheit und Unwissenheit der Welt gegenüber sieht?

Sri Chinmoy: Es ist ein Irrtum zu glauben, eine verwirklichte Seele werde ihre Göttlichkeit und ihre Verwirklichung verlieren, wenn sie sich unter gewöhnliche Menschen mischt. Wenn jemand Gott verwirklicht, schenkt ihm Gott mehr Kraft als Seinen unverwirklichten Kindern. Spirituelle Meister besitzen einen freien Zugang zu Gottes Allmacht und zu all Seinen anderen Eigenschaften. Wenn spirituelle Meister nicht mehr Kraft als ihre Schüler hätten, die immer noch unter Ängsten, Zweifeln und anderen ungöttlichen Eigenschaften leiden, dann würden sie sich nie unter sie mischen oder sie auch nur annehmen. Sie würden wissen, dass sie von den Unvollkommenheiten ihrer Schüler völlig verschlungen werden würden. Echte Meister haben jedoch keine Angst denn sie wissen, dass ihre Verwirklichung viel mehr Kraft hat als irgendeine negative Kraft in ihren Schülern. Vor der Verwirklichung ist es bis zur allerletzten Stunde noch möglich, vom Verwirklichungsbaum zu fallen. Doch wenn man Gott einmal verwirklicht hat, hat man das Rennen gewonnen. Dieser Sieg ist dauerhaft und ewig. Nichts und niemand kann ihn wieder wegnehmen, noch können wir ihn verlieren.

Frage: Verliert ein verwirklichter Meister, der sich entschlossen hat, der leidenden Menschheit zu helfen, dadurch irgendetwas?

Sri Chinmoy: Nein. Er ist wie jemand, der weiß, wie man auf einen Baum hinaufklettert. Er besitzt die Fähigkeit, hinauf- und hinunter zu klettern. Der Meister verliert beim Herabsteigen nichts, denn er weiß, dass er im nächsten Augenblick wieder hinaufklettern kann. Wenn ein Kind am Fuße des Baumes sagt: „Bitte bring mir eine ganz süße Mango“, dann wird der Meister eine Mango herab bringen und anschließend wieder den Baum hinaufsteigen. Und wenn ihn niemand um eine Mango bittet, wird er auf dem Ast sitzen bleiben und warten.

Wenn jemand hier auf der Erde einer anderen Person etwas schenken will und diese es nicht annimmt, wird er wütend und sagt: „Du Narr, ich gebe es dir doch nur zu deinem eigenen Wohl!“ Er wird den anderen schelten und sehr gekränkt sein. Bei einem spirituellen Meister verhält es sich anders. Er wird mit seinem spirituellen Reichtum zur Verfügung stehen, doch wenn die Menschheit diesen nicht annimmt, wird er sie deswegen nicht verfluchen. Selbst wenn die Menschheit den Meister beschimpft und schlecht über ihn spricht, wird er sich bei Gott nicht über die Menschheit beklagen. Mit seiner grenzenlosen Geduld wird er sagen: „Gut, heute schläfst du. Vielleicht wirst du morgen erwachen und erkennen, was ich anzubieten habe. Ich werde auf dich warten.“ Wenn du dich in tiefem Schlaf befindest und jemand dich kneift und ruft: „Steh auf, steh auf!“, dann tut er dir damit keinen Gefallen. Du wirst dich nur über ihn ärgern. Der spirituelle Meister aber wird dich nicht stören. Er wird dich nicht drängen, aufzustehen, sondern neben deinem Bett stehen bleiben und warten, bis du von allein aufstehst. Und dann wird er dich auf die Sonne aufmerksam machen.

Ein wahrer spiritueller Meister wird nichts verlieren, wenn die Erde seine Gaben zurückweist, denn er wurzelt fest in seinem inneren Leben, in seinem inneren Bewusstsein. Doch auch wenn die Menschheit annimmt, was er ihr anbietet, verliert er nichts. Je mehr er gibt, desto mehr erhält er von der Quelle. Je mehr Wissen wir im gewöhnlichen Leben anderen weitergeben, desto mehr erhalten wir. So ist es auch im spirituellen Leben. Einem spirituellen Meister wird es nie an Frieden, Licht und Glückseligkeit mangeln, denn er steht in Verbindung mit der unendlichen Quelle.

Gewöhnliche Sucher und die sogenannten Meister besitzen begrenzte Fähigkeiten. Wenn sie etwas weggeben, können sie es nicht wieder ersetzen. Doch wenn man mit den unbegrenzten Fähigkeiten der inneren Welt in Verbindung steht, ist die Quelle wie ein Ozean. Man kann den inneren Ozean nicht leeren. Ein wirklicher Meister möchte seinen ergebenen Schülern alles geben, doch deren Empfänglichkeit ist begrenzt. So versucht er, ihr Gefäß auszuweiten und so groß wie möglich zu machen, damit die Schüler den Frieden, das Licht und die Glückseligkeit, die er für sie herab bringt, empfangen können. Doch er kann einen Sucher nicht zwingen, mehr zu empfangen, als seine Aufnahmefähigkeit erlaubt, denn sonst würde das Gefäß zerbrechen. So kann ein Meister zwar unermüdlich sein Licht in seine Schüler gießen, doch wenn die Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit einmal erreicht ist, wird alles weitere verschwendet sein.

Frage: Wenn ein Meister mehr Licht, Frieden und Glückseligkeit herab bringt als jene, die mit ihm meditieren, aufnehmen können, was geschieht dann damit?

Sri Chinmoy: Es ist nicht völlig verloren. Es verteilt sich über die Erde. Es dringt in die Erdatmosphäre ein und wird zum Besitz der Erde. Wenn spirituelle Meister göttliche Eigenschaften von oben herab bringen, nimmt Mutter Erde sie auf. Wenn dann jemand auf der Straße oder woanders innerlich strebt, wird er diesen Frieden oder dieses Licht vom Erdbewusstsein aufnehmen, ohne zu wissen, woher es kommt.

Frage: Ich habe gelesen, dass ein Meister nur einmal in diese Welt herabkommt und dann von anderen Welten aus fortfahren wird, der Menschheit zu helfen. Ist das wahr?

Sri Chinmoy: Wann immer die Notwendigkeit besteht, kommen große spirituelle Meister herab, um den noch nicht verwirklichten Seelen zu helfen. Sie spielen ihre Rolle in Gottes Spiel, Seiner göttlichen Lila. Die Sucher erhalten eine einmalige Gelegenheit, wenn sie in ihrem spirituellen Streben von einem wirklichen spirituellen Meister unterstützt werden, denn nur aufgrund von persönlichen Bemühungen und ohne die Hilfe eines Meisters ist es äußerst schwierig, die Verwirklichung zu erreichen. Inneres Streben ist von großer Wichtigkeit, doch innerer Streben allein kann uns die Verwirklichung nicht geben. Göttliche Gnade ist unerlässlich. Und diese Gnade kommt am einfachsten durch die Intervention eines Avatars, eines Yogis, eines Heiligen oder Weisen. Die Welt macht nur deshalb so schnell Fortschritt, wie es jetzt der Fall ist, weil große spirituelle Meister in die Welt kommen, um zu helfen.

Nachdem ein Meister einige Inkarnationen lang auf der Erde gearbeitet hat, will er seine Arbeit für die Menschheit vielleicht von der anderen Welt her fortführen. In einem solchen Fall kennt er alle verborgenen Winkel von Mutter Erde. Er kennt jeden Herzschlag des Erdbewusstseins und kann so von außen her arbeiten.

Frage: Warum ist es für einen verwirklichten Meister so schwierig, von der Welt angenommen zu werden?

Sri Chinmoy: Die Welt ist nicht bereit für spirituelle Meister. Aus ihrem unendlichen Mitleid heraus kommen sie auf die Erde. Wenn sie diese dann wieder verlassen, versprechen manche Meister, dass sie hierher zurückkommen werden, so lange es Menschen gibt, die noch nicht verwirklicht sind. Dies sagen sie in aller Aufrichtigkeit. Doch wenn sie in die höheren Welten hinaufgehen und die Undankbarkeit der Erde sehen, ändern sie ihre Meinung. Sie fragen sich, warum sie ihre wertvolle Zeit für eine schlafende, undankbare Menschheit verschwenden und hierher zurückkommen sollten, nur um von ihr getreten zu werden?

Die Menschheit braucht spirituelle Meister für ihr Erwachen und ihre Erleuchtung, doch im äußeren Leben fühlen die Menschen keine dringende Notwendigkeit für sie. Die Welt ist nicht bereit für sie und wird vielleicht nie ganz bereit sein. Wenn spirituelle Meister auf die Erde herabkommen, finden sie dort unwillige, unstrebsame Menschen vor. Spirituelle Meister benötigen viele Inkarnationen, um Gott zu verwirklichen. Die Verwirklichung zu erreichen ist äußerst schwierig. Doch Gott auf der Erde zu manifestieren, ist noch viel schwieriger. Deshalb kommen viele spirituelle Meister nicht zur Manifestation herab.

Gott ist zwar in jedem Menschen, doch leider dominiert noch immer das Tierische in ihnen. Wenn sich spirituelle Meister mit der Menschheit befassen, sehen sie, dass vieles in ihnen noch tierisch ist. Betrachten wir nur das Beispiel von Sri Ramakrishna. Wie viele negative und ungöttliche Kräfte er von seinen Schülern aufnahm und wie sehr er an diesem Gift litt! Sonst hätte ein so reiner Mensch niemals von einem bösartigen Krebs befallen werden können.

Gott zu verwirklichen ist schwierig. Nach der Verwirklichung in der unwissenden Welt zu leben und unter den Menschen zu bleiben, ist noch schwieriger. Doch im Bewusstsein des Höchsten zu verbleiben und gleichzeitig im Niedersten zu arbeiten, das höchste Licht ins Niederste hinab zu bringen, ist bei weitem am schwierigsten. Auf der anderen Seite aber verkennen wir uns selbst wenn wir sagen, etwas sei schwierig oder sehr schwierig. Was sind spirituelle Meister letztlich? Sie sind Gottes auserwählte Kinder. Gottes auserwählte Kinder identifizieren sich durch alle Ewigkeit hindurch mit Gott. Gott kann nie von Seinen Kindern, Seiner Schöpfung getrennt werden. Vom höchsten Standpunkt aus betrachtet ist nichts schwierig – weder Gott zu verwirklichen noch Gott in der Menschheit zu dienen, noch die Verantwortung dafür zu übernehmen, die Menschheit zur Göttlichkeit oder die Göttlichkeit zur Menschheit zu bringen. Alles ist einfach, einfacher, am einfachsten, wenn etwas da ist, das man Gottes Berührung nennt. Wenn Gottes Wille irgendeine Handlung berührt, dann ist alles sehr einfach.

Frage: Warum nehmen manche verwirklichte Meister viele Schüler an, während andere das nicht tun?

Sri Chinmoy: Manchmal trifft der Supreme die Entscheidung, doch zwingt Er seinen Willen nicht auf. Es gibt große Meister, die nach ihrer höchsten Verwirklichung vom Supreme gefragt werden: „Was möchtest du nun tun?“ Wenn der Meister sagt: „Ich möchte für diese oder jene Menschen viel Arbeit verrichten“, dann sagt der Supreme: „Gut. Ich gewähre es dir mit Meinem Segen.“ Es gibt auch Meister, die sich nicht festlegen, wie weit sie gehen wollen. Sie sagen: „Ich werde bis zum Schluss mein Bestes geben. Ich brauche Deinen Segen, ich brauche Deine Gnade. Ich will versuchen, so viel wie möglich zu manifestieren. Ich setze mir keine Grenzen.“

Einige Meister begrenzen die Zahl ihrer Schüler; bei anderen wiederum ist das Bestreben zu dienen, unbegrenzt. Sie bleiben ein offener Kanal und versichern dem Supreme, dass sie bis an ihr Lebensende alles tun werden, um Ihn zu erfüllen und zu manifestieren. Und nicht nur das: sie versprechen zusätzlich, Seine Arbeit auch nach ihrem Scheiden aus dieser Welt durch ihre Schüler fortzuführen. Es hängt also vom einzelnen Meister ab, wie viel spirituelle Verantwortung er auf sich nehmen will. Was die Anzahl der Schüler eines Meisters betrifft, so hängt diese davon ab, was für Schüler er annimmt. Wenn er sehr wählerisch ist und nur Seelen will, die in höchstem Maße ergeben, innerlich strebsam und voll und ganz für das spirituelle Leben bestimmt sind, dann wird er nur eine sehr kleine Zahl annehmen. Sri Ramakrishna z.B. wollte nur eine begrenzte Zahl von Schülern. Er war bei der Auswahl seiner Schüler sehr wählerisch. Andere Yogis hingegen sagen: „Jeder, der etwas von mir über das spirituelle Leben lernen will, ist in meiner Gemeinschaft willkommen. Jeder soll gemäß seiner individuellen Entwicklungsstufe Fortschritt machen.“ Und so nehmen sie Tausende von Schülern an.

Wahre spirituelle Meister werden nur Schüler annehmen, die für sie bestimmt sind. Wenn ich weiß, dass jemand durch einen anderen Meister schneller Fortschritt machen wird als durch mich, dann werde ich diesen Menschen innerhalb weniger Monate okkult und spirituell fühlen lassen, dass er nicht für mich bestimmt ist. Was zählt, ist nicht die Anzahl der Schüler, die ein Meister hat, sondern ob er sie ans Ziel bringt. Wenn zwei Meister verwirklicht sind, dann sind sie wie zwei Brüder, die einen Vater haben. Unser Ziel ist es, unsere jüngeren Brüder und Schwestern, die Menschheit, zum Vater zu bringen. Das Spiel wird erst dann beendet sein, wenn alle Menschen den Weg zu Gott gefunden haben. Wenn zwei Meister wirkliche Brüder vom selben Vater sind, wie kann dann ein Meister unglücklich oder gekränkt sein, wenn jemand durch den anderen Meister zum Supreme geht? Im spirituellen Leben gehen wir immer zusammen. Das Entscheidende ist nicht, wer etwas getan hat, sondern ob es getan ist. Wer etwas getan hat, ist nur eine Sache von Ruhm und Ehre, die im Lauf der Zeit verblassen werden. Wichtig ist, dass die Evolution auf der Erde stattgefunden hat.

Frage: Warum gehen einige spirituelle Meister in die Welt, um ihre Gefolgschaft zu erhöhen?

Sri Chinmoy: Ein wahrer Meister schaut nicht auf die Anzahl seiner Schüler, da sich durch die Gnade Gottes der Meister und der Sucher unweigerlich finden werden. Doch Sri Ramakrishna pflegte auf das Dach seines Hauses zu steigen und nach spirituellen Schülern zu rufen. Er pflegte Mutter Kali zu fragen, warum jene Schüler, die für ihn bestimmt waren, nicht zu ihm kämen. Man mag sich nun fragen, warum er nicht auf die Stunde Gottes warten konnte. In seinem Fall aber war die Stunde Gottes für ihn schon gekommen, doch die Unwissenheit der Welt blockierte den Weg. Gott trug ihm auf, etwas Bestimmtes zu tun, und gab ihm auch die Fähigkeit dazu; doch die Unwissenheit stellte sich ihm immer wieder in den Weg und verzögerte seine Manifestation. Sri Ramakrishna rief nicht nach Schülern, die zu ihm kommen würden, um seine Füße zu berühren. Er rief nach Schülern, die wie seine Arme und Hände sein würden, die mit ihm ins universelle Bewusstsein fliegen und für ihn - und auf diese Weise für Gott – arbeiten würden.

Es stimmt, dass niemand unersetzbar ist. Doch gleichzeitig ist jeder Einzelne wirklich unersetzbar, solange er in seinem inneren Streben und in seinem Dienst für die Mission des Supreme völlig aufrichtig ist. Niemand kann aus Stolz und Eitelkeit fühlen, dass er notwendig ist; doch jeder ist notwendig, wenn er ein aufrichtiges, ergebenes, auserwähltes Instrument Gottes ist. Der Meister braucht seine Schüler, weil sie wie seine Hände, seine Glieder, die Ausdehnung seines eigenen Bewusstseins sind. Und wenn er den Befehl vom Höchsten erhält, dann muss er versuchen, jene zu finden, die Teil seines Bewusstseins sein werden, um ihm zu helfen, den Befehl zu erfüllen.

Die traditionellen spirituellen Meister sagten jeweils: „Wenn man etwas besitzt, kommen die anderen von selbst zu einem. Der Teich geht nicht zu dem, der Durst hat; wer Durst hat, kommt zum Teich.“ Das trifft auf einen reifen Menschen auch vollkommen zu. Doch nehmen wir einmal an, ein kleines Kind sei durstig. Dann sieht alles anders aus. Wenn ein Baby in seinem Zimmer schreit, wird die Mutter zu ihm kommen müssen, um es zu stillen. Die Mutter wird nie zu ihrem Kind sagen: „Du musst zu mir kommen, wenn du etwas von mir willst.“ Nein, die Mutter lässt alles liegen und kommt zu ihrem kleinen Kind. So fühlen auch in der spirituellen Welt einige Meister die Notwendigkeit, in die Welt hinaus zu gehen, denn die äußere Welt ist in ihrem Bewusstsein noch wie ein Kind. Diese Meister fühlen, dass es viele Kinder gibt, die sich nach dem spirituellen Leben sehnen, nach spiritueller Weisheit und Vollkommenheit, aber nicht wissen, wo oder wie sie diese finden können. So gehen diese Meister von Ort zu Ort und anerbieten dort ihr Licht in der Absicht, dem Göttlichen in der Menschheit zu dienen. Auch ich gehöre zu dieser Art von Meistern. Ich reise umher, weil ich fühle, dass es aufrichtige Kinder gibt, die das Licht brauchen, welches der Supreme mir gegeben hat, um es der Menschheit weiterzugeben. Deshalb reise ich nach Japan, Europa oder kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. Ich betrachte die Welt als mein Kind.

Wenn die Welt sehnsuchtsvoll ruft, müssen wir sie nähren, wenn wir die Fähigkeit dazu haben. Wenn ich die Möglichkeit und auch die Fähigkeit habe, dir etwas zu geben, warum muss ich dich dann zu mir rufen? Wenn ich die Fähigkeit habe, dir das Licht, nach dem du verlangst, zu geben, dann ist es meine Pflicht, es zu tun. Wenn ich die Fähigkeit nicht habe, dann muss ich es unterlassen.

Wenn jemand, der sich selbst eine verwirklichte Seele nennt, die Notwendigkeit fühlt und die Fähigkeit dazu hat, dann sollte er in die Welt hinausgehen, um Gottes Existenz zu beweisen. Wenn er die Fähigkeit zwar hat, die Notwendigkeit jedoch nicht verspürt, dann lasst ihn bleiben, wo er ist. Und wenn er weder die Notwendigkeit fühlt noch die Fähigkeit besitzt, Gott der Welt zu zeigen, dann lasst ihn nicht versuchen, seine spirituelle Strebsamkeit zu beweisen und seine Emotionen zur Schau zu stellen. Warum? Weil Gott es nicht will. Er erfüllt Gott nicht auf Gottes eigene Weise, sondern stellt sich nur vor der Menschheit zur Schau und brüstet sich vor Gott. Vor den Augen der Welt ist sein Tun unerwünscht, vor den Augen Gottes jedoch unverzeihlich.

Im Vergleich zur inneren Welt ist die äußere Welt sehr begrenzt. Die äußere Welt erstreckt sich über ein paar tausend Kilometer, doch die innere Welt ist grenzenlos. Ein spiritueller Mensch fühlt auf Grund seiner Verwirklichung, dass alle Welten sein sind, denn sein Meister, der Supreme, ist alldurchdringend. Wenn nun der Supreme alldurchdringend ist, warum sollte es dann unter der Würde Seines Sohnes sein, verschiedene Orte aufzusuchen, um Ihm in den Menschen dort zu dienen?

Es gibt verschiedene Arten, die Welt zu nähren. Das Schreiben von Büchern ist eine Art, Vorträge geben eine andere. Wenn man viele Fähigkeiten hat, warum sollte man nicht alle gebrauchen? Manche spirituelle Meister haben diese äußeren Fähigkeiten nicht. Sri Ramakrishna z.B. konnte nicht schreiben; doch das hinderte ihn nicht daran, das Höchste zu verwirklichen. Gleichzeitig bleibt natürlich auch denjenigen die Gottverwirklichung nicht verwehrt, die die Fähigkeit haben, zu schreiben und Vorträge zu halten.

Gott spielt Sein Spiel auf verschiedene Weisen. Wenn Gott einem spirituellen Meister die Fähigkeit gibt, zu schreiben, Vorträge zu halten, sich unter Leute zu mischen und dafür von einem Ort zum anderen zu reisen, dann ist das Gottes Sache. Es ist Gottes Willen, den der betreffende Meister ausführt. Und wenn Gott einem Meister keine schriftstellerischen oder rhetorischen Fähigkeiten gibt, dann können wir diesen spirituellen Meister nicht tadeln oder sagen, er sei weniger wert. Wir müssen wissen, was Gott von uns will. Wenn Gott will, dass ich schreibe, wird er mit die Fähigkeit dazu geben. In keinem Fall ist etwas daran auszusetzen. Doch leider ist unser traditionelles Indien in dieser Hinsicht immer äußerst engstirnig gewesen.

Frage: Sie haben einmal gesagt, die spirituelle Manifestation würde von allein kommen, wenn ein Sucher die höchste Verwirklichung erreicht. Könnten Sie mir erklären, was Sie mit dieser Art von Manifestation meinen?

Sri Chinmoy: Wenn man die Verwirklichung erlangt und in der Welt bleibt, beginnt die Manifestation automatisch. Was geschieht, wenn wir vor einer befreiten, völlig verwirklichten Seele stehen? Wir bemerken sofort den riesigen Unterschied zwischen uns selbst und jenem Menschen. Das erste, was wir in ihm wahrnehmen werden, ist Frieden. In seinen Augen werden wir unendlichen Frieden sehen. Sein Körper wird ein Gefühl von Reinheit ausstrahlen, eine Reinheit, die wir nie zuvor in unserem oder im Leben von anderen gespürt haben. Wie kommt es, dass er diese Reinheit, dieses Licht und diese göttliche Kraft ausstrahlt, während eine andere Person dies nicht tut? Einfach weil er völlig verwirklicht ist. Er mag kein Wort zu uns sprechen, doch seine bloße Gegenwart schenkt uns unendlichen Frieden, unendliche Glückseligkeit, unendliches Licht. So enthüllt also die Verwirklichung automatisch ihr inneres Potential: die Manifestation. Die innere Verwirklichung des Meisters wird durch seine äußere Form, seinen Körper, manifestiert.

Es gibt auch noch eine andere Art von Manifestation, die wir mehr auf der physischen Ebene finden: die Manifestation des Göttlichen auf der Erde. Diese Manifestation findet statt, wenn ein spiritueller Meister bewusst versucht, spirituell hungrige Menschen zu erwecken. Es gibt viele Menschen auf der Erde, die spirituell hungrig sind, aber keinen Meister, keinen spirituellen Pfad haben. So versucht der Meister sie zu inspirieren, eine Flamme bewusster spiritueller Strebsamkeit in ihnen zu entzünden und sie auf einen spirituellen Pfad zu bringen.

Wenn ein spiritueller Meister mit Hilfe seiner liebsten Schüler das Göttliche auf der Erde zu manifestieren versucht, missverstehen ihn die Menschen manchmal. Sie glauben, er wolle alle bekehren. Doch das Motiv des Meisters ist nicht dasselbe wie das eines Missionars. Christliche Missionare gingen nach Indien und überall in die Welt hinaus und verkündeten: „Es gibt nur einen Heiland, Jesus Christus.“ Doch wenn Christus der einzige Erlöser ist, wo stehen dann Buddha, Sri Krishna, Sri Ramakrishna und alle anderen großen Meister? Jeder echte spirituelle Meister ist in der Tat ein Erlöser; doch zu sagen, er sei der einzige Erretter oder sein Pfad der einzige Pfad, ist Torheit. Wenn ich behaupte, mein Weg sei der einzige und ihr würdet in die Hölle kommen, wenn ihr mich nicht annehmt, dann gibt es niemand Dümmeren als mich. Auf unserem Pfad bekehren wir niemanden; wir versuchen Inspiration zu schenken. Viele von Ihnen sind nicht meine Schüler und werden nie meine Schüler sein. Aber ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind und bin Ihnen zutiefst dankbar für Ihre Anwesenheit. Durch Gottes Gnade besitze ich die Fähigkeit, Ihnen Inspiration zu schenken. Sie können meine Inspiration nehmen und dann irgendeinem anderen Pfad folgen, der Ihnen zusagt. Ich habe meine Aufgabe erfüllt, indem ich Sie inspiriert habe.

Ein verwirklichter Meister wird niemals versuchen, andere zu bekehren. Er anerbietet strebenden Seelen einfach seine Verwirklichung in Form von Inspiration. Deshalb muss er sich auch wie ein normaler Mensch verhalten. Täte er dies nicht und würde nicht wie jeder andere Mensch essen, sich ausruhen und unterhalten, dann würden die Leute sagen: „Ach, du bist so weit über uns hinausgegangen! Es ist völlig unmöglich für uns, wie du zu werden.“ Doch der spirituelle Meister sagt: „Nein, ich tue die gleichen Dinge wie ihr. Wenn ich dieselbe Nahrung essen kann wie ihr, wenn ich mit euch verkehren kann wie ihr mit anderen verkehrt und dabei mein höchstes Bewusstsein beibehalten kann, warum könnt ihr nicht auch in meines eintreten?“ Auf diese Weise motiviert der Meister seine Schüler.

Motivation oder Inspiration ist jedoch nicht genug. Nach der Inspiration kommt die innere Strebsamkeit. Zwischen Inspiration und Strebsamkeit besteht ein sehr großer Unterschied. Spirituelle Strebsamkeit ist etwas außerordentlich Hohes. Ein spiritueller Meister wird eins mit seinen Schülern, deren inneres Streben er bereits entwickelt hat, und gemeinsam versuchen sie, die spirituell hungrige Welt zu motivieren und inspirieren. Auf diese Weise wird Verwirklichung in Manifestation umgewandelt.

Wo Verwirklichung ist, dort wird man auch Manifestation sehen. Manifestation ist die äußere Form der Verwirklichung, und wer wirklich spirituell ist, wird in der Verwirklichung sofort die Manifestation fühlen. Für den Durchschnittsmenschen oder die Menschheit als Ganzes dauert dies länger. Wenn ich etwas verwirklicht und in der äußeren Welt manifestiert habe, so fühlt dies das Herz der Menschheit, doch der physische Verstand braucht manchmal länger, um die Manifestation wahrzunehmen und zu verstehen. Auf dem Gebiet der Manifestation hat es der Meister mit unwissenden, unstrebsamen oder emotional gebundenen Menschen zu tun, die das Licht des Meisters nur in sehr kleinem Ausmaß wahrnehmen. Doch ein großer Sucher erkennt die Verwirklichung und sieht sie als von der Manifestation untrennbar.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Enthüllung und Manifestation?

Sri Chinmoy: Zuerst müssen wir etwas verkörpern. Nehmen wir an, du hast eine köstliche Mango in deiner Tasche. Du greifst mit einer Hand in die Tasche und nimmst die Mango heraus, um sie mir zu zeigen. Das ist Enthüllung. Zuvor war die Mango verborgen und jetzt hast du sie enthüllt. Anschließend musst du sie manifestieren. Wie machst du das? Indem du sie aufschneidest und mit mir und anderen teilst.

Wenn man der Welt Gott oder die Wahrheit oder Licht enthüllt, bedeutet das, dass man diese Dinge zum Vorschein gebracht hat und dass sie nun da sind, damit die Welt sie sieht. Doch wenn niemand wahrnimmt, was du enthüllt hast, niemand es annimmt oder versteht, dann bleibt diese Enthüllung unmanifestiert. Manifestation bedeutet nicht nur zu offenbaren, was wir haben und was wir sind, sondern es die Welt auch sehen, fühlen, verstehen und annehmen zu lassen. Dies ist der Unterschied. Die Verwirklichung von heute ist die Enthüllung von morgen. Enthüllung ist die manifestierte Verwirklichung von heute und die erfüllte Manifestation von morgen.

Frage: Kann man einen spirituellen Meister, der die höheren Wahrheiten zu enthüllen sucht, nicht in mancher Hinsicht mit einem Dichter vergleichen, der versucht, künstlerische Wahrheiten auszudrücken und zu enthüllen?

Sri Chinmoy: Ein gewöhnlicher Dichter erhält vielleicht einen kleinen Einblick in die Wahrheit, doch spirituelle Meister erhalten den Ozean der Wahrheit selbst. Spirituelle Meister sehen eine viel höhere Wahrheit als ein gewöhnlicher Dichter. Für gewöhnliche Dichter ist die Dichtung ihr ein und alles. Doch im Falle fortgeschrittener Seelen oder spiritueller Meister ist ihre Dichtung nicht alles. Gott ist alles.

Ein Dichter, der höhere Botschaften herab bringt, fühlt, dass dies alles ist, was er zu geben hat. Doch spirituelle Meister fühlen, dass ihre Schriften überhaupt nichts darstellen verglichen mit dem, was sie wissen und was sie wirklich sind. Sie sagen: „Verglichen mit meiner Verwirklichung ist meine Manifestation überhaupt nichts. Das Licht, das ich verbreitet habe, ist nichts im Vergleich zu dem Licht, das noch unmanifestiert ist. Wenn ich für meine Verwirklichung hundert Punkte von hundert erhalte, dann bekomme ich für meine Manifestation nicht mehr als einen von hundert. Ich weiß, wie viel meines inneren Reichtums unmanifestiert bleiben wird, wenn ich sterbe.“ Alle spirituellen Meister waren enttäuscht von dem, was sie hier auf der Erde auszudrücken, zu enthüllen und zu manifestieren vermochten.

Frage: Warum setzen sich verwirklichte Gurus mit dem, was sie sagen und tun, manchmal scheinbar in Gegensatz zu den Schriften und althergebrachten Regeln und Normen?

Sri Chinmoy: Es stimmt, dass die verwirklichten, großen Gurus ihre eigene Wahrheit besitzen. Doch sie setzen sich mit nichts in Gegensatz. Sie weisen nur eine neue Richtung. Nehmen wir an, ein großer spiritueller Meister hat etwas Bestimmtes gesagt. Zu der Zeit, in der er gelebt hat, war die betreffende Wahrheit notwendig. Doch die Welt macht ständig Fortschritt und nun muss eine höhere Wahrheit manifestiert werden. Wenn wir also etwas anderes sagen, so widersprechen wir damit nicht den großen Meistern der Vergangenheit. Wir bringen nur eine höhere Wahrheit und ein höheres Wissen in das Erdbewusstsein, welches nun bereit ist, sie zu empfangen. Wir dehnen die Wahrheit aus und erfüllen sie mit mehr Licht.

Nur indem wir tief in die Wahrheit eindringen und sie umwandeln werden wir eine weitere, umfassendere Wahrheit erringen. Wir irren uns, wenn wir glauben, unsere Vorväter hätten in Bezug auf die Spiritualität das letzte Wort gesprochen. Die Wahrheit ist nie vollendet, weil wir in einem Universum leben, das sich ständig weiter entwickelt und stets über sich hinauswächst. Was die Meister der Vergangenheit gesagt haben, ist ewig wahr. Was wir sagen, ist ebenfalls ewig wahr. Doch jede Wahrheit besitzt ihren eigenen Wahrheitsgrad, und auch wir entwickeln uns ständig weiter und schreiten stets voran.

Unsere Väter haben sich auf der physischen Ebene vielleicht Dinge vorgestellt oder an Dinge gedacht, die zu ihrer Zeit sehr ungewöhnlich waren. Nun sind wir erwachsen geworden und denken an etwas noch Höheres und Tieferes, weil die Wissenschaft eine neue Entwicklungsstufe erreicht hat. Das bedeutet nicht, dass wir die Errungenschaften unserer Väter missachten. Wir gehen nur über unsere Väter, über ihre Fähigkeiten, über ihr Verständnis hinaus.

Im spirituellen Leben lehnen wir nichts ab. Wir gehen einfach höher und höher, um die höchste Höhe zu erreichen. Die höchste Wahrheit, die höchste Verwirklichung – oder was wir auch die absolute Manifestation nennen – hat noch nicht stattgefunden. Die spirituelle Manifestation ist noch nicht vollendet und wird vielleicht nie vollendet sein.

Frage: Es hat eine Reihe spiritueller Meister gegeben, die geraucht und getrunken haben. Wie konnten sie so Gott verwirklichen?

Sri Chinmoy: Aufgrund ihres spirituellen Strebens. Es gab spirituelle Menschen, die Alkohol tranken, tanzten, Fleisch aßen und alles Mögliche taten, ohne ihre Höhe zu verlieren. Für sie war die Welt wie ein Garten und sie waren wie göttliche Kinder, die darin spielten, unberührt von dem, was sie sagten oder taten. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass zwischen ihrem und eurem inneren Streben ein kleiner Unterschied besteht. Es ist wie der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Baum. Ein Baum tut niemandem weh, er ist rein und unschuldig. Doch ein Mensch wird lange vor dem Baum Gott verwirklichen. In Bezug auf den inneren Ruf, auf spirituelle Strebsamkeit, kann sich ein gewöhnlicher Mensch nicht mit den großen spirituellen Meistern vergleichen. Wenn diese Meister einmal zu meditieren begannen, konnten sie damit stundenlang fortfahren und sich völlig in ihrer Meditation verlieren.

Viele indische spirituelle Meister nehmen Arsen, und wenn sie eine große Menge davon zu sich nehmen glauben die Leute, sie würden Selbstmord begehen. Doch es schadet ihnen nicht. Manche tantrische Yogis führen ein Leben so voller vitaler Vergnügungen, dass jeder meinen müsste, sie müssten sofort in spiritueller Hinsicht fallen. Doch ihre Meditation übersteigt ihr vitales Leben. Wenn sie sich an der Schwelle der Verwirklichung befinden, dann sind sie mit ihrem Bewusstsein immer in einer sehr hohen Welt und bleiben nicht mehr im Physischen. So verwirklichen sie Gott trotz ihres vitalen Lebens. Ebenso meditieren manche Okkultisten neun oder zehn Stunden täglich und den Rest des Tages führen sie ein sehr schlechtes Leben. Doch die Intensität ihrer inneren Strebsamkeit bringt ihnen trotzdem die Verwirklichung.

Frage: Inkarnieren sich spirituelle Meister gewöhnlich in sehr spirituellen Familien?

Sri Chinmoy: Die meisten der echten spirituellen Meister haben sich in spirituell weit fortgeschrittenen Familien inkarniert. In ihrem Fall war dies Gottes Plan. Doch Gott ist an keinen Plan gebunden. Es ist auch möglich, dass Gott einen spirituellen Meister in eine spirituell völlig unstrebsame Familie sendet. Doch in den meisten Fällen kommen spirituelle Meister in spirituelle Familien.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Yogi und einem Avatar?

Sri Chinmoy: Ein Yogi ist eine völlig verwirklichte Seele. Höher als eine verwirklichte Seele ist ein teilweiser Avatar, ein Angsha-Avatar. Höher als ein teilweiser Avatar ist ein voller Avatar, ein Purna-Avatar. Ein Yogi kann sich mit der ganzen Welt abgeben. Ein Yogi wirkt in der Stille; ein Avatar wirkt dynamisch und spricht vertrauensvoll. Ein Yogi ist eine Pflanze; ein Avatar ist ein mächtiger Baum.

Ein Avatar ist ein direkter Vertreter Gottes, ein wahrer, fester Teil des Göttlichen, der ständig im Höchsten wie auch im Niedersten wirkt. Die Fähigkeit eines Avatars ist mit einem weiten Meer zu vergleichen, während ein Yogi im Vergleich die Fähigkeit eines Flusses oder eines Teiches besitzt. Wenn Yogis das Bewusstsein der Menschheit erhöhen wollen, werden sie manchmal von der Unwissenheit der Erde angegriffen. Doch ein Avatar wird gleichzeitig im Höchsten und im Niedersten bleiben, und selbst in seinem Niedersten wird seine Fähigkeit zu wirken unbeeinflusst bleiben. Ein Avatar besitzt unendlich viel mehr Fähigkeit als ein Yogi, wenn es darum geht, die vollständige Transformation der Menschheit herbeizuführen.

Doch selbst ein Avatar der höchsten Stufe kann unter Umständen wegen der Unwissenheit, der Dunkelheit und Unvollkommenheit der Welt nicht immer von der höchsten Bewusstseinsebene her wirken. Das Erdbewusstsein strebt nicht und die meisten Menschen wollen sein Licht nicht. Betrachten wir nur Jesus Christus. Wer kümmerte sich um ihn? Sehr wenige. Oder Sri Krishna. Wer nahm ihn an? Sehr wenige.

Gemäß der Philosophie und den spirituellen Lehren Indiens ist ein Avatar ein direkter Vertreter des Supreme, der mit Ihm nach Belieben kommunizieren kann. Die meisten Yogis können dies nicht. Sie brauchen zwei oder drei Stunden, um in ihr höchstes Bewusstsein zu gehen und mit Gott kommunizieren zu können. Sie können dies nicht in einem Augenzwinkern tun. Nur die Kommunikation eines Avatars mit Gott ist von dieser Art.

Ein Avatar ist ein Mensch. Er spricht, er isst, er atmet und macht alles, was ein Mensch tut. Doch wenn er in sein Höchstes eintritt und wir auch nur einen winzigen Einblick in sein Bewusstsein haben können, wird unser ganzes Leben Gegenstand vollständiger Selbsthingabe zu seinen Füßen sein. Selbst wenn er uns tritt und uns beiseite schiebt, werden wir ihm treu wie ein Hund bleiben, denn in ihm haben wir einen unvergleichlichen Schatz erhalten, den uns niemand sonst auf der Erde geben kann. Man muss ein sehr, sehr hohes spirituelles Bewusstsein haben, um auch nur den kleinsten Einblick in die Höhe eines Avatars zu erhalten. Sein Bewusstsein kann nie ausgedrückt oder erklärt werden.

Einen Avatar als seinen Guru zu haben heißt, den größten Segen zu erhalten, den ein Mensch je erhalten kann. Sri Ramakrishna pflegte zu sagen: „Wenn Gott die Kuh ist, dann ist der Avatar das Euter, das die Milch liefert.“ Ein großer Sucher wird sagen, dass Gott in der Form eines Avatars mehr Mitgefühl hat als Gott selbst. Der Sucher sagt: „Wenn ich etwas falsch mache, dann gibt es bei Gott Gerechtigkeit, das Gesetz des Karmas. Doch mit dem Guru ist es anders; er besitzt nur tiefe Zuneigung für seine liebsten Schüler. Wenn die jeweilige Strafe zu mir kommt, dann wird der Guru die Strafe auf sich nehmen.“ Wenn ein Sucher mit äußerster Aufrichtigkeit und tiefster Sehnsucht zu Gott betet und nach Gott ruft, dann mag Gott ihm vergeben, statt ihn zu bestrafen. Doch wenn man einen Avatar als Guru hat und mit ihm in engster Beziehung steht, dann wird dieser Guru in der Tat die Strafe für seinen Schüler auf sich nehmen.

Wenn sich ein Avatar auf der Erde befindet, verkörpert er auch das Bewusstsein aller anderen Avatare, die vor ihm gekommen sind. Sri Ramakrishna sagte: „Wer Rama ist, wer Krishna ist, ist nun in einer Form Ramakrishna.“ Im Westen anerkennt man leider nur Jesus Christus als Avatar. Entweder nehmen wir ihn an oder wir lehnen ihn ab. Wenn wir ihn annehmen, dann kann es keinen anderen für uns geben. Doch damit machen wir einen Fehler. Jesus Christus, Buddha, Sri Krishna und alle anderen Avatare kommen vom selben Ort. Wenn wir Christus als das unendliche göttliche Bewusstsein betrachten, dann können wir Sri Krishna, Buddha oder Sri Ramakrishna nicht von Christus trennen. Der Supreme nahm die Form an, die wir Christus nennen, Er nahm die Form an, die wir Sri Krishna nennen, und Er nahm die Form an, die wir Sri Ramakrishna nennen.

Frage: War Swami Vivekananda ein Avatar?

Sri Chinmoy: Swami Vivekananda war kein Avatar. Er erhielt nur einige kleine Einblicke in jene höchste Wahrheit, die Sri Ramakrishna lebte. Vivekananda war ein großer Vibhuti, jemand, der mit einer besonderen göttlichen Kraft versehen wurde, um in der Weltatmosphäre äußerst dynamisch zu wirken. Vibhutis sind Führer der Menschheit, die das schlafende Bewusstsein erwecken.

Wir können Napoleon keinen Vibhuti nennen, doch was Napoleon in der materiellen Welt leistete, leistete Vivekananda in der spirituellen Welt. Durch Vivekananda wirkte die mächtigste, dynamischste Kraft in einer menschlichen Gestalt. Vivekanandas wirkliche Aufgabe war es, die Botschaft seines Meisters Sri Ramakrishna zu verbreiten. Ramakrishna erreichte etwas, doch er manifestierte selbst nicht viel. Er kümmerte sich nicht um weltliche Errungenschaften oder die Entwicklung des Intellekts. Die heutige Welt braucht den Verstand. Dieser muss nicht unbedingt intellektuell sein; er kann sehr einfach sein und nur die grundsätzlichsten Dinge verstehen. Doch Sri Ramakrishna kümmerte sich nicht einmal um diesen gewöhnlichen Verstand. So sammelte Vivekananda die Früchte des Baumes, der Ramakrishna war, und bot sie der Welt an. Er kam mit dreißig Jahren in den Westen und brachte viel Licht in den Westen.

Als Sri Ramakrishna die Welt verließ, zweifelte Vivekananda immer noch an der spirituellen Höhe seines Meisters. Innerlich sagte er: „Wenn du mir sagst, dass du ein großer Avatar bist, dann werde ich dir glauben.“ Ramakrishna las seine Gedanken und sagte: „Naren, zweifelst du immer noch an mir? Wer Rama ist, wer Krishna ist, ist nun in einer Gestalt Ramakrishna.“ Rama und Krishna waren beide Avatare, und Vivekanandas Meister verkörperte sie beide.

Vivekananda war kein Avatar. Man kann ihn nicht mit Rama-krishna gleichsetzen. Ich hege tiefe Liebe und Bewunderung für Vivekananda. Meine Beziehung zu ihm in der inneren Welt ist sehr eng. Leider treffe ich hier im Westen spirituelle Leute und Swamis, die Vivekananda herabsetzen, seine Errungenschaften schmälern und zu sagen wagen, er sei nicht verwirklicht gewesen. All jenen, die Vivekananda auf diese Weise herabsetzen, kann ich nur sagen, dass sie nicht wert sind, seine Füße zu waschen. Er hatte mit Sicherheit Gott verwirklicht. Er war sehr weit fortgeschritten.

Ein gewöhnlicher Mensch kann die Höhe eines Avatars nicht beurteilen. Es ist, als wenn ein Zwerg die Höhe eines Riesen messen wollte. Es wäre lächerlich. Doch denken wir nicht an die Höhe eines spirituellen Meisters. Denken wir nur an seine Gegenwart in unserem Herzen. Wenn wir seine Gegenwart in der Tiefe unseres Herzens fühlen können, kann er unsere Hilfe, unser Führer, unsere Inspiration, unser spirituelles Streben, unsere Reise und unser Ziel sein.

Frage: Wie wissen Sie persönlich, ob jemand verwirklicht oder teilweise verwirklicht ist?

Sri Chinmoy: Wenn man verwirklicht ist, kann man die Verwirklichung anderer leicht erkennen. Aufgrund meines Einsseins und meiner Identifikation mit ihrem Bewusstsein kann ich mich leicht über die Verwirklichung anderer äußern.

Frage: Ist es richtig zu sagen, dass Buddha zu jenen gehört hat, die eine Flucht vor der Welt befürwortet haben?

Sri Chinmoy: Es wäre falsch zu behaupten, die Philosophie Buddhas sei eine Philosophie der Flucht und er hätte diese bewusst angestrebt. Buddhas wirkliches Anliegen war, dem menschlichen Leiden in der Welt ein Ende zu setzen. Wie ein göttlicher Krieger spielte er seine Rolle in der Weltarena. Er gebrauchte den Ausdruck ‚Gott‘ nicht, doch er verwendete die Worte ‚Wahrheit’ und ‚Licht’. Nach seiner eigenen Verwirklichung blieb er noch vierzig Jahre auf der Erde, in denen er versuchte, das Bewusstsein der Menschheit zu heben. Er reiste viel, um zu lehren und zu predigen. Trotz seines gebrechlichen Körpers fuhr er fort zu predigen und versuchte unermüdlich, Frieden, Licht und Glückseligkeit auf die Erde zu bringen. Doch er sah, dass die Menschen, denen er helfen wollte, nicht empfänglich waren, und so kam er zu dem Schluss, dass es fast unmöglich sei, dem menschlichen Leiden ein Ende zu setzen.

Dann entdeckte er das Nirvana, einen Zustand, in dem alle Wünsche, alle irdischen Neigungen ausgelöscht sind und keine Begrenzungen mehr existieren. Dort geht man über den Bereich des Physischen hinaus und alles ist innere Existenz. Da sagte er: „Nun bin ich sehr, sehr müde. Ich möchte in diesen glückseligen Zustand eintreten und mich da ausruhen.“ Er entschied sich, andere göttliche Soldaten für die vollständige Manifestation Gottes kämpfen zu lassen, die noch auf die Welt kommen würden. Wenn sich ein Soldat nach vielen Jahren tapferen Kampfes ausruht und dann ein anderer Soldat nach ihm kommt, der entschlossen ist, so lange weiter zu kämpfen, bis er das Höchste manifestieren kann, dann ist es einleuchtend, dass dieser seine Aufgabe mit frischer Energie, Kraft und Ausdauer erfüllen kann. Wenn man nach der Verwirklichung manifestieren will, dann führt man die Menschheit natürlich einen Schritt weiter, denn Gott benötigt auch Manifestation.

Doch zu sagen, der erste Soldat habe seine Rolle nicht gespielt oder wollte fliehen, ist falsch. Als Mensch erfüllte Buddha seine Aufgabe. Buddha besaß die Verwirklichung. Er besaß die Enthüllung. Er begann auch zu manifestieren, doch letztlich wollte er keine bewusste Rolle in der Manifestation spielen. Er wollte nicht länger am kosmischen Spiel teilnehmen. Einige Anhänger Buddhas verstanden seine Philosophie falsch und verdrehten sie nach Belieben. Buddha riet nie zur Flucht oder zur Verneinung der Welt. Er riet zu Gebet und Meditation, um in den ewig währenden glückseligen Bewusstseinszustand zu gelangen. Man kann sagen, er habe einen neuen Pfad betreten oder ein neues Haus aufgesperrt. Jene, die diesen Pfad betreten oder in dieses Haus eintreten, kommen nach der Gottverwirklichung nicht wieder auf die Erde zurück, während jene, die in ein anderes Haus eintreten, in die Welt zurückkommen.

Wenn man das Nirvana erlangt hat, ist man darin natürlich nicht gefangen. Nein, wenn man in das Nirvana eintritt, kommt man normalerweise nicht zurück, weil man es nicht will. Doch es gibt Meister, die über das Nirvana hinausgehen und trotzdem in die Welt zurückkehren. Sie bleiben nicht in jenem Haus. Die dynamische Kraft des Supreme zwingt diese Meister, wieder in die Welt zurückzukommen um für Seine Manifestation zu arbeiten, selbst nachdem sie ein Leben als gottverwirklichte Seelen gelebt haben.

Frage: Was ist Nirvana?

Sri Chinmoy:

Kein Verstand, keine Form; ich allein existiere. Jeglicher Wille und Gedanke ist nun verebbt. Das letzte Ende des Tanzes der Natur – ich selbst bin es, den ich gesucht habe… Ich kümmere mich nicht um Taten und Zeit – mein kosmisches Spiel ist vorbei …

(aus Sri Chinmoys Gedicht „The Absolute“)

Wenn man sein kosmisches Spiel beendet hat, geht man in das Nirvana ein. Wenn ein Mensch müde ist und für immer den Konflikt und den Einfluss der kosmischen Kräfte hinter sich lassen will, dann wird ihn das Nirvana willkommen heißen. Nirvana bedeutet das Aufhören aller irdischen Aktivitäten, das Auslöschen von Wünschen, Leid, Knechtschaft, Begrenzung und Tod. In diesem Bewusstseinszustand geht man über die Vorstellung von Zeit und Raum hinaus. Diese Welt ist wie eine Bühne für das Spiel der kosmischen Kräfte der letzten, höchsten Wahrheit. Der Wissende, das Gewusste und das Wissen oder die Weisheit sind wie drei Engel, die zu einem Engel verschmelzen. Dann wird man sowohl zum Wissenden wie zum Gewussten.

Wenn man die Erfahrung des Nirvana nicht kennt, kann man normalerweise nicht wissen, was Illusion ist. Gewissen spirituellen Lehrern zufolge ist die Welt Maya, eine Illusion. Wenn man in das Nirvana eintritt, erkennt man, was Illusion ist. Nirvana ist statisches Einssein mit Gott. Hier endet alles in statischer Glückseligkeit. Diese Glückseligkeit ist unvorstellbar, unergründbar, unbeschreibbar. Jenseits des Nirvanas liegt der Zustand absoluten Einsseins. Dieses Einssein ist das dynamische Einssein mit Gott.

Nirvana ist ein sehr, sehr hoher Bewusstseinszustand. Für den göttlichen Arbeiter ist es jedoch nicht der höchste Zustand. Wenn man Gott hier auf der Erde dienen will, dann muss man immer wieder auf die Welt zurückkommen, um dem Supreme in der Menschheit zu dienen. Wenn man den Supreme in der Schöpfung manifestieren will, dann muss man in der absoluten Dynamik des Supreme arbeiten und kann sich nicht im Nirvana ausruhen. Dies bedeutet nicht, dass der göttliche Arbeiter die Erfahrung des Nirvana nicht haben kann. Die Erfahrung des Nirvana steht allen gottverwirklichten Seelen offen. Doch immerwährendes Nirvana ist für jene, die sich mit dem statischen Aspekt des höchsten Brahman zufrieden geben wollen. Wenn man sowohl den statischen wie den dynamischen Aspekt des Supreme verkörpern will, dann sollte man über das Nirvana hinausgehen und in den Bereich der Manifestation eintreten.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Nirvana und dem Nirvikalpa-Samadhi?

Sri Chinmoy: Betrachten wir das Nirvana und das Nirvikalpa-Samadhi als zwei riesige Paläste. Andere Wohnsitze sind nichts, verglichen mit diesen beiden Palästen. Wenn wir in das Nirvana hinaufklettern gibt es keine Möglichkeit, von dort wieder zurückzukommen, bzw. fühlt man keine Notwendigkeit herab zu kommen, um der Welt anzubieten, was man erhalten hat. Dort gibt es keine Verbindung mehr zum Erdbewusstsein. Im Nirvana erlischt das irdische Leid und der kosmische Tanz hört auf. Das Nirvana ist überflutet mit unendlichem Frieden und unendlicher Glückseligkeit. Vom Gesichtspunkt der absoluten Wahrheit aus ist das Nirvana das Ziel der Ziele für jene Sucher, die nicht länger in Gottes manifestierter Schöpfung mitwirken wollen. Doch wenn Gott, der erhabene Führer möchte, dass ein bestimmter Sucher nach der Verwirklichung der absoluten Wahrheit über das Nirvana hinausgeht und wieder auf die Erde herab kommt, um sie auf göttliche Weise zu transformieren und zu vervollkommnen, dann sendet Er ihn hinab. Er fühlt, dass jener Sucher ein unabkömmliches Instrument ist, um die geburtlose transzendentale Vision des Supreme in Seine todlose universelle Wirklichkeit zu verwandeln.

Wenn man sich in das Nirvikalpa-Samadhi erhebt, gibt es von dort zwar einen Weg zurück; doch wenn man längere Zeit dort bleibt vergisst man völlig, dass es diesen Weg gibt. Das Nirvikalpa-Samadhi bringt uns eine Flut der Erleuchtung und lässt uns fühlen, dass es höhere Welten weit jenseits unserer Welt gibt. Darüber hinaus enthüllt es sich dem Sucher als Bindeglied zwischen dieser Welt und anderen hohen, höheren und höchsten Welten und zeigt ihm einen Weg, darüber hinauszugehen und in das ewig wachsende, sich ständig transzendierende Jenseits einzutreten.

Einführung des Herausgebers in die erste Ausgabe

Dieses Buch repräsentiert einen der wenigen echten Berichte über das innere Universum - das Universum jenseits von Raum und Zeit, jenseits aller mentalen Formulierungen. Es ist kein philosophisches oder theoretisches Buch, sondern eine lebendige und detaillierte Beschreibung der spirituellen Realität durch einen Yogi, der dort sein Zuhause findet. Als von Gott verwirklichter spiritueller Meister, der eins mit der höchsten Wahrheit geworden ist, kann Sri Chinmoy sehr spezifische Fragen zu Themen wie Befreiung und Erleuchtung, Samadhi, Nirvana, Glückseligkeit und den verschiedenen Ebenen des Bewusstseins beantworten.

Nach traditionellen Berichten würde man erwarten, einen erleuchteten Yogi versunken in Trance in einer Himalaya-Höhle zu finden. Aber Sri Chinmoy ist einer dieser seltenen spirituellen Meister, die versuchen, ihr Licht nicht nur innerlich durch Meditation, sondern auch äußerlich durch das gesprochene und geschriebene Wort anzubieten. Dieses Buch enthält Sri Chinmoys Antworten auf Fragen, die Suchende bei einigen seiner öffentlichen Meditationen und Universitätsvorlesungen gestellt haben.

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