Teil I

Schöpfung und Vollkommenheit

Wenn du tief nach innen tauchst, wirst du erkennen, dass du keinen anderen Menschen aufsuchen oder mit ihm reden musst, um missverstanden zu werden. Du wirst von dir selbst missverstanden. Dein eigenes Vitales – jener Teil deiner Lebenskraft, der ungöttlich und dunkel ist und nicht nach Höherem strebt – missversteht dein eigenes höchstes inneres Streben. Sobald du etwas seelenvoll und ergeben machen willst, solltest du dich niemals von deinem Vitalen dazu bringen lassen, die Hoffnung zu verlieren. Habe niemals das Gefühl, dass du nicht bereit oder einer Sache unwürdig bist. Hege auch nie das Gefühl, dass du unaufrichtig oder nicht ernsthaft genug dafür bist. Wann immer du etwas Göttliches tun oder sagen willst, solltest du fühlen, dass du aufrichtig bist, dass du ernsthaft bist, dass du ergeben bist und dass du seelenvoll bist.

Jeder Mensch ist ein Schöpfer, und zugleich ist jeder Mensch auch ein Kritiker. Wenn der Schöpfer das Gefühl hegt, dass er vollkommen ist, dann liegt er falsch. Und er liegt ebenfalls falsch, wenn er in dem Augenblick des Erschaffens fühlt, dass seine Schöpfung vollkommen ist. Wenn er aber etwas erschafft, und der Kritiker in ihm in diesem Moment hervorkommt und ihm kaltes Wasser übergießt, und ihm nicht mehr erlaubt, mehr zu erschaffen oder sich noch weiter in die Materie zu vertiefen, dann ist das äußerst bedauernswert. Zu diesem Zeitpunkt ist der Kritiker in ihm unendlich schlimmer als es seine Schöpfung oder seine Errungenschaft je sein können. Du bist der Erschaffende, du bist der Kritiker. Aber wenn du etwas erschaffst, solltest du fühlen, dass die wahre Schöpfung der Supreme selbst ist. Indem du den Supreme kritisierst, kannst du Ihn nicht vervollkommnen. Er ist vollkommen, Er versucht nur, Seine Vollkommenheit aufrecht zu erhalten und sie in und durch dich – gemäß deiner Fähigkeit und Empfänglichkeit – anzubieten.

Ich sage es nochmals. Du solltest nicht aufhören, etwas zu tun oder etwas zu sagen, nur weil der Kritiker in dir hellwach ist. In dem Augenblick, wo du etwas tust, wird dich dieser Kritiker auf zehn verschiedene Weisen kritisieren. Wenn du ihm Aufmerksamkeit schenkst, bist du verloren. Solange du dich vor dem Kritiker in dir fürchtest, wirst du niemals Vollkommenheit erlangen. Aber du wirst auch nichts erreichen, wenn du ständig Dinge ohne Inspiration und ohne aufrichtiges inneres Streben erzählst oder zu erreichen versuchst.

Wenn du etwas erschaffst, solltest du dir bewusst sein, dass es eine Errungenschaft ist. Aber betrachte sie nicht als vollkommen. Wenn du im Augenblick des Erschaffens Vollkommenheit erwartest, wirst du enttäuscht werden. Heute machst du etwas; morgen machst du etwas anderes. Du wirst hunderte Dinge in Angriff nehmen, eins nach dem anderen. Doch es gibt keine Garantie, dass in deinen täglichen Aktivitäten plötzlich Vollkommenheit zu finden sein wird. Das heißt aber wiederum auch nicht, dass du in alle Unendlichkeit weitermachen musst, um jemals in einer Sache die Vollkommenheit zu erreichen. Nein, die Vollkommenheit wird sich einstellen, doch nicht unbedingt zum festgelegten Zeitpunkt. Und wenn du weder Taten noch Gedanken erschaffst, worin willst du dann die Vollkommenheit erlangen? Zuerst erschaffe etwas; erst dann kannst du daran denken, es zu vervollkommnen. Es gibt keinen anderen Weg, um Vollkommenheit im Leben zu erlangen.

Wenn du etwas erschaffst, so solltest du fühlen, dass es Gnade war, reine Gnade, die diese Sache in und durch dich erschaffen hat. Angenommen du hast ein Lied komponiert, einen Artikel verfasst oder einige nette Worte an deine Mitmenschen gerichtet. Zu diesem Zeitpunkt solltest du fühlen, dass es göttliche Gnade war – die Gnade oder das Mitgefühl des Supreme – das in dir und durch dich gewirkt hat. Du solltest hier nicht fühlen, dass dies deine Schöpfung ist. Du hast gemalt, Klavier gespielt oder etwas anderes Bedeutsames erledigt. Wenn du dies dem Supreme anrechnen kannst, dann wird dieselbe Gnade im nächsten Augenblick wieder in dir und durch dich mit unendlichen Möglichkeiten und unendlicher Stärke wirken. Wenn du aufrichtig fühlst, dass deine Errungenschaft deinem Standard entsprechend höchst vollkommen ist, und dass es die Gnade des Supreme war, die dich dazu befähigt hat, dann wird dein aufrichtiges Gefühl Sein Herz berühren. Er wird sagen: „Mein Kind ist zufrieden damit, doch Ich weiß, dass es noch weit mehr zu erreichen gibt.“ Sobald deine aufrichtige Wertschätzung zum Herzen des Supreme vordringt, wird Er dir sofort mehr Mitgefühl und noch größere Gnade erteilen, und diese werden sich in Form von Fähigkeit einstellen. Wenn du dann das nächste Mal etwas tust, wird die Vollkommenheit größer sein. Möglicherweise ist es noch keine vollkommene Vollkommenheit. Aber vielleicht wirst du, wenn du das dritte Mal etwas tust, von Anfang an das Gefühl haben, dass die Gnade, das Mitgefühl des Supreme in dir und durch dich wirkt, und dieses Mal wird es die vollkommene Vollkommenheit sein. Doch deiner Vollkommenheit sind keine Grenzen gesetzt. Die Vollkommenheit transzendiert ständig ihre vorhergehenden Grenzen.

Ganz gleich, wie hoch dein Standart auf dem Weg der Vollkommenheit ist, fühle bei jeder Aktivität oder Errungenschaft, dass es die göttliche Gnade des Supreme ist, die agiert, und versuche dabei stets den Begriff ‘bedingungslos’ zu verwenden. Dein Gefühl sagt dir: „Heute Morgen bin ich früh aufgestanden; das ist der Grund, weshalb ich gut meditieren konnte.“ Aber wie kommt es, dass du aufstehen konntest, während dein Freund noch weiter geschlafen hat? In derselben Wohnung hat jemand noch immer geschlafen und geschnarcht, während du früh aufgestanden bist, um zu meditieren. Du solltest dir bewusst sein, dass du dies der Gnade des Supreme zu verdanken hast, die in dir gewirkt hat, da es dir möglich war, sie zu empfangen. Der Supreme schenkte dir die Inspiration zu meditieren, und nach der Meditation machst du dich auf und schenkst anderen Menschen Inspiration. Es ist wie bei einem Vater und seinem Kind. Das Kind nimmt Geld, dann geht es hinaus und kauft etwas ein. Doch woher hat es das Geld? Es bekommt es von seinen Eltern. Auf gleiche Weise können wir fragen, woher bekommen wir die Inspiration etwas zu tun? Vom Supreme. Wenn du in jedem Augenblick, in dem du etwas tust, alles dem Supreme statt dir selbst anrechnen kannst, dann wirst du vollkommen werden. Das ist das Geheimnis der Vollkommenheit. Halte jede deiner guten Aktivitäten dem Supreme zugute.

Beginne daher damit, dass du alles dem göttlichen Mitgefühl, der göttlichen Gnade zuschreibst, und versuche dann sofort Dankbarkeit zu fühlen. Zuerst erschaffst du etwas und dann drückst du Dankbarkeit gegenüber dem Supreme aus. Du wirst deine Schöpfung einfach deshalb bewundern, weil es der Supreme selbst war, der sie erschaffen hat. Wenn eine andere Person deine Schöpfung bewundert oder wenn du sie jemand anderem darbringst, empfindest du, dass dieser Mensch dir gegenüber natürlich Dankbarkeit empfinden sollte. Doch ich möchte sagen, dass das so nicht stimmt. Wenn du etwas für jemanden in der inneren oder äußeren Welt erschaffst, dann ist es der Supreme, der deine Dankbarkeit, seine Dankbarkeit und die Dankbarkeit eines jeden Menschen verdient. Um dich herum gibt es Millionen von Menschen, die nicht in der Lage sind, etwas zu erschaffen. Warum warst du dazu in der Lage? Es liegt daran, weil Jemand dich als Sein Instrument angenommen hat, als Sein auserwähltes Instrument, entweder eine Stunde, einen Tag oder einen Monat lang. Der Supreme ist der einzig Handelnde.

Sri Chinmoy, Schöpfung und Vollkommenheit, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2017
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