Teil II

Am 15. September 1973, während einer Zusammenkunft des Manhattan Centers in der „Meyer Hall of Physics“ in der Universität von New York, und am darauf folgenden Tag in seinem New York Center lud Sri Chinmoy die Anwesenden ein, Fragen zu dem Thema Kraft zu stellen. Diese Fragen und Sri Chinmoys Antworten werden im folgenden Text wiedergegeben.

Frage: Wie können wir Kraft und zugleich auch Demut besitzen?

Sri Chinmoy: Der körperlichen Kraft fällt es schwer, demütig zu sein. Der vitalen Kraft fällt es schwer, demütig zu sein. Der mentalen Kraft fällt es ebenfalls schwer, demütig zu sein. Doch der Kraft des Herzens findet es ganz einfach, demütig zu sein. Die Kraft im Herzen besitzt das Gefühl des Einsseins. Die Mutter ist viel stärker und weiser als ihr Kind, und doch fühlt sie nicht, dass es unter ihrer Würde liegt, die Füße ihres Kindes zu berühren. Sie weiß, dass sie dies kraft ihres vollständigen Einsseins mit ihrem Sohn tun kann. Im Falle der Mutter ist ihre Liebe ihre Kraft. In ihrer Liebe befindet sich die Kraft des Einsseins. Wenn hingegen zwei gewöhnliche Menschen zusammenkommen, fällt es ihnen schwer, die Füße des anderen zu berühren, da kein Gefühl des Einsseins vorhanden ist. Wo Einssein existiert, wird es niemals ein Gefühl der Überlegenheit oder Unterlegenheit geben. Niemand empfindet es unter seiner Würde, seine eigenen Füße zu berühren. Es ist genauso, als würde man seinen eigenen Kopf berühren. Füße und Kopf sind für einen gleich wichtig. Wenn die Notwendigkeit es verlangt, berühre ich meine Füße. Wenn die Notwendigkeit es verlangt, berühre ich meinen Kopf. Die Frage von Demut oder Demütigung stellt sich hier nicht, da mein Kopf und meine Füße eins sind.

Wie können wir Kraft und gleichzeitig auch Demut besitzen? Betrachte Mutter Erde, die uns umgibt. Sie trägt alle Kraft in sich und ist doch so demütig. Wir tun sehr viele schlechte Dinge auf dieser Welt, doch unsere Mutter Erde besitzt unendliches Mitgefühl. Sie ist so viel mächtiger als ein Mensch je sein kann, doch ihr Herz besteht nur aus Vergebung, denn sie empfindet Einssein mit der Schöpfung Gottes.

Oder betrachte einen Mangobaum. Er trägt Hunderte von Mangos. Wenn wir Menschen etwas erreichen, blähen wir uns auf vor Stolz. Besitzen wir einen Dollar, sind wir stolz, da eine andere Person diesen Dollar nicht besitzt. Doch ein Baum ist anders. Der Baum könnte sehr stolz darauf sein, Mangos hervorbringen zu können, da seine Mangos für jedermann von Nutzen sind. Doch der Baum wird nicht stolz, im Gegenteil. Er schenkt uns seinen Reichtum und wir werden dadurch genährt. Indem er uns seinen Reichtum darbringt, empfindet er eine gewisse Befriedigung. Wahre Befriedigung ist göttliche Zufriedenheit. Der Baum lehrt uns also, wie Demut und Kraft einher gehen können. Wenn wir etwas erreichen, ist unsere Errungenschaft eine Form von Kraft. Doch diese Kraft ist keine zerstörerische Kraft. Es ist eine Kraft, die nährt. Wenn der Baum Früchte trägt, bietet er seinen Reichtum, sein Leben, den Menschen an. Diesen Reichtum nennen wir Kraft. Etwas, das der Menschheit dient, ist zweifellos eine Form von Kraft. Wer in der Lage ist zu geben, ist stärker als derjenige, der empfängt. Ich brauche etwas von dir. Das bedeutet, dass du mir überlegen bist. Der Baum ist in der Lage, uns seine Früchte, seine Blätter und noch mehr von ihm zu geben. Wenn der Baum aber aufgrund seines Besitzes und seiner Errungenschaften an Größe gewinnt, beugt er sich herab. Wenn er uns all seine Kapazität anbietet, beugt er sich zu uns herab. Ein Baum ist ein leuchtendes Beispiel, wie Kraft und Demut nebeneinander existieren können.

Demut bedeutet Einssein mit dem Rest der Welt. Mit Kraft meinen wir die Kraft zu geben und die Kraft eins zu werden. Wenn wir geben, dehnen wir sofort unser Bewusstsein aus. Aber auch mittels unserer Demut werden wir weit. Die Weite selbst ist Kraft. Wenn ein Meister im spirituellen Leben wahre Größe erlangt, verwandelt er sich in ein Kind. Dank seiner Gebete und Meditationen schenkt Gott ihm spirituelle Kraft, okkulte Kraft und viele andere Dinge. Ist der spirituelle Meister von innerer Kraft ganz durchdrungen, begegnet er der Menschheit wie ein Kind anderen Kindern in einem Garten. Gott ist ganz Liebe, ganz Kraft; aber Er ist auch ganz Demut. Wie gelingt Ihm das? Gott ist ein ewiges Kind und dieses Kind ist immer süß und demütig.

Sri Chinmoy, Schöpfung und Vollkommenheit, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2017
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