Einstige Errungenschaften wiedererlangen

Im spirituellen Leben sollte sich ein Sucher bewusst sein, dass er nicht jeden Tag die köstlichste Mahlzeit zu sich nehmen kann. Wenn er einmal ein köstliches Mahl genossen hat, hat er das Gefühl, es müsse ihm möglich sein, jeden Tag bei all seinen Mahlzeiten solche eine Köstlichkeit zu bekommen. Das wäre für ihn aber nur unter der Voraussetzung möglich, dass er sehr, sehr reich ist und einen ausgezeichneten Koch beschäftigt. Doch wenn er nicht reich ist und keinen Koch zur Verfügung hat, wird er nicht in der Lage sein, täglich bei jeder Mahlzeit ein wohlschmeckendes Gericht zu sich zu nehmen.

Genauso verhält es sich auch im spirituellen Leben. Um immer im Herzen zu verweilen, muss man in sich die Gegenwart eines Suchers fühlen – eines Suchers mit höchster und auch dauerhafter Aufrichtigkeit. Wenn Menschen ihre innere Reise beginnen, sind sie generell aufrichtig. Sie nehmen das spirituelle Leben an und sind für fünf Tage oder fünf Monate oder fünf Jahre aufrichtig dabei. Fünf Jahre lang aufrichtig zu sein, ist eine Sache; doch jeden Moment aufrichtig zu sein, ist etwas anderes. Sagen wir, du hast unseren Weg akzeptiert. Du sagst: „Ich folge Gurus Weg.“ Aber jeden Tag Aufrichtigkeit zu besitzen, jede Stunde Aufrichtigkeit zu besitzen, jeden Augenblick Aufrichtigkeit zu besitzen, ist eine andere Sache.

Wir sagen, wir gehen einen Weg, und das stimmt auch. Doch wie verbringen wir eigentlich unsere Zeit? Jeden Tag stehen uns vierundzwanzig Stunden zur Verfügung. Sieben oder acht Stunden davon schlafen wir. Weitere vier oder fünf Stunden verschwenden wir, indem wir uns mit anderen treffen und über dies und jenes reden. Für spirituelle Dinge erübrigen wir nicht mehr als zwei oder drei Stunden. Und selbst während dieser zwei oder drei Stunden sind wir manchmal nicht ganz aufrichtig. Wir nehmen unsere Meditation vielleicht zwei Minuten lang wirklich ernst, aber die restliche Zeit verbringen wir mit Tagträumen und bauen Luftschlösser.

In unserem spirituellen Leben findet zwischen der inneren Sehnsucht unseres Herzens und der Zurückweisung unseres Verstandes ein fortwährender Kampf statt. Wenn die Aufrichtigkeit im spirituellen Leben ihre Rolle immerfort spielen kann, dann verweilen wir im Herzen. Doch manchmal scheitert die Aufrichtigkeit und das Herz verliert. Wenn das Herz auf dem Schlachtfeld des Lebens der Verlierer ist, verwandelt sich das Leben in eine öde Wüste. Doch wenn dies geschieht, sollten wir fühlen, dass die Nacht nur einige Stunden lang dauern und der Tag danach wieder anbricht. Nur weil wir gerade die Nacht erfahren, können wir nicht behaupten, dass für uns kein Tageslicht existiert. Es wird wieder ein Tag anbrechen. Aber wenn wir ständig im Tageslicht verweilen wollen, gibt es zwei Dinge die wir tun können. Das erste betrifft unsere Vorstellungskraft. Sich etwas vorzustellen, ist nicht schlecht. Die Vorstellungskraft spielt im spirituellen Leben eine äußerst wichtige Rolle. Ein Wissenschaftler, der etwas wirklich Großes entdeckt, verdankt neunundneunzig Prozent dieser Entdeckung seiner Vorstellungskraft. Heute ist es die Vorstellungskraft, doch schon morgen ist es Inspiration. Und übermorgen verwandelt sich die Inspiration in inneres Streben und dieses verwandelt sich am darauf folgenden Tag in Verwirklichung.

Diejenigen, die unserem Weg folgen, hatten schon viele, viele Male eine Meditation im Herzzentrum. Wenn du nun deine Vorstellungskraft anwendest und dich daran erinnerst, wie du vor ein oder zwei Jahren meditiert hast, wirst du sofort wieder zurückgehen und den Vogel fangen können, der so wunderbar in deinem Herzenshimmel, im geistigen Himmel, zu fliegen pflegte. Verwende deine Vorstellungskraft und dann setze sofort deine Dankbarkeitskraft ein. Sobald du dank deiner Vorstellungskraft fühlst, dass du wieder die Stufe erreicht hast, auf der du vor zwei Jahren oder vor einem Jahr gestanden bist, biete sofort die Dankbarkeitskraft deines Herzens an. Zeige dem Supreme deine Dankbarkeit oder zeige sie sogar deinem Herzen, welches Frieden, Licht und Glückseligkeit von oben empfangen hat.

Also verwende zuerst deine Vorstellungskraft und dann deine Dankbarkeitskraft. Auf diese Weise wirst du in deinem alltäglichen Leben die Fähigkeit zurück erlangen, dich zu konzentrieren, zu meditieren und auf das Herz zu kontemplieren. Wenn du einmal etwas erlangt und dann wieder verloren hast, dann sei versichert, dass du es wieder zurück bekommen kannst. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aber auch wenn du eine Sache noch nicht erreicht hast, bedeutet das nicht, dass du sie in der Zukunft nicht erreichen kannst. Du wirst sie erreichen. Aber es ist immer viel, viel leichter, Dinge wieder zu erlangen, die man schon einmal erreicht hat. Wie kannst du diesen Prozess beschleunigen? Durch deine fortwährende aufrichtige Sehnsucht und mithilfe deiner Vorstellungskraft und deiner Dankbarkeitskraft.

Sri Chinmoy, Schöpfung und Vollkommenheit, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2017
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