1. AKT 1. SZENE

(Naren meditiert in seinem Zimmer, Bhavananda tritt ein.)

NAREN (steht auf): Komm herein. Bitte, komm herein. Ich freue mich so, dich zu sehen. Ich habe dich schon so lange nicht mehr gesehen. Es gibt viele Dinge, die ich gerne mit dir besprechen würde. Die erste Frage, die ich dir stellen möchte, ist diese: gibt es einen Gott, Bruder? Es scheint mir, dass es keinen Gott gibt. Und selbst wenn es Ihn gäbe, so würde es keinen Unterschied für mich machen. Er erhört uns nie und er fühlt nie die schrecklichen Schmerzen der Armen. Er fühlt nie das Leiden der blutenden Menschheit. Ein Gott, der die Hungernden nicht mit einem Stück Brot nähren kann, ist ein gleichgültiger Gott, ein grausamer Gott. Wer kann schon daran glauben, dass er von so einem Gott allumfassende Glückseligkeit und Zufriedenheit in der anderen Welt erhalten wird?

BHAVANANDA: Naren, bist du verrückt geworden? Was ist los mit dir? Was für einen Unsinn redest du da? Warum sagst du so etwas?

NAREN: Warum nicht? Warum nicht? Weißt du, Bruder, was sich heute morgen zugetragen hat? Früh am Morgen, als ich aufstand, wiederholte ich äußerst seelenvoll den Namen Gottes. Da sagte meine Mutter zu mir: „Sei still! Seit deiner Kindheit hast du zu Gott gebetet und auf Gott meditiert. Und nun sieh dir an, was uns Gott angetan hat. Dein Vater hat diese Welt verlassen, und wir wurden von Unglück, Leiden und Armut erfasst. Wir haben kein Essen, kein Geld, keine Mittel, um unsere Familie zu erhalten. Das bricht mein Herz in Stücke. Ich kann nicht einmal meinen kleinen Kinder, meinen süßen Kinder etwas zu Essen geben. Ich will nichts mit einem Gott zu tun haben, der unsere Leiden nicht wegnehmen kann.“ Nun sag mir, Bruder, was soll ich meiner Mutter sagen?

BHAVANANDA: Naren, wir sollten Gott nicht kritisieren. Es wird zu einigen schlimmen Katastrophen in deiner Familie kommen, wenn du an Gott etwas auszusetzen hast. Ich warne dich.

NAREN: Ich fürchte mich vor nichts. Soll das schlimmste Unglück geschehen. Das kümmert mich nicht im geringsten. Mir ist das gleichgültig.

BHAVANANDA: Naren, bitte statte Thakur von Zeit zu Zeit einen Besuch ab. Thakur wird sehr betrübt sein, wenn er hört, was sich in deinem Leben abspielt. Er ist der Einzige, der imstande ist, dir Trost zu spenden.

(Bhupen tritt ein.)

BHUPEN: Bruder, bitte bring mir heute ein paar Süßigkeiten mit. Ich mag Süßigkeiten so gerne. Bitte vergiss es nicht.

NAREN: Bitte Bhupen, lass mich in Ruhe. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch. Bitte geh hinaus, Bhupen. Störe uns jetzt nicht.

BHUPEN: Ich werde gehen, aber zuerst musst du mir versprechen, dass du mir Süßigkeiten mitbringst. Du musst mir unbedingt Süßigkeiten bringen.

(Bhupen tritt ab.)

NAREN: Nun, Bruder, siehst du? Ich bin sein älterer Bruder, und ich werde sein liebendes Verlangen nicht erfüllen können. Ich habe überhaupt kein Geld, nicht einmal genug, um etwas Süßes für ihn zu kaufen. Jemand, der nicht einmal ein so einfaches Verlangen seines jüngeren Bruders erfüllen kann, ist es nicht wert, ein älterer Bruder genannt zu werden. Sein Leben ist eine echte Schande. Warum sollte ich mich also um Gott kümmern? Nein! Wir Hindus verehren steinerne Götter, daher hat unser Gott ein steinernes Herz bekommen.

BHAVANANDA: Sage so etwas nicht, Naren. Gott ist voller Mitgefühl. Wie ich sehe, ist es wahr, was ich von anderen über dich gehört habe: du bist zum Atheisten geworden.

(Bhavananda tritt ab.)

NAREN: In der Tat, ein echter Freund! Er kam hierher, um mich zu prüfen. Er kam nicht, um seine Sorge um mich zu bekunden, sondern um zu sehen, welche Art von Leben ich führe. Er kam nicht als ein Freund, sondern als Kritiker, als Schurke, als Detektiv. Nein, ich werde nicht mehr zu Thakur gehen. (Hält inne.) Doch ach nein, was mache ich nur? Was mache ich nur? Ist nicht Gottverwirklichung das einzig Wichtige in meinem Leben? Geld zu verdienen, eine Familie zu ernähren, kann niemals das Ziel meines Lebens sein. Ich muss der Welt entsagen. Es gibt keinen anderen Weg. Ich muss der Welt entsagen und nach Gott suchen. Es kann keinen anderen Weg geben.

/(Naren singt.)

Tamasa rate nayan pate
herile jadi amar pane
apan kare amai laho
he dayamoy karuna dane
tomar ami abodh shishu
ekla chali gahan pathe
duhate more jariye dharo
bhasiye jena na jai srote

(In dunkler und dichter Nacht
wirfst Du Deinen gütigen Blick auf mich.
Nimm mich und mach mich Dein eigen,
indem Du mir Dein Mitgefühl schenkst.
Ich bin Dein treuherziges Kind.
Alleine wandere ich auf einen verwucherten,
kaum Licht beschienenen Pfad entlang.
Umarme mich mit deinen beiden Armen.
Schütze mich, damit ich nicht
von den turbulenten Strömungen des Lebens
ertränkt und hinweggespült werde.)

Sri Chinmoy, Trinkt, trinkt den Nektar meiner Mutter, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2018
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Dieses Gedicht kann zitiert werden unter Verwendung des Zitierschlüssels dm 2