Parvati und der wunscherfüllende Baum

Lord Shiva und seine Gemahlin Parvati lebten normaler­weise auf dem Berg Kailash. Dort meditierten sie und spendeten ihren Anhängern ihren Segen. Sie führten ein sehr glückliches und erfülltes Leben.

Eines Tages äußerte Parvati gegenüber ihrem Gemahl Shiva einen besonderen Wunsch. Sie wollte, dass er mit ihr einem Waldhain namens Nandan­kanan besuche.

„Natürlich werde ich dich dorthin begleiten“, versprach Shiva. So gingen sie gemeinsam zu jenem Wald­­hain. Alle Bäume in diesem Hain waren wunderschön. Parvati war äußerst angetan von deren Schön­heit. Sie fragte ihren Herrn: „Bitte sage mir, ob es hier einen Baum gibt, der sich von den restlichen Bäumen unterscheidet. Wenn ich die Bäume betrachte, erscheinen sie mir alle gleich schön. Doch bitte sage mir, ob es hier einen bestimmten Baum gibt, der etwas Besonderes ist oder sich von den anderen unterscheidet.“

Während sie diese Worte sprach, stand Parvati gerade am Fuße eines dieser Bäume. Shiva entgegnete ihr: „Der Baum, an dem du dich gerade anlehnst, hat etwas ganz Besonderes anzubieten.“

„Was ist das Besondere?“ fragte Parvati.

„Dieser besondere Baum wird Kalpataru genannt“, sagte Shiva. Kalpa bedeutet ‚was immer du wünschst’ und taru bedeutet ‚Baum’. Was immer dein Herz begehrt, du wirst es sofort von diesem Baum bekommen.

„Mein Herr, sagst du mir die Wahrheit oder ist das eine Schwindelei?“, fragte Parvati.

„Wenn du mir nicht glaubst, dann bitte den Baum einfach um etwas“, antwortete Shiva.

Parvati meditierte kurz und sagte dann: „O Baum, ich wünsche mir von dir ein wunderschönes Mädchen.“ Sofort trat ein sehr schönes, junges Mädchen aus dem Baum heraus. Parvati war sehr erfreut und überglücklich. Sie nannte das Mädchen Ashokasundari.

Ashokasundari sagte zu der Göttin Parvati: „Du hast mich in diese Welt gebracht. Bitte sage mir, was ich tun soll.“

Parvati schaute sie liebevoll an und sagte: „Im Augenblick brauchst du nichts zu tun. In ein paar Jahren hätte ich jedoch gerne, dass du einen Prinzen namens Nahusha heiratest. Er ist noch nicht geboren und weilt noch im Himmel. Aber er wird eine Inkarnation annehmen und im Laufe der Zeit hätte ich gerne, dass du ihn heiratest. Ich werde dann die Vorbereitungen für dich treffen.“

Ashokasundari freute sich sehr über diese Neuigkeiten. Lord Shiva und Parvati ließen Ashokasundari in dem wunderschönen Waldhain zurück und kehrten heim auf den Berg Kailash.

In der Nähe von Nandankanan lebte ein Dämon namens Hunda. Er behauptete, dass Nandankanan die Hauptstadt seines Landes sei. Eines Tages fiel sein Blick auf dieses wunderschöne Mädchen, nachdem er den Haupthain von Nandankanan betreten hatte. Er verliebte sich auf der Stelle in sie.

Der Dämon näherte sich Ashokasundari und sagte: „Du musst mich heiraten, du musst mich heiraten!“

„Nein, ich werde dich nicht heiraten!“ entgegnete ihm Ashoka­sundari. „Mein zukünftiger Mann ist Nahusha. Ich werde ihn heiraten und sonst niemanden. Verlasse diesen Ort!“

Leider besitzen Dämonen eine besondere magische Kraft. Sie können jede Form annehmen. Nachdem der Dämon von Ashokasundari beleidigt wurde, verließ er den Hain. Einige Tage später nahm er die Form einer sehr schönen Frau an und kehrte nochmals in den Hain zurück, in dem Ashokasundari wohnte. Die schöne Frau tat so, als sei sie sehr traurig und niedergeschlagen.

„Warum bist du so traurig?“ fragte Ashokasundari. „Du scheinst sehr schön zu sein. Was quält dich?“

„Ja, ich bin schön“, sagte die fremde Frau, „aber ich bin sehr unglücklich.“

„Warum bist du so unglücklich?“ fragte Ashokasundari freundlich.

Mit einer mitleidigen Stimme klagte die Frau: „Ich bin eine Witwe. Mein Mann war ein so guter Mensch, aber er wurde von dem Dämon Hunda getötet. Nun fühle ich mich sehr einsam. Möchtest du für einige Tage zu meiner Hütte kommen? Es ist eine sehr einfache Hütte, aber ich halte sie sehr sauber.“

„Ja, ich werde mit dir kommen“, sagte Ashokasundari.

„Bitte sei für einige Tage mein Gast“, sagte die Frau. „Ich würde mich sehr darüber freuen.“

Ashokasundari folgte dieser Frau und verließ den Waldhain. Als sie bei der Hütte der Witwe ankamen, verwandelte sich die Witwe sofort wieder zurück in den Dämon Hunda und ergriff Ashokasundari. Ashokasundari war so wütend, dass sie den Dämon verfluchte: „Bestimmt wird dich mein Mann Nahusha töten.“ Dann gelang es ihr, sich aus dem Griff des Dämonen zu befreien und wegzulaufen. Nun war der Dämon verflucht. Er wusste, dass er getötet werden würde und dass Nahusha derjenige war, der ihn bezwingen würde. Er begann überall nach Nahusha zu suchen, um ihn töten und den Fluch zunichte machen zu können. Natürlich blieb seine Suche erfolglos, weil Nahusha zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren war.

In einem benachbarten Königreich lebte ein sehr guter und frommer König. Er und seine Frau beteten viele, viele Jahre zu Gott und schließlich wurde seine Frau mit einem Kind gesegnet. Sie beschlossen es Nahusha zu nennen.

Sobald der Dämon Hunda von der Geburt Nahushas erfuhr, drang er in den königlichen Palast ein und entführte das Kind. Nahusha war erst ein Jahr alt. Der Dämon brachte ihn heim und trug dem Koch auf, den Jungen zu töten und ihn zu kochen. Auf Befehl des Dämonen Hunda sollte der Koch aus dem Fleisch des Kindes ein besonders köstliches Mahl zubereiten. Der Dämon dachte sich, wenn er Nahusha verspeiste, dass dieser ihn nicht mehr töten konnte, sobald er erwachsen sei.

„Gewiss werde ich ihn töten“, sagte der Koch. „Du bist mein Meister.“

Doch der Koch mochte den kleinen Jungen so sehr, dass er es nicht übers Herz brachte, ihn zu töten. Stattdessen brachte er das Kind in Vashisthas Ashram und ließ ihn dort zurück. Auf dem Rückweg erlegte er einen Hirsch. Diesen Hirsch kochte er und servierte ihn anstelle von Nahusha seinem Meister.

Der Dämon Hunda war überglücklich. „Ach“, sagte er, „jetzt weiß ich sicher, dass Nahusha tot ist! Ich habe ihn verspeist.“

Nahusha wuchs im Ashram des Heiligen Vashistha auf. Vashistha gab ihm spirituellen Unterricht. Er lehrte Nahusha auch Bogenschießen und andere Künste. Aufgrund seiner inneren Schau wusste Vashistha, dass Nahusha ein Prinz war und dass es Parvatis Wunsch war, dass dieser Prinz Ashoka­sundari eines Tages heiratete.

Die Jahre zogen ins Land und Nahusha heiratete Ashoka­sundari. Die beiden waren sehr glücklich zusammen. Weil Hunda in dem Glauben war, dass Nahusha tot sei, war es für Nahusha sehr leicht, den Dämonen zu töten und den Fluch seiner Frau zu erfüllen.

Die Geschichte endet jedoch nicht mit dem Tod von Hunda. Unglücklicherweise hatte er einen Sohn namens Bihunda. Als Hunda getötet wurde, fühlte sich sein Sohn elend. Er beschloss, Nahusha zu töten, um den Tod seines Vaters zu rächen. Deshalb begann er sich sehr strengen spirituellen Übungen zu widmen. Er betete und betete zu den kosmischen Göttern, damit sie ihm die Kraft gewährten, Nahu­sha ein für alle Mal zu töten.

Als die kosmischen Götter sahen, in welchen spirituellen Disziplinen sich Bihunda übte, sorgten sie sich, dass sein Wunsch erfüllt werden könnte und dass er Nahusha töten würde. Sie baten Lord Vishnu inständig darum, ihnen zu helfen.

Lord Vishnu nahm die Form einer sehr schönen Frau an und erschien vor Bihunda. Bihunda verliebte sich auf den ersten Blick in sie und bat sie, seine Frau zu werden. Die schöne Frau antwortete: „Ich werde dich unter einer Bedingung heiraten. Ich möchte, dass du mir eine bestimmte Art von Blumen bringst. Der Name der Blume ist Kamoda. Du musst zehn Millionen von diesen Blumen sammeln und sie Lord Shiva darbringen. Wenn du nach deiner Anbetung von Lord Shiva eine Girlande aus diesen Blüten zu meinen Füßen legen kannst, dann werde ich dich heiraten und du wirst die Fähigkeit haben, Nahusha zu töten. Ich bitte dich als deine zukünftige Frau darum.“

Bihunda rannte los, um diesen besonderen Baum zu suchen, der die Blüte Kamoda hervorbrachte. Er wanderte überall umher und fragte die Menschen: „Wisst ihr, wie die Blume Kamoda aussieht? Wisst ihr, wo ich diesen Baum finden kann?“

Doch niemand wusste, wo der Baum zu finden war oder wie die Blüte aussah. Verzweifelt ging Bihunda zu Shukra­charya, dem Lehrer der Dämonen. Brihaspati ist der Lehrer der kosmischen Götter und Shukracharya ist sein Gegenstück bei den Dämonen. Bihunda erzählte Shukracharya, was sich ereignet hatte und fragte ihn, wo er die Kamoda-Blüte finden könnte.

Shukracharya erklärte: „Diese Frau hat sich überhaupt nicht klar ausgedrückt. Die Kamoda-Blüte wächst auf keinem Baum. Diese besondere Blüte kommt aus dem Mund einer Frau. Sie ist so bezaubernd! Wenn sie lacht, kommen diese Blüten aus ihrem Mund. Die Farbe der Blüten ist gelb und sie sind voller Duft. Wenn du Lord Shiva mit den duftenden gelben Blüten anbetest, wird er dir bestimmt den Gefallen erweisen, Nahusha zu töten. Aber wenn diese Frau weint anstatt zu lachen, wirst du sehen, dass die Blüten, die sie aus ihrem Mund hervorbringt, rot sind und nicht duften. Sei vorsichtig! Jene Blüten darfst du nicht berühren, ansonsten wird schlimmes Unheil über dein Leben kommen. Du darfst nur die gelben Blüten sammeln, die aus ihrem Mund fallen, wenn sie lacht.“

„Wo kann ich sie finden?“ fragte Bihunda begierig.

Shukracharya sagte: „Sie lebt am Ufer des Ganges. Am Abend kannst du sie am Fluss entlang gehen sehen.

Die kosmischen Götter beobachteten alles vom Himmel aus. Sie sahen, was sich ereignete und waren wieder sehr besorgt. Sie baten Narada, den himmlischen Musiker, sie aus ihrer Not zu befreien. Narada nahm stets die Seite der kosmischen Götter ein. Sie informierten Narada: „Wenn Bihunda diese zehn Millionen Blüten bekommt, dann wird er bestimmt in der Lage sein, König Nahusha zu töten. Du musst uns helfen!“

Narada willigte ein, ihnen zu helfen. Er ging zu Bihunda und sagte zum Dämon: „Du bist so groß! Warum musst du persönlich zu dieser Frau gehen, um die Blüten zu bekommen? Ich werde sie bitten, dir diese Blüten zu schicken. Du brauchst nicht selbst zu gehen, um sie zu holen. Ich werde diese Frau bitten, die Blüten in den Ganges zu legen und das Wasser wird sie direkt zu deinem Palast bringen. Es ist unter deiner Würde, selbst zu gehen und um die Blüten zu betteln. Soviel kann ich für dich tun. Wenn ich sie darum bitte, wird sie es bestimmt tun.“

Bihundas Stolz kam zum Vorschein und er sagte zu Narada: „Du hast recht. Warum sollte ich selbst gehen? Ich werde warten, bis mir das Wasser die Blumen bringt.“

Narada ging zum Ufer des Ganges und fand die Frau, welche die Quelle der Kamoda-Blüte war. Nachdem sie ihn mit großem Respekt begrüßt hatte, sagte er zu ihr: „Jetzt möchte ich gerne, dass du weinst und die roten Blüten ohne Duft aus deinem Mund hervorbringst. Ich möchte, dass du sie in den Fluss legst, damit das Wasser sie fortträgt.“

Erfreut gehorchte sie Narada und begann zu weinen. Aus ihrem Mund kamen Tausende und Tausende roter Blüten und sie legte sie alle ins Wasser.

Der Fluss führte direkt an Bihundas Palast vorbei, wo er ungeduldig auf die Blüten gewartet hatte. Als er die Blüten kommen sah, wurde er so aufgeregt, dass er nicht auf ihre Farbe achtete und auch nicht bemerkte, dass sie keinen Duft verströmten. Er sah nur Abertausende von Blüten, die den Fluss hinuntertrieben und war voller Freude. „Narada hatte recht!“ schrie er laut. „Die Blüten kommen zu mir, wie er gesagt hatte.“

Bihunda war so aufgewühlt und aufgeregt, dass er die Warnung seines Lehrers vergaß. Er achtete weder auf die Farbe noch versuchte er herauszufinden, ob die Blüten dufteten. In seiner Vorstellung waren die Blüten alle gelb und dufteten. Seine Freude hatte ihn in eine andere Welt versetzt.

Er sammelte alle Blüten ein und begann Lord Shiva anzubeten. Nun sah Parvati, dass jemand auf der Erde Lord Shiva mit Blüten, die keinen Duft hatten, anbetete. Und die Blüten selbst waren überhaupt nicht bezaubernd. Sie sagte: „Das sind keine Blüten, die Lord Shiva mag. Wer kann so respektlos zu meinem Mann sein?“

Parvati kam auf die Erde herunter und tötete mit ihrem dritten Auge den Dämon Bihunda. Sie brauchte dazu keine Waffe.

Wir begannen unsere Geschichte mit Parvati. Sie war es, die den Kalpataru-Baum bat, ihr ein junges Mädchen zu geben. Dann führte der Fluch dieses Mädchens den Tod des Dämonen Hunda und seines Sohnes Bihunda herbei, welche unbarmherzig unschuldige Menschen gequält hatten.

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