Nichts als Spott für einen Heiligen

Es lebte einmal ein spiritueller Meister, der ungefähr zweihundert Schüler hatte. Darunter war eine Dame mit sieben Kindern. Die älteren Kinder hatten für Spiritualität überhaupt nichts übrig und dies stimmte die Mutter über­aus traurig. Ihr Ehemann war spirituell, aber seine Spiritualität war Dummheit. Jeden Tag war er mehr als bereit, seinen Meister zu wechseln: heute diesen Meister, morgen jenen Meister, heute diesen Swami, morgen jenen Swami, heute diesen Guru, morgen einen anderen Guru. Seine Spiritualität war nutzlos. Doch seine Frau besaß ein wenig Vertrauen in ihren Meister. Wenn es ein Unglück oder eine Krise in der Familie gab, griff sie sofort zum Telefon, um den Meister um Hilfe zu bitten.

Nun geschah es, dass diese Dame dem Meister seit fast einem Jahr nicht mehr geschrieben, beziehungsweise nicht mehr mit ihm telefoniert hatte. Eines Nachmittags dann erhielt der Meister einen Anruf von dieser Schülerin. Sie weinte und lamentierte lauthals.

„Was ist passiert?“ fragte der Meister.

„Heute werden wir alles verlieren! Mein Mann wird heute von einer angesehenen Familie verklagt.“

Ihr Mann war Arzt. Anscheinend beschuldigten ihn einige andere Ärzte, dass er ein falsches Medikament verschrieben und damit den Tod eines Patienten verursacht hatte.

Nun verklagten die Verwandten des verstorbenen Mannes ihren Gatten. „Wenn mein Mann heute die Verhandlung verliert, dann muss er einhundertfünfunddreißigtausend Dollar bezahlen oder eine lebenslängliche Haftstrafe verbüßen! Meister, wir besitzen keine einhundertfünfunddreißigtausend Dollar! Du musst meinen Mann und meine Familie retten.“

Der Meister sagte: „In Ordnung!“

Die Gerichtsverhandlung sollte um ein Uhr stattfinden. Der Meister konzentrierte sich und tat etwas auf okkulte Weise. Durch Gottes Gnade gewann der Ehemann der Dame den Fall. Sein Anwalt konnte seinen Ohren nicht trauen. Er sagte seinem Klienten, dass das, was er zu dessen Verteidigung gesagt habe, äußerst schwach und unangemessen gewesen war. Er hatte erwartet, dass der Richter über seine Ausführungen lachen würde. Er hatte nie, nie damit gerechnet, dass dieser Arzt den Fall gewinnen würde. Er war einfach überrascht.

Der Arzt kam voller Freude nach Hause und sagte zu seiner Frau: „Es ist nicht vergebens, dass wir beide meditieren. Ganz bestimmt hat heute eine besondere göttliche Kraft gewirkt. Nur weil wir beide meditieren, hat eine göttliche Kraft eingegriffen.“

Die Frau sagte ihrem Mann, dass der Meister geholfen hätte. Einige Sekunden lang schenkte ihr der Arzt Glauben. Dann sagte er: „Es ist unmöglich! Er ist weit, weit weg und die Verhandlung fand hier statt. Es ist einfach unmöglich! Aber da wir den Fall gewonnen haben, können wir deinem Meister unsere Dankbarkeit zeigen. Wie dem auch sei: Wir können unsere Dankbarkeit jedoch genauso gut irgendjemandem zeigen, Gott oder sogar einem Bettler auf der Straße. Wenn wir verloren hätten, hätten wir gewusst, wen wir dafür verfluchen sollten, aber nun können wir allen unsere Dankbarkeit zeigen.“

Einige Zeit später kam der Meister auf einen kurzen Besuch bei der Dame vorbei. Ihr ältester Sohn, der alles andere als göttlich war, war ebenfalls anwesend. Für ihn war Spiritualität eine Sache, die einem auf die Nerven geht. Er hatte sich noch nie für das spirituelle Leben interessiert. Das romantische Leben war sein normales Leben, das vitale Leben war sein normales Leben. Doch aus seiner unendlichen Gnade heraus segnete der Meister diesen Jungen und schenkte ihm eine kleine Anstecknadel. Die Mutter war wirklich erstaunt darüber, dass sich der älteste Sohn nicht über die Anstecknadel lustig machte oder den Meister verspottete. Er hätte dies leicht tun können, tat es aber nicht. Er behielt die Anstecknadel in seiner Brieftasche.

Ein paar Monate später ging dieser Junge während eines Gewitterregens mit einem seiner Freunde über eine Wiese. Zwischen ihnen war lediglich ein Abstand von wenigen Metern. Plötzlich schlug der Blitz ein und tötete seinen Freund. Der Sohn der Dame wurde wie durch ein Wunder verschont. Ziemlich verblüfft telefonierte er mit seiner Mutter und berichtete ihr, dass die Anstecknadel „gewirkt“ habe.

Nun, der Meister hatte gewusst, dass das Leben dieses Jungen von einem Angriff bedroht wurde. Er hatte den Schatten des Todes auf dem Gesicht des Jungen gesehen. Deshalb schenkte der Meister dem Jungen die Anstecknadel, um ihm Gottes Schutz zukommen zu lassen. Das Leben des Jungen war gerettet. Aber wenn du jetzt den Jungen über diesen Meister befragst, wird sein Kommentar nicht aus Dankbarkeit bestehen, sondern aus purem Spott.

Im spirituellen Leben gibt es Leute, die ihren spirituellen Meister verspotten, obwohl sie bedingungsloses Mitgefühl und bedingungslose Fürsorge erhalten. Der Meister tut alles für sie bedingungslos, sie betrachten dies jedoch als selbstverständlich. Sie denken, dass es die Pflicht und Schuldigkeit ihres Meisters ist, ihnen jederzeit zu Diensten zu sein. Sie hören noch nicht einmal auf den Meister. Monatelang berührt der Meister praktisch ihre Füße. Warum? Nur, um ihnen gefällig zu sein, nur, um sie glücklich zu machen. Aber die Schüler können dem Meister kein fröhliches Gesicht zeigen, es ist unmöglich für sie.

Der Meister will von ihnen nicht einen einzigen Dollar. Der Meister will keine Hilfe, gleich welcher Art. Er braucht keine Hilfe, sein Gott kann sich um ihn kümmern. Wenn der Meister mit gefalteten Händen zu seinen Schülern kommt, sie inständig darum bittet, glücklich zu sein, besitzen die Schüler noch nicht einmal die Bereitwilligkeit oder die Fähigkeit, dies zu tun. Mehr noch, sie glauben, dass es die Aufgabe des Meisters ist, ihnen allen seine ständige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Meister gibt ihnen wirklich all seine grenzenlose Liebe und Fürsorge, aber sie empfangen sie nicht. Sie kennen und erwarten nur menschliche Bindung, doch wenn sie die bedingungslose Fürsorge des Meisters empfangen, ist dies für sie eine Währung aus einer anderen Welt, die sie nicht schätzen können.

Sri Chinmoy, Ein Universum von Heiligen, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2005
Übersetzungen dieser Seite: Slovak
Diese Seite kann zitiert werden unter Verwendung des Zitierschlüssels gs 9