Das Geld-Mantra

Es gab einmal einen spirituellen Meister, der nur zehn oder zwölf Schüler hatte, wovon nur zwei oder drei wirklich strebsam waren. Er hatte eine bestimmte Schülerin, die immer sehr viel sprach. Sie pflegte dem Meister Ratschläge zu geben, wie er auf der materiellen Ebene sehr reich werden könne und sehnte sich selbst stets nach Geld und nach materiellem Reichtum.

Sie hegte auch sehr großes Interesse für äußere Schönheit, obwohl sie bereits die Fünfziger überschritten hatte. Sie wollte anderen immer zeigen, dass sie nicht alt sei, sondern recht jung. Manchmal wollte sie ihre eigenen Töchter an Schönheit übertreffen und wetteiferte mit ihnen. Die Töchter waren schockiert, dass ihre Mutter sich mit ihnen an Schönheit messen wollte. Manchmal lachten sie über ihre Mutter, manchmal zeigten sie ihr Mitgefühl.

Die Mädchen hatten einen Bruder, der in den Krieg ziehen musste, denn das Land kämpfte gegen ein anderes Land. So weinte die Mutter des öfteren und bat den Meister: „Bitte, bitte, rette meinen Sohn. Mein Sohn ist im Krieg. Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass er gesund zurückkehrt!“

„An dem Tage, an dem ich dich angenommen habe, habe ich auch alle deine Probleme angenommen“, erwiderte der Meister, „sorge dich deshalb nicht. Dein Sohn wird sicher zurückkommen, wenn der Krieg zu Ende ist.“

Der Krieg endete und der Sohn kam gesund zurück. Die Mutter war dem Meister äußerst dankbar. Der Meister war glücklich, nicht weil sie dankbar war, sondern weil er sein Wort hatte halten können. Der Sohn war sicher zurückgekommen.

Doch diese Frau hegte den Wunsch reich, sehr, sehr reich zu werden. Sie wollte sich mit ihren Freundinnen messen, die wirklich reich waren und bat daher den Meister um ein spezielles Mantra. Eine andere Schülerin, die zufällig zugegen war, sagte: „Wenn der Meister wirklich ein besonderes Mantra hätte, glaubst du nicht, dass er es angewendet hätte, um sich selbst zu bereichern? Er könnte das Geld so dringend für materielle Dinge gebrauchen.“

Der Meister lächelte ihr zu und sagte: „Ja, du hast recht.“ Eine andere Schülerin stand auf und sagte: „Oh nein. Es liegt unter seiner Würde, zu Gott um Geld zu beten. Gott hat ihm inneren Reichtum gegeben und innerer Reichtum ist wichtiger. Äußerer Reichtum ist für spirituelle Meister nicht notwendig. Deshalb bittet er nicht darum. Obwohl er selbst kein Geld braucht oder sich nicht dafür interessiert, kann er es jemand anderem geben, falls er mit dem Betreffenden zufrieden ist. Wenn jemand materiellen Reichtum braucht und will, dann gibt ihm der Meister vielleicht ein solches Mantra.“

Der Meister schenkte ihr sein breitestes Lächeln und sagte: „Das ist völlig wahr. Ich kenne gewisse Mantren, welche die Macht haben, materiellen Reichtum zu schenken. Wenn es der Wille des Supreme ist, werde ich diese Mantren geben. Sie sind von vielen Menschen gebraucht worden und diese Personen waren alle erfolgreich damit, vorausgesetzt, sie wiederholten die Mantren aufrichtig und ergeben. Die Meister ihrerseits legen zusätzliche spirituelle Kraft in diese Mantren, sonst haben die Leute keinen Glauben an sie und betrachten sie als gewöhnliche Worte ohne jegliche Kraft. Die Meister hauchen diesen Mantren durch ihr eigenes spirituelles Licht Leben ein. Wenn sie diese Mantren weitergeben, können die Leute sehr reich werden. Wenn Gott will, dass ich jene bestimmten Mantren gebe, kann ich sie geben. Wenn nicht, werde ich sie nie, nie geben können.“

Die besagte Dame faltete sofort ihre Hände und sagte dem Meister vor allen anderen: “Meister, Meister, ich bin dir so dankbar. Du hast meinen Sohn sicher nach Hause gebracht. Du weißt, wie ich innerlich und äußerlich zu dir gebetet habe, mich reicher zu machen. Und ich bin ja so aufrichtig, das weißt du. Ich schäme mich nicht, vor allen anderen für diese Dinge zu bitten. Schau auf meine Aufrichtigkeit. Betrachte mein Bedürfnis.

Wie du weißt, gebe ich dir gegenwärtig fünf Dollar in der Woche. Ich verdiene fünfzig Dollar in der Woche und gebe dir davon fünf. Wenn ich reich wäre, werde ich dir denselben Prozentsatz geben. Ich werde dir immer zehn Prozent meines Einkommens geben. Mach mich also reich, Meister, mach mich reich und ich werde auch dich reich machen. Ich weiß, dass du nicht gerne in der äußeren Welt arbeitest und warum solltest du? Doch um ein richtiges Leben zu führen, brauchst du auch materielle Dinge. Mach mich also bitte reich, Meister, mach mich reich! Ich bin eine Sekretärin und dekoriere gerne Häuser. Gewisse Leute nennen mich eine Innenausstatterin, obwohl ich das eigentlich nicht bin. Doch durch deine Gnade kann ich vieles tun. Wenn du mir das Mantra gibst, werde ich zweifellos reich werden und meinen Beruf als Sekretärin und Dekorateurin aufgeben. Ich werde ganz und gar spirituell werden. Ich werde immer beten und meditieren.“

„Warum brauchst du denn Geld?“

„Ich brauche ein großes, gut ausgestattetes Haus, damit ich mir keine Sorgen machen muss“, antwortete ihm die Frau. „Gegenwärtig muss ich sehr, sehr hart arbeiten, um Geld zu verdienen. Wenn ich viel Geld hätte, müsste ich nicht so hart arbeiten und könnte meine gesamte Zeit dem spirituellen Leben widmen. Das ist alles, was ich brauche. Ich möchte wirklich Gott. Doch bevor ich an Gott denken und zu ihm beten kann, brauche ich ein Minimum an Zeit. Und nur wenn ich Geld habe, werde ich Zeit haben.“

Der Meister sagte: „Gut. Komm mit mir und ich werde dir dieses Mantra geben.“

Sie sagte: „Ich bin dir so dankbar, Meister, für all das, was du bereits für mich getan hast. Doch wenn ich wirklich reich werde, werde ich dir zutiefst und ewig dankbar sein.“

#Manche Anwesenden lachten, während andere sehr eifersüchtig wurden. Der Meister sagte: „Mein inneres Wesen sagte mir, ich soll dir dieses Mantra geben. Und so gebe ich es dir. Lasst uns sehen, was geschieht.“

So erhielt sie das Mantra ganz privat und nach drei Wochen gewann sie 23.000 Dollar in einer Lotterie. Danach verbrachte sie sechs Monate lang damit, um die Welt zu reisen und darüber nachzudenken, was sie mit ihrem Geld tun könne. Wenn sie jedoch auch nur daran dachte, zehn Prozent dem Meister zu geben, lief sie wortwörtlich in Gefahr, in Ohnmacht zu fallen.

Ihre Töchter hatten ihr Versprechen mitbekommen und erinnerten sie daran. Sie sagten: „Bitte gib dem Meister wenigstens ein wenig Geld, denn du hast ja sein Mantra wiederholt.“

„Was ist das für ein Mantra?“ sagte die Mutter. „Es ist nur ein Wort oder zwei. Haben jene Worte irgendwelchen Wert?“ „Die Worte haben vielleicht keinen Wert, doch vielleicht war es die Kraft, die er in das Wort gelegt hatte, um dich den Preis gewinnen zu lassen.“

„Nein, nein. Das ist nicht wahr. Das ist völlig falsch. Es war mein Schicksal. Gott war mir gut gesinnt, deshalb habe ich es bekommen. Es war einfach Glück. Es hatte nichts mit dem Meister, nichts mit dem Mantra zu tun.“

Die Töchter sagten: „Du bist ja undankbar.“ Die Mutter wischt ihnen eins aus und sagte: „Ihr wollt mich über Dankbarkeit und über Undankbarkeit belehren? Ich weiß, was er für mich getan hat. Er hat meinen Sohn gerettet, das ist wahr. Er war so nett, so zuvorkommend zu mir. Er tröstete mich, wenn ihr Mädchen mir Probleme bereitete. Zu jener Zeit war ich ihm dankbar. Diesmal jedoch war es nicht sein Mantra, das mir das Geld gebracht hat, es war Gott allein. Darum brauche ich ihm nicht dankbar zu sein. Ich bin nur Gott dankbar und ich bin den Leuten dankbar, die für die Lotterie verantwortlich sind und mir das Geld gegeben haben. Sie verdienen meine Dankbarkeit, nicht der Meister. Ich brauche ihm gegenüber überhaupt nicht dankbar zu sein.“

Es erübrigt sich hinzuzufügen, dass sie den Meister verließ. Ebenso verließ sie ihren Sohn und ihre Töchter.

16. September 1974

Sri Chinmoy, Dankbarkeits-Himmel und Undankbarkeits-Meer, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2006
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