Der Gelehrte und der Dieb

Ein großer Gelehrter, der eine intellektuelle Größe war, las in einem Buch, dass man im Leben Glück und Vollkommenheit nur erlangen kann, wenn man einen wahren, lebenden spirituellen Meister hat. Der Gelehrte sagte sich: „Ich habe so viele Bücher gelesen, aber es ist mir nicht gelungen, glücklich zu werden. Ich will mich deshalb aufmachen und nach einem spirituellen Meister suchen.“ Er wollte einen spirituellen Meister finden, der in jeder Hinsicht absolut vollkommen war. Er ging zu einem spirituellen Meister, doch dann er sah, dass dieser Meister eine Brille trug. Der Gelehrte sagte zu sich selbst: „Schau dir das an! Ich brauche keine Brille, während er eine braucht. Was für eine Art Vollkommenheit ist das? Ich brauche diesen spirituellen Meister nicht!“ Er ging zu einem anderen spirituellen Meister und fragte ihn etwas. Der Meister beugte sich vor und hielt seine Hand ans Ohr. Der Gelehrte dachte: „Oh mein Gott, das bedeutet dass sein Gehör schlecht ist. Ich brauche auch diesen Meister nicht!“ Dann setzte er seine Suche fort, um einen anderen spirituellen Meister zu treffen, aber er fühlte, dass dieser zu alt war. Er sagte sich: „Dieser spirituelle Lehrer ist so alt, dass er sich nicht einmal mehr bewegen kann. Wie kann ich ihn als meinen Lehrer akzeptieren.“ So ging er von einem Meister zum anderen. Die Leute sagten ihm, dass dieser oder jener Meister die höchste Höhe erreicht hatte, aber da er seinen Verstand gebrauchte, sah er nur Unvollkommenheit in diesen Meistern. Jedes Mal kam er zu der Schlussfolgerung, dass er vollkommener war, als der Meister, den er gerade besuchte. Er fühlte sich sehr unglücklich, da er keinen passenden Meister finden konnte. Eines Tages, nachdem er sein Abendmahl zu sich genommen hatte, fragte ihn seine Frau: „Warum bist du so traurig?“ Er antwortete: „Ich habe gelesen, dass man nur glücklich sein kann, wenn man einen spirituellen Meister hat. Ich habe so viele Meister besucht, von denen ihre Schüler gesagt haben, dass sie großartig, großartiger, am großartigsten seien. Doch jeder von ihnen wies solch beklagenswerte Mängel auf. Ich fühle, dass ich größere Vollkommenheit besitze als sie! Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Guru finden werde. Das bedeutet, dass ich niemals wirkliches Glücklich­sein in meinem Leben erlangen werde. Was soll ich nur machen?“ Seine Frau fragte: „Macht es dich glücklich, wenn du spürst, dass du vollkommener bist als diese Meister?“ Der Gelehrte sagte: „Nein, ich bin nicht glücklich. Ich suche sie auf, um durch sie Glücklichsein zu erhalten, aber wenn ich sie sehe, fühle ich mich noch elender.“ Seine Frau sagte: „Das kommt daher, weil du auf deine eigene Weise nach Vollkommenheit suchst. Nun gut, ich habe eine Idee. Lass uns morgen gleich nach unserem Abendessen an den Waldrand gehen und dort warten. Die erste Person, die du siehst, ist jene, die du als deinen Meister annehmen musst.“ Der Gelehrte sagte: „All meine Versuche einen Meister zu finden sind fehlgeschlagen. Deshalb werde ich deinen Weg ausprobieren. Wen immer ich zuerst sehe, diese Person werde ich als meinen Meister annehmen.“ Seine Frau sagte: „Du musst dein Versprechen halten. Ansonsten wirst du den Rest deines Lebens damit zubringen, nach einem Meister Ausschau zu halten und wirst niemals einen finden. Ansonsten wird es immerzu so weitergehen.“ Der Ehemann willigte ein. So machten sie sich am darauf folgenden Abend auf und gingen zum Rand des Waldes. Nach einer Weile sahen sie einen Mann vorbeikommen. Er schien es furchtbar eilig zu haben. Die Frau deutete auf ihn und sagte: „Dort ist derjenige, den du annehmen musst! Er ist dein Guru!“ Der Gelehrte rief dem Fremden zu: „Halt, halt! Ich muss dich etwas fragen!“ Aber der Mann hatte keine Zeit, um mit dem Gelehrten zu sprechen und begann wegzulaufen. Doch der Gelehrte war sehr stark und er hielt den Mann einfach fest. Der Mann rief aus: „Ich kann nicht warten ich muss gehen!“ Er war in großer Eile, da er ein Dieb war, der gerade einen Überfall verübt hatte und nun davonlief. Doch der Gelehrte war stärker als der Dieb. Der Dieb war der Meinung, dass er wegen seinem Verbrechen festgehalten wurde. Der Gelehrte sagte: „Ich möchte, dass du mein Guru wirst.“ Der Dieb traute seinen Ohren nicht. Er erwiderte: „Nein, nein ich kann nicht dein Guru sein. Ich bin ein schlechter Mensch. Ich bin ein Dieb. Ich habe gerade einen Überfall begangen und bin nun auf der Flucht. Als du mich festgehalten hast, hatte ich schon Angst, dass du mich der Polizei ausliefern würdest. Lass mich deshalb bitte, bitte von hier verschwinden!“ Der Gelehrte bat ihn: „Nein, du musst mein Guru sein!“ Der Dieb überlegte einen kurzen Moment und sagte dann: „Wenn ich dein Meister werde, wirst du mir dann gehorchen?“ Der Gelehrte sagte sogleich: „Ja, ich werde dir um jeden Preis gehorchen.“ Der Dieb sagte: „In diesem Fall werde ich dein Meister sein. Als erstes möchte ich, dass du deine Augen schließt.“ Der Gelehrte schloss seine Augen. „Nun, pack deine Ohren an und halte sie auf diese Art fest.“ Auch diesmal gehorchte der Gelehrte. „Nun möchte ich, dass du niederkniest und so bleibst, bis ich zurückkomme. Da ich nun dein Meister bin, musst du mir gehorchen. Für den Schüler kommt Gehorsam an erster Stelle!“ Dann rannte der Dieb davon. Die Frau war unglücklich, aber was konnte sie machen? Der Guru hatte die Anweisung gegeben, dass ihr Ehemann niederknien sollte, seine Augen geschlossen halten und dazu seine Ohren fest halten sollte, bis der Guru zurückkehrt. So verharrte der Mann die ganze Nacht in der gleichen Stellung. In der Zwischenzeit hatte der Dieb den Mann völlig vergessen und führte sein eigenes Leben. Den folgenden Tag ging er wieder auf Diebestour, doch dieses Mal wurde er von der Polizei erwischt und der Richter steckte ihn ins Gefängnis. Folglich fühlte sich der Dieb sehr elend. Auch der große Gelehrten fühlte sich sehr elend. Sein Leiden war unerträglich, doch er wollte seinem Meister gegenüber nicht ungehorsam sein, indem er sich von seinen Knien erhob oder den Platz verließ. Im Himmel fühlte sich Gott Vishnu elend, dass sich diese Geschichte auf der Erde ereignete. Deshalb erschien er mit all seinem Glanz vor dem Gelehrten und sagte zu ihm: „Ich bin der Herr; ich bin der Guru von jedermann. Deshalb bitte ich dich nun, deine Ohren loszulassen und deine Augen zu öffnen, damit du sehen kannst, wer Ich bin. Du musst nicht durch noch mehr Askese gehen.“ Der Gelehrte sagte: „Oh nein, ich werde nicht auf dich hören. Mein Guru hat mir aufgetragen, dass ich so verharren muss bis er zurückkommt. Und genau das ist es, was ich tun werde.“ Gott Vishnu entgegnete ihm: „Aber ich bin Gott! Ich bin dein Guru; ich bin der Guru deines Gurus; ich bin jedermanns Guru.“ Der intellektuelle Gigant wiederholte: „Ich werde nicht auf dich hören!“ „Aber du leidest doch!“, sagte Vishnu. Der Mann erwiderte: „Ich leide, das ist wahr. Aber trotzdem muss ich warten, bis mein Guru kommt.“ Da der Mann nicht auf ihn hören wollte, erschien Gott Vishnu dem Richter in dieser Nacht in einem Traum. Der Richter war sehr glücklich, dass so ein schönes, strahlendes Wesen zu ihm kam. Das strahlende Wesen sagte: „Ich habe dir so viel Freude, so viel Licht gegeben. Kannst du nun nicht etwas für mich tun? Könntest du den Dieb entlassen, den du erst jetzt ins Gefängnis gesteckt hast?“ Der Richter sagte: „Du hast mir so viel Freude geschenkt. Sicher werde ich das tun.“ Am folgenden Tag entließ der Richter den Dieb. Er sagte zum Dieb: „Ich entlasse dich in die Freiheit, aber stiehl von jetzt an nicht mehr.“ Dann erschien der Gott Vishnu vor dem Dieb und sagte zu ihm: „Dein Schüler hört nicht auf Mich. Bitte geh zu ihm und erlöse ihn. Ich werde dir Freude und Erleuchtung geben.“ Der Dieb ging zum Waldrand, wo der Schüler immer noch kniete und sagte zu ihm: „Dein Guru ist gekommen. Sieh, ich bin hier! Öffne deine Augen und löse deine Hände!“ Zu diesem Zeitpunkt hatte Gott Vishnu den Dieb bereits erleuchtet. Der große Intellektuelle, der nun auch eine spiritueller Größe war, öffnete seine Augen und fiel zu Füßen seines Meisters nieder. Dann erhielt auch er Erleuchtung.

Kommentar

Gott ist in jedem. Egal an wen du glaubst, Gott wird in der Lage sein, dir in und durch diese Person zu helfen. In diesem Fall erhielt der Schüler Erleuchtung von einem Dieb. Gott in Seiner eigenen transzendentalen Form, als Gott Vishnu, war es nicht möglich, diesen Burschen zu erleuchten, aber Gott war in der Lage ihm Erleuchtung, durch einen Dieb zu gewähren. Gott war nicht eifersüchtig, dass Er den Gelehrten nicht erleuchten konnte; Er fühlte Sich nicht traurig oder unglücklich. Alles was Gott interessiert ist unsere Erleuchtung. Wenn Er uns in und durch diese Person erleuchten kann, dann ist Er glücklich.

Diese Geschichte zeigt uns, dass Gehorsam von größter Wichtigkeit ist. Wenn du deinem Meister gehorchst, ganz gleich wie unvollkommen er sein mag, dann wird der Absolute Lord Supreme in der Lage sein, dich auf Seine eigene Weise zu erleuchten und zu erfüllen. Beginne deine spirituelle Reise mit Gehorsam. Wenn du Gehorsam besitzt, dann wird der Tag kommen, an dem du in deinem Gehorsam auch göttliche Liebe finden wirst. Und wenn du göttliche Liebe hast, dann werden auch Ergebenheit und Hingabe an den Supreme folgen.

An dem Tag, an dem du deinen Guru annimmst, wird dir etwas tief in deinem Innern sagen, dass du ihm gehorchen, ihn lieben und erfüllen willst. An diesem Tag vereinst du dich mit deiner Seele und gibst dir selbst das Versprechen, dass du deinem Meister gehorchen willst. Dein Meister verspricht dir nicht, dass er dir gehorchen wird. Nein, nein! Wenn der Schüler den Lehrer annimmt, dann willigt der Schüler ein, dem Lehrer zu gehorchen. Und nicht umgekehrt.

Manche Schüler wollen die Geschichte abändern. Manche Schüler erwarten und verlangen ständig etwas von ihrem Meister. Sie denken, dass sie mehr wissen als er. Aus diesem Grund denken sie, dass der Meister verpflichtet ist, sich nach ihnen zu richten. Aber Gott selbst will die Geschichte nicht ändern. Er möchte, dass die Geschichte sich so fortsetzt, wie er sie einst begonnen hat. Gott will, dass der spirituelle Lehrer, die Schüler lehrt, da der Meister ein wenig mehr weiß als die Schüler.

Wenn du die innere Stärke besitzt, deinem Meister zu gehorchen, wirst du der glücklichste Mensch sein. Wenn dein Meister dich bittet, ihm zu gehorchen, dann bittet er dich nicht dem Menschlichen in ihm zu gehorchen. Weit gefehlt! Er ist nicht wie ein Fußballspieler, der den Ball von der einen zur anderen Seite spielt. Er bietet dir lediglich die Nachricht an, die er von oben, von unserem Geliebten Supreme, der mein Guru, dein Guru und jedermanns Guru ist, erhält.

Was wir meinen, wenn wir von Gehorsam sprechen, ist, dass unsere eigene höhere Existenz, die durch den spirituellen Meister repräsentiert wird, unsere niedere Existenz, unseren zweifelnden Verstand und unser rebellisches Vitales zu erleuchten hat. Der Besitzer des Hauses kommt vom dritten Stockwerk in den Keller hinab, und während er herunterkommt, schaltet er auf jedem Stockwerk das Licht an. Schließlich ist das gesamte Haus erleuchtet. Auf diese Art und Weise vollzieht sich auch unsere spirituelle Erleuchtung.

Sri Chinmoy, Gehorsam – Herzensduft, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007