Guru Nanaks bester Schüler

Der Begründer des Sikhismus war Guru Nanak, ein sehr großer spiritueller Meister. Guru Nanak akzeptierte die Welt und wurde Teil der Welt, aber er war niemals an die Welt gebunden. Er war in der Welt und für die Welt, aber nicht von dieser Welt.

Guru Nanak hatte nicht wenige Schüler. Einige von ihnen gehorchten ihm bis zu einem gewissen Grad, während andere ziemlich ungehorsam waren. Guru Nanak hatte ebenfalls zwei Söhne und eine Tochter. Die bei­den Söhne waren extrem ungehorsam. Was für ein wunderbares Schicksal er hatte!

Guru Nanak besaß ein großes Stück Land, das er als Bauer bepflanzte. Eines Tages schnitt er Gras und band es zu vier oder fünf Bündeln zusammen. Da er bereits sehr betagt war, bat er seine Söhne, die Grasbündel zu seinem Haus zu tragen.

Doch beide Söhne weigerten sich diese Arbeit zu tun. Sie entgegneten ihm: „Nein, wir sind deine Söhne. Es ist unter unserer Würde, eine solche Arbeit zu verrichten. Wir werden es nicht tun.“ Daraufhin wandte sich Guru Nanak an einen seiner Schüler und bat ihn, die Bündel zu tragen. Dieser bestimmte Schüler war einst ein sehr, sehr reicher Mann. Zu jener Zeit war er auch verheiratet und hatte Kinder. Er hatte alles aufgegeben – seine Familie und sein materielles Leben – um ein spirituelles Leben zu führen.

Dieser bestimmte Schüler war so glücklich, dass sein Guru ihn bat, die Grasbündel zu tragen. Fröhlich packte er sie auf seine Schultern und machte sich auf den Weg zum Haus seines Gurus.

Als Guru Nanaks Söhne das sahen, sagten sie zu ihm: „Du stammst aus einer reichen Familie. Warum schuftest du hier wie ein Kuli? Das ist unter deiner Würde.“

Der Schüler erwiderte: „Nein, wenn ich Gott zufrieden stellen will, wenn ich für Gott hier auf Erden etwas erreichen will, dann muss der Gehorsam gegenüber meinem Guru an erster Stelle stehen. Es gab eine Zeit, da ich zwar auf der materiellen Ebene alles besessen hatte, jedoch nicht die Segnungen und die Liebe meines Gurus. Doch genau das ist es, was ich am meisten benötige. Ich brauche nichts weiter.“

Heiter setzte er seinen Weg fort und trug die Grasbündel zu Guru Nanaks Haus. Guru Nanak war äußerst zufrieden mit ihm.

Bei einer anderen Gelegenheit, es war mitten in der Nacht und begann es in Strömen zu regnen. Das Dorf wurde von einem heftigen Orkan heimgesucht und eine Wand von Guru Nanaks Haus wurde fast völlig weggeweht. Genau diese Wand war Teil des Zimmers, in welchem Guru Nanak lebte. Er hatte mehrere Räume in seinem Haus, aber aus einem bestimmten Grund wollte er in diesem bestimmten Zimmer sein. Deshalb weckte er so­gleich seine Söhne auf, und bat sie, in sein Zimmer zu kommen, um die Wand zu reparieren.

Beide erwiderten: „Du bist verrückt, uns um diese Uhrzeit rufen zu lassen! Es regnet in Strömen und der Sturm tobt immer noch. Außerdem ist es nicht unsere Aufgabe, Wände zu reparieren. Wir verstehen nichts davon. Morgen früh werden wir den Bauarbeitern Bescheid geben, damit sie kommen, um die Wand zu reparieren.“

Guru Nanak dachte an den Schüler, der die Grasbündel getragen hatte. Er ließ ihn rufen und bat ihn, die Wand zu reparieren. Der Schüler wusste nicht wie man Wände repariert, da er während der meisten Zeit seines Lebens reich gewesen war, doch er sagte zu sich selbst: „Mein Guru hat mich gebeten seine Wand zu reparieren. Ich muss es machen.“

Der arme Bursche fing an die Wand zu reparieren. Es dauerte einige Zeit, aber schließlich war es vollbracht. Als Guru Nanak die Wand begutachtete, sagte er zu seinem Schüler: „Es ist nicht zu meiner Zufriedenheit getan. Reiß die Wand ab und versuche es noch einmal!“

Ohne das geringste Zögern riss der Schüler die Wand ein und versuchte es erneut. In der Zwischenzeit beobachteten Guru Nanaks Söhne das Geschehen. Nach­dem der Schüler die Wand zum zweiten Mal fertig gestellt hatte, stellte Guru Nanak erneut Fehler fest: „Hier ist stimmt etwas nicht, dort stimmt etwas nicht. Mir gefällt die Wand überhaupt nicht. Reiß sie ab und beginn von neuem!“

So riss der Schüler die Wand wieder ein und begann sie erneut aufzubauen. Auf diese Weise baute der Schüler die Mauer, drei oder viermal auf und jedes Mal sagte der Guru, dass er nicht zufrieden sei.

Guru Nanaks Söhne begannen über den Schüler zu lachen: „Wie viele Male willst du das noch tun? Unser Vater ist von Sinnen, dass er dich bittet, diese Arbeit auszuführen, und du bist verrückt, dass du auf ihn hörst. Es ist nicht deine Aufgabe. Morgen früh werden wir die Handwerker kommen lassen und sie werden die Wand zur Zufriedenheit unseres Vaters reparieren. Lass dir von uns einen vernünftigen Rat geben.“

Der Schüler erwiderte ihnen geduldig: „Ganz gleich wie viele Male es in Anspruch nimmt, die Wand zu reparieren, ich werde weiter versuchen meinen Meister, meinen Guru, zufrieden zu stellen.“

Der Schüler war darauf gefasst, die Wand wieder und wieder aufzubauen, doch nachdem er sie zum siebten Male aufgebaut hatte, sagte sein Meister: „Jetzt bin ich zufrieden. Du hast mich mit deinem Gehorsam wirklich zufrieden gestellt. Du hättest über mich verärgert sein können. Aber nein, du hast weiterhin aufrichtig versucht, mich zufrieden zu stellen. Du bist wahrlich mein bester Schüler, dank deines Gehorsams.“

Kommentar

Gehorsam ist von größter Wichtigkeit. Zu Beginn nennen wir es Gehorsam. Aber wenn unser inneres Wesen zum Vorschein kommt, wenn unser Verstand, unser Vitales und unser gesamtes physisches Bewusstsein erweckt sind und zum Licht emporstreben – zu dieser Zeit erkennen wir, dass Gehorsam nichts anderes ist, als unser völliges Einssein mit unserem eigenen höchsten Selbst. Unser niederes Selbst ist unwissend; es kennt nur Ungehorsam und Revolte. Doch wenn unser niederes Selbst einmal gegenüber dem Licht erwacht ist, dann gibt es nicht länger Fragen über höher und tiefer. Zu dieser Zeit ist alles Einssein. Das unerleuchtete Selbst wird eins mit dem erleuchteten Selbst und ist nicht länger uner­leuchtet.

Es ist wie mit dem Verstand und den Füßen. Nehmen wir einmal an, der Verstand repräsentiert unseren höheren Teil und die Füße repräsentieren unseren niederen Teil. Wenn unser Verstand unsere Füße bittet, uns beim Gehen zu helfen und die Füße gehorchen dem Verstand, dann gibt es zwischen den beiden keine Trennung. Wir betrachten unseren Verstand nicht höher als unsere Füße. Wir betrachten beide als integrierte Bestandteile unseres Körpers und erkennen, dass beide die ihnen zugeteilten Rollen spielen, so dass wir gehen können.

Doch leider revoltieren die Leute sofort, wenn sie das Wort „Gehorsam“ hören. Wenn dein Meister dich darum bittet, etwas zu tun, übermittelt er dir lediglich die Botschaften deiner eigenen Seele. Wenn jene, die sich meine Schüler nennen, ihren eigenen Seelen gegenüber gehorsam sein können, dann werden all ihre Probleme und all meine Probleme gelöst sein.

Sri Chinmoy, Gehorsam – Herzensduft, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007