Teil I

SCA 346-351. Am 9. Dezember 1998 fand an der Universität von Hawaii (Thomas Jefferson Hall) eine von Sri Chinmoy geleitete Meditation mit den Angestellten der Universität sowie anderen spirituellen Suchern statt. Im Anschluss daran hatten die Anwesenden Gelegenheit, Sri Chinmoy einige spirituelle Fragen zu stellen.

Frage: Während der letzten beiden Jahre versuchten wir, an der Universität eine Meditationsgruppe ins Leben zu rufen, doch es scheiterte an der geringen Nachfrage. Ich verstehe den Grund dafür nicht. Könnten Sie uns bitte einen Rat geben?

Sri Chinmoy: Es gibt zwei verschiedene Wege, um den Menschen etwas anzubieten. Der eine ist der Weg der Blume, der andere der Weg der Mutter. Wenn eine Blume blüht, zieht ihre Schönheit und ihr Duft Menschen an, die sie schätzen, bewundern und denen sie Freude schenkt. Nehmen wir an, wir betreten einen Garten und sehen darin eine Blume. Die Blume kommt nicht zu uns; wir gehen zu ihr. Die Blume verweilt mit ihrer Schönheit, ihrem Duft und ihrem Zauber an ihrem Platz. Dann gehen wir auf die Blume zu und empfangen ihre göttlichen Qualitäten. Dies ist ein Weg.

Der andere Weg ist der Weg der Mutter. Eine Mutter empfindet auf eine Weise die ganze Welt als ihre Schöpfung und jedes Kind als ihr eigenes. Wenn ihr Kind nun schreit, fühlt sich die Mutter verpflichtet, zu ihm zu kommen, auch wenn sie vielleicht gerade nicht in dessen Nähe ist. Nehmen wir an, die beiden befinden sich in einem Haus mit mehreren Stockwerken. Das Kind kann nicht zur Mutter gehen, weil es dazu noch zu klein ist. Es kann nur schreien. Es liegt an der Mutter, zum Kind zu gehen und nachzusehen, was es braucht, sei es nun Milch, Spielsachen, Süßigkeiten oder etwas anderes. Dann gibt sie dem Kind, was es braucht.

Nun, einige spirituelle Meister sind der Ansicht, wenn die Menschen etwas brauchen, sollen sie zu ihnen kommen. Sie selbst wurden sozusagen zu Blumen. Andere spirituelle Meister wiederum betrachten alle Menschen als ihre Kinder, die alle hungrig sind, auch wenn nicht jeder denselben Hunger verspüren mag. Also ist es die Pflicht der Mutter, zu ihren Kindern zu gehen und ihnen zu geben, was sie brauchen.

Es gibt auch noch eine dritte Kategorie spiritueller Meister, der zum Beispiel Sri Ramakrishna angehörte und auf die beides zutrifft. Sri Ramakrishna war einer unserer größten spirituellen Meister. Er stammte wie ich aus Bengalen. Manchmal sagte er: „Seid wie eine Blume.“ Zahllose Sucher aus der ganzen Welt kamen nach Dakshineshwar, um ihn zu sehen. Aber er reiste auch viel und ging selbst zu Suchern und Menschen, die inneres Licht besaßen. Obwohl diese streng genommen nicht spirituell gewesen sein mögen, besaßen sie doch ein unendlich weites Herz. Er suchte diese Menschen auf, um nicht nur das Bewusstsein von Bengalen und Indien, sondern der ganzen Welt auf eine höhere Stufe zu heben. Er traf mit diesen Menschen zusammen, um ihnen Inspiration zu schenken und ihr spirituelles Streben und ihre guten Eigenschaften zu fördern. Ich folge den Fußstapfen Sri Ramakrishnas. Ich lebe in Amerika und hier bin ich zu einer Blume geworden. Menschen aus aller Welt kommen hierher, um mich zu sehen und anzunehmen, was ich ihnen anzubieten habe. Anderer­seits verhalte ich mich aber auch wie eine Mutter. Jedes Jahr bereise ich viele verschiedene Orte. Auf diesen Reisen treffe ich mit einer großen Zahl von Menschen zusammen, die so wie Sie Sucher sind und die mit großer Aufrichtigkeit und Entschlossenheit zu mir kommen. Dabei müssen sie in keiner Weise meine Schüler werden. Doch wenn ich diesen Suchern in irgendeiner Form dienen kann, fühle ich, dass ich etwas für Gott die Schöpfung vollbracht habe.

Wir verehren Gott den Schöpfer und wir dienen Gott der Schöpfung. Wir alle sind Gott die Schöpfung. Ich führe ein Leben des Gebetes, und wie auch schon früher kam ich hierher, um den Suchern in Hawaii meinen Dienst anzubieten. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren war ich zum ersten Mal hier und seit damals komme ich immer wieder hierher zurück.

Hawaii vermag unser Herz und unser Leben zu entzücken und zu bezaubern. Dieses Land wurde von vielen spirituellen Persönlichkeiten auf besondere Weise gesegnet. Man mag sie als Götter und Göttinnen bezeichnen, doch für mich sind alle Götter und Göttinnen spirituelle Persönlichkeiten höchsten Ranges. So wird Hawaii also vom Himmel beziehungsweise von der inneren Welt außergewöhnlich gesegnet.

Gleichzeitig hat Hawaii aber auch eine besondere Rolle zu spielen. Es übt nicht nur eine große Anziehungskraft aus, sondern es kann jenen, die hierherkommen, um innere Erfahrungen zu machen, auch viel Licht schenken. Hier bekommen die Menschen für die äußere Entdeckungsreise so viele bezaubernde und attraktive Dinge geboten! Doch wenn sie Hawaii besuchen würden, um hier zu meditieren, erhielten sie mit Sicherheit grenzenlosen Frieden, Licht und Glückseligkeit. Wir müssen uns im Klaren sein, wofür wir hierherkommen: der äußeren Attraktivität oder der inneren Erleuchtung wegen oder für beides. Was die äußere Welt uns hier geben kann, werden wir mit größter Reinheit empfangen. Und was uns die innere Welt hier schenken kann, werden wir mit äußerster Hingabe empfangen.

Bitte verzeihen Sie, wenn das nicht direkt die Antwort auf Ihre Frage war. Ich habe hier mehr meine inneren Empfindungen und äußeren Beobachtungen über dieses Land wiedergegeben.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 9, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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