Frage: Mir ist aufgefallen, dass Sie ein Bild der Göttin Kali auf Ihrem Tisch stehen haben. Selbst unter spirituellen Menschen existieren viele falsche Vorstellungen von ihr.

Sri Chinmoy: Jeder Sucher hat auf seine eigene Art und Weise recht. Ich kann nicht behaupten, meine Vorstellung von Mutter Kali sei völlig richtig und Ihre falsch. Das wäre der Gipfel an Torheit und gleichzeitig absurd. Ich kann nur über das berichten, was sich in meinem eigenen Zimmer, in meiner eigenen Wohnung befindet. Über das, was sich in anderen Wohnungen befindet, brauche ich nichts zu wissen und will es auch nicht.

Für mich ist Mutter Kali die Kraft der Unendlichkeit. Kali bedeutet „Zeit“ und zugleich auch „jenseits der Zeit“. Sie verkündet die Botschaft der Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit und geht ständig über das, was sie hat und was sie ist, hinaus. Gemäß meiner inneren Verwirklichung ist sie das Absolute in weiblicher Form oder das Absolute selbst. Sie verkörpert in erster Linie den Kraftaspekt, als Mutter jedoch auch alle anderen göttlichen Eigenschaften wie Frieden, Licht und Glückseligkeit. Gleichzeitig beschleunigt sie auch alles. Eine Familie besteht aus vielen Mitgliedern. Wenn du einen Verwandten um einen Gefallen bittest, braucht er vielleicht fünf Jahre, um ihn dir zu erfüllen; ein anderer hingegen kann dir das Gewünschte in kürzester Zeit geben – vorausgesetzt, du brauchst es wirklich und suchst es aufrichtig.

Einerseits ist Mutter Kali ein Aspekt des Absoluten, des Höchsten, gleichzeitig ist sie aber auch das Höchste selbst. Wenn wir die Teile unseres Körpers getrennt betrachten wollen, können wir sagen: „Das sind meine Arme, das sind meine Beine, das sind meine Augen.“ Doch sie alle sind Teile meines Körpers. Ohne Beine, Arme oder Augen bin ich nicht vollständig. Alle Gliedmaßen zusammen bilden meinen physischen Körper. Mutter Kali ist also gleichzeitig ein Teil des Absoluten Höchsten und das Absolute Höchste selbst. Sie ist auch die Mutter der Geschwindigkeit. Sie handelt immer blitzschnell.

Mutter Kali erleuchtet unsere Unvollkommenheiten. In der westlichen Welt verwendet man das Wort Sünde, doch gemäß der spirituellen Philosophie Indiens existiert Sünde nicht; sie ist lediglich eine Art Unvollkommenheit. Ich bin unvollkommen, deswegen verhalte ich mich oft falsch. Und solange ich noch unvollkommen bin, lässt sich das auch nicht gänzlich vermeiden. Doch was meinen wir mit Sünde? Wenn unser Ursprung – Gott, das Höchste Absolute – makellos rein ist, wie können dann wir, Seine Schöpfung, der Inbegriff der Sünde sein? Nein, wir können lediglich sagen, dass wir nicht vollkommen sind.

Ein Kind lernt einzelne Buchstaben, doch im Gegensatz zu seinen Eltern kann es noch nicht alle Buchstaben lesen. Mit der Zeit lernt es dann das Alphabet und Jahre später vermag es dann mühelos dicke Bücher zu lesen. Doch es beginnt mit dem Erlernen des Alphabets und anfangs unterlaufen ihm dabei auch immer wieder Fehler. In gleicher Weise sind alle Menschen im Augenblick unvollkommen; unser Ziel jedoch ist es, zur Vollkommenheit zu gelangen. Die Vollkommenheit aber kennt keine starren Grenzen, sondern sie dehnt ihre Grenzen fortwährend aus. Ein Student hat vielleicht das Gefühl, mit einem Universitätsabschluss oder einem Doktortitel bereits vollkommen zu sein. Sobald er ihn aber erreicht hat, erkennt er, wie viel mehr es noch zu lernen gibt. Dann fühlt er, dass der Universitätsabschluss nichts als ein paar Tropfen vom Ozean des Wissens darstellt und dass er im Grunde gar nichts weiß. Nehmen wir an, du hast aufgrund deiner Unvollkommenheit über Jahre hinweg viele Fehler gemacht. Wenn du nun zu Mutter Kali betest, wenn du innerlich schreist und schreist, wird sie alle deine Unvollkommenheiten erleuchten.

Gemäß unserer indischen Tradition hat Gott, der Supreme, drei Aspekte: den erschaffenden, den erhaltenden und den verwandelnden Aspekt. Doch viele Jahrhunderte lang verwendeten wir anstelle des Begriffes ‚Umwandlung’ den Begriff ‘Zerstörung’. Unsere indische Dreifaltigkeit besteht aus Brahma, Vishnu und Shiva. Brahma ist Gott der Schöpfer, Vishnu ist Gott der Erhalter und Shiva ist Gott der Umwandler. Wir zerstören nicht, sondern wandeln nur um. Würden wir zerstören, was bliebe dann von unserem Leben übrig? Nehmen wir an, ich mache einen Fehler; ich bin auf jemanden böse und gebe ihm eine Ohrfeige. Was würde es nützen, wenn ich mir deswegen meine Hand abhacke? Würde ich mich dadurch bessern? Nein! Diese falsche Handlung hat ihren Ursprung in meinen Gedanken. Ich muss meinen Verstand auf die richtige Weise nutzen, damit ich niemandem Gewalt antue. Ja mehr noch, ich sollte nur Zuneigung und Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Der dritte Aspekt Gottes ist also jener der Umwandlung, nicht der Zerstörung.

Wenn sich nun Mutter Kali mit den Menschen beschäftigt, mit Suchern und spirituellen Menschen, so haben einige schreckliche Angst vor ihrem Kraftaspekt. Da sie über die Jahre hinweg so viel falsch gemacht haben, haben sie das Gefühl, Mutter Kali würde ihnen nicht ihr Mitleid gewähren, sondern sie zerstören. Doch sie zerstört nicht; sie wandelt nur um.

Es gibt vier Aspekte der göttlichen, universellen Mutter: Maheshwari, Mahakali, Mahalakshmi und Maha­saras­wati. Mahakali verkörpert Geschwindigkeit und höchste Höhe. Sie bringt uns am schnellsten zum Höchsten. Die anderen Aspekte der göttlichen Mutter halten sich an die Devise: „Mit langsamen, stetigen Schritten gelangt man am sichersten ans Ziel.“ Mutter Kali jedoch sagt: „Selbst wenn du blitzschnell läufst, heißt das noch lange nicht, dass du dabei stolpern wirst.“ Das alles sage ich aus meiner persönlichen Sicht aufgrund meiner eigenen Verwirklichung. Doch jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von Mutter Kali.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 9, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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