5. AKT 1. SZENE

(Es ist Nacht. Thakur spaziert in einer kontemplativen Stimmung unter den Bäumen des Panchavati-Hains. Hriday tritt ein.)

HRIDAY: Onkel, lass uns nach Hause gehen. Es ist kalt und es weht ein sehr rauher Wind. Die ersten Nebenschwaden bilden sich bereits. Du kümmerst dich nicht um dich selbst.

THAKUR: Geh du schon. Ich komme nach.

(Hriday geht weg.)

(Thakur meditiert. Hriday tritt erneut auf.)

HRIDAY: Bleibe nicht zu lange, Onkel, komm nicht zu spät. Du vergisst alles, und ich bin dann derjenige, der später darunter leidet.

THAKUR: Was kann ich machen? Meine Mutter hat mich hierher bestellt. In dem Augenblick, wo sie mich bittet, nach Hause zu gehen, werde ich gehen. Glaubst du, dass ich nicht darunter leide, wenn ich dich um meinetwillen leiden lasse?

HRIDAY: Ich gehe jetzt, aber komm nicht zu spät.

(Hriday tritt ab.)

THAKUR: Die Synthese aller Religionen, die Vereinigung von Ost und West, Selbst-Weihung, Selbst-Aufopferung: Das sind alles große, große Worte, große Theorien, große Ideen, große Ideale. Aber wo sind sie, Mutter? Mutter, du sprichst zu mir über all diese Dinge. Das sind so hohe Ideale. Aber wo sind deine geweihten Soldaten? Mutter, du belügst mich niemals. Wo sind sie? Wo sind deine auserwählten Kinder? O aus-erwählte Kinder meiner Mutter Kali, mein Herz verzehrt sich nach euch. Kommt! Kommt! Verrichtet die Arbeit der Mutter. Ihr müsst die Mutter auf der Erde erfüllen. Ihr müsst die Mutter auf der Erde manifestieren.

(Naren tritt auf.)

THAKUR (voller Zuneigung und Liebe): Ah, Naren, du bist gekommen. Nach so langer Zeit bist du zu mir gekommen. Seit so langer Zeit habe ich zu weltlichen Leuten gesprochen. Vom Hören der ständigen Beschwerden und dem unstrebsamen Geplapper gewöhnlicher Leute bin ich praktisch taub geworden. Die Leute werfen all ihre weltlichen Begierden in mich. Im Augenblick habe ich niemanden, zu dem ich über mein inneres Leben sprechen kann. Ich habe keinen, dem ich erzählen kann, was in meinem Herzen vor sich geht. Naren, sag mir, wann wirst du wieder kommen?

NAREN: Sobald sich eine Gelegenheit bietet, werde ich wieder zurück sein. Warum denkst du so viel an mich? Warum sprichst du ständig zu anderen über Naren, Naren, Naren? Kennst du nicht die Geschichte aus den Puranas über König Bharata, der ständig an sein Reh dachte? Schließlich wurde er in seiner nächsten Inkarnation zu einem Reh.

THAKUR: Du hast recht. Aber was kann ich machen? Ich kann meinen Verstand nicht von dir abwenden. Die ganze Zeit denke ich an dich. Wenn ich dich nicht sehe, fühle ich mich miserabel. (Er schließt die Augen und spricht zu Mutter Kali.) Mutter, hör dir an, was mir Naren sagt. (Nach einiger Zeit öffnet er die Augen und spricht zu Naren.) Ich werde nicht auf dich hören. Was du sagst stimmt nicht. Mutter sagt, dass ich dich als Narayan sehe, ich sehe dich als die Inkarnation von Gott. An dem Tag, an dem ich dich nicht als die Inkarnation Gottes sehe, werde ich dir nicht einmal mehr ins Gesicht sehen.

NAREN: Wenn das wahr ist, warum hast du mich dann über einen so langen Zeitraum ignoriert? Ich bin zu dir gekommen, und du hast mich gemieden und mich gnadenlos ignoriert. Bei meinen letzten Besuchen hast du mir gegen-über solche Geringschätzung entgegen gebracht.

THAKUR: Mutter, Mutter, hör dir diesen Knaben an! (zu Naren) Kann ich dich meiden? Kann ich dich ignorieren? Kann ich dir Geringschätzung entgegen bringen? Unmöglich! Du hast keine Ahnung; du kannst mein inneres Wirken nicht erfassen. Naren, beantworte mir eine Frage. Zugegeben, ich war nicht freundlich zu dir. Ich war sehr lieblos und gemein zu dir. Warum kommst du dann immer noch zu mir?

NAREN: Ich komme hierher, um dir zuzuhören. Ich verehre dich. Ich bete dich an. Thakur, ich will dich sehen, selbst wenn du unfreundlich zu mir bist. Ich liebe deine Gegen-wart. Ich liebe deine kontemplative Stimmung. Ich liebe deine Trance. Ich liebe alles, was du tust, einfach weil ich dich liebe.

THAKUR: Mein Sohn, ich habe dich geprüft. Ich wollte sehen, was geschehen würde, wenn ich dir keine Zuneigung und Liebe entgegenbringen würde – ob du bei mir bleiben würdest oder nicht. Nur du allein kannst solch Gleichgültigkeit und Geringschätzung von mir ertragen. Wäre es jemand anderes gewesen, so wäre diese Person nicht mehr zu mir gekommen. Niemand außer dir wäre bei mir geblieben. Wen immer ich so behandelt hätte wie dich, diese Person hätte mich bis zum Ende ihres Lebens gehasst.

NAREN: Es ist nur deines Mitgefühls und deiner Liebe zu verdanken, dass ich geblieben bin. Du weißt, dass ich sehr schnell zornig werden kann. Doch du hast mir in deinem Herzen Zuflucht gewährt. Du hast mich in deine Seele aufgenommen und zu deinem wahren Sohn gemacht.

THAKUR (lächelnd): Naren, ich habe okkulte Kräfte, okkulte Kräfte in Hülle und Fülle, alle okkulten Kräfte. Aber was mache ich mit ihnen? Ich trage ja nicht einmal Kleider. Wer wird diese Kräfte nutzen? Ich denke daran, der Mutter zu sagen, dass ich dir gerne alles übertragen möchte, all meine okkulten Kräfte. Du musst viel Arbeit für die Mutter leisten. Wenn ich dir diese Kräfte gebe, wirst du in der Lage sein, äußerst effektiv für die Welt zu arbeiten. Was hältst du von dieser Idee?

NAREN: Sag mir bitte, werden mir diese okkulten Kräfte dabei helfen, Gott zu verwirklichen?

THAKUR: Nein, sie können dir nicht dabei helfen, Gott zu verwirklichen. Aber wenn du beginnst, für Gott zu arbeiten, werden sie sehr nützlich sein.

NAREN: Dann möchte ich sie nicht. Zuerst möchte ich Gott. Nach der Gottverwirklichung ist es deine und Gottes Entscheidung, mir okkulte Kräfte zu gewähren.

THAKUR: Ausgezeichnet, ausgezeichnet! O mein Naren, wer sonst ist wie du? Wer sonst ist ohne Gier, so wie du es bist? Die meisten Sucher sehnen sich nach okkulten Kräften, doch ich bin begierig, dir meine okkulten Kräfte zu geben, und du willst sie nicht. Du willst Gott, mein Sohn, und nicht meine okkulten Kräfte, und Gott ist das Einzige, das wir alle brauchen.

(Rakhal, Baburam und Tarup treten auf. Sie verbeugen sich vor Thakur.)

THAKUR: Man muss so hundertprozentig Gott hingegeben sein wie Naren. Nur dann kann man Gott verwirklichen.

RAKHAL: Ich weiß. Seine Aufrichtigkeit hat mich außer-ordentlich beeindruckt. Mein Bruder ist voller Liebe zu dir, voller Liebe zu Gott. Darf ich dir heute eine Frage stellen?

THAKUR: Selbstverständlich, selbstverständlich. Wenn ich deine Frage nicht beantworte, wessen Frage sollte ich sonst beantworten?

RAKHAL: Bitte erkläre mir den Kern der Vaisnava Philosophie.

THAKUR: Die Vaisnava Philosophie ist sehr einfach. Liebe die Menschheit, diene der Menschheit: das ist die Philosophie.

RAKHAL: Bitte erkläre es mir genauer. Es ist mir nicht ganz klar.

THAKUR: Behalte den Namen Gottes in deinem Gedächtnis. Die Wahrheit und der Besitzer der Wahrheit sind eins. Krishna der Gott und sein wahrer Verehrer sind eins. Die ganze Welt des Verehrers besteht aus Krishna, dem Gott und sonst nichts. Krishna ist für ihn zu allem geworden. Das ist es, was ein wahrer Vaisnava denkt und woran er glaubt, und es ist vollkommen wahr. Wir müssen allen Menschen Mitgefühl entgegenbringen. (macht eine Pause) Nein, ich habe unrecht. Wer sind wir denn, dass wir allen Menschen Mitgefühl entgegenbringen könnten? Wir sind unbedeutender als Ameisen. Welches Recht, welche Fähigkeit haben wir, der Menschheit zu helfen? Wir müssen allen Menschen dienen, in dem Wissen, dass sie alle Manifestationen Gottes sind. Dies ist die richtige Einstellung. Wir müssen allen Menschen dienen, indem wir uns bewusst sind und es auch fühlen, dass sie alle Manifestationen Gottes sind.

TARUP: Sag mir bitte, wie ich Reinheit besitzen kann.

THAKUR: Liebe die Menschheit und diene der Menschheit so ergeben wie möglich. So wirst du automatisch Reinheit erlangen. Du solltest in jedem Menschen Gott sehen. Nur dann wirst du Ergebenheit erlangen. Und wenn du Ergebenheit, wahre Ergebenheit gegenüber Gott hegst, wird dein Herz rein sein.

NAREN: Wenn Gott mir jemals die Möglichkeit und die Fähigkeit gibt, werde ich vor der ganzen Welt predigen. Ich werde zur ganzen Welt sprechen; die Reichen und die Armen, die Brahmanen und die Chandalas werden deine Botschaft von mir hören. Ich möchte deine Botschaft der ganzen Welt anerbieten. Bitte segne mich, so dass mein Verlangen erfüllt werde.

THAKUR: Mein Segen ist bereits hier. Er ist für euch, für euch alle. Er ist in den letzten Jahren auf euch herab geregnet. Mutter spielt in und durch euch alle ihr eigenes Spiel. Ihr seid alle einfach nur Instrumente der Mutter.

(Hriday tritt auf)

HRIDAY: Onkel, ich ertrage dich nicht länger. Es ist unmöglich. Du bist wirklich verrückt geworden. Nun weiß ich, dass du unter dieser Erkältung leiden wirst, und ich werde noch viel mehr leiden.

THAKUR: Ach, das habe ich ganz vergessen. Hriday, vergib mir, vergib mir. Kommt, kommt alle, kommt!

(Alle außer Naren treten ab. Naren setzt sich mit gefalteten Händen auf den Boden und singt.)

Jago amar swapan sathi
jago amar praner pran
jago amar chokher jyoti
rishi kabi murtiman
jago, jago, jago
jago amar bishwal hiya
byapta jaha bishwamoy
jago amar sei chetana
bishwatite shesh ja noy
jago, jago, jago
jago amar dhyani-swarup
jago amar baddhwa jib
sarba jiber tandra tuti
jago amar mukta shib
jago, jago, jago

(Erhebe dich, erwache, o Freund meines Traumes.
Erhebe dich, erwache, o Atem meines Lebens.
Erhebe dich, erwache, o Licht meiner Augen.
Oh Seher-Dichter in mir, offenbare dich in und durch mich.
Erhebe dich, erwache, o weites Herz in mir.
Erhebe dich, erwache, o mein Bewusstsein,
das ständig über das Universum und
sein eigenes Leben des Jenseits hinauswächst.
Erhebe dich, erwache,
o Form meiner transzendentalen Meditation.
Erhebe dich, erwache, o gefesselte Göttlichkeit in der Menschheit.
Erhebe dich, erwache, o Shiva, Befreier meines Herzens,
und befreie die Menschheit von ihrem Unwissenheits-Schlaf.)

Sri Chinmoy, Trinkt, trinkt den Nektar meiner Mutter, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2018
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Dieses Gedicht kann zitiert werden unter Verwendung des Zitierschlüssels dm 10