Kapitel I: Das Reich des Todes

Frage: Warum ist der Tod nötig? Warum kann sich die Seele nicht im selben Körper entwickeln und Fortschritt machen?

Sri Chinmoy: Vorläufig ist der Tod eine Notwendigkeit, das heißt wir brauchen den Tod. Wir können nichts längere Zeit ununterbrochen tun. Wir spielen fünfundvierzig Minuten oder eine Stunde lang und dann werden wir müde und müssen uns ausruhen. Mit unserem inneren Streben verhält es sich genauso. Angenommen wir leben sechzig oder siebzig Jahre lang auf der Erde. Von diesen sechzig oder siebzig Jahren meditieren wir vielleicht zwanzig oder dreißig Tage und selbst dann nur wenige Stunden. Ein gewöhnlicher Mensch kann sein inneres Streben in seiner Meditation normalerweise nicht einmal eine Stunde lang ohne Unterbrechung aufrecht erhalten. Wie kann er das innere Streben, die Wirklichkeit oder das Bewusstsein besitzen, das ihn auf einmal zur ewigen Wirklichkeit beziehungsweise zum unvergänglichen All-Bewusstsein bringen soll?

Auf unserer heutigen Entwicklungsstufe hilft uns der Tod in einer bestimmten Hinsicht. Er gibt uns die Möglichkeit, eine Pause einzulegen. Wenn wir dann wieder auf die Erde zurückkommen, kommen wir mit neuer Hoffnung, neuem Licht und neuem inneren Streben. Doch wenn wir unser inneres Streben bewusst aufrecht erhalten würden und in uns stets eine aufwärts strebende innere Flamme brennen würde, könnten wir sehen, dass der physische Tod leicht zu überwinden ist. Der Tag wird kommen, an dem der Tod nicht mehr notwendig sein wird. Doch im Augenblick fehlt uns die Fähigkeit, wir sind schwach. Spirituelle Meister und befreite Seelen hingegen haben die Meisterschaft über den Tod, doch sie verlassen den Körper, wenn das Göttliche es wünscht.

Ein gewöhnlicher Mensch, der zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre lang die Bürde einer ganzen Familie auf seinen Schultern getragen hat, wird sagen: „Ich bin müde. Ich brauche eine Ruhepause.“ Für ihn hat der Tod wirklich einen Sinn. Die Seele geht in die Seelenwelt und genießt die kurze Rast. Doch für einen göttlichen Krieger, einen Sucher der letzten Wahrheit, hat der Tod keinen Sinn. Er möchte andauernd und ohne Unterbrechung voranschreiten. Deshalb wird er versuchen, in beständiger, ewiger Strebsamkeit zu leben. Mit dieser ewigen Strebsamkeit wird er versuchen, den Tod zu besiegen, so dass er eine ewige äußere Manifestation des Göttlichen, das ihm innewohnt, sein kann.

Sri Chinmoy, Tod und Wiedergeburt, The Golden Shore GmbH, Nürnberg, 1999
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