Kapitel IV: Reinkarnation: Die große Pilgerfahrt

Frage: Was ist Sinn und Zweck der Reinkarnation?

Sri Chinmoy: Während eines einzigen Erdenlebens können wir nicht alles tun. Wenn wir in der Welt der Wünsche bleiben, werden wir uns nie erfüllen können. Als Kind haben wir Tausende von Wünschen und selbst wenn wir das Alter von siebzig Jahren erreichen, sehen wir, dass dieser oder jener Wunsch nicht erfüllt worden ist und wir fühlen uns elend. Je mehr Wünsche wir uns erfüllen, desto mehr stellen sich ein. Erst wollen wir ein Haus, dann zwei Häuser, erst ein Auto, dann zwei Autos und so geht es unaufhörlich weiter. Sobald unsere Wünsche erfüllt sind, merken wir, dass wir noch immer unzufrieden sind. Dann fallen wir anderen oder noch größeren Wünschen zum Opfer.

Nun ist uns aber Gott am liebsten. Glaubt ihr, dass Gott uns erlauben wird, unerfüllt zu bleiben? Nein! Gottes Absicht ist es gerade, jeden Einzelnen und Sich selbst durch uns zu erfüllen. Er wird uns wieder und wieder zurückkehren lassen, um unsere Wünsche zu erfüllen.

Wenn jemand das Verlangen hat, in dieser Inkarnation ein Millionär zu werden und am Ende seiner Reise feststellt, dass er es nicht geschafft hat, dann muss er, falls sein Wunsch stark genug ist, solange zurückkommen, bis er wirklich ein Millionär geworden ist. Doch als Millionär wird er erkennen, dass er in gewisser Hinsicht doch ein Bettler geblieben ist, denn er wird keinen Frieden im Verstand haben. Wenn er jedoch in die Welt des inneren Strebens eintritt, hat er möglicherweise kein Geld, doch er wird Frieden im Verstand haben und dies ist wirklicher Reichtum.

Wenn wir in der Welt der Wünsche leben, sehen wir, dass sie aus einer endlosen Kette von Wünschen besteht. Doch wenn wir in der Welt des inneren Strebens leben, sehen wir das Ganze, treten in das Ganze ein und werden schließlich zum Ganzen. Wir wissen, dass wir in Gott alles finden werden, wenn wir ihn verwirklichen, denn alles existiert in Gott. Aus diesem Grund verlassen wir schließlich die Wunschwelt und betreten die Welt des inneren Strebens. Dort reduzieren wir unsere Wünsche und denken mehr an Frieden, Glückseligkeit und göttliche Liebe. Es kann Jahre dauern, bis wir ein wenig Frieden, einen Tropfen Nektar erhalten. Doch ein spiritueller Mensch ist bereit, für unbestimmte Zeit auf die Stunde Gottes zu warten, um sein inneres Streben zu erfüllen. Und sein Streben, diesen Frieden, dieses Licht und diese Glückseligkeit zu erreichen, wird nicht vergebens sein.

Wenn es unser Ziel ist, in das Höchste, das Unendliche, das Ewige, das Unsterbliche einzugehen, dann reicht ein kurzes Leben natürlich nicht. Doch Gott wird uns nicht erlauben, unerfüllt zu bleiben. In unserem nächsten Leben werden wir die Reise fortsetzen. Wir sind ewige Reisende. Wir müssen solange fortfahren, bis wir unser Ziel erreicht haben. Das Ziel jedes Strebenden ist Vollkommenheit. Wir versuchen, uns in einer unvollkommenen Welt zu vervollkommnen. Und diese vollkommene Vollkommenheit können wir in einem Leben nie erreichen.

Durch inneres Streben und Evolution kann sich die Seele so weit entwickeln, dass sie das Höchste verwirklichen und das Göttliche erfüllen kann. Zuerst muss jedoch das Physische, das Menschliche in uns danach streben, mit der Seele, dem Göttlichen in uns eins zu werden. Gegenwärtig hört der Körper nicht auf die Anweisungen der Seele, der physische Verstand sträubt sich dagegen. Die Intrigen des physischen Verstandes verdecken die göttliche Absicht der Seele und der Seele gelingt es nicht zum Vorschein zu kommen. Auf dem jetzigen Stand der Evolution leben die meisten Menschen unbewusst und wissen nicht, was die Seele will oder braucht. Sie haben Wünsche, bangen um Erfolg, leiden unter Anspannung und Erregung. All dies stammt vom Vitalen und vom Ego, wohingegen alles, was mit dem Bewusstsein der Seele getan wird, voller Freude ist. Manchmal vernehmen wir die Anweisungen der Seele oder die Botschaft unseres Gewissens, handeln aber trotzdem nicht danach oder sagen trotzdem nicht das Richtige. Der physische Verstand ist schwach, wir sind schwach. Wenn wir jedoch mit dem Verstand zu streben beginnen und dann über den Verstand hinaus zur Seele vordringen, können wir leicht die Anweisungen der Seele hören und auch befolgen.

Der Tag wird kommen, an dem die Seele in der Lage sein wird, ihre göttlichen Eigenschaften in die Tat umzusetzen und den Körper, den Verstand und das Herz fühlen zu lassen, dass sie ihre Selbstentdeckung brauchen. Das Physische und das Vitale werden dann bewusst auf die Seele hören und den Wunsch hegen, durch die Seele belehrt und geleitet zu werden. Wenn das geschieht, werden wir hier im Physischen eine unsterbliche Natur, ein unsterbliches Leben besitzen, denn unsere Seele wird mit dem Göttlichen auf der Erde vollständig und untrennbar eins sein. Dann werden wir unseren inneren Reichtum der ganzen Welt anbieten und die Möglichkeiten unserer Seele manifestieren müssen. Es geschieht sehr oft, dass die Verwirklichung in einer Inkarnation stattfindet, die Seele für die Manifestation aber wieder und wieder auf die Erde kommen muss. Bis wir die höchste Göttlichkeit in uns enthüllen und manifestieren, ist unser Spiel nicht vorbei. Solange wir unsere Rolle im kosmischen Drama nicht beendet haben, müssen wir immer wieder auf die Welt zurückkehren. Im Verlauf der Evolution wird die Seele jedoch in einer ihrer Inkarnationen das Göttliche im Physischen und durch das Physische vollständig verwirklichen und vollständig manifestieren.

Sri Chinmoy, Tod und Wiedergeburt, The Golden Shore GmbH, Nürnberg, 1999
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