Keine Wichtigtuerei, sondern inneres Einssein

Ein spiritueller Meister beauftragte eines Nachmittags einen seiner neuen Schüler damit, in der Vorhalle seines Centers ein Bild aufzuhängen. Der Meister deutete auf einen Punkt an der Wand und sagte zu dem Schüler: „Bitte schlage den Nagel hier ein.“ Natürlich war der neue Schüler überglücklich, dass der Meister ihn dazu aufforderte. Voller Eifer nahm er den Hammer und schlug den Nagel ein. Obwohl der Meister ausgerechnet ihn damit beauftragt hatte und viele andere Schüler in der Nähe waren, die ihm zuschauten, erfüllte der Schüler die Aufgabe seelenvoll und demütig, ohne jegliche Angeberei.

Währenddessen unterhielt sich ein Schüler, den der Meister als einen schlechten Schüler betrachtete, mit einigen seiner Freunde am anderen Ende der Halle. Als der schlechte Schüler bemerkte, dass der neue Schüler diese Arbeit für den Meister ausführte, stieg sofort Eifersucht in ihm auf. Er sagte sich: „Ach, der neue Schüler ist dem Meister wichtiger als ich, deshalb hat der Meister ihn gebeten, den Nagel in die Wand zu schlagen.“

Etwas später bat der Meister den neuen Schüler höflich, die Küche zu fegen. Auch dieses Mal erfasste den anderen Schüler die Eifersucht, weil der Meister wieder den neuen Schüler dazu aufgefordert hatte und nicht ihn. „Ach, der Meister hat ihm die Sache aufgetragen“, sagte sich der unglückliche Schüler. „Es ist zwar lediglich Küchenarbeit, aber es macht mich innerlich ganz krank, weil ich diese Möglichkeit nicht bekommen habe.“

Währenddessen saß einer der besten Schüler des Meisters, der dem Meister gegenüber wirklich hin­gebungs­­voll und treu ergeben war, im nahe gelegenen Medi­tationsraum. Er sagte zu sich: „Ich bin dem Meister ja so dankbar, dass er nicht mich, sondern den neuen Schüler damit betraut hat, das Bild aufzuhängen und den Boden zu fegen. Dadurch hat er mir die Gelegenheit gegeben, die Zeit für Meditation zu nützen. Ich fühle wahrhaftig, dass der Meister dies zu meinem Besten arrangiert hat.“

Ein weiterer guter Schüler des Meisters hatte den Vorgang gleichfalls beobachtet. Er war in keinem meditativen Bewusstsein und fühlte sich gerade ziemlich niedergeschlagen. Dieser Schüler sagte sich: „Es freut mich, das zu sehen. Ich weiß, dass der Meister nur mein Bestes will. Heute bin ich in keiner guten Verfassung und wenn der Meister mich gebeten hätte, das Bild aufzuhängen oder den Boden zu fegen, hätte ich damit nur angegeben. Ich hätte nur meinen Stolz und meine Eitelkeit sowie meine anderen ungöttlichen Eigenschaften zur Schau gestellt. Ich danke dem Meister, dass er mir vergeben hat; er hat mich nicht in den Mittelpunkt gerückt und meine Unwissenheit bloßgestellt. Er hat mir heute keine Gelegenheit gegeben, mich selbst in Verlegenheit zu bringen.“

Auf okkulte Weise hatte der Meister in den Gedanken dieser drei Schüler gelesen. Er war sehr stolz auf seine beiden guten Schüler und ziemlich verstimmt über die Reaktion des schlechten Schülers. Der Meister beschloss, zu allen anwesenden Schülern über die richtige innere Einstellung in Bezug auf selbstloses Dienen zu sprechen. Er bat die Schüler in den Meditationsraum zu kommen und sagte: „Der so genannte selbstlose Dienst wirft in meinem Ashram ein Problem auf. Ich möchte nicht das Wort ‚Ego’ gebrauchen, sondern das Wort ‚Wichtigtuerei’; es ist unsere Wichtigtuerei, die Probleme solcher Art verursacht.“

„Ein guter Schüler wird stets etwas Gutes an der Art finden, wie der Meister die Aufgaben verteilt. Er wird glauben, dass es zu seinem eigenen Besten ist, wenn der Meister jemand anderen um einen Dienst bittet. Sogar wenn er in einer schlechten Stimmung ist, wird er dem Meister dankbar sein, dass dieser seine Unwissenheit nicht zur Schau gestellt hat. Wenn der Schüler in einem guten Bewusstsein ist, dann fühlt er, dass ihm sein Meister die Möglichkeit gegeben hat, zu meditieren, tief nach innen zu tauchen und in der inneren Welt zu arbeiten. Ein guter Schüler wird stets wissen und fühlen: Mein Meister wird mir stets geben, was für mich gut ist, er wird anderen geben, was für sie gut ist und das ist zugleich das Beste für mich. Ein schlechter Schüler wird jedoch niemals auf solch göttliche Weise denken. Er wird immer in der Annahme sein, dass der Meister sich weit mehr um andere kümmert als um ihn. Wenn ihr die göttliche Haltung des guten Schülers einnehmt, könnt ihr euch stets vor dem Angriff der Eifersucht retten, welche nichts anderes als Unwissenheit ist.“

Der besagte schlechte Schüler fühlte innerlich, dass der Meister seine Gedanken gelesen hatte. Doch äußerlich sagte er: „Meister, bitte erkläre uns, was du meinst!“ Der Meister betrachtete den Schüler ein paar Augenblicke lang und erwiderte dann: „Wenn ich jemand anderen auffordere, etwas zu tun und du ein schlechter Schüler bist, wirst du sofort sagen: ‚Ach, der Meister hat ihn gebeten, diese Arbeit zu tun; das bedeutet, dass er sich nur um ihn kümmert.’ Dann wird in dir deine ganze Welt zusammenbrechen, weil ich jemand anderen und nicht dich darum gebeten habe. Wenn du jedoch ein guter Schüler bist, wirst du sofort sagen: ‚Ich bin dem Meister so dankbar, da er mir erlaubt hat zu meditieren und nach innen zu tauchen, um mich an unendlichem Frieden, unendlichem Licht und an unendlicher Glückseligkeit zu erfreuen.’ Dies ist die absolut beste Haltung, die göttliche Haltung. Nun sieh zu, wie du deine Haltung ändern und dich selbst retten kannst.“

Der schlechte Schüler schämte sich, dass der Meister seine falsche Haltung öffentlich dargestellt hatte. Der Meister fuhr fort: „Du solltest jedoch noch einen Schritt weitergehen und sagen: ‚Wenn der Meister mich bittet, sofort einen Nagel in die Wand zu schlagen oder den Küchen­boden zu fegen, dann werde ich diese Aufgabe mit der gleichen Freude erledigen, denn für mich ist Meditation und das Fegen des Küchenbodens von gleicher Wichtigkeit. Aber im Augenblick ist es so, dass etwas von mir verlangt wird und etwas anderes nicht verlangt wird. Ich bin froh, dass ich etwas für den Meister tun kann. Wenn ich in der Unwissenheit verbleibe und mich von der Eifersucht angreifen lasse, dann wird man mir niemals erlauben, den Boden zu fegen oder einen Nagel in die Wand zu schlagen. Auch werde ich nicht gut meditieren können.’ Gute Schüler werden stets etwas Positives an den Tätigkeiten finden, um die man sie gebeten hat und schlechte Schüler werden immer einen niedrigen Beweggrund hinter der Bitte des Meisters vermuten. Wenn du in die Rolle des guten Schülers schlüpfst, dann wird nicht nur dein Problem, sondern auch Gottes Problem, das Problem der uralten Unwissenheit des Menschen sofort gelöst werden.“

Der Meister machte eine Pause. „Einen Punkt möchte ich noch hinzufügen und dann werde ich meine Predigt beenden. Wenn eine Familie Zuwachs bekommt, wenn ein Kind geboren wird, jedoch die älteren Geschwister nicht reif sind, dann werden sie ziemlich eifersüchtig auf das neue Familienmitglied sein. Sie glauben, dass die Eltern ihnen zuvor viel Aufmerksamkeit schenkten und dass nun der Neuankömmling die gesamte Aufmerksamkeit erhält und sie selbst leer ausgehen. Wenn sie wirklich gut und göttlich sind, dann werden sie sich sehr darüber freuen, dass sie ein neues Familienmitglied, einen kleinen Bruder haben. Sie fühlen: ‚Nun ist unsere Familie um ein Mitglied gewachsen. Wenn wir mit einer Familie in der Nachbarschaft Streit haben, dann wird unser kleiner Bruder für uns kämpfen, wenn er erwachsen ist.’ Das ist die Haltung, die sie einnehmen.“

„Meister“, sagte der schlechte Schüler höchst aufrichtig, „bitte sage uns, wie wir diese Anschauung in unserem spirituellen Leben praktizieren können.“

Der Meister sagte: „In unserem Fall ist die benachbarte Familie die Unwissenheit. Du siehst, dass in unserer spirituellen Familie die Anzahl der Mitglieder steigt. Wenn du die Haltung einnimmst, dass jeder, der neu zu uns kommt, ein echtes Familienmitglied ist und keine Bedrohung darstellt, wird dies unsere Familie stärken. Auch du wirst viel kraftvoller gegen den Feind ankämpfen können, der sich direkt neben dir befindet: Unwissenheit. Versuche immer zu fühlen, dass du die Anzahl deiner eigenen Soldaten im Kampf gegen die Unwissenheit erhöhen kannst, wenn du neu dazugekommene Schüler annimmst. Wenn du einem neuen Schüler Sympathie und Liebe entgegenbringst, dann wird diese Person auf deiner Seite stehen und im Tauziehen wird die Kraft auf deiner Seite zunehmen, stetig zunehmen. Die andere Seite, die Unwissenheit, wird sich dir natürlich beugen müssen. Also sei der neu dazugekommenen Person dankbar dafür, dass sie im Tauziehen deine Seite einnimmt, denn jetzt gewinnst du mehr Kraft und bekommst eine größere Chance, die Unwissenheit zu besiegen.“

„Meister“, sagte der Schüler, „dein Erleuch­tungs-Licht hat uns alles klar verständlich gemacht. Von nun an keine Wichtigtuerei und keine Eifersucht mehr, sondern nur noch innere Sympathie und Liebe gegenüber unseren Mitschülern. Wir werden es versuchen und mit Hilfe deines Lichtes wird es uns ganz bestimmt gelingen.“

Sri Chinmoy, Ein Universum von Heiligen, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2005
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