Ein Universum von Heiligen

Einst lebte ein sehr großer spiritueller Meister, der sich uneingeschränkt all seinen Ashrams rund um den Globus widmete. Der Meister hatte einen sehr hohen Standard und erwartete viel von seinen Schülern. Doch bedauerlicherweise erfüllten viele seiner spirituellen Centers im Verlauf eines bestimmten Jahres seine Anforderungen nicht mehr und sein geliebter Supreme zwang ihn dazu, die betreffenden Centers eines nach dem anderen aufzulösen. Jedes Mal, wenn der Meister ein Center verlor, fühlte er, dass er einen Teil seines eigenen Herzens und seiner eigenen Seele verloren hatte. Schließlich blieb dem Meister nur noch ein Center in einem weit, weit entfernten Land übrig.

Eines Nachts sah der Meister mit seiner okkulten Schau, dass dieses Center kurz vor einer großen Katastrophe stand und dass ihn der Supreme in ihm dazu zwingen würde, auch dieses Center aufzulösen. Der Meister war außer sich vor Kummer. Unverzüglich traf er Vorbereitungen, um am nächsten Tag zu diesem Center zu fliegen. Gleich nach der Ankunft rief der Meister all seine Schüler zusammen. Der Meister begann: „Meine liebsten spirituellen Kinder, dies wird eine meiner Strafpredigten werden. Ich bin in der letzten Zeit so pessimistisch. Der Optimismus hat mich verlassen; pessimistische Gedanken sind gekommen. Zu euch sage ich immer: ‚Wir wollen hoffnungsvoll sein’, aber nun haben mich alle Centers in einem solchen Ausmaß enttäuscht, dass ich nur noch Dunkelheit rings umher sehe. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es könnte sein, dass ich gezwungen werde, auch dieses Center aufzulösen.“

Die Schüler waren traurig und schockiert, als sie hörten, dass die Situation bereits an diesem kritischen Punkt angekommen war. „Um was genau handelt es sich denn, Meister?“, fragte einer von ihnen.

Der Meister sagte: „In einigen meiner anderen Centers gab es Leute, die ihre ganze Aufmerksamkeit dem selbstlosen Dienst widmeten und für das Meditieren überhaupt nichts übrig hatten. Meditation ist jedoch unabdingbar. Im spirituellen Leben ist beides von höchster Wichtigkeit. Doch leider schenkt ihr in diesem Center weder der Meditation noch dem hingebungsvollen Dienst eure Aufmerksamkeit.“ „Meister, warum haben wir dich hinsichtlich unseres selbst-losen Dienens enttäuscht?“

„Wir haben hier nur sehr wenige Möglichkeiten, unserem selbstlosen Dienen Ausdruck zu verleihen. Aber jeder Einzelne von euch kann viel, viel mehr tun. Einige von euch arbeiten wirklich hart, was das Drucken meiner Bücher betrifft oder wenn es darum geht, Spenden für das Center zu sammeln. Doch ich muss euch sagen, wenn ihr aufrichtiger, hin­gebungsvoller und ergebener gewesen wärt, hätten wir die Zahl unserer Enterprises und anderer Formen des hingebungsvollen Dienens erweitern können. Man hätte viele, viele andere Dinge erreichen können, wenn ihr euer hingebungsvolles Dienen ernster genommen hättet.“

„Dann sage uns bitte, was wir tun sollen, um uns zu ändern, Meister“, bat ein Schüler.

„Wenn jeder von euch fühlen kann, dass er für den Erfolg und den Fortschritt dieses Centers hundertprozentig verantwortlich ist, nicht neunundneunzig-, sondern hundertprozentig, dann gibt es keinen Grund, warum dieses Center nicht überleben und den schnellstmöglichen Fortschritt machen kann. Wenn ihr jede Sekunde wirklich fühlt, dass ihr Gottes auserwählte Kinder seid, dann möchte ich sagen, dass dieses Center, mein liebstes Center, ein anderes Schicksal haben wird. Diese Veränderung kann über Nacht erreicht werden.

Wenn wir in einer Sache dem Ungöttlichen anheim fallen, werden wir in allem ungöttlich. Wenn jemand wirklich schlecht ist, ist er in allem schlecht. Aber wenn jemand wirklich gut ist, ist er in allem gut. Jeder sollte in erster Linie die Rolle eines Heiligen spielen. Wenn jedes Einzelne meiner spirituellen Kinder daran glaubt, dass es ein Heiliger ist, dann können wir ein Universum von Heiligen haben. Doch im Augenblick sehen wir uns nicht auf diese Weise. Wie können wir so annehmen, dass wir die Heiligen übertreffen?“

„Meister, wir wissen, dass wir voller Unvollkommenheit sind“, sagte darauf ein Schüler. „Wie kannst du sagen, dass wir alle wie Heilige sind?“

„Ich sage euch“, antwortete der Meister, „dass ihr die auserwählten Instrumente Gottes seid. Auserwählte Instrumente Gottes sind den Heiligen weit überlegen. Ein Heiliger ist sehr gut, aber er ist nicht tapfer genug. Er nimmt eine hohe Stellung ein, doch er möchte nicht mit Dingen in Berührung kommen, die unter seiner Würde liegen, und er möchte nicht unbedingt mit anderen sprechen. Er fürchtet sich davor, von der dunklen Tinte der Welt befleckt zu werden. Für gewöhnlich ziehen sich die indischen Heiligen in die Höhlen des Himalayas zurück. Sie führen ein sehr reines Leben, doch sie arbeiten nicht an der Offenbarung Gottes. Hier aber ist jeder Einzelne von euch als göttlicher Held vom Supreme auserwählt worden. Ihr verkörpert bereits die heiligen Eigenschaften des inneren Strebens und das Gefühl des Einsseins. Nun bietet ihr diese göttlichen Eigenschaften der ganzen Welt an. Deshalb bezeichnen wir euch als auserwählte Instrumente des Supreme. Ihr müsst weit, sehr weit über die Heiligen hinauswachsen und gegen Angst, Zweifel, Eifersucht, Unvollkommenheit und Begrenzungen gemäß dem Willen des Supreme ankämpfen.“

Alle waren von den Worten des Meisters zu­tiefst bewegt. Aber ein Schüler fragte: „Meister, was sollen wir tun, wenn die Leute unser Angebot ablehnen?“

Der Meister sagte: „Die Fähigkeit eines Skorpions besteht darin, dass er stechen kann. Die ureigene Natur eines ungöttlichen Menschen besteht darin, andere zu verletzen. Doch wenn du ein Heiliger bist, wirst du den Skorpion nicht umbringen, nachdem er dich gestochen hat. Was wirst du tun? Du wirst ihn einfach dorthin zurückbringen, wohin er hingehört. Es ist deine ureigene Natur, so zu handeln, weil du göttlich bist. Wenn dich jemand verletzt, wirst du ihm deine Fähigkeit zeigen, die in deiner edlen Grundhaltung besteht. Dies ist keineswegs vergebens, meine Kinder. Selbst ein ungött­licher Mensch wird bewusst oder unbewusst etwas Licht aus eurem edlen Handeln empfangen.

Dieses Center kann sich jeden Tag verbessern, wenn jeder Einzelne fühlt, dass er ein Heiliger ist. Es ist nichts Verkehrtes daran, zuerst in dieser Weise zu denken; es ist die absolut richtige Einstellung. Indem du sagst: „Ich bin ein guter Mensch, ich bin ein aufrichtiger Mensch“, wirst du eins mit deiner Seele. Sobald du mit deiner Seele eins bist, kannst du nichts mehr tun, was falsch ist. Wenn du den positiven Weg wählst und sagst: „Ich bin ein Kind des Supreme“, oder wenn du einige Male wiederholst: „Ich bin Gottes Sohn“ oder „Ich bin Gottes Tochter“, dann werden alle positiven Eigenschaften zu dir kommen. Aber wenn du das Gefühl hegst, ein Klumpen Dreck oder eine Anhäufung von Unwissenheit zu sein und dass Gott jemand anderer ist, der sich weit entfernt befindet, wirst du dein Ziel nie erreichen. Du wirst die ganze Zeit am Weinen und Klagen sein. Das ist die falsche Annäherung an Gott. Du musst fühlen, dass du in deinen Anlagen das bist, was Gott ist. Wenn Gott groß ist, wenn Er gnädig, liebevoll und voll Vergebung ist, dann besitzen wir diese Eigenschaften ebenfalls. Alle Eigenschaften, die wir Gott zuschreiben, besitzen auch wir.“

„Aber im Augenblick sind sie ganz gewiss verborgen“, sagte ein Schüler.

„Wir besitzen diese Anlagen in einem winzigen Ausmaß, während Gott sie in unendlichem Ausmaß besitzt. Doch so wie wir spirituell heranwachsen, mehren sich diese Eigenschaften in unendlichem Ausmaß. Deshalb sollten wir das innere Gefühl hegen, dass wir das, was Gott in grenzenlosem Ausmaß besitzt, ebenfalls besitzen. Auf den ausdrücklichen Wunsch des Supreme hin müssen wir dann unseren Reichtum uneingeschränkt der Menschheit anbieten.

Gott ist der Ozean und der Einzelne ist der winzige Tropfen. Wenn dieser winzige Tropfen in den Ozean eintritt, wie können wir ihn dann vom Ozean unterscheiden? Er wird zum Ozean selbst. Umgekehrt ist es aber auch so, dass der Ozean leer wäre, wenn man alle Tropfen herausnehmen würde. Wenn ich als ein Tropfen und du als ein Tropfen vom Ozean, der Gott ist, weggenommen würden, dann wäre der Ozean unvollständig. Der Tropfen überlässt sein Schicksal dem Ozean und wird selbst zum Ozean. Zugleich nehmen das Mitgefühl des Ozeans und die Liebe des Ozeans den Tropfen als untrennbaren Bestandteil ihrer selbst an, als etwas, das zu ihrer Stärke beitragen wird.“

„Möchtest du damit sagen, dass der Tropfen tatsächlich etwas zum Ozean beiträgt, Meister?“, fragte ein Schüler.

„Das ist vollkommen richtig“, antwortete der Meister. „Wenn dein Vater eintausend Dollar besitzt und du als Kind deinem Vater einen Dollar bringst, dann erhöht sich die Summe auf eintausendundeinen Dollar. Dann besitzt dein Vater nicht mehr nur eintausend Dollar; er hat nun eintausendundeinen. Auf die gleiche Weise solltet ihr alle fühlen, dass eure Anstrengung, euer spiritueller Beitrag von größter Notwendigkeit ist. Jeder einzelne Beitrag trägt zu Gottes Wirklichkeit und Seinen Fähigkeiten auf Erden und im Himmel bei.

Bitte versuche stets zu fühlen, dass du das auserwählte Kind des Supreme bist. Wie du weißt, kann es direkt neben deinem Haus Leute geben, die sehr, sehr schlecht, von niedriger Natur und sehr un­göttlich sind. Du würdest niemals die Dinge tun, die sie tun. Du fühlst sofort, dass du aus einer geachteten Familie stammst, eine gute Erziehung genossen hast und ein spirituelles Leben führst; deshalb ist es dir unmöglich, die gleichen Dinge zu tun, die sie tun, es ist schlichtweg unter deiner Würde. Ihr Standard und dein Standard sind völlig verschieden. Dein Standard ist sehr hoch; ihr Standard ist sehr niedrig.

Aber du musst auch wissen, dass die Dinge, die du im Augenblick tust, im Vergleich zum Standard eines Heiligen sehr niedrig sind. Dennoch sagt dir Gott, dass du einem Heiligen weit überlegen bist. Du hast das spirituelle Leben angenommen und nun hast du die Kraft, sein auserwähltes Instrument zu werden. Dies beanspruchen wir immer für uns. Lasst uns stets an das denken, was wir wirklich sind.“

„Meister, bitte vergib mir, aber ich verstehe dich nicht. Zuerst schimpfst du mit uns; dann lobst du uns über alle Maßen.“

„Meine Lieben“, sagte der Meister, „wenn ich euch sage, dass ihr Gottes Kinder seid, so schmeichle ich euch nicht. Nein! Ich sehe in euch, was ihr wirklich seid. Doch leider seht ihr nicht, was ihr wirklich seid. Darin liegt das Problem. Betrachtet euch als göttlich. Dann werden euch die ungött­lichen Eigenschaften von selbst verlassen, denn sie werden erkennen, dass sie an der falschen Türe anklopfen, an der Türe eines Fremden. Es wird mit Sicherheit die Zeit kommen, in der euer Leben und das Leben der Unwissenheit und Begrenzung einander völlig fremd sein werden. Deshalb, meine Kinder, versucht euer Schicksal zu ändern. Gottes Gnade ist bereits da.“

Sri Chinmoy, Ein Universum von Heiligen, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2005
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