Das Mitgefühl des Meisters kann man nicht kaufen

Es war einst ein spiritueller Meister, der nur zwanzig Schüler hatte. Die meisten seiner Schüler waren aufrichtig, ergeben und strebsam. Nur zwei oder drei Personen waren sehr unspirituell und ungöttlich. Eine dieser unspirituellen Personen pflegte zweimal die Woche zum Haus des Meisters zu kommen und brach dann vor dem Meister in Tränen aus. Diese Schülerin war bereits in ihren späten Sechzigern und dem Alter nach, die älteste Schülerin des Meisters. Sie weinte immerzu, doch wenn der Meister sie nach dem Grund fragte, antwortete sie stets: „Ach, eines Tages werde ich es dir sagen, eines Tages werde ich es dir sagen.“

Dies setzte sich etwa eineinhalb Jahre lang so fort. Dann sagte sie eines Tages: „Es tut mir so leid, dass ich dir sagen muss, dass mein Mann während den letzten Jahren sehr krank gewesen ist. Kürzlich hat er einen kleinen Schlag erlitten. Nun kann er seine rechte Hand nicht mehr bewegen. Als wir beide jung waren, liebten wir uns sehr, doch nun hassen wir einander. Zurzeit leben wir nur noch aus Angst zusammen, dass die Leute sich über uns lustig machen oder schlecht über uns reden, wenn wir auseinander gehen. Trotzdem fühle ich mich traurig, dass mein Mann soviel leiden muss. Sag mir bitte, ob du in diesem Falle auf irgendeine Weise helfen kannst?“

Der Meister antwortete: „Ich kann dir nicht helfen. Ich hätte dir nur helfen können, wenn du selbst sehr spirituell gewesen wärst und wenn dein Mann spirituell gewesen wäre. Doch dein Mann ist bis jetzt noch nie in mein Haus gekommen.“

„Ach, Spiritualität ist nichts für ihn“, erwiderte sie, „doch ich komme regelmäßig hierher.“

„Du kommst regelmäßig, doch deine Strebsamkeit ist nicht intensiv genug.“

„Kannst du meinen Mann nicht wenigstens einmal treffen?“ bat die Schülerin.

„Sicher kann ich deinen Mann treffen. Du kannst ihn hierherbringen und ich werde kurz mit ihm sprechen.“

So brachte die Frau ihren Mann zum Meister. Mit aufrichtigem Mitgefühl berührte der Meister die rechte Hand des Mannes und plötzlich bewegte sie sich einige Male. Dann liebkoste und massierte der Meister die Hand und zum größten Erstaunen der Schülerin kam ein wenig Leben in die Hand. Sie und ihr Mann waren beide begeistert und verließen das Haus des Meisters überglücklich.

Doch diese Lebensenergie floss nur ein paar Stunden lang. Dann verebbte sie und er konnte die Hand erneut nicht mehr bewegen. Die Frau wurde sehr traurig. Als sie das nächste Mal im Haus des Meisters war, fragte sie ihn: „Wie kommt es, dass deine Heilkraft nicht anhält?“

Der Meister sagte: „Gott will das vergangene Karma deines Mannes nicht auslöschen. Deshalb kann ich nicht mehr als das tun.“

Dreimal brachte sie ihren Mann und jedes Mal vollführte der Meister diese Art von flüchtigem Wunder. Danach fügte der Meister stets hinzu: „Ich kann nicht mehr tun, denn es ist nicht der Wille Gottes.“

Beide, der Mann und die Frau, waren sehr verärgert über den Meister, doch es gab nichts, was sie in diesem Falle tun konnten. Die Frau kam weiterhin regelmäßig zum Haus des Meisters. Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass der Meister eines Tages mit ihr wirklich zufrieden sein und ihren Mann gänzlich heilen würde.

Eines Tages kam die Frau ein brillanter Plan in den Sinn, von dem sie dachte, damit könne sie möglicherweise die Meinung des Meisters ändern. Sie gab dem Meister einen Zehn-Dollarschein und ließ ihn fühlen, dass dies alles sei, was sie sich leisten könne; ansonsten hätte sie ihm weit mehr gegeben. Einige Tage später schob sie einen weiteren Zehn-Dollarschein in die Tasche des Meisters. Und einige Zeit später tat sie das Gleiche nochmals. Auf diese Weise erhielt der Meister dreißig Dollar von ihr und das war alles, was sie ihm während der drei Jahre gegeben hatte, in denen sie seine Schülerin gewesen war. Ihre Brüder- und Schwester-Schüler pflegten sie zu necken, denn sie wussten, dass sie sehr, sehr reich war und dass ihr Mann früher wahrscheinlich noch wesentlich reicher war. Sie hatte stets Tausende von Dollar auf ihrem Bankkonto, doch sie legte nie etwas in die Kasse für Liebesgaben. Auf jeden Fall sagte ihr der Meister weiterhin, dass das Karma ihres Mannes nicht ausgelöscht werden könne.

Sechs Monate später zog der Meister in eine andere Stadt und plötzlich gab es sehr viele Sucher, die seinem Weg folgen wollten. Im Verlauf von drei Monaten erhielt der Meister Tausende von Schülern. Als die Frau sah, dass der Meister Tausende von Schülern hatte, dachte sie, es wäre unmöglich, ihn dazu zu bringen, ihrem Mann zu helfen. Sie dachte für sich: „Selbst als er nur zwanzig Schüler hatte, konnte ich ihn nicht beeinflussen. Sogar in jenen Tagen war es schwierig, zu ihm zu kommen. Doch nun, wo er Tausende von Schülern hat, wird es ein völlig nutzloses Unterfangen sein. Das Beste für mich wird sein, wenn ich seinen Weg aufgebe.“ Und so verließ die Frau ihren Meister.

Für ihren Mann kam noch eine Zeit, wo er sehr viel leiden musste, bis er schließlich verstarb. Bevor diese Schülerin den Weg verlassen hatte, hatte sie eine Reihe von Geschichten gehört, wie der Meister die Seelen von verstorbenen Menschen angerufen und gesegnet hatte. Doch es war alles eine Sache des Glaubens. Früher, hatte es eine Zeit gegeben, wo sie all diesen Geschichten Glauben schenkte, doch jetzt, da sie den Meister verlassen hatte, hatte sie keinen Glauben mehr an ihn. So beschloss sie, den Meister nicht über den Tod ihres Mannes zu unterrichten.

Diese Frau hatte eine enge Freundin, die immer noch eine Schülerin des Meisters war. Ihre Freundin sagte: “Heutzutage, wo der Meister Tausende von Schülern hat, schenkt er uns überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr. Du hast ihn verlassen, weil er dir keine Aufmerksamkeit geschenkt hat und auch ich werde ihn sehr bald aus demselben Grund verlassen. Doch ich habe ein wenig Glauben an ihn und ich habe das Gefühl, dass er wirklich die Fähigkeit besitzt, Frieden für verstorbene Seelen herab zu bringen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass du ihn über den Tod deines Mannes informieren solltest.“

„Mein Man ist gestorben und befindet sich nun in vollkommenem Frieden. Wenn dein Meister die Seele meines Mannes anruft, wird sofort Leben in seine Seele dringen und ihn stören. Dann wird er sich miserabel fühlen und all sein Frieden wird ruiniert sein. Außerdem befürchte ich, dass ich mich danach verpflichtet fühle, dem Meister Geld zu geben, wenn er sagt, er hätte etwas für meinen Mann getan. Und außerdem, ich glaube an das Ganze überhaupt nicht. Ich bin zudem nicht bereit, ihm Geld zu geben, obwohl ich, wie du weißt, ja einiges an Geld besitze.“

Diese beiden Frauen kannten sich sehr gut. Daher fragte ihre Freundin: „Wie viel Geld hast du denn wirklich?“

Sie antwortete: „Ich will im Augenblick nicht darüber sprechen. Doch weil du meine Freundin bist, zeige ich dir mein Sparbuch.“ Sie hatte sechsundsiebzigtausend Dollar auf ihrem Sparbuch. Ihre Freundin schaute, als wäre sie vom Himmel gefallen, so überrascht war sie. „Sechsundsiebzigtausend Dollar!“, rief sie aus.

„Ja und ich werde das gesamte Geld einem entfernten Neffen, geben. Er verdient es. Er hat vor ein Spital für Arme zu eröffnen. Das ist eine gute Sache. Doch diesem Schuft, diesem Fremden, der einmal mein Meister war, werde ich keinen Cent geben. Wer weiß, er würde vielleicht nur mein ganzes Geld nehmen und in sein Herkunftsland zurückkehren und sich dort wie ein König aufführen. Daher ist es meiner Ansicht nach das beste, wenn ich ihm nichts gebe. Und wenn du meine wirkliche Freundin bist, dann sage dem Meister bitte nicht, dass mein Mann gestorben ist. Sonst wird er wieder Probleme für mich schaffen und sagen, er hätte dieses und jenes für die Seele meines verstorbenen Mannes getan und ich werde mich verpflichtet fühlen, ihm Geld zu geben. Doch ich möchte nichts mit ihm zu tun haben.“

Die Schülerin, die immer noch beim Meister war, fühlte eine Art inneren Schmerz, eine innere Notwendigkeit, eine Art Gewissensbiss. Sie sagte sich selbst: „Meine Zeit naht schnell. Auch ich werde den Meister bald verlassen. Doch solange ich bei ihm bin, sollte ich ein wenig aufrichtig sein. Deshalb werde ich ihm sagen, was geschehen ist.“

Nachdem die Frau ihm die Geschichte erzählt hatte, sagte der Meister: „Obwohl sie keinen Glauben an mich hat, fühle ich eine Art innere Verpflichtung, diesem Mann zu helfen; einfach, weil ich ihn gesehen habe, während er noch auf der Erde weilte. In der äußeren Welt bin ich ein Bettler. Doch ich weiß, wer ich in der inneren Welt bin. In der inneren Welt bin ich ein Kaiser. Und deshalb ist es meine Pflicht, dieser Seele einen Dienst zu erweisen.“

Die Frau sagte: „Auf der einen Seite bin ich sehr froh, dass ich es dir gesagt habe. Doch auf der anderen Seite habe ich Angst, dass meine Freundin Recht hatte, als sie sagte, du würdest die Seele nur aufschrecken, wenn du sie anrufst. Was geschieht, wenn der Seele irgendetwas Falsches zustößt?“

Der Meister lachte und lachte. Er sagte: „Wenn du meine spirituelle Fähigkeit in einem solchen Ausmaß anzweifelst, solltest du nicht meine Schülerin bleiben.“ Dies war der Tag, an dem der Meister seine zweite Schülerin verlor, denn auch diese Frau verließ seinen Weg.

Inzwischen drang der Meister in die Welt der Seelen ein und half der Seele des Mannes beträchtlich. Die Seele des Mannes war dem Meister zutiefst dankbar und kam in einem Traum zu seiner Frau und sagte: „Dein Meister hat mir soviel geholfen. Er hat mich auf eine sehr hohe Ebene hinaufgehoben. Wenn er mir nicht geholfen hätte, hätte ich nie an diesen Ort kommen können. Niemals, niemals, niemals. Es ist jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich möchte daher, dass du von den sechsundsiebzigtausend Dollar, die ich dir hinterlassen habe, mindestens viertausend Dollar dem Meister gibst. Es ist so ein armer Mann. Ich bin sicher, er hat kein Geld. Wenn du ihm viertausend Dollar gibst, kannst du mit dem Rest tun was du willst.“

Als die Frau aufwachte, sagte sie sich sofort, dass der Traum nur eine geistige Halluzination gewesen sei und beachtete ihn nicht. Doch am folgenden Tag kam die Seele ihres Mannes wieder und überbrachte ihr dieselbe Botschaft. Dies ging zehn oder elf Tage lang so weiter und die Frau begann nervös und aufgebracht zu werden. Sie sagte sich: „Was soll ich tun, wenn das nun jede Nacht so weitergeht? In den letzten drei oder vier Tagen ist er in einer solch drohenden Haltung gekommen. Er hat mir gesagt: „Du musst ihm das Geld geben, sonst werde ich etwas mit dir tun. Ich werde dich strafen.“

Sie bekam schreckliche Angst. Sie hatte den Weg des Meisters vor einem Jahr verlassen, doch jetzt kam sie ins neue Haus des Meisters, verbeugte sich vor ihm und weinte bitterlich. „Ist es wahr, dass die Seele meines Mannes zu mir gekommen ist? Hast du das Richtige getan, als du zu meinem Mann gegangen bist und ihm gegen meinen ausdrücklichen Willen geholfen hast? Ich habe meine Freundin wiederholt gebeten, dich nicht zu informieren. Du hat mir gegen meinen Willen eine Gunst erwiesen. Du hast mich hereingelegt und nun willst du, dass ich dir viertausend Dollar gebe. Ich habe zwar sechsundsiebzigtausend Dollar, doch ich will dir davon nicht einen Cent geben.“

Der Meister antwortete: „Ich habe es aus reiner Gutmütigkeit gemacht. Ich habe deinen Mann getroffen, als er noch auf der Erde weilte, doch wegen seines vergangenen ungöttlichen Karmas konnte ich ihm nicht in der Weise helfen, wie ich wollte. Doch jetzt, wo er in der Welt der Seelen ist, kann ich ihm auf eine andere Weise helfen. Doch dafür schuldest du mir keinen Cent. Ich will dein Geld nicht und brauche es nicht.“

„Natürlich willst du etwas von mir, sonst hättest du ihm nicht geholfen. In dieser Welt hilft niemand einem anderen ohne einen Grund.“

„Ich sage dir wieder und wieder, ich habe es aus reiner Gutmütigkeit getan. Ich brauche nichts von dir. Als du noch in mein spirituelles Center gekommen bist, hast du nie eine Andeutung gemacht, dass du soviel Geld besitzt. In den drei Jahren hast du mir dreißig Dollar gegeben. Glaubst du denn, ich hätte deinem Man wegen deines Geldes geholfen? Nein. Es war mein Mitgefühl, das ihm geholfen hat. Habe ich denn die Seele deines Mannes gebeten, zu dir zu kommen und dich in der Nacht zu stören?“

Die ehemalige Schülerin sagte: „Wenn es dir wirklich nicht um des Geldes wegen ist, kannst du dann nicht etwas für mich tun? Kannst du die Seele meines Mannes nicht bitten, mich nicht mehr zu belästigen? Du weißt, dass ich dir kein Geld geben will.“

Der Meister sagte: „Natürlich kann ich das tun. Ich werde deinen Mann bitten, nicht mehr zu dir zu kommen und dich nicht mehr zu belästigen.“

In dieser Nacht ging der Meister in die Welt der Seelen und sagte zu der Seele des Mannes: „Schau nur, was für ein Problem du für mich geschaffen hast. Ich habe dir geholfen und bin immer noch bereit, dir aus reiner Gutmütigkeit und reinem Mitgefühl zu helfen. Doch deine Frau versteht mich falsch. Sie beschimpft mich und hat an allem etwas auszusetzen. Es ist am Besten, wenn du nicht mehr zu ihr gehst, sie nicht mehr belästigst und nicht mehr darauf bestehst, mir viertausend Dollar zu geben. Ich brauche nichts. Ich arbeite nicht für Geld. Ich arbeite aus Liebe.“

Die Seele des Mannes war zutiefst entrüstet. „Was für eine undankbare Frau habe ich! Diesmal werde ich sie wirklich strafen. Ich werde aus der vitalen Welt Wesen bringen, um sie zu bedrohen und einzuschüchtern. Dann wird sie gezwungen sein, dir viertausend Dollar zu Füßen zu legen. Mit dem Rest des Geldes kann sie tun, was sie will. Doch ich hätte sie bitten sollen, dir mehr Geld zu geben. Sag’ mir bitte, wenn du mehr Geld brauchst. Ich kann sie zwingen, dir noch mehr Geld zu geben.“

„Nein, nein. Ich brauche kein Geld. Ich brauche nur deine Freude. Du bist glücklich hier und so bin ich glücklich, dass ich dir einen Dienst erweisen konnte.“

Doch der Mann erwiderte: „Nein, ich werde nicht auf dich hören. Diesmal werde ich ihr wirklich etwas antun. Ich werde ein paar Wesen von der vitalen Welt holen und sie auf solche Weise einschüchtern, dass die dir wahrscheinlich sogar mehr als viertausend Dollar gibt.“

Der Meister war sehr bedrückt und fragte: „Bist du glücklich in der Seelenwelt, in die ich die gebracht habe?“

„Ich bin so glücklich, so dankbar.“

„Wenn du in irgendeiner Weise Probleme für deine Frau schaffst, indem du von der vitalen Welt Wesen herunterbringst oder sie auf eine andere Art einschüchterst, dann werde ich dir nicht erlauben, in dieser Ebene zu bleiben. Ich werde meine bewusste Kraft und mein Licht wegnehmen und du wirst an einen viel niederen Ort gehen müssen, der diesem Ort deutlich unterlegen ist. Du wirst dahin zurückkehren müssen, wo du warst, bevor ich dich hierher gebracht habe. Erinnerst du dich? Dort hattest du sehr wenig Freude, sehr wenig Genugtuung. Gott allein weiß, wie viele Inkarnationen du gebraucht hättest, um an diesen Ort zu gelangen.“

Die Seele sagte: „Ich möchte wirklich hierbleiben und ich weiß, dass du mich eines Tages auf eine viel höhere Ebene als diese bringen wirst, wenn ich dir meine aufrichtigste Dankbarkeit zeige. Ich überlasse es daher dir und Gott, mit meiner Frau zu tun, war ihr wollt.“

Der Meister sagte: „Ich lasse das Schicksal deiner Frau zu Gottes Füßen. Er weiß, was für sie am Besten ist. Er weiß, was für mich am Besten ist. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo jeder seinen eigenen Weg gehen sollte. Doch wenn du meine Hilfe brauchst, kannst du auf mich zählen. Und wenn du mich rufst, werde ich dir bestimmt auf jede mögliche göttliche Weise helfen. Deine Frau jedoch lege ich zu Füßen des Höchsten Herrn.“

14. September 1974

Sri Chinmoy, Dankbarkeits-Himmel und Undankbarkeits-Meer, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2006
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