Die Dankbarkeit eines Suchers

Es gab einen spirituellen Meister, der nur vierzig Schüler hatte. Er war sehr stolz auf seine Schüler, denn alle waren aufrichtig und ergeben. Kein einziger Schüler war unaufrichtig. Andere spirituelle Meister, die ungöttliche Schüler hatten, taten ihm wirklich leid. Doch er war Gott zutiefst dankbar, dass Er ihm so spirituelle, hingebungsvolle, göttliche Schüler gewährt hatte. Er dankte Gott aus der Tiefe seines Herzens. Der Meister war äußerst nett zu seinen spirituellen Kindern und sie ihrerseits waren sehr großzügig gegenüber dem Meister. Sie kümmerten sich um die physischen Bedürfnisse des Meisters, so wie er sich um ihre inneren spirituellen Bedürfnisse kümmerte.

Der Meister erlaubte seinen Schülern jeden Abend zu ihm zu kommen und mit ihm zu meditieren. Entweder stand er vor ihnen oder bat sie, zu kommen und vor ihm zu stehen. Er segnete jeweils alle Schüler und gab ihnen Blumen. Da es nur vierzig Schüler waren dauerte es etwa drei Stunden. Danach speisten sie gewöhnlich zusammen und unterhielten sich bis spät in die Nacht hinein, um am folgenden Abend wieder zusammen zu treffen. Dies setzte sich über Monate hin so fort.

In jenen Tagen erlaubte der Meister allen zu seinem Haus zu kommen und zu meditieren. Man brauchte keine Erlaubnis. Eines Tages erschien eine junge Frau im Haus des Meisters, die ein völliger Neuling war. Wie gewöhnlich kam der Meister zu allen, die anwesend waren und gab ihnen entweder eine wunder-schöne Rose oder eine andere Blume. Als der Meister dieser betreffenden Dame eine Blume anbot, brach sie in Tränen aus. Der Meister fragte: „Darf ich wissen, was dich quält?“ Sie sagte: „Es ist etwas ganz Geheimes und Privates. Ich kann es dir hier nicht sagen.“

„Gut“, sagte der Meister, „wenn du willst, kannst du es mir nach dem Treffen sagen.“

Während des ganzen Treffens hörte die Frau nicht auf zu weinen und zu schluchzen. Nach einer gewissen Zeit sagte der Meister leise zu ihr: „Bitte, bitte, komm in die Küche und sage mir, was dich quält. Ich habe großes Mitgefühl mir dir und wenn ich dir auf irgendeine Weise helfen kann, werde ich zweifellos mein Bestes tun. Meine Schüler meditieren hier sehr hingebungs- und seelenvoll. Bitte höre auf zu weinen und zu schluchzen, damit du sie nicht weiter störst.“

Auf diese Weise brachte der Meister sie dazu, schließlich mit ihm in die Küche zu kommen. Dort fiel sie zu seinen Füßen und sagte: „Meister, ich bin nicht verheiratet und bin schwanger und nun hat mich dieser Schuft verlassen. Rette mich, rette mich. Ich komme aus einer sehr respektablen Familie. Bitte rette mich.“

Nun lag es am Meister, in Tränen auszubrechen. „Was soll ich tun?“ fragte er.

„Du kannst alles tun, wenn du willst“, sage die Frau. „Ich weiß, dass spirituelle Meister alle möglichen Dinge tun können. Bitte rette mich. Ich getraue mich nicht, meinen Eltern zu erzählen, was geschehen ist.“

Der Meister sagte: „Diese traurige Geschichte schmerzt mein Herz zutiefst. Nun, wo ich weiß, was die Ursache deines Leidens ist, werde ich die Sache dem Supreme vorlegen. Ich habe keine Ahnung, was Er machen wird. Es liegt völlig an Ihm zu entscheiden, was Er mit deinem Leben tun will. Bitte tu mir einen Gefallen. Wenn du hier meditieren willst, dann bleibe entweder in der Küche oder komme in den Meditationsraum und meditiere still. Bitte weine nicht mehr.“

Die Frau sagte sofort: „Wirst du all dies dem Supreme in die Hände legen?“

Der Meister sagte: „Natürlich. Doch ich habe keine Ahnung, wie Er sich entscheiden wird. Darüber weiß ich nichts.“

Sie war dem Meister so dankbar. Sie sagte: „Wenn du Ihm das Problem nur darlegst, dann ist es genug.“

Der Meister ging zurück in den Meditationsraum und meditierte mit seinen Schülern. Sie hatten nichts von diesem Gespräch gehört. Sie waren alle glücklich und von der Strebsamkeit dieser neu gekommenen Frau, die fortwährend geweint hatte, zutiefst bewegt. Sie dachten, der Grund für ihre Tränen sei das Licht und der Segen des Meisters gewesen, das sie in viel tieferer Weise empfangen hätte, als alle anderen. Als die Schüler später am Essen waren, fragten sie: „Meister, warum hast du diese Frau gebeten, in die Küche zu kommen, als sie aus reiner Ergebenheit geweint und geschluchzt hat. Stimmt irgendetwas nicht mir ihr?“

Der Meister sagte: „Das ist eine private Angelegenheit. Ich möchte das nicht mit euch besprechen.“

„Wenn es etwas Privates ist, dann hat es also nichts mit ihrem spirituellen Leben zu tun?“

Der Meister sagte: „Gibt es irgendetwas, das nicht mit dem spirituellen Leben in Beziehung steht? Hier auf der Erde ist alles spirituell. Wir müssen nur wissen, wie wir uns Gott gegenüber verhalten und welche Haltung wir annehme, wenn wir all unsere Handlungen zu Seinen Füßen legen.“ Nach dieser Antwort des Meisters schwiegen alle.

Wie der Meister versprochen hatte, brachte er dieses Problem seinem Vorgesetzten, dem Supreme, vor. Der Supreme sagte: „Nun, da du Mir das alles erzählt hast, ist es genug. Du hast nichts mehr damit zu tun. Du wirst keine bestimmte Partei ergreifen. Nun, da Ich es weiß, liegt es an Mir, dieser jungen Frau Güte oder Mitgefühl zu zeigen. Du weißt natürlich, ob Ich ihr helfen werde oder nicht, denn Ich kann nichts vor dir verbergen, genau wie du nichts vor Mir verbergen kannst. Da wir nichts voreinander verbergen können, wirst du wissen, was Ich tun werde, doch es ist nicht deine Sache, dich in diese Angelegenheit einzumischen.“ So blieb der Meister still und anerbot dem höchsten Führer seinen ergebenen Gehorsam.

Am folgenden Tag kam die betreffende Frau nicht zum Meister. Sie kam ein, zwei, ja drei Monate lang überhaupt nicht mehr zum Meister. Während diesen drei Monaten dankte der Meister Gott, dass sie nicht zurückgekommen war. Niemand fragte den Meister nach ihr und ihre Geschichte geriet in Vergessenheit. Doch drei Monate später sah der Meister, als er nach Hause kam, die Frau vor seiner Türe. Der Meister erschrak. Er sagte sich: „Was für ein Unglück, was für schlechte Nachrichten wird sie mir diesmal wieder bringen?“ Doch diesmal hatte die Frau eine andere Geschichte zu erzählen.

Sie legte fünfundvierzig oder fünfzig Geldscheine zu Füßen des Meisters und sagte dann zu ihm: „Mein Leben wird dir ewig dankbar bleiben. Du hast mich gerettet. Du hast mein Glück gerettet. Du hast mein Prestige gerettet. Meine Eltern wissen nichts und ich bin immer noch ihr liebstes Kind. Meine Freunde und Verwandten wissen ebenfalls nichts darüber. Ich weiß was geschehen ist, Meister. Du hast mich gerettet.“

Der Meister sage: „Was ist geschehen?“

„Ich ging nochmals zu den Ärzten, die mir gesagt hatten, ich sei schwanger. Doch diesmal sagten sie, sie hätten sich geirrt. Ich weiß, was du für mich getan hast. Du hast deine spirituelle und okkulte Kraft gebraucht und irgendetwas getan.

Meister, ich komme zwar von einer reichen Familie, doch ich besitze kein Geld. Meine Eltern geben mir kein Geld. So bin ich in verschiedene kleine Läden gegangen, in Friseurläden, in Boutiquen und in viele andere Geschäfte und habe ihnen allen dasselbe erzählt. Ich habe gesagt: „Ich habe einen spirituellen Meister gesehen. Ich kann euch kam sagen, wie groß er ist, wie freundlich und wie mitleidsvoll er ist, denn er hat mir in diesem Leben so viel geholfen, dass ich ihm zutiefst dankbar bin. Bitte gebt mir einen, zwei oder drei Dollar, die ich ihm geben kann. Ich verspreche euch, dass mein Meister dieses Geld erhalten wird. Ich selbst werde das Geld nicht gebrauchen.“ Die Leute sahen in meinem Gesicht und in meinem Herzen meine wirkliche Liebe und Ergebenheit für dich, Meister. Und sie gaben mir zwei Dollar, vier Dollar, zehn Dollar, fünfzehn und zwanzig, ja sogar dreißig Dollar. Auf diese Weise habe ich fast vierhundert Dollar gesammelt, Meister. Nun gebe ich dir das Geld mit der tiefsten Dankbarkeit meines Herzens, meiner ewigen Dankbarkeit. Du hast mich gerettet. Du hast mein Leben gerettet, doch du weißt, Meister, dass ich für ein spirituelles Leben nicht bereit bin, geschweige denn für deinen Weg, der so rein, so hoch, so göttlich ist. Wenn meine Stunde schlägt, bin ich sicher, dass ich deine Schülerin werden kann. Doch im Augenblick bin ich nicht bereit für das spirituelle Leben. Wie sehr ich mir nur wünschte, für deinen Weg bereit zu sein!“

Der Meister sagte. „Wie weißt du, dass du für das spirituelle Leben nicht bereit bist? Du bist mehr als bereit, meinem Weg zu folgen. Ich werde dich von ganzem Herzen annehmen.“

Doch die Frau antwortete: „Meister, ich kenne meine Schwächen. Ich kenne meine Fehler, meine Begrenzungen, meine Anhaftungen an das irdische Leben, an das Leben des Vergnügens. Warum sollte ich dein Mitgefühl missbrauchen, indem ich bei dir bleibe und deinen Weg annehme? Ich weiß, die Zeit wird kommen, wo ich durch deine göttliche Gnade für deinen spirituellen Weg bereit sein werde. Wenn jener Tag dämmert, werde ich es wissen und ich werde zweifellos kommen und zu deinen Füßen sitzen. Ich bin sicher, du wirst mich annehmen. Doch in der Zwischenzeit möchte ich dir als Zeichen meiner Dankbarkeit dieses Geschenk geben. Bitte fühle, dass mein Leben eine Girlande von Dankbarkeit ist, die ich dir zu Füßen legen möchte.“

Dem Meister kamen Tränen der Dankbarkeit. Er sagte zur Sucherin: „Du magst zwar fühlen, dass du noch nicht bereit bist. Ich möchte dir jedoch sagen, dass du mehr als bereit bist. Doch da es dein Leben ist, da du das Gefühl hast, die Zeit werde kommen, in der deine Bereitschaft größer sein werde, werde ich auf diese Stunde warten. Nimm dir Zeit. Möge Gott dich segnen. Möge Er seinen tiefsten und auserwähltesten Segen auf die tiefste, innere Sehnsucht deines Herzens und die unangetastete Aufrichtigkeit deines Lebens fließen lassen.“

14. September 1974

Sri Chinmoy, Dankbarkeits-Himmel und Undankbarkeits-Meer, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2006
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