Frage: Zu Beginn des Jahres sagtest du, du wärest sehr stolz, dass in diesem schwierigen Jahr unser Vitales – im Gegensatz zu unserem Verstand – beschlossen hat, uns in unserem spirituellen Leben zu helfen. Ich frage mich, ob du uns vielleicht einige Ratschläge geben könntest, wie wir diese Kraft einsetzen können, wenn wir unsere spirituellen Schlachten ausfechten?

Sri Chinmoy: Die Herzenstränen sind es, die unseren Fortschritt beschleunigen können. Es sind nicht die Tränen unseres Vitalen. Wenn Menschen manchmal weinen, glauben sie, ihr Weinen käme von den innersten Winkeln ihres Herzens, dabei kommt es eigentlich vom Vitalen. Das Herz und das Vitale führen uns an der Nase herum, weil sie nahe beisammen liegen. Man kann im Handumdrehen in einem Meer von Tränen schwimmen und glauben, unser Weinen kämen aus der Tiefe des Herzens. Doch eigentlich kommen diese Tränen, die beinahe wie Krokodilstränen sind, vom erregten, emotionalen Vitalen. Wenn man eine erstklassige Schauspielerin sieht, die Tränen vergießt, darf man nicht glauben, das käme vom Herzen.

Es gibt zwei Arten, wie wir mit der Sehnsucht unseres Herzens Fortschritt erzielen können. Wenn unsere Sehnsucht von der Tiefe unseres Herzens emporsteigt, weil wir fühlen, dass wir Gottes Mitgefühl, Gottes Liebe und Gottes Segen verloren haben und wir uns von tiefstem Herzen danach sehnen, diese wieder zu erlangen, dann machen wir sicher Fortschritt. Wir sollten fühlen, dass wir etwas absolut Wertvolles verloren haben und dann müssen wir uns von unserem tiefsten Herzen danach sehnen, es wieder zurück zu bekommen.

Der andere Weg besteht darin, nach innen zu tauchen und uns danach zu sehnen, nur Gott alleine zu lieben, nur Gott alleine zufrieden zu stellen. Es mag uns wieder und wieder misslingen, aber in unserem Herzens-Atem müssen wir fühlen, dass es genau das ist, was wir wirklich wollen.

Mit unseren Augen vergießen wir Tränen. Doch Gottes Augen und Seine Tränen befinden sich in Seinem Herzen. Und wenn wir beten und meditieren, erkennen wir, dass sich Sein Herz in Seinem Atem befindet. Je tiefer wir in unserer Meditation gelangen, desto klarer wird uns, dass Er unsere spirituellen Misserfolge als Seinen eigenen Fehlschlag annimmt. Einerseits ist Er über alles erhaben. Ander­erseits, da Er eine menschliche Form angenommen hat, will Er sich durch diese menschliche Form weiterentwickeln und Fortschritt erzielen.

Also müssen wir herausfinden, ob wir wirklich versuchen, Ihn auf Seine eigene Weise glücklich zu machen, oder ob wir bloß versuchen, uns auf unsere eigene Weise glücklich zu machen. In dem Augenblick, in dem wir versuchen Ihn auf Seine eigene Weise glücklich zu machen, sehen wir Ihn lächeln und tanzen. Wenn wir aber nicht versuchen, Ihn auf Seine Weise zufrieden zu stellen, so sehen wir die ungöttlichen, feindlichen Kräfte vor uns tanzen. Jedes Mal wenn wir auf dem Schlachtfeld unseres eigenen inneren Strebens verlieren, tanzen sie in ihrer ganzen Unverschämtheit.

Wenn zwei Mannschaften gegeneinander Fußball spielen, so gratulieren die Gewinner den Verlierern öfters mit den Worten: „Ihr habt sehr gut gespielt.“ Die Gewinner versuchen, die Verlierer zu trösten, entweder aufrichtig oder unaufrichtig. Doch im Falle der göttlichen und un­göttlichen Mächte verhält es sich anders. Die göttlichen Mächte kamen, um die ungöttlichen Mächte zu erleuchten, doch die ungöttlichen Mächte kamen, um die göttlichen Kräfte zu zerstören. Die ungöttlichen Mächte sind weder gnädige Verlierer noch gnädige Gewinner.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 5, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2004
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