Frage: Ist es für deine Schüler immer am besten, wenn sie versuchen, dich täglich für mehrere Stunden zu sehen?

Sri Chinmoy: Das hängt vom Schüler ab. Wenn ein Schüler seinen Meister täglich stundenlang auf der physischen Ebene sehen kann, vergisst der Schüler, wer der Meister auf der spirituellen Ebene ist. Das Problem ist, dass die Schüler in ihrer Vorstellung manchmal ein Bild erschaffen, wie die Göttlichkeit aussehen soll. Wenn sie dann ihren Meister leiden sehen oder ihn auf der menschlichen Ebene die verschiedensten Dinge durchführen sehen, können sie die Göttlichkeit im Meister nicht wahrnehmen. Wenn sie sehen, dass ihr Meister wie ein normaler Mensch handelt, ist es für sie manchmal schwierig, Glauben an ihren Meister zu haben. Sie erkennen nicht, dass der Meister in das Wasser steigen muss, wenn er eine ertrinkende Person retten will. Wenn der Meister einfach am Ufer verweilen würde, wenn er einfach auf der höchsten Ebene von Licht und Wonne bleiben würde, wäre es ihm nicht möglich, den Menschen zu helfen. Das ist der Grund dafür, warum ein spiritueller Meister manchmal wie ein gewöhnlicher Mensch handeln muss.

Wenn aber jene Schüler, die dem Meister äußerlich nahe sind, die Gelegenheit richtig nutzen, werden sie das als großes Glück empfinden. Wenn sie sich den göttlichen Aspekt des Meisters auch dann vor Augen führen können, während sie mit dem Meister auf der menschlichen Ebene kommunizieren, befinden sie sich in einer Position, von der aus sie sehr hoch und sehr tief gehen können. Sie werden bemerken, dass ihr Meister wie ein gewöhnlicher Mensch an einer Erkältung oder an Fieber leidet. Und trotz dieser Tatsache war es ihm möglich, Gott zu verwirklichen. Diese Schüler werden dann empfinden, dass auch sie Gott verwirklichen können. Sie werden sagen: „Er ist wie wir. Wenn er Gott verwirklichen kann, warum sollten wir es nicht können?“ Andere Schüler können ihren Meister nur einige Male im Jahr, vielleicht nur vier oder fünf Sekunden lang sehen. Diese Schüler wissen nicht, was der Meister in der restlichen Zeit macht, doch sie fühlen immer, dass er sich in Trance befindet. Vielleicht unterhält sich ihr Meister gerade oder liest die Zeitung, aber weil sie fühlen, dass er sich in seiner höchsten Meditation befindet, vergrößert sich sofort ihre Liebe und Hingabe.

Weil die Schüler mich auf der physischen Ebene Stunde für Stunde sehen können, ist es für sie schwierig, ihren tiefsten Glauben an mich und ihre höchste Liebe für mich aufrecht zu erhalten. Jene Schüler, die Tausende Meilen weit weg sind, können fühlen: „Oh, ich bin sicher, dass der Meister gerade meditiert.“ Aber diejenigen, die mich auf der physischen Ebene sehen, werden zum Beispiel sagen: „Ach, ich sehe, dass der Meister bloß Tennis spielt.“ Ihr habt keine Vorstellung von dem, was ich auf der inneren Ebene vollbringe, während ich Tennis spiele. Ob ich den Ball treffe oder nicht, stets bin ich mit meinem Höchsten verbunden. Tennis hat aber auch eine besondere innere Bedeutung; es ist ein Spiel des Liebens und des Dienens (love and serve). Wenn wir im spirituellen Leben Gott andachtsvoll und voller Hingabe dienen können, werden wir so viel von Ihm erhalten.

Versucht, in eurem Meister so oft wie möglich den göttlichen Aspekt zu sehen. Dann spielt es keine Rolle, wo du dich aufhältst, entweder tausend Meilen entfernt oder direkt vor deinem Meister, du wirst den göttlichen Atem einatmen können, den der Supreme in Seiner unendlichen Gnade deinem Meister gewährt hat.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 6, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2004
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