Frage: Während der Schlacht von Kurukshetra stieg Krishna von seinem Streitwagen herab um am Kampf teilzunehmen, obwohl er einen Eid schwor, dies nicht zu tun. Ich frage mich, was uns das über die Persönlichkeit Krishnas verrät.

Sri Chinmoy: Als Arjuna Vishma erblickte, wie dieser durch das Schlachtfeld auf sie zukam, sagte er zu Krishna: „Wir waren sehr jung, als wir unseren Vater verloren. Vishma wurde zu unserem Vater. Solche Zuneigung, solche Liebe hegte er für uns. Es gab nichts, das wir nicht für ihn getan hätten. Er steht mir so nahe. Ich kann nicht gegen ihn kämpfen.“

Krishna sprach zu Arjuna: „In der inneren Welt ist er bereits tot. Du musst gegen ihn kämpfen!“ Doch Arjuna konnte sich noch immer nicht überwinden, gegen seinen Großonkel anzutreten; also verließ Krishna mit seinem Diskus den Streitwagen. Als sich Krishna entschied zu kämpfen, sagte er: „Meine Liebe zu Arjuna ist um ein Vielfaches wichtiger als mein sogenanntes Versprechen. Die Menschen werden behaupten, dass ich mein Wort nicht halte. Es interessiert mich nicht. Ich will zeigen, dass meine Liebe zu meinem Arjuna unendlich wichtiger ist, als vor den Augen der Welt meine Ehre zu bewahren. Ich bin bereit, gegen das gewöhnliche Licht der Moral zu verstoßen, um den Sieg für Arjuna zu erlangen.“

Als Vishma bemerkte, dass Krishna selbst gekommen war, um gegen ihn zu kämpfen, eilte er mit großen Schritten herbei, um getötet zu werden. Er sagte: „Mein Herr, mein Herr, ich weiß wer Du bist! Wenn Du mich tötest, machst Du mich zum glücklichsten Menschen. Einerseits bin ich traurig, dass Du Dein Versprechen brichst. Doch ich bin auch so glücklich, dass ich durch Deine Hand sterben werde. Töte mich, töte mich! Ich verzehre mich danach, von Deiner Hand getötet zu werden!“

Dann entschied Arjuna sich: „Nein, nein, ich bin bereit zu kämpfen!“ Er zog Krishna zurück in den Streitwagen und bekämpfte Vishma mit höchster Entschlossenheit. Zu guter Letzt wurde Vishma tödlich verwundet und Arjuna brachte seinem Großonkel Wasser. Als Arjuna bemerkte, dass Vishma weinte, sagte er zu Krishna: „Mein Großonkel verhielt sich immer völlig korrekt. Er war so gut, so göttlich. Warum muss er leiden? Warum sind Tränen in seinen Augen?“

Krishna antwortete Arjuna: „Warum fragst du mich? Frage ihn! Er wird es dir sagen!“ Also fragte Arjuna seinen Großonkel: „Sag mir bitte, warum du weinst, Großonkel. In unserem Königreich existiert niemand, der so göttlich ist wie du. Du selbst hast uns verraten, wie wir dich töten können. Wer sonst auf dieser Welt wäre so edelmütig? Doch warum weinst du nun, wo dein Tod sich dir nähert? Hast du Angst vor dem Tod?“

Vishma antwortete: „Du Narr! Ich weine nicht, weil ich Angst vor dem Tod habe, sondern weil die Pandavas dermaßen viel Leid erdulden mussten. Krishna, der Herr des Universums, war ständig mit euch und für euch. Wie kommt es dann, dass ihr so viel gelitten habt? Ich kann das Spiel des Herrn nicht verstehen. Deswegen fließen meine Tränen.“

Krishna antwortete ihm: „Dies ist meine Schöpfung. Niemals wirst du sie verstehen können. Meine Mysterien sind unergründlich.“

Die Mahabharata ist sehr, sehr schön und zugleich sehr, sehr tief. Auf der mentalen Ebene können wir manche Dinge, die Krishna tat, nicht rechtfertigen. Doch seine Göttlichkeit ist Rechtfertigung genug.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 7, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2006
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