Frage: Viele von uns haben die Schriften von Meistern gelesen, die sich nicht mehr im physischen Körper befinden. Dadurch fühlten wir uns zu einem spirituellen Weg hingezogen und begannen, diesem Weg zu folgen. Doch ich bin sicher, dass ich jetzt für viele spreche, wenn ich behaupte, dass man sich nach einer gewissen Zeit danach sehnt, einen Guru aus Fleisch und Blut zu haben. Wie dem auch sei, wir empfinden es als Treulosigkeit gegenüber dem Meister, dem wir gefolgt sind, wenn wir nach einem noch lebenden Guru Ausschau halten. Wie kann jemand sicher sein, dass der Guru, dem er folgt und der sich nicht mehr auf der physischen Ebene aufhält, der richtige ist, wo er doch auf dieser Ebene nicht mit ihm sprechen kann?

Sri Chinmoy: Welchen Guru hatte der erste Mensch, der Gott verwirklicht hat? Kam jemand zu ihm und sagte: „Ich bin Gott“? Nein! Er erhielt seine Verwirklichung vom unsichtbaren Gott. Genauso gibt es viele Sucher, die Gott durch das Studium der Bibel oder der Bhagavad Gita verwirklicht haben und keinen lebenden Guru hatten. Krishna und Christus der Erlöser befinden sich nicht mehr auf der physischen Ebene. Sie können sich im subtilen Körper manifestieren, doch auch wenn du es dir noch so sehnlichst wünscht, wird Krishna keinen physischen Körper annehmen und zu dir kommen, um dich zu unterweisen. Und dennoch gehören die Lehren Krishnas, die in der Bhagavad Gita niedergeschrieben sind, und die in der Bibel enthaltenen Lehren von Jesus Christus zum menschlichen Leben wie unser eigener Atem.

Wenn du das Evangelium oder die Bhagavad Gita oder ein anderes heiliges Buch liest, musst du dir darüber im Klaren sein, inwieweit du dich damit identifizieren kannst. Wenn du die Bibel studierst und sie in deinem täglichen Leben anwenden kannst, warum brauchst du dann noch einen lebenden Meister? Aber du musst selbst wissen, in welchem Ausmaß das der Fall ist. Möglicherweise schenkt dir das Lesen große Inspiration und fördert auch dein spirituelles Emporstreben; doch sobald du dich in die Hektik des Lebens begibst, vergisst du vielleicht alles wieder. Du liest etwas, doch schon kurze Zeit später stehen deine Handlungen in völligem Widerspruch dazu. Das geht uns Menschen leider oft so.

Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit. Betrachten wir uns selbst als unartige Kinder. Der Lehrer befindet sich in unserer Nähe und deswegen müssen wir uns gut benehmen, damit er uns nicht durchfallen lässt. Dem Aufseher entgeht es nicht, wenn wir ungezogen sind, und deswegen haben wir Angst vor ihm. Wenn er uns schlechte Noten gibt, fallen wir durch. Doch es gibt auch Privatlehrer. Die Aufgabe eines Privatlehrers besteht darin, dich still und heimlich zu Hause zu unterweisen, damit du deine Prüfungen bestehst. Er wird nicht an der Schule als Lehrer, Aufseher oder Ausbilder auftreten, sondern dich zu Hause privat unterrichten. Und genau das ist die Rolle, die ein spiritueller Meister übernehmen kann, wenn er sich im Physischen befindet. Wir vergessen häufig, dass der spirituelle Meister der Vergangenheit und jener der Gegenwart nicht zwei verschiedene Wesen sind. Das zu denken, wäre ein großer Fehler. Die Verwirklichung, die der höchste Meister erreicht hat, bietet er auf segensvolle Weise allen betenden Menschen an. In einer Familie zum Beispiel hat der Großvater gewisse Kenntnisse erworben, die er dann an seinen Sohn weitergibt und dieser wiederum an seine Kinder. In genau gleicher Weise geben Krishna, Jesus Christus und andere spirituelle Meister ihr Wissen und das Licht ihrer Weisheit an ihre spirituellen Nachfolger weiter.

Glücklicher- oder unglücklicherweise bin auch ich ein spiritueller Meister. Man kann mich nicht von dem mit Segen erfüllten Bewusstsein Jesus Christus’ oder Krishnas oder Buddhas trennen. Hier führe ich nur einige Beispiele von spirituellen Meistern an, aber es gibt noch viele andere. Hier im Westen denkt man im Zusammenhang mit Meistern immer zuerst an Jesus Christus, im Osten häufig an Krishna. Doch jeder Mensch, der die Gott- oder Selbstverwirklichung erreicht hat, wird seine Verwirklichung auf diese Weise der Welt anerbieten.

Andererseits gibt es allzu viele Menschen, die den Anspruch erheben, Verwirklichung erreicht zu haben. Es bleibt Gott und den Suchern überlassen, den Wahrheitsgehalt in den Lehren der spirituellen Meister zu fühlen. In Indien lebte einst eine große spirituelle Persönlichkeit namens Swami Vivekananda. Vielleicht haben Sie seinen Namen schon einmal gehört. Als er nach Ostbengalen kam, wurde er förmlich umringt von Suchern, die ihn baten: „Bitte, bitte komm und besuche meinen Meister. Er ist der Höchste! Er ist ein Avatar, eine direkte Verkörperung Gottes!“ Schließlich kam Swami Vivekananda zu dem Schluss, dass die Avatare in Ostbengalen offensichtlich wie Pilze aus dem Boden schießen müssen! Jeder Sucher behauptet, sein Meister sei eine gottverwirklichte Seele und ein Avatar höchsten Ranges. Natürlich kann man das aber auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Wenn du deinen Meister als das Höchste anzusehen vermagst, so steigen deine Gebete auch direkt zum Höchsten auf. In der Bhagavad Gita steht geschrieben, dass alles in Krishna eingeht, der den höchsten Herrn verkörpert. Wenn du Glauben, bedingungslosen Glauben an deinen Meister hast, werden deine Gebete das höchste Absolute erreichen, auch wenn dein Meister vielleicht noch nicht alle göttlichen Qualitäten verwirklicht hat.

Hier in der westlichen Welt verwenden wir zumeist den Ausdruck „Vater“. Jesus Christus sagte: „Ich und mein Vater sind eins.“ Wenn wir aufrichtig beten, steigen unsere Gebete zum Vater auf. Auf unserem spirituellen Weg verwenden wir den Ausdruck ‚der Absolute Höchste’ beziehungsweise in Seiner unpersönlichen Form ‚das Absolute Höchste’. Es ist der Absolute Höchste, der Supreme, der unsere Gebete empfängt. Du magst vielleicht einen Meister haben, der die höchste Stufe der spirituellen Leiter noch nicht erreicht hat; vielleicht ist er kein Avatar und hat Gott noch nicht verwirklicht. Doch wenn du grenzenlosen Glauben an deinen Meister hast, richtet sich dein Glaube direkt an den wahren Meister, an Gott.

Es gibt nur einen Guru, und das ist Gott. Er ist mein Guru, dein Guru und der Guru jedes Menschen. Gott hat menschliche Gestalt angenommen. Wir haben beide einen menschlichen Körper, doch einer von uns ist auf bestimmten Gebieten qualifizierter als der andere. Spirituelle Meister wissen viel über das spirituelle Leben. Ich bin ein spiritueller Meister. Du hingegen bist vielleicht ein Ingenieur, Doktor oder Wissenschaftler, und von diesen Gebieten verstehe ich so gut wie nichts. Als Wissenschaftler wäre ich völlig nutzlos. Wenn jemand aber etwas über das spirituelle Leben erfahren möchte, so wendet er sich an einen spirituellen Meister.

Wenn du nun einen lebenden spirituellen Meister aufsuchst, so bedeutet das nicht, dass du jenem Meister, der sich nicht mehr auf der Erde aufhält, untreu wirst. Alle spirituellen Meister kommen aus der gleichen Familie. So wie du in deiner Familie Brüder und Schwestern hast, so gehören auch jene, die das Höchste verwirklicht haben, der gleichen Familie an. Krishna sagte, er nehme unterschiedliche Gestalt an. Auch wir haben in jeder Inkarnation einen neuen Namen und eine neue physische Gestalt.

Ein Sucher muss die lebendige Gegenwart des Meisters fühlen. Dein Meister mag sich nicht mehr im physischen Körper befinden, doch wenn du mit ihm einen direkten inneren Kontakt haben kannst, ist das völlig ausreichend. Genau das ist aber oft schwierig, weil unser Verstand häufig in den Vordergrund tritt und zu zweifeln beginnt: „Oh nein, dieses und jenes hat er sicher nicht gesagt.“

Wenn du einen lebenden Meister hast, erhältst du damit eine besondere Gelegenheit. Er spricht deine Sprache und sagt dir deutlich: „Dieses machst du richtig, jenes nicht.“ Dann liegt es an dir, ob du seinen Ratschlag annehmen willst oder nicht. Wenn sich dein Meister nicht mehr im physischen Körper befindet und du spirituell noch nicht weit genug fortgeschritten bist, wird dein Verstand den Botschaften, die du von ihm erhältst, häufig widersprechen. Es mag dir vielleicht eine Idee kommen und dein Verstand wird sie als vollkommen ansehen. Doch schon kurze Zeit später beginnst du möglicherweise, die Idee, die dir eben noch so vollkommen erschien, anzuzweifeln. Und schließlich wirst du sagen: „Steht es mir überhaupt zu, darüber zu urteilen, welche Idee gut und welche schlecht ist? Jetzt bin ich völlig verwirrt. Ich kann mich einfach nicht entscheiden!“ Wenn du hingegen einen lebenden Meister hast, dem du vorbehaltlos vertraust und dessen Worte du direkt vernehmen kannst, wirst du sofort sagen: „Das ist richtig.“ Wenn du an ihn glaubst, folgst du seinem Weg. Einen lebenden Meister zu haben, ist also ein großer Vorteil. Die Schwierigkeiten beginnen dann, wenn man keinen Glauben hat. Doch wenn du Vertrauen und eiserne Willenskraft besitzt, dann benötigst du in der physischen Welt mit Sicherheit keinen Meister. Wenn du einige religiöse oder spirituelle Bücher von bereits verstorbenen Meistern gelesen hast und sich zwischen dir und ihnen, zwischen deinem inneren Streben und deren Mitleid, ein inneres Band, ein intensives inneres Empfinden aufgebaut hat, dann brauchst du keinen lebenden Meister. Das Problem ist nur, dass dir diese Bücher wohl Inspiration schenken, dass du diese Inspiration aber in der Hektik des äußeren Lebens wieder verlierst. Häufig kannst du dieses intensive innere Empfinden einfach nicht aufrechterhalten. Hättest du hingegen einen lebenden spirituellen Meister höchsten Ranges, könntest du ihn mit deinen eigenen Augen sehen und mit deinem Herzen fühlen. Auf diese Weise kann man diese intensiven Empfindungen länger bewahren.

Wenn du die Möglichkeit hast, dich in der Gegenwart eines lebenden spirituellen Meisters und seiner Schüler aufzuhalten, so bedeutet das eine zusätzliche Gelegenheit. Doch ich würde niemals behaupten, dass du nur mit einem noch lebenden Guru Gott verwirklichen kannst. Der erste Mensch, der Gott verwirklichte, hatte auch keinen lebenden Meister. Es geschah alles in der inneren Welt, im subtilen Körper. Jene spirituellen Meister jedoch, die das Höchste verwirklicht haben, können eine unmittelbare Hilfe sein. Sie sprechen alle dieselbe innere Sprache, regen dieselben Gefühle an und schenken dieselbe Inspiration. Es kommt hauptsächlich auf den eigenen inneren Entwicklungsstand an. Wenn ich zu den weit fortgeschrittenen Suchern zähle und eine starke innere Verbindung zu dem Meister habe, der sich nicht mehr auf der physischen Ebene befindet, dann ist alles in Ordnung. Andernfalls wäre es besser, diese Unterweisungen von jemandem zu bekommen, der im Physischen weilt und mich korrigieren und verbessern kann, wenn ich etwas falsch mache.

Wenn wir zwanzig Menschen im Meer schwimmen sehen, wollen wir am liebsten ebenfalls gleich schwimmen. Wir sagen: „Oh, sie schwimmen! Das kann ich auch!“ Sehen wir aber niemanden, kommen sofort Lethargie, Angst und andere falsche Kräfte ins Spiel, die uns vom Schwimmen abhalten. Wenn wir also eine Gruppe von Menschen beten und meditieren sehen und in der Gesellschaft ernsthafter Sucher sein können, werden wir Inspiration fühlen. Jeden Tag können wir von göttlicher Inspiration erfüllt werden oder aber auch von Lethargie. Wenn wir Menschen beten und meditieren sehen, fällt es uns leicht, ihnen Gesellschaft zu leisten und unsere eigenen göttlichen Eigenschaften zum Vorschein zu bringen. Das ist der Grund, warum wir die Meditation in der Gruppe als notwendig erachten. In einer Gruppe werden dir die Gruppenmitglieder Inspiration schenken, genauso wie du sie inspirierst.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 9, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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