Teil I

Der Sucher, der Strebende und der Gott-Liebende1

Ich will heute über den Unterschied zwischen einem Sucher, einem Strebenden und einem Gott-Liebenden sprechen.

Der Sucher kann im Herzen, im Verstand, im Vitalen und im Körper beten oder meditieren. Doch der Strebende will nur im Herz beten und meditieren. Der Strebende fühlt, dass die Gebete und Meditationen, die im Herzen erfolgen und in ihm ihren Ursprung haben, den kürzesten und schnellsten Weg zum Ziel anbieten.

Es gibt auch einen Unterschied zwischen dem Sucher und dem Gott-Liebenden. Der Sucher betet und meditiert ganz ergeben und seelenvoll, um die höchste Höhe zu erreichen, wo es ihm möglich ist, Gott von Angesicht zu Angesicht sehen zu können. Doch der Gott-Liebende will, dass Gott zu ihm kommt und in seinem Herzensgarten verweilt, damit sie beide dort singen, spielen und tanzen können.

Der Unterschied zwischen dem Strebenden und dem Gott-Liebenden ist folgender: Der wahrhaftig Strebende hat ein zu erreichendes Ziel, doch wenn er ein Opfer unstrebsamer Kräfte wird und er eine Stufe von seinem Bewusstseins-Niveau herabsteigen muss, bricht seine ganze Welt zusammen. Er will alle unstrebsamen Kräfte in seinem Leben besiegen. Doch wenn er keinen Erfolg hat, will er vor anderen damit nicht bloßgestellt werden; er will nicht, dass andere seine Schwächen sehen. Er will seine spirituelle Würde nicht verlieren; er will, dass seine spirituelle Höhe in den Augen anderer gewahrt bleibt. Wenn ihm also ein Fehler unterläuft, wenn ihn die vitalen Kräfte angreifen und dadurch sein Bewusstsein fällt, ist ihm das sehr unangenehm und er fühlt sich schlecht.

Der aufrichtige Gott-Liebende hat ebenso sein Ziel vor Augen. Doch anders als der Strebende, ist der Gott-Liebende immer fröhlich und glücklich, ganz gleich, was geschieht. Auch wenn er tagelang mit gewissen Dingen erfolglos bleibt, ist er nicht traurig oder deprimiert. Solange seine Liebe zu Gott stark ist, ist er glücklich. Für ihn ist seine Liebe zu Gott wichtiger als alles andere. Er läuft schnell, schneller, am schnellsten. Wenn er stolpert und sich aufgrund seiner Sorglosigkeit oder Nachlässigkeit verletzt, gibt er dennoch nicht auf. Er weiß, dass seine Verletzungen nach einer gewissen Zeit verheilt sein werden und er dann auch wieder laufen kann.
Also, ganz gleich, wie oft er scheitert, ganz gleich, wie viele Dummheiten er macht oder wie oft er in ungöttliche Welten eintritt, seine Liebe zu Gott ist so stark, dass er bereit ist, immer wieder aufzustehen. Er fühlt, dass seine einzige Aufgabe darin besteht, Gott ergeben, selbstgebend und bedingungslos zu lieben. Er weiß, dass wenn er Gott wirklich liebt, all sein Scheitern und all seine Unzulänglichkeiten Gott nicht traurig machen, denn es ist Gottes Pflicht, ihn vollkommen werden zu lassen.

Der Strebende empfindet nicht auf diese Weise. Wenn er sich eine Verletzung zuzieht, verflucht er sich und weist sich selbst die Schuld zu. Wenn ihm in seiner Strebsamkeit grobe Fehler unterlaufen, wenn er sein Ziel zu dem von ihm ausgewählten Zeitpunkt nicht erreicht, wird er unzufrieden mit sich und zornig auf Gott; er fühlt, dass Gott ihn nicht gerecht behandelt hat. Das wiederum lässt die Bereitschaft in ihm entstehen, das spirituelle Leben aufzugeben oder eine kurze oder längere Auszeit zu nehmen. Doch der wahrhaftig Gott-Liebende macht weiter und weiter, ganz gleich, wie viele Fehler und Missgeschicke ihm unterlaufen, denn seine Liebe zu Gott ist unendlich stärker als all seine mannigfaltigen Schwächen. Der Gott-Liebende ist dem Gott-Suchenden und dem Gott-Strebenden auf jede nur erdenkliche Art überlegen. Wir alle sollten versuchen, Gott-Liebende zu sein.


SCA 366. 10. Mai 1996

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 10, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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