Frage: Als Pianist fühle ich mich manchmal in der Technik so gefangen, dass ich die Seele verliere; oder dass ich vergesse, was ich ausdrücken will.

Sri Chinmoy: Wenn Sie drei oder vier Minuten lang meditieren können, bevor Sie zu spielen beginnen, wird Ihr Verstand von Licht durchdrungen werden. Dann wird Ihr Verstand klar sein und die Verwirrung wird es nicht wagen, in ihn einzutreten. Dann werden Sie nicht an die Technik denken; diese wird sich von alleine einstellen. Alles kommt vom Licht – sogar die Technik. Das Licht wird die Fingerfertigkeit anziehen.

Wenn der Besitzer eines Restaurants einen seiner Angestellten um einen Gefallen bittet, wird dieser sofort versuchen, ihn zufrieden zu stellen. Auf ähnliche Art und Weise wird, wenn Sie selbst Licht verkörpern, das Licht in Ihnen der Technik befehlen, für Sie zu spielen, und Sie gehen weit über den Bereich der Technik hinaus. Nun denken Sie über die Technik nach; Sie bitten sie, für Sie zur Verfügung zu stehen. Doch dann wird die Technik sich danach verzehren, Ihnen zu dienen und Sie zufrieden zu stellen, denn dann sind Sie der Chef.

Eine oder zwei Minuten in Stille zu verbringen, bedeutet, ein wenig Taschengeld zu besitzen. Wenn Sie etwas Geld in Ihrer Geldbörse haben, können Sie im Supermarkt die Dinge kaufen, die Sie haben wollen. Wenn Sie zwei, drei Minuten lang meditieren, sammeln Sie einen inneren Reichtum an – Frieden, Licht und Glückseligkeit. Wenn Sie dann vor Ihrem Publikum stehen – noch bevor Sie zu spielen beginnen – teilen Sie diesen Reichtum ganz spontan mit Ihren Zuhörern.

Das heißt, bereits bevor Sie zu spielen begonnen haben, konnten Sie Ihr Publikum schon zufrieden stellen. Und es wird Ihnen freundlich gesinnt bleiben, selbst wenn Sie einige Noten nicht treffen sollten.

Man kann es mit einer Mutter und ihrem Kind vergleichen. Wenn ein Kind ein Instrument spielt, unterlaufen ihm unzählige Fehler, doch die Mutter denkt sich: „Oh, es spielt ausgezeichnet.“ Die Liebe, die die Mutter für ihr Kind empfindet, lässt sie fühlen, dass was immer das Kind auch vorführt, ausgezeichnet ist. Wenn Sie also Ihren inneren Reichtum, noch bevor Sie spielen, austeilen können, wird das Publikum Sie nicht verurteilen, denn es ist bereits zufriedengestellt. Sie können spielen, wie Sie wollen, das Publikum wird mit Ihnen zufrieden sein.

Wenn ich für meine Schüler spiele, kümmern sie sich nicht um meine Fehler. Warum? Weil ich – bevor ich spiele – mit ihnen meditiere und wir ein gegenseitiges Einssein errichten. Zu diesem Zeitpunkt sind sie innerlich so glücklich und zufrieden, dass ihr Verstand und ihr Herz glücklich bleiben, ganz gleich, wie schlecht meine äußere Aufführung auch ist. Wenn du glücklich und von innerer Wonne durchdrungen bist, siehst du keine Fehler. Wenn man sich in einem sehr hohen Bewusstseinszustand befindet, kann einem nichts anhaben; alles ist Freude.

Es ist wie mit einem Gastgeber, der versucht, seine Gäste zufrieden zu stellen, sobald sie eintreten. Wenn der Gastgeber am Tor steht und ihnen eine Blume überreicht oder sie anlächelt und mit ihnen spricht, ist bereits die halbe Schlacht gewonnen. Ganz gleich, was er sonst noch unternimmt, alles ist gut, weil er bereits das Herz seiner Gäste gewonnen hat. Doch wenn die Gäste hereinströmen und der Gastgeber befindet sich an einem anderen Ort, werden sie sagen: „Schau sich das einer an! Er zeigt weder Gefühl noch Verantwortungsbewusstsein!“

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 10, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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