Lindsay Clennell: Ja, das ergibt einen Sinn. Hier geht es um Spiritualität und Grenzenlosigkeit. Das ist eine Erklärung. Indem man Barrieren niederreißt und es als eine durchführbare Möglichkeit betrachtet, drei Millionen Vögel zu zeichnen, beansprucht man die spirituelle Realität. Ist das richtig?

Sri Chinmoy: Ja, ich muss spüren, dass ich nicht nur ein Swimmingpool oder ein Teich bin. Gott will, dass ich ein strömender, rauschender Fluss bin, der der inneren Quelle entspringt und der diese Quelle zur äußeren Wirklichkeit trägt. Wenn ich ein Ausdruck dieser Quelle sein möchte, darf ich meine innere und äußere Existenz nicht voneinander trennen. Das Wichtigste ist, das in mir liegende, grenzenlose Potential hervorzubringen. Wenn man es von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es sogar eine Begrenzung, von drei Millionen Vögeln zu sprechen.

Spiritualität ist nichts Abnormales oder Unnatürliches. Spiritualität ist normaler und natürlicher als alles andere. Gott ist grenzenlos, unendlich, unsterblich, und ich möchte bewusst zu einem Teil Seiner Existenz werden, so dass ich Ihm auf Seine Weise dienen kann. Zugleich versucht der Eine, der unendlich, ewig und unsterblich ist, Sich selbst in meiner und durch meine Begrenztheit auszudrücken. Er sagt: „Nun will Ich Mich selbst in deinem und durch dein künstlerisches Leben als Dichter und als Sportler ausdrücken.“ Doch das kann Er nur entsprechend meiner Empfänglichkeit tun. Eine Mutter gibt ihrem dreijährigen Kind einige Bonbons und bittet es, diese mit seinen Freunden zu teilen. Wenn sie dann sieht, dass das Kind sich gut benimmt, gibt sie ihm viele Süßigkeiten, damit es diese an unzählige Menschen weitergeben kann. Auf diese Weise schenkt die Mutter in ihrem und durch ihr Kind den anderen Menschen die Süßigkeiten.

Ich weise immer darauf hin, dass der Supreme Sich in mir und durch mich gemäß meiner Empfänglichkeit ausdrückt. Ich bin nicht der Handelnde. Ich kann diese drei Millionen Vögel nicht für mich beanspruchen und ich will es auch nicht. Ich bin dem Supreme dankbar für die goldene Gelegenheit, Ihm auf Seine eigene Weise dienen zu können. Meine Gedichte, meine Musik, meine Kunst und all meine anderen Aktivitäten sind nur ein Ausdruck Desjenigen, der in mir und durch mich wirkt. In jedem Augenblick erkennt Er, wie viel Reinheit ich besitze, wie viel Demut ich besitze, wie viel Aufrichtigkeit ich besitze, wie viel Fleiß ich besitze. Entsprechend dieser Dinge vermag Er, sich in mir und durch mich auszudrücken.

Manche Leute mögen fragen: „Warum macht er das? Er ist ein Künstler, er ist ein Musiker, er ist ein Sänger. Warum beschäftigt er sich nicht nur mit einer Sache und versucht, das Beste zu geben?“ Doch ich betrachte das anders. Ein Klavier hat viele Tasten. Warum sollte ein Pianist immer nur eine Taste verwenden? Wenn er nur eine Taste benützt, nur eine Note spielt, wie kann er dann eine kosmische Melodie erschaffen, eine universelle Melodie? Ganz ähnlich empfinde ich Kunst als eine Taste, Gedichte als eine weitere Taste, Meditation als eine dritte und Sport als eine vierte Taste. Nur wenn du die verschiedenen Tasten anschlägst, entsteht eine schöne Melodie. Sonst würde es sich schrecklich anhören.

Wenn ich eine Blume in Gottes Herzensgarten sein will oder wenn ich ein Blume sein will, die zu Gottes Füßen dargebracht wird, wie kann ich da nur ein Blütenblatt haben? Wenn eine Blume schön sein soll, muss sie zumindest einige Blütenblätter aufweisen. Wenn ich Ihnen einen Stängel mit einem Blütenblatt überreiche, werden Sie fragen: „Soll das eine Blume sein oder ist es ein dummer Scherz?“

Mein Körper hat Hände, Füße, Augen und so weiter. Soll ich nur meinen Händen meine ganze Aufmerksamkeit schenken? Soll ich sie stärker als alles andere werden lassen und meinen Beinen keine Beachtung schenken? Wenn ich andererseits nur auf meine Beine achte und auf meinen Verstand verzichte, wer wird mir dann sagen, wie ich gehen kann? Und wenn wiederum meine Augen nicht funktionieren, wie sollen meine Beine mich irgendwo hinbringen können? So wie der Körper ein Ganzes ist, so muss das Leben selbst auch ein vollständiges Ganzes sein.

Lindsay Clennell: Das ist eine reizende Erklärung. Sie gibt sehr viel Aufschluss über Sie, und ich schätze Ihre Antwort sehr.

Sri Chinmoy: Mit Ihnen kann ich dieses von Herz zu Herz gehenden Gespräch führen, weil Sie Yoga praktizieren. Ich komme zu Ihnen mit meinem Herzen – mit dem, was ich habe und dem, was ich bin. Und Sie akzeptieren auch das, was ich habe und was ich bin. Zwischen „Haben“ und „Sein“ besteht ein großer Unterschied. Nur wenn Haben und Sein zu einer Einheit verschmelzen, können wir ein wirkliches Instrument Gottes werden.

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