Teil VI — Die kosmischen Götter

Frage: Welche Beziehung hat Indra zur modernen Welt?

Sri Chinmoy: In der indischen Mythologie ist Indra der König der kosmischen Götter. Nach der Überlieferung ist er zwar äußerst mächtig, doch behält er nicht immer seine überragende innere Höhe bei, weil auch er Fehler begeht. Die sogenannte moderne Welt wird nicht von Indra geführt oder geformt. Heutzutage ist sein Einfluss nur sehr gering. Lediglich Menschen, die indische Mythologie studiert haben und bewusst eine innere Verbindung mit dem großen Indra aufgebaut haben, fühlen seinen Einfluss. Ansonsten führt oder formt keiner der kosmischen Götter die Menschheit, und nur diejenigen, die bewusst versucht haben, mit dem Indra-Bewusstsein eins zu werden, können von ihm etwas empfangen. Das gleiche gilt für das Buddha-Bewusstsein, das Krishna-Bewusstsein oder das Christusbewusstsein.

Indra hat nie menschliche Gestalt angenommen, und daher müssen wir manchmal unser Denken zu Hilfe nehmen, um ihn uns vorzustellen. Die Vorstellung an sich ist zwar eine Wirklichkeit, doch später versucht uns der Verstand einzureden, was wir gesehen haben, sei bloße Einbildung gewesen. Wir können zwar aufrichtig und ergeben mit dem Indra-Bewusstsein Kontakt herstellen, doch sobald der Verstand ins Spiel kommt, werden wir unweigerlich Zweifel hegen, ganz gleich, welche Wirklichkeit wir erschaffen oder gesehen haben. Obwohl es sich um eine Wirklichkeit handelt, bezeichnet unser Verstand sie als Einbildung, und dadurch schwächen wir auch die Verstandeswirklichkeit selbst. Deshalb ist Indra für manche Menschen nur ein Hirngespinst.

Für andere jedoch kann er ein kosmischer Gott sein, der in uns und in anderen Menschen Dynamik erweckt, um die Unwissenheit zu besiegen, besonders auf der vitalen Ebene. In der Zeit der Veden versuchte man nicht auf der mentalen, sondern auf der vitalen Ebene Zugang zu ihm zu finden. Indra besitzt ein dynamisches, kämpferisches Wesen. Er ist jener kosmische Gott, der denjenigen, die ein echtes Bedürfnis danach haben, dynamischen Kampfgeist verleiht.

Diese Dynamik kann man sowohl durch Indra als auch die anderen kosmischen Götter oder durch Gott selbst zu erreichen versuchen. Es ist zwar durchaus möglich, durch Indra größte Dynamik zu erlangen, aber es ist sehr schwierig – genauso wie es für die meisten Menschen äußerst schwierig ist, direkt Zugang zum Höchsten, zu Gott, zu finden. Wesentlich einfacher ist es, diese Eigenschaft durch jemanden auf der Erde zu erlangen, den du kennst und in der physischen oder sogar vitalen Form vor dir siehst und der diese dynamische Qualität selbst besitzt und verkörpert. Deshalb macht es auch nichts aus, wenn du Indra nicht kennst.

Die moderne Welt ist ihrem Wesen nach nicht lethargisch. Sie ist durchaus dynamisch, wenn auch manchmal in zerstörerischer Weise. Doch teilweise schätzt sie Dynamik wirklich aufrichtig. Nun mag jemand zwar wissen, was er braucht, aber er wird vielleicht nicht bereit sein, den notwendigen Einsatz an den Tag zu legen, um es zu erlangen. Die moderne Welt, die wirklich Dynamik benötigt, kann diese also prinzipiell durch Indra erhalten, vorausgesetzt, sie kennt dessen Fähigkeiten. Wenn jemand jedoch nicht weiß, wer Indra ist oder worin seine Aufgabe besteht, kann er versuchen, diese Kraft selbst herbeizurufen.

Wenn jemand hier im Westen ein klein wenig in Astrologie bewandert ist, kann er auch den Planeten Mars anrufen, der ebenfalls Dynamik verkörpert. Doch zwischen Indra und Mars besteht ein wesentlicher Unterschied, denn Indra ist Mars in Bezug auf ihre innere Höhe weit überlegen. Indra ist auf der mentalen Ebene erleuchtet, auch wenn er diese Erleuchtung nicht immer umsetzt oder umsetzen kann. Doch Mars besitzt nicht einmal alle Qualitäten der vitalen Ebene.

Sri Chinmoy, Die Seele und der Vorgang der Wiedergeburt, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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