Das vollkommene Buch

Es lebte einmal ein junger, herausragender spiritueller Meister, der nur vierzig Schüler hatte. Eines Nachts hatte der Meister einen Traum. In diesem Traum kam sein geliebter Supreme zu ihm und bat ihn, ein Buch über das spirituelle Leben zu schreiben, damit Sucher in der ganzen Welt die Möglichkeit hätten, sein unvergleichliches Licht und seine einzigartige Weisheit zu empfangen. Darüber hinaus sagte der Supreme dem Meister, dass dieses Buch auch die seelenvolle und hingebungsvolle Liebe seiner Schüler zum Supreme und ihren seelenvollen und hingebungsvollen Dienst am Supreme in ihrem Meister und am Supreme in der Menschheit verkörpern sollte. Es sollte das vollkommene Buch werden.

Am nächsten Morgen rief der junge Meister seine Schüler zusammen, um ihnen mitzuteilen, was nun zu geschehen hätte. „Dieses Buch wird den Supreme in mir und den Supreme in euch nur dann zufrieden stellen, wenn wir im richtigen Bewusstsein arbeiten, auf die eigene Weise des Supreme. Damit wir in der richtigen Weise dienen können, werde ich euch nun meine erhabenen Geheimnisse des selbstlosen Dienens anvertrauen. Diese Geheimnisse gelten selbstverständlich für alle Arten hinge­bungs­voller Arbeit. Meine Kinder, wenn es uns gelingt, sie hier anzuwenden, dann wird dieses Buch innerlich wie äußerlich vollkommen sein.“

Der Meister beauftragte verschiedene Schüler mit der Erledigung der Arbeiten, die zur Fertigstellung des Buches notwendig waren. Dann sagte er: „Das erste Geheimnis ist eure Liebe zu mir. Wenn ihr mich wirklich liebt, wenn euch wirklich etwas an mir liegt, dann werdet ihr meine Arbeit mit aufrichtiger Liebe und Hingabe verrichten.

Wie können Fehler unterlaufen, wenn Liebe da ist? Und selbst wenn jemand einen Fehler übersieht, wird eure Sorgfalt und eure Anteilnahme den Fehler finden und ihr werdet ihn berichtigen. Das Sprichwort: ‘Jedermanns Angelegenheit ist Niemandes Angelegenheit’ gilt hier nicht. Ihr alle werdet dieses Buch als euer ureigenes beanspruchen und danach streben, es mit allen euch zur Verfügung stehenden Mitteln zu einem vollkommenen Buch zu machen.“

Zuerst sprach der Meister zu den Schülern, die das, was er diktieren oder handschriftlich zu Papier bringen würde, abtippen sollten. „Wie von allen anderen Gruppen wünsche ich mir auch von dieser Gruppe seelenvolle und hingebungsvolle Arbeit. Ich möchte eine ernsthafte Bemühung und Hingabe in eurer Arbeit erkennen. Bleibt stets aufmerksam, ob ihr nun versucht, meine handschriftlichen Aufzeichnungen zu lesen oder ob ihr eure eigenen Notizen nochmals überprüft. Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, so scheut euch nicht, mich zu fragen. Stellt sicher, dass jedes Wort korrekt ist und achtet darauf, keine eigenen Ideen einzubringen.“

„Wir freuen uns sehr, dass du uns ausgewählt hast, Meister“, sagte eines der Mädchen aus der Gruppe. „Wir werden alles tun, um dich zufrieden zu stellen.“ Der Meister segnete die fünf Schüler. Dann wandte er sich den sieben Schülern zu, die seine Texte ordnen und zusammenstellen würden. „Dieses Buch wird vor allem mein Bewusstsein beinhalten. Ganz gleich, welche Zeile ich lesen werde, ich werde den Atem meines Bewusstseins einatmen können. Es könnte allerdings sein, dass ihr gelegentlich hier und da ein Wort oder einen Ausdruck korrigieren müsst, um den Fluss aufrecht zu erhalten.“

„Warum sollten wir etwas verändern wollen, Meister?“, fragte ein Mädchen. „Für uns ist alles, was du tust, vollkommen.“

Der Meister erklärte: „Wenn ich die Zeit hätte, alles selbst auszuarbeiten, dann wäre es nicht nötig, dass ihr bei den redaktionellen Arbeiten für die Veröffentlichung des Buches mitzuhelfen bräuchtet. Allenfalls würde von Zeit zu Zeit einmal ein Satzzeichen fehlen, oder ihr müsstet hier und da ein Wort einfügen. Aber etwas auszuarbeiten braucht Zeit und wenn ich alles selbst schreiben muss, kann ich wegen meines großes Arbeitspensums nicht viel erledigen. Notgedrungen werde ich also das meiste diktieren und euer hingebungsvoller Dienst ist erforderlich, um dies für die Veröffentlichung aufzubereiten.“

Der Meister lächelte. „Englisch ist nicht meine Muttersprache; ich habe meine eigene, indische Art, Dinge auszudrücken. Ihr könnt dies reizend finden oder linkisch, aber es ist meine ureigene Art, Dinge auszudrücken. Ich weiß, dass jede Seite dieses Buches dank eures hingebungsvollen Dienstes meinen eigenen Stil haben wird.“ Als Nächstes sprach der Meister zu den Mädchen, die das fertige Manuskript abtippen würden. „Ich sage stets, dass Schnelligkeit im spirituellen Leben von größter Wichtigkeit ist. Aber hier bedeutet Schnelligkeit nicht, etwas im Handumdrehen zu erledigen. Es bedeutet vielmehr, einer Sache die größtmögliche Bedeutung beizumessen, ihr in eurem Leben erste Priorität einzuräumen. Ihr müsst euch selbst gegenüber ehrlich sein, um herauszufinden, ob ihr einer bestimmten Aufgabe die ihr zustehende Wichtigkeit einräumt. Wenn ihr meiner Arbeit absolute Priorität einräumt, kommt die Schnelligkeit von alleine. Ich erwarte nicht, dass ihr einhundertzwanzig Wörter pro Minute tippt; ich erwarte von euch, dass ihr mit Hingabe tippt. Glaubt nicht, dass ich nur dann zufrieden bin, wenn ihr sehr schnell arbeitet. Nein! Ich bin zufrieden, wenn ihr sorgsam, mit Engagement und hingebungsvoll arbeitet. Tippt langsam, falls notwendig, um so wenige Fehler wie möglich zu machen. Natürlich sollt ihr nicht anfangen und dann stundenlang telefonieren oder alle fünf Minuten Besorgungen machen. Ihr werdet die Arbeit so schnell beenden, wie es euch möglich ist, ohne dabei zahllose Fehler zu machen.“

„Darf ich etwas sagen, Meister?“, fragte ein Junge. „Ich selbst bin eine absolute Niete, wenn es um das Maschinenschreiben geht, aber ich würde gerne anmerken, dass ich es sehr inspirierend und erfrischend finde, wenn ich an sauberen, sorgfältig getippten Textvorlagen arbeiten kann.“

„Das stimmt.“, sagte der Meister. „Ich sage immer, dass Sauberkeit und Ordnung, Liebe und Hingabe zusammengehören. Opfert Genauigkeit und ordentliches Aussehen nicht zugunsten der Schnelligkeit. Denkt daran, dass die Liebe und Hingabe einer Person auf die nächste übertragen werden kann. Bei der Herstellung dieses Buches werdet ihr auf Schritt und Tritt Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe finden.“

Der Meister wandte sich an die Schüler, die das Buch drucken würden. „Der Supreme hat uns mit einer sehr guten Maschine gesegnet, um den endgültigen Druck herzustellen. Wenn ihr den Raum betretet, in dem die Maschine steht, dann fühlt bitte, dass ihr euch etwas nähert, das sehr empfindlich ist und das ihr mit höchster Sorgfalt behandeln müsst. Wenn ihr die Maschine berührt, so fühlt, dass ihr mich berührt. Ihr wisst, wie hingebungsvoll und liebevoll ihr mich berühren würdet, wenn die Notwendigkeit dazu gegeben wäre und wie seelenvoll ihr meinen Segen empfangt. Schenkt deshalb auch dieser Maschine all eure Liebe und Hingabe.“ Ein Mädchen sagte: „Das wird sehr inspirierend sein, Meister. Ich werde fühlen, dass ich dich berühre und ich werde fühlen, wie du mich während der Arbeit segnest.“

„Ich bin sehr stolz auf deine Einstellung, meine Tochter. Wenn ihr alle den größtmöglichen Nutzen aus eurem hingebungsvollen Dienst ziehen wollt, dann konzentriert euch die ganze Zeit auf mich. Denkt nur an mich, während ihr mit der Maschine schreibt und konzentriert euch auf das, was ihr schreibt. Erlaubt eurem Verstand nicht, bis in alle Enden der Welt abzuschweifen, an diese oder jene Person zu denken oder zu überlegen, wer wohl das Korrekturlesen übernimmt oder die Berichtigungen macht. Und erlaubt es der Unsicherheit nicht, euch gefangen zu nehmen. Glaubt nicht, dass andere mir näher sind oder dass ihr anderen unterlegen seid. Nein, macht eure Aufgabe einfach gut. Konzentriert euren Verstand und euer Herz auf mich, auf mich allein. Seid so spirituell wie möglich während ihr arbeitet. Dann werde ich euren hingebungsvollen Dienst in der inneren Welt fühlen und entgegennehmen.“

„Meister“, sagte ein Mädchen aus dieser Gruppe, „das, was du uns hier aufträgst, ist echte Sadhana, echte Meditation. Um auf diese Weise zu arbeiten, bedarf es ganz bestimmt größtmöglicher Disziplin im Körper, im Verstand, im Herzen und in der Seele.“

„Diese Intensität, dieses zielgerichtete Arbeiten ist das, was der Supreme von uns allen will“, sagte der Meister. Indem er sich an diejenigen wandte, die das Korrekturlesen übernehmen sollten, sagte der Meister: „Es ist eure Aufgabe, euch immerfort in echter Konzentration und vollständiger Aufmerksamkeit zu üben. Das Buch wird von euch aus direkt in Druck gehen, also seid ihr für dessen äußere Vollkommenheit verantwortlich.“

Der Meister segnete jeden Schüler. „Das, was ich jeder Gruppe gesagt habe, stellt das Ideal dar. Wenn ihr an diesem Buch arbeitet, so strebt stets danach, innerlich und äußerlich vollkommen zu sein. Dann wird es uns zweifellos gelingen, dem Supreme das vollkommene Buch anzubieten.“

Sri Chinmoy, Ein Universum von Heiligen, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2005
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