Sarada Devi tröstet Swami Vivekananda

1898 war Swami Vivekananda mit einigen seiner Schüler, darunter Schwester Nivedita, in Kaschmir. Dort hatte er eine sehr ungewöhnliche und beunruhigende Erfahrung.

Ein Schüler eines muslimischen Fakirs pflegte zu Swami Vivekananda zu kommen und hörte ihm zu. Dieser Schüler fühlte sich sehr von Swami Vivekananda angezogen. Sein eigener Meister hatte ein wenig okkulte Macht, aber er war praktisch unbekannt, während Swami Vivekananda zu dieser Zeit ziemlich berühmt war. Eines Tages bat der Mann darum, Swami Vivekanandas Schüler zu werden, und Vivekananda nahm ihn an.

Als der Guru dieses Mannes, der Fakir, herausfand, was passiert war, wurde er richtig wütend. Er sagte zu seinem Schüler: „Vivekananda hat dich von mir weggenommen. Sag ihm, dass ich ihm zwei Wochen gebe. Wenn er dich länger als zwei Wochen als seinen Schüler behält, werde ich meine okkulte Kraft nutzen, und er wird Blut erbrechen. Du bist mein Schüler! Er hat kein Recht, dich als seinen Schüler anzunehmen.“

Als Swami Vivekananda diese kraftvolle Botschaft hörte, sagte er dem Suchenden: „Gut! Wenn du mein Schüler bleiben willst, werde ich dich definitiv behalten. Du kannst bei mir bleiben. Seine Drohung wird keine Auswirkungen auf mich haben.“

Der Schüler blieb. Doch nachdem zwei Wochen vergangen waren, wurde Swami Vivekananda schwer krank. Er begann, Blut zu erbrechen, und bekam schwere Magenprobleme. Sein Zustand war sehr ernst. Als dieser bestimmte Schüler sah, was geschehen war, eilte er zu seinem ursprünglichen Meister zurück.

Das Ganze stimmte Swami Vivekananda traurig und machte ihn deprimiert und wütend. Er reiste zurück nach Bengalen. Noch immer schmollte er und war wütend. Vor Sarada Devi stehend sagte er: „Thakur (Sri Ramakrishna) sagte immer, dass ich sein Liebster sei, sein Liebster! Wie kommt es dann, dass ich unter dieser Art von Demütigung leiden muss? Wie konnte er zulassen, dass so etwas geschieht? Was hat Thakur gemacht? Konnte er nicht sehen, wie sehr ich durch die Hände dieses Meisters und seines Schülers gelitten habe? Er hat mir überhaupt nicht geholfen. Was nützen mir all meine Erkenntnisse, wenn ich mich nicht vor den okkulten Kräften des Fakirs schützen konnte?“ Swami Vivekananda war extrem wütend auf Sri Ramakrishna und auf sich selbst.

Sarada Devi besaß solche Weisheit. Sie verkörperte vollkommen die Mutter des Mitgefühls. Sie sagte zu Swami Vivekananda: „Mein Sohn, dieser Schüler hatte einen spirituellen Vater. Wenn du einen Schüler hättest, der zu jemand anderem ginge, jemand, der bedeutender ist als du, wärst du darüber nicht traurig? Anders gesagt, wenn du zu anderen Meistern gehst und ihr Schüler werden willst, bricht es deinem spirituellen Vater das Herz. Sri Ramakrishna ist in der Seelenwelt, das ist wahr. Doch wenn jemand in dein Leben gekommen ist, um dein spiritueller Vater zu sein, solltest du ihm treu bleiben. Unabhängig von der Größe des anderen Meisters, brich nicht die Bindung, die Gott geschaffen hat. Gott schuf eine Person als Meister und eine als Schüler. Dieser Schüler gehört seinem ursprünglichen Meister. Ebenso sollen diejenigen, die deine Schüler sind, bei dir bleiben. Wenn sie zu einem anderen Meister gehen, wird es dich dann nicht traurig stimmen?”

Die spirituelle Mutter fuhr fort: „Wenn der Meister, der seine okkulte Kraft gebrauchte, eine höhere Weisheit gehabt hätte, wenn er Einssein mit dem Willen Gottes gehabt hätte, dann hätte er gesagt: ‚Wen kümmert es, wenn dieser Schüler von mir zu einem anderen Meister geht? Wenn er die Verwirklichung mit Hilfe eines anderen Meisters erhält, dann soll er gehen. Meine Bestreben liegt einzig darin, Menschen zu helfen, das Ziel zu erreichen.‘ Wenn dieser Meister eine höhere Weisheit gehabt hätte, hätte er keine okkulte Kraft benutzt, um dein Leben elend zu machen. Er hätte seinem Schüler erlaubt, bei dir zu bleiben. Er mag traurig gewesen sein, aber okkulte Macht zu nutzen, um einen anderen Meister zu bestrafen, ist sehr schmerzhaft und nicht richtig. Zum Abschluss, mein Sohn, möchte ich dich daran erinnern, dass Thakur an die Synthese aller Religionen geglaubt hat. Fühle dich daher nicht traurig, dass dieser Schüler zu seinem eigenen Meister zurückgekehrt ist.“

Sri Chinmoy, Die Kraft der Güte und andere Geschichten, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2020
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