Frage: Unsere Zeitschrift trägt den Namen HINDUISM TODAY, zu dem Sie ein so wunderbares Lied gemacht haben. Es gibt eine Frage, die wir jedem zu Beginn stellen: Sind Sie ein Hindu?

Sri Chinmoy: Wenn ich mit meinem Verstand antworte, werde ich sagen, dass ich ein Hindu bin. Doch das Wirkliche in mir ist meine Strebsamkeit, meine Liebe zur Wahrheit, meine Liebe zu Gott. Aus diesem Grunde bin ich weder ein Hindu noch ein Christ; ich gehöre keiner Religion an. Wenn ich von ganzem Herzen strebe, bin ich nicht ein Mitglied einer Religion; zu diesem Zeitpunkt bin ich ein Kosmopolit, ein Weltbürger. Ich bin ein Wahr­heits­sucher und ein Gottliebender, und ich betrachte alle Religionen als meine eigene.

Jede Religion ist wie eine Heimat. Sie leben in Hawaii, jemand anders lebt in Kalifornien, und ich lebe in New York. Ihr Heim ist für Sie vollkommen passend, und mein Heim ist passend für mich. Doch sobald wir beten und meditieren, verlassen wir unser jeweiliges Zuhause und beginnen in derselben inneren Schule zu lernen. In den frühen Morgenstunden treffen wir uns in dieser inneren Schule, um zu beten. Wir erheben unsere Strebsamkeit und sehen den inneren Schrei unseres Herzens hoch, höher, am höchsten aufsteigen. Unser Lehrer ist kein Geringerer als der Absolute Höchste Herr, der Absolute Supreme.

Ich wurde in die Familie Ghose hineingeboren. Insofern bin ich ein Hindu. Doch wenn es sich um die Welt der Strebsamkeit handelt, benötige ich meinen Familiennamen nicht; ich bin einfach Chin­moy. Und genauso benötigen wir, wenn wir einmal das eigentliche spirituelle Leben betreten haben, weder Hinduismus noch Christentum, noch eine andere Religion. Wir dehnen einfach unser Einssein ständig aus. Durch den Schrei unseres Herzens und durch das Lächeln unserer Seele versuchen wir jeden Tag, Gott dem Schöpfer und Gott der Schöpfung zu dienen.

Andererseits müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass der Hinduismus keine von Menschen erschaffene Religion ist, die uns bindet und uns blind macht, und die ihre Überlegenheit und Alleinherrschaft verkündet; der Hinduismus ist der Kodex des Lebens. Für mich bedeutet der Hinduismus die Einsseins-Herzens-Heimat der Göttlichkeit. In dieser Heimat erblüht in jedem Augenblick die Schönheit der Unendlichkeit, und der Duft der Unsterblichkeit segnet uns auf machtvolle und bedeutende Weise. Für mich ist jener ein wahrer Hindu, der andachtsvoll sagen kann, dass er kam, lebte, liebte und wurde. Er kam in die Welt, um die Absolute Wahrheit des Absoluten Höchsten Herrn auf Dessen eigene Weise zu verwirklichen. Er lebte nur, um Gott auf Gottes eigene Weise zu erfüllen. Er liebte Gott den Schöpfer und diente Gott der Schöpfung auf Gottes eigene Weise. Und er wurde zu einem vollkommen hingegebenen Instrument unseres Geliebten Höchsten Herrn. Um Gott auf Seine eigene Weise in jedem Augenblick zufrieden zu stellen, wird ein Hinduleben geboren.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 2, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2004
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