Frage: Es würde uns interessieren, etwas mehr darüber zu erfahren, warum Sie in den Westen gekommen sind?

Sri Chinmoy: Für mich gibt es kein Indien, kein Amerika, kein Europa; für mich gibt es nur das Haus Gottes, Gottes Heimstätte, den Palast Gottes. Einmal bittet mich Gott in dem Raum Seines Hauses zu verweilen und zu arbeiten, der Amerika genannt wird. Im nächsten Augenblick kann Gott mir ohne weiteres auftragen, in einen anderen Raum zu gehen, der Indien genannt wird, um dort zu arbeiten. Und einen Augenblick später kann Er mich nach England, nach Deutschland oder in ein anderes Land schicken. Meine Aufgabe ist es, jederzeit Seinen Befehl fröhlich, freiwillig und bereitwillig anzunehmen. Meine Aufgabe besteht einzig darin, mich Ihm zu Füßen zu setzen und Ihm meine gesamte Existenz bedingungslos hinzugeben.

Ich gehorche Gott nicht, weil ich Seine Bestrafung fürchte. Nein, ich befolge Gottes Befehle, weil ich Ihn liebe. Seine Liebe zieht mich an wie ein Magnet. Wenn Gott mich bittet, irgendwo für Ihn zu arbeiten, werde ich aus Liebe dorthin gehen. Für mich ist Gott Gott, weil Er die All-Liebe ist, nicht weil Er die All-Macht ist. Gottes Macht-Aspekt verzaubert mich nicht. Was kann denn mächtiger sein als die Liebe selbst? Für die Menschen ist immer die Macht von großer Bedeutung. Doch sobald wir das spirituelle Leben annehmen, entdecken wir, dass wir nur die Macht der Liebe brauchen.

So gibt es für mich weder ein Indien noch ein Amerika. Für mich gibt es nur eines: den Befehl Gottes. Wenn ich bete und meditiere, empfange ich Seinen Befehl oder Seine Botschaft in der Tiefe meines Herzens. Dann versuche ich, glücklich, fröhlich, bereitwillig und – das Wich­tig­­­­ste – bedingungslos meinem Höchsten Herrn zu Diensten zu sein. Nur wenn wir Gott bedingungslos dienen, können wir wirkliche Erfüllung erfahren. Ganz gleich, was wir besitzen, ganz gleich, was wir werden, ganz gleich, was wir sind, wir können niemals Erfüllung finden, solange wir nicht fähig sind, Gott bedingungslos zu lieben und zu dienen.

Auf der physischen Ebene leben Sie hier in Hawaii, doch Gott bittet Sie, von hier aus der ganzen Welt zu dienen. In meinem Fall ist es ähnlich. Genauso bin ich, physisch gesehen, in New York zuhause, doch in spiritueller Hinsicht bin ich dank meiner Strebsamkeit nicht auf New York beschränkt. Meine Strebsamkeit trägt mich überall hin. Wenn wir in der Welt der Strebsamkeit leben, sind wir überall. Doch wenn wir in der Welt der Begierde leben, sind wir nirgendwo, denn das Begehren begrenzt uns ständig und schränkt uns ein.

Als ich geboren wurde, waren mein Vater und meine Mutter meine ganze Welt. Als ich dann ein wenig älter wurde, war unser kleines Dorf meine ganze Welt. Dann wurden meine Stadt, meine Provinz und mein Land zu meiner ganzen Welt. Jedes Mal, wenn ich ein Stückchen mehr erwachte oder mich ein Stück weiter entwickelte, dehnte sich mein Bewusstsein aus. Wenn Sie mich nun fragen: „Wo leben Sie?“ wird das Menschliche in mir antworten: „Ich lebe in New York.“ Doch das Göttliche in mir wird antworten: „Nein, ich lebe im Herzen der strebenden Menschheit. Meine wirkliche Heimat ist im Herzen meiner spirituellen Brüder und Schwestern, genauso wie auch sie in meinem Herzen leben.“

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 2, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2004
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