Frage: Als Hindu glaube ich an die Gottverwirklichung als die höchste Wahrheit. Wie erreichen wir unser Ziel?

Sri Chinmoy: Gottverwirklichung ist ein äußerst schwieriges Fach. Man kann es mit der Besteigung des Himalayas vergleichen, allerdings keine einmalige Besteigung, sondern unzählige Besteigungen des Himalayas. Auf diesem Planeten leben Millionen von Menschen, doch wie viele davon wagten eine Besteigung des Himalayas? Die meisten von uns wagten nicht einmal einen Versuch; wir empfinden es als ein Ding der Unmöglichkeit. Glücklicher­weise müssen wir unsere Existenz hier auf Erden nicht durch eine Besteigung des Himalayas rechtfertigen, doch die inneren Berge müssen wir alle erklimmen. Gott wird keinem Menschen erlauben, unver­wirklicht zu bleiben.

Im äußeren Leben gibt es viele Hindernisse, die zu überwinden sind. Jeder Tag stellt in seinem hektischen Ablauf unzählige Anforderungen an uns. Wenn wir nicht allen Anforderungen nachkommen, so macht das nichts. Wenn wir zum Beispiel mit Leichtathletik nichts anzufangen wissen, ist es für uns nicht notwendig, Fußball zu spielen oder zu versuchen, der beste Läufer der Welt zu werden. Für unsere Entwicklung oder unser individuelles Wachstum brauchen wir nicht an einem äußeren Wettkampf teilnehmen. Doch selbst wenn wir nicht bewusst an einem äußeren Wettkampf teilnehmen, müssen wir wissen, dass unser Verstand immer läuft und immer in Bewegung ist, völlig ziellos, wie ein wildgewordener Elefant. Unser Verstand läuft diesen Weg, dann jenen Weg, und baut gleichzeitig feste Mauern, die uns von den anderen trennen.

Es gibt auch einen inneren Wettlauf – den zu unserem inneren Ziel. Die Christen nennen dieses Ziel Erlösung. Die Buddhisten nennen es Erleuchtung. Hinduisten gaben ihm den Namen Gottverwirklichung. Wir glauben, dass jeder Einzelne Gott zu seiner ihm vorbestimmten Zeit verwirklichen wird. Wenn für mich die Zeit reif ist, wird mich Gott definitiv mit der Gottverwirklichung segnen; wenn deine Zeit gekommen ist, wird Gott dich mit der Gottverwirklichung segnen.

Wenn unser Ziel Gottverwirklichung heißt, ist es unsere Aufgabe, dem regelmäßigen Gebet und der regelmäßigen Meditation höchste Priorität einzuräumen. Wir müssen aber auch wissen, wofür wir beten. Beten wir um Geld, für ein Haus, ein zweites Haus, ein drittes Haus? Wenn wir schon ein Auto besitzen, beten wir für ein zweites und drittes?

Wenn wir zu Gott beten, dass Er uns mit mehr materiellen Besitztümern segnen möge, befinden wir uns noch immer im Leben der Begierde, und die Gottverwirklichung liegt in weiter Ferne.
Es gibt einen anderen Weg, den wir das Leben der Strebsamkeit nennen. Im Strebsamkeitsleben beten wir zu Gott, uns nur jene Dinge zu geben, die wir wirklich benötigen; nicht jene Dinge, die wir haben wollen. Das höchste Gebet im Strebsamkeitsleben lautet: „Gott, Du weißt was ich brauche. Wenn es Deinem Willen entspricht, mir jene Dinge zu geben, die ich wirklich brauche, dann segne mich damit zu der von Dir festgelegten Stunde. Wenn Du mir nichts geben willst, so ist das ebenso alleine Deine Entscheidung. Ich will nur Dich auf Deine eigene Art und Weise zufrieden stellen.“

Wenn wir uns in einem Leben der Strebsamkeit befinden, beten wir zu Gott um die Fähigkeit, Ihn auf Seine Art und Weise zufrieden stellen zu können. Wenn wir das tun, haben wir den richtigen Weg eingeschlagen. Gottverwirklichung stellt sich zum richtigen Zeitpunkt ein, vorausgesetzt, wir gehen auch den richtigen Weg. Wenn wir also beten und meditieren, um Gott auf Gottes Art und Weise zufrieden zu stellen, wird die Gottverwirklichung definitiv zu uns kommen.

Sri Chinmoy, Sri Chinmoy antwortet, Teil 10, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2007
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