Interviewer: Wenn Sie zeichnen, haben Sie in Ihren Gedanken eine bestimmte Vorstellung eines Vogels?

Sri Chinmoy: Nein, ich habe überhaupt keine Gedanken. Ich versuche, meinen Verstand so leer, frei und ruhig wie nur möglich zu machen. Der äußere Verstand ist wie die Oberfläche des Meeres. An der Oberfläche des Meeres gibt es die Wellen und die Brandung; alles ist unruhig. Doch wenn wir in die Tiefe tauchen, ist dasselbe Meer friedlich, ruhig und still. Und dort finden wir auch die Quelle der Kreativität.

Wenn ich zeichne, benutze ich nicht meinen Verstand, denn der Prozess des Denkens bindet uns. Wenn ich den Verstand benutze, begrenze und beschränke ich mein Schaffen. Sobald wir an etwas denken, binden wir uns selbst. Der Verstand bindet uns vor allem deshalb, weil er die Kunst der Selbsthingabe, die gleichbedeutend mit Ausdehnung ist, bis jetzt noch nicht erlernt hat. Das innere Herz, das strebende Herz kennt die Kunst der Selbsthingabe. Sobald wir in das Herz eines Menschen eintreten, und selbst wenn es ein sogenannter Feind ist, werden wir unmittelbar fühlen, dass auch er versucht, ein besserer Mensch zu werden. Aber, o Gott, wenn wir in den Verstand eines Menschen eintreten, erkennen wir, dass er versucht, uns zu zerstören. Selbst wenn wir in unseren eigenen Verstand eintreten, erkennen wir, dass auch wir dieselben zerstörerischen Gedanken hegen. Das ist der Grund, warum die Menschen ständig streiten. Ich will über Sie bestimmen; Sie wollen über mich bestimmen. Wenn wir in unserem Verstand leben, wollen wir nur unsere Überlegenheit ausspielen. Doch wenn wir uns in unserem Herzen befinden, lieben wir einander; und dann tritt die Frage der Überlegenheit gar nicht erst auf. Indem wir stets versuchen, in unserem Herzen zu verweilen und unser gegenseitiges Einssein zu fühlen, können wir unsere Probleme lösen.

Diese Vögel repräsentieren das Einssein der Herzen. Sie repräsentieren die Einheit in der Vielfalt. Jeder Vogel ist anders, doch wenn man sie betrachtet, empfindet man eine Einheit. Ein Baum trägt unzählige Blätter und Blüten, doch sie alle sind ein Teil desselben Einsseins-Baumes. Hier sind siebzigtausend Vögel, doch sobald wir an das Vogel-Bewusstsein denken, werden sie zu einem Vogel. Das Vogel-Bewusstsein repräsentiert das Bewusst­sein der inneren Freiheit unserer Seele.

Interviewer: Werden Sie fortfahren und noch mehr Vögel zeichnen?

Sri Chinmoy: Ja, ich habe jeden Tag weiterge­zeich­net. Bis heute habe ich sechsundsiebzigtausend Vögel gezeichnet. Es ist mein Wunsch, am 19. November in Ottawa einhunderttausend Vögel auszustellen. Vor etwa neunzehn Jahren trat ich in die Welt der Kunst ein. Damals befand ich mich in einem Hotelzimmer in Ottawa, und dort fertigte ich meine erste Zeichnung im Westen an. Meine kanadischen Schüler feiern jedes Jahr den Jahrestag meiner ersten Zeichnung. Es war eine Rose. Unser Plan ist nun, diesen November eine große Galerie zu bekommen, die Raum für einhunderttausend Vogelzeichnungen bietet. Ich hoffe, dass ich die Zeichnungen bis Ende Oktober fertigstellen kann.

Interviewer: Werden Sie auch Ihre Acryl-Gemälde ausstellen?

Sri Chinmoy: Es werden nur einige ausgewählte Acryl-Gemälde zu sehen sein.

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