Teil VI — Weitere Fragen und Antworten

Teil VI — Weitere Fragen und Antworten[fn:: TDS 50-52. Die folgenden Fragen wurden am 30. Januar

Frage: Wie können wir fühlen, dass die innere Welt wirklicher ist als die äußere Welt?

Sri Chinmoy: Der Körper, unser äußerer Mantel ist die äußere Welt, und innerhalb dieses Körpers ist die innere Welt. Was besitzen wir innerhalb des Körpers? Das Herz. Innerhalb des Herzens ist die Seele und innerhalb der Seele ist Gott. Es stimmt, Gott ist überall. Aber innerhalb der Seele ist die Wirklichkeit Gottes unendlich mehr manifestiert, sichtbarer und greifbarer. Derjenige, der diese Seelenwirklichkeit bewusst, dauerhaft und bedingungslos verkörpert, enthüllt und manifestiert Gott zweifellos mehr als irgend jemand anders.

Als Menschen schenken wir unserem Herzen besondere Aufmerksamkeit. Wir sind uns bewusst, dass wir hinter den Vorhang der Ewigkeit treten müssen, wenn das Herz versagt. Auch wenn jemand nicht nach Gott strebt, nicht betet und meditiert, sobald seinem Herzen etwas zustößt, wird er sich elend fühlen, denn das Herz steht ihm näher als alles andere. Jemand mag ein ausgesprochener Verstandesmensch sein, doch sobald er aus dem Herzen spricht, fühlt er, dass seine Wirklichkeit im Herzen bedeutender ist als seine Wirklichkeit in irgendwelchen anderen Ebenen. Die Wirk­­­­lichkeit des Herzens ist sehr viel wichtiger als die Wirklichkeit des Verstandes, die Wirklichkeit des Vitalen oder die Wirklichkeit des Physischen.

Alles, was für uns wirklicher ist, ist wichtiger und sinnvoller für uns. Weiterhin ist alles, was für uns wichtiger ist, wirklicher für uns. Gott ist am wichtigsten, weil Er am wirklichsten ist. Er ist die einzige wahre Wirklichkeit in Seinem gesamten Universum. Gott ist uns am wirklichsten und gleichzeitig ist Gott für uns am wichtigsten.

Wenn wir etwas für wichtig halten, dann wird dies für uns automatisch Wirklichkeit. In dem Augenblick, wo wir es seiner Bedeutung berauben, hat es keinen Wert mehr für uns. Wenn wir das innere Leben wirklich schätzen, dann muss das innere Leben Wirklichkeit werden.

Wenn wir nicht beten und meditieren, sehen wir nur die physische Welt um uns herum. Wir denken, dass dies absolute Wirklichkeit darstellt. Wenn wir aber beten und meditieren, sehen und fühlen wir, dass es noch eine andere Welt gibt, und dass diese physische Welt nur ein Ausdruck jener Welt ist. Wir müssen aber auch erkennen, dass wir selbst der Schöpfer dieser anderen Welt sind, so wie wir der Schöpfer dieser physischen Welt sind. Die physische Welt ist wie ein Haus, das wir mit unseren Händen, mit unseren äußeren Fähigkeiten erbauen. Entsprechend erschaffen wir die innere Welt mit unserer Willenskraft – nicht bloß mit der Gedankenkraft, sondern mit der Willenskraft. Wenn wir in der inneren Welt mit unserer Willenskraft etwas erschaffen und das, was wir erschaffen, rein, göttlich und unsterblich ist, dann fühlen wir, dass wir sicher sind.

Wie können wir fühlen, dass die innere Welt wirklicher ist? Wie ich schon sagte, hängt die Wirklichkeit davon ab, wie wichtig wir etwas finden beziehungsweise welchen Wert wir ihm geben. Die Wirklichkeit hängt von der Notwendigkeit ab. Wenn wir hungrig sind, wird sofort vor uns, um uns herum, innerlich, äußerlich, Essen zu unserer einzigen Wirklichkeit. Alles, was unsere Aufmerksamkeit oder Konzentration fordert, muss real sein, gleichgültig ob es materielles Essen ist oder innerer Frieden, Licht und Seligkeit. Die Wirklichkeit von einer Sache hängt ganz davon ab, wie notwendig es für uns ist. Wenn wir etwas brauchen, dann muss dieses bestimmte Etwas Wirklichkeit werden.

Andererseits, wenn dieses Etwas, das wir brauchen, keine innere Wirklichkeit hat, wird es auch kein inneres seelenvolles Streben von unserer Seite her geben. Wenn Gott nicht real wäre, dann würden wir auch nicht nach Gott rufen. Die Wirklichkeit selbst besitzt reichlich Kraft, um Hunger in anderen hervor zu rufen.

Es verhält sich wie mit einem Profi-Läufer, der Anfänger unterrichtet, wie man dem Ziel entgegenläuft. In diesem Augenblick ist er am Ziel und winkt ihnen zu, im nächsten Moment ist er am Start oder in der Mitte der Strecke direkt neben ihnen. Genauso ist Gott, die Wirklichkeit, der Startpunkt und ist Gott, die Wirklichkeit, das Ziel. Wir nennen es aber nicht „das Ziel“, da der Supreme ständig Fortschritt macht; Er ist das sich ständig transzendierende Jenseits. So ist heute Gott, der Startpunkt, unsere höchste Notwendigkeit. Deshalb ist der Startpunkt vollkommen real für uns. Morgen werden wir nach Gott, dem Ziel, streben, und dann wird das Ziel für uns Wirklichkeit sein.

Die innere Welt ist Wirklichkeit, weil wir wissen, dass alles, was innen ist, eines Tages zum Vorschein kommt und erblühen wird. Der Samen ist unter dem Boden, in Mutter Erde. Aber eines Tages keimt er, wächst zu einer Pflanze und wächst letztendlich zu einem riesigen Banyan-Baum heran. Am Anfang ist alles im Inneren. Von innen kommen wir nach außen.

Die Seele ist im Herzen, und das Herz ist im Körper. Je tiefer wir gehen, desto schneller bemerken wir, dass die wirkliche Wirklichkeit in uns liegt und nicht außerhalb von uns. Aber wir können nur dann das Spiel zu Ende bringen, wenn wir nicht nur innerhalb der inneren Wirklichkeit verweilen. Wir müssen heraus kommen, zur äußeren Wirklichkeit. Sonst wird es nur einen Mieter geben, aber kein Haus, in dem er leben kann. Der Mieter und das Haus, beide Parteien sind gleich wichtig. Nur wenn es einen Mieter gibt, werden wir das Gefühl haben, dass auch eine Notwendigkeit für ein Haus besteht. Wenn es ein Haus gibt, dann werden wir mit Sicherheit auch einen Mieter brauchen. Die Seele ist der Mieter, und der Körper ist das Haus.

Wie sollen wir dem innere Leben Achtsamkeit schenken? Wir sollten das innere Leben langsam, beständig, aufrichtig und hingebungsvoll achten. Wenn wir es auf diese Weise achten, dann wird uns das innere Leben zwangsläufig unendlichen Frieden, unendliches Licht und unendliche Glückseligkeit gewähren. Das innere Leben ist das normale Leben. Gott ist immer normal. Okkulte Kraft, spirituelle Kraft und all die anderen Kräfte sind normale Kräfte. Sie sind nicht unnormal. Wir haben unnatürliche Kräfte entwickelt, indem wir uns mit Unwissenheit und Falschheit abgegeben haben. Nur wenn wir unser göttliches Geburtsrecht nicht anerkennen, handeln wir wie unnormale Menschen. Das äußere Leben ist unglücklicherweise unnormal geworden, weil wir immer gleich das sofortige Ergebnis vom äußeren Leben als solches haben wollen oder zumindest versuchen, es zu bekommen. Wir wollen nicht tief nach innen tauchen; wir sind immer mit einem Tropfen zufrieden, und nicht mit dem Ozean. Wenn wir aber das Normale in uns schätzen, wenn wir wieder normal werden wollen, dann schenken wir dem inneren Leben ganz automatisch unsere Achtsamkeit.

Sri Chinmoy, Zehn göttliche Geheimnisse, The Golden Shore Verlagsges.mbH, Nürnberg, 2018
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